Mörgeli als Nörgeli

Man schenkt sich gegenseitig nur wenig. Wenn die «Weltwoche» ein Ja ausstösst, dann antworten die Mainstream-Medien mit einem Nein.

Das sind die pavlovschen Reflexe in einer Medienlandschaft, die immer mehr zum Austausch binärer Meinungen und Positionen verkommt. Ja oder nein, gut oder böse, richtig oder falsch, dafür oder dagegen.

Zwischentöne, Nachdenklichkeit, oder gar die Grösse, einfach zu sagen: Ich weiss es nicht? Ausgeschlossen, keine Weichheiten. Immer unangenehmer wird auch die zunehmende Unfähigkeit zur Selbstreflexion. 78 Tagi-Frauen verlangen einen anständigeren und respektvolleren Umgang mit ihnen?

Das hindert eine Mitunterzeichnerin doch nicht daran, ohne jeden Anstand oder Respekt eine Frau in die Pfanne zu hauen. Und keinen stört’s. Natürlich ist das Phänomen auch bei der WeWo ab und an vorhanden: kein Vorwand zu klein, Besserwisser zu sein.

Mörgeli neigt zum Überbeissen

Wir nehmen dafür absichtlich einen eher kleinen Vorfall, der aber symptomatisch ist. Seit Christoph Mörgeli weder im Nationalrat sitzt, noch ein Uni-Institut leitet, betätigt er sich als Journalist in der WeWo. Durchaus als begabter Polemiker, einer der wenigen aus dieser Ecke. Aber, das dürfte ihm auch den Sitz im Nationalrat gekostet haben, manchmal hat er so etwas wie einen verbalen Überbiss. Er legt noch einen drauf.

Und verscherzt sich damit mehr Sympathiepunkte, als er dazugewinnt. Oder aber, er nimmt sich einen Anlass vor, an dem er das Kunststück vorführen will, eine Mücke zum Elefanten aufzublasen. Solche Experimente bekommen normalerweise weder der Mücke noch dem Aufbläser.

Als Morgenüberraschung für Freund und Feind servierte Mörgeli am Montagmorgen die Frage: «Der vierfache Mörder Günther Tschanun war SP-Mitglied. Was, wenn er zufälligerweise bei der SVP mitgemacht hätte?»

So viele Fragen, so wenig Antworten

Fragen darf man stellen, selbstverständlich. Intelligente, hypothetische, rhetorische oder bescheuerte. Was, wenn Jesus eine Frau gewesen wäre? Was, wenn Columbus bei seiner Überfahrt abgesoffen wäre? Was, wenn Donald Trump der demokratischen Partei angehören würde? Was, wenn Christoph Blocher überzeugter Anhänger der Klimajugend wäre?

Das Prinzip dürfte klar sein. Kehren wir kurz zur Mücke zurück. In der umfangreichen, gut recherchierten und einfühlsam aufbereiteten Geschichte, wie es wohl zu dem bis heute noch nachwirkenden Amoklauf von Günther Tschanun kam, was während seines Gefängnisaufenthaltes mit ihm geschah, und wie und wo er schliesslich seine letzten Lebensjahre verbrachte, breitet Michèle Binswanger eine Fülle neuer Informationen aus. Sie schafft es auch, im Gegensatz zu minder begabten Journalistinnen ihres Hauses, Parteinahme oder fehlende Distanz zu vermeiden, ohne damit auf Empathie zu verzichten.

In dieser Fülle hat Adlerauge Mörgeli einen nebensächlichen Hinweis entdeckt, zitieren wir ihn mit seinem Entdeckerstolz: «Der aus Österreich stammende Architekt wohnte zuvor in Rüfenacht im Kanton Bern, «wo er sich auch in der SP engagierte.»» Nun könnte der vorschnell urteilende Leser meinen, dass das eine Einleitung zum Österreicher-Bashing oder zu den unseligen Auswirkungen von Einwanderung wäre.

Das ist nicht von der Hand zu weisen, aber nein. Das «Engagement in der SP» ist Mörgelis Mücke in der Suppe. Die fischt er heraus und schliesst eine Luftpumpe an. Mit einigen energischen Stössen bläht er sie auf. Es sei zwar «unbekannt», ob Tschanun sein Parteibüchlein bei der Anstellung in Zürich genützt habe. Das ist natürlich blöd, aber: «Zumindest in seiner österreichischen Heimat war solche «Parteibüchlwirtschaft» gang und gäbe.»

Die bürgerliche Regierung könnte einen SP-Genossen bevorzugen?

Das mag ja sein, aber dem damals bürgerlich dominierten Zürcher Stadtrat zu unterstellen, er betreibe nicht nur Anstellung nach Parteibüchlein, sondern bevorzuge einen Genossen, das ist schon kühn. Nun zieht Mörgeli sozusagen den Hebel der Pumpe wieder zurück; man könne natürlich der SP keinen Vorwurf machen, wenn ein Parteimitglied «austickt – selbst wenn das Ergebnis in einem Mehrfachmord besteht».

Das scheint grosszügig von Mörgeli zu sein, ist aber natürlich nur die Einleitung zu seinem letzten Luftstoss. Die «was wäre wenn»-Frage. «Die Frage stellen heisst, sie beantworten» weiss Mörgeli.

Welche Frage? Nun, da könnte der Leser problemlos selber draufkommen. Ob Tschanun wegen der linken Kuschelpolitik gegenüber Straftätern nach 14 Jahren wieder freikam? Guter Versuch, aber viel zu weit weg. Natürlich, Mörgelis Frage lautet: Wenn ein SVP-Chefbeamter dieses Blutbad angerichtet hätte, wäre dann «seine Parteimitgliedschaft medial auch so nobel verschwiegen worden?»

Im Gegensatz zu Mörgeli können wir diese Frage nicht beantworten. Denn es gab kein vergleichbares Blutbad eines SVP-Parteimitglieds.

Bum, Mücke geplatzt.

Noch schlimmer: selbst eine solche Untat, in der Gegenwart von einem SVP-Parteigänger verübt, würde die Frage nicht beantworten, ob das damals eine andere Rolle gespielt hätte.

Aus der Medizinhistorie: keine Mücke auf der Lippe.

Und um noch die Reste der Mücke wegzuräumen: Könnte Mörgeli vielleicht ein einziges Beispiel anführen, sagen wir so zwischen 1971, der Gründung der SVP, und 1986, wo bei einem Verbrechen die Parteimitgliedschaft nicht «nobel verschwiegen» wurde, sondern der Verbrecher als SVP-Mensch an den Pranger gestellt wurde?

U.A.w.g., wie man da sagt. Herr Mörgeli, so als Historiker, sollte doch kein Problem sein. Wir offerieren Ihnen Platz für eine unzensierte Replik. Aber bitte mit Faktencheck.

9 KOMMENTARE
  1. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    Ohne den Originalartikel gelesen zu haben: Die Parallele zum von der Mücke zum Elefanten aufgeblasenen Anlass kann ich hier nicht nachvollziehen.

    Mir schleierhaft, warum man den Punkt von Mörgeli bagatellisiert. Denn wäre der Täter tatsächlich Mitglied der SVP gewesen, der «Tages-Anzeiger» würde, jubiläumsgleich, alle zehn Jahre den Fall wiederkäuen, pseudomässig «neue Erkenntnisse» aufführen, oder «Gedenken an die Opfer» heucheln. Dabei ginge es jeweils nur um den einen zentralen Punkt: Der Mörder war in der SVP! Grossartig, wie man dies in Kommentaren breitwalzen könnte. Dann noch all die Einschätzungen von Psychologen, Experten für Gewaltprävention, Politologen…

    Ach, und jammerschade, war der Täter ein Zugewanderter, und kein Schweizer.

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    • Marcella Kunz
      Marcella Kunz says:

      Hinzu kommt, dass Mörgeli auf einen reichen Erfahrungsschatz in Sachen TA-Fertigmacher-Journaille (und im Kielwasser praktisch sämtliche übrigen Medien) zurückgreifen kann. Sein Rauswurf – rein politisch motiviert. Der TA als Spiessgeselle der SP-RR Reginenäppli, die damit ihrer Partei ein Abschiedsgeschenk bereitete.

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  2. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Mein Gefühl meldet eine nicht zu leugnende unregelmässige, aber kaum zufällige Neigung zum Überbiss auch im verbalen Wirken des René Zeyer. Beispielsweise in diesem Beitrag.
    Ist da einfach mal wieder «der Mörgeli» an der Reihe, sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit?

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  3. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    1971 Gründung der SVP???
    Die SVP hat sich aus der vormaligen BGB erfolgreich in die SVP transformiert.
    Was die FDP vormals besetzte das findet sich innzwischen zu grossen Teilen in der SVP.
    Die SPS segelt immer noch haarscharf an der Grenze zum jämmerlich gescheiterten
    Realsozialismus‚ Stramm und verbissen auf ldeologiekurs.
    Die FDP hat ihre breit aufgestellte DNA das umfassend Liberal-Humanistische Weltbild
    längst verraten und verloren. Das Liberale Weltbild stand vormals AUCH für die Freiheit
    und die Selbstbestimmung der Natonen und Völker und nicht für Imperien und Weltstaat!
    FDP was da noch zählt ist das Bankkonto, beim ganzen Rest marschiert man
    mit dem |nternationalistischen, Linksblock weil es dem Bankkonto dient!!!

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  4. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Mein grosses Kompliment. Die Bildillustration oben, ringt mir ein andauerndes Schmunzeln ab. Die jeweiligen Verkleidungen des «schwarzen Blockes» sind einfaltslos dagegen……….

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Wollte soeben den Bastelbogen des Sechseläuten Bööggs zusammensetzen, der heute im Tagesanzeiger auf Seite 18 ist. Gab diesen Unsinn aber schnell auf.

      Fände allerdings das ulkige Kultbild oben viel spannender für einen Bastelbogen. Falls ich mich richtig erinnere, macht jetzt der TA jedes Jahr dieselben Bööggen-Bögen als Zweitverwertung, Drittverwertung etc. Wird uns nun der Tagesanzeiger, wie einst das «Meyer’s Modeblatt», mit regelmässigen Schnittmustern auf kreativem Trab halten?

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  5. Beth Sager
    Beth Sager says:

    Der «verbale Überbiss». Merken wir uns diese wunderbare Umschreibung. Kann auch anderswo angewendet werden und nicht bloss beim Christoph Mörgeli.

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