Blumer-Tamedia-Skandal: Heuchelei und Verlogenheit

Entgegen allen wohlfeilen «eisernen Regeln», vielen Buchstaben über die Definition von Qualitätsjournalismus: dieser Fall belegt das Gegenteil.

Versetzen Sie sich einmal in die Haut der Mutter in diesem Fall. Zwar schon vorgewarnt durch ihren Ex-Mann, muss sie einen Artikel lesen, in dem steht, dass sie bösartig und manipulativ die gemeinsamen Kinder gegen ihren Vater aufgehetzt habe.

Dabei habe sie so ziemlich alle Tricks und Kniffe angewandt; sogar einmal bei einem Besuch der Kinder beim Vater diese aus seiner Wohnung gelockt und zu sich nach Hause gefahren. Dort habe sie den Kindern dann eingeschärft, es so darzustellen, als ob sie selber geflüchtet wären und mit dem ÖV zur Mutter zurückgekehrt*.

Und warum das? Aus Rache, aus Bösartigkeit, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf die Kinder.

Nicht nur die Betroffene liest das

Können Sie sich das vorstellen? Na, mit ein bisschen Mühe sollte das doch gehen. Dann stellen Sie sich noch das vor: Die Print-Leserschaft (nicht die Auflage) nur schon der drei bedeutendsten Tamedia-Titel («Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung» und «Basler Zeitung») beträgt insgesamt 770’000. Dazu kommen noch 4,09 Millionen Unique Users pro Monat im Internet.

Ein Artikel als Marterpfahl für eine Mutter, als Schande für Tamedia.

Während Sie diese vernichtende Kritik an Ihnen als Mensch, als Mutter, als Ehepartnerin lesen, wissen Sie, dass das über eine Million Schweizer in diesem Augenblick auch tun. Ihr Name ist zwar verändert, aber ihr Ex-Ehemann hat bereits dafür gesorgt, dass in Ihrem nächsten Umfeld in einer Kleinstadt bereits überall bekannt wird, um wen es sich handelt.

Was sollen Menschen über Sie denken, die Sie nicht kennen? Die den groben Fehler machen, diesem Verleumdungsartikel, gespickt mit falschen Tatsachenbehauptungen und schlichten Lügen, zu glauben? Schwarz auf weiss, eine ganze Seite, Redaktorin vom «Tages-Anzeiger», das muss doch alles seine Richtigkeit haben.

Das ist mittelalterlich. Modern geht’s auf Papier*.

Hat es nicht, hat es überhaupt nicht. Aber das wissen zurzeit nur Sie und Ihr näheres Umfeld. Schon im weiteren Bekanntenkreis stellen Sie fest, dass es bei einigen eine gewisse Zurückhaltung gibt, die vorher nicht da war.

Sie stellen an sich selbst fest, dass Ihre Selbstverteidigung sich wie Mühlsteine im Kopf dreht. Sie japsen nach Luft und sind zuerst fassungslos, können es nicht glauben. Dass Ihr Ex-Mann über Sie Horrorstorys erzählt, damit können sie umgehen. Aber Tamedia? Der grosse Zeitungskonzern, Qualitätsjournalismus, Verantwortung, insbesondere, da er zusammen mit CH Media den Tageszeitungsmarkt der Schweiz beherrscht? Abgesehen von «Blick» und NZZ.

Wie können Sie sich wehren?

Sie fassen sich langsam wieder, Sie wissen: Ich muss etwas tun. Sie beratschlagen sich, Sie kommen zur Überzeugung: genau, eine möglichst emotionslose Aufstellung belegbarer Falschaussagen in diesem Artikel mit der Bitte um Richtigstellung, das ist wohl das Beste.

Man fühlt vor, wird von der Autorin und auch von ihren Vorgesetzten abgewimmelt. Irgendwo noch verständlich, denken Sie. Sie werden an den Ombudsmann des Hauses verwiesen, der sei genau der Richtige für solche Fälle. Unparteiisch, ein alter, erfahrener Journalist, pensioniert, also dem Haus nicht mehr direkt verbunden. Der wird sich das objektiv anschauen.

Ausradieren lässt sich nichts. Aber vielleicht korrigieren?

Zu spät merken Sie, dass das alles eine Einseife ist. Damit wird nur Zeit geschunden, und von objektiv kann beim langjährigen Tagi-Journalisten Ignaz Staub auch keine Rede sein. Sein Bericht überrascht Sie daher nur gelinde. Kein Fehlverhalten seitens Tamedia entdeckt, persönliches Bedauern, aber bei solchen konfliktiven Trennungen gingen halt die Emotionen hoch und verstellten den Blick auf die Wirklichkeit; jeder habe da seine Auffassung von Wahrheit. Gegendarstellung, das liege leider ausserhalb seiner Kompetenz, so sorry.

Sie sind sich nun sicher, dass Ihre Entscheidung, wenigstens bei der mutigen Lokalzeitung vorzusprechen, um so eine öffentliche Korrektur zu erreichen, richtig war. Sie verwenden dabei die gleiche Beschwerde mitsamt den Beweisen, die Sie schon dem «Tages-Anzeiger» eingereicht haben.

Wieso kann die Schaffhauser AZ, was Tamedia nicht kann?

Und siehe da, die «Schaffhauser AZ» macht sich die Mühe, alle Beteiligten um Stellungnahme zu bitten, die Fakten zu überprüfen. Der Zwerg in Auflage und Verbreitung, aber der Riese in der Beherrschung des journalistischen Handwerks, traut sich, unter dem Titel «Einseitig und fiktiv» den Verleumdungsartikel nach Strich und Faden zu demontieren.

Nur: Die «Schaffhauser AZ» hat eine Auflage von 2800 Exemplaren, viermal im Jahr eine Grossauflage von 33’000  und eine Leserschaft von 14’000. Das bedeutet: immerhin in Schaffhausen konnten Sie eine gewisse Gegenöffentlichkeit herstellen.

Aber was ist das schon gegen die rund eine Million Leser des schändlichen Machwerks? Daher kämpfen Sie weiter darum, dass Ihre Richtigstellung publiziert wird. Möglichst zeitnah, denn umso grösser die Distanz, desto unwirksamer, höchstens mit dem Effekt: War da mal was, worum geht es hier eigentlich?

Also melden Sie (und Ihre Angehörigen) sich bei allen, von denen Sie hoffen, dass es ein Einsehen geben könnte. Beim Chef der Qualitätskontrolle Res Strehle, den Ombundsmann haben Sie schon hinter sich. Bei den Chefredaktoren, bei dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, sogar beim Big Boss Pietro Supino.

Sie sind überzeugt: bei dieser offenkundigen Sachlage muss das einsehbar sein. Angesichts der Tatsache, dass hier nicht der andere Beteiligte an einem persönlichen Streit nun seine emotionale Triebabfuhr loswerden möchte, sondern ganz nüchtern darauf zählt, dass eindeutige und belegte Falschaussagen doch in jedem anständigen Medium korrigiert werden müssen.

Vergessene Erkenntnis der alten Römer.

Sie hatten vorher noch nie so mit Presseerzeugnissen zu tun, sind aber der festen Überzeugung, dass dort doch auch die Grundregeln von Anstand, Logik und dem Einsehen von klaren Tatsachen gälten. Dass es doch nicht sein kann, dass eine Person, die selbst die Öffentlichkeit nicht gesucht hat, dermassen verleumdet, durch ein Schlammbad gezogen und vor einem Riesenpublikum als verworfener Mensch dargestellt wird – und das so stehenbleibt.

Was man sich nicht vorstellen kann, passiert häufig

Fast zwei Jahre später haben Sie die bittere Einsicht gewonnen: doch, das geht. Das ist so. Da gibt es nichts von Anstand oder Verantwortung. Nichts von Fehlerkultur, nichts von den vollmundigen Behauptungen, wie seriös, professionell, umsichtig, alle Positionen berücksichtigend, der Wahrheit verpflichtet hier Journalismus betrieben werde.

Immer wieder von allen Entscheidungsträgern, von Supino selbst, von Rutishauser, selbst vom Wendehals Strehle lautstark verkündet. Sicher gebe es da und dort noch Verbesserungsmöglichkeiten, aber im grossen Ganzen: alles super, alles rein, alles spitze.

Das sahen aber plötzlich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia ganz anders. Zu den Unterzeichnern dieses Protestschreibens gehört auch Claudia Blumer – die Autorin dieses einseitig nur die Sicht des Mannes berücksichtigenden Artikels.

Im Schreiben wird ultimativ mehr Anstand im Umgang miteinander gefordert. Das gilt aber offenbar nur innerhalb des Tamedia-Gebäudes, keinesfalls ausserhalb.

Die Namen am Glashaus wechseln, der Inhalt bleibt gleich. Leider.

Ansonsten wird Ihnen immer deutlicher klargemacht: Geben Sie doch endlich Ruhe. Der Fall ist erledigt, alles Nötige dazu gesagt. Wir können uns doch nicht jahrelang mit so einem Pipifax befassen. Und wenn’s Ihnen nicht passt: natürlich steht der Rechtsweg offen. Unsere Rechtsabteilung freut sich schon darauf.

Leider sieht die Realität bei Tamedia, T, Tx ganz anders aus

Da müssen Sie erkennen: Pipifax wie der Versuch, einen Menschen moralisch zu vernichten, ihm niedrigste Gefühle, Rachebedürfnis, Rücksichtslosigkeit gegen den Vater und den gemeinsamen Kindern anzudichten, das interessiert im Ernstfall keinen bei Tamedia.

Auch nicht die furchtbar empörten Frauen, die sich über männliche Dominanz, Sexismus und Präpotenz beschweren. Aber natürlich nur ihnen selbst gegenüber, doch nicht bei irgend einer Frau, die dank Tamedia unter die Räder kommt. Anstand, Höflichkeit und das Einhalten von Grenzen gilt auch nicht, wenn Blumer mit der Brechstange die Bestätigung eines Zitats möchte.

Sie müssen lernen: In Wirklichkeit herrscht hier Heuchelei und Verlogenheit, Doppelmoral und Opportunismus. Moral, Ethik, Anstand, Verantwortung, Gerechtigkeitssinn, Rücksicht auf ungleiche Machtverhältnisse: pfeif drauf.

Wenigstens eine Stellungnahme, die Beantwortung von 25 höflich gestellten Fragen an drei Personen? Ach was, da soll die Medienstelle in den Stehsatz greifen und für alle schreiben: «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch.» Eine Stellungnahme zu Blumers von der Staatsanwaltschaft protokollierte Übergriffigkeit in der Recherche? Ach was.

Kommt Tamedia damit durch?

Das kommt darauf an, wie viele Leser diesen Satz verstehen:

Das Unrecht, das einem Einzelnen widerfährt, ist eine Bedrohung für alle.

*Siehe die Punkte 31 bis 32 des Schreibens von Tamedia:

6 KOMMENTARE
  1. Franco Zeller
    Franco Zeller says:

    Irgendwie scheint mir das alles ein Sturm im Wasserglas. Viel Text in einer langen Artikelserie um was genau? Eher halte ich das «Schosshündchen» für ein Problem. Wenn’s eine Frau ist, dann darf man das einfach so sagen? Man stelle sich nur vor, Hr. Zeyer hätte umgekehrt Frau B. sowas vorgeworfen!

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  2. Beat Reichen
    Beat Reichen says:

    Danke, dass Sie dran bleiben und den billigen, lausigen Journalismus von Claudia Blumer entlarven. Leider kann sie es nicht besser und würde besser die Speisekarte für Bindella schreiben.

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  3. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch.» Hoffe sehr, dass diese zur Schau gestellte Selbstsicherheit von Tamedia, bald einem Katzenjammer folgen wird. Alle Akteure Supino, Ruthishauser, Strehle, Staub und Blumer sollten sich schämen für ihre höchst verlogene Wertehaltung.

    Dem hartnäckigen René Zeyer ist zu danken, für seine unbeugsamen und klugen Recherchen. Diese Suppe brodelt weiter, bis raison gesprochen ist. Mit dem Herrn «Terrier» Zeyer hat man sich keinen «lame duck-Sparringspartner ausgesucht. Er ist bestens dokumentiert, und er kennt die korrekten journalistischen Gepflogenheiten.

    Zwischenzeitlich soll dieser Konzern nie mehr über Attribute wie «Qualitätsjournalismus» und «ethische Werte» schwafeln. Ein Trauerhaus ist an der Werdstrasse, wo Glaubwürdigkeit mit Füssen getreten wird.

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    • Sam Thaier
      Sam Thaier says:

      Herr Zeyer verkörpert den abhanden gekommenen GEIST DER ZEIT. Der Kompass, der kaum mehr da ist; auch bei selbsternannten «Qualitätsmedien» nicht mehr.

      Dieser Fall müsste wohl vom Presserat von Dänemark und Neuseeland beurteilt werden. Es sind gemäss Weltindex, die Länder mit dem geringsten Korruptionsanteil. Die Mühlen mahlen viel zu langsam in der Schweiz. Die meist 80 jährigen Ombudsmänner sind ohnehin bloss gutbezahlte Staffage.

      Alle Fahnen auf Halbmast.

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      • Rolf Karrer
        Rolf Karrer says:

        Ihre Wortwahl etwas verunglückt Herr Thaier. Kann passieren……

        René Zeyer entspricht wahrlich nicht dem «Geist der Zeit», wo nun selbst Schweizer «Qualitätsmedien» zu Revolvermethoden a la «the Sun» Zuflucht suchen. Er verkörpert den Journalisten der alten Garde, wo die akribische Sorgfaltspflicht noch Mass aller Ding war.

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    • .Victor Brunner
      .Victor Brunner says:

      1 Qualität allgemein: Handwerkliche RegelnTrennung von redaktionellem Inhalt und Werbung, Fehlerfreiheit/Wahrheit, Fairness, kritische Distanz zu den Quellen, Trennung von Fakten und Meinung, Sprache.

      Text aus dem Buch «Qualität in den Medien» herausgegeben von Res Strehle und Pietro Supino, Nachwort!
      Strehles Motto: «Was kümmmert mich mein Geschwätz von gestern heute?

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