Für die Mobiliar ist Corona kein Thema


Das Mobiliar-Kundenheft schafft das Kunststück, nicht auf die Coronakrise einzugehen.

Kundenzeitschriften sind ein spezielles Segment. Die Redaktion besteht meistens aus einer firmeninternen Gruppe und das letzte Wort hat der CEO. Das kürzlich erschienene «Mobirama» der Mobiliarversicherung (Herbstausgabe 2020) ist darum bemerkenswert, weil Corona praktisch kein Thema ist. Die Titelgeschichte: «Verliebt ins Traumhaus». Im Editorial geht’s um den geplanten Führungswechsel in der Chefetage. Eine Reportage befasst sich mit dem Bau von Wanderwegen «mit Unterstützung der Mobiliar». Die Lektüre ist wie eine Zeitreise in die guten, alten Zeiten vor Corona.

Maskenverbot auf Fotos?

Maskenpflicht scheint bei den Fotosessions nicht zu gelten. Keine einzige der 19 abgebildeten Personen im Heft trägt eines dieser Dinger. Auf der zweitletzten Seite des 16-seitigen Heftes dann der Titel «Wir versichern sogar Ihre Katze». Und weiter: «Wir sind auch bei einem Auslandaufenthalt für Sie da». 11 Versicherungsbeispiele sind aufgeführt. Es fehlt typischerweise Corona. Das hat durchaus Gründe.

Epidemieversicherung gekündigt

Denn gemäss Artikeln in der NZZ am Sonntag und in der Handelszeitung hat die Mobiliar ihren Kunden die Epidemie-Versicherung gekündigt. «Die bisherige Epidemie-Versicherung wird durch eine neue Hygiene-Versicherung abgelöst», heisst es in einem Schreiben, das die Mobiliar-Kunden vor kurzem zugeschickt bekamen. Weiter im Text: «Eine Fortsetzung des bestehenden Vertrags ist nicht möglich. Falls Sie auf die Anpassung Ihres Vertrags verzichten, wird die Mobiliar von ihrem Kündigungsrecht Gebrauch machen.»

Zuerst Lob, dann Haue

Kein Wunder, steht kein Wort über das Corona-Thema im «Mobirama». Zwar holte sich die Mobiliar laut der Handels-Zeitung viel Lob in der ersten Corona-Krise. Anders als die meisten Konkurrenten «verstrickte sie sich nach dem behördlich angeordneten Lockdown nicht in Wortklauberei, wonach eine Pandemie keine Epidemie sei». Doch jetzt ist es für Firmen unmöglich, sich gegen einen drohenden zweiten Lockdown zu versichern.

Warum sonst noch fehlt Corona im «Mobirama»? Kundenzeitschriften wie diejenige der Mobiliar haben eine extrem lange Vorlaufzeit. Dazu tragen die komplizierten, hierarchischen internen Abläufe bei. Die Inhalte sind inszeniert und werden oft überteuert von PR-Agenturen beigesteuert. Im Gegensatz zu journalistischen Beitragen dauern die Prozesse gefühlt ewig. Dazu kommen Übersetzungen und juristische Abklärungen. Kein Wunder, hat die Mobiliar entschieden, Corona aussen vor zu lassen.

Immerhin eine Ehrenrettung für die Mobiliar gibt’s: Corona kam in einem Artikel am Rande vor. In einem Portrait über die Unihockeyanerin Chiara Gredig. Corona setzte der Unihockeymeisterschaft laut dem Bericht «ein abruptes Ende». Kein Grund für die Mobiliar, nicht darüber zu berichten. Denn die Mobiliar «engagiert sich für den Hallensport».

Das Märchen von «pay per click»

Gnadenloses Treffen der Zielgruppe, seriöse Abrechnung. Echt?

Die einen nerven sie ungemein, die anderen verdienen ungemein Geld damit. Vor allem die grossen Internetkraken wie Google und Facebook & Co. Die räumen zusammen rund 90 Prozent des Schweizer-Online-Marketing-Markts ab.

Darum herum kreisen Dienstleister, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und behaupten, ein Internet-Inserat wirke ungemein. Man könne die Zielgruppe randscharf einstellen, minimale Streuverluste. Und dank «pay per click» könne der Auftraggeber haargenau sehen, wie oft sein Werbemittel angeklickt wurde, minimiert zusätzlich den Streuverlust.

Die grossen drei Werbeverbände der Schweiz publizieren zusätzlich jedes Quartal jeden Menge Zahlen. Darunter die sogenannte Sichtbarkeitsrate für Werbeeinblendungen und zu Ad Fraud, also Beschiss in jeder Form.

Alles laufe super

Überraschenderweise kommen sie zum Schluss, dass alles super laufe. Die Sichtbarkeitsrate sei zwar leicht auf 59,2 Prozent gesunken, habe dafür aber im Mobilbereich auf 61,4 Prozent zugelegt. Ad Fraud liege bei unter 2 Prozent, und gewonnen habe man diese Erkenntnisse durch die Untersuchung von 4,22 Milliarden Ad Impressions.

Da traut sich der Laie wie üblich nichts dazu zu sagen, weil er nur Bahnhof versteht. Will er nur schon die Messmethode wissen, bekommt er weiteres Kauderwelsch auf den Tisch geschüttet: Google Ad Manager, Integral Ad Science, Xandr. Sonst noch Fragen?

Nein, aber zunächst einige Erklärungen. Die Sichtbarkeitsrate gibt an, wie oft ein Display-Inserat mit mindestens 50 Prozent seiner Fläche mindestens eine Sekunde lang sichtbar war.  Ob’s auch jemand angeglotzt hat und was der in einer Sekunde und 50 Prozent mitbekam: Ansichtssache.

Aussagekraft sehr überschaubar

Dann hätten wir noch die sichtbare Klickrate (CTR). Damit wird gemessen, wie viele Nutzer auf die Anzeige klickten. Die Sichtbarkeit wird dann üblicherweise im 1000er-Pack abgerechnet (CPM). Dann gibt es noch die Unterscheidung zu unsichtbar und vieles weitere Beigemüse.

Was heisst das nun alles? Dampfgeplauder. Dass ein Display so und so viele Male den Nutzer ärgerte, indem es aufpoppte, ist ungefähr so aussagekräftig wie die Ansage, dass dieses Werbeplakat im Weltformat täglich von 15’000 Menschen gesehen werden kann.

Aber da gibt es doch noch «pay per click», also der Kunde zahlt nur, wenn tatsächlich auf das Display geklickt wurde. Dieser Cost per Click (CPC) ist tatsächlich die geniale Idee, mit der Google zum Riesen wurde. Wer Werbung schalten möchte, zahlt keinen Fixpreis. Sondern er legt ein Budget fest, und darin bestimmt er, was ihm ein Klick wert ist.

Eine geniale Idee von Google, aber nicht betrugssicher

Wer also zehn Rappen pro Klick einsetzt, braucht sein Budget langsamer auf. Wer einen Franken einsetzt, schneller. Dafür wird sein Display auch prominenter und besser platziert. Das ist dann wenigstens eine sichere Sache?

Es geht. Denn in den Weiten und Tiefen des Internets treiben sich bekanntlich auch viele böse Buben, bzw. Programme herum. Mit einem kleinen Ausflug ins Darknet kann man sich einen kleinen Bot kaufen, den mit ein paar Handgriffen programmieren, und schon klickt der das Display eines Konkurrenten zu Tode.

Und wer kontrolliert schon nach, ob sein Display tatsächlich 70’000 mal gezeigt wurde, allerdings meistens nachts zwischen zwei und drei? Das ist natürlich nur eine Methode im sogenannten Ad Fraud, also bei Betrügereien.

Es gibt auch aufwendigere Tricks

Beliebt , wenn auch etwas aufwendiger, ist folgender Trick. Man bastelt eine Webseite, füllt sie mit spezifischen Keywords ab, die in Sachen Anzeigen die höchsten Umsätze liefern. Der Werbetreibende bucht hier, aber kein Schwein schaut. Dann gibt es noch Ad Stacking, Domain Spoofing, Pixel Stuffing und so weiter.

Welcher Schaden damit angerichtet wird, kann nur geschätzt werden; es soll sich weltweit immerhin um mehrere Milliarden Dollar handeln. Die Kosten gar nicht einberechnet, die wiederum andere clevere Agenturen kassieren, um ihre Mandanten vor Ad Fraud zu schützen.

Wir sehen also; das Versprechen, dass man im Internet haargenau seine Zielgruppe erreiche, Aufwand und Ertrag gnadenlos abgerechnet werden kann, sind halt das, was in der Branche üblich ist: Werbesprüche.

Ein Text ohne Wirkung

Wenn zuviele Personen mitreden, wird jede Botschaft zum Flop.

Wollen Verbände in die Medien kommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Der Klassiker ist die Medienmitteilung. Doch je nachdem, wieviele Verbandsvertreter beim Texten der Medienmitteilung mitwirken, wird diese lesbarer oder eben nicht. Killerpunkte sind schwerfällige Funktionsbeschriebe und ewig lange Schachtelsätze zum Einstieg. Etwa darüber, was der Sinn und Zweck des Verbands sind. Die Folge: Die Medienmitteilung wird fast nirgends abgedruckt. Sie kommt vielleicht online auf Bluewin.ch. Das war’s.

Publireportage? Inserat?

Nächste Möglichkeit: Man telefoniert Redaktionen ab und bietet einen Story an. In besagtem Fall geht es um das Thema «Medizin und Ökonomie: Gegeneinander oder Miteinander?» Das ist nicht gerade ein Brüllerthema. Möglich wäre allenfalls etwas….. wenn der Verband ein Inserate schalten würde. Ein Vorgehen, das auch bei grösseren Verlagen gang und gäbe ist. Führt das nicht zum Erfolg, kann der Verband eine Publireportage buchen. Oft schreibt dann eine spezielle Abteilung innerhalb des Verlags den Text nach journalistischen Grundsätzen. Der Verband kann dann noch seinen Senf dazu geben, so dass es für alle stimmt. Oft ist die Gestaltung so raffiniert, dass der Leser den Unterschied zum «normalen» redaktionellen Teil nicht auf den ersten Blick bemerkt. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Komplizierter Entscheidungsprozess

Wenn der Verband aber unter allen Umständen in der «NZZ» erscheinen will, klappt der Kniff mit der eingebetteten Publireportage nicht. Dann bleibt nur das Inserat. Das ist aus Sicht des auftraggebenden Verbandes darum verführerisch, weil alle wichtigen Verbandsvertreter beim Inhalt des Textes mitbestimmen wollen und dürfen. Ein typisches Resultat eines solchen Entscheidungsprozesses konnte man in der Samstagsausgabe der «NZZ» sehen. Der Vorstand der Schweizerischen Vereinigung der Spitaldirektorinnen und Spitaldirektoren hat ein halbseitiges Inserat geschaltet: «Medizin und Ökonomie: Gegeneinander oder Miteinander?» Bezüglich Rechtschreibung gilt eher ein Gegeneinander.

Nur zwei Müsterchen aus dem nicht lesefreundlich gestalteten Text:

«Der Spitaldirektorin bzw. dem Spitaldirektor bzw. dem CEO kommt dabei eine besonders anspruchsvolle Aufgabe zu, denn ein Spital kann nur dann erfolgreich sein, wenn die verschiedenen Disziplinen gut miteinander zusammenarbeiten und das unterschiedliche «Spezialwissen» zu einem Ganzen zusammengefügt wird. Strategische und operativ bedeutende Entscheidungen werden meistens im Konsens gefällt, da eine erfolgreiche Umsetzung die aktive Mitarbeit aller Schlüsselpersonen und Bereiche bedingt.»

Und noch ein Beispiel:

«Wünschbar für die Zukunft ist, dass Führungspersönlichkeiten aller Bereiche,welche infolge gut überlegter Strategieanpassungen ausscheiden, damit ohne systemdestruktives Verhalten umgehen.»

Kein Wunder, landen solche Medienmitteilungen im Rundordner. Und es ist offensichtlich, dass auch das Inserat kaum gelesen wird, ausser von den Spitaldirektoren selber. Schade für das Geld.

Von Schleichwerbung kann keine Rede mehr sein

Wie sich die Medien überflüssig machen – aus eigener Fahrlässigkeit.

Für jüngere Leser: Das Feuilleton, wörtlich das Blättchen, musste sich zuerst mal seinen Platz in der richtigen, also serösen Zeitung erobern. Damit sich der Leser nicht in den Teil einfach verirrte, in dem Meinungen, Rezensionen, eben Feuilletonistisches erscheint, war das durch einen dicken Strich vom Rest getrennt.

Daher auch die Redensart vom «unterm Strich». Noch strikter muss natürlich die Trennung von Werbung und redaktioneller Eigenleistung sein. Müsste. Denn Werbung nimmt der Leser hin, für den redaktionellen Inhalt bezahlt er, und sei es auch nur mit seiner Aufmerksamkeit oder seinen Daten.

Im Prinzip wäre es ganz einfach

Im Prinzip wäre die Grenze zwischen Erlaubtem und unlauteren Methoden einfach zu fassen und zu definieren; zum Beispiel so: Der vom Unternehmer finanzierte Einsatz redaktioneller Inhalte zu Zwecken der Verkaufsförderung, ohne dass sich dieser Zusammenhang aus dem Inhalt oder aus der Art der optischen oder akustischen Darstellung eindeutig ergibt (als Information getarnte Werbung).

Kann ja nicht so schwer sein, das zu kapieren und einzuhalten. Oder nicht. Eher gilt aber: oder nicht. Denn dass das Inserat meistens auf der linken Seite steht und von der ganzen Aufmachung her so deutlich vom redaktionellen Teil getrennt ist, dass es eigentlich das Wort «Anzeige» gar nicht bräuchte, die Zeiten sind längst vorbei.

Medienorgane tun alles, um Werbung zu bekommen

Nicht erst seit Corona tun Printorgane so ziemlich alles, um Werbung zu bekommen. Oder um, wie man so schön sagt, ein werbefreundliches Umfeld zu schaffen. Das bringt zwar dringend benötigte Kohle, kostet aber das Wichtigste, was ein Medienorgan hat: Glaubwürdigkeit, Vertrauen.

Der Guide Michelin nimmt seine Autorität als Benchmark für Hotel- und Restaurantbewertungen aus drei einfachen Prinzipien. Einfache, verständliche Bewertungskriterien. Jahrzehntelange Kontinuität. Und vor allem: es wird nur anonym und auf Kosten des Michelin getestet. Umso näher ein Lokal an die begehrten drei Sterne kommt, desto häufiger und resoluter.

Daher gibt es tragische Fälle, dass sich ein Koch das Leben nimmt, wenn er einen Stern verliert. Es ist aber kein Fall bekannt, dass Sterne durch milde Gaben ergattert wurden. Falls mal ein Traditionslokal wie der Tour d’Argent in Paris, eines der ältesten Restaurants Frankreichs, den dritten Stern verliert, dann wird es einfach eine Weile gar nicht mehr erwähnt – um dann mit einem einzigen wieder aufzutauchen.

Viel besser als alles andere, die Grenzen zu verwischen

Aber von der Höhe der Kulinarik in die Tiefebenen der Publizistik. Weder Politiker, noch Unternehmen haben es gerne, kritisiert zu werden. Unternehmen können mehr unternehmen dagegen, indem sie kritische Blätter mit einem Inserateboykott bestrafen.

Aber das sorgt dann meistens für zusätzliche negative Publizität. Viel besser, im Einverständnis mit Organen die Grenzen zwischen redaktionellem und bezahltem Werbeinhalt zu verwischen. Sozusagen bahnbrechend war da die sogenannte «Publireportage». Das Wort zeugt vom Erfindungsreichtum der Medienmacher. Ein Kunstgriff aus Publizität und Reportage.

Auf Deutsch eine bezahlte Werbung, die redaktionellem Inhalt mögichst ähnlich sein soll. Bezüglich verwendete Typographie, Aufmachung, Illustration. «Paid Post» ist auch so ein netter Ausdruck; wieso nicht «bezahlte Werbung» sagen? Dann hätten wir noch die «Native Ad», einen ganzen Zoo von Begriffen, der nichts anderes soll als: Wenn’s der Leser nicht merkt, dass es ein Inserat ist, umso besser. Wenn er’s merkt, auch nicht schlimm.

Bezahlter redaktioneller Inhalt ist schon längst üblich

Schon längst handelsüblich ist, dass meistens nicht ganz billige Reise-«Reportagen» «mit Unterstützung von» durchgeführt werden. Auf Deutsch: Alle Beteiligten, Airline, Autovermietung, Hotel, Restaurants, luden ein. Was sie bei kritischer Berichtserstattung seinlassen würden.

Der redaktionelle Tipp, ein Uhrenmuseum zu besuchen, wenn die Uhrenmarke weiter hinten eine Doppelseite Werbung gekauft hat. Ein Artikel über Englisch in der Schweiz, in dem der Chef einer Englisch-Schule zufällig gross ins Bild gerückt wird, und wer’s immer noch nicht gemerkt hat, selbst ein banales Quiz wird «teilweise mit Fragen von der Hulls’ School in Zürich» bestritten.

Toll ist auch die Bauen-Seite der «SonntagsZeitung», hier «präsentiert einmal im Monat die Plattform «swiss-architects.com einen ausgewählten Bau». Auch das greift immer weiter um sich: Ganze Themenbereiche, vor allem, wenn sie etwas aufwendiger sind wie Wirtschaft, von einem externen Dienstleister einzukaufen.

Ein unüberbrückbarer Dschungel von Werbeformen

Und der Beratungsonkel oder die -tante dürfen natürlich nicht fehlen, die völlig objektiv Wässerchen, Pülverchen, Cremes, Smartphones, Autos oder was auch immer anpreisen. Oder wenn ein CEO das Bedürfnis hat, allen mal wieder seine Meinung zu geigen, dann wird nicht ein Inserat draus, sondern es kommt ein «externen Standpunkt» ins Blatt. Bezahlt wie ein Inserat.

Es gibt inzwischen einen fast unüberblickbaren Dschungel von Werbeformen. Auch wenn der Presserat ab und an streng urteilt und kritisiert: Der Schaden ist bereits angerichtet. Denn Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Unabhängigkeit und Unbestechlickeit verspielt man nicht mit einem einzigen Ausrutscher. Aber wenn man ständig rutscht, ist’s dann mal weg.

Mahaharkt-Forschung

Wenn Medienhäuser ihre Kunden analysieren wollen.

Kann man die Unfähigkeit der Medienmanager an einem schöneren Beispiel illustrieren? Kann man eigentlich nicht.

Bezüglich Abfrühstücken des Werbefrankens im Internet durch die grossen Datenkraken Google, Facebokk & Co., da können sie wenigstens noch einwenden, dass das schliesslich weltweit ein Problem sei. Nach der Devise: Wir sind vielleicht bescheuert, aber die anderen auch.

Aber dieser Einwand zieht nicht bei einem anderen Thema, auch nicht ganz unwichtig. Wer liest die Medienprodukte, wo und wie? Das kann heutzutage, unglaublich aber auch, mit drei Methoden stattfinden.

Im Print gegen Bezahlung oder gratis, im Internet gegen Bezahlung oder gratis, über News-Aufbereitungschannels oder direkt.

Wie analysiert man den versprengten Leser?

Zumindest die ersten zwei Möglichkeiten werden in der Schweiz gemessen. Aber doch nicht einfach so, sonst wäre es ja kein Marketing-Tool für Deppen.

Da gibt es mal die Untersuchung «Total Audiance – die intermediale Währungsstudie». Immerhin hat die WEMF auch schon vom Wort crossmedial gehört. Wieso dieser Verein das Ganze aber Währungsstudie nennt, ist wohl ein süsses Geheimnis.

Dann gibt es noch die MACH Basic Studie. Die misst die Reichweiten der Schweizer Medien, allerdings nur auf Print beschränkt. Warum? Darum. Oder einfach, um die Zahlen mit der Vergangenheit vergleichen zu können. Denn die Existenz des Internets wurde von der WEMF längere Zeit ignoriert. Genauer gesagt bis 2015.

Was ist im Printbereich interessant?

Im Print ist für den Laien höchstens interessant, sollte er das nicht wissen, dass seit Jahren die Coopzeitung (2,4 Millionen) vor dem Migros-Magazin (2,2 Millionen) die mit Abstand meistgelesene Zeitung der Schweiz ist; dann kommt Betty Bossi und der Drogistenstern. Erst auf den Plätzen dann Konsumentmagazine wie Ktipp oder Beobachter.

Wir sind uns aber wohl einig, dass die gesamte Leserzahl nicht uninteressant wäre. Daher eben seit 5 Jahren «Total Audiance». Vorher? Gab’s da schon Internet?

Totale Einschaltquote wird vom gleichen Triumvirat angeführt

Also, hier wird sogar noch nach Print und online aufgeschlüsselt, aber die Gesamtzahlen sind signifikant fürs Ranking. Ähnlich wie bei den Printtiteln hält sich auch hier seit Jahren (oder seit gemessen wird) ein Triumvirat auf den vorderen Plätzen. «20 Minuten», «Blick», Tamedia. «20 Minuten» knackt dabei als einziges Medium die 2-Millionen-Schwelle, der «Blick» die «Million».

Danach folgen Tages-Anzeiger und NZZ. Wobei die NZZ mit online kräftig zugelegt hat; der Tagi erreicht 602’000 Leser, die alte Tante 553’000. Die Frage ist, wieso hier Bund/Berner Zeitung separat ausgewiesen werden, obwohl sie auch zum Newsnet gehören.

Aber wie auch immer, das sind mal einigermassen realistische Zahlen. Bei den Magazinen sieht es ganz anders aus, der Beobachter schwingt mit 1,8 Millionen vor der Schweizer Illustrieren (906’000) obenaus. Wieso das, obwohl Coopzeitung und Migros-Magazin schon alleine im Print mehr Leser haben? Man soll nicht grübeln.

Medien haben immer noch im Print die meisten Leser

Schliesslich ist noch interessant, dass die meisten Medien – grosse Ausnahmen inzwischen die NZZ und «Blick» – im Print immer noch mehr Leser haben als online. Das tut auch im Kässeli gut, weil Einnahmen aus Printinseraten grösstenteils bei den Printherausgebern landen.

Aber wo der Werbemarkt deutlich wächst, das ist natürlich im Internet. Während der Werbekuchen längere Zeit gedrittelt war; je eines Print, TV/Radio und online, plus noch DM und Plakate, wird bald einmal online alleine so gross sein wie der ganze Rest zusammen.

Das heisst dann, dass online mehr als 2 Milliarden Franken umgesetzt werden. Also ausgerechnet dort, wo die meisten Medienhäuser schwach auf der Brust sind. Und sozusagen weiterhin am meisten Geld mit Dampfloks verdienen, während die Elektroloks an ihnen vorbeizischen.

Nach den Werbeeinnahmen werden die Handelsplattformen abgetischt

Noch dramatischer wird es dann, wenn die Verlage merken, dass ihre teilweise für teures Geld gekauften Handelsplattformen, Immobilienanzeiger oder Stellenportale zuerst von Google und Facebook weggeräumt werden, bevor die sich zum Endkampf gegen Alibaba rüsten.

Freude herrscht im Mediengeschäft nur noch bei den Besitzerfamilien und auf der Teppichetage. Die einen ruhen sich auf dem Vermögen aus besseren Zeiten aus. Die anderen machen ein ernstes Gesicht und tun wichtig; als ob sie in den letzten 20 Jahren eine einzige zukunftsfähige Entscheidung getroffen hätten. Was man bei diesen Salären eigentlich erwarten könnte.

Branded Content: angebrannter Quark

Werbung at its worst. Mal’s hübsch an und sag’s auf Englisch.

Es gibt eine banale Frage, bei der jeder Content Creator erblasst, jeder Social Media Manager erzittert. Sie lautet: Welchen Return on Investment gibt es eigentlich pro Franken, der in diesen Unsinn investiert wird?

Social First Mindset, authentisch, interagieren, echt, Haltung, relevant, Social Campaining, die Jungen dort abholen, wo sie sind, multichannel, Story Telling, Echtzeit, viral, off und online, Gold Members, Community Building, Branded Content. Keywords und Buzzwords, you know.

Ständige Optimierung, call to action, den User ernst nehmen, Shitstorms vermeiden, das Produkt emotional machen, echt, Begleiter, Ratgeber, Nutzwert, Reputationsmanagement, organic traffic, Follower, Likes, Scheinwerfer richtig einstellen, im Driver Seat fahren, auf Augenhöhe bleiben. Reporting, Analytics, Message Ads, personalisierte Werbung.

Eigentlich hätte man sehr oft einen grossen Haufen Geld sparen können, wenn man statt einem jungen, dynamischen und erfolglosen Team von Digital Natives einen Mike Shiva angestellt hätte. Aber der ist leider tot, also geht das auch nicht mehr.

Profitieren von weit verbreiteter Unkenntnis

Profitieren können diese Dummschwätzer von der immer noch weit verbreiteten Unkenntnis, was das Internet kann und was nicht. In den vergangenen dreissig Jahren haben die meisten Schweizer KMU immerhin den Schritt von Ignoranz über Staunen zu einer eigenen Webseite geschafft.

Nicht allzu wenigen wurden dann auch noch die gnadenlosen Vorteile eines Web-Shops vor Augen geführt. 24 Stunden geöffnet, grossartige Kundenführung, mit möglichst wenig Klicks zum Entscheidenden, dem verbindlichen Kauf: tolle Sache. Braucht dann natürlich schon ein CMS, Content Management System, you know, aber ist keine Sache, hübsche Lösungen gibt es schon ab 30’000 Franken. Wobei, also mit ein paar wirklich nötigen Gadgets drauf kostet es dann 50’000. Aber anschliessend kann man nur noch Geld zählen.

Und schon mal an CRM gedacht, so im Rahmen eines Intranets? Muss man haben, heutzutage.

Warum? Muss man heute einfach haben

Dann kam die grosse, weite Welt der Social Media. Facebook, Instagram, Twitter, you know. Schüchterne Fragen, was denn das solle und ob man da wirklich mitspielen müsse, wurden souverän abgebügelt: Muss man heutzutage einfach haben, haben alle, wer nicht mitmacht, verliert. Ist ausserdem so ähnlich wie bei Google; vorne dabeisein ist alles. Geht übrigens auch bei Linkedin und so. Und was, Sie haben noch keine App?

Aber überhaupt, wir erleben ja gerade die Wiederauferstehung des Contents. Inhalt zählt, content is king, you know. Produkte werden über Storys verkauft, inhaltlicher Mehrwert, Emotionen, spannend, nachhaltig, disruptiv, zukunftsfähig. Wer will heute schon noch einfach einen Liter Benzin verkaufen. Ist doch viel besser, eine Story über den Schutz von Amazonas-Indianern zu verbreiten, die extra noch alphabetisiert und geimpft werden, bevor sie der Erdölkonzern von ihrem Land vertreibt, äh, ihnen eine viel bessere Lebensqualität anbietet. Und pro Liter Benzin bekommt jedes Indio-Kind eine Windel gratis.

Ist halt nicht ganz billig

So macht man Brand Building heute, das freut die Klimajugend. Nun ja, in der Tat, diese Kanäle müssen natürlich bespielt werden, also mit Inhalten gefüllt. Dann müssen sie ständig moderiert werden, damit sich da nicht eine Dynamik in die falsche Richtung entwickelt. Dann muss das alles noch koordiniert werden, stimmt schon. Ach, und ein paar testimonials, you know, das ist immer gut. So eine positiv konnotierte Referenzperson, halt so einer wie Roger Federer; gesehen, wie dieser Tennisschuh abgeht wie eine Rakete?

Natürlich, ist nicht ganz billig, dann kann man aber auch ein paar Influencer, you know, stattdessen nehmen. Wenn die dann jeden Morgen mit Eurem Rasierwasser gurgeln, geht der Absatz durch die Decke. Oder habe ich da gerade was durcheinander gebracht?

Ach, da war doch noch eine unbeantwortete Frage, Return on Investment, you know. Was genau bekomme ich für einen Franken, den ich in diese Blackbox stecke? Ist die falsche Frage? Kann man so nicht messen? Muss man heute einfach haben?

Echt jetzt?

Das kann nur ein Inserat

Im gestrigen Tagblatt der Stadt Zürich wurde einem wieder einmal bewusst, was ein Inserat auslösen kann.

Das gestern Mittwoch erschienene «Tagblatt der Stadt Zürich» ist immerhin 68 Seiten dick. Davon sind gut 20 Seiten Inserate, dazu kommen mindesten sieben Seiten amtliche Nachrichten.  Kein schlechter Inserate-/Text-Mix. Vor allem nicht in Corona-Zeiten.

Polittext,Politwerbung?

Auffällig: Auf Seite 14 waren zwei Artikel platziert, die von Interessengruppen geschrieben oder zumindest in Auftrag gegeben wurden. Ziel: Sie sollen die Wählerschaft beeinflussen. Im konkreten Fall weibelt eine «Allianz Z für eine lebenswerte Stadtentwicklung» . Man sagt «NEIN zu den Verdichtungstechnokraten» . Auf gut Deutsch: Man ist gegen das geplante Fussballstadion und die beiden 137-Meter-Hochhäuser. Abstimmungstermin dieser Stadtzürcher Vorlage: 27. September. Soweit, so gut. Doch neben dem Text, layouterisch gesprochen mit einer hässlichen Treppe, ist ein Inserat für die nationale Begrenzungsinitiative platziert. Der Text dieses SVP-Vorhabens: «Zu viel ist zu viel! Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit wurden Naturflächen im Umfang von 57000 Fussballfeldern zubetoniert» . Autsch. Man hat es sehen kommen. Die SVP scheint nun doch gegen das Stadionprojekt in Zürich zu sein. Dabei ist eigentlich eine breite Allianz von SVP, FDP und dem Stadtrat für die Überbauung. Doch im «Tagblatt» wird dem Leser suggeriert, dass das  «Umweltkomitee gegen die Zubetonierung der Schweiz» – der Inserateabsender –  aber ganz sicher gegen das «Monsterprojekt»  in Zürich-West ist.

PR-Text und Inserat. Das passt nicht immer.

Fazit: Das Setzen von Inseraten ist manchmal Glücksache. Dass es noch schlimmer geht, bewies die Landeszeitung Lüneburg 2006. Sie hatte neben einem Artikel über Auschwitz ein Inserat eines Energieversorgers platziert. Der Slogan: «Eon sorgt schon heute für das Gas von morgen.» Chefredaktor Christoph Steiner schrieb in der nächsten Ausgabe: «Die Verknüpfung des Themas Völkermord in Auschwitz mit einem in diesem Zusammenhang missverständlichen Werbeslogan des Unternehmens war weder beabsichtigt noch wurde sie achselzuckend ignoriert.» Die Redaktion entschuldige sich «für diesen bösen Fehler, durch den die Intention des Artikels unterlaufen wird, ein fast vergessenes, barbarisches Kapitel unserer Geschichte zu beleuchten». (Quelle: persoenlich.com)

Wie steht’s den mit der Deklaration dieser PR-Texte?

Zurück zum «Tagblatt der Stadt Zürich»: Die mit «Politforum» beschriftete Seite beinhaltet noch einen weiteren Text, über Tierquälerei wegen der Jagd. Der Absender hier: Der Schweizer Tierschutz. Jeweils oben rechts steht unauffällig der Begriff «Paid Post» . Erst auf der nächsten Seite wird in einem unauffälligen Kästli erklärt, worum es sich handelt. Es sei eine Möglichkeit des «Tagblatt» , Parteien und Organisationen ihre Anliegen (…) zu speziellen Konditionen zu präsentieren. «Die bezahlten Kolumnen/Artikel sind mit «Paid Post» gekennzeichnet.» RED.

Abwertung des redaktionellen Teils

Eine eher umständliche Art, darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um politische Werbung handelt. Den Auftraggeber wird es freuen, die Redaktion wohl weniger. Denn solche Verschleierungen werten den redaktionellen Text einer Zeitung definitiv ab.

Aber wie heisst es so schön: Das kann nur ein Inserat.

 

Mauschelei in der Alpha-Beilage

Der Alpha-Stellenanzeiger wird immer dünner. Und schaltet jetzt einen redaktionellen Hilferuf via Hauptinserent.

Alpha, das ist diese Stellenbeilage für Chefpostenaspiranten. Sie erscheint jeweils am Wochenende im Tages-Anzeiger und in der Sonntagszeitung. Alpha gehört der TX Group (ehemals Tamedia-Gruppe). Ihr Markenzeichen: pinkbräunlich gefärbtes Papier – und immer weniger Seiten. Letztes Wochenende waren es noch vier Seiten. Davon als Aufmacher ein halbseitiges Interview. Doch dieses hatte es in sich. Befragt wurde nämlich der Geschäftsführer der Jörg Lienert AG. Diese Headhunter-Firma fällt darum auf, weil sie treu – man könnte es auch rückständig nennen – ihre Stelleninserate jeweils auch in eben dieser Alpha schaltet. Am 9. August waren es vier Inserate, schön auf einer Seite verteilt. Kostenpunkt: Mindestens 40000 Franken. Oder war der Preis vielleicht doch tiefer. Gab es gar einen Deal?Das wäre eine böse Unterstellung. Trotzdem: In besagtem „Artikel“ werden dem Jörg-Lienert-Geschäftsführer von Stefan Krucker Fragen gestellt wie:

Herr Theiler, die gedruckten Stellenanzeiger werden immer dünner. Trotzdem inseriert Ihre Firma regelmässig in Tageszeitungen. Weshalb?

Dann folgt diese Anschlussfrage:

Was sind die Vorteile von Printinseraten?

Diese Frage geht auch noch:

Welche Personen erreichen Sie mit gedruckten Stelleninseraten?

Speziell ist, dass das Interview weder mit Publireportage, noch mit Advertorial oder Ähnlichem gekennzeichnet ist.

Übrigens: Die Kernaussagen von Herrn Theiler zu den Fragen lautet:

«Gute Erfahrungen machen wir bei der öffentlichen Hand, bei Nonprofit-Organisationen. (…). Unsere Kunden sind vorwiegend KMU’s.»

Sind das nicht oft jene Wirtschaftszweige, die Trends verschlafen, von Kartellen leben oder von Steuergeldern respektive Spenden? Alpha und Jörg Lienert AG soll’s recht sein.

Werbung: Nur für starke Nerven

Dramatische Einbrüche im Print-Bereich.

Wer auf die Entwicklung der Zahlen im Bereich Werbung schaut, braucht starke Nerven. In den vergangenen Jahren ist der klassische Werbemarkt, also alles, was gedruckt wird, in Zeitungen, Zeitschriften, auf Plakate und im Direct Mailing, deutlich geschrumpft.

Jahr für Jahr um rund 200 Millionen Franken, alleine zwischen 2017 bis 2019 von 2,2 Milliarden auf 1,85 Milliarden. Spiegelverkehrt verzeichnet der Online-Anteil jedes Jahr einen kräftigen Zuwachs. Er hat schon längst den Print-Werbemarkt eingeholt und überholt; 2019 wurden hier rund 2,3 Milliarden umgesetzt.

Wegen Corona geht’s steil nach unten

Das war vor Corona. In den Monaten des Lockdowns verzeichnete der Printmarkt Rückgänge von bis zu 40 Prozent, im Vergleich zum Vorjahr. Das ist nicht mehr dramatisch, das ist existenzbedrohend. Schon 2019 musste die Presse im Vergleich zu 2018 einen Rückgang von 10 Prozent verkraften. Besonders dramatisch wurde die Publikums-, Finanz- und Wirtschaftspresse getroffen: minus 17 Prozent.

Recht stabil blieb hingegen online. Allerdings nur, wenn man den Anteil berücksichtigt, der nicht von Google und Facebook abgeräumt wurde. Alleine im Bereich Search explodierte der Umsatz von 2,3 auf 2,65 Milliarden Franken. Nur schon diese Steigerung um 366 Millionen ist mehr als alle sonstigen Schweizer Online-Einnahmen; die belaufen sich auf lediglich 234 Millionen im Jahr 2019.

Print-Werbung schenkt beim Medium ein

Print-Werbung hat für den Anbieter einen unschlagbaren Vorteil. Wer auf Papier inserieren will, tut das direkt (oder über einen Mediaplaner) bei dem oder den Organen, wo er’s für sinnvoll erachtet. Wer also im Tages-Anzeiger inseriert, braucht dafür die Print-Ausgabe, zu online kommen wir noch.

Das wiederum bedeutet, dass sich hier der Mittelsmann, also die heutzutage meistens ausgelagerte Akquise, nur einen kleineren Prozentsatz als Kommission abschneiden kann. Ganz anders zum Beispiel bei Google Ads. Wer via Google werben will, also indem Google die Werbung auf Webseiten spült, der nimmt in Kauf, dass der Mittelsmann den Löwenanteil abgreift; für denjenigen, der diese Ads zeigt, bleiben nur Krümel vom Kuchen.

Noch genialer ist das Angebot von Google, wenn man in der Suchmaschine selbst inserieren will. Während im Print der Preis fix ist, gilt hier pay per click oder pay per view. Das heisst, der Inserent kann bestimmen, was ihm ein Klick wert ist. Er setzt also eine Obergrenze und gibt zum Beispiel an, dass er zehn Rappen für jeden Klick zahlt.

Google bietet als einzige Dienstleistung dafür an, dass das Inserat dann gezeigt wird, wenn seine Keywords gesucht werden. Also wer beispielsweise nach einem Schreiner in Zürich sucht, sollte dann oberhalb der Trefferliste die Werbung eines Zürcher Schreiners sehen. Zudem stellt Google gratis ein Analyse-Tool zur Verfügung, mit der man die eigene Webseite durchleuchten kann.

Im Internet ist nichts gratis

Natürlich ist es nicht wirklich gratis, denn die so analysierten Daten füttern die grosse Krake Google mit weiteren Informationen. Die Schweizer Medien sind nun in einen perfekten Sturm geraten. Printinserate seit Jahren im Rückwärtsgang, nun noch durch Corona im Galopp nach unten.

Online floriert zwar, aber da sahnen internationale Platzhirsche ab und lassen für Schweizer Medienhäuser nur noch Brosamen übrig. Was ist den grossen Verlagen in der Schweiz bislang als Gegenwehr eingefallen? Die Kurzfassung: nichts.

Etwas ausführlicher: sparen, bis es quietscht. Zentralredaktionen aufbauen. Kooperationen mit deutschen Medien eingehen. Das Angebot eindampfen. Journalisten entlassen. Die Schlagzahl erhöhen, wie schnell und wie viele Storys der überlebende Journi online stellen muss. Jede Form von Schleichwerbung zulassen, die als Native Ad, sponsored content, «in Zusammenarbeit mit» und allen denkbaren Floskeln versehen.

Der Patient ist komatös

Kompetenz wegwerfen, Praktikanten und Kindersoldaten einstellen, die Kopfblätter mit Agenturmeldungen und Einheitsbrei abfüllen. Das Korrespondentennetz ausdünnen. Eigenleistungen und Recherchen aufs Minimum beschränken. Sich am Ausschlachten von gestohlenen Geschäftsunterlagen beteiligen. Skype und Google als verbleibende Recherchetools verwenden.

Mit anderen Worten: einen komatösen Kranken als gesunden Springinsfeld verkaufen wollen. Dabei den zahlenden Konsumenten schamlos für dumm verkaufen; er bekomme von der Schrumpfredaktion in dem Schrumpfumfang qualitativ hochstehenden Journalismus. Das ist etwa so, wie wenn drei Männer um einen VW rumstehen, brum, brum sagen und behaupten, das sei jetzt ein Bugatti.

Wir nehmen, was wir kriegen

Werbende Redaktion: die durchlöcherte Trennung.

Völlig unabhängig: Links die Lieblingsbrote der «Watson»-Redaktion. Rechts: reiner Zufall?

Die Erklärungen werden immer abenteuerlicher. Der Chefredaktor von «watson» räumt ein, dass seine Journalisten auch Werbetexte absondern müssen. Vornehm umschrieben als «Paid Content», «Publireportage», «native Ad» oder wie auch immer.

Dadurch sei keine Beeinflussung des redaktionellen Inhalts möglich, da die Redaktoren nicht wüssten, für welche Firma sie als Werbetexter in die Tasten griffen, behauptet er. Da lachen ja die Hühner. Bei diesem Beispiel hier haben kritische und völlig unabhängige «Watson»-Schreibknechte ihre Lieblingsbrote vorgestellt, mitsamt Rezept. Wunderbar, wir wussten doch, dass «Watson» was mit Teig zu tun hat. Und rechts? Nett von der Migros, noch ein paar Backtipps zu geben.

Der Laie und der Fachmann fragt sich: Wie nennt man denn das? Eingebackene Werbung? Altes Brot? Wer keine Ahnung hat, fragt den Chefredaktor von «Watson», Maurice Thiriet. Der weiss es: «Dieses Produkt heisst Content Bridge.» Wunderbar. Wenn also James Bond das nächste Mal auf seine Omega schaut oder einen Bollinger bestellt, dann kann man kennerisch murmeln: Ah, eine Inhaltsbrücke. Dabei hatte Dom Pérignon viel mehr Stil, aber da scheint die Inhaltsbrücke zusammengebrochen zu sein. Denn Bond säuft, wofür er bezahlt wird.

Das Versprechen einer Zeitungsredaktion – ob online oder im Print – lautet: Lieber Leser, du bekommst hier nach allen journalistischen Regeln erarbeitete Artikel serviert, die den Kaufpreis wert sind. Stichwort Qualitätsjournalismus.

Da leider dein Abonnement oder dein Kauf eines Exemplars nicht ausreicht, um alle unsere Unkosten zu decken, servieren wir dir auch Werbung. Die kannst du lesen, überlesen oder dich von ihr verführen lassen.

Treuherziges Geschwurbel

Aber dann legt die Redaktion die Hand aufs Herz, übt ihren besten, treuherzigen Blick und sagt: Aber niemals vermischen wir redaktionellen Inhalt und Werbung. Niemals lassen wir uns von Werbung dazu verführen, unsere strikte Objektivität im redaktionellen Teil aufzugeben. Niemals servieren wir dir Werbung als redaktionellen Inhalt. Auch da lachen die Hühner.

Schon ein einziges Mal einen kritischen Bericht über ein neues Auto gelesen? Zur Kenntnis genommen, dass Autoimporteure, neben Detailhändlern, die letzten grossen Inserenten sind? Schon mal geglaubt, dass die von der Beauty-Redaktion ausgewählten Cremes und Wässerchen völlig unabhängig vom Inserat eines Beauty-Discounters empfohlen werden?

Früher nannte man es Schleichwerbung

Nun kann man sagen, dass der Kaufentscheid für eine Antifalten-Creme oder einen Neuwagen nicht wirklich von umwerfender Bedeutung ist. Auch wenn die Glaubwürdigkeit der redaktionellen Unabhängigkeit angekratzt ist. Genauso wie durch Reiseberichte, die man nicht Reportage nennen sollte, weil verschämt am Schluss erwähnt wird, dass er durch Airline XY und Hotelkette YZ ermöglicht wurde.

Richtig abgründig wird es allerdings mit immer neuen Formen der Werbung, die man nicht mal mehr als Schleichwerbung bezeichnen kann. Und bei der es auch um politische Entscheidungen geht. Zum Beispiel bei der Konzernverantwortungsinitiative. Das ist etwas anderes, als dass bei Tamedia beispielsweise Kochseiten täuschend ähnlich wie redaktionelle Beiträge daherkommen. Aber bezahlte Werbung sind.

So flatterte neben einem redaktionellen Beitrag zur Initiative rechts eine Ankündigung, die versprach, nach der Lektüre zu «unserem Faktencheck» innerhalb eines «Dossiers» zum Thema zu leiten. Faktencheck, Dossier, das sind Begriffe, die Redaktionen gerne verwenden.

Was ist Kontextuelles Zielen?

Nur handelte es sich hier um ein bezahltes Inserat, von einer PR-Agentur aufgesetzt. Im Dienste von Gegnern der Initiative.

Das sei «Contextual Targeting», schwurbelte Tamedia zur Verteidigung, ausserdem sei es dem Leser doch klar, dass Tamedia niemals ein «animiertes Werbebanner» als Verweis zu einem selber gebastelten Inhalt verwenden würde.

Dennoch rügte der Presserat den Konzern zum wiederholten Male, er sei «beunruhigt über die zunehmend feststellbare Verschleierung von kommerziellen Inhalten». Das hat natürlich auch damit zu tun, dass immer mehr Journalisten die Flucht in PR oder Firmenkommunikation antreten. Bevor sie auch noch weggespart werden.

Der Vorwurf, dass der redaktionelle Inhalt auf der Rückseite von Inseraten stattfindet, ist so alt wie die Newsmedien. Daran hat auch das Internet nicht viel geändert. Richtig ist, dass mit solchen Unschärfezonen der überschaubare finanzielle Ertrag mit einem gewaltigen Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen erkauft wird. Wenn das fehlt, ist das Organ zum Untergang verurteilt.

Und hat natürlich jeden Anspruch verwirkt, als angeblich unverzichtbare vierte Gewalt Staatssubventionen zu kassieren.

Der Agent im Dienste ihrer Majestät und von Labels und Marken darf das. Er wird dafür bezahlt. Wer dann so blöd ist, einen Bond-Champagner für 185 Franken zu bestellen, ist selber schuld. Okay, wer «Watson» liest, auch. Ist immerhin gratis.