Schweizer Journalist:in-klusive Werbung

Das Medienmagazin mit hohem Gähnfaktor probiert neue Werbeformen bei kopierten Ideen aus.

Dass die frisch umgetaufte «Schweizer Journalist:in» weitgehend inseratefrei daherkommt, das ist ja im heutigen Journalismus nichts Neues. Dass der Inhalt nur teilweise mit der Schweizer und auch der Schweizer:in Realität zu tun hat, Sparmassnahme. Dass er auch weitgehend inhaltsfrei daherkommt, keine Sparmassnahme.

Dass man die eigene Herausgeberin dazu zwingt, nochmal und ausführlich das Interview mit Claas Relotius zu beschreiben, nun ja, vielleicht gibt es tatsächlich JournalistInnen, die immer noch etwas über den Lügner, Fälscher und Ausnützer des Gesinnungsjournalismus beim «Spiegel» wissen wollen. Sozusagen der Über-Tom-Kummer, die Schande des einstmals grossen deutschen Nachrichtenmagazins.

Das alles sind halt Notizen aus der Tiefebene des modernen Sparjournalismus, wo Schmalhans, Pardon, Schmalhänsin, Küchenmeister!in ist. Aber dennoch bietet die aktuelle Ausgabe des Medienmagazins einen echten Primeur.

Eins, zwei, viele Scoops.

Es brauchte die geballte Frauenpower von Carmen Epp (Autorin, Redaktorin Tierwelt) und Annette Milz (Formatidee, ehemalige Chefredakteurin des deutschen Medium Magazins für Journalisten vom Oberauer Verlag, der auch den SJ herausgibt), um den Vorhang vor den «heimlichen Heldinnen und Helden» zu heben. Abgesehen davon, dass man diesen Titel auch eleganter gendern könnte: die Suche nach Medienschaffenden, die «sonst nie im Mittelpunkt stehen, ohne die im Alltag auch nichts laufen würde».

Gut kopiert und eingeschenkt: wo soll da ein Problem sein?

Das ist durchaus eine verdienstvolle Idee, allerdings nicht sonderlich originell:

Das ist nun bis zur Präsentation mit einem sich öffnenden Vorhang gut kopiert, auch von den «Hidden Stars» konnten sich die beiden Chefredaktorinnen nicht trennen. Im Editorial brüsten sie sich damit:

«Wir haben uns gefragt: Wer sind eigentlich die heimlichen Heldinnen und Helden auf den Schweizer Redaktionen? … Gemeinsam mit unserer Autorin Carmen Epp haben wir uns auf die Suche gemacht.»

Mit Verlaub: «Gemeinsam haben wir eine Idee eins zu eins übernommen und auf die Schweiz übertragen.» Das wäre wenigstens näher als Relotius an der Realität gewesen. Das ist weder verboten, noch anrüchig, im Gegensatz zur Methode Relotius. Nur sollte man es vielleicht nicht als Antwort auf eine Selbstbefragung präsentieren, sondern transparent eingestehen, dass gut kopieren immer besser als schlecht selbst erfinden ist.

Aber neben der Kopie gibt es noch etwas Originelles

Es gibt hingegen eine echt originelle Idee bei dieser Story, aber die wird leider recht unter den Scheffel gestellt. Bevor diese Suche auf 11 Seiten ausgerollt wird, überrascht den Leser ein ganzseitiges Inserat der Credit Suisse. Das fällt besonders auf, weil es im Heftinnern das einzige ist. Auch das ist nicht verboten oder anrüchig; hoffentlich kann die CS auch die rund 6000 Franken nach Inseratetarif noch zahlen.

Überraschend ist hingegen der Text des Inserats:

«Wir gratulieren den heimlichen Heldinnen und Helden der Medienhäuser zu ihrer tollen Arbeit und aussergwöhnlichen Leistung! Wir freuen uns auf weitere spannende Projekte und wünschen auch künftig viel Erfolg!»

Das weist doch darauf hin, dass die «Credit Suisse Medienstelle» als Gratulantin über den Inhalt des folgenden Artikels informiert war. Was man dann im Schönsprech eine Publireportage, einen Paid Content, einen gesponserten Artikel nennt. Genau diese Frage stellten wir der Chefredaktion des SJ. Ihre Antwort: «Auf unserer Webseite können Sie feststellen, dass die Mediadaten im Voraus bekannt sind. Dass im Heft 3/2021 die heimlichen Heldinnen und Helden gekürt werden sollten, war also sämtlichen Werbekunden (und allen, die es sonst interessiert) seit Anfang Jahr einsehbar.»

Frei nach Radio Eriwan: im Prinzip ja

Die Kür ist angekündigt, nur: von wem und für was?

Es ist nun aber eher realitätsfremd, um das ganz frei von Diskriminierung oder Sexismus auszudrücken, dass die Grossbank eine ganze Seite Gratulation kauft, ohne mehr als diese dürre Angabe aus den Mediadaten zu kennen. Denn wem sie da wozu gratuliert, das wäre vielleicht schon noch gut zu wissen, Schliesslich achten gerade Banken doch trotz alledem auf ihre Reputation, und heimlichen Helden zu gratulieren, die sich als Whistleblower gegen Finanzinstitute Verdienste erworben haben, das wäre dann vielleicht etwas peinlich gewesen.

Also machen die neuen Führungskräfte des Trümmel-Magazins den gleichen Fehler wie viele ihrer Kollegen in den sogenannten Qualitätsmedien der Schweiz: sie halten ihre Leser für brunzblöd. Dabei würde doch niemandem ein Zacken aus der Krone brechen, wenn eine kopierte Idee als solche ausgewiesen und ein mit dem Inhalt eines Artikels gekeiltes Inserat als solches präsentiert würde.

Aber dazu bräuchte es vielleicht weniger gespielte Lockerheit, sondern echte Souveränität, wenn man zwei Jungjournalistinnen diesen Ratschlag geben darf, die vielleicht von ihrer Funktion leicht überfordert sind. Aber da kann man noch hineinwachsen, ganz sicher. Vielleicht. Unter Umständen. Falls es den SJ noch ein paar Jährchen gibt. Was aber eher unwahrscheinlich ist.

 

 

 

 

2 KOMMENTARE
  1. Johann Oberauer
    Johann Oberauer says:

    Lieber Herr Zeyer, Sie sind ein ziemlich kritischer Geist, dem man´s schwer recht machen kann. Wir versprechen uns noch mehr anzustrengen und freuen uns auf das erste Lob aus Ihrem Haus. Wann immer das auch kommen mag, wir sind geduldig. 🙂 Bis dahin müssen wir uns wohl weiter wundern, dass entgegen Ihrer Erwartungen unsere Verkäufe sowohl im Einzel- als auch im Abo-Verkauf steigen. Also bleiben Sie an uns dran. Sie tun uns beiden einen guten Dienst. Und ja, Anzeigen könnten wir mehr brauchen. Wenn Sie eine Idee haben, bitte melden. Gerne auch hier in Zackbums drüber schreiben, damit auch andere Medienhäuser davon profitieren. Herzlichst Johann Oberauer

    Antworten
  2. Eveline Maier
    Eveline Maier says:

    Danke Herr Zeyer, dass sie diese Zeitschrift (mit Gähnfaktor) für mich gelesen haben. Muss mir dies somit heute und morgen nicht mehr antun.

    Der Oberauer Verlag scheint mit dieser «Schweizer Journalist:in» eine ewige Durststrecke vor sich zu haben…….. Prosit !

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