Kette der Belanglosigkeiten

Früher generierten Journalisten ihre Storys durch Mithorchen am Stammtisch oder einen anonymen Hinweis per Briefpost. Heute krallen sie sich zusammen, was sie auf Instagram und Co. finden. Zum Leidwesen der Leser.

Von Stefan Millius

«Angepöbelt, weil er Männer liebt»: Die Schlagzeile auf dem Lokalportal stgallen24.ch verspricht Drama. Gab es da wieder eine dieser inakzeptablen Hetzjagden auf einen Homosexuellen? War Gewalt im Spiel?

Nicht ganz. Der Artikel dreht sich nämlich um folgendes Ereignis: Ein 20-jähriger Mann, der offenbar durch eine Perlenkette auffiel, befand sich mit einem Kollegen in einem Fast-Food-Lokal. Zwei junge Männer begannen, sich tuschelnd und lachend über die beiden zu unterhalten. Was im Spruch gipfelte: «Schau dir mal diese hässliche Schwuchtel an.» Ende.

Anpöbeln ist anders

Nun ist das zwar nichts, was man über andere Leute hörbar sagen sollte und es deutet nicht auf eine nachhaltig erfolgreiche Erziehungsarbeit hin. Es entspricht aber nicht dem Wortsinn von «anpöbeln», es gab keine direkte Konfrontation, keine Bedrohung, nichts. Es geschah das, was Übergewichtigen, Pickligen oder allgemein aus der Norm stechenden Leuten bedauerlicherweise täglich passieren kann: Andere Leute starren und tuscheln.

Und das wird ernsthaft auf 7300 Zeichen ausgebreitet. Wie um das zu rechtfertigen, liefert der 20-Jährige ein weiteres Beispiel nach. Im letzten Winter habe ihm ein Mann auf Albanisch «Schwuchtel» nachgerufen. Wieso das im Artikel mit «Nick» benannte Opfer das überhaupt verstand, bleibt offen. Aber es geht in die Richtung der Fast-Food-Begegnung: Nicht schön, nicht richtig, aber kein öffentliches Ereignis.

«Pride Month» wird ausgewalzt

Denn so daneben es ist, mit einem Schimpfwort bedacht zu werden oder mitzukriegen, wie zwei andere abwertend über einen reden: Ist das echt eine Titelstory von halbepischer Länge wert? Die Auflösung kommt am Schluss: Anlässlich des «Pride Month» hat sich die Redaktion von stgallen24.ch vorgenommen, bis Ende Juni regelmässig Artikel rund um Homosexualität zu publizieren. Da muss ein dahingeworfenes «Schwuchtel!» in einer Fremdsprache wohl reichen, um Inhalte zu generieren.

Damit ordentlich Text zusammenkommt, weist die Autorin im Text auch gleich noch auf die Abstimmungsvorlage «Ehe für alle» hin und stellt «Grindr», ein Datingportal für Schwule vor. Weil das ja direkt zusammenhängt mit Anpöbeleien im öffentlichen Raum.

Nur Negatives schafft es weiter

An die Öffentlichkeit drang das Ganze schliesslich, weil Nick das jüngste Vorkommnis auf Instagram veröffentlichte und sich die Redaktion des Lokalportals drauf stürzte – juhu, einer aus unserer Gegend, das füllt! Das Problem der Zusammenhangskette «Von den sozialen Medien in die ‹richtigen› Medien» ist, dass die Perspektive des Publikums verzerrt wird. Hätte Nick auf Instagram berichtet, wie er freundlich auf seine wunderschöne Perlenkette angesprochen wurde und sich daraus ein konstruktives Gespräch über Homosexualität entspann: Da hätte man bei einer Redaktion höchstens müde gegähnt, aber garantiert nichts geschrieben. Den Weg in die Schlagzeilen finden nur Negativerlebnisse. Was in der Summe den Eindruck vermittelt, Nick und Co. würden täglich ein Spiessrutenlaufen erleben.

Ach ja, laut «Google Translator» heisst «Schwuchtel» auf albanisch übrigens «fanatik». In der Rückübersetzung wird dann aber das neudeutsche «Freak» ausgespuckt. Immerhin liefert die Nullstory noch einen Hauch Allgemeinwissen.

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