Wernli hat man nicht gernli

Seien wir ehrlich: die «Weltwoche» hat ein Frauenproblem. Katharina Fontana geht. Bedauerlich. Wernli bleibt. Bedauerlicher.

Die Kolumne von Claudia Schumacher hat einen grossen Vorteil. Man kann sie so schnell überblättern, dass es nicht mal einen Phantomschmerz gibt. Bei Tamara Wernli kann man höchstens sagen, dass durch ihre Kolumne der Begriff «letzte Seite» eine tiefere Bedeutung bekommt.

Wir haben sie schon mal streng zurechtgewiesen, dem Hinweis eines sprachlos gequälten Lesers folgend. Aber so ist’s mit der heutigen Jugend und auch mit nicht mehr so jugendlichen Kolumnistinnen: schwerhörig, beratungsresistent. Ausserdem ist das auch unnötig: wenn man nix anderes kann und immer wieder eine geschützte Werkstatt findet, wo man mit der staubigen Bröseligkeit des gleichnamigen Guetzlis immer wieder die einzigen Trümpfe ausspielt: Frau, konservativ, provokativ.

Leider bedient sie auch alle Vorurteile, die es gegen echte und unechte Blondinen gibt. In ihrer neusten Kolumne in der «Weltwoche» begibt sich die Video-Bloggerin leider in Themengebiete, von denen sie keine Ahnung hat. Das zeichnet auch ganz allgemein ihre Schriftstücke aus, aber diesmal ist’s besonders schmerzlich.

Was unterscheidet Wernli von Marie-Antoinette?

Das fängt beim Titel an und zieht sich bis zum letzten Satz durch. «Die Marie-Antoinette des ZDF», was will uns die Blondine damit sagen? Kommt da was mit Brot und Kuchen, mit Guillotine? Indirekt, sehr indirekt, denn Wernli köpft tatsächlich Logik, Zusammenhänge und verständliche Schlussfolgerungen.

Soweit ich den Flachgebieten der eher zusammenhangslosen Sätze folgen konnte, geht es Wernli darum: Jan Böhmermann, «einer der bekanntesten Entertainer im deutschsprachigen Raum», verführt viele junge Menschen zum Sozialismus. Ohä, und das erst noch unter weiss gepuderte Perücke mit einer Kratzhand aus Elfenbein, das Mieder züchtig geschnürt? Moment, das müssen wir so stehenlassen, Erklärung folgt.

Erregungsbewirtschaftung à la Geissens.

Wie tut er das denn? Mit Aufforderungen, Marx, Engels oder Lenin zu lesen? Indem er sich lobend darüber äussert, dass Marie-Antoinette wie auch ihr Gatte geköpft wurden? Nicht ganz. Er fordere nämlich «Google verstaatlichen, Facebook enteignen und Twitter regulieren».

Tiefenpsychologie Wernli starrt auf Schreckliches

Wernli gibt sich schockiert, etwa so wie Marie-Antoinette, wenn ihr Gatte den Wunsch nach schon wieder einem neuen Juwelengehänge wegen Ebbe in der Kasse ablehnen musste. Man stelle sich vor, entrüstet sich das Wernli, da hätten Unternehmer was Grossartiges aufgebaut, und nun wolle Böhmermann das denen einfach wegnehmen. Schlimmer noch: «Enteignungsfantasien lassen ja immer tief in die Seele eines Menschen blicken», weiss Tiefenpsychologin Wernli. Und sie erblickt Schreckliches.

Da Böhmermann auf Twitter User blocke, mit deren Meinung er nicht übereinstimme (wer errät, welcher User das sein könnte?), soll mit dieser Verstaatlichung «Leuten, die Dinge sagen, die er für falsch hält, die entsprechenden (privaten) Plattformen entzogen werden – also sollte ein bisschen die demokratische Mehrheitsgesellschaft enteignet werden.»

Hier muss ich dem Leser helfen; ich brauchte auch eine ganze Weile, um diese Logik ansatzweise nachvollziehen zu können. Mein Resultat stundenlanger Bemühungen, einen tiefen Blick in das gedankliche Chaos von Wernli zu werfen: Böhmermann will diese Internet-Giganten verstaatlichen, zumindest regulieren. Soweit noch einigermassen verständlich.

Wir schreiten unbeirrt in einem gedanklichen Labyrinth voran

Warum? Weil damit Leuten, mit deren Meinung er nicht übereinstimme, das Maul gestopft werden könne, was dann die «demokratische Mehrheitsgesellschaft» enteigne. Ich gebe zu: hier bin ich dann erschöpft zurückgesunken. Nix verstan. Wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, treffen ja zurzeit die grossartigen privaten Unternehmer die Entscheidung, wer auf Twitter und Facebook gesperrt wird (zum Beispiel Trump).

Gleichzeitig erlegt ihnen der Staat, zum Beispiel der deutsche, die Pflicht auf, selbst dafür zu sorgen, dass strafrechtlich relevante, hetzerische, rassistische oder menschenverachtende Posts schnell gelöscht werden. Falls nicht, drohen happige Bussen. Also ist doch das eigentliche Problem, dass hier staatliche Kontrollmacht, nämlich das Bestimmen und die Durchsetzung aller Regeln und Normen innerhalb eines Rechtsstaats, an private Akteure weitergereicht wird.

Ungeheuerlich bedenklich. Und während jedes Medienorgan, auch die «Weltwoche», nicht nur für die Inhalte der Schreiber verantwortlich ist, sondern auch für Kommentare, denen eine Plattform gegeben wird, konnten sich die Internetgiganten bislang auf eine Ausnahmeregelung in der US-Gesetzgebung stützen. Sie seien keine Medienorgane, bei ihnen würden nur Privatpersonen einen Meinungsaustausch betreiben, und ausserdem sei es gar nicht möglich, Milliarden von Posts jeden Tag zu kontrollieren.

Was verstand schon Marie-Antoinette vom Internet?

Also Rückzug des Rechtsstaats, Wildwest im Internet, wie das Armdrücken von Facebook mit Australien zeigt, zudem die arrogante Machtfrage, ob Facebook stärker ist als der australische Staat oder nicht. Ob Facebook weiterhin mit Kundendaten, mit Werbung, mit völliger Verantwortungslosigkeit und haftungsfrei unkontrolliert Milliarden verdienen kann – oder nicht.

Aber von Wirtschaft, Machtfragen, Rechtsstaat, Verantwortlichkeiten hat Wernli ungefähr gleich viel Ahnung wie Marie-Antoinette. Ach ja, und wieso sei die in Böhmermann wiederauferstanden? Nun, ich hab’s auch nicht verstanden, aber ich kann’s referieren: Sollte Böhmermann sich nicht im Klaren sein, dass seine Enteignungsideen «absurd» seien, dann würde das bedeuten, dass sich «die Marie-Antoinette des ZDF überhaupt nicht mehr spürt, sich für unantastbar hält.»

Um das zu verstehen, braucht man entweder einen viel grösseren oder einen viel kleineren Kopf, als ich ihn habe. Ich als Sprachrohr der demokratischen Mehrheitsgesellschaft gebe zu Protokoll: Ein Verzicht auf Wernli in der «Weltwoche», damit sie sich voll auf den «Nebelspalter» konzentrieren kann, würde ich weder als Enteignung, noch als Zensur empfinden. Im Gegenteil. Als Erleichterung und Bereicherung.

7 KOMMENTARE
  1. Martin Schwizer
    Martin Schwizer says:

    Ich kann den Wernli-Verriss nicht ganz nachvollziehen. Mir scheint, da wird aus der Kaffee- und Guetzli-Beziehung zwischen Wernli und Zeyer wohl nichts mehr.

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  2. Zaungast Mike
    Zaungast Mike says:

    Herr Zeyer, sie vergreifen sich hier völlig. Gemessen an dem, was die Mehrzahl der weiblichen Journalisten sonst so abliefert in der Schweiz, ist Wernli akzeptabel. Und ihre Metaphern sind nicht so verschlüsselt, dass man nichts versteht. Da sollten Sie sich mal etwas vom Germanistendünkel befreien.

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  3. Mathias Wyss
    Mathias Wyss says:

    Um den von Roger Köppel gross angekündigten JM Büttner ist es auch ruhig geworden in der WW. Anscheinend publiziert er nach wie vor fleissig im Tagi, der ihn zuvor geschasst hatte. Gut möglich, dass man ihm dort zu verstehen gegeben hat, es sei nicht opportun, gleichzeitig für die WW zu schreiben. So läufts oft bei den Links»liberalen».

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  4. Marcella Kunz
    Marcella Kunz says:

    Es ist wohl eher umgekehrt, nämlich dass Journalistinnen ein Problem mit der WW haben. Eine grosse Ausnahme ist Frau Fontana, die nun bedauerlicherweise geht. Die allermeisten Frauen betreiben doch mit Vorliebe Selbstbespiegelung oder schreiben über Gesellschaftsthemen, meist Luxusprobleme von Mittelstandsfrauen, oft mit einem moralistisch-infantilistischen Unterton und ausgeprägter Sympathie für den Nannystaat.

    Auf Claudia Schumachers Kolumne, die sie wöchentlich abliefert, um ihre Existenz in Deutschland als kommende Buchautorin zu sichern, konnte ich schon immer verzichten (habe schon mehrmals an die Redaktion geschrieben, es sei dann mal genug). Tamara Wernli hat Hochs und Tiefs, aber generell sind die Texte viel zu lang und somit zu geschwätzig. Letztlich ist es für mich völlig unerheblich, ob Mann oder Frau schreibt, es geht um Relevanz und Substanz. Eine Frauenquote wird es bei der WW ohnehin nie geben, da kann Frau Sommaruga lange täubeln.

    Der/Die Tages-Anzeiger*in ist zwar kein Massstab, aber wenn ich nur schon den Titel auf der Baz-Website sehe: «Ich war noch nie in (Dorf X) …» von Max Küng, und dies Woche für Woche, dann erübrigt sich die Lektüre, und die Tamara sieht dann in jeder Beziehung besser aus.

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    • Laura Pitini
      Laura Pitini says:

      Ihre Charakterisierung ganz hohe Schule; deshalb nochmals unten ein Ausschnitt davon. Leider so wahr. Mag dies der Grund sein, weil derartig viele Frauen eine Karriere als Influencerin aufbauen wollen?

      «Die allermeisten Frauen betreiben doch mit Vorliebe Selbstbespiegelung oder schreiben über Gesellschaftsthemen, meist Luxusprobleme von Mittelstandsfrauen, oft mit einem moralistisch-infantilistischen Unterton und ausgeprägter Sympathie für den Nannystaat».

      Ob Max Küng oder diese Laura de Weck. Es mutet schon ungewöhnlich an, wenn diese AutorInnen immer nach dem gleichen Schreibmuster auf Leserzuspruch gehen wollen.

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  5. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    «Frau, konservativ, provokativ.»

    Etwas genauer gesagt: Provokativ, da Frau und konservativ. Bedenklich in einem freien, demokratischen Staat, dass die Kombination von Frau und konservativ offenbar als Provokation gilt.

    Nun muss ich auch mal bei Ihrem Beitrag, Herr Zeyer, bemerken: Kannitverstan. Eventuell liegt es daran, dass ich Wernlis Artikel nicht gelesen habe. Doch vielleicht möchte sie Folgendes ausdrücken:

    Linke wie Böhmermann machen den grundlegenden Denkfehler, dass sie davon ausgehen, die Staatsmacht lenke und steuere, im Gegensatz zur freien Marktwirtschaft, stets alles «richtig». Also exakt so, wie es ihrem Gutdünken, ihrer Ideologie entspricht. Dass diese Prämisse nachweisbar so falsch wie dumm ist, muss hier nicht weiter ausgeführt werden.

    Dass Twitter und Facebook einen Linksdrall haben und konservative, rechte Stimmen abklemmen, mag für Böhmermann ok sein, geht ihm aber viel zu wenig weit. Darum: Sofort verstaatlichen für totale Kontrolle! Gegenstimmen gelten in diesem Milieu als Provokation, werden als Hass und Hetze gegeisselt.

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  6. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Somm hat Wernli schon gernli. Peinlich, Somm will mit alten Latschen zu der auch Wernli gehört mit dem Nebelspalter neue Wege gehen. Das Projekt Nebelspalter 21 entwickelt sich zu einer Rehabilitationsstation für ehemalige WeggefährtenInnen. Somm sollte noch einmal das Crash-Protokoll der BAZ lesen und daraus lernen!

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