Die Wüste lebt

Lena Bueche leistet dem Lokaljournalismus einen Bärendienst.

«Lokaljournalismus lebt» ist der Titel zu einem längeren Artikel von Lena Bueche in der «NZZ». Was löblich tönt, beginnt schon mit einem kreuzfalschen Einstieg. «Viele Lokalzeitungen sind in den letzten Jahren verschwunden – entweder wurden sie eingestellt oder von einem der grossen Medienhäuser einverleibt. Denn wie auch der Rest der Medienbranche stehen sie unter wirtschaftlichem Druck: Die Werbeeinnahmen gehen zurück, Nachrichten werden gratis im Netz konsumiert, online verdrängt Print.»

Erstaunlicher-, ja erfreulicherweise, sind in den letzten Jahren praktisch keine Lokalzeitungen eingegangen. Als negative Ausnahme gilt die Rhonezeitung im Wallis, ein Gratisblatt mit immerhin über 40000 Exemplaren wöchentlich. Sie erschien im März 2020 zum letzten Mal. Schon 2018 erwischte es den Rigi-Anzeiger. Einige Wochen später barfi.ch, ein Basler Onlineportal. Auch die Waadtländer Gratis-Wochenzeitung Le Régional verschwand, im Mai 2020. Den als Print nicht mehr erscheinenden «Le matin» in der Westschweiz hingegen kann man nicht als Lokalzeitung bezeichnen, ebenso wenig wie die 2018 Knall auf Fall eingestellte Tessiner Tageszeitung «Giornale del Popolo».

Die vielen Quartier- und Lokalzeitungen gedeihen prächtig

Das sind alles Ausnahmen, welche die Regel bestätigen: Die vielen Quartier- und Lokalzeitungen gedeihen erstaunlich prächtig. Auch die Coronakrise kann ihnen vorderhand wenig antun. Lokale Inserenten sind zumeist sehr treu. Warum also kommt Lena Bueche auf so ein schräges Fazit? Zugegeben, es tönt gut. Und bildet die Legitimation, damit Bueche nachher die üblichen Verdächtigen in Sachen «Lokale Onlineportale» aufs Podest schreiben kann. Sie tut dies mit der rührenden Bemerkung, damit würde «der Lokaljournalismus wiederbelebt und zukunftstauglich gemacht». Wiederbelebt? Ist er klinisch tot? Nur weil die «NZZ» ihre lokalen Seiten stetig zusammenkürzt, muss das noch nicht für die ganze Branche gelten. Ebenso nicht, wenn Tamedia wie von ZACKBUM.ch schon im November gemeldet, ihre kantonalen Redaktion der Landzeitungen Zürichsee-Zeitung, Landbote und Zürcher Unterländer zusammenlegt.

Es gibt eine enorme Menge an Quartier- und Lokalzeitungen, die den Mikrokosmos der Schweiz repräsentieren. Es mag für Aussenstehende nicht besonders interessant sein, wenn der Chorleiter von Döttigen sein 30-Jahr-Jubiläum feiert. Wenn die GLP ihre Kandidaten für die Schulpflege in Oberrohrbach nominiert. Wenn die Feuerwehr Zollikon ein neues, nicht gerade günstiges Multifunktionslöschfahrzeug vorstellt. Und wenn 124 Unterschriften zur Rettung des Restaurants Frieden in Unter-Affoltern gesammelt wurden. Aber es interessiert im Dorf oder in der Kleinstadt. Vielleicht mehr als die xte Analyse über Donald Trump.

Kreuzverkehrte Analyse, kreuzverkehrtes Lob

Darüber schreibt Lena Bueche aber keine Zeile. Lieber verklärt sie Portale wie «Tsüri», «Bajour» und «Kolt» (aus Olten) zu Rettern des Lokaljournalismus. Dabei sind die Mitgliederzahlen, herkömmlich Abonnenten und in der Republik-Sprache «Verleger» genannt, oft erstaunlich tief. «Tsüri.ch» zum Beispiel hat deren 1200. Allein der Verband Schweizer Regionalmedien umfasst 25 Blätter mit einer Leserschaft nach Wemf von 1,5 Millionen. «Bajour» behauptet, knapp 2500 «Member» zu haben. Die Höngger Zeitung in Zürich zum Beispiel gibt es seit 1926. Jenem Redaktionsteam muss man nicht unbedingt sagen, wie Lokaljournalismus geht. Die Auflage dieses Quartierblattes: 13200.

«Tsüri» hingegen ging kürzlich nach Schwamendingen, einem Aussenquartier von Zürich. Der Artikel beginnt so: «Schwamendingen hat es nicht einfach. Googelst du danach, schlägt dir die Suchmaschine automatisch Schwamendingen Ghetto vor.» Dann folgt die Aufzählung aus Google: «Der Kreis 12 im Norden von Zürich setzt sich aus den Quartieren Saatlen, Schwamendingen-Mitte und Hirzenbach zusammen. Er zählte 2019 rund 33’000 Einwohner*innen. Der Anteil Ausländer*innen liegt mit 35,9 Prozent ein paar Prozent über dem städtischen Durchschnitt von 32,2 Prozent». Undsoweiterundsofort. Das soll also der neue Lokaljournalismus sein. Frau Bueche, schreiben Sie doch nächstes Mal über die wahren Lokalzeitungen.

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