«Journalist des Jahres»: Wurde da getrickst?

Offene Fragen zum Wahlprozedere

Sheena Monnin ist ein Traum. Für Donald Trump war die Miss Pennsylvania 2012 aber eher ein Albtraum. Dem damaligen Miss-Wahl-Veranstalter warf die Brünette nämlich vor, dass die Schönheitswahl zur Miss USA 2012 ein abgekartetes Spiel war und die Siegerin schon vor dem Schaulaufen intern bestimmt worden war.

Das hätte sie auf ihrem Facebook-Konto besser nicht geschrieben. Trump jagte nämlich seinen Pitbull-Juristen Michael Cohn auf sie los. In der Folge verlor Monnin viel Geld (sehr viel Geld) und galt in der Öffentlichkeit als Miss Stutenbiss.

Man merke: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist. David Sieber, Chefredaktor «Schweizer Journalist», hingegen ist verzückt. In elf Kategorien zur Wahl der «Journalisten des Jahres» haben gleich zehn Frauen gewonnen. Beste Kolumnen, beste Wirtschaftsgeschichten, beste Reportagen, beste Beste – wer schreibt sie? Die Frauen. Das symbolisiere einen «Frauen-Triumph», so Sieber.

Bitte um «Vertraulichkeit»

Die Wahl wirft allerdings grosse Fragen auf. In der Vorjury nominieren ausgewählte Journalisten ihre Lieblinge. Sieber ist Basler und bestimmt die Spielregeln: Das Weltblatt NZZ aus Zürich und die Winzig-Plattform Bajour aus Basel haben darum gleich viele Jurymitglieder. Man erfährt nicht alle Jurymitglieder. Nur wer will, steht mit Namen auf der Liste. Die anderen, die «um Vertraulichkeit gebeten haben», kennt man nicht. So viel zur Transparenz und Schummelmöglichkeiten.

In früheren Jahren so sagen ehemalige Jurymitgliedern, hat nie jemand «um Vertraulichkeit gebeten». Im Gegenteil, man fühlte sich geehrt und machte gerne mit.

Von der «rechtsgefederten Ecke», so Sieber, hätten Roger Köppel und Markus Somm darauf verzichtet, an der Nomination teilzunehmen, «weshalb dieses Lager untervertreten ist.» So einfach ist das also. Roger Köppel sagte auf Anfrage von Zackbum.ch: «Ich habe es vergessen, da ich unsere Website Weltwoche-Daily ausgebaut habe.» Und Somm? «Ich habe mich noch nie daran beteiligt, weil ich es grotesk finde, dass wir Journalisten uns selbst beurteilen und auszeichnen.»

Wenig Ausgewogenheit

Eigentlich sollte der Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» ein Interesse daran haben, die ganze Gilde des Publikums zu bedienen und letztlich auch bei den Kandidaten die ganze Bandbreite von links bis rechts abzudecken. Seine Vorgänger Markus Wiegand und Kurt W. Zimmermann haben das gemacht. Für Sieber gilt aber anscheinend: Wenn Somm und Köppel nicht reagieren, kommen von der «rechtsgefederten Ecke» auch keine Journalisten. Sieber hat die Frage nach Ausgewogenheit bei der Kandidatenkür nicht beantwortet.

Wer an einen Betriebsunfall glaubt, ist naiv. Sieber und sein österreichischer Verleger Johann Oberauer mögen Frauen. Vielleicht lieben sie sie sogar. Aber wichtiger ist: Sie brauchen sie als Leserinnen. Dem Verlag geht es gar nicht gut. Die abonnierte Auflage dürfte gemäss früheren Anfragen bei etwas über 1000 Exemplaren liegen. Gemäss eigenen Angaben liegt die Auflage bei knapp 5000 Exemplaren, die an mehr oder weniger zufällige Adressen ungefragt verschickt werden.  Es handelt sich beim «Schweizer Journalist» de facto um eine Gratiszeitung. Anders als mit einer Streuauflage hat man keine Chancen auf Inserate.

Wenig Werbung

In der aktuellen Nummer (100 Seiten) finden wir hochgerechnet etwa 9 Seiten Fremdwerbung. Watson und das MAZ inserierten; sie sitzen ja auch in der Jury. Ausserdem wirbt der Tabakkonzern Japan Tobacco International (!) und die SVA, die auf Früherkennung bei Depressionen hinweist («Psychische Probleme überdecken das wahre Gesicht»). Die Erträge aus dem Anzeigengeschäft sind gering. Die hohen Rabatte, die der «Schweizer Journalist» anbietet, sind in der Branche bekannt. Manche Inserate sind auch nur Gegengeschäfte für Sponsoring-Kooperationen.

Werbung also für Rauchen und Depressionen. Fehlt nur noch Saufen und wir sind beim Journalisten der Gegenwart angekommen. Doch solche Probleme beschäftigen die Gewinnerinnen des Jahres 2020 hoffentlich nicht. Junge, unbeschwerte Frauen haben gewonnen. Journalistinnen mit grosser Fangemeinde, aber dünnen Storys. Zum Beispiel Anielle Peterhans, Fiona Endres und Nicole Vögele («Journalistinnen des Jahres»). Die drei «Rundschau»-Frauen durften sich ein halbes Jahr einem einzigen Thema widmen (Crypto). Wo gibt es das noch? Ihre Arbeit basiert im Grunde auf Recherchen anderer; übrigens von Männern. Und allein die Lohnkosten der drei Frauen haben die Gebührenzahler ungefähr 150‘000 Franken gekostet.

«Der Status wurde nicht abgefragt»

Der Verleger Johann Oberauer will «bevorzugt vollumfänglich» zitiert werden. Wir versuchen es. Also, Herr Oberauer, wer hat da eigentlich alles abgestimmt? Wie viele der 892 abgegebenen Stimmen stammen von aktiven Journalisten oder Groupies? «Der Status wurde nicht abgefragt. Ich kann diese Frage daher nicht beantworten.»

Und, die «Moonin-Frage»: Hat der Verlag deswegen so viele Frauen auf das Siegerpodest gehievt, weil sie das neue Zielpublikum sind?

«Erwarten Sie bitte nicht, dass wir ernsthaft mit Ihnen umgehen. Das ist Kindergeburtstag, was Sie hier aufführen. Oder Neidverhalten. Beides mag für Sie ok sein. Unsere Baustelle ist das nicht.» Zur Anzeigenflaute meinte Oberauer: «Also, das „mit fast keine Werbung verkaufen“ kann ich so nicht stehen lassen. Richtig ist, dass wir wie viele andere auch in diesem Jahr deutlich weniger Anzeigen haben. Blättern Sie mal durch und zählen Sie einfach mit.»

Wie schon erwähnt: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist.

Bemerkung: In einer früheren Version hiess es, Oberauer hätte nicht auf unsere Fragen geantwortet. Am Montagnachmittag erreichten uns seine Antworten, die dann im Text eingefügt wurden.

5 KOMMENTARE
  1. Dominic Miller
    Dominic Miller says:

    Interessant ist auch, wie die JournalistInnen ihr Stimmverhalten erkläern. So begründet z.B. Daniel Faulhaber von Bajour seine Stimme für Ronja Beck von Republik.ch wie folgt: «Ich hab wegen ihrer seltenen aber hässigen Tweets für sie gevotet, aber schreiben kann sie scheinz au ganz ok» (Quelle: https://twitter.com/dan_faulhaber/status/1339133580149223425). Man merke sich: Die Qualität einer Journalistin, eines Journalisten zeigt sich heute an ihren/seinen Tweets, nicht an den Recherchen oder Artikeln…

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  2. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Aber wenn wir doch alle – oder die meisten – unsere Nachkommen auf Erfolg, Berühmtheit oder zumindest Promi trimmen wollen, dann braucht es eben solche Kindergeburtstage für Erwachsene.
    Gerade in Coronazeiten oder so … Glaube, Liebe und ganz viel Hoffnung erfüllt die leeren Balkone mit Dankbarkeit.
    Dass gegenseitige Preisinflation überall das Gutgemeinte und den gesamten Markt verderben, wissen wir – allein die Hoffnung auf «Irgendwann selber einmal» bleibt bestehen. Wohl unausrottbar.

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  3. Beth Sager
    Beth Sager says:

    Bravo Herr Frenkel, da scheint wirklich etwas ziemlich faul zu sein. Diese Branchenzeitschrift mit 1000 (bezahlten) Abonnements macht sich lächerlich.

    Wer berechtigte Fragen mit Attributen wie «Kindergeburtstag» abstellen will, weiss selber, dass dieses Wahlprozedere unlauter und gar peinlich ist.

    Gehe einig mit der Ansicht von Markus Somm. Es ist wirklich grotesk, wenn sich Journalisten gegenseitig auszeichnen. Diese Klüngelei-Veranstaltung braucht es nicht. Jede Journalistin, jeder Journalist sollte sich weigern, diesen Preis aus dieser Küche entgegenzunehmen.

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    • Gerold Ott
      Gerold Ott says:

      Die Meriten dieser Preises wirklich mit grossen Fragezeichen behaftet.

      Bei Annahme dieses Preises sollte man besser nicht prahlen und aufschneiden……….

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