«Situation wie eine Woche vor dem Lockdown»

Redaktionen sollten filtern und einordnen. Aber womit?

Eine der wichtigsten Aufgaben jeder Redaktion, ja eigentlich ihre Existenzberechtigung besteht darin, Geschehnisse, Berichte, Standpunkte zunächst einmal auf die Folterbank der Analyse zu legen.

Stimmt diese News überhaupt, wer hat sie bestätigt, was ist die Quelle? Könnte es sein, dass der Verbreiter dieser News von Eigeninteressen gelenkt ist? Kann man eine Studie der Erdölindustrie einfach übernehmen, die zum überraschenden Ergebnis kommt, dass Ölheizungen sehr umweltfreundlich sind?

Die entscheidende Aufgabe einer Redaktion ist also, um dem Konsumenten schmackhaft zu machen, dass der bitte schön Geld für eine Leistung ausgeben sollte, die kunterbunte, komplizierte und nicht unbedingt durchschaubare Welt verständlicher zu machen.

Der Fachmann für alles ist von allem überfordert

Einordnen, gewichten, analysieren, Zusammenhänge herstellen, filtern. So sollte es sein, so ist es längst nicht mehr. Mangels Ressourcen. Mangels Kompetenz. Mangels Fachkenntnissen.

Die heutigen Journalisten sind keineswegs blöder als ihre Vorgänger in besseren Zeiten. Aber wer pro Tag mindestens zwei bis drei Online-Meldungen und dann schon auch noch ein Stück für die Printausgabe raushauen muss, hat schlichtweg keine Möglichkeit, sich einer Meldung vertieft anzunehmen.

Insbesondere, wenn ein vorgefertigter Text der letzten Schweizer Nachrichtenagentur, Keystone SDA, reinflattert. Insbesondere, wenn darin ein Experte, eine Koryphäe zitiert wird. Und da die meisten Zeitungen mit ihren Zentralredaktionen die gleichen Probleme haben, irrlichtert dann der gleiche SDA-Artikel höchstens mit einem leicht abweichenden Titel versehen, durch alle Medien.

Hat die Schweiz schon wieder die Kontrolle verloren?

Die Wahrheit ist konkret, also nehmen wir die Berichterstattung über den «Epidemiologen Althaus». Offenbar ein Fachmann, und wenn der behauptet, die Schweiz habe «die Kontrolle» über die Panedemie verloren, wenn der «auf rasche Massnahmen» drängt, dann ist aber ordentlich Feuer im Dach.

Die «SonntagsZeitung» (Artikel hinter Bezahlschranke) gibt ihm in einem Interview eine grosse Plattform, um unwidersprochen seine Unkenrufe auszustossen. Es gehe mal wieder um jeden Tag, es müsse gehandelt werden, dringlich, es sei unverständlich, dass die Verantwortlichen das nicht einsähen, warnt Christan Althaus.

Wenn das ein Mitglied der Task Force des Bundesrats sagt, dann sollten wir alle wohl vorsorglich schon mal unser Testament machen, nicht wahr? Nein, das wäre verfrüht.

Das knackige Titel-Quote ist die halbe Miete

Der Journalist ist heutzutage stolz auf sich, wenn er ein knackiges Quote aus einem Wissenschaftler herausgequetscht hat. «Situation wie im Frühjahr eine Woche vor Lockdown», ist das knackig oder was? Das sieht auch SDA so und macht flugs eine Meldung draus, die flugs durch den herbstlich schütteren Blätterwald rauscht.

Wieso sollen auch die beiden Interviewer, der Recherchier-King Oliver Zihlmann und der Bern-Korrespondent Denis von Burg, Erinnerungen an den damaligen Lockdown haben. Ist doch längst Geschichte, vergessen, Schwamm drüber.

Und weil sie keine Ahnung haben, erinnern sie sich nicht daran, dass damals der gleiche Christian Althaus die Öffentlichkeit damit erschreckte, dass es bis zu 100’000 Tote geben könnte, es müsse dringlich gehandelt werden.

Der gleiche Wissenschaftler lag schonmal knackig daneben

Seine damalige «wissenschaftliche» Prognose stützte sich auf Erkenntnisse des Imperial College zu London. Genauer des damals dort tätigen Wissenschaftler Neil Ferguson. Der ging von «bestenfalls» 250’000 Toten in England, 100’000 Toten in Schweden aus. Und Schweden ist bekanntlich mit der Schweiz vergleichbar.

Ferguson seinerseits hatte schon 2002 mehr als 50’000 Tote in England wegen des damals grassierenden Rinderwahnsinns vorausgesagt. Es waren dann weniger als 200. Ferguson wurde schliesslich als Berater der britischen Regierung gefeuert. In seinem Prognosemodell, das «dazu beitrug, Grossbritannien und andere Länder zu drakonischen Lockdowns zu bewegen», entdeckten Fachleute später eine Schwachstelle, die «als der verheerendste Softwarefehler aller Zeiten in die Geschichte eingehen könnte, was die wirtschaftlichen Kosten und die Zahl der verlorenen Leben betrifft».

Ein Fall für «Mister Corona» Daniel Koch

Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass in der Schweiz bislang etwas mehr als 1800 Tote wegen Corona zu beklagen sind. Und ein dermassen irrlichternder Wissenschaftler, der sich auf einen anderen irrlichternden Wissenschaftler abstützte, wobei beide zu Prognosen kamen, die dramatisch von der Realität abwichen, hofft nun auf die Vergesslichkeit der Journaille, und spielt sich wieder als der grosse Warner auf.

Das ist ihm unbenommen, Aufmerksamkeit zu erzielen ist ja erlaubt. Aber vielleicht hätten die beiden Tamedia-Koryphäen vor dem Interview sich von «Mr. Corona», Daniel Koch, etwas briefen lassen sollen. Der nimmt zwar stolze 350 Franken für die Beratungsstunde, aber dann hätten die beiden vielleicht wenigstens eine einzige intelligente oder kritische Frage stellen können.

 

4 Kommentare
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen sagte:

    Wenn die Redaktionen nicht mehr filtern und einordnen können,
    dann muss es eben der Konsument selber.
    Fazit: Ganz einfach auf diese nutzlosen Medien verzichten.
    Zumindest nicht dafür bezahlen, die sollen selber sehen
    wie die zum Zaster kommen.
    Wenn der MIST gratis ist, na ja, das ,,Bier“ der Medien.

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  2. Mirella Zumsteg
    Mirella Zumsteg sagte:

    Epidemiologen und Virologen sind die falschen Interviewpartner und haben bisher auch nichts Substanzielles zur Thematik beigetragen. Hingegen kommen Immunologen sehr selten in den Medien zu Wort. Weil es von dieser Seite keine Kassandrarufe gibt.

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  3. Ray Sinniger
    Ray Sinniger sagte:

    Sie sagen es vollkommen richtig Herr Zeyer: Heutzutage werden die Artikel vor allem nur noch „rausgehauen“; dies ist eben nicht nur auf den Boulevard beschränkt. Sehr erstaunlich, dass diese Journalisten Zielmann und von Burg den Epidemiologen Christian Althaus nicht in die Mangel genommen haben. Wer wenige Monate vorher Aussagen gemacht hat von 100000 Toten in der Schweiz, muss ständig daran erinnert werden. Immer und ewig.

    Der Professor Neil Morris Ferguson in der UK hat sich seinerzeit sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Er meinte im Jahre 2002, dass zwischen 50 und 50000 sterben könnten durch BSE (mad cow disease). Sollte Epidemie auf die Schafe übergreifen, so sah er 150000 Tote voraus. Man sah damals eine geringe Zunahme der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit und vermutete einen Zusammenhang mit BSE. Im Vereinigten Königreich sind damals bloss 177 Personen verstorben.

    Im Jahre 2005 meinte dieser Ferguson, dass bis zu 200 Millionen durch die Vogelgrippe sterben könnten. Zwischen 2003 und 2009 sind damals „bloss“ 282 Menschen verstorben.

    Die beiden Journalisten Oliver Zihlmann und Denis von Burg müssen daran erinnert werden, dass sie ganze Arbeit leisten sollten. Auch von Epidemiologen, die für sich Deutungshoheit beanspruchen, darf man eben keine butterweichen Knie bekommen.

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    • Eveline Maier
      Eveline Maier sagte:

      Danke für diesen Kommentar. Oftmals sind diese Journalisten ungenügend vorbereitet. Lassen sich dann zitatenreich einlullen von diesen Experten.

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