Schlacht mit Herzblut, Teil 2

Wie ging es in der epischen Story um den Zürcher Herzchirurgen Francesco Maisano weiter?

Die ersten drei Akte in diesem Arzt-Skandal finden Sie hier.

Teil zwei

 

4. Akt: Stellungskrieg ohne Geländegewinne

Bis Mitte Juni geschah dann nichts Weltbewegendes, die befristete Beurlaubung wurde in eine unbefristete umgewandelt, und der gefeuerte Whistleblower wehrte sich gegen seine Entlassung. Die Medien zupften da und dort, raunten etwas von unerklärlichen Todesfällen, aber eigentlich hofften wohl alle Beteiligten, sich in die Sommerpause retten zu können. Um dann frisch ausgeruht bekannt zu geben, dass nun wirklich alle Vorwürfe ausgeräumt worden seien, und toll, dass Prof. Maisano uns erhalten bleibt.

Aber auch das blieb nur ein schöner Traum. Am 19. Juni gab die Spitalleitung bekannt, dass sie den renommierten Herzchirurgen Paul Vogt interimistisch zum neuen Klinikleiter berufen habe. Tschakata. Der gab ein einziges Interview, indem er seine Absicht bekundete, das Schlamassel aufzuräumen und wieder Ruhe in den Laden zu bringen. Dann machte er sich am 1. Juli ans Werk, nachdem er kräftig gegen geldgierige Ärzte und überforderte Politiker ausgeteilt hatte.

Wo sind die Guten, wer sind die Bösen?

Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand Wetten angenommen, die auf eine Wiederauferstehung von Maisano als Chef der Herzklinik liefen. Vor allem, als noch bekannt wurde, dass diverse Strafanzeigen gegen Maisano in der Mache seien, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ins Bild passte, dass die Spitalleitung in ihrer Wankelmut den Ende April gefeuerten Whistleblower am 7. Juli wieder in Amt und Würden erhob. Also eine völlige Rehabilitierung.

Langsam verlor das Publikum den Überblick; wer sind die Guten, wer die Bösen? Wer hat versagt, wer nicht? Ist Maisano nun eine international anerkannte Koryphäe, deren Beschädigung oder gar Weggang der Herzklinik einen schmerzhaften Imageschaden verursachen würde? Oder kann er persönliche finanzielle Interessen und das Wohl der Patienten nicht auseinanderhalten?

5. Akt: Die Gegenoffensive von Maisano

Lange hatte er geschwiegen, aber am 9. Juli lancierte Maisano seinen Gegenangriff. Mit Schmackes und Pauken und Trompeten. Für die mediale Untermalung sorgte Farner Consulting, wohl immer noch die bestvernetzte PR-Bude am Platz. Für die Munition sorgte ein 132-seitiges Gutachten der renommierten Grosskanzlei Niederer Kraft Frei (NKF). Das überraschungsfrei zum Ergebnis kam, dass es ausser ein paar Kleinigkeiten nichts gäbe, was man Maisano ernsthaft vorwerfen könne.

Im Gegenteil, die erste Untersuchung sei schlampig und inkompetent geführt worden, Maisano sehe sich zu Recht als Opfer einer Verleumdungskampagne. Aber im Namen seiner Familie, seiner Patienten, seiner Reputation könne er nicht mehr länger schweigen, meldete sich Maisano in einem hübsch gedrechselten Text auf Englisch auf der Vernetzungsplattform Linkedin zu Wort. Ihm sei ein Strick gedreht worden aufgrund von vier Artikeln, jammerte er in der NZZ.

Maisano mit Medientraining

Er habe nie etwas verheimlichen wollen, beteuert er im Interview, flankiert von zwei Beratern von Farner und einem Anwalt von NKF. Seine gut gestanzten Antworten zeigen, dass er sich einem längeren Medientraining unterzogen hatte. Heutzutage üblich, wenn man das Geld dafür hat. Mitarbeiter der PR-Bude spielen angriffige Journalisten und versuchen, ihren Mandanten in die Enge zu treiben. Seine Antworten werden analysiert, seine Körpersprache auf Video festgehalten und ebenfalls genau angeschaut.

Dann werden Schwachstellen eliminiert, bessere Antworten einstudiert, die Körpersprache optimiert. All das ist allerdings nicht für ein Trinkgeld zu haben. Man kann davon ausgehen, dass Maisano für das umfangreiche Gutachten mindestens 150’000 Franken ausgegeben hat. Und für Farner nochmal 100’000.

Aber Farner ist sein Geld auch wert. Denn die Gegenoffensive trug Früchte. Plötzlich warnte die NZZ vor einer «heiklen Vorverurteilung». Richtig ins Zeug legte sich aber die «Weltwoche», genauer Christof Mörgeli. In drei aufeinanderfolgenden Riesenstücken versuchte Mörgeli, Maisano als zu Unrecht beschuldigtes Opfer darzustellen, umgeben von ein paar Neidern. Und von Intriganten, die selber etwas zu verbergen hätten, davon aber mit ihren Attacken auf Maisano ablenken wollten.

Publizistische und andere Hilfstruppen

Die NZZamSonntag diagnostiziert einen «Kleinkrieg am Zürcher Unispital», und Mörgeli setzt mit seinem dritten ausführlichen Stück, wofür er umfangreich munitioniert wurde, zum Finale an: Maisano müsse sofort wieder als Klinikdirektor eingesetzt werden. Alle Vorwürfe gegen ihn seien erstunken und erlogen; dauere das Drama noch weiter an, erleide das USZ einen nicht mehr zu reparierenden Imageschaden.

Fleissig wurden von Farner weitere Grussadressen und Unterstützer herbeigeschleppt. Selbst aus der fernen Türkei bekundete ein Arzt sein Befremden über die ungerechte Behandlung dieser Koryphäe. Den Vogel schoss aber das Kantonsspital St. Gallen ab. Der Spitaldirektor, der dortige Leiter der Kardiologie und zwei seiner Leitenden Ärzte unterschrieben einen Brief an die Zürcher Spitalleitung.

Darin erklärten sie, dass ein allfälliger Weggang Maisanos die vertrauensvolle Zusammenarbeit schwer beschädigen würde. Man möchte sich natürlich keinesfalls in die inneren Angelegenheiten einmischen, müsse aber kundtun, dass es leider mit dem Whistleblower keine Zusammenarbeit mehr geben könne.

Offenbar waren die Herren der irrigen Auffassung, dass dieses Schreiben nicht an die Öffentlichkeit durchgestochen würde. Ein Artikel im St. Galler Tagblatt belehrte sie dann eines Schlechteren.

Maisano in Siegerlaune

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Maisano eigentlich in Siegerlaune fühlen. Lange eisern geschwiegen, dann volles Rohr einer Gegenattacke, die zeigt auch Wirkung. Die NZZ schwenkt um auf Vorverurteilung, Mörgeli reitet in der «Weltwoche» mit Pauken und Trompeten seinen Gegenangriff, Unterstützung von innerhalb und ausserhalb der Klinik.

Da hätte es eigentlich nur eine von Farner sicherlich schon vorformulierte Erklärung gebraucht. Die Spitalleitung danke Herrn Prof. Vogt für seinen spontanen Einsatz. Nachdem nun aber die meisten Vorwürfe ausgeräumt seien, gehe es darum, Ruhe in die Klinik zu bringen, an ihren Ruf zu denken und eine weltweit anerkannte Koryphäe nicht länger im Abseits stehen zu lassen. Tatä, der gestürzte König ist wieder da, lang lebe der König.

Fortsetzung und Schluss folgen am Sonntagfrüh.

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