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«Zeit» über Bitcoin: «Tage sind gezählt»

Redaktor jubelt «Hurra» bei Börsentaucher.

Der Kurs von Bitcoin ist in den letzten fünf Jahren um über 8000 Prozent gestiegen. Auch das Corona-Jahr überstand die Kryptowährung unbeschadet: ein Plus von knapp 300 Prozent. Der Verfasser dieses Artikels hat nie in Bitcoin investiert, er ist dafür zu dämlich.

Mark Schieritz ist wirtschaftspolitischer Korrespondent der «Zeit». In der aktuellen Ausgabe (3/21) schreibt er über Bitcoin. Man darf davon ausgehen, dass Schieritz sein Altersguthaben wohl nicht in Bitcoin gewechselt hat. Denn er schreibt: «Ihre Tage sind gezählt.» Warum das so ist, wird in seinem Artikel nicht ganz klar. Er hält die digitale Währung insgesamt für eine «gewaltige weltweite Umweltschweinerei». Grund ist die energieintensive Schürfung.

Schieritz erwähnt eine Studie in einer «Nature»-Ausgabe von 2018. Schätzungen zufolge werden für die Gewinnung knapp 70 Megatonnen CO2 freigesetzt. «Das entspricht in etwa der Menge, die ganz Norwegen in einem Jahr in die Atmosphäre abgibt.» Das stimmt nicht einmal in etwa. Norwegen setzt 52,4 Megatonnen CO2 ab, Tendenz sinkend.

Schieritz und die «Zeit» halten ihre Leser auch sonst für ziemlich dumm. Der Autor wendet sich direkt an die Leserschaft, die in Bitcoin investiert hat. Die könnten auf seine laue Bitcoin-Schimpfe entgegenhalten, dass die Energiekosten für den Betrieb von Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden ja auch ungefähr 70 Megatonnen CO2 betragen. Das stimmt nur dann, wenn man die Energie für die Föhnfrisur von EZB-Chefin Christine Lagarde einberechnet.

Schieritz:«Am Ende ist die Kryptowährung vor allem das: ein Spielzeug für Digi-Nerds und Finanzapokalyptiker.» Und am anderen Ende ist die «Zeit» vor allem ein Wochenmagazin, das den grössten Finanzskandalen der letzten Jahren nur schnappatmig nachrannte: Wirecard, oder Diesel-Skandal – die Primeurs lieferten der «Spiegel» und die «Süddeutsche». Die «Zeit» war zuständig für die Nachlese.

Immerhin, Schieritz hatte dieser Tage viel zu lachen: «Anfang dieser Woche ging es mit dem Kurs deutlich nach unten. Hurra!»

Wer hilft der „Zeit“ mit einer guten Story?

Die „Zeit“ mit ihrer Schweizer Ausgabe hat eine ähnlich grosse Leserschaft wie das Online-Portal Republik. Doch die „Zeit“ will ihre Leser stärker einbinden. Kann das gut gehen? 

Die Gesamtauflage der «Zeit» liegt in der Schweiz bei 17’000. Abonnenten gibt es 10’000. Das ist eine ähnlich grosse Leserschaft, wie die „Republik“ für sich proklamiert. Für diesen beachtlichen Erfolg steht Matthias Daum, Chefredaktor der Schweizer Ausgabe, oder wie die «Zeit» die Stelle beschreibt: «Büroleiter».

Seit über sechs Jahren ist Daum der Leiter. Sein Büro befand sich früher in Baden (AG). Heute residiert man an der noblen Zürcher Dreikönigsstrasse, keine 100 Meter vom See entfernt.

Der Umzug nach Zürich hat eine Stadtflucht in den Köpfen der Redaktion ausgelöst. Seit Mitte Juni 2020 steht die Schweizer Ausgabe unter dem Motto «Alles ausser Zürich». Also nur noch Texte ausserhalb der Zürich-Blase. Diese Idee, so Daum zu Zackbum.ch, sei bei einem Redaktionsbesuch von «Freunden der Zeit» entstanden.

Normalerweise landen Ideen wie diese in den grossen Abfalleimer neben dem Drucker. Anders die «Zeit». «Die enge Bindung unserer Leserinnen und Leser», so Daum, «ist eines der Erfolgsrezepte der Zeit.»

Das Problem bei leckeren Rezepten sind leider die Nahrungsmittel. Die muss man mühsam zusammentragen. Wer Geschichten ausserhalb der Grossstadt Zürich haben will, wohnt darum am besten nicht in der Grossstadt Zürich. Zum Beispiel in Baden. Oder er durchforstet jeden Tag mindestens eine Stunde lang sämtliche Zeitungen der Schweiz. Früher, ja früher, hat es auf den Redaktionen so etwas noch gegeben.

Appell an die Leser

Daum, nicht dumm, wandte sich darum gleich an die Verfasser des tollen Rezepts. In der «Zeit» (2020/29) stand der dringende Appell an die Leserinnen und Leser, der Redaktion spannende Geschichten aus der Restschweiz zu schicken.

Wie viele Geschichten in die Redaktionsstube reinflattern, ist nicht bekannt. Noch effizienter wäre es aber, die Leserinnen und Leser gleich selber die Texte schreiben zu lassen.