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Ein Banause über Frank Buchser in der WoZ

Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Diesmal: eine gescheiterte Bildbetrachtung.

«Es stimmt etwas nicht in diesem Raum», raunt Matt Aufderhorst in der «Wochenzeitung». Das ist untertrieben: «Der Essayist über eine verstörende Kunsterfahrung.»

Ui, musste ihm anschliessend eine Therapie bezahlt werden? Oder ist er inzwischen wieder entstört? Wir bezweifeln das, ehrlich gesagt. Denn er schreibt ganz schön schräges Zeugs. Worüber? Nun, darüber:

«Wer ist eigentlich Frank Buchser? Und wieso hängen seine rassistischen Bilder im Kunstmuseum Solothurn, als gäbe es nichts zu diskutieren?»

Wir fragen zunächst zurück: wer ist eigentlich Aufderhorst? Und wieso darf er einen solchen Stuss schreiben? «Buchser, wie ich später recherchierte, lebte von 1828 bis 1890, war ein Kunstmaler und sogenannter «Abenteurer» aus Feldbrunnen, den ausserhalb der Schweiz kaum jemand kennt.»

Also er kannte Buchser nicht, dafür alle, die das Porträt von Johann August Sutter von diesem Maler kennen:

Maler unbekannt? Für den WoZ-Autor schon.

Aber wahrscheinlich kennt der unbekannte Essayist (wie eine kurze, ergebnislose Recherche ergab) auch Sutter nicht. Macht ja nix, hier vergreift er sich an Buchser: «Ich stand im muffigen Halbsaal und bekam einen Schluckauf im Hirn.» Wir übersetzen: Der Hirnschluckauf stand im Kunstmuseum Solothurn in einem Saal mit Gemälden. Darunter auch zwei Frauenporträts von Buchser. Die sind so schrecklich, dass die WoZ-Fotografin den Leser völlig im Ungefähren lässt; hier ihr Meisterwerk:

Eine original WoZ-Witzfotografie in Originalgrösse als Bildzitat …

Auch den Essayisten schüttelt es so sehr, dass er nicht mehr kann: «Hier möchte ich auf eine Beschreibung des Schwarzen Frauenkörpers verzichten, um nicht den «male gaze» des Malers reproduzieren zu müssen.» Das ist ja alles furchtbar. «Die Klischeevorstellung der «orientalischen» und «afrikanischen» Frau, der Maler hat Marokko bereist, dient – nun urteile ich – sowohl der Lustbefriedigung Buchsers als auch der Profiterwartung des Kunstmarkts.» Grauenhaft, wir wagen es dennoch, das Gemälde, damit der Leser vielleicht miturteilen kann, zu zeigen:

Bitte an den Leser: ja keine Lustbefriedigung …

Nun besinnt sich der Banause darauf, dass ein Essay ja nicht nur Abscheu, Zitate von abgelegenen Kunstkritikerinnen und ähnlichen Nonsens enthalten soll, sondern auch eigene Erkenntnisse: «Kunst ist meines Erachtens nicht autotelisch.» Das ist nun weder eigen, noch neu, wenn man aus dem aufgeblasenen Adjektiv die Luft raus lässt, heisst der Banalsatz, dass Kunst seines Erachtens nicht Selbstzweck sein soll. Hammergedanke.

Erschwerend kommt hinzu, dass Buchser eine ganz andere Darstellungsform einer weissen Frau wählte:

Weiss, bekleidet, malt: schlimm.

Nun dreht der Autor in den roten Bereich und darüber hinaus

War’s das? Aber nein, er hat’s nun etwas mit unverständlichen Fremdwörtern:

«Cancel Culture kann als Call-out, wenn on- und offline auf asoziales Verhalten einer Person oder Organisation aufmerksam gemacht wird, produktiv sein. Missionarischer Eifer geht mir per se ab.»

Ach was, das kann er aber gut verstecken. Was fordert denn der Eiferer? «Sowohl Neuhängung als auch Kontextualisierung wären dringende Massnahmen.»

Wir halten hingegen sehr dafür, dass eine eingehende Untersuchung des Geisteszustands des Essayisten dringend geboten wäre. Denn sein Crescendo gegen Schluss ist beunruhigend:

«Es sei betont: Die Darstellung der Schwarzen Frauenkörper ist keine Nachlässigkeit, über die man in Solothurn, in der Schweiz, in Europa sang- und klanglos hinwegsehen kann. Dies ist keine Provinzposse. Es geht um die (selbst-)kritische Zeitgenossenschaft unseres weiterhin kolonisierenden Kontinents, der afropäische Erfolgsnarrative ausblendet, sich in Bordellen Schwarzer Frauenkörper bedient, der die ertrunkenen Schwarzen Frauen, die über das Mittelmeer zu uns kommen wollten, nicht wahrhaben will.»

Wir sind noch schwindlig und fassungslos über «afropäische Erfolgsnarrative» bis zu den «ertrunkenen Schwarzen Frauen» (mit grossem S, selbstverständlich, wir hatten das schon). Der Amok legt hier ein Narrativ vor, um es so geschwollen wie er auszudrücken, oder auf Deutsch: der quatscht einen Unsinn ohne Grenzen. Mit dieser Geisteshaltung könnte man auch Wilhelm Tell vorwerfen, er habe rücksichtslos das Lebens seines Kindes für eine läppische Mutprobe aufs Spiel gesetzt, wobei wir nicht wissen wollen, wie diese Vater-Sohn-Beziehung genau aussah.

Kehren wir aus Narrativen und Narreteien wieder in die Wirklichkeit zurück

Aber kehren wir aus Wahnwelten wieder in die Realität zurück. Frank Buchser war vielleicht nicht der bedeutendste Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts. Er war ein Abenteurer, der sich sehr empathisch in die marokkanische Welt vertiefte und die USA bereiste. Dort machte er sich unbeliebt: «Ende 1866 und Anfang 1867 erregte er dort mit seinen sozialkritischen Gemälden von Schwarzen und Indianern in Washington und New York einiges Aufsehen», weiss Wikipedia. Und im Gegensatz zu den Behauptungen dieses Kritikasters lässt sich das auch belegen.

Während seiner Studienzeit in Italien hatte sich Buchser den Truppen des Freiheitshelden Garibaldi angeschlossen. In der Schweiz unterstützte er tatkräftig das Entstehen von Künstlervereinigungen, brachte den Bundesbeschluss «zur Hebung und Förderung der schweizerischen Kunst» auf den Weg.

Richtig Übles liess sich über Buchser und sein über 1000 Ölbilder, Fotografien und Skizzen umfassendes Werk bislang nicht sagen. Bis einem Essayisten alle Sicherungen durchbrennen und der WoZ ebenfalls.

Der Autor dieses Schmierenstück erwähnt es nebenbei; das hier war eines der Lieblingswerke von Buchser:

«The Song of Mary Blane»: Schwarze lauschen in Würde.

Man muss gestört und vernagelt sein, wenn man anhand zweier Gemälde dieses Künstlers ein dermassen abschätziges, bösartiges, kunst- und realitätsfremdes Urteil über ihn abliefert. Dass es auch in der WoZ keinen mehr gibt, der die Leser vor solchen Stümpern beschützt, ist sehr bedauerlich.

Bildnis eines unbekannten, stolzen Schwarzen.

 

 

 

 

Der Blick macht jetzt auf Transparenz …

… hat aber noch Luft nach oben.

Die Wochenzeitung WoZ hat letzthin Schleichwerbung im Blick angeprangert, in Zusammenhang mit der Abstimmung über die e-ID. Nun hat Blick.ch am 28.1.2021 eine Art Policy aufgeschaltet. Das Boulevard-Portal schreibt selber dazu:

«Auf Blick.ch stehen einerseits völlig unabhängige, redaktionelle Artikel. Andererseits klar deklarierte, bezahlte Inhalte von Werbekunden. In jüngster Zeit gab es eine Diskussion darüber, ob diese genügend erkennbar sind».

Böse Zungen sagen nun, dass Blick von sich aus eingeknickt ist, weil am 26.1.2021 das Referendumskomitee gegen das e-ID-Gesetz beim Presserat eine Beschwerde gegen Ringier eingereicht hat. Immerhin gut 2000 Bürgerinnen und Bürger unterstützten sie online. Auch wenn das nicht stimmen sollte, orakelt Blick selber, «ob bezahlte Inhalte von Werbekunden genügend erkennbar» waren.

Nun also die komplette Transparenz, zwei Tage nach dem Eintreffen der Beschwerde beim Presserat.

Doch nach einem Gang zum Kiosk vergangenen Sonntag dann die Ernüchterung. Eine rechte Seite weit vorne im ersten Bund handelt vom wunderschönen Saas-Fee. Noch nicht eingelöst wurde offensichtlich folgendes Versprechen:

Diese Inhalte werden auf Artikelebene zusätzlich gleich am Anfang versehen mit dem Vermerk: «Das ist ein bezahlter Beitrag, präsentiert von xx».

Erwähntes Textli erschien im Gegensatz zur recht prominenten Aufmachung hier auf ZACKBUM.ch im Saas-Fee-PR-Text weit unten und in leicht übersehbarer, kleiner Schrift. Eine bessere Fussnote. Bleibt zu hoffen, dass eine allfällige nächste politische Publireportage dann klarer gekennzeichnet ist.

 

Ringiers grosser Profit dank der e-ID

Die Wochenzeitung WoZ zählt vor der Abstimmung über die e-ID messerscharf eins und eins zusammen.

Am 7. März findet sie statt, die Volksabstimmung über die elektronische Identität im Internet. Für die Befürworter ist klar: Damit werden die rechtlichen Grundlagen geschaffen für eine staatlich anerkannte Schweizer e-ID (elektronische Identität). Es sei höchste Zeit, denn immer mehr Menschen, Behörden, Verbände und Unternehmen seien online und bräuchten eine zweifelsfreie Identifikation im Internet. Die Gegner hingegen wittern Gefahren: Private Unternehmen sollen in Zukunft den digitalen Schweizer Pass ausstellen und sensible private Daten verwalten. An die Stelle des staatlichen Passbüros würden Grossbanken, Versicherungsgesellschaften und staatsnahe Konzerne treten.

Logisch, dass private Unternehmen am Lobbieren sind für ein JA. Denn es winkt die grosse Kasse. Kaspar Surber hat dazu in der WoZ eine Recherche-Story veröffentlich. Sie handelt von Ringier. «Folgt man seiner Datenspur, sieht man schnell, über welch gigantische kommerzielle Interessen am 7. März abgestimmt wird. Und welche Gefahren drohen», schreibt Surber.

Ringier Treiber hinter Digitalswitzerland

Eine zentrale Rolle in seinem Text nimmt Ringier-CEO Marc Walder ein. Kein Wunder, war Walder schon 2015 treibende Kraft bei der Gründung von Digitalswitzerland mit der Post, den SBB, Swisscom, Migros, Ernst & Young, UBS, Google, der ETH und natürlich Ringier. Heute zählt der Verband mehr als 150 Mitglieder.

Bei der Abstimmung gehe es durchaus darum, ob der Staat oder Private die e-ID ausstellen und auch, ob die sensiblen Daten zentral in privaten Rechnern oder dezentral (etwa auf dem eigenen Handy) gespeichert werden.

Es geht um nicht weniger als die völlige Kommerzialisierung personenbezogener Daten.

Etwas, was jetzt in der Stossrichtung schon nach dem (freiwilligen) Login bei privaten Medienhäusern passiert.

Für die WoZ ist das Verschwimmen der Daten eine Gefahr, ein Abbau der Demokratie. Ebenfalls klar: Doris Leuthard, damals Bundesrätin, gab Marc Walder in einem Telefongespräch den entscheidenden Tipp. Digitalswitzerland sei wichtig, «doch vergessen Sie die Bevölkerung nicht». Der O-Ton ist nachzulesen in den Ringiermedien. Fazit: WoZ-Autor Kaspar Surber hat seine Hausaufgaben gemacht und die irritierende Vertrautheit ausgegraben «Die Ringier-Medien haben mit seitenlanger Begeisterung dokumentiert, was ihr CEO alles für die Digitalisierung des Landes tat».

Am Digitaltag fand die Initialzündung statt

Daraufhin liess Walder 2017 den «Digitaltag» organisieren. Die CVP-Bundesrätin reiste als «Mutter des Digitaltags» («Blick») in einem – naja – ganz herkömmlichen Zug nach Zürich und eröffnete im Hauptbahnhof den Event: «Wir zünden hier die Digitalrakete Schweiz», zitiert die WoZ den Blick. Dabei war für das Blatt von der Stadtzürcher Hardturmstrasse klar: Das Ziel bestand in der privatisierten, kommerzialisierbaren e-ID.

«Cash», das Wirtschaftsportal von Ringier, berichtete über die  damalige Medienkonferenz: «Es ist ein gewaltiger Durchbruch» (SBB-Chef Andreas Meyer). «Natürlich hoffen wir, dass die Politik uns den notwendigen gesetzlichen Rahmen gibt» (Lukas Gähwiler, VR-Präsident der UBS Schweiz).

Dann wurde laut WoZ nur wenige Monate später die Botschaft zum Gesetz über die elektronischen Identifizierungsdienste vom Bundesrat verabschiedet.

Ziel: Die e-ID solle es dem User erlauben, sich im digitalen Raum einfach und klar auszuweisen, vergleichbar mit einer Identitätskarte. Ein klassisches Beispiel für eine Anwendung ist die Bestellung eines Betreibungsregisterauszugs für die Wohnungssuche. Weitere Anwendungsbeispiele sind das Gesundheitswesen und das Shoppen.

Eigentlich stand immer fest. Wie bei der Sicherheit mit dem Militär und grossmehrheitlich hat der Staat das Monopol.

So war vorgesehen, dass das Schweizer Justiz- und Polizeidepartement die e-ID herausgibt, wie die ID und den Pass. Doch dann kam es laut WoZ zur Kehrtwende: «Obwohl Staaten wie Deutschland dieses Modell anwenden, setzte der Bund aus Angst vor dem technologischen Wandel und drohenden Kosten auf Auslagerung an Private. Der Staat behält so zwar die Aufgabe, eine Person bei der Ausgabe einer e-ID zu überprüfen – der Verkauf, der Vertrieb sowie die Verwaltung der elektronischen Identität werden hingegen an sogenannte Identity Provider (IdP) vergeben», schreibt Surber.

Die Folge: Am nächsten Digitaltag 2018 brachte sich dann auch schon das Swiss-Sign-Konsortium als künftiger Provider in Stellung. Es startete eine Kampagne für seine Swiss-ID, die fürs Erste ein Log-in für verschiedene Onlinedienste war. In einem Werbefilm machte sogar Doris Leuthard Stimmung für das Anliegen. Das geplante Gesetz zur e-ID war damals noch nicht einmal im Parlament diskutiert worden.

Und Ringier? Laut der WoZ ist Ringier zwar nicht Mitglied des Swiss-Sign-Konsortiums. Mit der Swiss ID könne man sich aktuell aber auch in die Angebote des Medienhauses einloggen. Dazu gehören etwa Autoscout, Immoscout, Dein Deal, Jobcloud, Geschenkidee und Ticketcorner. Welche Rolle nun schreibt sich Marc Walder bei der Entstehung der e-ID zu? Mit der WoZ wollte er nicht sprechen, immerhin gab er aber schriftlich Antworten. Dabei beschreibt die WoZ Walder recht launisch: «Walder war erst Tennisprofi, wurde dann Journalist, stieg zum Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und des «SonntagsBlicks» auf, hatte an einem Managementkurs in Harvard ein digitales Erweckungserlebnis, krempelte darauf den Ringier-Konzern als CEO um und wurde von Besitzerfamilie Ringier als ultimativer Vertrauensbeweis zum Miteigentümer gemacht. Leider fand Walder, der mit seinem Glatzkopf auf Fotos stets ein bisschen wie ein Guru wirkt, der freundlich-nachdenklich in die Zukunft blickt, keine Zeit für ein Interview». Ende Zitat.

Walder gibt der WoZ Auskunft – nicht mündlich, aber schriftlich

Walder schreibt der WoZ «bescheiden» zurück, bezeichnet sich selbst ganz einfach als «Befürworter der e-ID»: «Ausländische Erfahrungen zeigen, dass eine erfolgreiche Digitalisierung auf einer erfolgreichen e-ID beruht.» Ob Ringier auch ein Geschäftsinteresse verfolge, will er nicht konkret beantworten:  «Eine vertrauenswürdige e-ID ist die Basis für eine digitale Schweiz.» Er bringt dazu die globalen Player wie Google und Amazon ins Spiel. Ohne Bündelung der Kräfte habe man «nicht den Hauch einer Chance», ist Walder überzeugt.

Bei den Log-ins setzt Ringier momentan auf ein eigenes System mit dem Namen Ringier Connect und weitere Dienste wie die Swiss ID. Es ist aber vieles noch freiwillig. Blick-online-Inhalte wie auch Blick-TV kann man auch nutzen, wenn man bei der Frage nach dem Login «lieber nicht» anklickt.

Die WoZ hat für die Gegenmeinung  Erik Schönenberger, Geschäftsführer der Digitalen Gesellschaft, befragt. Er sagt:

«Die Medienkonzerne sehen bei der Einführung der E-ID einen Goldschatz für ihre personalisierte Werbung funkeln.»

Denn sie hätten einen klaren Vorteil: Im Gegensatz zu Cookies, die nur Geräte wie den Laptop tracken, oder zu Log-ins, bei denen man sich auch als Klaas Klever anmelden kann, werde die x-ID in der vorliegenden Form eine eindeutige Identifikation der User ermöglichen, schreibt die WoZ.

Und das Argument, dass man beim online-Einkauf  Vorteile habe mit der E-ID? «Warum soll ich mich beim Einkaufen überhaupt ausweisen müssen», fragt Schönenberger. In der vorliegenden Form diene die E-ID primär der Kommerzialisierung.

Greift Ringier nun in den Abstimmungskampf ein?

Kaspar Surber von der WoZ bringt ein aktuelles Beispiel der versuchten Politbeeinflussung. Demnach ist für ihn das Konstrukt auch aus demokratiepolitischer Sicht heikel. Kürzlich tauchten auf den Plattformen «Blick», «Beobachter» oder «Schweizer Illustrierte» plötzlich Beiträge mit dem Titel «Darum brauchen wir eine elektronische Identität» auf. Präsentiert werden die Publireportagen von Digitalswitzerland. Gestaltet hat sie die Agentur Furrerhugi. Die Firma mit gut 60 Mitarbeitenden hat den Hauptsitz in Bern. Ableger gibt’s etwa in Bern, Lausanne und Brüssel. Bekannte Köpfe sind Claudine Esseiva, ehemals FDP-Generalsekretärin und der frühere Journalist Martin Stoll.

Gegenüber der WoZ spricht Daniel Graf, der mit der Onlinesammelplattform WeCollect das Referendum gegen die E-ID initiiert hat, von einem «Dammbruch». «Ringier macht auf den eigenen Newsplattformen Schleichwerbung für ein Anliegen, mit dem es kommerzielle Interessen verfolgt: Wie soll da noch ein unabhängiger Journalismus möglich sein?» Die Entwicklung stelle eine Bedrohung für die Demokratie dar: «Die E-ID wird es ermöglichen, gezielt Werbung an Wählersegmente auszuspielen. Der Kaufkräftige gewinnt noch mehr Macht in Abstimmungskämpfen.» Das Referendumskomitee hat beim Presserat eine Beschwerde gegen Ringier eingereicht, 1800 Bürgerinnen und Bürger unterstützen sie online.

Für Marc Walder (55) ist das alles kein Problem. «Werbevermarktung und redaktionelle Berichterstattung sind zwei verschiedene Paar Schuhe», schreibt er der Wochenzeitung. «Unsere Medien werden in der Berichterstattung sowohl die Befürworter als auch die Gegner zu Wort kommen lassen.»

Der Abstimmungstermin ist in fünf Wochen.

In einer ersten Version stand wirkt statt winkt. Danke dem Leser für den Hinweis.

Eine SRF-Klamotte erster Klasse

Ein SRF-Dok-Film verkauft Altbekanntes neu verpackt.

Vor einigen Tagen strahlte SRF den Dok-Film «Ems-Chemie – die verborgene Geschichte» aus. Und so beschreibt SRF den Film: «Nach Ende des Zweiten Weltkriegs engagierte die Ems-Chemie zahlreiche deutsche Chemiker mit Nazi-Vergangenheit – unter anderem mit Johann Giesen sogar einen verurteilten Kriegsverbrecher.»

Eine heisse, ja verstörende Story. Wer den Film ohne Hintergrundwissen schaut, ist beeindruckt. Autor Hansjürg Zumstein scheint in jahrelanger Recherche Brisantes herausgefunden zu haben. Johann Giesen war während des Zweiten Weltkriegs Direktor beim grössten deutschen Industrieunternehmen IG Farben. Diese unterhielt unweit des Todeslagers Auschwitz eine grosse Fabrik mit Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter. Johann Giesen behauptete immer, er habe von den Zusammenhängen und vom Vernichtungslager Auschwitz nichts gewusst. Trotzdem musste er sechs Jahre ins Gefängnis. Dann holte ihn der damalige Ems-Besitzer Werner Oswald nach Graubünden. Er sollte die Firma in die Zukunft führen. Von der behäbigen Herstellerin von synthetischem Benzin in den Kriegsjahren zur führenden Fabrik für Kunstfasern. Das Unterfangen gelang. Dank viel Know-How aus Deutschand und vielen Forschern aus Ostdeutschland.

So weit, so schlimm. Doch wie Oswald sich in Deutschland bediente, bringt Hansjörg Zumstein scheinbar als neue Recherche. Im Film fällt kein Wort darüber, dass die ganze IG Farben-Story schon vor gut 20 Jahren auf dem Portal onlinereports.ch thematisiert wurde. «Das Spezialchemie-Unternehmen profitierte von Johann Giesen, der in der Nazi-Zeit in Auschwitz tätig war», so die Zusammenfassung jenes umfassenden Textes. Immerhin: Der damalige Co-Autor Lukas Straumann darf im aktuelle SRF-Film auftreten als Historiker. Dafür filmt sich Zumstein quasi selber, wie er analog einem Kriminalistiker mit Pfeilen die Verbindung zwischen Oswald und Giesen aufzeigt und das dunkle Geheimnis mit einem Hakenkreuz kennzeichnet.

Dabei war onlinereports.ch lediglich der Anfang. Noch detaillierter beschrieb vor acht Jahren Martin Kreutzberg das brisante Thema in der WOZ. Hier ein Auszug:

Nach dem Krieg wurde die IG Farben zerschlagen. Nebenbei errangen die USA so in Sachen Nylon eine marktdominierende Stellung. In West- wie in Ostdeutschland wurde versucht, an die alte Erfolgsgeschichte von Perlon anzuknüpfen. In der Kunststoffchemie gab es insbesondere in Ostdeutschland, in Sachsen und Thüringen, moderne Produktionsanlagen. In Schkopau, Leuna und Schwarza ballte sich Fachwissen von Wissenschaftlern und Ingenieuren.

Da erscheint plötzlich, Anfang 1953, die Holzverzuckerungs AG (Hovag) aus Domat/Ems in Graubünden mit einem Konkurrenzprodukt auf dem Weltmarkt: Grilon. Quasi aus dem Nichts. Hergestellt von einer in der Branche unbekannten Firma, aus der zehn Jahre später die Ems-Chemie werden sollte.

Holzverzuckerung hat mit moderner Kunststoffchemie so viel gemeinsam wie eine Dampfmaschine mit einem Laptop. Und nun also Grilon. Ein Wunder. Oder ein Stück generalstabsmässig ausgeführtes Wirtschaftsraubrittertum. Denn seit 1947 hat die Hovag mit einem ehemaligen Naziwissenschaftler zusammengearbeitet, und im folgenden Jahrzehnt wirbt sie in mehreren Wellen Fachleute aus Ostdeutschland samt Produktionsgeheimnissen ab. So entstehen in der Schweiz Milliardenvermögen.

Da wäre also fast die ganze Handlung des SRF-Films zusammengefasst. Nur besser.

Einziger Pluspunkt für Hansjürg Zumstein: Er hat herausgeschält, dass ein damaliger SP-Nationalrat nach dem Weltkrieg eine wichtige Rolle spielte. Robert Grimm setzte sich an höchster Stelle dafür ein, dass Johann Giesen in der Schweiz arbeiten durfte. Trotz seiner Vorstrafe nach der Verurteilung bei den Nürnberger Naziprozessen.

Der gross angekündigte SRF-Film warf medial bisher fast keine Wellen, trotz den Verstrickungen eines SP-Vertreters mit den damaligen Emser Werken. Warum wohl? Vielleicht doch, weil die Kritik nicht ganz so neu ist? Einzig Kulturredaktor Andreas Tobler von der Tamedia nahm den Faden auf. «Blocher geschäftet auch mit Sündern», lautet der Titel seines Artikels. Für Tobler ist klar, Hansjürg Zumstein hat als Erster die Frage aufgeworfen, wie die Ems-Chemie in ihrer Erfolgsgeschichte von Nazi-Chemikern profitierte. Kein Wort, dass SRF nachgekaut hat, was andere längst recherchiert und bewiesen hatten.

Was sagt Hansjürg Zumstein zur Kritik? Via SRF-Medienstelle wehrt er sich: «Die Geschichte wurde nicht vor 20 Jahren durch onlinereport oder Martin Kreutzberg enthüllt, sondern im Jahr 2001 durch die Bergier-Kommission öffentlich gemacht. Darüber hat das Schweizer Radio Fernsehen SRF damals als erstes Medium berichtet.

Die Quelle der Informationen, nämlich die Bergier-Kommission, wird im Dokumentarfilm denn auch prominent erwähnt, ja es treten sogar drei Mitglieder der Kommission im Film auf.

SRF hat aufgrund der Bergier-Information zusätzlich noch Aspekte der Rolle von Robert Grimm neu recherchiert. Und noch eine Zusatzinformation: Lukas Straumann war der Autor des onlinereports. Er tritt im Film prominent auf.»

Ex-Press VII

Blasen aus dem Mediensumpf.

 

«Watsons» partielle Welt-Analysen

Neben 18 Fotos über Jagen, «die dich schmunzeln lassen», neben «Prostata-Probleme beenden», aber hoppla, das ist ja eine zielgruppengerechte Werbung im Jugendportal «watson», gibt es auch ernst gemeinte «Analysen». In einer erschüttert «watson», die Weltzentrale der lustigen Listicles, seine Leser, Europa, ja die ganze Welt mit der Erkenntnis: «Die EU will das Flüchtlingsproblem lösen – das dürfte schwierig werden». Also prägnanter lässt sich das wirklich nicht auf den Punkt bringen; Chapeau vor dieser Geistesanstrengung.

Geht da noch einer? Aber immer, natürlich gibt es auch eine «Analyse» zur «Arena»-Debatte, bei der die «Klimajungend» feige gekniffen hat. Besonders fasziniert hat den Analytiker von «watson» ein «Ex-Lehrer», der den inhaltsschweren und daher unsterblichen und von den Griechen überlieferten Satz in die Runde warf: «Jugendliche sind halt frech.» Über diese Erkenntnis hat Platon sein halbes Leben gebrütet.

Ich hätte da auch einen alten Griechen, Sokrates soll gesagt haben: «Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.» Ausserdem tyrannisiere sie die Lehrer.

Dabei wandelte Sokrates nicht mal über den Bundesplatz zu Bern. Erkannt hätte ihn sowieso keiner. Was allerdings dem «watson»-Analysten verblüffend gut gelingt, ist eine partielle Mattscheibe. Er verteilt mehr oder minder gerecht Lob und Tadel auf drei Teilnehmer an der Diskussion, der zugeschaltete Berner Stapi wird für seine Fake News von «watson» milde gerügt, dass man halt vorher von nichts gewusst habe.

Fehlt da nicht was? Richtig; offensichtlich fand man es bei «watson» lustig, die Solidarität mit der abwesenden «Klimajugend» so zu zeigen, dass Roger Köppel in dieser Analyse nicht vorkommt. Selten so gelacht, seitdem in absolutistischen Regimes in Ungnade gefallene Prominente einfach aus Fotos und Dokumenten geschnitten wurden.

Nein, das taten nicht die alten Griechen. Aber Stalin und seine Brüder im Geist. Man fragt sich wirklich, wieso die Familie Wanner mit dieser Blöd-Plattform ihr Geld verröstet. Aber immerhin, spricht für die Intelligenz der Leser, einem einzigen Kommentator fiel das Fehlen Köppels in dieser «Analyse» auf.

 

Ferientage sind Chaostage

Der «Blick» versucht, den Überblick zu behalten. Wohin kann man in den Herbstferien noch reisen? Wohin kann man zwar reisen, muss dann aber in Quarantäne? Und vor allem: Wohin konnte man gestern noch reisen, heute aber nicht mehr oder neu mit Quarantäne?

Umbuchen, stornieren, zurückbezahlen. Airlines, Reiseveranstalter und Reisebüros drehen im roten Bereich, weil der Versuch, eine Linie im Walten und Wüten von BAG und Bundesrat zu erkennen, dem Versuch gleicht, einen Pudding an die Wand zu nageln. Schön wenigstens, dass die NZZ sich mit sonorer Stimme und mit ihrem neuen «Chefökonom» zu Wort meldet: «Die Corona-Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Ökonomen Kosten- und Effizienzüberlegungen in die politische Debatte einbringen und auf Anreiz- und Verteilungswirkungen hinweisen.»

Mein Gott, Walter, könnte man das nicht einfacher sagen? Hundert Milliarden Franken Schaden und Gratisgeld für alle, kann das gutgehen?

 

Meinungspluralismus

Die «massivst» dümmliche Klimajugend lehnte die Teilnahme an der «Arena» ab, die natürlich dennoch mit Roger Köppel stattfand. Ein gewichtiger Anlass für die Medien, über Debattenkultur und anderes nachzudenken. In der gebotenen Breite und Vielfalt.

«Steht die grüne Gesinnung über dem Rechtsstaat?» Mit dieser TV-Kritik erfreute das Haus Tamedia seine Leser. In seinen 17 Kopfblättern und angeschlossenen Tageszeitungen gleichlautend. «Klima-Besetzer kneifen in der «Arena»», mit dieser sprachlich etwas gewagten Formulierung bestreut CH Media die Schweiz. Gleich 20 mal.

Abseits stehen natürlich nur «Blick» und NZZ. Sowie ein paar versprengte Lokalzeitungen. Gerade bei solchen Themen zeigt sich erschreckend, wie ungesund es ist, dass in Basel, Bern und Zürich, in Zug, Luzern, Aarau und St. Gallen, dass eigentlich überall die gleiche Meinung, die gleiche Sosse in die Tagespresse gegossen wird.

 

Wir sind alle Täter

Nicht gewusst? Sie meinen, weil Sie keinen Mohrenkopf und keinen Uncle Ben’s Reis essen, kämen Sie davon? Das sieht der grosse Schweizer Kämpfer gegen die Sklaverei – und ihre Folgen – ganz anders: «Grundsätzlich sollen die Nachkommensgesellschaften der Sklaven von den Nachkommensgesellschaften der Täter und Profiteure entschädigt werden», fordert der Historiker Hans Fässler in der WoZ.

Eigentlich lustig, meine ich als Historiker, dass es Kollegen gibt, die noch im 21. Jahrhundert von einem fundamentalistischen, durch die Geschichte unveränderlichen Menschenbild ausgehen, der heute, gestern und durch alle Zeiten die gleichen Massstäbe, Denkgerüste, Vorstellungen benützt wie heute.

Ganz abgesehen davon, dass sich nicht nur die Nachkommensgesellschaften der Sklaven am Sklavenhandel beteiligten und bis heute nachwirkende Vermögen durch den Verkauf ihrer Landsleute begründeten.

Näherliegend fände ich, dass gerade in der Schweiz die Nachkommensgesellschaft der alleine politisch bestimmenden Männer der Nachkommensgesellschaft der bis 1971 bestimmten Frauen eine Wiedergutmachung leistet. Mindestens verbal: «Guten Abend, Schatz, übrigens Entschuldigung. Und holst du mir mal ein Bier und die Fernbedienung?»

 

 

 

Der Abschreiber

Was macht Andreas Tobler, Kulturredaktor ohne Kultur?

Tamedia hungert ihr Kulturressort aus. Kostet bloss, bringt nichts, geht bald mal auch ohne. Die «Weltwoche» baut derweil ihren Kulturteil aus und holt sich dafür den ehemaligen Chefredaktor des ehemals angesehenen NZZ-Folios.

Das ist natürlich für Andreas Tobler keine Erwähnung wert. Aus zwei Gründen: er will’s nicht loben, das käme bei Tamedia sicher nicht gut. Er will’s auch nicht kritisieren, denn wer weiss, ob er auch die nächste Sparrunde überlebt – und eine neue Stelle bräuchte.

Allerdings, obwohl er die nötige Flexibilität mitbringt, die heutzutage ein Redaktor auf dem Schleudersitz Kultur braucht: völlige Rückgratlosigkeit findet niemand wirklich toll.

Ohne Rückgrat, aber mit Feigheit

Besonders, wenn sie mit Feigheit gepaart ist. Vor Kurzem haben wir hier mal kurz den roten Faden beschrieben, der sich durch das Werk von Tobler zieht. Er beisst zu, aber er ist ein Angstbeisser. Wird er zum Dialog eingeladen, kneift er.

Wird er vorgeführt, und es gibt leider kein Gegenargument, keift er. «Kann bitte mal jemand nachschauen, ob es dem Mann gut geht», jammert er seiner Filterblase auf Twitter vor. Verzweifelt versucht er, eine Diskussion in Gang zu bringen, aber auf mehr als fünf Tweets bringt er es nicht. Wobei zwei weitere von ihm selbst sind.

Das ist nun ziemlich erbärmlich. Lässt sich das noch steigern? Aber sicher; er bekommt die persönliche Vorlage, vielleicht doch argumentativ etwas abzuliefern. Aber, alte Gewohnheit bei ihm, er kneift.

Abschreiben geht über studieren

Was macht Tobler eigentlich sonst so, um zu begründen, dass sein Gehalt nicht schlichtweg rausgeschmissenes Geld ist? Nun, er schreibt ab. Denn abschreiben ist immer einfacher als selber recherchieren. So wie ankläffen und dann den Schwanz einziehen einfacher ist, als sich einer Debatte zu stellen.

Also schreibt er die WOZ ab. Es geht um die Sammlung Bührle, die im Neubau des Kunsthauses Zürich zu sehen sein wird. Ein Thema mit Sprengkraft, denn Emil Bührle war bekanntlich Waffenhändler und verkaufte seine Produkte natürlich auch an Nazi-Deutschland.

Das ist nun alles seit Jahrzehnten bekannt und durchgeackert. Aber der Zürcher Stadtrat wollte mal wieder ein Zeichen setzen und bewilligte 180’000 Franken dafür, dass die Geschichte dieser Kunstsammlung nochmals aufgearbeitet werde.

Der Meister der Nacherzählung

Da hat die WOZ ein paar Eingriffe festgestellt, obwohl der Stadtrat versprochen hatte, dass es keine Einflussversuche geben werde. Die Veränderungen sind, mit Verlaub, nur mit viel Fantasie zu einem Skandal hochzuschreiben. Aber immerhin, Chapeau, die WOZ hat das recherchiert und alle Beteiligten um Stellungnahme gebeten.

Nun könnte Tobler einfach schreiben «lest die Story in der nächsten Ausgabe der WOZ». Das reicht aber nicht für 4700 Anschläge, also erzählt er die Story nach. Mehr Kunst kann man von einem Kunstredaktor ohne Kunst nicht erwarten.

Kann Tobler sonst noch etwas, ausser abschreiben, hinter vorgehaltener Hand keifen und jedem offenen Schlagabtausch aus dem Weg gehen? Oh ja. «Instagram löscht SVP-Video», verbellt er.

Hat er wenigstens hier selber eine Story ausgegraben? Leider nein, diesmal schreibt er «watson» ab. Und reichert seine Nacherzählung noch mit dem billigsten Zusatzstoff des modernen Magerjournalismus an: «Ein Experte gibt Antwort.» Worauf? Auf das Offensichtliche: Dass eine gesteuerte Denunzierkampagne Instagram dazu bewegte, das SVP-Video zu löschen. Das aber auf Facebook oder anderen Kanälen bei Instagram weiterhin zu sehen ist.

Also eigentlich eine Story, von der man früher, als es nicht um die Restenverwertung von jedem Furz ging, als zu Tode recherchiert abgehakt hätte. Heutzutage ist das aber dem Katzenvideo-Kanal «watson» eine Meldung wert. Und dem Tagi-Redaktor Tobler eine Abschrift.

Missglückte Retourkutsche

Wie versuchte er, eine Retourkutsche auf unsere Kritik zu landen? «Wenn er Texte schreibt, können wir wenigstens davon ausgehen, dass seine Vitalfunktionen intakt sind», holperte er auf Twitter. Leider können wir dieses Kompliment nicht zurückgeben. Aber vielleicht ist Tobler auch entschuldigt. Seit 2015 versucht er, an der Uni Bern zu promovieren. Als Dr. phil. I kann ich nur sagen: üben. Noch viel üben. Noch ganz viel üben.

Denn der Anspruch ist da: «Damit soll die geplante Dissertation einen Beitrag zur Ästhetik und Geschichte des Gegenwartstheaters leisten.» Wir können es wirklich kaum erwarten, welcher Plagiatsskandal sich da entwickeln wird.

Wenn der Staat Recherchen killen will

Recht haben ist gut. Aber teuer. Musste die WoZ erfahren.

Die Wochenzeitung (WoZ) musste dem Bund 5458 Franken zahlen, obwohl ihr die Unterlagen gemäss Öffentlichkeitsgesetz zustanden. Damit bremst die Verwaltung ungeliebte Nachforschungen.

In einer jüngeren Ausgabe der Wochenzeitung (WoZ) wird der Abwehrreflex des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) kritisiert. Das Seco, das zum Departement von Bundesrat Guy Parmelin (SVP) gehört, rückte die verlangten Unterlagen nur nach langem Gerichtsverfahren und unter Verrechnung von 5458 Franken Gebühren heraus. Lang bedeutet fünf Jahre und den ultimativen Entscheid im Sinne der WoZ durch das Bundesgericht. Für die WoZ war die Gebühr zahlbar, für freie Journalisten und kleine Verlage sind solche Beträge aber ein Grund, auf die Recherche zu verzichten. Genau das, was Ämter offensichtlich damit bezwecken wollen.

«Wohltuende Deutlichkeit»

Konkret ging es bei der umfangreichen Recherche der WoZ um Dokumente verschiedener Schweizer Waffenexporteure. Die WoZ klopfte dafür beim Seco an und verlangte die Namen sämtlicher Rüstungsexporteure. Die WoZ berief sich auf das Öffentlichkeitsgesetz. Dank dieses Gesetzes sollen alle Informationen und Dokumente der Bundesverwaltung öffentlich zugänglich sein. So zumindest die Theorie. Doch laut Regula Bähler, der Hausanwältin der WoZ, weigerte sich das Seco, die Daten herauszugeben. Doch erst nach dem Bundesgerichtsentscheid von 2019 «musste das Seco nachholen, was es von allem Anfang hätte tun sollen». Abklären, ob die betroffenen Firmen an den herausverlangten Dokumenten überhaupt ein Geheimhaltungsinteresse geltend machen. Dazu komme eine Güterabwägung. «Die involvierten Gerichte haben je in wohltuender Deutlichkeit entschieden, dass dabei das Interesse an einer Veröffentlichung schwerer zu gewichten ist», so Regula Bähler in der WoZ. Wie willkürlich, ja sauer das Seco auf das Bundesgerichtsurteil reagiert hat, zeigt die «Verrechnung von 28 Arbeitsstunden für die Auswertung von Fragebogen», wie Bähler im von Susan Boos geführten WoZ-Interview sagt.

Tipps für freie Journalisten

Journalistin Boos erkundigt sich, was freie Journalistinnen und Journalisten machen sollen, die sich weder Gebühren noch Anwaltskosten leisten können. Ein Gesuch um Gebührenerlass sei möglich, erklärte Bähler, Hausanwältin der WoZ. Wenn das nicht klappe, bleibe nur die Möglichkeit, eine Redaktion zu suchen, welche die Kosten übernimmt, Geldgeber suchen also – oder auf diesen Teil der Recherche zu verzichten.

Geschäft kommt erst 2021 in den Nationalrat

Regula Bähler fordert im Artikel, dass das Öffentlichkeitsgesetz nachgebessert werden solle: «Auf jeden Fall wäre verbindlich festzulegen, dass für den Zugang zu amtlichen Dokumenten grundsätzlich keine Kosten erhoben werden.» Eine parlamentarische Initiative von Edith Graf-Litscher (SP), eingereicht 2016, verlangt dies. Die Staatspolitische Kommission des National- und Ständerats ist mit der Idee einverstanden. Das Geschäft muss aber erst bis in der Frühjahrssession 2021 im Nationalrat behandelt werden. Berns Politmühlen mahlen langsam.

Verwaltung soll umdenken

Für Regula Bähler ist dieser langwierige Polit-Prozess aber nicht das Hauptproblem. «Die Mitarbeitenden der Verwaltung oder von öffentlichen Institutionen sollen mit einer anderen Grundhaltung auf Zugangsgesuche reagieren. Gesuchsteller haben nicht einfach Böses im Sinn. Es braucht das Bewusstsein, dass Transparenz in einem Rechtsstaat etwas Selbstverständliches ist», so Bähler.

Ach ja, und wer sind nun diese Rüstungsfirmen, über die das Seco nicht Auskunft geben wollte? Neben den üblichen Verdächtigen wie Rheinmetall Air Defence AG in Zürich Oerlikon und der SIG Sauer AG in Schaffhausen auch Firmen wie Nammo MTH AG im Wallis und die Sauter Bachmann AG in Netstal, Glarus. Alles nachzulesen (ohne Bezahlschranke) im Rüstungsreport der Wochenzeitung.