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Die Umwelt wird Gut

Bäumlein, wechsle dich. Philipp Gut ist einer Berufung nachgegangen. Werden das beide – die Umwelt und er – überleben?

Das nennt man eine Wendung, er nennt’s sicher konsequent. Philipp Gut wurde als stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche» bekannt. Unverbrüchlich an der Seite von Roger Köppel war er immer mal der Mann fürs Grobe. Der dann auch wegen übertriebener Härte Niederlagen vor Gericht einstecken musste.

Er war der bissige Pitbull (wenn man das Verdikt der Kämpferin gegen Herabwürdigung und Sexismus zitieren darf, was im Fall Claudia Blumer aber nicht für Roger Schawinski gilt), der Verfolger, der Nachfasser. Aber er war auch immer wieder für eine Überraschung gut; so hat er beispielsweise den letzten noch lebenden Jahrhundertzeugen und Chefankläger am Nürnberger Gerichtshof uns wieder in Erinnerung gerufen. Denn Ben Ferencz ist trotz seines biblischen Alters von 100 Jahren noch voll da, beeindruckend und berührend.

Aus den Begegnungen hat Gut ein Buch gemacht, das Respekt abnötigt. Dann gab es plötzlich einen bis heute nicht erklärten Abgang; Gut machte sich selbständig. Und taucht nun wieder auf als Verleger der «Umwelt Zeitung» auf. Etwas überraschend, denn Gut ist bislang nicht wirklich für seinen grünen Daumen oder als Vorkämpfer für Umweltthemen aufgefallen.

Da wird es in der lange Reihe seiner Artikel in der WeWo, die bekanntlich an den meisten Horrormeldungen von Umweltschützern zweifelt, sicher ein paar Trouvaillen zu heben geben.

Aber man kann ja auch älter und weiser werden. Neu hat sich Gut auf seine ergrünende Fahne geschrieben: «Wir wollen das Megathema ‹Umwelt› in seiner ganzen Bandbreite und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.» Das ist nun noch ein bitzeli wolkig, neblig, vielleicht konturlos. Geht’s nicht eine Birkenstocksandale konkreter? Nun, er will die «Umwelt Zeitung» als «im besten Sinne liberale Plattform für Innovation und Debatte» positionieren.

Mit wem und gegen wen soll sich die «Umwelt Zeitung» positionieren?

Das würde wohl bedeuten, in der Nähe der Grünliberalen, die nach anfänglichen Erfolgen durchaus mal wieder Schub gebrauchen könnten. Aber wie steht es dann mit den Grünen? Mit all den Umweltverbänden? Wie wird er seine Vorliebe für Sportwagen da einbringen? Wie könnte er gar die SVP ins Boot holen, die nun nicht gerade als die Umweltpartei gilt?

Zum Start haben Neu-Verleger Gut sowie Inhaber und Geschäftsführer Guiseppe Nica, unterstützt von Franciska Nica, eigentlich nur den üblichen Managermüll geäussert: «hochkompetenter Medienprofi», schwelgt Nica über Gut, und selbstverständlich: «Ich bin überzeugt, dass die Umwelt Zeitung mit ihrem einzigartigen Qualitätsprodukt sehr erfolgreich am Markt sein wird.»

Nun ist es aber auch nicht in der Wolle gefärbten Grünen bekannt, dass dieses Klientel ein eher schwieriges ist. Es ist, gelinde gesagt, eher breit aufgestellt. Vom esoterischen Kraftkristall-Jünger mit Vollklatsche über konsequente Selbstversorger mit Hass auf die umweltzerstörende Zivilisation, über Bäume-Umarmer, Waldverteidiger, Autofeinde, Gletscherschützer bis hin zu politischen Grünen und Grünliberalen.

Wenn man sich die Themen der aktuellen «Umwelt Zeitung» anschaut, dann spriesst dort wirklich nur das Grüne. «Sichere Investition Wärmepumpe», «Rekordwachstum der Schweizer Solaranlagen», «der Klimawandel ist bereits spürbar», ein Bericht der «Mbyá Guaraní» aus Argentinien, die als indigenes Volk «von und mit der Natur leben», aber von Vertreibung bedroht sind.

Philipp Gut wächst in eine neue Aufgabe rein.

Mehr Platz für Velowege, natürlich, ÖV statt Individualverkehr mit Autos (dazu gehören leider auch Sportwagen), ob diesem Publikum eine Kampagne von Philipp Gut aus dem Jahr 2018 gefällt? «Züge sind lärmiger als Autos», fasste Gut damals seine Erkenntnisse zusammen. Dann zählte er eine ganze Reihe von Orten auf, in denen die Bevölkerung «gegen die aus ihrer Sicht unzumutbare Lärmbelastung durch Züge auf die Barrikaden geht».

Wir wünschen natürlich viel Glück und gutes Gelingen; sind aber auch gespannt darauf, wer gegen die für ihn unzumutbare Gutbelastung auf die Barrikaden geht.

Eine Medienkritik und ihre Geschichte

Dritte Lieferung. Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Heute die Medienkritik in der «Weltwoche».

Medienkritik hat sich zu einem Gefäss für gelegentliche Ausfälle denaturiert. Gilt es, einen neuen, ungeliebten Konkurrenten fertigzumachen, okay. Aber sonst? Traut sich keiner, will keiner, kann keiner.

Logisch, ausser ZA … nein, kein Eigenlob. Sondern: sozusagen der letzte Mohikaner der regelmässigen Medienkritik ist Kurt. W. Zimmermann. Inzwischen viel länger bei der «Weltwoche» unterwegs als beim «Schweizer Journalist» (SJ).

Sympathisch macht ihn, dass er ohne Rücksichten auf Verluste oder eigene Flops gegen alle und alles austeilt. Dabei liefert er sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Frank A. Meyer, wer von beiden mehr Millionen verröstet hat. Der eine bei Tamedia, der andere bei Ringier.

Eine weitere Ähnlichkeit ist: beide neigen dazu, aus eigenem Antrieb oder auch aus fremdem Fertigmacherjournalismus zu betreiben. Frank A. Meyer musste nach der Borer-Affäre wegen übertriebener Härte kurzzeitig auf die Strafbank.

Die Hintergründe zum Wechsel Projers, brühwarm serviert

Das ist Zimmermann noch nie passiert. Aktuell – logisch – nimmt er sich natürlich auch DER News im Medienkuchen an. Wie kann es nur sein, dass Jonas Projer von Blick-TV direkt in den Olymp der Chefredaktion der NZZaS einzieht?

Wofür sogar der dort amtierende und nichtsahnende Chefredaktor weggeräumt werden musste? Ideal für Zimmi, seine Muskeln spielen zu lassen und den bösartigen Insider zu geben. Allerdings mit Hygienemaske vor dem Mund, damit ihm keiner was kann. Weil’s durchaus raffiniert gemacht ist, eine kurze Obduktion.

Steht Zimi mehr auf Michael Mann und Al Pacino?

Der Einstieg muss schon alles klar machen. Projer habe sich mit seinem ersten Auftritt in einer Videobotschaft lächerlich gemacht. Er müsse noch viel lernen, habe er gesagt, seither werde er auf der NZZaS-Redaktion als Dilettant verspottet. Weiss Zimmermann. Weiss dort aber keiner. Ist halt immer so eine Sache mit anonymen Quellen.

Aber schliesslich stimme das auch, wetzt Zimmi das Messer. Projer habe in seinen 15 Jahren Journalismus keine Sekunde auf einer Zeitungsredaktion gearbeitet. Stimmt zwar nicht ganz, hört sich aber gut an.

Erste Zwischenbilanz: das sei so, wie wenn man einen Mann ins Cockpit setze, der vorher als Buschauffeur gearbeitet habe. Abgesehen davon, dass Christian Dorer immer noch als Buschauffeur arbeitet: diese Welten trennen die NZZaS von allen anderen Medien? Wow.

Nun noch die Frage: wieso denn eigentlich dieser Wechsel?

Also, Pfeife am Gerät. Nun zur Frage: warum bloss? Da war Zimmi offenbar das Mäuschen bei Gipfeltreffen in den Häusern NZZ und Ringier. Denn er weiss: die NZZ war angepisst, weil sich unter Luzi Bernet das Blatt immer mehr in ein «bunt-rot-grünes-Jekami» verwandelt habe. Weiss Zimmi, aber auch nur er.

Oder auf Gene Hackman und Francis Ford Coppola?

Auf diesem einsamen Weg geht er weiter durchs «soll doch einer das Gegenteil beweisen»-Gebüsch. Zunächst habe die NZZ Patrik Müller von CH Media und Christian Dorer vom «Blick» die Chefredaktion der NZZaS angeboten. Komisch, dass die beiden davon nichts wissen, und Dorer nun wirklich nicht in Frage gekommen wäre.

Jetzt kommt ein raffinierter Doppelschlag. Wieso hätten die beiden abgelehnt? Aus Loyalität zu ihren Verlagshäusern. Projer, als «zweite Wahl», habe hingegen «kein Problem mit Illoyalität».

Eine interessante, neue Definition dieses Begriffs. Wer bleibt, ist loyal. Wer selber kündigt, ist illoyal. Aha, und wie kann man dann das Verhalten des Ringier-Konzerns bezeichnen, der alleine in den letzten 20 Jahren eine beeindruckende Latte von «Blick»-Chefredaktoren verschlissen hat? Die haben loyal alle nicht gekündigt, die wurden – offenbar bei einem Konzern keinesfalls Ausdruck von Illoyalität – allesamt gefeuert.

Illoyal war das, aber was ist der tiefere Grund für die Kündigung?

Projer ist schlichtweg die erste Führungsfigur beim «Blick», die es gewagt hat, selber zu gehen. Obwohl doch Marc Walder Blick-TV als sein Herzensprojekt, als seinen Liebling bezeichnet. Da kann man dann nicht nur von Illoyalität, sondern geradezu von Liebesentzug reden. Aus der Sicht von Ringier.

Aber wieso ist nun Projer gegangen, er war ja (noch) nicht loyal gefeuert worden beim «Blick». Auch dazu hat Zimmermann eine steile These: er musste gehen, weil er sich «in einer charakterlichen Sackgasse» befunden habe.

Was ist denn das? Nun, Zimmi habe bei Ringier mit Krethi und Plethi geredet; das Urteil sei «so einhellig negativ, dass einiges daran sein muss». Woran? «Egozentrische Drama-Queen», beratungsresistenter «permanenter Besserwisser». Kein Wunder, kam es «regelmässig zum Knall». Bis zum bitteren Ende: «Am Schluss war der nicht teamfähige Projer im Newsroom des «Blick» völlig isoliert.»

Meiner Treu, was man aus Gesprächen mit einem einzigen Informanten, der auch mir ganz heissen Scheiss gegen Projer anbot, herausmelken kann. Ich lehnte ab, weil ich keine ausschliesslich auf anonymen Beschimpfungen basierende Artikel schreibe. Zimmi ist da offenbar schmerzfrei.

Und in welcher Sackgasse befindet sich Zimmermann?

Bleibt nur die Frage, in welche charakterliche Sackgasse sich Zimmermann selbst manövriert hat. Als ehemaliger Angestellter findet er es tatsächlich illoyal, wenn jemand kündigt, weil er etwas Besseres in Aussicht hat? Loyal hingegen sei, solange auf dem Stuhl sitzen zu bleiben, bis die Führungsetage der Besitzer beschliesst, dass da mal wieder eine Rübe runtermuss? Also wurde auch Zimmi loyal beim SJ gefeuert?

Was würde Zimmermann davon halten, wenn man über ihn eine solche Kloake aus nur anonymen Quellen geschöpft giessen würde? Wenn ich Zeit für so einen Quatsch hätte, könnte ich das locker zusammenfantasieren. Ich halte aber nichts von solchem Hinrichtungsstil. Weder bei Zimmermann, noch bei den erregten Tagi-Frauen, die schärfste Anschuldigungen öffentlich herumbieten – mit ausschliesslich unbelegten, anonymen, nicht verifizierten Beispielen.

Briefe und anonyme Zitate, zwei neue Hobbys der Journalisten

Leider stösst auch Michèle Binswanger ins gleiche Horn. Sie hat sich zwar tapfer vom Protestschreiben der 78 Tamedia-Mitarbeiterinnen distanziert, nimmt aber ein anonymes Schreiben, das in der NZZ herumgeistern soll, zum Anlass, auf den designierten Chefredaktor der NZZaS einzuprügeln. Unter Verwendung genauso anonymer, genauso abwertender Meinungszitate von einem angeblichen Headhunter, der Projer für das Allerletzte hält.

Gesprächspartner, die sich sehr positiv über Projer äusserten, lässt Binswanger unter den Tisch fallen, auch sie kennt den guten Satz: Lass dir nie von der Wahrheit eine gute Geschichte kaputtmachen. Auch die Tatsache, dass sie gegenüber Projer nun wirklich befangen ist, hindert sie nicht daran, über ihn herzufallen. Nun, dass Tamedia kein Frauenproblem hat, aber ein Qualitäts- und Qualitätskontrollproblem, das war schon vor diesem Artikel bekannt.

Einfalt im Einheitsbrei

Kritik wird in der Pandemie nur sehr ungern gesehen. Vor allem, wenn sie fundiert ist.

Die Sparmassnahmen im heutigen Elendsjournalismus berücksichtigend, habe ich lange die Hoffnung nicht aufgegeben. Dass die fundierte Recherche auf einer angesehen Plattform von namhaften Autoren wenigstens missmutig zur Kenntnis genommen wird.

«Wissenschaft im Pandemiemodus» erschien am 19. Februar 2021 auf «Re-Check». Geschrieben von zwei Expertinnen auf dem Gebiet. Es ist eine finale Abrechnung mit dem «seltsamen Fall der Swiss National Covid-19 Science Task Force».  Fast 33’000 Anschläge lang. Aber im Gegensatz zu «Republik»-Riemen prallvoll mit Belegen, korrekten Schlussfolgerungen und sehr sparsamer Polemik.

Vernichtendes Ergebnis: Diese Vereinigung von Wissenschaftlern fällt bei jedem Kriterium durch, das man auf sie anwenden kann – und denen sie sich selbst verschrieben haben. Es ist eine wirklich erschöpfende und fundierte Recherche. Wohl genau aus diesem Grund hielt sich das mediale Echo in sehr überschaubaren Grenzen. Während von den Mainstream-Medien jeder Rülpser aus Bern kolportiert (und meistens auch applaudiert) wird, herrschte und herrscht hier Schweigen.

Was nicht passt, wird nicht passend gemacht

Nur die üblichen (wenigen) Verdächtigen äusserten sich öffentlich. Also Markus Somm in seiner Kolumne, die WeWo, medinside.ch und heidi.news. Dann noch eine beckmesserische Abrechnung in der «Medienwoche», und das war’s. Eigentlich unvorstellbar. Normalerweise füllen die Kindersoldaten in den Newsräumen mit zwei Telefonaten und einer Google-Recherche locker eine Zeitungsseite; neben den mageren Ergebnissen aufgepolstert mit Meinung.

Aber wenn hier die fehlende Legitimation, die Nichteinhaltung von Regeln, die Weltuntergangsszenarien in Wiederholungsschlaufe, die öffentliche Kakophonie, die völlige Vernachlässigung von Grundlagen der evidenzbasierten Medizin dieser Task Force geradezu chirurgisch zerteilt wird, dann herrscht Schweigen.

Interne Mails, externe Stellungnahmen, eine solche Recherche sollte eigentlich exemplarisch an die Wände in den Newsrooms genagelt werden. Das geschieht aber deswegen nicht, weil sich die Frage erhöbe: Schon, aber die hatten doch mehr als eine Stunde Recherchierzeit, nicht?

Was einem nicht in den Kram passt zu ignorieren, das ist menschlich. Eine solch fundierte Kritik zu ignorieren, ist nicht nur unprofessionell. Es ist dumm.

Wernli hat man nicht gernli

Seien wir ehrlich: die «Weltwoche» hat ein Frauenproblem. Katharina Fontana geht. Bedauerlich. Wernli bleibt. Bedauerlicher.

Die Kolumne von Claudia Schumacher hat einen grossen Vorteil. Man kann sie so schnell überblättern, dass es nicht mal einen Phantomschmerz gibt. Bei Tamara Wernli kann man höchstens sagen, dass durch ihre Kolumne der Begriff «letzte Seite» eine tiefere Bedeutung bekommt.

Wir haben sie schon mal streng zurechtgewiesen, dem Hinweis eines sprachlos gequälten Lesers folgend. Aber so ist’s mit der heutigen Jugend und auch mit nicht mehr so jugendlichen Kolumnistinnen: schwerhörig, beratungsresistent. Ausserdem ist das auch unnötig: wenn man nix anderes kann und immer wieder eine geschützte Werkstatt findet, wo man mit der staubigen Bröseligkeit des gleichnamigen Guetzlis immer wieder die einzigen Trümpfe ausspielt: Frau, konservativ, provokativ.

Leider bedient sie auch alle Vorurteile, die es gegen echte und unechte Blondinen gibt. In ihrer neusten Kolumne in der «Weltwoche» begibt sich die Video-Bloggerin leider in Themengebiete, von denen sie keine Ahnung hat. Das zeichnet auch ganz allgemein ihre Schriftstücke aus, aber diesmal ist’s besonders schmerzlich.

Was unterscheidet Wernli von Marie-Antoinette?

Das fängt beim Titel an und zieht sich bis zum letzten Satz durch. «Die Marie-Antoinette des ZDF», was will uns die Blondine damit sagen? Kommt da was mit Brot und Kuchen, mit Guillotine? Indirekt, sehr indirekt, denn Wernli köpft tatsächlich Logik, Zusammenhänge und verständliche Schlussfolgerungen.

Soweit ich den Flachgebieten der eher zusammenhangslosen Sätze folgen konnte, geht es Wernli darum: Jan Böhmermann, «einer der bekanntesten Entertainer im deutschsprachigen Raum», verführt viele junge Menschen zum Sozialismus. Ohä, und das erst noch unter weiss gepuderte Perücke mit einer Kratzhand aus Elfenbein, das Mieder züchtig geschnürt? Moment, das müssen wir so stehenlassen, Erklärung folgt.

Erregungsbewirtschaftung à la Geissens.

Wie tut er das denn? Mit Aufforderungen, Marx, Engels oder Lenin zu lesen? Indem er sich lobend darüber äussert, dass Marie-Antoinette wie auch ihr Gatte geköpft wurden? Nicht ganz. Er fordere nämlich «Google verstaatlichen, Facebook enteignen und Twitter regulieren».

Tiefenpsychologie Wernli starrt auf Schreckliches

Wernli gibt sich schockiert, etwa so wie Marie-Antoinette, wenn ihr Gatte den Wunsch nach schon wieder einem neuen Juwelengehänge wegen Ebbe in der Kasse ablehnen musste. Man stelle sich vor, entrüstet sich das Wernli, da hätten Unternehmer was Grossartiges aufgebaut, und nun wolle Böhmermann das denen einfach wegnehmen. Schlimmer noch: «Enteignungsfantasien lassen ja immer tief in die Seele eines Menschen blicken», weiss Tiefenpsychologin Wernli. Und sie erblickt Schreckliches.

Da Böhmermann auf Twitter User blocke, mit deren Meinung er nicht übereinstimme (wer errät, welcher User das sein könnte?), soll mit dieser Verstaatlichung «Leuten, die Dinge sagen, die er für falsch hält, die entsprechenden (privaten) Plattformen entzogen werden – also sollte ein bisschen die demokratische Mehrheitsgesellschaft enteignet werden.»

Hier muss ich dem Leser helfen; ich brauchte auch eine ganze Weile, um diese Logik ansatzweise nachvollziehen zu können. Mein Resultat stundenlanger Bemühungen, einen tiefen Blick in das gedankliche Chaos von Wernli zu werfen: Böhmermann will diese Internet-Giganten verstaatlichen, zumindest regulieren. Soweit noch einigermassen verständlich.

Wir schreiten unbeirrt in einem gedanklichen Labyrinth voran

Warum? Weil damit Leuten, mit deren Meinung er nicht übereinstimme, das Maul gestopft werden könne, was dann die «demokratische Mehrheitsgesellschaft» enteigne. Ich gebe zu: hier bin ich dann erschöpft zurückgesunken. Nix verstan. Wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, treffen ja zurzeit die grossartigen privaten Unternehmer die Entscheidung, wer auf Twitter und Facebook gesperrt wird (zum Beispiel Trump).

Gleichzeitig erlegt ihnen der Staat, zum Beispiel der deutsche, die Pflicht auf, selbst dafür zu sorgen, dass strafrechtlich relevante, hetzerische, rassistische oder menschenverachtende Posts schnell gelöscht werden. Falls nicht, drohen happige Bussen. Also ist doch das eigentliche Problem, dass hier staatliche Kontrollmacht, nämlich das Bestimmen und die Durchsetzung aller Regeln und Normen innerhalb eines Rechtsstaats, an private Akteure weitergereicht wird.

Ungeheuerlich bedenklich. Und während jedes Medienorgan, auch die «Weltwoche», nicht nur für die Inhalte der Schreiber verantwortlich ist, sondern auch für Kommentare, denen eine Plattform gegeben wird, konnten sich die Internetgiganten bislang auf eine Ausnahmeregelung in der US-Gesetzgebung stützen. Sie seien keine Medienorgane, bei ihnen würden nur Privatpersonen einen Meinungsaustausch betreiben, und ausserdem sei es gar nicht möglich, Milliarden von Posts jeden Tag zu kontrollieren.

Was verstand schon Marie-Antoinette vom Internet?

Also Rückzug des Rechtsstaats, Wildwest im Internet, wie das Armdrücken von Facebook mit Australien zeigt, zudem die arrogante Machtfrage, ob Facebook stärker ist als der australische Staat oder nicht. Ob Facebook weiterhin mit Kundendaten, mit Werbung, mit völliger Verantwortungslosigkeit und haftungsfrei unkontrolliert Milliarden verdienen kann – oder nicht.

Aber von Wirtschaft, Machtfragen, Rechtsstaat, Verantwortlichkeiten hat Wernli ungefähr gleich viel Ahnung wie Marie-Antoinette. Ach ja, und wieso sei die in Böhmermann wiederauferstanden? Nun, ich hab’s auch nicht verstanden, aber ich kann’s referieren: Sollte Böhmermann sich nicht im Klaren sein, dass seine Enteignungsideen «absurd» seien, dann würde das bedeuten, dass sich «die Marie-Antoinette des ZDF überhaupt nicht mehr spürt, sich für unantastbar hält.»

Um das zu verstehen, braucht man entweder einen viel grösseren oder einen viel kleineren Kopf, als ich ihn habe. Ich als Sprachrohr der demokratischen Mehrheitsgesellschaft gebe zu Protokoll: Ein Verzicht auf Wernli in der «Weltwoche», damit sie sich voll auf den «Nebelspalter» konzentrieren kann, würde ich weder als Enteignung, noch als Zensur empfinden. Im Gegenteil. Als Erleichterung und Bereicherung.

Als der Tagi angebräunt war

In letzter Zeit verwandelt sich der «Tages-Anzeiger» in ein Frühwarnsystem vor dem Faschismus.

Im Sport, in der Politik sowieso, fast überall und jederzeit, der Tagi kann nicht häufig genug vor braunen Zeiten warnen. Kein Anlass zu nichtig; wenn der Möchtegern-Schriftsteller Lukas Bärfuss zu einer seiner wirren und holprigen Reden zur Zeit ansetzt, dann titelt der Tagi: «Die Nazis sind nie weggewesen».

Offensichtlich hat er solche Andeutungen auch zu häufig Richtung SVP, Donald Trump oder gar Roger Köppels «Weltwoche» gemacht. Also schlug das Magazin zurück. Titelgeschichte «Hitlers Schatten über dem Tages-Anzeiger». Hier blättert Christoph Mörgeli genussvoll durch die Berichterstattung der 30er-Jahre und findet Absonderliches bis Widerliches. Artikel von Adolf Hitler und anderen Nazi-Grössen, mehr als bedenkliche eigene Positionen, eher übel.

Aber kein Anlass für den antifaschistischen Tagi von heute, die eigene Vergangenheit nochmals aufzuarbeiten. Denn das sei schon längst geschehen. Im Wälzer «Medien zwischen Geld und Geist», 1993 zur Feier 100 Jahre Tages-Anzeiger erschienen. «Der Artikel der «Weltwoche» enthält keine Informationen darüber hinaus», teilt die Tagi-Kommunikationschefin persoenlich.com auf Nachfrage mit.

18 Seiten über den Tagi in braunen Zeiten

Das hätte sie vielleicht besser gelassen. Obwohl die damalige Festschrift weder beim Tagi selbst, noch digital vorhanden ist, ist dem Rechercheur natürlich nichts zu schwör. Der 530 Seiten dicke Wälzer ist antiquarisch für zwei Franken erhältlich. Offensichtlich hielt und hält sich das Interesse in überschaubaren Grenzen.

Darin findet sich tatsächlich ein Kapitel «Die Bewährungsprobe des Nationalsozialismus». Garantiert völlig unparteiisch schlängelt sich hier der langjährige Tagi-Redaktor Hugo Wild durch diese Thematik. Sicherlich kann man in einer Jubelbroschüre keine brutalstmögliche Abrechnung mit dem Verhalten des Tages-Anzeigers in den braunen Jahren erwarten.

Aber die grosse Milde, die Wild hier walten lässt, vermisst man doch heutzutage, wenn der Tagi bei allem, das rechts von der SP steht, tendenziell immer mit dem Faschismusverdacht zur Hand ist. Ein Seite-1-Artikel von Hitler aus dem Jahr 1931? Nun ja, auch Mussolini durfte mehrfach seine Positionen erläutern. Aber natürlich auch Winston Churchill, US-Präsident Herbert Hoover, usw.

Milde und Verständnis im Nachhinein

Genauso verständnisvoll begegnet Wild der lange gepflegten Abstinenz des Tagi, Taten oder Untaten Hitlers zu verurteilen. Oder er hoffte schon damals, dass viele Leser sich gar nicht mehr an diese Zeiten erinnerten. So zitiert Wild kommentarlos die Schlagzeile vom 2. Juli 1934: «Hitler unterdrückt eine Meuterei gegen das Dritte Reich». So logen die Nazis die brutale Ausschaltung der Führung der SA um, als «Röhm-Putsch», obwohl der SA-Chef gar keinen geplant hatte. Sondern mit rund 100 weiteren SA-Chargen liquidiert wurde, weil er Hitler zu mächtig war.

Als Höhepunkt seiner «Kritik» räumt Wild ein, dass ein Artikel vom 1. August 1933 im Tages-Anzeiger, der das «Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses» «nahezu kritiklos referiert» hatte, das sei «heute, wo man von der späteren (!) Dämonisierung der ganzen Rassenlehre weiss, tatsächlich nicht leicht zu verstehen». Ausser diesem kleinen Verständnisproblem und der Lüge, dass die Nazi-Rassenideologie damals gar noch nicht bekannt gewesen sei, sieht Wild eigentlich keinen Anlass zur «Aufarbeitung».

Alles kalter, brauner Kaffee?

Also alles alter Kaffee, längst eingestanden, erledigt, bewältigt? Im Gegenteil; Mörgeli hat tatsächlich einige Argumente, die diese Reaktion als Schutzbehauptung, als Ausdruck völligen Desinteresses an der eigenen Vergangenheit, erscheinen lassen.

Alleine schon ein paar weitere Zitate, die Wild wohlweisslich unter den Tisch fallen lässt, zeigen einen recht angebräunten Tagi: Das leider misslungene Attentat auf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller sieht das Blatt als «Fügung des Schicksals». Zum Blitzkrieg gegen Frankreich 1940 fällt dem Tagi ein: «Die militärische Leistung der Deutschen zwingt uns Achtung ab.» Und den Überfall auf die Sowjetunion sieht der Tagi applaudierend als «Kreuzzug gegen den Bolschewismus».

Zudem verliert das Tagi-Werk kein Wort über weitere familiäre Verstrickungen in das Deutsche Reich. Die Erbengemeinschaft, der auch Berta Coninx-Girardet angehörte, mit derem Geld Otto Coninx den Tagi erworben hatte, bot dem deutschen Regime an, ihm ihr sogenanntes Feuerschlösschen bei Bonn als Gauführerschule der NSDAP zu überlassen. Für zehn Jahre kostenlos, versteht sich, unterzeichnet mit «Heil Hitler».

Keine wohlfeile Kritik an Früherem, aber an Gegenwärtigem schon

Es wäre wohlfeil, mit dem heutigen Kenntnisstand über solche Missgriffe, Fehler, Verirrungen oder schlichtweg Opportunismus herzufallen. Wem aber das F-Wort so leicht in die Tastatur gerät, wer so häufig und gerne mit dem Zeigefinger wackelt und da und dort und aller Orten Gebräuntes denunzieren will, der kann sich sicherlich nicht mit der faulen Ausrede, das sei doch alles schon bekannt und aufgearbeitet, der eigenen Vergangenheit entziehen. Ausser eben als Wendehals, personifiziert im ehemaligen Chefredaktor Res Strehle.

Aber auch heute, oder gerade heute, gibt es genügend Journalisten bei Tamedia, gegen die Tartuffe als blutiger Anfänger erscheint. Aber vielleicht kennt den nicht einmal die neue Literaturchefin Nora Zukker.

Rollenspiele

Tamara Wernli hat man einfach gernli. Einmal, zweimal, keinmal.

Frau, konservativ, provokativ. Mit dieser Nummer macht Tamara Wernli seit einiger Zeit den Abschied von der «Weltwoche» leichter. Letzte Seite, «Tamaras Welt», aber nicht meine, Heft wird zugeklappt.

Neben Claudia Schumacher ist Wernli wohl die bröseligste Platzverschwendung seit Erfindung des «Petit Beurre»-Krümelmonsters. Es ist ja auch nicht leicht, jede Woche keinen Einfall zu haben und damit eine Seite zu füllen. Über den Zusammenhang zwischen Corona und Sex im Stresstest. Über die angekündigte, aber wohl ausbleibende Apokalypse. Über die Abgabe von Gratis-Tampons.

Und was einem halt sonst noch einfällt, während man die High Heels auf den Schreibtisch legt. Die meisten dieser Stücke zeichnen sich durch humorlose Staubtrockenheit aus. Aber eigentlich kommt Wernli ja vom Bewegtbild, daher weiss sie, wie man eine Kamera aufstellt und etwas für Studio-Atmosphäre sorgt. Denn sie ist eine «Video-Bloggerin».

Tamaras Welt ist überall. Leider

So bespasst sie immerhin über 50’000 Abonnenten ihres Channels auf YouTube mit bislang 113 Videos. Bei diesem Oeuvre fällt es natürlich schwer, Frau und Werk richtig zu würdigen. Also greifen wir doch einfach das jüngste Spitzenerzeugnis heraus.

Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können, das zeichnet nach Karl Kraus den Journalisten aus. Da legt Wernli noch locker ein, zwei Scheite drauf. Sie kann ihn nämlich nicht ausdrücken, wendet ihre Kernkompetenz Humorlosigkeit auf Satireversuche an und erschreckt uns damit gleich doppelt.

So in der «Parodie» «Corona: Wie sie uns heimlich ERZIEHEN wollen». Zunächst die Packungsbeilage: Für Schäden oder Nebenwirkungen lehne ich jede Verantwortung ab. In diesem Brüller sitzt eine locker gekleidete Wernli einer streng mit Brille, Deux-Piece und natürlich Goldkettchen mit kleinem Glitzersteinchen verkleideten gegenüber.

Zusammenarbeit: Roger Köppel (links) und Tamara Wernli (rechts).

Wernli streng gegen Wernli locker

Wernli streng spielt eine «Moralexpertin», die Wernli locker zu einem «Moraltest» aufgeboten hat, um «zu sehen, ob sie ein guter Mensch sind». Der Leser wird es mir danken, dass ich ihm das 60-minütige Feuerwerk an Pointen, knackig-witzigen Dialogen und krachenden Niederlagen der «Moralexpertin» erspare. Es steht am Schluss ungefähr 40 zu 0 für die lockere Wernli. Oh, ich sehe gerade, es sind nur 6 Minuten.

Auf jeden Fall endet die Horror-Parodie einer Satire damit, dass die lockere Tamara durch den Test gefallen, daher ein «schlechter Mensch» sei und ihr empfohlen wird, sich in ein Boot-Camp zu begeben.

Selbst der Blumenstrauss seufzt auf

Für die bis hierher Überlebenden fällt dann die strenge Tamara aus der Rolle, schiebt sich die Intellektuellen-Brille ins Haar und wünscht den Zuschauern ein gutes neues Jahr. Als sie androht, auch 2021 ihre Fans zu bespassen, lässt sogar der Blumenstrauss neben ihr hörbar eine Blüte fallen. Was soll er sonst auch machen, der Arme.

Vielleicht sollte Wernli mal ein paar Ausgaben von «Die Anstalt» im ZDF anschauen. Da wird der Fake-Dialog zwischen einem böswilligen Zyniker und einem um Fassung ringenden aufgeklärten Menschen in Perfektion dargeboten. Erst noch faktenbasiert mit Schautafeln. Sicher, das Beste, was dem deutschen Farbfernsehen seit Harald Schmidt eingefallen ist. Aber leider ist die Hoffnung wohl vergeblich, dass Wernli zur Einsicht fähig ist, dass die Welt schon trübe und traurig genug ist. Auch ohne Tamaras Welt.

Rohner ist der Grösste – Aussitzer aller Zeiten

Wenn der Hofpoet im Hoforgan den abtretenden König anhimmelt, wird’s schwummrig.

Martin Meyer war als langjähriger Feuilleton-Chef der NZZ ein Glücksfall für die Kultur. Vielleicht nicht vom Innovationsgeist eines Frank Schirrmacher angetrieben. Aber solid, belesen, gebildet, intelligent.

Eigentlich wäre er nicht abgeneigt gewesen, den Chefsessel der NZZ zu besteigen; das intellektuelle Rüstzeug hätte er gehabt. Aber da stand ihm einer in der Sonne, der es nicht hatte.

Er hat einen Ruf zu verlieren – und arbeitet dran

Wie auch immer, er ist pensioniert, aber weiterhin Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der NZZ. Also mit Einfluss ausgestattet, er hat auch weiterhin einen Ruf zu verlieren. Genau das versucht er leider mit einer Eloge auf den endlich abtretenden VR-Präsidenten der Credit Suisse. Meyer will in der «Weltwoche» aufzeigen, «was Wirtschaft und Kultur» Urs Rohner zu verdanken hätten.

Da die kürzeste Antwort ist: nicht viel, und mehr Schädliches als Nützliches, muss Meyer seinen feuilletonistischen Muskel anspannen, um den vielen schwarzen und roten Flecken auf der angeblich so «weissen Weste» (Selbsterkenntnis von Rohner) auszuweichen.

Vielleicht kann man Meyer zugutehalten, dass er es nicht so mit den Zahlen hat. Als Rohner 2011 die Führung der CS übernahm, habe die Bank die Stürme der Weltfinanzkrise relativ gut überstanden, sie «war und blieb stabil». Ach was, das drückte sich sicherlich darin aus, dass der Aktienkurs sich schon im ersten Amtsjahr von Rohner mehr als halbierte.

Rote Zahlen für die CS, schwarze für Rohner Bankkonto

Von da an ging’s meistens bergab. 2016 war dann das Meisterstück des «schnellen Analytikers», dessen «diplomatisch nachhaltiges Geschick brachte der Bank und ihrem Präsidenten vielerorts viel Anerkennung», fantasiert Meyer. In der realen Welt durchbrach in diesem Jahr die CS-Aktie zum ersten Mal die 10-Franken-Schwelle. Wer im Jahr 2000 CS-Aktien als sichere Wertanlage gekauft hatte, musste einen Absturz von über 73 Franken auf 9,68 hinnehmen.

Geht’s noch schlimmer? Aber locker. 2016 brachte ja nur einen Verlust von 27 Prozent in einem Jahr. Da geht noch was, sagte sich der schnelle Analytiker, 2018 schaffte er einen Jahresverlust von 37 Prozent. Das war gar nicht so einfach, denn der Anfangskurs lag bei niedrigen 17,57. Aber auch in seinem letzten vollen Amtsjahr wollte Rohner noch ein Zeichen setzen. Ist gelungen: Tiefstkurs 2020 sagenhafte 6,18 Franken.

Die grösste Busse aller Schweizer Banken kassiert

Über die gesamte Amtszeit der «deutlichen Persönlichkeit» Rohner durften sich die Besitzer der Bank über 40 Prozent ihrer Investition ans Bein streichen. Dabei haben wir noch gar nicht von seinem diplomatisch nachhaltigen Geschick gesprochen. Damit erreichte er insbesondere die Anerkennung der USA, die der CS die grösste Busse für eine Auslandbank aufbrummte. 2,6 Milliarden Franken, aber das war nur ein Teil der gesammelten Bussen, die die CS international unter der Führung des ehemaligen Chief Legal, also des juristischen Oberaufsehers, kassierte.

Das hatte Rohner mit einer Lex USA im Parlament verhindern wollen, die in Wirklichkeit eine Lex CS gewesen wäre. Aber auch damit scheiterte er. Und dabei haben wir noch gar nicht von seiner Personalpolitik gesprochen. Nach dem bonusgierigen Dougan der schlichtweg überforderte Thiam, eine weitere Spitzenleistung Rohners. Von der Anstellung bis zur Entlassung.

Meyer stimmt das hohe C an

Aber die Kultur, Rohners «Begeisterung für Musik, Literatur (Dürrenmatt, Frisch)», da ist Meyer in seinem Element und stimmt das hohe C an: «So entwickelte sich das Kombinat Nadja Schildknecht /Urs Rohner mit dem Zurich Film Festival zum Glücksfall weit über die Zwinglistadt hinaus. Glamour, ja, und Welthaltigkeit.»

Sozialistisches Kombinat, Welthaltigkeit. Welch merkwürdige Wörter. Aber sei’s drum. Eigentlich wäre die Aufgabe eines VR-Präsidenten, der in seiner Amtszeit Multimillionen verdiente, Werthaltigkeit zu garantieren. Wertschöpfung zu betreiben. Aber schwarze Zahlen auf der weissen Weste gab es nur auf seinem Privatkonto. Während die Teppichetage sich ungeniert bediente, die Aktionäre geschröpft wurden und die Mitarbeiter verunsichert.

Legen wir nachsichtig den Schleier des Vergessens über Rohner und über diesen peinlichen Ausrutscher von Meyer. Im Gegensatz zum Adressaten seiner Jubelarie hat Meyer immerhin etwas geleistet in seinem Leben.

 

Tanzen, tänzeln, schwänzel, schwänzeln

Unsere Bundesräte haben einen Unterleib? Ach wo.

Die dürftig belegte Vermutung, dass der damalige Bundesrat Kaspar Villiger angeblich im Berner Rotlichtmilieu verkehrt habe, kostete nicht nur diverse Köpfe von Journalisten, sondern auch letztlich einem hoffnungsfrohen News-Magazin das Leben.

Andere Zeiten, andere Sitten. Ein angebliches Rencontre von zwei testosteron-gesteuerten Chefbankern, bei dem der eine die Frau des anderen beleidigt haben soll und dieser daraufhin angeboten habe, das doch draussen unter Männern zu regeln: Das kommt heutzutage mit Namensnennung überall. Obwohl es keine Zeugen gibt, die namentlich hinstehen wollen.

Ab und an saftige Storys auch in der Schweiz

Wie geht’s denn so im Privatleben der ehemaligen Bundesrätin Ruth Metzler zu? Da wuschen alle Beteiligten einer gescheiterten Ehe kräftig schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit. Sie war die betrogene Ehefrau, er hatte ein Verhältnis, ausgerechnet mit seiner Geschäftspartnerin, mit der er eine Unterwäsche-Linie aufgebaut hatte; Slogan: «Männer wollen nur das Eine», weidete sich 2010 die «Schweizer Illustrierte» an der saftigen Story.

Die auch, laut SI und anderen, eine Reise ins Baderessort Sharm-El-Sheikh in Ägypten umfasst haben soll. Da schien es der Gatte etwas übertrieben zu haben, denn er soll mit Frau und Geliebter dorthin gereist sein. Wobei die alt Bundesrätin davon nichts gewusst habe, jedoch vom gesprächigen Hotelpersonal ins Bild gesetzt worden sei.

Nach ein paar Skandälchen kommt mal wieder ein grösserer

Das waren noch Zeiten. Aber in den letzten zehn Jahren scheint es doch so gewesen zu sein, dass die Staatsmänner und -frauen im Bundesrat trotz hoher Arbeitsbelastung und gelegentlichen Versuchungen vorbildlich auch im Privatleben blieben. Nun ja, also Bundesrätin Sommaruga soll ja nicht nur bei ihrem Schriftstellergatten ausgezogen sein. Und alt Bundesrätin Leuthard (Duschen mit Doris) galt nicht als Kind von Traurigkeit. Heisst es.

Aber niemand liess sich wie Dumpfbacke Christophe Darbellay bei einem Seitensprung mit Fruchtfolge erwischen. Gerade entwickelt sich hingegen ein saftiger neuer Skandal. In der üblichen Kadenz. Am Samstag zeigte die «Weltwoche» der Sonntagspresse eine lange Nase. Da in der Printausgabe nichts stand, hoffte man bei den Sonntagsblättern, dass man die Berset-Story exklusiv habe. Der Traum platzte vor Erscheinen.

Christoph Mörgeli zeigte, dass er nicht nur weiterhin gut vernetzt ist, sondern auch so seine Quellen hat. Also legte er die Latte hoch. «Berset: Erpressung und Vertuschung. Bundesrat Alain Berset wurde mit offenbar verfänglichen Fotos und Mails um 100 000 Franken erpresst. Die Bundesanwaltschaft vernichtete alles belastende Material, weil sonst Berset sein Amt nicht mehr richtig ausüben könne.»

Eigentlich stand in der WeWo schon alles

Mehr war dazu im ersten Anlauf nicht zu sagen. Also klapperte die Sonntagspresse deutlich gefrustet hinterher, und förderte keine welterschütternden Zusatzerkenntnisse zu Tage. Aber andererseits: echt, ein Bundesrat? Frau? Verfängliche Dokumente und Fotos? Erpressung gar?

Am Montag ging’s dann aber richtig los. Schon bis am Nachmittag fast 100 Treffer für «Berset – Erpressung» in der SMD. Schon die Sonntagspresse hatte vorgebahnt, dass man wohl leider nicht auf die WeWo einprügeln könnte, deren Primeur war korrekt.

Aber was nun? Nochmal nachklappern, das wäre dann etwas wenig. Allerdings sind cirka 80 der fast 100 Treffer dem Umstand zu verdanken, dass Tamedia und CH Media natürlich in allen Kopfblättern das Gleiche abfüllten. Da gibt es im Elendsjournalismus von heute eigentlich nur zwei Möglichkeiten.

Wenn nichts Neues zu vermelden ist, gibt’s nur zwei Möglichkeiten

Zunächst der Kommentar. Natürlich kann sich kein einziges Kopfblatt von CH Media dagegen wehren, wenn die Autorin des Kommentars Anna Wanner heisst. Obwohl er zwar staatstragend («Alain Berset hat richtig gehandelt»), aber inhaltlich, nun ja, leicht wirr, ziemlich falsch und in den Schlussfolgerungen echt schräg ist.

Die zweite Möglichkeit ist, sich in einen Aspekt zu verbeissen. Der wurde zwar schon am Samstag von der WeWo mit dem bösen Wort «Vertuschung» aufgegriffen, aber was soll man sonst denn machen, um die Spalten zu füllen. Also geht es um die Frage, wieso die Bundesanwaltschaft eingriff, wenn Berset das ausdrücklich nicht als amtliches (zuständig), sondern privates (nicht zuständig) Problem bezeichnet?

Auch die Mitteilung, dass die Angelegenheit durch Strafbefehl und Löschung der möglicherweise peinlichen Dokumente und Fotos erledigt sei, erweckt den Argwohn der Journis. Auch, dass Berset angeblich den übrigen Bundesrat nicht über sein kitzliges privates Problem orientiert habe.

Einen Kommentar seiner Gattin konnte allerdings bislang noch kein Medium aus ihr herauslocken. Wohl, weil Berset es ihr schon vor diesen Veröffentlichungen gestanden hat. Und da sind Politikergattinnen, siehe Hillary Clinton, hart im Nehmen.

Wieso dauert die Enttarnung der Erpresserin so lange?

Nur sehr kurzes Leben hatten diverse Knallfrösche, die gegen die WeWo gezündet wurden. Was soll denn das, Privatangelegenheit, widerlich, politische Rache, macht man nicht.

Aber, liebe Kollegen und Kolleginnen von der leichten Krawallerie, selbst die Mutter des unehelichen Kindes von Darbellay wurde recht schnell enttarnt. Wieso dauert es dann bei der Erpresserin so lange? Nur ein «jetzt rede ich» kann diese Story noch etwas am Leben erhalten.

War bei Geri Müller doch auch so. Dem gelang es, allerdings nicht ohne Kollateralschäden, seine Affäre zu überstehen. Und auch im Hause Müller hörte man nichts von einer Trennung oder Scheidung. Obwohl, Fotos des Gemächts aus den Amtsräumen versenden, ts, ts.

 

In eigener und fremder Sache

Roger Köppel polarisiert. Und wird wegen diesem und jenem beschimpft. Aber …

Manche mögen ihn. Viele eher weniger. Baut er – als Einziger – in diesen Zeiten den Kulturteil aus und holt sich dafür einen angesehenen Herausgeber: Schweigen im Zeitungswald. Kann man nicht meckern, also sagt man lieber nichts.

Klimawandel, Trump, Verhältnis zur EU: gerne und mit Lust wedelt er da mit roten Tüchern, das nennt man Erregungsbewirtschaftung.

Aber: Er hat eine Eigenschaft, die eigentlich jeder Herausgeber oder Chefredaktor haben sollte. Und im deutschen Sprachraum, in der Schweiz ausser ihm keiner (und keine) hat. Er liebt die Debatte. Ausserhalb, aber auch innerhalb seines Blatts.

Das können einige andere und ich bezeugen. Kritisiert ihn jemand öffentlich, und tut er das nicht unter jedem Niveau, dann bietet er Platz in der «Weltwoche» für die kritische Meinung an. Wer da erschreckt nein sagt, in diesem Blatt doch nicht, bei Köppel doch nicht, ist schlichtweg ein blöder Belferer. Weil den Kritikern auch dazu eigentlich nichts einfällt, knirschen sie, dass die Langzeit-Kolumne von Bodenmann, die kritischen Stimmen, das Widersprechen, dass das alles doch Feigenblätter seien, pseudo, Vorspiegelung eines Dialogs, während es Köppels Monolog sei.

Welcher Schweizer Chefredaktor, welche Chefredaktorin, würde sich so niedermachen lassen?

Alle diese Dummschwätzer sollten sich mal fragen, ob ihr Chef es zulassen würde, in seinem eigenen Blatt so niedergemacht zu werden. Und wenn sie nicht auch noch verlogene Heuchler sind, müssen sie zugeben: niemals. Nicht im Traum. Nicht in anderen Welten.

Ich muss hier von mir schreiben, was natürlich auch Gelegenheit für Häme bieten kann. Aber es ist halt, wie es ist. Am 14. November veröffentlichte ich hier auf ZACKBUM.ch «Köppels Trumpfieren». Eine doch eher gnadenlose Abrechnung mit seiner Verehrung, zumindest Verteidigung von Donald Trump. Am Montag fragte er mich, ob er diese Polemik übernehmen dürfe. Sie habe seiner Redaktion und auch ihm ausnehmend gefallen.

Ich empfahl ihm, alle seine Mitarbeiter, die Sympathie für diesen Verriss geäussert haben, fristlos zu entlassen. Aber vorher: gerne. Das steigert nun noch die Vortaten, wo er bereit war, eine extra für die WeWo geschriebene Gegenmeinung zu bringen. Diesmal wollte er sogar ein bereits erschienenes Stück, mit Quellenangabe natürlich.

Der Beweis. Und erst noch in Titel und Lead angespitzt.

Also Hand aufs Herz, alle die, die Köppel für die Inkarnation des Gottseibeiuns halten: Macht sonst keiner. Müsste aber jeder machen, für den das Wort der Podiumszeitung, der freien Debatte, der offenen Kritik nicht einfach leere Worthülse ist. Die alle anderen Chefs gerne grossmäulig rumspucken.

Ach, da werfen sich zwei gegenseitig Steine in de Garten? Köppel steht gut da, Zeyer lobt ihn? Mag ja alles sein, nur: nachmachen, bitte!

Ich könnte auch Namen nennen, aber wozu. Früher, als ich das noch probierte, hörte ich zu oft: «Toll geschrieben, super Inhalt, neue Perspektive. Ehrlich gesagt, sehe ich auch so. Aber du weisst doch, wie es bei uns ist. Das kann ich nicht mal in der Konferenz vorschlagen, das kriege ich nie durch.»

Der Bezwinger des Matterhorns

Peter Rothenbühler wechselt das Organ. Damit setzt er ein Zeichen.

Wenn man nicht mehr der Jüngste ist, aber immer noch aktiv, dann wird man zum Urgestein. Peter Rothenbühler (wir haben mal zusammengearbeitet und mögen uns wohl) hat seine Karriereplanung mit der Besteigung des Matterhorns verglichen.

Früh aufstehen, schnell an die Spitze, dort nur kurz jauchzen und gleich an den Abstieg denken. Er hat das Matterhorn bestiegen, und einige Chefredaktorsessel auch. Mehr als das; als er als letzter Notnagel die serbelnde «Schweizer Illustrierte» übernahm, erfand er den Schweizer People-Journalismus.

Er hielt gegen alle Häme durch und machte damit die SI zu einem hochprofitablen Organ. Sehr zum Verdruss eines grossen Teils der Redaktion. In den damaligen goldenen Zeiten des Journalismus mussten wir nur einmal den Redaktionsgang runterlaufen, schon hatten wir wieder drei Kündigungen im Rücken.

Mit seinen Kolumnen auf Wanderschaft

Aber genug der Nostalgie, das Leben ging weiter, 2000 brach Rothenbühler zu neuen Ufern auf, nachdem man ihn bei Ringier nicht mehr wirklich wollte. Nach einem misslungenen Abstecher zu Roger Schawinski zeigte er als Chefredaktor von «Le Matin» nochmals, wie man ein erfolgreiches Blatt macht.

Auch mit seiner Kolumne ging er auf Wanderschaft, bis er wieder bei der SI damit landete. In einem vergnüglichen Interview auf persoenlich.com, das er möglicherweise mit sich selbst geführt hat, begründet er die Wahl banal: «Die hat am meisten bezahlt.»

Mit dem ihm eigenen Geschick und Schalk manövriert er sich durch die Fragen, wieso er schon nach sieben Jahren gehe, normal bei ihm seien doch zehn: «Das sind die neuen zehn Jahre.» Wieso zur «Weltwoche»? «What else, kann ich da nur sagen.» Und der politische Kurs des Blatts? «Den suche ich immer noch.»

Vom Piksen und Quälen

Und wie steht es mit dem Widerhall seiner Kolumnen? «Doch, doch, es läuft gut. Grosse Persönlichkeiten lassen sich immer etwas sagen. Nur die Kleinen weinen, wenn man sie pikst.»

Sticheln kann er natürlich auch nicht lassen, er setzt sogar zu einem wahren Manifest an, was bei ihm eher selten ist: «Ja, ich glaube, die Weltwoche hat eine grosse Zukunft. Ich bin ein Überzeugungstäter, glaube an den freien Diskurs, der heute gefährdet ist. Ich schreibe fortan für eine Publikation, wo das offene Wort etwas gilt, wo es keine Zensur, keine vorauseilende Unterwerfung unter die Hüter der Korrektheit, keine Genderpolizei und keine Diversity-Manager gibt.»

Das kleine Wörtchen «fortan» deutet dezent darauf hin, dass das in seinem bisherigen Organ anders war. Da Rothenbühler wirklich ein treuer Mensch ist, muss man ihn längere Zeit garstig gepikst haben, bis er sich entschloss, dass es nun aber reicht.

Ringier und sein unglückliches Händchen beim Personal

Als ich ihm zum Wechsel gratulierte, fragte ich auch, was denn der eigentliche Grund sei. Darauf schweigt Rothenbühler, denn auch dazu hat er eine unschlagbare Erkenntnis aus seinen jahrelangen Aufenthalten in Schlangengruben gewonnen: Er komme leise und gehe leise. Nur dazwischen gebe es manchmal Mais.

Wie schon bei Helmut-Maria Glogger selig zeigt hier Ringier wieder einmal, dass der Verlag ein eher unglückliches Händchen in seiner Personalpolitik hat. Nachdem eine Rabauken-Truppe aus Deutschland den «Blick» fast an die Wand gefahren hatte und ihn zur teuersten Entschuldigung aller Zeiten zwang, wechselte ein belangloser Chefredaktor den letzten ab. Nun leitet Christian Dorer mit seinem Schwiegersohn-Charme das, was von der «Blick»-Familie noch übrig ist.

Auch die SI ist nur noch ein Schatten ihrer selbst; 20 Jahre ohne Innovation, nur Imitation von Rothenbühlers erfolgreicher Idee, das reicht in den garstigen heutigen Zeiten nicht. Ohne Rothenbühler wird das Blatt noch beliebiger, um ein Lieblingswort des Hausgespensts Frank A. Meyer zu benützen, der Meister der Beliebigkeit.