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Vom Schlachten eines guten Journalisten

Normalerweise wird hier der Gorilla bespasst. Das geht in diesem Fall nicht. Anonyme Beschuldigungen, grosses Geschrei, Untersuchung. Resultat: null. Beschuldigter beschädigt bis erledigt.

Mobbing, sexuelle Belästigungen beim Westschweizer Fernsehen RTS. Darius Rochebin, über viele Jahre im wahrsten Sinne des Wortes der Anchorman der RTSTagesschau», ein angesehener, fachlich hochstehender, sorgfältiger und hartnäckiger Journalist, gehörte auch zu den Angeschuldigten.

Als wär’s ein Stück aus der «Republik»: Am 31. Oktober letzten Jahres hatte «Le Temps» angeklagt. Belästigungen, ungewollte Küsse, anzügliche Kommentare, Machtmissbrauch. Rochebin musste sich Vorwürfe anhören wie den, dass er die Hand einer Mitarbeiterin ohne deren Einverständnis auf sein Gemächt gelegt habe.

Natürlich erfolgten alle diese Vorwürfe anonym. Natürlich wurde behauptet, dass interne Beschwerden nichts genützt hätten, deshalb habe man an die Öffentlichkeit gehen müssen. Sozusagen die Vorlage für die erregten 78 Frauen bei Tamedia.

Rochebin bei seinem neuen französischen Arbeitgeber.

Damals stocherte das Haus der Qualitätsmedien nach, und, who else, die Frauenbeauftragte Claudia Blumer schrieb einen schäumenden Kommentar. Bereits am 2. November war für sie alles klar.

Urteil vor Untersuchung und Verhandlung

Als Qualitätsjournalistin vollstreckte sie bereits das Urteil, bevor überhaupt eine Untersuchung angefangen hatte: «Wie immer ist es erschütternd, wenn ein Heiligtum fällt», senkt sie mit dem ersten Satz den Daumen über Darius Rochebin. Sie kritisierte zudem, dass nicht mit «Sorgfalt und Entschiedenheit» den Vorwürfen nachgegangen worden sei. Es habe zwar keine rechtlichen Schritte gegen RTS gegeben, «doch das ist nicht entscheidend», donnerte Blumer vom hohen Ross:

«Nichtwissen ist Teil des Versagens.»

ZACKBUM, können wir nur sagen. Jetzt darf aber schallend gelacht werden: «Gravierende Fälle von Belästigung sind nicht Sache externer Berater oder einer Anlaufstelle, sondern der Geschäftsleitung und des HR.»

Schrieb damals die schnell wieder abgesetzte Untersuchungsrichterin Blumer, die selbst nachprüfen sollte, ob an den von ihr miterhobenen Vorwürfen der Tamedia-Mitarbeiterinnen etwas dran sei. Beauftragt von der Geschäftsleitung.

Als seien es haltlose Anschuldigungen der «Republik», die im Fall des grössten Kita-Betreibers «Globe Garden» durch eine externe Untersuchung als völlig haltlos und nicht verifizierbar abgekanzelt wurden, gleiste RTS gleich mehrere Untersuchungen auf, um ja jeden Verdacht der Verschleierung oder Vertuschung abweisen zu können.

Die anonymen Heckenschützen werden nicht belangt

Das Ergebnis ist nun auch hier bekannt. Es lautet, in der neutralen Sprache der Agentur SDA:

«Die von der SRG eingesetzten unabhängigen Sachverständigen kamen nun zum Schluss, dass sich Rochebin keiner sexuellen Belästigung oder Mobbing schuldig gemacht habe.»

ZACKBUM, sagen wir zum zweiten Mal. Bei zwei anderen Angeschuldigten sieht das anders aus; der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung verlassen deshalb den Sender. Die anonymen Verleumder, die schützt ihre Anonymität.

Das ist drakonisch, aber wohl richtig. Dort wird also aufgeräumt. Wie sieht es aber bei Tamedia aus? Hier würde es wieder brüllend komisch, wenn es für die Opfer der journalistischen Unfähigkeit Blumers nicht bis heute sehr, sehr bitter und belastend wäre.

Im Nachhinein und Blabla? Nein, ZACKBUM kritisierte schon damals scharf alle Formen von Vorverurteilung aufgrund anonymer Anschwärzungen. Der Ausgang ist ja meistens sehr vorhersehbar.

So wie bei Blumer. Im Prinzip. Denn ohne «Sorgfalt oder Entschiedenheit» ignorierte sie bei ihrem Schandartikel über den Streit ums Besuchsrecht sämtliche Fakten und Tatsachen, die ihr nicht in die Storyline passten. Mutter manipulativ und böse, Vater verzweifelt und untröstlich. Das war die These, die in keinem einzigen Punkt der Realität entsprach.

Nichtwissen ist schlimm, ignorieren ist schlimmer

«Nichtwissen ist Teil des Versagens», bei Blumer ist’s noch schlimmer. Sie ignorierte einen wohlbelegten Katalog von 14 Falschbehauptungen in ihrem Artikel. Tamedia weigert sich bis heute, eine Richtigstellung abzudrucken. Wir haben das Trauerspiel ausführlich beleuchtet.

Glücklicherweise steht die von Blumer verleumdete Mutter nicht in der Öffentlichkeit, und ihr Arbeitgeber schenkte ihr auch sein Vertrauen, dass all die von Blumer als Sprachrohr des tobenden Vaters erhobenen Vorwürfe falsch seien.

Der Weg ins Verderben.

Wie steht das nun mit dem «gefallenen Heiligtum» Rochebin? Der hatte nach Frankreich zu einem anderen Sender gewechselt und musste dort seine Tätigkeit zumindest vorübergehend einstellen; wer möchte schon einen Anchorman sehen, dem üble sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden?

Natürlich klagte er «Le Temps» wegen Verleumdung ein. Vielleicht wird er auch irgendwann Recht bekommen. Wenn er nicht vorher einsieht, dass das Jahre dauern und viel Geld kosten kann, und dass er damit den Fall in der Öffentlichkeit hält.

Natürlich hat das familiäre Umfeld der durchs Schlammbad gezogenen Mutter Blumer wegen übler Nachrede angezeigt. Das ist auch eher ein Akt der Verzweiflung, denn sie referierte ja nur unüberprüft die haltlosen Behauptungen des Vaters. Und eine grottenschlechte Journalistin zu sein, das ist (leider) nicht strafbar.

Werden wir noch mal Anstand und Verantwortung bei Tamedia erleben?

Werden wir in diesem Fall erleben, dass sich Tamedia, dass sich Blumer wenigstens für den angerichteten Schaden entschuldigt, gutmachen kann man den sowieso nie mehr? Ich glaube, durchaus noch über eine grössere Restlaufzeit in dieser Welt zu verfügen.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich so viel Anstand. Fairness, Verantwortungsbewusstsein bei diesem Konzern und dieser Journalistin nicht mehr erleben werde. Der Fall der verleumdeten Mutter liegt nun schon fast zwei Jahre zurück. Und auch ZACKBUM gegenüber setzte Tamedia auf das unanständig Bewährte: einfach Schnauze halten, geht vorbei.

Vielleicht dann?

Wer stoppt Rutishauser?

Ein seltener Fall von medialer Selbstjustiz. Über Jahre hinweg.

Auf einer Wand stand: «Ich hasse dich.» Zudem sei Abfall herumgelegen, und weitere Wände seien mit Flüssigkeiten verschmiert gewesen. Diese unappetitlichen Details serviert Arthur Rutishauser zum Gipfeli den Lesern der «SonntagsZeitung».

Wer meinte, dass er nach drei Jahren und der Einreichung der Anklageschrift seine Position als Lautsprecher der Staatsanwaltschaft und als rücksichtsloser Enthüller von eigentlich strikt vertraulichen Ermittlungsakten aufgegeben habe, hat sich ein weiteres Mal getäuscht.

Es ist schon drei Monate her, dass allgemeiner Wahnsinn in den Medien ausbrach, ein Wettlauf begann, wer am schnellsten die saftigsten Stellen aus der Anklage zitieren kann. Ein weiteres Mal wurde die Unschuldsvermutung ad absurdum geführt. Die Eröffnung einer Strafanzeige gegen Unbekannt, wegen fortgesetztem Bruch des Amtsgeheimnisses, beeindruckt den Oberchefredaktor von Tamedia offenbar überhaupt nicht.

Mit der gleichen Munition nochmal nachladen

Die Anklageschrift gegen den gefallenen Bankerstar Pierin Vincenz ist bis auf den letzten Tropfen ausgewrungen; das letzte Wort hatte hier die NZZ, die nassforsch bekannt gab, dass sie im Besitz aller 364 Seiten der Anklageschrift sei. Ohne, dass ihr bislang eine Strafanzeige ins Haus flatterte.

Nun konnte aber Rutishauser endlich mal wieder nachlegen. Schon seit drei Jahren haut er jedes Dokument, mit dem er angefüttert wird, ohne Rücksicht auf Anstand, Amtsgeheimnis, Vorverurteilung, Unschuldsvermutung einfach raus. Geradezu zwanghaft. Nun kann er wieder einen besonderen Leckerbissen servieren: «Vincenz’ Ausflüge ins Rotlichtmilieu waren vom Raiffeisen-Präsidenten abgesegnet».

Das ist nun aber Schnee von vorgestern, längst bekannt, längst beklagt, längst kritisiert. Nicht zuletzt in der «Ostschweiz» wurde schon seit Längerem die Frage gestellt, wieso der damals amtierende Johannes Rüegg-Stürm nicht schon längst wegen ungetreuer Geschäftsführung, wegen sträflich-fahrlässiger Vernachlässigung seiner Aufsichtspflichten angezeigt und in Regress genommen wurde.

Der lächerliche Professor ist nur ein Vorwand

Wobei zur Lächerlichkeit ungemein beiträgt, dass er bis heute an der HSG Studenten in richtiger Geschäftsführung professoral unterrichten darf. Aber das ist eigentlich nur ein Vorwand für Rutishauser. Um nochmals in unappetitlicher Detailversessenheit wie einleitend erwähnt aus einem Polizeirapport über den Zustand der Suite im Zürcher Hyatt zu berichten. Dort war ein kleiner Fehler in der Terminplanung von Vincenz etwas ausgeartet und hatte zu einigen Beschädigungen im Hotelzimmer geführt.

Die Reparaturrechnung setzte Vincenz laut Anklageschrift auf seine Spesenrechnung. Die, wie alle anderen auch, von Rüegg-Stürm angeblich sorgfältig geprüft, für rechtens befunden und abgezeichnet wurde. Dieser Skandal ist längst bekannt, ebenso die unverständliche Entscheidung der Uni St. Gallen, dennoch den Lehrauftrag von Rüegg-Stürm bis zu seiner Pensionierung zu verlängern.

Nachdem die Anklageschrift nichts mehr hergibt, wurden Rutishauser offensichtlich das Einvernahmeprotokoll von Rüegg-Stürm durch die Staatsanwaltschaft und mindestens ein Polizeirapport zugespielt. Eine Einvernahme, in der sich der Professor nochmals bis auf die Knochen blamiert, wie er naheliegenden Fragen nach seiner Aufsichtspflicht gelenkig wie ein Schlangenmann auszuweichen versucht. Wieso es ihm nicht aufgefallen sei, dass Vincenz angeblich mehr als 100’000 Franken an Spesen in Striplokalen und anderen einschlägigen Etablissements eingereicht habe.

Nichts Neues, aber die Wiederholung saftiger Details hilft bei der Vorverurteilung

Das gibt Rutishauser nochmals Gelegenheit, unter dem Deckmäntelchen der Berichterstatterpflicht die saftigsten Details dieser Spesen wieder auszubreiten. Auch hier gibt’s nichts Neues, aber es hilft natürlich bei der medialen Vorverurteilung, bei einer Art öffentlicher Selbstjustiz, mit der Rutishauser auch noch die letzten lächerlichen Reste der Unschuldsvermutung in die Tonne tritt.

Es ist ein Stück aus dem Tollhaus. Die einzigen bislang einwandfrei begangenen Straftaten sind Verletzungen des Amts-, Geschäfts- und Bankkundengeheimnisses. Und zwar wiederholt und ohne dass es der Staatsanwalt in den quälend langen Jahren seiner Untersuchung für nötig hielt, wenigstens Strafanzeige einzureichen.

Das holte nun als eine seiner ersten Amtshandlungen das Bezirksgericht Zürich nach, nachdem es durch die Einreichung der Anklageschrift die Hoheit über das Verfahren bekommen hat. Viel mehr Aktivität hat es allerdings bislang auch nicht entfaltet. Es brütet offensichtlich noch über der Frage, ob es – unter welchem Vorwand auch immer – die Anklage zwecks Verbesserung abschmettern will, sich für nicht zuständig erklären – oder in den sauren Apfel dieses Riesenprozesses beissen.

Behauptungen der Anklageschrift werden im Indikativ erzählt, als Tatsachen

Natürlich wurde die angebliche «Enthüllung» der SoZ in der dürftigen Nachrichtenlage des Sonntags fleissig kolportiert und weiterverbreitet. Manchmal im Konjunktiv, häufig aber auch, wie in der Darstellung Rutishausers, im Indikativ.

Das ist eine weitere Verluderung der Sitten. Unschuldsvermutung? Selten so gelacht. Zitate aus einer Anklageschrift, die schliesslich nur die Sicht der Staatsanwaltschaft wiedergibt, als Tatsachen darstellen? Ausrisse aus angeblichen Spesenabrechnungen publizieren? Ohne den geringsten Hinweis darauf, dass es sich hier bislang lediglich um Anschuldigungen handelt? Ohne Hinweis, dass nicht einmal die Anklage vom Gericht angenommen wurde? Ohne Hinweis darauf, dass ein Urteil noch in weiter Ferne liegt und Freispruch oder Schuldspruch sein kann?

Ohne Rücksicht darauf, dass Pierin Vincenz, unabhängig davon, ob er sich etwas hat zuschulden kommen lassen oder nicht, seit nun drei Jahren durch dieses Schlammbad von Indiskretionen geschleift wird? Also an seiner Vorbildfunktion müsste der Oberchefredaktor noch etwas arbeiten; da ist noch viel Luft nach oben.

Vorverurteilung

Auch für Markus Somm gilt die Unschuldsvermutung nicht.

Als Tamedia auch noch die «Basler Zeitung» schluckte, hielt sich das öffentliche Bedauern in engen Grenzen. Im Gegenteil, endlich ist er weg. Der Schriftleiter von Blochers Gnaden. Das Sprachrohr der SVP. Der schlimme rechtsbürgerliche Finger. Der Streiter an Köppels Seite.

Zudem habe Markus Somm ja die BaZ auch finanziell in den Boden gefahren, die Auflage fast halbiert, also in einem Wort: ein rechter Hetzer hat versagt, gut, dass er verstummt.

Dass gleichzeitig die grosse linke Alternative, das Auffangbecken für viele gefrustete BaZ-Redaktoren, die mit Millionen einer Pharma-Erbin gepäppelte «TagesWoche» elend verröchelte, nach Intrigen, Auflagenbeschiss, Blubbern in der eigenen Gesinnungsblase, das machte weniger Schlagzeilen.

Das haben die Basler nun davon

Auch nicht, dass Basel heute einerseits mit der Einheitssosse aus Zürich zugeklatscht wird, andererseits in «Bajour» schon wieder ein Medium hat, dass keine 2000 zahlende Leser findet und ebenfalls eingehen wird, wenn die neuerlich gespendeten Millionen versiegt sind.

Während nicht zuletzt dank dem grossen Portemonnaie von Blocher die BaZ saniert, ihre Pensionskasse gerettet wurde und das Blatt zum ersten Mal seit Jahren schwarze Zahlen schrieb.

Abgesehen davon, dass die «SonntagsZeitung» – zum grossen Unverständnis vieler angeblich am Widerstreit der Meinungen interessierter Linken – Somm eine Kolumne gab, herrschte allgemeines Aufatmen. Jetzt ist im Duopol auf dem Zeitungsmarkt, mit CH Media und Tamedia, wieder Ordnung und Anstand eingekehrt. Aber auch gähnende Langeweile, weiterer Auflagenschwund, ein zum Skelett abgemagerter Journalismus, was dem Leser als Konzentration auf das Wesentliche verkauft werden soll.

Wer stört noch die Friedhofsruhe der Einheitsmeinung?

Da stört den Konsens nur noch die NZZ, die dementsprechend schrill beschimpft wird; sie schmeisse sich den deutschen Rechten an den Hals, sei AfD-nah, also im strengen Verdacht, rechtspopulistische Hetze zu betreiben.

Zunächst: Ich habe in der BaZ unter Somm über 100 Artikel veröffentlicht. Niemals, kein einziges Mal bekam ich dafür Direktiven, Anweisungen, wurde Kritik selbst an Somm zensuriert. Der regelmässige Mitarbeiter der BaZ, der leider verstorbene grosse Helmut Hubacher, lobte die Liberalität von Somm, seine Bereitschaft, mehr noch, sein Bedürfnis nach Debatte. Ich schreibe auch gelegentlich für die «Weltwoche» und die NZZ. Dort herrscht der gleiche Esprit.

Ich schreibe schon lange nicht mehr für Tamedia oder CH Media. Nicht, dass ich’s nicht ab und an versuchen würde. Aber seitdem sich der Oberchefredaktor von Tamedia fast eine ganze Seite lang über mich öffentlich geärgert hat, weil ich ihn zu kritisieren wagte, bekomme ich nicht mal mehr einen Lacher als Antwort, wenn ich einen Artikel anbiete.

Bei CH Media ist es mehr so, dass sich sowieso schon zu viele Redaktoren in der Zentralredaktion in Aarau auf den Füssen stehen. Und beim zunehmenden Schrumpfen wäre es ein ganz falsches Signal, von aussen selbst saftige Skandalgeschichten anzukaufen. Das gilt übrigens auch für den «Blick».

In diesem ganzen Elend eine gute Nachricht?

In diesem ganzen Elend verdichteten sich die Gerüchte zur Tatsache: Somm hat den «Nebelspalter» gekauft. Himmels willen, wird da und dort aufgeheult, nach der «Weltwoche» nun auch das. 145 Jahre Tradition, Bö, gezeichnet von einem sanften, selten bissigen Wohlfühlhumor, eigentlich nur noch aus Wartezimmern nicht mehr wegzudenken. Für die meisten ohne dritte Zähne gar nicht mehr auf dem Schirm.

Hätte doch einfach sang- und klanglos irgendwann verschwinden sollen, dann hätte man noch einige bewegte Nachrufe geschrieben, und tschüss. Aber jetzt das. Somm, Hummler, reiche Säcke, die mal so 100’000 Franken auf den Tisch legen können; mehr als der Durchschnittsschweizer im Jahr verdient.

Mit Müh und Not konnte Somm noch als Chefredaktor der NZZ verhindert werden, auch wenn man René Scheu als Feuilletonchef akzeptieren musste. Schon jaulen die ersten Karikaturisten als Karikatur ihrer selbst auf; sie seien vom bisherigen Besitzer brandschwarz belogen worden, sie seien nicht willig, die Garnituren für rechte Hetze zu zeichnen.

Somm hat natürlich völlig recht

Da hat Somm leider recht. Die Linken sind behäbig, unleidlich, denkfaul, unfähig zur Debatte geworden. Der weichen sie schon lange mit moralinsauren Totschlagargumenten aus, mit den ewig gleichen Etiketten, mit den ewig gleichen Klischees. Wer die Andacht der Gutmenschen stört, ihr Leiden an sich, der Welt, so viel Unrecht, so viel Schuld, der stört.

Im Sinne der Inquisition werden nicht Meinungen, sondern Meinungsträger bekämpft. Ab dem ersten Mal, ein Wiederholungstäter wie Somm ist natürlich vorverurteilt, bevor er überhaupt den Mund aufmacht. Was will er mit dem «Nebelspalter», wo soll die Reise hingehen, was haben die Financiers und er vor? Egal, das soll sicher eine überhaupt nicht witzige neue Speerspitze der rechtspopulistischen Hetzer werden. Sozusagen ein Zweizack mit dem anderen Gottseibeiuns.

Boykottieren, abbestellen, ignorieren

Es riecht nach Schwefel, nach etwas Teuflischem, nach üblen Absichten. Das weiss der liberale Gutmensch schon vorher und wendet sich mit Grausen ab, boykottiert, kann sich in einer solchen Umgebung nicht vorstellen, ist enttäuscht, erschüttert, kündigt das Abo, schreibt und zeichnet nicht mehr, so wie weiland beim Verkauf der BaZ.

Auch wenn der «Nebelspalter» wohl kaum ein «Le Canard enchainé» oder ein «Private Eye» werden kann: durchlüften und mit genügend Finanzen Schub geben, wunderbar. Ausbau statt Abbruch, wunderbar. Versuch, Irrtum, neuer Versuch. Wunderbar. Kein Gejammer, sondern Geklotze. Wunderbar.

Vielleicht haben ja ein paar linke Reiche noch Geld und Lust, ein weiteres Mal Millionen zu verrösten, indem sie ein aufrechtes, aber zum Scheitern verurteiltes linkes Experiment finanzieren. Den «Sommspalter», den «Hummibrummi», den «Frey-Anzeiger». Oder: Die «Republik», neu auch mit witzig.