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Die Angst vor der Leere

Trump ist am Abklingen, Corona muss bewirtschaftet werden.

«Corona bringt Walliser Bestatter an ihre Grenzen», erschrickt der «Blick». Damit nicht genug: «In Genf stehen die Ambulanzen im Dauereinsatz».

Mehr als praktischer Ratgeber sieht sich «20 Minuten»: «Hilft amerikanisches Anstehen gegen Chaos am Skilift?» Apropos, «Trump kündigt grosse Klagen an», tickert der «Tages-Anzeiger», aber nur mehr mässig an diesem Thema interessiert.

Keine Fertigsaucen wegen Corona

Viel wichtiger ist ihm das Schicksal der «Corona-Kontrolleure», deren ordnende Tätigkeit in einer Reportage in Basel hautnah verfolgt wurde. Besonders am Herzen liegt dem Tagi auch das leibliche Wohl seiner Leser. Deshalb serviert er ihnen ein Interview mit dem «Gault Millau»-Chef: «Wegen Corona plötzlich Fertigsaucen servieren, das geht nicht», dekretiert Urs Heller. Nun, solange überhaupt noch Saucen gereicht werden können …

Wie meist etwas über der Sache steht die NZZ: «Die Experten drängen auf einen landesweiten Teil-Lockdown – streiten sich aber über den Zeitpunkt.» Ob diese Forderung erfüllt wird oder nicht, das erwarten alle Restaurantbesitzer und ihre Köche – mit oder ohne Fertigsauce – mit Bangen.

Der Corona-Test im Medienarchiv ergibt: An diesem Montag hat es das Wort Corona schon am Morgen auf über 1000 Treffer gebracht. Dagegen stinkt Trump mit mageren 274 gewaltig ab.

Auf der Welt ist eigentlich nicht viel los

Sonst ist wie üblich eigentlich wenig los auf der Welt. Ein Bürgerkrieg in Äthiopien, aber das ist ja in dieser Weltgegend völlig normal. Ach, und China verkündet die grösste Freihandelszone der Welt; natürlich ohne Europa oder die USA. Aber was ist das schon gegen die News von CH Media: «Wir kämpfen ums Überleben. Aarau Taxifahrer können nicht auf Unterstützung des Bundes rechnen.»

Eher unentschieden sind daher die grossen Medienhäuser mit ihren unzähligen Kopfblättern, ob sie wie immer drakonische Massnahmen im Kampf gegen die Pandemie unterstützen sollen – oder Erbarmen mit am Rande des Bankrotts stehenden Firmen haben. Für den Aargau, Stammlande von CH Media, ist das natürlich das Schicksal von Knecht Reisen.

Die «Nummer eins im Schweizer Fernreisengeschäft» beschäftigte mal an diversen Standorten über 300 Mitarbeiter. Da bekanntlich die Umsatzeinbrüche in der Reisebranche zwischen 75 und 90 Prozent liegen, muss natürlich auch der Firmeninhaber Thomas Knecht ums Überleben seines Reiseveranstalters kämpfen.

Massenentlassung oder scheibchenweise?

Was bleibt ihm anderes übrig, als Mitarbeiter zu entlassen; ein Reiseveranstalter besteht ja nur aus Büros, Computern und Mitarbeitern. Nun wird ihm aber von den selben Medien vorgeworfen, denen der nächste Lockdown nicht schnell genug und drakonisch genug sein kann, dass er mit scheibchenweisen Entlassungen eine sogenannte Massenentlassung vermeiden wolle.

Das wäre natürlich furchtbar, denn wenn in einem KMU mehr als 10 Mitarbeiter innerhalb eines Monats entlassen werden, dann ist das eine Masse. Und dann? Da muss das Unternehmen ein paar Formvorschriften mehr beachten. Also Meldung ans Arbeitsamt, Konsultation der Angestellten, Bekanntgabe der Anzahl der Entlassenen und des Zeitpunkts. Und, aber einer gewissen Grösse des Unternehmens, ein Sozialplan.

Dagegen soll laut «SonntagsZeitung» Knecht verstossen haben, indem er die Entlassungen auf die einzelnen Unternehmen seiner Holding verteilte. Was zwar völlig legal wäre, abgesehen davon, dass ihm wohl nichts anderes übrigbleibt, aber meckern am Verhalten eines Firmenbosses kommt ja immer gut.

Was gibt’s denn sonst für Themen?

Aber es gibt Lichtblicke, falls dann auch das Thema Corona so ausgelutscht ist, dass es wirklich keinen mehr interessiert. Wegbereitend ist wie immer die NZZ. Sie erfreut den Leser neben all diesen schlechten Nachrichten mit der Würdigung eines historischen Jahrestags. Ohne das geht es auch hier nicht.

Denn vor genau 80 Jahren verurteilte ein Schweizer Gericht zwei Personen zu lebenslänglich Gefängnis. Unerhört, aber das Besondere ist: Sie waren im Juni 1940 vom Deutschen Reich in die Schweiz geschickt worden, um hier Militärflugzeuge zu sabotieren. Aber die Operation «Adler» flog auf. Die Flugzeuge blieben intakt – wobei auch half, dass sie fast nie in Kampfhandlungen verwickelt wurden, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Reden wir über Trump

Die Medien erhöhen die Schlagzahl. Und senken das Niveau.

«Sonnenkönig Trump», «Maryanne Trump Barry nannte ihren Bruder in Gesprächen mit Mary Trump einen «Lügner» und «grausam».» Ferndiagnosen über den Parteitag der Republikaner eines deutschen Korrespondenten im «Tages-Anzeiger».

«Die Reden am ersten Tag enthielten mehr Lügen und Unwahrheiten als der gesamte Event der Demokraten in der Vorwoche.» Das Blatt der Wahrhaftigkeit, der «Blick», wendet den Lügendetektor an.

«Müssen abwarten, was passiert», kolportiert das «die 20 wichtigsten Irgendwas»-Medium «watson» Trumps Antwort auf die Frage, ob er eine friedliche Machtübergabe garantieren könne. «Maduro bezeichnet die USA als Gefahr für den Weltfrieden», bringt die NZZ eine Sicht von aussen ins Spiel.

Bahnbrechende Erkenntnisse aus Luzern

«Fake News sind falsche Nachrichten oder die verzerrte Darstellung von Teilwahrheiten.» Diese bahnbrechende Erkenntnis von zwei Forschern der Hochschule Luzern verbreitet die «Luzerner Zeitung», denn «der Begriff ist spätestens seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump in aller Munde».

«Das ist der letzte Beweis: Dieser Präsident übernimmt keine Verantwortung und lebt von der Schuldzuweisung», weist ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung im «Tages-Anzeiger» den US-Präsidenten streng zurecht.

Zusammenfassung: Ein Totalversager auf allen Gebieten

Vielleicht fassen wir mal zusammen: Donald Trump ist ein Egomane, ein Narziss, lügt, wenn er den Mund aufmacht. Er betreibt Vetternwirtschaft wie keiner zuvor, ein Versager auf allen Gebieten. Nicht nur ein Belastungstest für die US-Demokratie, sondern eine echte Gefahr.

Er ist ein Brandstifter, spaltet die Gesellschaft, ein Rassist, befürwortet das harte Durchgreifen der Polizei, bringt sogar Bundesbeamte gegen den Willen der Bundesstaaten zum Einsatz.

Ich gebe zu, dass ich nicht alle 10’000 Treffer gelesen habe, die das Medienarchiv SMD ausspuckt, wenn man den Suchbegriff Donald Trump eingibt. Immerhin noch 156 sind es, wenn man das Begriffspaar Trump und Lügner wählt.

Militante Gegenwehr wird gefordert

Der Vorreiter im Bemühen, Donald Trump eigenhändig wegzuschreiben, wird sogar militant. Zunächst räumt der «Spiegel», so viel Objektivität muss sein, immerhin ein: «Das Vorgehen Donald Trumps und seiner Gefolgsleute ist rechtlich in Ordnung.»

Na und, fährt das Sturmgeschütz der Demokratie fort, «aber nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch gerechtfertigt». Deshalb sei es nach dem Tod der Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg «Zeit zum Gegenschlag», ruft der «Spiegel»-Redaktor aus der Ferne zum letzten Gefecht.

Darf ich mich anschliessen? Trump ist tatsächlich wohl der schlechteste Präsident, den die USA je hatten. Und die Latte liegt tief. Ist meine Meinung. Meine völlig unerhebliche Meinung. Ich habe auch keine Berichterstatterpflicht.

Wo bleibt die Berichterstatterpflicht?

Hätte ich die, würde ich mich schämen. Denn das Versagen von Trump wird exakt gespiegelt am Versagen der deutschsprachigen Medien. Selbst im Fall der USA würde es doch Sinn machen, den Leser darüber zu informieren, für welche Politik Trump in seiner zweiten Amtszeit stehen wird, welche Alternativen der Herausforderer Joe Biden anzubieten hat. Deshalb kann der wohlinformierte Leser sicherlich die Eckpunkte der Wahlprogramme auswendig zitieren. Oder etwa nicht?

Den Leser könnte es auch interessieren, wie es denn den USA wirtschaftlich in den letzten vier Jahren so ergangen ist. Ob Polizeigewalt gegen Schwarze wirklich die Ursache für Unruhen, Plünderungen und die Herrschaft des Mobs in verschiedenen Innenstädten der USA ist.

Den Leser würde es – aber ist nur meine Meinung – vor allem interessieren, wieso Trump zumindest gute Chancen hat, wiedergewählt zu werden. Sicher, White Trash, Waffennarren, religiöse Fundamentalisten sind für ihn. Aber warum bekommt er die Stimmen von weiteren 40 Prozent der Staatsbürger?

Dominieren nur Fake News die Medien?

Sein Haussender «Fox News» ist das wohl schlimmste Lügenmedium seit Erfindung des Farbfernsehens. Aber die USA haben immerhin auch den Public Broadcasting Service (PBS) und das National Public Radio (NPR). CNN, andere grosse Newssender, die bedeutendsten Tageszeitungen der USA sind eindeutig Anti-Trump.

Sie beschallen täglich und stündlich ihre Leser mit einer ständigen Aufzählung von allen Lügen, allem Versagen, aller Widersprüchlichkeit, Wankelmütigkeit, Konzeptlosigkeit, Korruptheit ihres Präsidenten.

Niemand weiss, wie die Löcher in den Käse kommen

Kurt Tucholsky hat ein wundervolles Feuilletonstück geschrieben, das sich um die unschuldige Frage eines Kindes dreht, wie denn die Löcher in den Käse kommen. Die Erwachsenen wollen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und versteigen sich zu hanebüchenen Erklärungsversuchen, bis das Kind schliesslich weinend ins Bett geschickt wird, ohne seine Frage beantwortet zu haben.

Keine Angst, ich fange nicht an zu weinen, aber ich habe auch eine einfache Frage, die mir bislang noch kein einziges Medium in der Schweiz beantwortet hat: Warum ist es durchaus denkbar, dass Donald Trump wiedergewählt wird?