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Ex-Press XIX

Blasen aus dem Mediensumpf.

Werfen wir zunächst einen Blick auf ein gutes Stück Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia:

Interessen der deutschen Sprache in Untergewichtung.

Da muss man wie beim Schneeräumen geordnet vorgehen, um die Fehlersammlung vollständig wegzuräumen.

Fangen wir mit dem Einfachen an: Saudi-Arabien schreibt man so. Macht nix, ist ja auch irgend so ein Morgenland, und Pilatus ist im Fall richtig geschrieben.

Das gilt dann aber nicht für «Heraushaltung». Man ahnt zwar, was damit gemeint ist, aber leider existiert das Wort nicht. Obwohl es eine Lieblingsmarotte des Beamtendeutschs ist, alles, was nicht schnell genug davonläuft, zu substantivieren.

War’s das? Nein, bei so vielen Buchstaben kann man doch auch inhaltliche Fehler nicht vermeiden: «Welche Interessen sind höher zu gewichten …, oder Arbeitsplätze und der Technologiestandort Schweiz?» Da möchte man gerne wissen, welche Interessen denn Arbeitsplätze artikulieren, vom Technologiestandort ganz zu schweigen. Und durch die gewählte Form des Satzes kann der Hersteller vermeiden, die entscheidende Auskunft zu geben: wer gewichtet denn diese Interessen? Das Bundesverwaltungsgericht? Der Autor? Wir?

Man muss schon sagen: So wenig Wörter, so viele Fehler. Da weiss man doch wieder, wieso sich Geldausgeben für eine Zeitung lohnt.

Ein Wirtschaftschef im roten Bereich

Die Rechtschreibung hat hingegen Peter Burkhardt (oder der Korrektor der SonntagsZeitung, wenn es ihn noch gibt) im Griff. Der Wirtschaftschef des Hauses Tamedia ist normalerweise ein konzilianter Mensch, eher auf Ausgleich statt Konflikt bedacht.

Aber tiefe Wasser schlagen hohe Wellen, wenn sie mal aufgewühlt sind. So verwandelt Burkhardt das Editorial der aktuellen SoZ, den Leitartikel, in einen Leidartikel. In eine Schimpfkanonade ungekannten Ausmasses. Den ersten Pflock schlägt er bereits im Titel ein: «Die Schweiz – ein Opfer rechtsbürgerlicher Ideologie».

Solche Töne ist man sonst von der WoZ gewohnt. Auch in der Fortsetzung wirft Burkhardt nicht mit Schneebällen, sondern setzt seinen revolutionären Durchmarsch fort, es wird scharf geschossen. Mit einer klassischen Nummer. Zuerst lobt er Finanzminister Ueli Maurer. Der habe «vieles richtig gemacht», die Staatsfinanzen in Ordnung gehalten, bravo. Nur: «vor der Corona-Krise.»

Seither gilt: «Jetzt, in der Not, macht Maurer vieles falsch.» Warum? Weil Burkhardt etwas hat, was Maurer fehlt: «der Blick fürs grosse Ganze.» Was übersieht Maurer da? Bei der Bekämpfung der Pandemie brauche es «scharfe Massnahmen», weiss Pandemiologe B. Plus «grosszügige, rasche Geldspritzen», ergänzt der Wirtschaftskenner.

Denn, so die glasklare Logik, zunächst können wir uns das leisten. Geringe Staatsverschuldung, Negativzinsen, eine Pleitewelle «wegen unterlassener Hilfeleistung» sei dann im Fall noch schlimmer.

Nach Anlauf im Volldampf-Modus

Soweit aufgewärmter, kalter Kaffee von vorgestern. Aber bis hierher hat Burkhardt nur seine Betriebstemperatur erreicht und den Druck im Kessel erhöht. Nun lässt er aber richtig Dampf ab: «Die Schweiz ist in Geiselhaft rechtsbürgerlicher Ideologien.» Ausgerechnet die «Wirtschaftsparteien» FDP und SVP «gefährden damit die Wirtschaft». Das führt Burkhardt dann zu Volldampf am Schluss: «Wer behauptet, unser Land könne sich konsequente Massnahmen nicht leisten, setzt nicht nur den Wohlstand aufs Spiel – sondern nimmt letztlich Tote in Kauf.»

Aber hallo, FDP und SVP gehen über Leichen? Rechtsbürgerliche Ideologie will die Wirtschaft abwürgen, nimmt auch tote Eidgenossen hin? FDP und SVP als Totengräber des Kapitalismus? Wahnsinn. Wir sind allerdings verwirrt. Lautete der Vorwurf bislang nicht, dass wirtschaftsfreundliche Parteien Geld und Wirtschaft höher gewichten als Leben und Gesundheit?

Fehlt Maurer wirklich der Blick fürs grosse Ganze, wenn er – als einziger Bundesrat – darauf hinweist, dass hier Entscheidungen übers Knie gebrochen werden, die Auswirkungen für die nächsten 15 Jahre haben?

Money for free – jetzt auch von Wirtschaftschefs gefordert

Ist Burkhardt in seinem Zorn wirklich entfallen, dass Schuldenmachen, vor allem für Staaten, tatsächlich kinderleicht ist, dass aber konsumiertes Geld einfach weg ist, keine Wertschöpfung schafft, einfach Ersatz ist für vorher betriebene Produktion? Meint Wirtschaftschef Burkhardt wirklich, man könne eine Schraubenfabrik ins Koma versetzen, die Belegschaft nach Hause schicken, all das mit Hilfsgeld zuschütten, und das sei problemlos und zukunftsträchtig?

Money for free, das ist der uralte, feuchte Traum der Etatisten, der Gläubiger eines allmächtigen Staats mit tiefen Taschen. Das ist diese «kann sich doch die reiche Schweiz leisten»-Haltung. Dass so etwas von SP-Genossen propagiert wird, deren einziger Kontakt zur Wertschöpfung, zur Wirtschaft darin besteht, vom warmgefurzten Funktionärssessel aus gute Ratschläge zu erteilen, ist zumindest logisch.

Aber der Wirtschaftschef eines der beiden Duopolmedien der Schweiz? Fehlt nur noch, dass er eine Sondersolidaritätsabgabe von den Reichen fordert, denn die haben’s ja. Er hingegen hat wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank.

 

Jedem sein eigener «Experte»

Was die «Weltwoche» mit ihren irgendwo ausgegrabenen «Experten» kann, die noch ein nettes Wort zu Trump sagen, kann der SoBli erst recht. Nachdem nun wirklich von allen alles über den Abgang Trumps gesagt wurde, es bis zum nächsten Höhepunkt, der Amtseinführung, noch etwas hin ist, was tun?

Glücklicherweise sind die USA gross genug, dass man immer einen Spezialisten für alles findet. SoBli proudly presents: Eric Ward. DEN Extremismus-Experten, den verdienstvollen Mitarbeiter einer Bürgerrechts-NGO. Mehr Informationen über ihn zu finden, ist etwas schwierig, er hat im Internet nur wenige Spuren hinterlassen. Aber was soll’s, der richtige Gesprächspartner für die Frage, wie’s denn mit Trumps Partei weitergehen soll. Ward als alter Hase weiss natürlich, dass es bei solchen Interviews vor allem um ein titelfähiges Quote geht, und das liefert er: «Der Bürgerkrieg in der Republikanischen Partei hat begonnen». Um das zu merken, muss man allerdings Extremismus-Experte sein.

 

Noch ein Experte für alles und noch viel mehr

Ein anderer Experte für eigentlich alles und noch mehr kommt trotz fortgeschrittenem Alter in geradezu jugendliche Lockerheit und wagt den Kolumnen-Titel: «Huaweia». Dann drischt Frank A. Meyer mit ungestümer Energie auf den chinesischen IT-Konzern Huawei ein. Wunderbar, muss mal gesagt sein. Kleines Problem: Er stützt sich dabei auf eine weitere Grossreportage der «Republik». Mal wieder 41’000 Buchstaben brauchte die Plattform, um im Verbund mit anderen grosse Schweinereien eines grossen Konzerns aufzudecken.

Leicht unverständliche Illustration: Screenshot «Republik».

Auch wunderbar. Nur: bislang ist die «Republik» mit solchen «Enthüllungen» regelmässig auf die Schnauze gefallen. Mit ihren Vorwürfen gegen die ETH Zürich, mit ihren Verleumdungen gegen den Kita-Betreiber Globegarden als jüngste Beispiele. Das liegt meistens daran, dass die «Republik» konsequent mit anonymen (oder «anonymisierten», wie sie zu sagen pflegt) Informanten arbeitet. Deren Motivation, der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen sind für Redaktion und Leser nicht erkennbar. Da es sich fast immer um ehemalige Mitarbeiter handelt, muss ein weiteres Fragezeichen hinter ihre Wahrheitsliebe gesetzt werden.

Deshalb hat auch bei Globegarden eine externe und umfangreiche Untersuchung ergeben, dass kein einziger der Vorwürfe, die die «Republik» erhoben hatte, verifiziert werden konnte. Keiner, null, nada. Dass hingegen einige Vorwürfe nicht überprüft werden konnten, weil ausser der anonymen Aussage keine weiteren Angaben vorhanden waren.

Von wem möchte man gerne abgehört werden?

Das ist im Fall Huawei natürlich etwas anders. Ein Riesenkonzern aus China mit undurchsichtiger Besitzerstruktur, ihm wird Staatsnähe und mögliche Spionage oder Aushorchung im Dienst des chinesischen Regimes nachgesagt.

Die Betonung liegt auf nachgesagt; belastbare Beweise fehlen bis heute. In erster Linie schimpfen die USA über Huawei und verbieten ihm, als Mitbewerber bei IT-Projekten aufzutreten. Verständlich, denn Huawei ist vor allem bei 5G seinen Mitbewerbern meilenweit voraus. Er bietet die Infrastruktur stabiler, besser und billiger an als die US-Konzerne.

Für den Nutzer kann man es sicher so sehen: Ob seine Kommunikation von der NSA oder von China abgehört wird – oder von beiden –, kann ihm eigentlich egal sein.

Nun verwendet die «Republik» auch hier wieder ihr vermeintlich bewährtes Prinzip. Es gibt als Zeugen für das Innenleben von Huawei Joe, Sam und Ana. Richtig, die heissen nicht so, wollen auch nicht erkannt werden. Aber dienen als Kronzeugen der Kritik an Huawei. Plus «einen ehemaligen Mitarbeiter von Huawei treffen wir in London».

Das soll à la «Spiegel» Weltläufigkeit ausdrücken, Detailtreue: «Die kanadischen Beamten stecken Mengs Huawei-Telefon, ihr iPhone, ein roségoldenes iPad und ein rosafarbenes Macbook in Sicherheits­taschen, die jeden Versuch, sie aus der Ferne zu löschen, unmöglich machen.»

So beschreibt die «Republik» die Verhaftung der Finanzchefin von Huawei, der Tochter des inzwischen milliardenschweren Firmengründers in Kanada. Im Gegensatz zu Relotius beim «Spiegel» räumt die «Republik» immerhin ein, das von «Wired» abgeschrieben zu haben. Dann muss es ja stimmen.

 

Garniert mit dem üblichen «Republik»-Gedöns

Garniert werden diese anonymen Beschuldigungen mit dem üblichen «Republik»-Gemüse. Anschuldigungen, Dementis, Vorwürfe, von Huawei bestritten. Aber das gibt natürlich den Geräuschteppich für die These: Huawei ist ein ganz übler Ausbeuter. Ein wunderbares Beispiel: Dem «Recherche-Netzwerk» ist eine Excel-Tabelle in die Hände gefallen, in der die Arbeitszeiten von europäischen Mitarbeitern eingetragen sind. Könne man nicht meckern, räumt die «Republik» ein, auf dem Papier sehe alles ordentlich und gesetzeskonform aus.

Wer ahnt das Aber? Natürlich, anonyme Ex-Mitarbeiter behaupten, in Wirklichkeit werden die Arbeitszeiten nicht eingehalten, besonders, wenn ein Grossprojekt vor dem Abschluss stünde. Dann würden sogar, unglaublich, zusätzliche Kräfte aus China eingeflogen. Das kann vielleicht der Grund dafür sein, dass Huawei im Vergleich zu seinen Mitbewerbern als ausnehmend pünktlich gilt. Wer schon einmal mit gröberen IT-Arbeiten zu tun hatte, weiss, was das wert ist.

Leider ist die «Republik» wie Antifalten-Creme

Nebenbei: Militärischer Jargon in einer Firma, die von einem Militär gegründet wurde, die eine oder andere Schweinerei gegenüber fast 200’000 Mitarbeitern: unbestritten, üblich; mit drei anonymen Zeugen und viel Geraune nicht im Ansatz als systemisch bewiesen.

Es ist Meyer zu gönnen, dass seine Lektüre der «Republik» verjüngend auf ihn wirkt. Nur: auf den Wahrheitsgehalt von deren Storys sollte er sich nicht verlassen.

 

 

Aufgefallen II (Samuel Schumacher)

Schumacher ist ein kleiner Tausendsassa. Allerdings nicht ganz sattelfest.

Zunächst eine kurze Würdigung von Mann und Werk. In seinem noch jungen Leben war Schumacher bereits Mitbegründer der Quatsch-Zeitschrift «Das Lamm», Reporter und nun Leiter Auslandredaktion bei CH Media. Da sind seine leitenden Funktionen allerdings überschaubar, bei einem weiteren Mitarbeiter.

Deshalb pumpt er sich bei Linkedin mächtig auf: «Als Auslandchef bei CH-Media koordiniere ich die Zusammenarbeit mit 40 KorrespondentInnen rund um den Globus. Dazu kommen gelegentliche Auftritte in TV-Diskussionssendungen.»

Unglaublich, dass ihm zudem nicht nur Zeit dafür bleibt, über die USA, China und den Nahen Osten zu schreiben. Ein wirkliches Multitalent, dessen wahre Fähigkeiten nur dann zu ermessen sind, wenn man weiss, dass er auch noch «als Trekking-Guide beim Wanderreise-Anbieter Imbach Reisen regelmässig zweiwöchige Touren durch China, das Königreich Bhutan und Palästina/Israel» leite.

Eine Nicht-Glosse zu einem Nicht-Thema zu einem Nicht-Moment

Wahrscheinlich braucht der Mann keinen Schlaf, denn selbst an Weihnachten rafft er sich dazu auf, sich mit einem brandaktuellen Thema zu beschäftigen, über das allerdings schon so ziemlich alles gesagt und geschrieben wurde. Aber nicht von allen, also muss sich auch ein Ausland-Chef noch zu Wort melden, mit einer «Glosse zu Donald Trump». Wahnsinn, darauf hatte die Welt so lange vergeblich gewartet.

Er will zwar seinen Mitbürgern mehr als das Parlament helfen, aber das wäre wohl eine Fake News.

Nun fangen aber seine Probleme schon beim ersten Wort an. Entweder weiss bei CH Media keiner, was eine Glosse ist, oder man hält seinen Beitrag tatsächlich für komisch oder satirisch. Der erste Satz mag da vielleicht noch durchgehen:

«Donald Trumps Unterschrift sieht ein bisschen aus wie die zittrige Aufzeichnung eines Seismographen nach einem mittelschweren Erdbeben.» Nach diesem Brüller wischen wir uns die Lachtränen aus den Augen und erwarten mehr. Das ist aber im heutigen Elendsjournalismus fast immer die falsche Einstellung. Denn es kommt nichts mehr an Glosse.

Nach starkem Anfang stark nachlassen

Sondern die übliche Latte an Vorwürfen. Trump habe doch tatsächlich 204 Executive Orders in seiner Amtszeit unterzeichnet. Damit könne er jeweils den Gesetzgebungsprozess im Parlament umgehen. Man muss allerdings sagen, dass Trump auch hier eher faul war; sein Vorgänger Obama unterzeichnete 276. Okay, der wurde auch wiedergewählt.

Aber wir wollen ja auf Glosse machen. Also pickt sich Schumacher eine «zunehmende Abstrusität» zeigende Order heraus: Die fordert, dass US-Stadtplaner zukünftig nur noch «schöne Amtsgebäude» bauen dürfen. Wer schon mal in den USA war und monströs hässliche Amtsbunker gesehen hat, kann diese Forderung durchaus verstehen.

Wer allerdings – sicherlich im Gegensatz zu Schumacher – diese Executive Order vom 18. Dezember liest, kann sich durchaus der Meinung der National Civic Art Society anschliessen. Die Non-Profit-Organisation spendet uneingeschränkt «Applaus» für diesen Versuch, Regierungsgebäude weniger Vertretern von Brutalismus oder anderen Modeströmungen zu überlassen.

Zahlreiche Begnadigungen durch Trump, aber an seinen Vorgänger kommt er bei Weitem nicht heran

Dann habe Trump auch noch «zahlreiche weitere Begnadigungen» unterschrieben. Wieso «weitere»? Hat er denn vorher Amtsgebäude begnadigt? Aber item, sein Vorgänger Obama hat an seinem letzten Amtstag noch schnell 330 Knastinsassen begnadigt, Rekord. Das waren mehr als durch seine 12 Amtsvorgänger zusammen. Plus die Reduktion von Haftstrafen bei weiteren 1715 Sträflingen während seiner Amtszeit.

Unvergessen auch die Begnadigung von Marc Rich durch Bill Clinton; der Hasardeur und Händler hatte sich vor der US-Strafjustiz in die Schweiz geflüchtet, aber mit einer kräftigen Spende gut Wetter gemacht. Also eigentlich business as usual, weder aussergewöhnlich, noch eine Glosse. Sondern reines Gewäffel. Aber, das weiss Schumacher aus seinen vielen Jahren journalistische Tätigkeit, nicht nur eine Glosse, eigentlich alles im Journalismus braucht eine Schlusspointe. Soweit richtig, aber bei einer Glosse sollte wenigstens die etwas lustig oder satirisch sein.

Trekking, Führung, Schreibe, Wirtschaft: Nichts ist vor Schumacher sicher

Auf der anderen Seite, so weit unten im Text erinnert sich Schumacher vielleicht nicht an die Kategorie, in der er angeblich schreibt. Aber er bleibt immerhin seinem Leitmotiv treu, der Unterschrift. Die verweigere Trump nämlich unter das 900-Milliarden-Hilfsprogramm, das die «gebeutelte US-Wirtschaft so dringend bräuchte», lässt Schumacher auch noch profunde ökonomische Kenntnisse aufblitzen.

Dann wagt er noch abschliessend den Blick in die Zukunft, dass Trump weiterhin seinen Stift zücken werde, um «weitere Freunde aus dem Knast zu holen und absurde Executive Orders zu unterschreiben».

Das würde man einem Volontär um die Ohren hauen

Wir finden, das ist eine Glosse, die man einem Volontär um die Ohren hauen würde, mit der Ansage: Lern erstmal, was eine Glosse ist, dann schreib eine. Aber weder die 40 Korrespondenten, verteilt über den ganzen Globus, noch sein einsamer Mitarbeiter würden es wagen, dem Auslandchef des Mitglieds des Tageszeitungsduopols CH Media anzudeuten, dass das weder eine Glosse, noch originell, noch interessant, sondern schlichtweg Schrott ist.

Daher hoffen wir, dass Schumacher mehr seine Kernkompetenz Trekking ausbaut, sich nur noch um das Redigieren von Korrespondenten-News kümmert und so dem Ausland eine kleine Chance gibt, einigermassen unbeschädigt in die Spalten von CH Media zu kommen.

 

 

Keine deutsche Wertarbeit

Eine Qualitätszeitung braucht Qualitäts-Korrespondenten. Theoretisch.

Eigentlich ist das grosse Unternehmen Tamedia in den USA mit eigenen Korrespondenten nicht schlecht bestückt. Umso erstaunlicher, dass es auch hier deutsche Dummschwätzer von der «Süddeutschen Zeitung» in die eigenen Spalten lässt.

«So sterben Demokratien», raunte Hubert Wetzel noch vor einem Monat, der grosse Analytiker der SZ (und damit auch von Tamedia) in Washington. Das ist glücklicherweise dummes Geschwätz von gestern: «Die USA sind im Grossen und Ganzen eine erfolgreiche, stabile Demokratie», säuselt er inzwischen.

Leichte Unsicherheiten zeigt aber der Tagi bei der Titelsetzung. Hiess es noch in der ersten Version «Die US-Demokratie besiegt Donald Trump – und die Republikaner», ist das Qualitätsblatt inzwischen auf den Titel der SZ eingeschwenkt: «Die Demokratie funktioniert doch». Auch die Oberzeile «Analyse» sorgte offensichtlich für so viel Gelächter, dass sie durch ein neutrales «Wahlen in den USA» ersetzt wurde.

Ein deutscher Oberlehrer erklärt den Amis die Demokratie

Es ist immer wieder erfrischend, wenn ein deutscher Oberlehrer, der neben dem Untertan in jedem Teutonen steckt, den Amis mit erhobenem Zeigefinger erklärt, wie Demokratie so geht – und wie nicht. Nur 75 Jahre, nachdem die Amis, zusammen mit der UdSSR, den Deutschen mal wieder Demokratie einbläuen mussten – wogegen sich die Reichsbürger bis zum Letzten wehrten.

Seinen übrigen unangenehmen Eigenschaften hat Wetzel eine weitere hinzugefügt: Er ist auch noch Hellseher. Denn um mit seiner «Analyse» vorne dabei zu sein, ging er Montagmittag davon aus, dass die Wahlmänner mehrheitlich für Biden gestimmt hätten – obwohl diese Formalie noch bis am Abend in vollem Gang war. Man sollte Wetzel hören, wenn Venezuelas Maduro oder Russlands Putin ohne – das sowieso schon vorher feststehende – Wahlresultat abzuwarten, es verkünden würden, bevor der Wahlprozess beendet wäre.

Aber Wetzel hat alle Hände voll zu tun, den USA zu erklären, was demokratisch geht und was nicht. So habe Trump versucht, «durch Tricks im Amt zu bleiben, die vielleicht legal waren, aber auf keinen Fall legitim». Nun ja, Trump ist mit all seinen Versuchen gescheitert, das Wahlergebnis auf dem Rechtsweg anzufechten. Das zeigt einmal mehr, dass er ein Loser, aber gleichzeitig ein schlechter Verlierer ist. Aber dass ihm ein Deutscher Bescheid stösst, was legal und was legitim sei, das hat er nicht verdient.

Crescendo gegen die Republikaner

Wetzel neigt dazu, sich zuerst warmzuschreiben, um damit ein geradezu wagnerianisches Finale con tutti einzuleiten. Da Trump ja bald Geschichte ist, konzentriert Wetzel seinen analytischen Muskel auf die Republikaner. «Schamloser Angriff auf einen Eckpfeiler der amerikanischen Demokratie, ein blanker parteipolitischer Stunt», schäumt Wetzel auf.

Dabei haben sich bloss ein paar republikanische Parlamentarier einer völlig legalen (aber wohl nicht legitimen) Klage in Texas gegen das Wahlergebnis angeschlossen. Was sowohl ihr politisches, wie auch juristisches Recht ist. Ob es schlau ist, wäre eine andere Frage.

Das führt Wetzel, mit einem Zwischenschritt, zum üblichen Crescendo am Schluss. «Demokratie überlebt nur, wenn es genügend Demokraten gibt.» Ein grossartiger Satz von einem Deutschen, in dessen jüngerer Vergangenheit es mehrfach nicht genügend Demokraten gab. Im Gegensatz zu den USA, dort ist die Tradition seit 1776 ungebrochen.

Huldigen die Republikaner einem Möchtegernautokraten?

Nun sei aber nicht mehr ganz klar, ob die «Republikaner noch eine demokratische Partei sind». Oder doch nur «ein Führerkult, der einem Möchtegernautokraten huldigt». Gut, das Wort Führer habe ich reingeschmuggelt, weil es sich Wetzel nicht zu schreiben traute.

Mal für Mal keine deutsche Wertarbeit, sondern die Wiederbelebung des hässlichen Deutschen. Rechthaberisch, überheblich, formt die Realität nach seiner Vorstellung. Als Korrespondent sollte man – dafür ist man vor Ort – dem Leser seine Umgebung verständlich machen, erklären, einordnen. Da ist Wetzel ein Vollpfosten, rausgeschmissenes Geld. Hier gäbe es bedeutendes Sparpotenzial. Zumindest, was die Belästigung durch sein Gefuchtel in Schweizer Medien betrifft.

Die Angst vor der Leere

Trump ist am Abklingen, Corona muss bewirtschaftet werden.

«Corona bringt Walliser Bestatter an ihre Grenzen», erschrickt der «Blick». Damit nicht genug: «In Genf stehen die Ambulanzen im Dauereinsatz».

Mehr als praktischer Ratgeber sieht sich «20 Minuten»: «Hilft amerikanisches Anstehen gegen Chaos am Skilift?» Apropos, «Trump kündigt grosse Klagen an», tickert der «Tages-Anzeiger», aber nur mehr mässig an diesem Thema interessiert.

Keine Fertigsaucen wegen Corona

Viel wichtiger ist ihm das Schicksal der «Corona-Kontrolleure», deren ordnende Tätigkeit in einer Reportage in Basel hautnah verfolgt wurde. Besonders am Herzen liegt dem Tagi auch das leibliche Wohl seiner Leser. Deshalb serviert er ihnen ein Interview mit dem «Gault Millau»-Chef: «Wegen Corona plötzlich Fertigsaucen servieren, das geht nicht», dekretiert Urs Heller. Nun, solange überhaupt noch Saucen gereicht werden können …

Wie meist etwas über der Sache steht die NZZ: «Die Experten drängen auf einen landesweiten Teil-Lockdown – streiten sich aber über den Zeitpunkt.» Ob diese Forderung erfüllt wird oder nicht, das erwarten alle Restaurantbesitzer und ihre Köche – mit oder ohne Fertigsauce – mit Bangen.

Der Corona-Test im Medienarchiv ergibt: An diesem Montag hat es das Wort Corona schon am Morgen auf über 1000 Treffer gebracht. Dagegen stinkt Trump mit mageren 274 gewaltig ab.

Auf der Welt ist eigentlich nicht viel los

Sonst ist wie üblich eigentlich wenig los auf der Welt. Ein Bürgerkrieg in Äthiopien, aber das ist ja in dieser Weltgegend völlig normal. Ach, und China verkündet die grösste Freihandelszone der Welt; natürlich ohne Europa oder die USA. Aber was ist das schon gegen die News von CH Media: «Wir kämpfen ums Überleben. Aarau Taxifahrer können nicht auf Unterstützung des Bundes rechnen.»

Eher unentschieden sind daher die grossen Medienhäuser mit ihren unzähligen Kopfblättern, ob sie wie immer drakonische Massnahmen im Kampf gegen die Pandemie unterstützen sollen – oder Erbarmen mit am Rande des Bankrotts stehenden Firmen haben. Für den Aargau, Stammlande von CH Media, ist das natürlich das Schicksal von Knecht Reisen.

Die «Nummer eins im Schweizer Fernreisengeschäft» beschäftigte mal an diversen Standorten über 300 Mitarbeiter. Da bekanntlich die Umsatzeinbrüche in der Reisebranche zwischen 75 und 90 Prozent liegen, muss natürlich auch der Firmeninhaber Thomas Knecht ums Überleben seines Reiseveranstalters kämpfen.

Massenentlassung oder scheibchenweise?

Was bleibt ihm anderes übrig, als Mitarbeiter zu entlassen; ein Reiseveranstalter besteht ja nur aus Büros, Computern und Mitarbeitern. Nun wird ihm aber von den selben Medien vorgeworfen, denen der nächste Lockdown nicht schnell genug und drakonisch genug sein kann, dass er mit scheibchenweisen Entlassungen eine sogenannte Massenentlassung vermeiden wolle.

Das wäre natürlich furchtbar, denn wenn in einem KMU mehr als 10 Mitarbeiter innerhalb eines Monats entlassen werden, dann ist das eine Masse. Und dann? Da muss das Unternehmen ein paar Formvorschriften mehr beachten. Also Meldung ans Arbeitsamt, Konsultation der Angestellten, Bekanntgabe der Anzahl der Entlassenen und des Zeitpunkts. Und, aber einer gewissen Grösse des Unternehmens, ein Sozialplan.

Dagegen soll laut «SonntagsZeitung» Knecht verstossen haben, indem er die Entlassungen auf die einzelnen Unternehmen seiner Holding verteilte. Was zwar völlig legal wäre, abgesehen davon, dass ihm wohl nichts anderes übrigbleibt, aber meckern am Verhalten eines Firmenbosses kommt ja immer gut.

Was gibt’s denn sonst für Themen?

Aber es gibt Lichtblicke, falls dann auch das Thema Corona so ausgelutscht ist, dass es wirklich keinen mehr interessiert. Wegbereitend ist wie immer die NZZ. Sie erfreut den Leser neben all diesen schlechten Nachrichten mit der Würdigung eines historischen Jahrestags. Ohne das geht es auch hier nicht.

Denn vor genau 80 Jahren verurteilte ein Schweizer Gericht zwei Personen zu lebenslänglich Gefängnis. Unerhört, aber das Besondere ist: Sie waren im Juni 1940 vom Deutschen Reich in die Schweiz geschickt worden, um hier Militärflugzeuge zu sabotieren. Aber die Operation «Adler» flog auf. Die Flugzeuge blieben intakt – wobei auch half, dass sie fast nie in Kampfhandlungen verwickelt wurden, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Reden wir über Trump

Die Medien erhöhen die Schlagzahl. Und senken das Niveau.

«Sonnenkönig Trump», «Maryanne Trump Barry nannte ihren Bruder in Gesprächen mit Mary Trump einen «Lügner» und «grausam».» Ferndiagnosen über den Parteitag der Republikaner eines deutschen Korrespondenten im «Tages-Anzeiger».

«Die Reden am ersten Tag enthielten mehr Lügen und Unwahrheiten als der gesamte Event der Demokraten in der Vorwoche.» Das Blatt der Wahrhaftigkeit, der «Blick», wendet den Lügendetektor an.

«Müssen abwarten, was passiert», kolportiert das «die 20 wichtigsten Irgendwas»-Medium «watson» Trumps Antwort auf die Frage, ob er eine friedliche Machtübergabe garantieren könne. «Maduro bezeichnet die USA als Gefahr für den Weltfrieden», bringt die NZZ eine Sicht von aussen ins Spiel.

Bahnbrechende Erkenntnisse aus Luzern

«Fake News sind falsche Nachrichten oder die verzerrte Darstellung von Teilwahrheiten.» Diese bahnbrechende Erkenntnis von zwei Forschern der Hochschule Luzern verbreitet die «Luzerner Zeitung», denn «der Begriff ist spätestens seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump in aller Munde».

«Das ist der letzte Beweis: Dieser Präsident übernimmt keine Verantwortung und lebt von der Schuldzuweisung», weist ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung im «Tages-Anzeiger» den US-Präsidenten streng zurecht.

Zusammenfassung: Ein Totalversager auf allen Gebieten

Vielleicht fassen wir mal zusammen: Donald Trump ist ein Egomane, ein Narziss, lügt, wenn er den Mund aufmacht. Er betreibt Vetternwirtschaft wie keiner zuvor, ein Versager auf allen Gebieten. Nicht nur ein Belastungstest für die US-Demokratie, sondern eine echte Gefahr.

Er ist ein Brandstifter, spaltet die Gesellschaft, ein Rassist, befürwortet das harte Durchgreifen der Polizei, bringt sogar Bundesbeamte gegen den Willen der Bundesstaaten zum Einsatz.

Ich gebe zu, dass ich nicht alle 10’000 Treffer gelesen habe, die das Medienarchiv SMD ausspuckt, wenn man den Suchbegriff Donald Trump eingibt. Immerhin noch 156 sind es, wenn man das Begriffspaar Trump und Lügner wählt.

Militante Gegenwehr wird gefordert

Der Vorreiter im Bemühen, Donald Trump eigenhändig wegzuschreiben, wird sogar militant. Zunächst räumt der «Spiegel», so viel Objektivität muss sein, immerhin ein: «Das Vorgehen Donald Trumps und seiner Gefolgsleute ist rechtlich in Ordnung.»

Na und, fährt das Sturmgeschütz der Demokratie fort, «aber nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch gerechtfertigt». Deshalb sei es nach dem Tod der Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg «Zeit zum Gegenschlag», ruft der «Spiegel»-Redaktor aus der Ferne zum letzten Gefecht.

Darf ich mich anschliessen? Trump ist tatsächlich wohl der schlechteste Präsident, den die USA je hatten. Und die Latte liegt tief. Ist meine Meinung. Meine völlig unerhebliche Meinung. Ich habe auch keine Berichterstatterpflicht.

Wo bleibt die Berichterstatterpflicht?

Hätte ich die, würde ich mich schämen. Denn das Versagen von Trump wird exakt gespiegelt am Versagen der deutschsprachigen Medien. Selbst im Fall der USA würde es doch Sinn machen, den Leser darüber zu informieren, für welche Politik Trump in seiner zweiten Amtszeit stehen wird, welche Alternativen der Herausforderer Joe Biden anzubieten hat. Deshalb kann der wohlinformierte Leser sicherlich die Eckpunkte der Wahlprogramme auswendig zitieren. Oder etwa nicht?

Den Leser könnte es auch interessieren, wie es denn den USA wirtschaftlich in den letzten vier Jahren so ergangen ist. Ob Polizeigewalt gegen Schwarze wirklich die Ursache für Unruhen, Plünderungen und die Herrschaft des Mobs in verschiedenen Innenstädten der USA ist.

Den Leser würde es – aber ist nur meine Meinung – vor allem interessieren, wieso Trump zumindest gute Chancen hat, wiedergewählt zu werden. Sicher, White Trash, Waffennarren, religiöse Fundamentalisten sind für ihn. Aber warum bekommt er die Stimmen von weiteren 40 Prozent der Staatsbürger?

Dominieren nur Fake News die Medien?

Sein Haussender «Fox News» ist das wohl schlimmste Lügenmedium seit Erfindung des Farbfernsehens. Aber die USA haben immerhin auch den Public Broadcasting Service (PBS) und das National Public Radio (NPR). CNN, andere grosse Newssender, die bedeutendsten Tageszeitungen der USA sind eindeutig Anti-Trump.

Sie beschallen täglich und stündlich ihre Leser mit einer ständigen Aufzählung von allen Lügen, allem Versagen, aller Widersprüchlichkeit, Wankelmütigkeit, Konzeptlosigkeit, Korruptheit ihres Präsidenten.

Niemand weiss, wie die Löcher in den Käse kommen

Kurt Tucholsky hat ein wundervolles Feuilletonstück geschrieben, das sich um die unschuldige Frage eines Kindes dreht, wie denn die Löcher in den Käse kommen. Die Erwachsenen wollen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und versteigen sich zu hanebüchenen Erklärungsversuchen, bis das Kind schliesslich weinend ins Bett geschickt wird, ohne seine Frage beantwortet zu haben.

Keine Angst, ich fange nicht an zu weinen, aber ich habe auch eine einfache Frage, die mir bislang noch kein einziges Medium in der Schweiz beantwortet hat: Warum ist es durchaus denkbar, dass Donald Trump wiedergewählt wird?