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Das «Republik»-Desaster, Akt 4

Wir wussten es: nach dem Desaster ist vor dem Desaster bei den Dampfplauderern.

Wenn Journalisten überhaupt nichts mehr einfällt, berichten sie – über Journalismus. Das ist zwar für die meisten Leser ausserhalb des Kuchens so interessant wie ein Bericht über das Paarungsverhalten der Wüstenspringmaus.

Die ist dabei immerhin viel schneller fertig als die «Republik» mit Tamedia. Auf 11 «Kapitel» von geplanten 13 ist diese Mammutserie bereits angeschwollen. Wir sind hier bei dem Zentralorgan der Inkontinenz; im Schnitt 20’000 Anschläge pro Kapitel, daraus kann problemlos ein Wälzer entstehen.

Allerdings gibt es auch hier die üblichen Einschläge durch die, nun ja, etwas eigenwillige Art der Recherche. Nicht nur, dass diverse Republikaner das eine oder andere Hühnchen mit Tamedia zu rupfen haben. Nicht nur, dass die «Republik», wie bei der Affäre Globegarden, die Realität so hinbürstet, dass sie das gewünschte Bild abgibt.

Transparenz bei der «Republik»? Ach was.

Abhängigkeiten, Hintergründe, Stellungnahme von Angepinkelten? Ach was, das würde doch nur den Lesefluss stören, glaubt die «Republik» offensichtlich. Beispielhaft dafür steht Kapitel 8, «Die Wucht der Dampfwalze». Hier geht es um den sogenannten «Konzernjournalismus». Also um die Tatsache, dass auch Tamedia mit einer Mantelredaktion arbeitet, die für maximal 11 Blätter in der Deutschschweiz die überregionalen Themen liefert.

Der Artikel beginnt mit dem Aufwärmen einer Story Marke uralt. Carl Hirschmann, der wegen sexuellen Handlungen mit einer 15-Jährigen verurteilt wurde, störte sich an der publizistischen Aufmerksamkeit, die ihm damit zu Teil wurde. Da er als reicher Erbe über genügend Geld für einen der besten Anwälte und über genügend Musse verfügt, zwang er zuerst den «Blick» in die Knie. Der schätzte schlichtweg die möglichen weiteren Kosten und Aufwände als zu hoch ein und erledigte die Sache mit einer Entschuldigung.

Tamedia blieb störrisch und kämpfte die Sache durch. Auch hier siegte Hirschmann am Schluss, der Verlag löschte alle Artikel über ihn und entschuldigte sich, nebst Vergleich, über den Stillschweigen bewahrt wurde. Eigentlich wäre das lobenswert; wie auch die «Republik» immer bis zum Letzten kämpft, bevor sie knirschend eine Niederlage eingestehen muss (lustigerweise gegen den gleichen Anwalt, der Hirschmann vertrat), tun das auch andere Medien.

Statt über Hirschmann schimpft die «Republik» über Tamedia

Über die Person Hirschmann kann es wohl nur eine Meinung geben. Aber hier nimmt das die «Republik» zum Anlass, über erschreckenden Konzernjournalismus zu schimpfen. Und über Medienkampagnen, wobei eine 13-teilige Serie ausdrücklich keine ist. Nach Hirschmann leitet der Artikel dann auf die Westschweiz über, wo Tamedia sich gleicher Untaten schuldig gemacht habe. Zum Beispiel gegen den FDP-Staatsrat Pascal Broulis, den schwedischen Milliardär Frederic Paulsen und Eric Hoesli, ehemaliger publizistischer Direktor bei Tamedia.

Bevor wir auf die merkwürdige Darstellung dieser drei Fälle näher eingehen, zuerst ein Wort zu den noch merkwürdigeren Verbindungen im Halbdunkel. Der Autor dieser Folge heisst Serge Michel. Dazu sollte man wissen, dass er Mitbegründer und Chefredaktor von heidi.news ist, der Kooperationspartner der «Republik» in dieser Mammutserie. Beide Teile werfen je die Hälfte der Kosten auf.

Michel war auch schon mal Co-Chefredaktor von «Le Temps». Das ist alles nichts Anrüchiges. Nur: Paulsen hat für heidi.news rund eine Viertelmillion gespendet. Lustigerweise schreibt die «Republik» in der Transparenzpackungsbeilage, «die Republik nimmt keine Grossspenden an». Das wäre uns aber neu. Ohne Grossspenden gäbe es die «Republik» gar nicht. Ah, that’s the trick: das sind keine Spenden, sondern Darlehen. Na dann.

Personelle und finanzielle Verflechtungen des Autors mit seinen Protagonisten

Nun hätten wir noch Eric Hoesli. Der ist als Projektleiter und zukünftiger VR-Präsident der neuen Besitzerschaft von «Le Temps» vorgesehen, die Ringier abgestossen hat. Dazu gehört die Stiftung Aventinus. Diese wiederum ist schon seit 2019 an heidi.news beteiligt und wird diese News-Plattform nun vollständig übernehmen.

Über diese Verflechtungen, Verwicklungen, Abhängigkeiten findet man in der «Republik» kein Wort. Stattdessen darf Michel ungeniert darüber schimpfen, wie übel Tamedia dem FDPler, dem Milliardär und Hoesli mitgespielt habe. Daran schuld sei in erster Linie deren Romandie-Korrespondent Philippe Reichen. Der hatte es unter anderem gewagt, die NZZ zu zitieren: «Insbesondere Hoeslis Nähe zum milliardenschweren Geschäftsmann Frederik Paulsen macht ihn unter Westschweizer Journalisten zur umstrittenen Person, und es wäre denkbar, dass seine Rolle bei ‹Le Temps› Abgänge zur Folge hätte.»

An die NZZ traut sich Michel aber nicht ran, dafür haut er Reichen in die Pfanne. Eine Stellungnahme von dem würde zwar den primitivsten journalistischen Anstandsregeln entsprechen, aber doch nicht bei der «Republik». Erst als Reichen mit ein paar spitzen Bemerkungen auf Twitter einen kleinen Shitstorm gegen das Organ der strikten Einhaltung aller Rechten und Pflichten der Journalisten auslöst, legt die «Republik» nach.

Wenn die «Republik» transparent werden will

Sie wird plötzlich «transparent», also ein klein wenig, denn sie habe «zu wenig gewichtet, dass der Journalist auch privat beklagt wird». Man entschuldige sich für diesen Fehler, dank Internet ist nun eine knappe Stellungnahme von Reichen drin. Woraus man im Umkehrschluss folgern kann: Wäre er nicht von FDP-Mann Broulis, der von Anfang an ausführlich zu Wort kam, zivilrechtlich eingeklagt worden, hätte es die «Republik» nicht für nötig gefunden, Reichen anzuhören.

Wir versuchen, das neuste Schlamassal, das Desaster, die Katastrophe zusammenzufassen. Die «Republik» (ohne Grossspender) kooperiert mit «heidi.news» (mit Grossspender). Deren Mitgegründer und Chefredaktor darf über den Konzernjournalismus von Tamedia herziehen. Ohne offenzulegen, dass die von ihm angeführten Opfer mit ihm finanziell oder geschäftlich verbandelt sind. Der eine hat massig Geld gespendet, der andere wird VR-Präsident einer Holding, die heidi.news übernehmen wird.

Mitgliedern des «Konzernjournalismus» von Tamedia wird hingegen kein Platz für eine Stellungnahme eingeräumt, all diese üblen Verwicklungen werden nur ansatzweise und auf Druck transparent gemacht. Erst nach einem Shitsorm bekommt der Tamedia-Korrespondent Gelegenheit, einen knappen Zweizeiler abzusondern.

Transparenz ist notwenig – bei allen anderen

Transparenz, das fordert die «Republik» immer ein. Bei anderen. Schon bei ihrem ersten Whistleblower blendete die Plattform alle negativen Eigenschaften von ihm, seine Betreibungen, die Meinung seiner eigenen Geschwister über ihn, vollständig aus. Das hätte sich nicht mit dem Bild des mutigen Helden vertragen, der den Bündner Baukartellsumpf trockenlegen will.

Auch die Anschuldigungen gegen die ETH erfolgten überwiegend von anonymen Denunzianten – und mussten grösstenteils mit Gegendarstellungen und Richtigstellungen ergänzt werden. Das Desaster der Verleumdungskampagne gegen Globegarden haben wir gerade beschrieben.

Und nun auch noch der nächste Streich. Die Idee, über Macht und Geld der Besitzerfamilie des TX-Imperiums zu schreiben, ist grossartig. Wer würde sich das schon, ausser ZACKBUM.ch, sonst trauen. Aber wir würden sorgfältig darauf achten, dass uns nicht verborgene Vernetzungen und Verwicklungen des Autors aufs Brot geschmiert werden könnten.

Es ist und bleibt ein republikanisches Trauerspiel

Wir geben zudem immer und allen Gelegenheit zur Stellungnahme. Denn beides macht den Unterschied. Zwischen glaubwürdigem, korrektem, durchaus auch angriffigem Journalismus nach den Regeln der Zunft – oder unprofessionellem Schmierenjournalismus, der damit wiederholt Vertrauen und Glaubwürdigkeit verspielt. Es verwundert immer mehr, wieso ein paar Versprengte noch bereit sind, das mit 240 Franken pro Jahr zu unterstützen.

 

Die «Republik» und die Mission

Eine katholische Missionarin, für das Online-Blatt aber eine «Journalistin»

Die «Republik» hat mal wieder ein Stück für tapfere Leser veröffentlicht. 31’500 Anschläge für einen Vergleich zwischen Peru und Kolumbien. Genauer: Wie eine Familie in Peru durch das Virus fast ruiniert wird, während die in Kolumbien Hilfe findet.

Denn «die Peruaner zahlen den Preis für die neoliberalen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte», weiss die «Republik». Die ja eigentlich alles weiss und sogar besser weiss. Ausser vielleicht, den Background einer Autorin unter die Lupe zu nehmen, die der Leserschaft als Journalistin verkauft wird.

Hildegard Willer beschreibt in diesem, nun ja, Schriftstück, das Schicksal der Familie Tanta in Peru. Vater Eulogio, 73, hat sich mit dem Corona-Virus infiziert. 10’000 Franken koste eine Behandlung im Privatspital, jenseits der Reichweite der Familie. Und die staatlichen Spitäler würden gar keine Über-60-Jährigen mehr aufnehmen.

Vergötzung des Reichtums

So sei das halt in einem «neoliberalen Versuchslabor», schimpft Willer. Ob das wohl damit zu tun hat, dass Willer zur «Bethlehem Mission Immensee» gehört? Diese Missionsgesellschaft will «am Wachsen des Reichs Gottes mitarbeiten». Denn: «Wir sind von Gott getragen und herausgefordert angesichts der Verführungen durch die Vergötzung des Reichtums, der Herrschaft und des Marktes, die Elend und Leid verursachen (vgl. Jes 46,1-8).»

Jedem sein Glaube. Allerdings: Gerade in Lateinamerika hat sich die katholische Kirche mitsamt Missionaren nicht gerade einen positiven Ruf erarbeitet. Wäre es da vielleicht nicht geboten gewesen, der Leserschaft der «Republik» die Autorin nicht nur als «freie Journalistin in Peru» und «Journalismus-Dozentin an der Päpstlich-Katholischen Universität Peru» vorzustellen?

Sondern im Rahmen der Transparenz und allen weiteren schönen Wortblasen, die die «Republik» gerne blubbert, aber immer in der Hoffnung, dass keiner genau hinschaut, als eher fundamentalistische Missionarin? Oder gibt’s die Hoffnung, dass auch Peru ganz weit weg ist, und wer weiss da schon Genaues. Aber der «Republik»-Leser braucht klare Ansagen, damit er die Welt versteht.

Also tobte in Peru der «Neoliberalismus», erkor das Land sogar zu seinem «Versuchslabor». Und wohin Neoliberalismus führt, weiss man ja. Die Armen werden noch ärmer, die Reichen reicher, es herrscht soziale Kälte, Raubtierkapitalismus halt.

Da lassen wir doch einfach beiseite, dass einer der Unterschiede zwischen Kolumbien und Peru darin besteht, dass dem ersten Land das populistisch-sozialistische Experiment erspart blieb, das Peru zwischen 1969 bis 1990 ruinierte. Als Folge davon wurden ab 1990 die Rezepte von Hernando de Soto umgesetzt; ein sehr lesenswerter peruanischer Ökonom.

Der plädiert unter anderem dafür, den überall in der Dritten Welt grassierenden informellen Sektor, also den staats- und weitgehend rechtsfreien Noterwerb vieler, zu legalisieren. Um beispielsweise mit Besitztiteln Rechtssicherheit und Kreditwürdigkeit herzustellen.

Eine grossartige Idee in einem Versuchslabor, das nach dem Fujimori-Putsch vor allem in den Nullerjahren Peru zweistellige Wachstumszahlen bescherte. Und ganz so nebenbei sank die Armutsquote von über 50 auf unter 20 Prozent.

Neoliberaler Linker García

Aber natürlich irrlichtert auch Peru ohne verankerte demokratische Strukturen vor sich hin. Geradezu symbolhaft ist dafür der Linke Alan García. Als jugendliche Hoffnung 1985 zum Präsidenten gewählt, war er 1990 so unpopulär, dass ihm sogar eine Rede zur Amtseinführung seines Nachfolgers verwehrt wurde. Unter seinem sozialdemokratischen Regime war das Land vollends auf venezolanisches Niveau mit einer Hyperinflation von über 10 000 Prozent versunken.

Seltsamerweise wurde Alan Garcia 2006 nochmals zum Präsidenten gewählt. Doch das wirkliche Wunder passierte erst nach seiner Wiederwahl: Der Sozialdemokrat setzte die neoliberale Politik entgegen aller Wahlversprechen fort und bescherte damit dem Land eine Bonanza, von der vor allem die Unterschicht profitierte. Und an diesem neoliberalen Erfolgsmodell änderte auch der linkspopulistische Ollanta Humala kein Koma, der das Land von 2011 bis 2016 regierte, obwohl er sich gerne als Freund von Evo Morales und Hugo Chavez feiern liess. Grell links blinken, scharf rechts abbiegen war das simple Erfolgsrezept der erfolgreichsten Regierungen Perus.

Tatsächlich wurde in Peru seit den 1990er Jahren so ziemlich alles privatisiert, was sich privatisieren lässt, vom Bergbau über die Trinkwasser- und Stromversorgung bis zur Kehrichtentsorgung. Es funktionierte so gut, dass seither kein Mensch mehr ernsthaft eine Verstaatlichung fordert, nicht einmal die Linke. Das einzige, was von der Privatisierungswelle nie tangiert wurde, war neben dem Schulwesen die öffentlich Gesundheitsversorgung. Dazu ist allerdings zu bemerken, dass jeder, der es sich irgendwie leisten kann, die staatlichen Schulen und Spitäler grossräumig umfährt. Sie sind einfach schlecht. Doch das war im sozialistischen Regime nicht besser, im Gegenteil.

Weniger Gesinnung, mehr Ahnung

Tatsächlich wuchs das Budget für das staatliche Gesundheitswesen in den letzten zwei Jahrzehnten permanent und überdurchschnittlich. Einiges hat sich verbessert, doch insgesamt ist Perus öffentliche Gesundheitsversorgung immer noch auf Drittweltniveau. Allerdings ist es nachgerade zynisch, dafür eine Liberalisierung verantwortlich zu machen, die einzig in diesem Sektor nie stattgefunden hat. Es ist vielmehr der Staat, der schon vor der Covid-19-Krise kläglich versagt hat. Man könnte sich vielmehr fragen, warum im Gesundheitswesen nicht funktionieren sollte, was sich bei der Strom- oder Wasserversorgung bewährt hat.

Aber für all diese komplizierten und bunten Wege und Widersprüche müsste man halt weniger Gesinnung, dafür mehr Ahnung haben. Nur interessiert die Realität weder die «Republik»-Redaktion, noch die Autorin, noch die Leserschaft. Sie will, wie die Autorin, nicht wissen, sondern glauben. Und den Glauben immer wieder bestätigt bekommen. Auch wenn in diesem Glauben die Erde noch eine Scheibe ist, Neoliberalismus nur böse und immer einen hohen Preis fordert. Aber alles andere regelt der göttliche Ratschluss, stellvertretend die «Republik»-Macher. Amen.