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Streamende Influcencer

Digital läuft, analog schwächelt? Da gibt es nur eines: Digitale Inhalte zu Papier bringen und Abonnenten suchen. Kann gut gehen. Kann auch weniger gut gehen.

Es gibt Ideen, die klingen so doof, dass sie einfach funktionieren müssen. «Streaming», die jüngste Printpublikation von Ringier, ist so ein Fall. TV-Magazine werden mittlerweile vor allem noch gegen Kaffeeringe auf dem Stubentisch eingesetzt, und nun druckt der Verlag ernsthaft einen neuen Hinweisgeber für die Flimmerkiste? Aber wie der Name sagt, geht es bei «Streaming» nicht um lineares Fernsehen, sondern um Dienste wie Netflix, Sky, Amazon Prime und so weiter.

Irgendwie funktionierts

Das macht es auf den ersten Blick nicht besser. Streamingdienste haben integrierte Suchdienste und ausgefeilte Vorschlagsalgorithmen, die zu passenden Inhalten führen. Dazu gibt es Dutzende von Apps und unzählige Webseiten als digitale Führer durch die Streamingwelt. Wieso soll man dann bitte auf Papier lesen, was demnächst per Fernbedienung abrufbar ist?

Eine logische Antwort darauf gibt es nicht. Aber aus Nutzersicht muss man feststellen: Es funktioniert. Und zwar auf der Basis des Überangebots, unter dem jeder Streamer leidet. Der Vorteil von Print ist die radikale Vorauswahl. Das Magazin ist zwar ziemlich dick, aber eben doch beschränkt. Der Netflixkunde verliert sich nicht in der unübersichtlichen Fülle der Optionen, die Tipps werden als gefällige Häppchen serviert, und er poliert das Gewissen auf, weil er ja immerhin noch liest, bevor er dann vier Staffeln einer Serie schaut, ohne sich vom Sofa zu bewegen.

Doppelte Arbeit

Dass Ringier an «Streaming» glaubt, zeigt sich an der massierten Kampagne, die seit der Lancierung vor wenigen Monaten läuft. Das Risiko ist zudem überschaubar. Statt eine neue Redaktion aufzubauen, lässt man die Kollegen von «Tele» einfach einen weiteren Titel produzieren. Klingt leicht nach Ausbeutung, schlägt sich aber in Vorteilen für die Leser nieder. Das Magazin kostet nicht einmal einen Fünfliber und kommt im flexiblen Monatsabo. Wie eben ein Streamingdienst, ein netter Marketingreflex.

Aber es gibt auch Versuche, denen man selbst bei grösster Sympathie keine ewige Laufdauer prognostizieren kann. Im tiefen Osten der Schweiz hat ein anderer Verlag, die Galledia im st.gallischen Flawil, ebenfalls versucht, die digitale Welt mit dem Duft von bedrucktem Papier zu verbinden. «Reach» heisst das Ergebnis und erscheint vier Mal pro Jahr. Das Konzept: Bekannte Schweizer Influencer aus Instagram, TikTok und Co. werden porträtiert oder interviewt oder lassen uns in die gute Stube schauen. Um das zu lesen, muss man aber an den Kiosk pilgern oder sich bereits im Dunstkreis des Themas befinden, denn der Vertrieb findet «exklusiv über die Influencer, Blogger, Einzelverkauf, Partner und Kiosk statt».

Ornithologie und Geblase

«Mit ‹Reach› geben die Blogger und Influencer ihrer Community auch ein neues Gefühl des Besonders-seins», heisst es in der Eigenwerbung des Verlags. Dieser gibt sonst übrigens neben der recht bekannten «Werbewoche» auch Titel wie «Schweizer Optiker», das führende Blasmusikorgan «Unisono» und «ornis» für Vogelfreunde heraus. Alles Glamour pur also, der Weg zu den Influencern war nicht weit.

Irgendwie hat sich «Reach» durch das schwierige letzte Jahr gewuselt. Die Auflage wird wie zu Beginn aktuell mit 15’000 angegeben, 80 Prozent der Zielgruppe seien Frauen, die «lieber Geld ausgeben als sparen», wie es in den Mediendaten ernsthaft heisst. Öffentlich zu reden gegeben hat das Magazin bisher allerdings kaum. Das liegt wohl nicht allein daran, dass Ringier mehr Power hat, wenn es ums Eigenmarketing geht. Das Problem ist ein anderes: Eine absolut digitalaffine Zielgruppe mit einem absolut digitalgesteuerten Thema auf den Geschmack von Papier bringen zu wollen, ist eine reichlich kühne Idee. Denn da sich die Influencer ja im übertragenen und oft auch im wörtlichen Sinn bereits auf ihren eigenen Kanälen bis auf die Knochen ausziehen, bleibt die Frage, welchen intimen Blick hinter die Kulissen ein gedrucktes Heft da noch bieten will.

Der Autor Stefan Millius ist Chefredaktor bei «Die Ostschweiz».

 

 

 

 

Gerüchte um TELE-Einstellung

Ringier leistet sich den Luxus von sechs TV-Programmzeitschriften und neu einem speziellen «Streaming-Heftli».

TV-Programmzeitschriften liegen auf dem Sofatischchen. Man blättert darin. Was kommt nach der Tageschau Spannendes in der Glotze? Die Heftli scheinen wie aus der Zeit gefallen. Sie werden mit dem traditionellen Publikum älter, das nichts von zeitversetztem TV-Konsum wissen will und SwisscomTV und UPC für etwas bezahlt, das es nie nutzt.

Fast das Monopol

Ringier Axel Springer Schweiz ist bei Programmzeitschriften Markführer in der Schweiz. Man leistet sich den Luxus interner Konkurrenz. TELE und TV Star heissen die beiden Flaggschiffe. Daneben gibt’s noch TVvier, TV Land & Lüt und TV8. Als Supplement gibt’s  die dünne Gratisbeilage TV täglich, die etwa der Schweizer Illustrierten beiliegt. Doch der Gemischtwarenladen hat sogar noch eine Neuerscheinung im Angebot: Seit November ist die komplett neue Zeitschrift Streaming auf dem Markt. Ist der Erscheinungsrhythmus üblicherweise einmal wöchentlich, kommt «Streaming» 12-mal im Jahr heraus. Speziell und neu ist, dass man es wie Netflix monatlich abonnieren und abbestellen kann.

Gleiche Redaktion für ein komplett neues Heft zusätzlich

Doch die Redaktion stöhnt. Denn die gleichen Leute müssen nun mit «Streaming» noch ein weiteres Heft produzieren – mit immerhin 84 Seiten. Gemunkelt wird, dass zumindest TELE bald nicht mehr erscheint. Die Auflage sinkt und die interne Konkurrenz ist gross. Böse Zungen behaupten gar, dass «Streaming» eine Art interner Test sei, wer fit für die neuen Medien sei. Sprecher Mike Pelzer gibt sich aber gelassen: «Eine Einstellung oder Zusammenführung von TELE und TV-Star ist nicht geplant». Und die Belastung der Redaktion mit dem neuen Streaming-Heft? Auch da sieht er kein Problem: «Die Produktion des Magazins liegt bei der bestehenden TELE-Redaktion, deren Expertinnen und Experten sich seit Jahren mit dem Streaming-Angebot auseinandersetzen.»

Warum hat man ein neues Heftli lanciert und nicht versucht, die Streaming-Angebote ins TELE und/oder in den TV Star zu integrieren? Darauf antwortet Pelzer nicht. Als interne Konkurrenz betrachtet er das neue Heftli ebenfalls nicht. «TELE und TV-Star berichten nebst dem klassischen TV-Programm ebenfalls über Neuheiten aus diesem Bereich – Streaming hingegen fokussiert voll und ganz auf die Welt von Netflix, Sky, Disney+ & Co. und schafft damit ein neues, für die Schweiz einzigartiges Angebot.»

Zufall? Gleiches Lancierungsdatum und gleicher Name

Zeitgleich hat übrigens die deutsche Funke-Mediengruppe eine Zeitschrift gleichen Namens lanciert. Laut der «Medienwoche» zufällig und ohne Zusammenarbeit. Da war man – als Erinnerung – bei Landliebe (CH) weniger konsequent. 2011 adaptierte der ungekrönte Ringier-Heftlichef Urs Heller das Vorbild Landlust (De) auf die Schweiz. Landliebe ist und bleibt vorderhand eine der erfolgreichsten Neulancierungen der letzten zehn Jahre. Die Auflage beträgt 225000 Exemplare. Dieses Jahr kann Landliebe sein 10-Jahr-Jubiläum feiern.

Keine Zahlen, keine Auskunft

Ob das «Streaming» auch schafft? Wie das Heft beim Publikum bisher angekommen ist, will der Ringier-Sprecher nicht sagen. «Zur Anzahl Abonnements oder Kioskverkäufen unserer Titel geben wir generell keine Auskunft». Das lässt nicht gerade einen schnellen Start vermuten.

Verzicht auf Onlinepräsenz als Vorbote?

Überhaupt läuft es mit den Programmzeitschriften nicht gerade gut. Sinkende Auflagezahlen und ein für die Branche untypischer Entscheid. «TELE verzichtet auf seiner Onlinepräsenz seit kurzem bewusst auf die vollständige Auflistung des TV-Programms. Das Interesse an einer digitalen Version des linearen Programms hat sukzessive abgenommen», so der Ringier-Sprecher. Wenn das nur nicht der Anfang vom Ende ist. Das Interesse an einer digitalen Version am linearen Programm nimmt ab. Wie sehr muss über kurz oder lang nicht auch das generelle Interesse am linearen Programm abnehmen? Mike Pelzer* bleibt optimistisch: «Wir setzen deshalb nicht zuletzt auch mit streaming.ch auf redaktionelle Einordung und schaffen so für unsere Leserinnen und Leser einen echten Mehrwert.»

*) Mike Pelzer? Pelzer war neben Gülsha Adilji beim damaligen Jugendsender Joiz das Aushängeschild. 2015 sagte er zum online-Portal persoenlich.com: «Ich bin des Geschichtenerzählens müde. Nach Erfahrungen im Print, Radio und TV freue ich mich auf eine neue Herausforderung abseits der Medienbranche». Was er zukünftig machen werde, bleibe deshalb auch sein Geheimnis. Nun ist klar, er ist Mediensprecher geworden. Also fertig Geschichten erzählen….