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Die Meinung ist frei

Und sie darf auch frei geäussert werden. Eine Zensur findet nicht statt, heisst es markig in der Bundesverfassung. Über Bezahlung steht da nichts.

Nehmen wir einen heutzutage völlig normalen Vorgang. Ein gewisser Michael Hermann führt eine Kolumne im «Tages-Anzeiger», somit im ganzen Tamedia-Kopfblattimperium. Damit kann er ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungsleser beschallen.

Seine Meinung ist frei und klar: «Die Kritik an der Impfstoffstrategie von Bundesrat und BAG ist billig». In seiner Kolumne kritisiert Hermann alle, die es im Nachhinein besser wissen wollen, die mit dem Vorteil der Perspektive von heute ungerecht damalige Entscheidungen kritisieren: «Ohne Fehlertoleranz jedoch werden wir an Krisen wie diesen nicht wachsen.»

Unbezahlte Meinung hinter Bezahlschranke.

Das ist sicher ein wahrer Satz. Vielleicht hätte es dem unschuldigen Leser des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia geholfen, wenn auch bei Kommentatoren gewisse Interessensbindungen offengelegt würden. Das schränkt ja die Meinungsfreiheit keinesfalls ein, hilft aber dem Empfänger bei der Einordnung der Meinung.

Michael Hermann, der Nachfolger des Mannes mit der Fliege, ist nämlich in erster Linie Geschäftsführer der «Forschungsstelle Sotomo». Die widmet sich den Themen «Meinungsforschung, Politikstudien und -evaluation» und anderen Untersuchungen.

Ohne billige Kritik geht’s wieder bergauf.

Auch das ist nichts Ehrenrühriges, denn auch Hermann muss ja schauen, dass der Schornstein raucht. Mit seinen politischen Spinnenprofilen und politischen Landkarten gehört der Politikwissenschaftler zum festen Personal der «Fachleute», die in Funk, Fernsehen und auch im Print gerne herbeigezogen werden.

Vor allem von privaten Medienhäusern, bei denen die «Expertenmeinung» häufig den Höhepunkt der Recherche darstellt, die sonst per copy/paste, skype und Google durchgeführt wird.

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall

Stellen wir eine hypothetische Frage. Was würde Tamedia wohl dazu sagen, wenn in der «Weltwoche» eine Verteidigungsschrift zum Risk Management der CS erschiene? Und sich herausstellen würde, dass der Autor zu den Lieferanten oder Mandatsträgern der CS gehörte? Ohne dass das dem Leser offengelegt würde? Genau, ein Riesengebrüll würde Tamedia erheben, vom Ende der journalistischen Sitten, gekauften Meinungen, von Leserbeschiss wäre die Rede.

Von Doppelspiel, Unredlichkeit und was einem sonst noch so an Beleidigungen einfällt. Womit Tamedia allerdings völlig recht hätte. Es ist im Fall Hermann allerdings so, dass auch die Credit Suisse zu seinen Auftraggebern gehört. Macht ja nix, darüber schreibt er nicht.

Zu seinen regelmässigen Auftraggebern gehören auch Ämter, die SRG, die Bundesverwaltung und – das BAG. Hermann nimmt hier also eine Behörde in Schutz, auf deren Honorarliste er oder seine Firma steht. Hermann äussert sich hier also positiv zu den Leistungen von Behörden und des Bundesrats, wobei staatliche oder halbstaatliche Institutionen den Grossteil seiner ausgewiesenen Brötchengeber ausmachen.

Immerhin zeigt er auf seiner Webseite Transparenz und führt stolz eine ganze Liste von aktuellen und vergangenen Projekten auf; jeweils mit Thema und Auftraggeber. Das diese Dienstleistungen, inklusive Meinungsumfragen, weder gratis erbracht werden, noch sehr billig sind, versteht sich von selbst.

Auszug aus der Kundenliste.

Wir wollen Hermann auch keinesfalls unterstellen, dass er eine Mietmeinung sei, so wie der Bankenprofessor Peter V. Kunz, bei dem man ein «Gutachten» bestellen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Wir wollen aber diese mangelnde Transparenz im Hause Tamedia mit angeblich eisernen Regeln und Transparenz, der Basis für das Vertrauen, das der Leser seinen Produkten entgegenbringen soll, scharf kritisieren.

Hermann nimmt Stellung, Tamedia nicht

Hermann nimmt die Möglichkeit wahr, Stellung zu beziehen: «Ich finde Ihre Fragen bezüglich meiner Aufträge durchaus legitim.» Psychologisch geschickter Einstieg;

«wenn der Massstab wäre, alle Akteure in meiner Kolumne zu deklarieren, bei denen ich  schon Aufträge hatte, müsste ich dies bei praktisch jeder tun».

Hier lässt er etwas nach, denn: warum nicht? Aber schon kommt er wieder hinten hoch: «Gerade die Tatsache, dass wir ein so breites Kundenfeld haben, führt zugleich dazu, dass wir gegenüber keinem Kunden in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.»

Zudem sei das Hauptgeschäft Meinungsumfragen, keine strategische Beratung, zu der er sich in seiner Kolumne äussere. Immerhin, netter Versuch.

Tamedia hingegen ignorierte eine gleichlautende Anfrage; Arthur Rutishauser beauftragte nicht einmal die Medienstelle, per copy/paste zu schreiben: Diese Vorwürfe sind falsch.

Wieso überrascht das nicht?

 

 

 

 

https://sotomo.ch/site/projekte/

14 Falschaussagen in einem einzigen Artikel

Zehn Tage nach Erscheinen des Artikels konfrontiert die Mutter Tamedia mit einer «Berichtigung der Faktenlage».

Sie schreibt einleitend:

«Der Artikel strotzt nur so von Falschaussagen und Verdrehungen der Tatsachen, die alle durch Gerichtsentscheide widerlegbar sind. Er bewirkt Polemik und setzt Unwahrheiten in die Welt.

Die Journalistin geht von der These Loyalitätskonflikt, Manipulation und Beeinflussung durch die obhutsberechtigte Mutter aus, und diese These wird stur verfolgt. Sie wählt Experten aus, die diese These stützen. Die Journalistin hat keine Fakten recherchiert oder nachgeprüft und die journalistische Distanz total verloren.»

Das ist der einzige wertende Ausbruch, den sich die Mutter gestattet. Anschliessend widerlegt sie Punkt für Punkt, jeweils mit Belegen, Dokumenten, Gerichtsurteilen, Gutachten untermauert, eine Falschaussage im Artikel nach der anderen, dazu kritisiert sie die schludrige Recherche von Blumer:

Einsatz von Recherche-Werkzeugen à la Blumer.

  1. Vater gab Blumer alle Unterlagen: falsch
  2. Vater zog aus: falsch
  3. Mutter hat Kinder am Besuchswochenende aus Haus des Vaters abgeholt: falsch
  4. Auf Antrag des Anwalts der Mutter sistierte die Kesb nach diesem Wochenende das Besuchsrecht: falsch
  5. Mutter, Kesb-Chefin und Präsidentin des Obergerichts sind alle in derselben Partei: falsch
  6. Über drei Jahre seien die Besuche beim Vater gut gegangen: falsch
  7. Plötzlich hätten sich die Kinder beim Vater unwohl gefühlt: falsch
  8. Die Beistände hätten nichts genützt: falsch
  9. Vater hat all seine rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft zur Wiedererlangung des Besuchsrechts: falsch
  10. Vater hat die Kesb-Chefin mehrfach angezeigt, wegen Amtsmissbrauchs und Verletzung des Amtsgeheimnisses. Richtig, aber: alle Untersuchungen wurden rechtsgültig abgeschlossen durch die Staatsanwaltschaft am 20. März 2019. Verfahren gegen die Kesb-Chefin wurde eingestellt.
  11. Die Schilderung der letzten Begegnung des Vaters mit den Kindern: falsch. Es gibt dazu ein Protokoll der Kesb vom 1. November 2018. Der Vater ist im Besitz dieses Protokolls.
  12. Kinderpsychologin sagt, es handle sich in diesem Fall um ein Paradebeispiel einer forcierten Entfremdung: Inhalt dieses Satzes stimmt nicht. Amtsgeheimnisverletzung und Verleumdung.
  13. Fachleute geben im Artikel Tipps, wie man sich im Fall Schaffhausen hätte verhalten können: Entspricht genau dem, was die Schaffhauser Behörden gemacht haben. Diese Tatsache findet keine Erwähnung im Artikel.
  14. Keine der involvierten Behörden in Schaffhausen wurde von Blumer kontaktiert: Kesb, Obergericht, Kinderanwalt.

Nach Einsicht in diese Beschwerde mitsamt Belegen ist klar: Eine solch fehlerhafte und parteiische und keinen journalistischen Prinzipien entsprechende Berichterstattung hätte sofort richtiggestellt werden müssen, die Autorin mindestens abgemahnt.

Nichts davon ist bis heute passiert. «Keine Sternstunde», urteilte Stadler mild. Nein, eine Bankrotterklärung von journalistischem Anstand und Fairness. Ganz abgesehen davon, dass es der Redaktion unbenommen gewesen wäre, nach Abdruck einer Richtigstellung zu kommentieren, dass man an seiner Darstellung festhalte. Das wäre allerdings bei dieser Anzahl von Fehlern, bei der im Ansatz falschen Berichterstattung nicht möglich gewesen.

Schon in viel geringeren Fällen hat Tamedia sofort den Artikel gelöscht.

Der Realität wird’s blümerant Teil 1

Wie Claudia Blumer sich von einem Mann einseifen liess und eine Mutter in die Pfanne haute. Aus nicht ganz uneigennützigen Motiven.

«Tobender Mann beisst Polizisten ins Bein». So titelte der «Tages-Anzeiger» am 26. Dezember 2013. Eine Polizeipatrouille war wegen eines Ehestreits gerufen worden. Während die «gewaltbetroffene Ehefrau»* vor der Wohnungstüre wartete, griff der Ehemann* drinnen die Polizisten zuerst mit einem Besenstiel an, dann biss er einen in den Oberschenkel. Das alles vor den Augen seiner beiden Kinder.

Ausriss aus dem Tagi vom 26. Dezember 2013.

Resultat: zwei Polizisten in ärztlicher Behandlung, ein Ehemann 24 Stunden im Knast. Später wurde er wegen Gewalt gegen Beamte verurteilt. Wegen häuslicher Gewalt nur deswegen nicht, weil seine Frau ihre Anzeige zurückzog.

Der Vorfall schaffte es sogar bis zur Agentur SDA.

«Ein Leben ohne die eigenen Kinder», so sülzte am 1. Juli 2019 die Tagi-Journalistin Claudia Blumer. Sie beschreibt das tragische Schicksal eines Vaters, dem seine Kinder durch ihre Mutter entfremdet wurden – bis er sie nicht mehr sehen durfte. Der liebende Vater ist verzweifelt und untröstlich.

Seiner Ehe entsprossen zwei Kinder, «doch nach sieben Jahren trennen sich William und seine Frau, er zieht aus», weiss Blumer, die die Namen der Beteiligten oberflächlich verfremdete. Drei Jahre sei es soweit gut gegangen, Besuchsrecht und alles. Doch nach der Scheidung und der Bereinigung finanzieller Fragen hätten «die Probleme angefangen. Plötzlich hätten sich die Kinder bei ihm unwohl gefühlt, sagt der Vater».

Ausriss aus dem Verleumdungsartikel von Claudia Blumer. Hinter Bezahlschranke.

Journalistin Blumer sagt später, ihre «Motivation» für diesen Artikel sei der Umstand gewesen, «dass die Kinder ihren Vater nicht mehr sehen wollen und die Behörden kapitulieren müssen». Sie habe Gründe und Handlungsmöglichkeiten untersuchen wollen. Dann fügt sie hinzu: «Dieser Kern der Geschichte stimmt.»

Es muss sich dabei aber um einen Kirschkern gehandelt haben. Denn der so leidende und verzweifelte Vater ist der gleiche, der vor den Augen seiner Kinder einen Polizisten gebissen hatte. Das hätte Blumer wissen können, wollte sie aber nicht. Auch sonst stimmt an ihrer Schilderung bis hierher – nichts.

Die wirklichen Ereignisse spielten sich sehr, sehr anders ab

Es gab nach sieben Jahren nicht einfach eine Trennung. Diesen Gewaltausbruch ihres Mannes gegen sie und gegen die Polizei nahm die Mutter zum Anlass, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Er blieb. Die «Probleme» fingen auch keineswegs nach der späteren Scheidung an, seine Kinder fühlten sich nicht erst dann «plötzlich bei ihm unwohl».

Blumer beging so ziemlich alle Anfängerfehler, die man nur machen kann. Sie baute ausschliesslich auf die Aussagen des Mannes, liess sich nur von ihm mit Unterlagen versorgen, glaubte ihm, dass diese vollständig seien. Sie versuchte zwar, die Mutter zu einer Stellungnahme zu bewegen, aber in einer Art, die diese als unverschämt und übergriffig empfand.

Verständlich, wenn man die Fragestellung von Blumer anschaut: «Was sagen Sie zum Vorwurf (des Vaters, teilweise auch der Fachleute), Sie hätten durch Ihr Verhalten zum Loyalitätskonflikt der Kinder beigetragen, die schliesslich zur Entfremdung vom Vater geführt hat?» Alle weiteren in diesen Fall involvierten Personen, Behörden und Fachkräfte belästigte Blumer mit keiner einzigen Frage.

Verengung des Recherchewegs.

Stattdessen wandte sich die Tagi-Redaktorin an Auskunftspersonen allerorten, von Basel bis Zürich, die mit dem geschilderten Fall nicht vertraut waren, lustigerweise aber genau die Ratschläge gaben, die von den zuständigen Behörden auch angewandt wurden.

Die Entrüstung der Mutter wird umso verständlicher, wenn man Einsicht in alle Gutachten und psychologischen Untersuchungen und die Gesprächsprotokolle mit dem Vater hat; nichts deutet darauf hin, dass die Mutter die Kinder gegen ihren Vater aufgehetzt haben könnte, was auch der den Kindern zur Seite gestellte Anwalt bestätigt.

Blind durch ein hochemotionales Minenfeld gerannt

Blumer sollte wissen, dass es im menschlichen Leben kaum eine extremere emotionale Situation gibt als eine nicht friedliche Scheidung, in der auch Kinder involviert sind. Schon alleine das würde äusserste Vorsicht verlangen, würde es absolut unmöglich machen, nur einseitig auf die Aussagen einer beteiligten Partei zu vertrauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Blumer sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sich über den Hintergrund, den Charakter, die Glaubwürdigkeit ihres Kronzeugen zu informieren. Dann wäre ihr nämlich nicht nur der Beissvorfall im eigenen Organ aufgefallen, sondern auch die Unzahl von Eingaben, Prozessen und die gerichtsnotorische Auffälligkeit ihres Leidensvaters.

Beidseitige Verengung.

Dazu nur ein Auszug aus einem Urteil des Bundesgerichts (!), bis zu dem der Vater hinaufprozessiert hatte: «Die Beschwerde besteht zu grossen Teilen aus polemischen Ausführungen und Unterstellungen», nerven sich die obersten Richter und lehnen sie natürlich ab – wie alle Vorinstanzen.

Das hindert den Vater nicht, noch vor Erscheinen des Artikels folgende Mail an seine Ex-Frau – Kopie an die Präsidentin der Schaffhauser Kesb und das Obergericht – zu schicken:

«The story how you and your SP Sauband temporaly stole (die gemeinsamen Kinder) from their father will be published tomorrow in Tages-Anzeiger

Später werde dann noch die «Tagesschau» darüber berichten, wie korrupt die Kesb Schaffhausen sei und welche kriminellen Methoden ihre Präsidentin* anwende. Darüber werde auch jeder Kantonsrat informiert, bis alle «kriminellen SP-Freunde» seiner Ex-Frau ihren Job verlören.

Hätte Blumer etwas recherchiert,  wäre ihr auch aufgefallen, dass in diversen Gesprächsprotokollen* immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es schwierig bis unmöglich sei, mit dem Vater über sein Verhalten oder dessen Auswirkungen auf die Kinder zu sprechen. Stattdessen habe er immer wieder zu Monologen über seine Ex-Frau angesetzt, der er nicht nur die Manipulation der gemeinsamen Kinder, sondern weitere, wilde Untaten vorwirft.

Ein gelinde gesagt problematischer Kronzeuge

Es wäre ihr aufgefallen, dass der Vater deutliche Anzeichen von Realitätsverlust zeigt. So fantasiert er von einer Verschwörung seiner Frau mit der Kindswohlbehörde und sogar einer Richterin gegen ihn, die darauf basiere, dass alle drei der gleichen Partei angehörten. Mit einem einzigen Telefonat hätte Blumer herausfinden können, dass das frei erfunden ist.

Schliesslich bestritt der Mann, der von der Schaffhauser AZ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhielt, dass es häusliche Gewalt gegeben habe. Das sei alles Bestandteil einer «Verleumdungskampagne» seiner Ex-Frau. «Erst die Kohle, dann die Kinder», das sei ihr Plan gewesen. Unbeschadet von vorliegenden Gerichtsurteilen und Strafbefehlen und Strafuntersuchungen der Schaffhauser Staatsanwaltschaft.

Indirekter Versuch der Richtigstellung.

Den Redaktor der Schaffhauser AZ, der schon kurz nach Erscheinen des Blumer-Machwerks dieses nach Strich und Faden öffentlich demontierte, bedrohte der Ex-Ehemann. Weshalb er wegen Drohung, Beschimpfung und übler Nachrede neuerlich vor Gericht steht. Dazu sagt der Co-Redaktionsleiter Mattias Greuter: «Am Tag, an dem mein Artikel erschien (25.7. 2019), rief mich der Ex-Ehemann an. Er bezeichnete mich als «verleumderisches Arschloch» und sagte: «Pass bloss auf, wenn ich dich auf der Strasse sehe.» Auf Grund meiner Recherche wusste ich, dass er Kampfsport betreibt und bei anderer Gelegenheit schon Gewalt angewendet hatte.»

Eine Gegenklage des Ex-Ehemannes wurde hingegen abgeschmettert, was für ihn ein weiterer Beweise der Verschwörung gegen ihn ist.

Zwecks Illustration ihres Rechercheansatzes, wie zur Entfremdung von Kindern von einem Elternteil kommen könne, und was die Behörden dagegen unternehmen könnten, hat Blumer also so sehr danebengegriffen, wie es nur möglich ist.

Blumer haut nicht nur die Mutter der Kinder in die Pfanne

Unangekränkelt von jeglichem Zweifel an ihrer journalistischen Fähigkeit der Wahrheitserkenntnis, damit diesem Mann nicht unähnlich, behauptete Blumer in einem Kästchen zum Entstehen des Artikels, dass sich der Vater «an diese Zeitung gewandt habe» und dass er «uns alle Unterlagen betreffend Elternkonflikt und Kinderbelange» inklusive Mails und Prozessunterlagen, «überlassen» habe. Das ist falsch.

Die Entstehungsgeschichte liegt nicht im Streubereich der Wahrheit.

Blumer fährt fort: «Die zuständige Kinderpsychologin* des Kantons wollte zunächst mit dieser Zeitung über den Fall reden, da es sich um ein Paradebeispiel einer forcierten Entfremdung handle. Sie wurde jedoch von ihren Vorgesetzten zum Schweigen verpflichtet.»

Diesem Absatz kann man immerhin eine gehobene Bösartigkeit nicht absprechen. Offensichtlich wurde diese Psychologin ans Amtsgeheimnis erinnert, nicht «zum Schweigen verpflichtet». Dennoch wird sie von Blumer zitiert, zudem mit einer Aussage, die sämtlichen anderen Fachgutachten in diesem Fall widerspricht. Eine erste Einvernahme in Sachen Amtsgeheimnisverletzung durch die Staatsanwaltschaft fand bereits statt.

Bis hierhin ist es eine bedenkliche Fehlleistung einer Journalistin, die offensichtlich völlig oberhalb ihrer Kapazität und Kompetenz einen dramatisch einseitigen, falschen und allen hausinternen «eisernen Regeln» widersprechenden Artikel publizierte. Der durch alle Qualitätskontrollen durchrutschte.

Allen Beteiligten wurde von ZACKBUM die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch», erwiderte im Namen Blumers die «Leiterin Kommunikation Tamedia» – pauschal auf eine ganze Reihe von begründeten, konkreten Fragen. «Ich werde Sie keine Stellungnahme liefern und keine Information», schrieb der Ex-Ehemann und bat zudem darum, «sofort in Ruhe gelassen zu werden».

Kommt in den besten Häusern vor, sollte es aber nicht. Ist damit der Blumer-Skandal beendet? Nein, damit fängt er erst richtig an.

*Der Redaktion sind die Namen sämtlicher Beteiligten bekannt. Wir konnten in die gleichen Dokumente Einsicht nehmen, die auch schon dem «Tages-Anzeiger» vorlagen.

Lesen Sie morgen: Nach dem Blumer-Skandal folgt der Tamedia-Skandal.

Onanieren mit Parisern

Pardon, das ist nicht vulgär, sondern ein Zitat vom grossen Bertolt Brecht. Gut, den kennen die heutigen Kindersoldaten des Journalismus auch nicht. Aber man kann ja googeln.

Es war eines der Lieblingszitate meines Streitgenossen Niklaus Meienberg (auch googeln, bitte): «Es gibt Menschen, die onanieren. Es gibt Menschen, die vögeln mit Parisern. Und es gibt Germanisten, die onanieren mit Parisern.»

Das hat mich als studierten Germanisten hart getroffen, aber natürlich hatten Brecht und Meienberg völlig recht. Dieses Zitat kann man auch prima auf die aktuelle Journaille anwenden.

Die geht da sogar noch einen Schritt weiter, sozusagen. Sie greift sich reihum in den Schritt und massiert das Gemächt. Ohne Rücksicht darauf, wie peinlich das für die Zuschauer ist. Ein aktuelles Beispiel dafür, denn mehr würden bei Autor und Lesern wohl Würgereflexe auslösen.

Da schreibt der Leiter der Bundeshausredaktion der ehemaligen Qualitätsmedien aus dem Hause Tamedia eine sogenannte «Analyse zu St. Gallen». Für diesen Tiefflug über unbekanntem Gelände sollte man Fabian Renz die Verwendung des Wortes Analyse für seine Restlaufzeit als Journalist verbieten.

Unbelegtes Gefasel, eine Dummheit auf die nächste gestapelt. Sein Tagi-Kollege Marc Brupacher hatte schon zuvor auf Twitter etwas in die Debatte gerülpst. In seiner üblichen strahlenden Dummheit.

Journalisten loben Journalisten – öffentlich

Lässt sich das noch steigern? Locker. Kaum ist diese Schwachstrom-«Analyse» erschienen, dieser in Buchstaben gefasste Wackelkontakt mit der Wirklichkeit, enblöden sich andere Tagi-Mannen nicht, ihrem Kollegen an den, nein, so wollen wir das nicht formulieren. Obwohl, wie sollte man diesen Tweet von Sandro Benini sonst bezeichnen:

Man kann sich winden und wegdrehen, mehr nicht.

Häufig? So Kommentare von Laura de Weck, Barbara Bleisch, Peter Burkhardt und vielen anderen? Ein Tiefpunkt nach dem anderen. Während sich sogar das Kummer gewohnte Lesepublikum darüber lustig macht, setzt Brupacher noch ein kleines Highlight:

Du rubbelst mich, ich rubble dich, wir rubbeln uns.

Daraus kann man ableiten, dass Brupacher nicht der Ansicht von Benini ist. Aber wer alles Dumm-Kommentare schreibt, das verrät uns der leitende Tagi-Redaktor leider nicht.

Man muss sich schon fragen, welches Niveau hier noch nach unten durchbrochen werden kann. Tamedia gleicht immer mehr einem tiefergelegten Auto. Bodenabstand kaum mehr vorhanden, jede kleine Bodenwelle lässt das Blech wegfliegen.

Opfer Salome Müller

Sie hat zusammen mit Aleksandra Hiltmann das Protestschreiben der Tamedia-Frauen verfasst. Was hat sie sonst so gemacht?

Laut den Unterzeichnern des Protestschreibens werden Frauen bei Tamedia übel behandelt. Sexismus, Diskriminierung, Demotivierung, fehlende Wertschätzung und Anstand. Wie wirkt sich denn dieses Arbeitsklima auf die Redaktorin Salome Müller aus?

Um nicht in Gefahr zu geraten, machomässig Inhalte zu kritisieren, schauen wir uns den übrigen Output von Müller quantitativ an. In den letzten sechs Monaten, zum Beispiel.

Daraus kann man sicher ermessen, wie sehr Müller persönlich unter diesen «demotivierenden» Arbeitsverhältnissen leidet. Oder anders gefragt, was hat Tamedia für rund 50’000 Franken (Lohn plus Arbeitnehmeranteile, Arbeitsplatz, Spesen) bekommen?

Opfer Müller (Bild Stadtblog Tages-Anzeiger).

Insgesamt 32 Stücke aus der Feder von Müller. Davon 8 Kommentare, 7 mal war Müller Co-Autorin. Bleiben also 17 eigene Artikel. Wenn man alle nimmt, dann hat Müller 5,3 Artikel pro Monat geschrieben. Ziemlich viel Geld wofür?

Themen für Anfänger

Es fällt auf, dass Müller sich gerne Themen annimmt, die als erste Übungen für angehende Journalisten beliebt sind. «Grab der Einsamen» über Verstorbene ohne Hinterbliebene. Ein Rilke-Gedicht. Über die erste Astronautin, die zum Mars möchte. Über die Schauspielerin Sabina Schneebeli, die in einem Altersheim arbeitet. Oder «Unterwegs im vorweihnachtlichen Zürich».

Gewalt in Beziehungen, die erste Nationalrätin, Emma Corrin als Lady Di in «The Crown», die tätowierte neuseeländische Aussenministerin, Ergebnisse der Umfrage «Was Frauen wollen», das ist so etwa das Themenspektrum von Müller. Die Stücke ähneln Schulaufsätzen einer bemühten Schülerin, die mangelnde Fähigkeit durch Fleiss und Gesinnung ausgleichen möchte.

Natürlich äussert sie sich auch zum Verhüllungsverbot, über «Frauen in der Politik», besucht die Umweltschutz-Besetzer eines Hügels in der Waadt, die nach ihrem Abgang einen unglaublichen Haufen Müll hinterliessen. Und verantwortet den tägliche Newsletter zusammen mit einem Kollegen, wo sie männliche Leser durch ihre Anredemarotten zur Weissglut treibt. Den die erkennen sich beim besten Willen nicht unter den «Liebe Leserinnen*», an die sich Müller wendet.

Natürlich von aussen betrachtet und ohne nähere Kenntnisse, welchen täglichen Belästigungen, Übergriffen, Diskriminierung, Sexismus und Spott wegen ihrer Sternchenmarotte sich Müller ausgesetzt sieht: schwierig, hier Missbrauch und Unterdrückung zu erkennen.

Im Schnitt ein Artikel pro Woche

Das ist natürlich die männliche Perspektive, die sicherlich nicht in der Lage ist, viele weibliche Aspekte zu berücksichtigen. Aber: Eine Journalistin, die im Schnitt einen Artikel pro Woche rauspustet, wenn man Kommentare und Co-Autorenschaft weglässt, die muss schon auf hohem Niveau jammern.

Ausserdem kann sie sich offensichtlich die Themen selbst aussuchen, wenn sie der «Gewalt in jeder zweiten Paarbeziehung» nachgeht, treibt sie eine Jugendliche auf, die erzählt. Wenn sie die Besetzer in der Waadt besucht, nimmt sie sich Zeit. Ebenso, wenn sie das Schicksal eines jugendlichen Asylsuchenden nachzeichnet.

Ein bunter Strauss von Themen, schwergewichtig natürlich Frauenthemen. Während die Schlagzahl für viele Redaktoren heutzutage so aussieht, dass sie mindestens ein, zwei Online-Meldungen plus mindestens einen Artikel absondern sollten – pro Tag, versteht sich – erscheint ein eigener Artikel pro Woche doch geradezu paradiesisch.

Beschäftigungstherapie für Müller?

So paradiesisch, dass offenbar als Beschäftigungstherapie die halbe Betreuung des Newsletters draufgeschnallt wurde. Es kann nun sein, dass Müller Bedenken kamen, ob sie dieser plötzlichen und zusätzlichen Belastung überhaupt gewachsen wäre.

Immerhin mindestens drei der anonymen Beispiele, wie schlimm Frauen bei Tamedia behandelt werden, stammen offenbar von ihr. Mit dieser Protestnote hat sie zumindest eines erreicht: unabhängig von ihrer Leistung ist sie nun praktisch unkündbar. Wo sich allerdings ihr gegenüber Sexismus äussern soll, vielleicht abgesehen von der völlig berechtigten Gegenwehr gegen ihr absurdes Gendersternchen, ist nicht erkennbar.

Obwohl sie mit Kollegin und Co-Autorin Aleksandra Hiltmann sogar zu einer der beiden Sprecherinnen der Tamedia-Protestierer geworden ist, unterlässt auch sie es bis heute, nur ein einziges Beispiel – konkret oder anonymisiert – zu schildern, als sie persönlich als Frau diskriminiert wurde.

Ein Tamedia-Flop und seine Geschichte

Vierte Lieferung. Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Diesmal die Behauptung, BR Berset hätte ein Angebot abgelehnt, in der Schweiz Impfstoffe zu produzieren.

Primeurs sind schön. Daran labt sich der Journalist, obwohl es dem Leser eigentlich schnurz ist, wer was zuerst publiziert. Ein Primeur mit Wirkung und Hallo, das ist die Steigerung. Ein Primeur, bei dem eine ernstzunehmende Partei gleich eine Parlamentarische Untersuchungskommission fordert, das ist der Olymp.

Es gibt den aus Erfahrung gespeisten bösen Spruch: nur was man selbst erfindet, hat man exklusiv. So einfach ist das bei der Berset-Lonza-Story von Tamedia natürlich nicht. Aber genau das ist hier das Problem.

Die Story eines angekündigten Flops

Am 11. März platzierte Tamedia den Primeur: «Bund wollte keine eigene Impfproduktion». Der Tagi zeigt sogar das Foto einer grasenden Schafherde, die von einer Impf-Produktionsanlage vertrieben worden wäre. «Das Happy End war so nahe, aber der Mut fehlte», doppelte Autorin Isabel Strassheim in einem Kommentar nach.

Sie ist eine Kennerin der Pharma-Szene – und Mitunterzeichnerin des Protestschreibens einiger Tamedia-Frauen.

Beides spielt hier eine Rolle. Auch die Tatsache, dass sich Strassheim auf «verschiedene Quellen» berief. Anonyme Quellen, versteht sich. Diese Methode ist seit ihrer ständigen Anwendung durch die «Republik» etwas in Verruf geraten. Dennoch können Informanten helfen. Aber umso grösser das Thema, desto besser muss das abgesichert werden.

Dieser Primeur gab – wie erwartet – ein Riesengebrüll. Der Gesundheitsminister Alain Berset habe «das Lonza-Angebot abgelehnt», legte Tamedia zwei Tage später nach. Strassheim wird bereits von zwei männlichen Kollegen unterstützt. Am 17. März dann ein halber Offenbarungseid: Tamedia erklärt nun, wieso die Gespräche zwischen Berset und Lonza im Sand verlaufen sein sollen. Und in einem kleinen «Korrektur»-Kasten krebst der Medienkonzern von seiner ursprünglichen Kernaussage zurück.

Vorwärts, wir ziehen uns zurück

«Neue Recherchen» hätten gezeigt, dass es nicht um das Angebot einer bundeseigenen Impfstoffproduktion bei Lonza gegangen sei, sondern lediglich um eine «staatliche Mitfinanzierung». Kleiner Unterschied? Nein, kleingespielter Unterschied, denn Berset hatte bereits offiziell die erste Aussage dementiert. Die FDP, schon in Kampfeslaune mit einer PUK, stand plötzlich mit abgesägten Hosen da und sagte öffentlich Tapferes, im Hintergrund nicht Zitierbares.

Tamedia mopste noch etwas nach, Lonza sei am Limit, im System «knirscht» es, wie auch immer, die «Schweiz braucht eine eigene Impfstoffproduktion». Als man sich bei Tamedia schon wichtigeren Problemen zuwenden wollte; wer untersucht die anonymen Sexismus-Vorwürfe zum Beispiel, meldete sich die NZZamSonntag zu Wort.

Mutig durchs Labyrinth: Pacman NZZaS.

Zu Worten; dreieinhalb Seiten, über 30’000 Anschläge, als wär’s ein Stück der «Republik». Birgit Voigt und Multitalent Peter Hossli, der schon Alt Bundesrat Moritz Leuenberger in die Bredouille interviewt hatte, blätterten nochmal die Geschichte der Impfstoffsuche durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf.

Unvermeidbare und vermeidbare Fehlentscheide

Überraschungsfrei ist das eine komplizierte Kiste, geprägt von nur im Nachhinein als kapitale Fehler kritisierbaren Entscheiden und tatsächlichen Fehlentscheiden, eben typisch für die Entscheidungsaversion von Beamten.

Befeuert durch die völlige Fachfremdheit des damaligen BAG-Direktors Pascal Strupler, der nur durch Connections in dieses Amt gehievt worden war, weil man nicht im Traum daran dachte, dass das BAG einmal mit einer solchen Krise konfrontiert werden könnte. Natürlich mischt sich auch die grossartige Task Force to the Bundesrat ein, während die eigentlich zuständige Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) schlichtweg vergessen geht und erst später dazugerufen wird.

In all der damaligen Gemengelage, wie schlimm wird die Pandemie, auf welchen Impfstoff soll man setzen, was ist eigentlich diese neue mRNA-Methode, vom Startup Moderna und von Pfizer/Biontech vorangetrieben? Soll die Schweiz überhaupt eigene Impfstoffproduktion aufnehmen? Von wem sollte man wie viel Dosen kaufen? Wie lange dauert die Bewilligung durch die zuständigen Schweizer Behörden?

Der einfache Ansatz, lieber auf diverse Pferde setzen mit dem Risiko, dass einige nicht ins Ziel kommen, lieber zu viele, statt zu wenige Impfdosen ordern, lieber auf verschiedene Produktionsmethoden setzen als auf eine, das widersprach natürlich Schweizer Sparsamkeit und der Unwilligkeit komplizierter Apparate, einfach gemeinsam Vollgas zu geben.

Ein einziges, kurzes Gespräch zwischen Berset und dem Lonza-Chef

In diesem ganzen Kuddelmuddel gab es dann offenbar ein einziges Gespräch zwischen Berset und dem VR-Präsident der Lonza Group. Albert Baehny wurde dann ans BAG weitergereicht, wo er «einige Ideen skizzierte». Aus edlen Motiven: «Ich bin zum Bund gegangen als Schweizer Staatsbürger, der zur Krisenbewältigung beitragen will.»

Zur entscheidenden Frage, ob er dem Bund die Finanzierung und Übernahme einer ganzen Produktionslinie oder nur eine finanzielle Beteiligung vorschlug, antwortet er im NZZaS-Interview sehr diplomatisch: «Das wäre doch denkbar, oder?» Aber, nachdem er vorgetragen hatte, «gab es keinen weiteren Kontakt mehr». Darüber sei der Schweizer Staatsbürger zwar «perplex» gewesen, suchte aber seinerseits offenbar auch nicht mehr den Kontakt.

Also ist sowohl der Artikel wie auch das Interview mit dem Lonza-Chef genau betrachtet keine Bestätigung der These, dass Berset (oder das BAG) das Angebot einer staatlichen Impfproduktion abgelehnt habe. Es ist nicht mal klar, mit welcher Priorität Lonza das als mögliche Idee vorgetragen hat.

Tamedia hebt den Kopf wieder über die Wasserlinie

Aber wer liest heutzutage schon 30’000 A, sagt sich Tamedia völlig zu recht. Und poltert: «Lonza-Debakel: Jetzt braucht es volle Aufklärung», fordert der Wirtschaftschef von Tamedia höchstpersönlich. Und Peter Burkhardt endet unheilsschwanger: «Die Frage wiegt schwer: Wurde da eine einmalige Chance verpasst? Und wenn ja, wer trägt die Schuld?»

Wieso Debakel? Was ist noch nicht voll aufgeklärt?

Unterstützt natürlich durch «Lonza-Präsident widerspricht Berset». Was er zwar nicht tut, aber wenn auch wieder Parlamentarier neuerlich «Aufklärung und Untersuchung» fordern, dann ist die Welt doch wieder in Ordnung.

Es rauscht auch im Blätterwald, vor allem an dem Baum, an dem die gesammelten Kopfblätter von Tamedia hängen, plus «20 Minuten». Nur srf.ch behält noch einigermassen den kühlen Kopf: «Aussage gegen Aussage bei der Frage der Impfstrasse.»

Liegt zwar auch nur im Streubereich der Wahrheit, aber immerhin. Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: die Recherchierfähigkeiten der Schweizer Qualitätsmedien, die Fähigkeit zum Verstehen auch längerer Artikel, das alles liegt nicht im Argen. Das liegt auf der Intenstivstation, wird künstlich beatmet, damit sich der Brustkorb noch bewegt, während schon längst der Hirntod eingetreten ist.

Es darf gelacht werden: Richtig gendern mit der SoZ

ZACKBUM sieht sich gezwungen, bereits die zweite Lieferung von «Satire & Gelächter» auf die Rampe zu schieben. Vorsicht, ist nicht kurz. Aber sehr lustig.

Beim Coiffeur lag die aktuelle «Sonntagszeitung» auf dem «Nebelspalter». Den kenne ich schon, unterhaltsam oder witzig ist er weniger. Also griff ich zur SoZ – und wurde nicht enttäuscht.

Der Coiffeur musste mich mehrfach bitten, mich nicht so zu schütteln vor lachen, das täte dem Haarschnitt nicht gut. Also riss ich mich zusammen, aber den Lesern von ZACKBUM möchte ich die gleiche Erheiterung zukommen lassen.

Denn die SoZ hat – neben Corona – endlich ein zweites Schwerpunktthema gefunden. Eine Debatte, eine Auseinandersetzung, die schon lange die ganze Welt in Atem hält. Eine kleine Welt zwar, aber dafür eine lautstarke. Eine mit Zugang zu Multiplikatoren. Also die Welt von Journalisten, die zwar gewohnheitsmässig der deutschen Sprache Gewalt antun, sie auch regelmässig vergewaltigen, mit Gestümper, Gestammel, mit Fehlern, die das flachgesparte Korrektorat, das nur noch aus einem Microschrott-Programm besteht, nicht bemerkt.

Endlich: die Totalwürdigung eines kleinen Sternchens

Aber das wäre ein anderes Thema. Hier geht es um «gendern, aber richtig». Für die Wenigen, die noch nicht mit diesem fundamental wichtigen Thema belästigt wurden: In der deutschen Sprache (in anderen nicht, aber was soll’s, geht’s hier um Logik?) herrscht das sogenannte generische Maskulinum. Das bedeutet, dass angesichts von zwei Geschlechtern in der Realität und drei Genera in der Sprache, plus irgendeinem Idioten (männlich), der das nicht mit Gattung, sondern mit Geschlecht übersetzte, schon länger ein Kampf mottet.

Stern vor dem Kopf: Die Kulturreste bei Tamedia.

Der wird von Gesinnungstätern geführt, die eine fanatische Mission haben und daher wie die meisten Fanatiker alles ausblenden, was ihrer Mission widersprechen könnte. Ihre Mission lautet: durch die übermässige Verwendung des maskulinen Genus bei Personen- und Berufsbezeichnungen werden Frauen diskriminiert, ausgegrenzt. Ist zwar völliger Unsinn, aber dieses Kampffeld hat einen unbestreitbaren Vorteil.

Wie die Flachdenker, die meinen, mit einem Pappkarton vor der Stirn könne man toll demonstrieren, meinen diese Fehlgeleiteten, durchaus vorhandene Diskriminierung qua Geschlecht liesse sich vornehmlich dadurch bekämpfen, dass man die deutsche Sprache verhunzt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Doppelnennungen (Journalist, Journalistin) zwar schon ein Schritt in die richtige Richtung sei. Aber: was ist dann mit dem ganzen Zoo von weiteren Geschlechtern, non-binären, und überhaupt?

Damit verlagerte sich die Verhunzung vom Pflanzen eines Binnen-I oder der absurd falschen Verwendung des Partizips Präsens (Studierende) zum Sternchenhimmel. Da sind wir heute, und die SoZ ist vorne dabei. Sie gehört ja zum einzigen Medienkonzern der Schweiz, bei dem sich Frauen massenhaft über Sexismus, Diskriminierung, Ausschluss, Negierung und vieles andere beschweren.

Da muss Trauer- und Aufklärungsarbeit geleistet werden. Also landet die SoZ gleich einen Viererschlag. Wahnsinn. Sogar ohne Methode.

Kultur besteht bei der SoZ aus einem einzigen Thema

Sagenhafte drei Seiten widmet der «Kultur»-Bund der Sache mit dem Stern. Also allen Platz, den Kultur bei Tamedia noch hat. Bevor dann zwei Seiten TV-Programm (ohne Genderstern!) und als Gipfel eine – natürlich von einem Mann – geschriebene Lobeshymne auf den neuen McLaren Elva folgen. Der Schwanzvergleich: «in 2,8 Sekunden von 0 auf 100. Schluss wäre bei 328 km/h.» Dazu ein Schnäppchen: «1,7 Millionen Euro» zahlt der Mann für diesen Penisersatz, den er bei Regen in der Garage stehen lassen muss.

Aber zurück zum Thema, bei dem Frau und Mann in 0 Sekunden von 0 auf dumm beschleunigen. Zunächst ergreifen die beiden Sprachwissenschaftler Aleksandra Hiltmann und Andreas Tobler (der alte Abschreiber will sich offenbar überall einschleimen) das Wort. Hiltmann qualifiziert sich durch die Unterzeichnung und federführende Lancierung des Frauen-Protestschreibens. Und hat bezüglich Zigeunerschnitzel und so noch etwas gutzumachen.

Worüber äussern sich die beiden? Schwer zu sagen, Genderstern, Genderstern, Genderstern, Glottis-Stopp (sicher gegoogelt), damit mäandern sie sich zur Schlussfolgerung durch: «Gendern ist also nicht einfach eine Modeerscheinung oder ein Sprachspiel – sondern ein Wirtschaftsfaktor. Diversität ist zu einer Frage der gesellschaftlichen Verantwortung geworden, ähnlich wie Nachhaltigkeit oder Umwelt.»

Mit Verlaub, was für ein gequirlter Schwachsinn. Dass Firmen beim Anpreisen ihrer Produkte und dank des Internet-Targeting immer gruppenspezifischer werben, also nicht mehr nur Männlein und/oder Weiblein ansprechen, sondern gerne auch den schwulen, schwarzen Aktivisten in einem Vorort einer Grossstadt, macht das Sprachverbrechen gendern weder zu einem Wirtschaftsfaktor, noch hebt es diesen Unfug auf die Ebene von Nachhaltigkeit oder Umwelt.

Höhepunkt auf Höhepunkt

Ein Höhepunkt in diesem 13’000 Anschläge-Erguss (Pardon) ist die Stelle über den Zürcher AL-Gemeinderat David García Nuñez: «Als Arzt hat er eine wissenschaftliche Studie geleitet, die zeigt, dass auch bei Transmenschen, die den Geschlechtsangleichungsprozess hinter sich haben, die falsche Ansprache traumatisierend wirkt und Depressionen hervorruft.» Liebe Transmenschen, wenn ihr bis hierher gelesen habt: sofort aufhören und den Arzt oder Psychiater konsultieren.

Alleine schon die in diesen Schwulst eingestreuten Regeln für «richtig gendern» sind kabarettauglich.

Schlag zwei: Zu diesem Endlos-Gesülze als wär’s ein Stück aus der «Republik» wird – originell – eine Umfrage unter Schweizer Autoren gestellt: Wie haltet Ihr’s mit dem Stern? Wir vermissen schmerzlich – nein, nicht wirklich – unseren Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss, aber der fiel noch nie durch Beherrschung der deutschen Sprache auf.

Die Reaktionen sind entlarvend. Sich zum frauenbewegten Lager zählende Autoren (generisches Maskulinum) verwenden das Unglücks-Sternchen entweder, oder eiern drum herum, wieso es in Lyrik oder Prosa dann so eine Sache sei. Völlig zum Deppen, aber auch das ist nichts Neues, macht sich Mundart-Poet Pedro Lenz. Er will sich locker und pragmatisch geben, verrät aber immerhin, dass er «nicht mehr «die Lehrer» schreibe, wenn er «Lehrerinnen und Lehrer» meine, sondern «die Lehrerschaft».

Vielleicht ist das in der Mundart anders, aber Lehrerschaft wurzelt in Lehrer. Wo bleibt da die Frau, lieber Poet? Vielleicht weniger poetisieren, dafür Deutsch lernen?

Genau richtig liegen drei Schriftsteller mit ihren Antworten. In aufsteigender Reihenfolge: «Literarisch unbrauchbar»; soweit gut, aber dann setzt Franz Hohler zu einer überflüssigen Erklärung an. «Ich liebe die deutsche Sprache und finde diese Genderei zum Kotzen.» Gut und scharf, aber auch Thomas Hürlimann wird dann etwas zu lang.

Unerreichter Todesstern für den Genderstern ist aber Peter von Matt. Der grosse Germanist, eleganteste Essayist der Schweiz und – wie ich nicht ohne Stolz sagen darf – mein Doktorvater. Der antwortet unübertreffbar:

«Nein.»

Diese Nein hat ungefähr so viel Wucht wie der Gag mit dem grossen Pantomimen Marcel Marceau, der in der Slapstick-Komödie «Silent Movie», eine ironische Verbeugung vor dem Stummfilm, am Schluss und als einziger ein Wort sagt: «non.»

Wohl der Grösste von allen: Marcel Marceau (1923 bis 2007).

Schlag drei: Wie immer mutig und zugleich vorsichtig versucht sich Michèle Binswanger an einem historischen Abriss: «Die Bemühungen um geschlechtergerechte Sprache sind so alt wie der Kampf um die Gleichstellung.» Sie zitiert Für und Wider, auch aus feminsistischer Sicht, denn niemals kann man es allen Recht machen, der Genderstern zerstöre «eine gewachsene feministische Lösung: da grosse I». Komisch, hier, aber nur hier bin ich für den Genderstern.

Das Schlimmste zum Schluss

Schlag vier: Wenn man meint, man habe das Schlimmste hinter sich, kommt SP-Nationalrätin und Co-Präsidentin (Schreibweise, ihr Tagi-Machos, Schreibweise?) der SP Frauen Schweiz. Tamara Funiciello beginnt ihren «Standpunkt» zuckersüss: «Lieber anonymer Mann …»

Ich atme auf, denn ich bin kein anonymer Mann und auch kein Tamedia-Machomann. Aber diese Süsse hört schnell auf, nachdem Funiciello die neusten Zahlen der Kriminalstatistik zitiert hat. Es gibt mehr häusliche Gewalt. Bekannt und erklärbar, wenn Familien mitsamt Kindern den ganzen Tag in dafür nicht vorgesehenen Wohnungen zusammengepfercht sind.

Daraus könnte man die Forderung nach mehr Wohnraum ableiten. Aber doch nicht die SP-Genossin. Denn es gibt Schlimmeres: «Femizide, also Morde an Frauen, die getötet wurden, weil sie Frauen sind, sind aber nur die Spitze der Gewaltepidemie, die Frauen erleben.» Sie bezieht sich dabei auf in diesem Jahr von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordete Frauen.

Wie jeder gewaltsame Tod sehr bedauerlich, aber wurden die wirklich umgebracht, weil sie Frauen sind? Als Mann, Kind, non-binär, mit Gendersternchen wäre ihnen das nicht passiert? Absurde Logik, aber das soll nur als Sprungbrett für einen wahren Amoklauf dienen:

«Genug Männer, die uns Gewalt antun oder angetan haben, dass wir mit unserem Schlüssel zwischen den Fingern nach Hause laufen, flache Schuhe zum Rennen dabeihaben, keine Musik hören, wenn wir alleine sind, damit wir die Gefahr hören, wenn sie kommt. Wir lassen uns von Freundinnen orten, telefonieren, tun so, als würden wir telefonieren. Es sind genug Männer, dass wir uns nicht so anziehen, wie wir möchten, nicht tanzen, wie wir möchten, dass wir zum Teil gar nicht erst hingehen und schon gar nicht allein. Wir sind in unserer Freiheit eingeschränkt, weil wir Angst haben müssen vor Übergriffen, Gewalt, Belästigung, Drohung. Es ist ein bisschen wie Corona – nicht jeder Mensch, den du triffst, ist eine reelle Gefahr – dennoch schützen wir uns, weil es eine sein könnte

 

«Nicht alle», aber genug, tobt Funicello, und was sage der anonyme Mann dazu? «Ja, aber ich war’s nicht.» Darauf sie: «Ich will dir erklären, anonymer Mann, wieso ich die Wut, die mich erfasst bei diesem Satz, fast nicht aushalte.» Oh je, dabei hat sich Funiciello doch schon medienwirksam des männlichen Unterdrückungsapparats namens BH entledigt.

Ich nehme das Privileg in Anspruch, als nicht-anonymer Mann zu antworten: abgesehen davon, dass ich’s wirklich nicht bin, selten eine solche absurde Darstellung der Schweizer Realität gelesen, als wäre sie für Frauen von Syrien nur dadurch unterscheidbar, dass keine Ruinen die Strassen säumen.

Es gibt noch einen todesmutigen Mann bei Tamedia

War’s das? Ja, das war’s an Schreckensnachrichten. Ein Mann hingegen muss nun bei Tamedia ganz, aber ganz tapfer sein. Sein Name ist Rico Bandle, und er hat – Gottseibeiuns – Esther Vilar interviewt. Kennen viele genauso wenig wie Alice Schwarzer? Schade, lohnt sich aber. Wer Mühe mit Lesen hat: Roger Schawinski hat sie natürlich in seinen Doppelpunkt heute geholt. Als Podcast hörenswert. Und Alex Baur, pfuibäh, hat eine Biographie über sie geschrieben.

Mehr will ich dazu nicht sagen, sondern einfach hinter Bandle in Deckung gehen, wenn dann die ganz groben Brocken fliegen werden.

Der Mann hat Eier in der Hose. Aber dieser Spruch hilft immer sicher auch nicht.

Es darf gelacht werden: ´tschuldigung von Tamedia!

Der Nebel bleibt grau, aber in dieser neuen Rubrik lacht nicht nur die Sonne. Denn ohne Lächerlichkeit kommt man schlecht durchs Leben.

 

Was Mutti Merkel kann, sollte Papi Supino auch können. Fehler passieren; aber man muss dazu stehen.

Zudem geht das heutzutage ganz einfach, tut nicht weh, der Aufwand hält sich auch in überschaubaren Grenzen. Ein beauftragter Tagi-Dödel ruft «spontan» zu einer Twitter-Aktion auf. Hashtag «’tschuldigung von Herzen».

Jeder, der lustig ist drauf und/oder Arbeitsplatzsicherung betreiben will, nimmt einen Pappkarton (aber bitte mit deutlich sichtbarem Rezyklier-Stempel). Darauf malt er (auch Damen sind herzlich eingeladen) «#’tschuldigung von Herzen». Darunter gilt freie Wahl.

«An alle mutigen Tamedia-Frauen.» – «An alle gendergequälten Leser.» – «An meine Vorgesetzten, weil ich so faul bin.» – «An die Klomitbenutzer; ich habe mal wieder die Brille hochgeklappt.» – «An meine Nachbarn. Nach dem Inhalieren verbotener Substanzen wurde es etwas laut.» – «An alle Opfer meiner Verleumdungsartikel.» – «An die von mir gewerbsmässig vergewaltigte deutsche Sprache.» – «An meine Frau, ich kann einfach nicht treu sein.» – «An alle zu Unrecht als Schweine verdächtigten Männer.» – «An meine Mutter, sie hatte es nicht leicht mit mir.» – «An Pietro Supino und alle Aktionäre; ich werde mir mehr Mühe geben.»

Warum ein gutes Werk nicht mit einem zweiten verbinden?

Man sieht, an Themen mangelt es nicht. Verzierungen mit Herzchen, Blümchen, anderen dekorativen Elementen sind sehr willkommen. Man kann die Gelegenheit auch benützen, um für milde Spenden zu bitten. Für den Unterstützungsfonds für klitorisbeschnittene Frauen. Für die Erforschung dieser uralten Tradition, der mit Respekt und ohne kulturelle Arroganz zu begegnen ist. Für das Recht der Frau, sich so zu kleiden, wie sie möchte.

Oder, man will einheimisches Schaffen fördern. Da drängen sich «netzpigcock.ch» oder «SägsWiesisch.ch» auf. Natürlich gibt es auch genügend Plattformen und Anlaufstellen für Männer, die endlich das Schwein in sich abmurksen wollen. Muslimische und jüdische Gläubige haben es einfacher; die nehmen so was nicht mal in den Mund.

Aber zurück zu Ta’tschuldigung. Ein ganz wichtiges Thema muss auch die Inklusion sein. Falls es wirklich noch jemanden geben sollte, der dieses Wort nicht kennt: ja, das wurde ursprünglich in der Mengenlehre und der Mineralogie verwendet. Dann sagte man «soziale Inklusion» und meint heute ohne sozial, dass Menschen jeglicher Art, vor allem auch beeinträchtigte oder behinderte, nicht an der Teilhabe ausgeschlossen werden sollen.

Nein, damit wird natürlich nicht gesagt, dass Frauen beeinträchtigt oder behindert seien. Und Teilhabe bedeutet, dass auch Einbeinige bei Wettbewerben im Arschtreten teilnehmen dürfen, dass auch Blinde bei Modefarben mitentscheiden können.

Denn die Ausgrenzung wird immer mehr als Grundübel unserer modernen Gesellschaft erkannt. Knapp gefolgt von Menschenrechten für Tiere. Das Problem ist, dass jeder Mensch einzigartig ist wie eine Schneeflocke. Im Gegensatz zur Schneeflocke sollte er sich dessen auch bewusst werden. Sich also nicht mehr durch Gemeinsamkeiten identifizieren, durch Zugehörigkeit, durch Interessensgleichheit.

Ausgrenzungen als Opfer sind identitätsstiftend

Das ist ganz old school, dunkle Vergangenheit, als ein Arbeitnehmer, ob schwul, schwarz, Frau, Analphabet oder Wissenschaftler, sich als Mitglied einer Gruppe sah und von Arbeitgebern abgrenzte, aufgrund unterschiedlicher Interessenlage. Heute gilt es für jeden, sich durch multiple Abgrenzungen zu vereinzeln und dadurch seine Identität zu finden.

Sinn der Sache? Na, logisch: umso einzigartiger, desto häufiger Opfer von Ausgrenzung, Diskriminierung, alleine schon durch Nicht-Erwähnung. So viele Gender-Sternchen gibt’s im Firmament nicht, wie eigentlich nötig wären, um jegliche Verletzung durch Ignorieren zu vermeiden.

Wem also sonst nichts einfällt bei dieser Aktion, der kann um den Hashtag #’tschuldigung den ganzen freien Platz mit Sternchen ausfüllen. Aber dicht an dicht bitte. Die Gegelegenheit für Chefredaktion und Geschäftsleitung, ihrer eigene Betroffenheit nicht nur durch eine simple Teilnahme Ausdruck zu verleihen. Sondern indem sie einen Wettbewerb auslobt, wer am meisten Ausgrenzungen aufzählen kann.

Alleine die Genderlatte (pardon für den Ausdruck) liegt schon bei rund 165. Damit sind lediglich sexuelle Orientierungen ausdifferenziert. Da kommt also noch eine ganze Latte (schon wieder Pardon) obendrauf.

Und Hand aufs Herz, ist doch einfacher und harmloser als die vollbescheuerte Ice-bucket-Challenge, oder nicht? Und bei der hat doch auch fast jeder Depp mitgemacht. Letzter lustiger Einfall: da wir ja im Zeitalter der Verurteilung via Mob und Masse angekommen sind: alle Teilnehmer dürfen voten, wer diese ehrenhafte Aufgabe am schlechtesten erledigt hat. Vielleicht sogar durch einen völlig unangemessenen blöden Spruch auffiel.

Ja, das ist der Ex-CEO der grossen UBS.

Die ersten 10 müssen dann das mit dem Eiskübel wiederholen. Aber vor Zeugen und so. Beifang, wie der moderne Manager sagt: völlig ausgelastet durch diesen Schwachsinn füllt Tamedia seine Blätter ausschliesslich mit Agenturmeldungen und Berichten aus Münchner Biergärten. Weiterer Beifang: dadurch geht die Zahl der Neuabonnenten durch die Decke.

Tamedia hat Krise

Mitgefühl ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Ergiessen wir es über Machomedia.

Dumm gelaufen, anders kann man das kaum bezeichnen. Höchstens als: when the shit hits the fan. Das ist ein so wunderbares wie schicklich nicht zu übersetzendes Sprachbild in den USA. Trifft voll ins, na ja, Braune bei Tamedia.

Da war die ganze Rumpfzentralredaktion mitsamt stellvertretenden Zweit-Co-Chefredaktoren so schön feministisch unterwegs. Nein zur Burka-Initiative. Falscher Absender, und überhaupt, wollen wir Frauen verbieten, wie sie sich anziehen wollen? Freiwilligkeit durch Zwang ersetzen? Niemals. Ach, die grosse alte Dame des Feminismus ist dafür? Na, da kann Alice Schwarzer ja noch einiges von den Tagi-Zwergen lernen.

Leider ging dann die Abstimmung verloren, so uneinsichtig ist der Stimmbürger, der dumpfe Macho. Schön, dass wenigstens bei Tamedia geschützte Werkstatt herrscht. Meldestellen für jede Form von Übergriffen, Belästigungen, Mobbing. Ein männlicher Vorgesetzter, der zur schwangeren Untergebenen sagt: «Unter Mühen sollst du Kinder gebären», kann sich nicht hinter dem Bibel-Zitat verstecken und steht schon vor einer Abmahnung.

Schon vor Jahren wurde das Problem erkannt

Nicht zu vergessen das übliche Blabla beim Thema Corporate Responsibility. Vor fast zwei Jahren veröffentlichte Tamedia die Ergebnisse einer erschreckenden Umfrage. Fassungslos kommentierte Simone Rau: «In einer Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia berichten 244 weibliche und 34 männliche Medienschaffende, dass sie sexuelle Übergriffe und Belästigungen bei der Arbeit erlebt haben. Das sind 53 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die teilgenommen haben.»

Titel des Kommentars:

«Was sexuelle Belästigung ist, sagen die Betroffenen.»

Hier ist auf engstem Raum das ganze Elend dieser Position enthalten. Tamedia hat rund 1800 Mitarbeiter. 244 der weiblichen Teilnehmer wollen Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt haben. Geschützt durch Anonymität.

Unterstützt von der absurden Behauptung, dass angeblich Betroffene die Meinungshoheit haben, was Belästigung sei und was nicht. Der Täter kann so weder seine Unschuld beweisen, noch überhaupt mitreden. Schuldig durch Anschuldigung, seit den Zeiten der Inquisition gab es einen solchen Unsinn nicht mehr.

Belästigung oder Lebensrettung? Der Betroffene (liegend) entscheidet.

Aber leider scheint sich in dieser Zeit nicht viel geändert zu haben. Denn Simone Rau gehört zu den 78 Erst-Unterzeichnern eines Protestschreibens voller ausschliesslich anonymer Klagen über Belästigungen ausschliesslich von Frauen. An die Öffentlichkeit ausgerechnet von Jolanda Spiess-Hegglin gebracht, ohne dass alle Unterzeichner damit einverstanden waren.

Männer werden wohl nicht mehr belästigt

Aber immerhin: damals beklagten sich noch 34 Männer über Belästigungen, diese Unart scheinen die Tamedia-Frauen (und -männer) abgelegt zu haben. Merkwürdigerweise konnten aber die betriebsinternen Meldestellen im Jahr 2020 keine einzige Beschwerde über Belästigung am Arbeitsplatz verzeichnen. Keine. Null. Nada. Aber vielleicht fanden ja alle anonymen Beispiele vor Ende 2019 statt.

Soweit, so Sündenpfuhl. Wie reagierte nun die Führungsspitze von Tamedia? Wie es sich für wohlbezahlte und kompetente Manager gehört? Wie es sich für erfahrene Journalisten in der Chefredaktion gehört? Was hätte sich denn gehört? Kostenloser Ratschlag Nummer eins:

  1. Wir haben von den Anschuldigungen Kenntnis genommen.

  2. Wir bedauern, dass der Weg in die Öffentlichkeit gesucht wurde, statt die dafür vorgesehenen internen Meldestellen zu benützen.

  3. Wir nehmen die Vorwürfe ernst und werden sie sorgfältig prüfen. Vor dem Ergebnis werden wir keine Stellungnahme abgeben.

Auch eiserne Regeln von Tamedia sind dazu da, um sie zu brechen …

So hätte es sein sollen, wenn führende Manager und natürlich Chefredaktoren nicht völlig beratungsresistent wären und alles selber besserwissen. Wollen. Also konstatierte der Oberchefredaktor verschreckt «ein Problem», als sei das neu für ihn. Dann machte er sich ohne Not lächerlich, indem er sich präventiv für angeblich unakzeptable Verhaltensweisen entschuldigte. Ohne den Hauch eines Belegs in der Hand zu haben.

Mit einer solchen Einstellung würde der Oberchefredaktor jeden hoffnungsvollen Anfänger hochkant aus der Probezeit feuern; begleitet von ein paar unfreundlichen Bemerkungen über völlige Inkompetenz. Das kann aber Arthur Rutishauser nicht passieren, weil auch der oberste Boss von Tamedia Pietro Supino in Betroffenheitsgesülze ausbrach, liebedienerisch anmerkte, dass auch er diese Vorwürfe sehr ernst nehme.

Da hilft nur eins …

Kostenloser Ratschlag Nummer zwei:

Das war kreuzfalsch, bescheuert. Hinter die Nummer kommt nun die Führungscrew schwer wieder zurück. Da hilft nur eins. Das gleiche Prinzip, wie wenn der Gast bemerkt, dass er sich beim Löffeln der Tomatensuppe Krawatte und Hemd bekleckert hat. Einfach so tun, als wär’ nichts und weitermachen.

Aber damit noch nicht genug des Elends. Eine Mitunterzeichnerin des Protestschreibens wird damit beauftragt, die Substanz der Vorwürfe zu überprüfen. Das ist ungefähr so, wie wenn man Donald Trump die Überprüfung der Vorwürfe gegen ihn überlassen würde. Nur umgekehrt. Denn entweder ist Claudia Blumer ein U-Boot der Verlagsleitung in der Frauengruppe, oder aber sie ist völlig ungeeignet, diese Untersuchung durchzuführen.

Ratschlag Nummer drei:

Das macht man so, wie’s jeder macht, der ernst genommen werden will. Das macht man so wie der Kita-Betreiber Globe Garden, der von der «Republik» mit anonymen Verleumdungen eingedeckt worden war. Das macht man so wie die «Bild»-Zeitung, deren Chefredaktor mit weiblichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Man beauftragt eine externe Untersuchung einer renommierten Firma, deren Reputation über jeden Zweifel erhaben ist.

Die Herausforderung für Tamedia: wie weiter?

Wie soll’s nun weitergehen? Sozusagen als verdächtige Umstände ist zu konstatieren: weder bei CH Media, noch bei Ringier, auch nicht bei der NZZ und noch nicht einmal bei der «Weltwoche» gab es ähnliche Protestbewegungen. Auch nicht beim Schweizer Farbfernsehen. Daraus sind ja nur zwei Schlussfolgerungen möglich. Entweder ist Tamedia der Sündenpfuhl, die Hölle auf Erden für weibliche Mitarbeiter, als Alleinstellungsmerkmal laufen nur dort männliche Neandertaler rum, keulenschwingend und immer für einen Übergriff zu haben.

Oder aber, das «strukturelle Problem», das die 72 Erstunterzeichner sehen wollen, existiert nur in ihrer Einbildung. Dient den Initiantinnen nur dazu, sich Kündigungsschutz zu verschaffen, weil sie journalistisch keine Bäume ausreissen. Dafür spricht auch, dass der Brief als interne Beschwerde angepriesen wurde, um dann kaltlächelnd an die Öffentlichkeit durchgereicht zu werden.

Letzter kostenlose Ratschlag:

Will die Führungscrew von Tamedia nicht völlig die Kontrolle über Teile der Belegschaft und das Arbeitsklima verlieren, muss sie sich zu mannhaften Entscheidungen aufraffen. Die Initiantinnen werden per sofort bis zum Ende der Untersuchung freigestellt. Sollte sich erweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorwürfe nicht verifizierbar ist, erfunden wurde oder aus dem letzten Jahrtausend stammt, dann müssen sie fristlos entlassen werden. Üble Nachrede, Geschäftsschädigung, Verstoss gegen Treu und Glauben, kein Arbeitsgericht würde das bestreiten wollen.

Die übrigen Unterzeichner hätten als nächstes eine öffentliche Entschuldigung zu unterzeichnen, so kämen sie mit einer strengen Abmahnung davon. Wer das nicht tut, dem wird ordentlich gekündigt.

Wir sind gespannt. Aber ab hier wären Ratschläge kostenpflichtig.

Deutsche Fixierung auf Hitler

Der grosse Kanton im Norden ist mit seiner braunen Vergangenheit noch lange nicht fertig. Was geht das die Schweiz an?

Wer deutsche Informations- und Dokumentationskanäle anschaut, wundert sich. Jeden Abend, aber wirklich jeden, läuft auf mindestens einem eine Dokumentation zu Adolf Hitler. Sein Aufstieg, sein Antisemitismus, seine Kriegsführung, seine Reden, wie er beim sogenannten «Röhm-Putsch» einen Konkurrenten aus dem Weg räumte. Der Holocaust, die SS, seine Helfershelfer, «Hitler privat», «Hitlers Krankheiten».

Daraus schliesst man, dass die Zeit zwischen 1918 und 1945 für Deutschland weiterhin sehr präsent ist. Angebräuntes schon lange wieder salonfähig, Desperados bei Neonazi-Organisationen ihren Sinn im Leben finden, immer wieder neue Blasen aus diesem braunen Sumpf aufsteigen. Wie dichtete Bertolt Brecht seherisch: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch».

Nicht nur in Deutschland, aber vor allem dort, streift jede Schlacht unter Kommentatoren früher oder später das Thema Drittes Reich. Einen erinnert die Debatte, und sei es um Nistplätze für Störche, an diese dunkle Zeit, Wörter werden auf ihre Verseuchung durch die Nazi-Propaganda abgeklopft, Haltungen, Gesinnungen als eindeutig faschistisch denunziert.

Kaum vergangene Vergangenheit

Mangelhafte Aufarbeitung, Kollektivschuld, eine skandalöse und weitgehend ungesühnte Durchseuchung der deutschen Richterschaft mit Nazis und bald einmal Ex-Nazis, NSDAP-Mitglieder aller Orten, die eine neue Karriere machten nach dem Zweiten Weltkrieg, abgesehen von einer Handvoll Prozesse, ein sehr pfleglicher Umgang mit Nazi-Verbrechern. Schliesslich legten die USA das Niveau der Doppelmoral fest, indem sie nicht nur Wernher von Braun, ein opportunistischer Charakterlump, um seiner Raketenkenntnisse willen zum Chefentwickler ihres eigenen Raumfahrtprogramms machten.

Natürlich gab es auch grössere braune Flecken in der Schweizer Vergangenheit, aber Juden an der Grenze abzuweisen, war dann doch nicht ganz das Gleiche wie sie zu Millionen in Todesfabriken umzubringen. Dennoch strotzen vor allem die Kopfblätter von Tamedia zunehmend von Berichten aus braunen Zeiten.

Fast 100 Treffer ergibt eine Stichwortsuche zum Begriff Hitler alleine in Tamedia in den letzten 12 Monaten. 6500 sind es, wenn man die Suche auf den deutschen Sprachraum erweitert. Nichts ist zu abgelegen, um nicht den Schweizer Leser darüber zu informieren. So verbreitet sich Alexandra Förderl-Schmid, stellvertretende Chefredaktorin der «Süddeutschen» in München, auch bei Tamedia über eine neue Hitler-Biografie. Als gebürtige Österreicherin ist sie sicherlich dazu qualifiziert.

Nach dem Sohn nun auch noch der Vater

Nur ist Adolf Hitler auch biografisch wirklich abgegrast, also gibt’s eine neue Biografie über seinen Vater Alois Hitler. Denn in einem Estrich sind doch tatsächlich 31 Briefe aufgetaucht, die Hitlers Vater an einen Bekannten schrieb. Endlich die Gelegenheit, Überraschung, auch ihn als Antisemiten und Judenhasser zu porträtieren. Nur: wie gross ist das Interesse des Schweizer Lesers?

Und wird das auch nicht erlahmen, wenn endlich die von vielen Deutschen herbeigesehnte Biografie von Hitlers Schäferhunden erscheint?

Man kann natürlich sagen, dass solche Artikel immer noch besser sind als ein neuerlicher Amoklauf von Philipp Loser. Auf der anderen Seite wiederspiegelt Tamedia nicht nur in Bezug auf die Vergangenheit deutsche Ansichten und Positionen. Nehmen wir den Hotspot im Mittleren Osten, den Iran und seine Atompolitik.

Deutsche Sicht auf die ganze Welt, in Schweizer Tageszeitungen

Hier versucht die Schweiz, eine neutrale, bzw. vermittelnde Position einzunehmen. Das sieht natürlich Paul-Anton Krüger von der «Süddeutschen» entschieden anders. Mit dem Oberlehrer-Zeigefinger, unverzichtbares Requisit für jeden deutschen Journalisten, schreibt er: «Deswegen ist es richtig, jetzt alles daranzusetzen, den Vertrag trotz seiner Unzulänglichkeiten zu erhalten. In anderen Fragen sollten USA und Europäer massiv Druck auf den Iran machen.» Schön, dass Krüger weiss, was richtig ist. Nur übersieht er vielleicht, dass «die Europäer», die sonst eine bemerkenswert inexistente Aussenpolitik pflegen, das vielleicht tun sollten. Da die Schweiz aber nicht zu «diesen Europäern» gehört, die Auslandberichterstattung von Tamedia grösstenteils zur «Süddeutschen»  …

Neben der Biografie über Hitlers Vater thematisiert Kurt Pelda die Zunahme «antisemitischer Zwischenfälle» in der Schweiz. So verächtlich auch jede Schmiererei oder jedes brunzdumme Grölen von Nazi-Parolen ist: Pipifax, im Vergleich dazu, was in Deutschland inzwischen die Regel ist. Erschwerend kommt hinzu: Der Spezialist für die arabische Welt weicht auf solche Themen aus, weil die grossartige Plattform-Zeitung von Tamedia von seinen dezidierten Ansichten zur Burka-Initiative nichts wissen will und lieber dem kenntnisfreien Unter-Klein-Co-Chefredaktor Mario Stäuble einen bemerkenswert dümmlichen Leitartikel schreiben lässt, wieso die Initiative abzulehnen sei.

Schweine, die Schwein gehabt haben

Keine Lichtblicke, mal was Positives? Aber sicher doch, obwohl man diesen Artikel als feine Spitze gegen gleich zwei Religionen sehen kann, die den Verzehr von Schweinefleisch untersagen:

Wo die Herkunft eines täuschend ähnlichen Artikels keine Rolle spielt.

Richtig, da steht ziemlich prominent «sponsored». Haben also die Schweine zusammengelegt? Nicht ganz:

Feiner Unterschied zu redaktionellem Inhalt.

Versteht jemand dieses Geplauder? Was ist denn Commercial Publishing, die «Unit für Content Marketing»? Geht das auch auf Deutsch? Kein Problem: das ist die Abteilung von Tamedia, die im Auftrag von Werbetreibenden Inserateinhalte so herstellt, dass sie möglichst ähnlich wie ein redaktioneller Beitrag daherkommen. So verdient Tamedia nicht nur an der Publizierung des Inserats, sondern schon an seiner Herstellung. Um damit – what else – den qualitativ hochstehenden redaktionellen Content bezahlen zu können.

Da lachen die Hühner und kichern die Schweine.