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Feuer frei auf die SVP

Ein Glanzstück der Demagogie aus dem Hause Tamedia.

Die Frontseite des «Tages-Anzeiger» vom Samstag war zweigeteilt. Zum einen die obligatorische Trauer über das Versagen der Fussball-Nati beim Penalty. Daneben aber ein Glanzstück rabiater Demagogie.

Wir holen tief Luft und regen uns mal furchtbar auf. Worüber? Darüber: «SVP-Politiker rufen dazu auf, gegen das BAG zu «schiessen»». Das der Aufmacher auf Seite eins, weiter hinten schrumpft es dann eine Idee:

«Er schrieb «Feuer frei!» gegen das BAG in Chat mit 100 Mitgliedern».

Aufruf der SVP zu Gewalt? Müssen BAG-Mitarbeiter unter Personenschutz gestellt werden? Ist’s in der Schweiz nun auch so weit wie in den USA? Muss demnächst mit einem Sturm auf das Bundeshaus gerechnet werden? Lassen führende Exponenten der SVP nun die Maske fallen, und das trotz Corona?

Könnte man meinen, aber es kann Entwarnung gegeben werden. Denn das ist alles reine Demagogie; zwei Tagi-Autoren, von denen zumindest einer einen Ruf zu verlieren hatte, blasen einen armen Frosch solange auf, bis der platzt. Konkret: Ein St. Galler SVP-Kantonsrat vermeldete in einem Telegramchat stolz, dass er mit dem SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker telefoniert habe. Thema: Die Forderung des BAG, alle Schüler regelmässig auf Corona testen zu lassen.

Die Formulierung des Anstosses zur Erregung

Dann wörtlich: «Stefan Kölliker sträubt sich und bat mich, über alle möglichen Kanäle gegen das BAG zu schiessen. In diesem Sinne: Feuer frei!»

Über die Schlauheit dieser Formulierung liesse sich sicher diskutieren, aber es steht hier nicht der IQ der beteiligten SVP-Politiker zur Debatte. Was macht nun der Tagi draus? Ein Lehrstück der hinterfotzigen Art. Das beginnt schon mit dem Artikeleinstieg:

«Es geschah am helllichten Tag, am Donnerstag zur Mittagszeit.»

Immerhin, ein wenig Bildung lassen die Autoren hier aufblitzen:

Was hat nun diese Verfilmung eines Dürrenmattstücks über einen Kindermörder mit diesem Spruch eines SVP-Politikers zu tun? Eigentlich nichts, aber das ist ja der Sinn von Demagogie. Assoziationsketten, Verbindungen herzustellen, wo eigentlich nichts ist. Eine Gewebe von Unterstellungen, Andeutungen, Bösartigkeiten zu knüpfen, um den politischen Gegner in die Pfanne zu hauen.

In diesem Sinne fahren die Autoren dieses Schmierenstücks, Thomas Knellwolf und Leo Eiholzer, fort: «Von dort fand die «Feuer frei!»-Aufforderung des Kantonsrats schnell Verbreitung im populären «Corona Rebellen Chat». Und sie wurde rege angesehen: bis Donnerstagabend rund 1900-mal.»

Von einem Spruch mit wenigen Handgriffen zu gewaltbereiten Rechtsradikalen

Mit einem schmutzigen Handgriff sind wir nun schon bei den «Corona Rebellen». Wer ist denn das? Der Chat «vereinigt Impfgegnerinnen und -skeptiker, zu denen man auch Bruno Dudli rechnen kann, mit Evangelikalen, Rechtsextremen und esoterisch angehauchten Globalisierungskritikern. Auf Telegram, dem verschlüsselten Messenger-Dienst, verbreiten sie Aufforderungen zum Widerstand gegen die Corona-Massnahmen, zum Teil mit absurden Theorien und manchmal auch mit Beschimpfung und Drohungen gegen Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft, Politik, Medien und Behörden. Viele tun dies anonym.»

Flugs kann man auch den Autor von «Feuer frei!» zu diesem bunten Haufen «zählen». So wie man offenbar jeden zu jeder Gruppe von Spinnern «zählen» kann, wenn die nur ein Zitat weiterverbreiten. Dass diese «Verbreitung rege angesehen» wurde, nämlich sagenhafte 1900 mal, zeugt entweder von völliger Unkenntnis – oder ist vielmehr eine weitere Verbiegung der Realität im Sinne der Demagogie.

Aber damit ist die Beweisführung natürlich noch nicht abgeschlossen. Von einer möglicherweise deplatzierten Formulierung sind wir bereits mitten im Sumpf von potenziell gewalttätigen Rechtsextremen. Dagegen geschnitten wird nun eine Warnung: «Die Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol), Nicoletta della Valle, hatte bereits Ende 2020 in einem Interview vor Hass in den sozialen Medien gewarnt.»

Hass, Drohungen:

««Für den Verfasser waren es nur Worte, aber ein anderer Chat-Teilnehmer schreitet zur Tat», sagte sie.»

Mit anderen Worten: SVP-Politiker fordern «Feuer frei!» aufs BAG, wer weiss, andere nehmen das beim Wort und beginnen zu schiessen.

Diese demagogische Spitzenleistung müsste unbedingt in Lehrbücher aufgenommen werden. Als Sahnehäubchen folgt natürlich noch die Konfrontation des Autors und des Regierungsrats mit diesem Spruch. «Am Donnerstagabend rechtfertigte Dudli am Telefon seine «Feuer frei!»-Aufforderung. Kurz danach schrieb er aber: «Hiermit untersage ich jegliche Zitierung/ Verwendung/Verbreitung.»»

Wunderbar, freuen sich die Demagogen, nun eiert der überforderte Provinzpolitiker noch rum. Souveräner reagiert der SVP-Regierungsrat, aber auch ihm kann man vorwerfen: «Stefan Kölliker will sich vom «Feuer frei!»-Post, der in seinem Namen verschickt wurde, nicht distanzieren.»

Mit Steinen aus dem Glashaus werfen …

Das hat nun null und nichts mit aufklärender Berichterstattung zu tun. Das ist schäbigster Gesinnungsjournalismus. Schlimmer noch: das ist mit Steinen aus dem Glashaus an der Zürcher Werdstrasse werfen. Denn im gleichen Haus wütet bekanntlich die Corona-Kreische Marc Brupbacher. Der lässt keine Gelegenheit aus, Regierungsverantwortliche auf das Übelste zu beschimpfen, im Diskant Tod und Teufel an die Wand zu malen, ständig neue Verschwörungstheorien und ungehemmte Rechthaberei zu verbreiten.

Ein amtlich zertifizierter Amok und Verschwörungstheoretiker. Na und, der darf das.

Im Gegensatz zu diesem SVP-Politiker hält er es zudem nicht für nötig, auf entsprechende Fragen oder die Möglichkeit zur Stellungnahme auch nur zu reagieren. Auch Arthur Rutishauser mag nichts dazu sagen, ob er es mit einer führenden Position in seiner Redaktion für vereinbar hält, Sottisen, Verleumdungen, Beschimpfungen und auf den Zehenspitzen gekrähten Unsinn zu verbreiten.

Aber he, Brupbacher gehört sicherlich nicht der SVP an, der darf das.

Rammstein: Aufruf zur Gewalt?

Ein «Blick»-Titel und seine Geschichte

Fünfte Lieferung. Hier werden Fundstücke obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Diesmal Rezykeltes.

Seit der «Blick» ein Regenrohr im Titel hat, ist es ihm wohl bewusst geworden, dass da ja eigentlich auch immer das gleiche Wasser durchfliesst. Wieso diese Erkenntnis nicht auf die Titelei anwenden. Ist sowieso immer so mühsam. Copy/paste, dann bis zur Unverständlichkeit kürzen. Ist es ein grosses Thema, noch das Interview mit dem Experten dazustellen («es könnte ohne weiteres sein, vorausgesetzt, dass, wenn nicht …»), irgendein Foto aus dem Fundus, voilà. Aber, verflixt, ein Titel muss ja auch noch drüber.

Früher, ja früher machte das der sogenannte Produzent, und der Artikel selbst kam auch noch ins Rewrite, wurde also von holperig-unlesbar in geglättet knapp lesbar verwandelt. Aber eben, das waren noch Zeiten.

Nun hat das Regenrohr den gleichen Titel mehrfach in die Tonne getreten. Schliesslich: wenn man mal einen hat, kann man den doch immer wieder ins Regenrohr giessen. Über die ersten zwei Versuche berichteten wir bereits:

Echter Nutzwert mit «Blick»

Problem gelöst. Passt der Artikel nicht zum Titel, muss einer von beiden weichen. Artikel umfangreich und schwierig, Titel leicht und einfach. Klare Sache.

Titel gut, Foto gut, nur: Text passt nicht. Also Text bleibt, Foto bleibt, Titel muss weichen.

Aber Titel halt doch gut, deshalb rezykelt, kann man doch immer wieder brauchen. Vor allem, da man ja auch immer wieder die gleiche Sauce in Bytes verwandelt.

Neues Foto, alter Titel. Alter Text, neu gesprochen. Endlich ist der «B∫ick» auf den Geschmack gekommen. Restaurants (das waren mal so Gaststätten, wo man sich nicht nur draussen den Hintern abfrieren musste) haben das schon lange gemacht. Menü eins bis drei, inzwischen auch vegi, vegan, laktosefrei.

Bedarf abschätzen, nach dem Mittagsservice Übriggebliebens abends etwas aufgebrezelt nochmal servieren. Bleibt immer noch was, dann kommt in die Schweinetonne, was vom Tisch zurückgeht. Aber der Rest wird gewolft, geschnetzelt, geschnitzelt, in einen grossen Topf geworfen. Dann wird entweder eine Suppe oder ein Fonds draus. Denn wegschmeissen, das wäre eine Schande. So sieht’s der «Blick» inzwischen auch.

Nun, von einer ewig rezyklierten Botschaft müssen wir Abschied nehmen. Langsam, damit der Trennungsschmerz uns nicht übermannt:

Aber mit dem Sternchenuntergang will es Müller natürlich nicht bewenden lassen:

Mit dieser Frage gibt Salome Müller natürlich einen feinen Hinweis auf die eigentlichen Gründe ihrer «Kündigung». Nicht nur die vergeblich kritisierte Machodröhnung auf allen Tamedia-Redaktionen hat ihr den Dutt gelupft. Tief im Mai stellt der sparsame Arbeitgeber garantiert die Heizung ab. Und da wegen Home Office nur noch wenige im Glashaus an der Werdstrasse sitzen, heizen auch die Compis nicht wirklich. Also ist es garantiert unter 21 Grad, und diese Schwelle ist bekanntlich als sexistisches Attentat auf die Motivation und Produktivität der Frau enttarnt.

Damen werden dämlich, Herren herrlich

Während durch Bibbern Frauen zusätzlich dämlich werden, ziehen sich harte Männer die Handschuhe an und schreiben herrliche Texte. Allerdings, beim Tagi und so wird die Atmosphäre sicherlich noch künstlich erwärmt. Mit den üblichen Schweinesprüchen. «Darf ich deine Wolldecke sein?» –

«Ich liebe kalte Füsse.»

«Wenn ich dir in den Nacken blase, wird’s dir gleich heiss.» – «Stell dich nicht so an, der Griff auf deinen Kratzpullover war auch für mich enttäuschend.»

Nun, eine starke Stimme des Protests dagegen wird bald verstummen. Werden wir an dem Tag, an dem Müller geht, wenigstens ein gemeinsames BH-Verbrennen der zurückgebliebenen Tamedia-Journalistinnen erleben dürfen? Aber Autopsien können sich leider nie auf Zukünftiges beziehen. Allerdings, wenn man schon vorher weiss, woran der Patient sterben wird …

Abgang eines Gender-Sternchens

Das trifft uns: Salome Müller hat bei Tamedia gekündigt. Ist sie Opfer?

Via persoenlich.com teilte die Redaktorin des «Tages-Anzeigers» mit, dass sie per Ende Juli ihre Kündigung eingereicht habe.

Müller wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil sie die Mitinitiatorin eines Protestschreibens ist, in dem sich anfänglich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia über unerträgliche Arbeitsbedingungen beklagten. Frauen würden sexistisch behandelt, diskriminiert, seien dummen Anmachsprüchen ausgesetzt, würden durch diese Atmosphäre demotiviert.

Liebe Leserinnen* ist vorbei.

Am 1. Mai war das Ultimatum abgelaufen, das im Brief gesetzt worden war. Bis zu diesem Zeitpunkt wollten die Unterzeichner eine Antwort auf ihre Forderungen bekommen. Offensichtlich ist aber bislang nichts passiert. «Der Brief hat viel Gutes ausgelöst – wir fühlen uns gehört und ernstgenommen. Bei meiner Kündigung spielte der Brief keine Rolle», behauptet Salome Müller.

Das wagen wir zu bezweifeln. Der Brief hat bislang überhaupt nichts ausgelöst. Im Gegenteil, weil er von rund 60 anonymisierten Vorwürfen begleitet war, kündigte Tamedia zuerst eine interne, dann eine externe Untersuchung dieser angeblichen Vorfälle an.

Statt intern öffentlich meckern

Weil das eigentlich für den internen Gebrauch gedachte Schreiben via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gebracht wurde, erhob sich schnell einmal die Frage, ob sich damit zumindest die beiden Initiantinnen arbeitsrechtliche Probleme eingehandelt haben könnten. Denn dafür, dass der Arbeitnehmer auf der Payroll steht, hat er nicht nur die Verpflichtung, gewisse Leistungen zu erbringen, sondern auch sich an ein paar Regeln dem Arbeitgeber gegenüber zu halten. Ihn öffentlich und ohne jeden Beleg übel zu beschimpfen, das gehört nicht dazu.

Nachdem sich Müller, zusammen mit ihrer Kollegin Aleksandra Hiltmann, kurzeitigen Ruhm bis hin zu einem Auftritt in «10 vor 10» verschafft hatte, aber danach abtauchte, auf keine Anfrage reagierte, mehren sich die kritischen Stimmen, welchen Zweck eigentlich diese ganze Aktion gehabt habe.

Insbesondere löste Stirnrunzeln aus, dass von den Protagonisten dieses Protests behauptet wurde, dass sie ein in der ganzen Medienbranche vorhandenes Malaise ansprechen würden. Nur, bei keinem anderen Verlag kam es zu ähnlichen Protesten.

Alle Unterzeichner weigerten sich ebenfalls, auf höflich formulierte Fragenkataloge zu antworten, was nun doch etwas schwach ist. Die zuerst mit der Untersuchung beauftragte Mitunterzeichnerin Claudia Blumer sagte sogar, dass sie persönlich niemals solche Vorfälle erlebt habe, mehr aus Solidarität unterzeichnete.

Geschmäckle, Hautgout, Es stinkt einfach

All das gibt der ganzen Aktion einen zunehmenden Hautgout. Mitarbeiterinnen damit ködern, dass sie ein internes Protestschreiben, gerichtet an die Geschäftsleitung, unterzeichnen würden. Das fast gleichzeitig an die Medien eingespeist wurde, zudem mit einem nicht gerade vertrauenserweckenden Absender.

Offensichtlich wurden viele der Unterzeichner nicht einmal gefragt, ob sie damit einverstanden seien. Dann holten sich Hiltmann und Müller ihre 15 Sekunden Ruhm ab, verstummten aber anschliessend völlig. Ob Müller tatsächlich ohne Zusammenhang mit diesem Schreiben geht, wie freiwillig ihr Abgang ist, das wird wohl nicht herauszufinden sein.

Dass die meisten der übrigen Unterzeichner das als Fahnenflucht empfinden, von jemandem, der ihnen diese Suppe zuerst eingebrockt hat, ist offenkundig. Was dieses Verhalten mit weiblicher Solidarität, mit einer Kampfansage, mit dem Widerstand gegen angeblich unerträgliche Zustände zu tun hat, bleibt unerfindlich. Von vielen Eigenschaften, die Müller zuvorderst einfordert – bei anderen, natürlich –, ist hier weit und breit nichts zu sehen.

Hilfe, mein Papagei onaniert VIII

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute: weniger Kontrolle, mehr Stuss.

 

Fragen hat der Tagi …

Ein Astronaut, ein Raumfahrtkenner. Mehr braucht es nicht, um einen Raketenabsturz zu erklären. Besonders gespannt ist der Laie auf die Beantwortung der Frage, was denn ein «missglückter Raketenabsturz» sein mag. Aber noch wichtiger: was ist dann ein geglückter Absturz?

 

Echter Nutzwert mit «Blick»

Die einzige Zeitung mit Regenrohr im Titel ging der Frage nach, wie gespart werden kann. Reporter und Wirtschaftsspezialist Marc Iseli recherchierte gnadenlos. Fand aber heraus, dass er nichts herausfand. Nun gäbe es drei Möglichkeiten. Die Story wird gespült, war nix. Iseli wird nochmal losgeschickt. Oder aber, Variante drei:

Problem gelöst. Passt der Artikel nicht zum Titel, muss einer von beiden weichen. Artikel umfangreich und schwierig, Titel leicht und einfach. Klare Sache.

Auch die NZZ …

Das Blatt der tiefen Nachdenke und der zurückhaltenden Sprache, das gerne ein Erdbeben als tektonische Verwerfung bezeichnen möchte, wird doch langsam lockerer im Gelenk. Und schreibt über die Verwendung des «N-Worts» in den USA: «Wer als Weisser «Nigger» sagt, ist erledigt.» In der schwarzen Hip-Hop-Szene werde das «explosivste Wort Amerikas» aber «geradezu obsessiv» verwendet. Was soll da der arme «Black lives matter»-Unterstützer in der Schweiz damit anfangen? Der hat «Nigger» gesagt, dieser Rassist, Unmensch, Hetzer. Oh, es handelt sich um einen schwarzen Hip-Hop-Performer? Ähm, dann ist es eine offensive Aneignung, um ein Schimpfwort zu entwaffnen. Oder so.

Rechtzeitig zum Muttertag macht sich die NZZ für diesen Begriff stark. Muss sie das? Aber sicher, denn wenn der Sprachreinigungswahnsinn endemisch wird, dann ist nichts mehr vor ihm sicher. Nicht mal Mama.

 

Sprachschule mit «20 Minuten»

Die gute Nachricht ist: Dieser Donnerstag war doch eher ereignisarm. Abgesehen davon, dass «exklusive Nacktfotos» geleakt wurden. Immerhin waren es diesmal keine Geschäftsgeheimnisse. Und die Bestohlene reagiert auch cool:

Zumindest ZACKBUM lernt ein neues Wort, das wir aber auch gleich wieder vergessen wollen.

Hier die neuste Fortsetzung bei «watson»

Nach all den Serien mit «-Porn» am Schluss, ist man hierfür natürlich dankbar:

So cute das auch sein mag (schnell Hand hoch: wer versteht den Begriff? Aha, und wie viele verstehen ihn, wenn wir uns den «watson»-Leser vorstellen? Aha), was ist hier schon wieder der Newswert? Der Nutzwert? Überhaupt ein Wert? Ach so, «watson» ist gratis, stimmt.

Nach «watson» kann nur noch die «Republik» kommen

Wir sind ja verständig und geben eins ums andere Mal zu, dass 50 Nasen und 6 Kisten im Jahr viel zu knapp dafür sind, jeden Tag wie versprochen drei Artikel rauszuhauen. Oder wenn, dann kann das natürlich nicht alles die Redaktion leisten. Glücklicherweise gibt es genügend Gastautoren, die gerne in die klaffenden Lücken springen.

Hier sehen wir ein idealtypisches Zusammentreffen für das Online-Magazin. Das rasend spannende Thema «Muttertag». Das einen jedes Jahr aufs Neue aus dem Hinterhalt anspringt. Ein Gastautor (rechts unten im Bild), der nostalgisch 50 Jahre zurückgeht (als das Frauenstimmrecht endlich eingeführt wurde!). Das nennt man dann «persönlicher Essay». Persönlich mag’s ja sein, aber Essay? Die Bemerkung «heiss heute», bezeichnet man wohl auch nicht als meteorologische Analyse.

Aber völlig unakzeptabel ist: Der Schreibende, also der/die/das Autor*In** ist ein Mann. Roland Jurczok ist sein Name, er soll «zu den Spoken-Word-Pionieren der Schweiz» gehören. Schon wieder ein literarischer Muskel, der ZACKBUM völlig entgangen ist. Bislang. Was wir aber weiterhin so halten wollen. Denn für das Lesen einer schnarchlangweiligen Beschreibung eines Besuchs bei Mama ist das Leben eigentlich zu kurz. Obwohl der Essay mit 13’561 Anschlägen geradezu ein Kurzsprint ist.

Blöd, blöder, Community

Der Leser, das scheue Reh, wird mit allen Mitteln gejagt. Unfair, billig, verlogen? Na und?

Jeder Werber weiss: ein Produkt überzeugt schon lange nicht mehr mit seinen Qualitäten. Noch ein Waschmittel? Gähn. Noch ein Energy-Drink? Schnarch. Noch ein «vergessen Sie alles, was Sie bisher, Blabla, die ultimativen Tipps, damit Sie Blüblü?» Tiefschlaf.

Die Produktwerbung hat langsam damit aufgehört, mit emotionalen Übertragungen oder unglaubwürdigen Verbindungen zu arbeiten. Fährst du diese Automarke, legst du alle Girls flach. Rauchst du diese Zigarette, bist du so männlich wie ein Cowboy. Kaufst du diese Fertig-Pizza, setzt sich an deinen Tisch eine fröhliche Runde, die dich bewundert. Usw., auf allen Ebenen durchdekliniert.

Dabei gibt es nur ein Problem: wenn sich Realität und Werbewelt zu sehr unterscheiden, dann wird der Konsument irgendwann sauer. Ständig die neuste Karre gekauft. Aber weder ist der Nachbar neidisch oder zumindest bewundernd, noch knicken reihenweise Frauen ein, wenn der stolze Besitzer den Auspuff röhren lässt. Dass die Gattin unbeeindruckt sagt: «tja, die Ersatzsymbole für versiegende Potenz, traurig», hilft auch nicht wirklich.

Nachdem das alles jahrzehntelang durchgenudelt wurde, erfinden die Medien dieses Rad nochmal neu. Der Leserreporter war früher, heute ist «Community». Was das ist? Gemeinschaft, du bist Teil von etwas Grösserem, du bist nicht allein. Es gibt auch noch andere, die unter Fussschweiss leiden, mach dir nichts draus. Das ist die Idee. Die Umsetzung?

Die Idee ist klar, wie setzt man sie um?

Nun, das einzige Boulevardorgan auf der Welt, das sich ein Regenabflussrohr in seinen Titel mechen liess und nicht einmal merkte, dass es für viel Geld verarscht wurde, sieht das so: «Würdest du die Ex-Freundin deines Kollegen daten?» Mit dieser tiefschürfenden, noch nie endgültig beantworteten Frage überfällt «Blick» seine «Communitiy».

Wie man in diesen erlauchten Kreis kommt? Na, indem man eine ganze Menge persönlicher Daten bekannt gibt, wie denn sonst? Danach wird man mit folgender Ausgangslage beglückt: Du hast dich in eine Ex verguckt, aber:  «Wäre da nicht dieser Kollege oder diese Kollegin, der oder die dir das nie verzeihen würde, wenn du etwas mit seiner Ex-Freundin oder ihrem Ex-Freund anfängst.»

Um dieses «Dilemma» zu begründen, muss der «Blick» sehr weit in die Zeiten zurückgreifen, als der Sieger einer Schlägerei das Weibchen über die Schulter werfen und begatten durfte:

«Wir alle kennen den Freundschaftskodex: Die Ex-Partner und Ex-Partnerinnen der Freunde und Freundinnen sind eigentlich tabu – eigentlich.»

Also häufig sind nicht einmal die aktuellen Partner tabu, aber lassen wir das.  Was kann nun ein Mitglied der «Blick-Community» tun? Na, zuerst einmal «voten», das ist er von den Social Media gewohnt, Daumen rauf oder runter, retweeten oder nicht, und so weiter.

Wer in der Lage ist, ein paar Buchstaben hintereinander zu setzen, ohne sich völlig lächerlich zu machen, darf dann auch seine Wahl «in der Diskussion unten begründen». Natürlich ist diese Form, um Leser ans Medium zu binden, weder neu, noch originell. Nun wissen die Medienhäuser aus bitteren Erfahrungen, dass schon der ungehemmte Kommentarschreiber ein gewaltiges Risiko darstellt.

Aufbau einer Gemeinschaft mit dem Leser

Aber seitdem der Begriff «Leser-Blattbindung» seinen unseligen Siegeszug antrat, geben selbst sonst einigermassen zurechungsfähige Medienhäuser Unsummen für «community building» aus. Absurde Bemühungen, so sucht «Die Zeit» seit Jahren nach «Freunden». Leserreisen, Begegnungen mit wichtigen Zeitungsmachern, selbst die Kaffeemaschine oder die Wärmedecke haben nicht ausgedient.

Wie immer springen immer mehr Medienhäuser auf den Trend. Wir liefern immer weniger Content und erhöhen dafür die Preise, das geht im Kapitalismus nicht. Das ist so blöd wie die Corn-Flakes-Packung, die auf den Kopf gestellt beweist, dass sie aus einem Drittel Luft besteht.

Aber bei Corn Flakes war das eigentlich immer so, bei Medien ist das neu. Aber bei all diesem Community Building übersehen die wohlbezahlten Medienmanager mal wieder die Basics ihrer Branche: content is king. Alles andere ist Firlefanz. Aber damit geraten sie in drei Schusslinien. Gleichzeitig.

Die privaten Besitzer der  grossen Medienkonzerne in der Schweiz sind gerne bereit, mit herzerweichenden Gejammer Staatssubventionen zu erbetteln. Dieselben Besitzer denken nicht im Traum daran, auch nur einen Rappen der über die Jahrzehnte aufgehäuften Multimillionen in Zeiten der Krise zu reinvestieren.

Auch die wohlbezahlten Manager jammern, fallen auf jeden neuen Quark wie Community rein und werden nur eher schweigsam, wenn man die ständig sinken Auflage- und Einnahmezahlen abfragt. Was tun, Auswege, neue Ideen? Ach, lieber die Kaffeefahrt mit modernen Mitteln wiederholen.

Prüfungsfrei Kantonsrätin

Diese sieben Damen wirken bei der Herstellung unsere Gesetze mit. Au weia.

Einen Tagi-Artikel gelesen. Ihn nicht verstanden. Null Informationen eingeholt, wie sinnvoll es ist, Zahlen auf Kantonsebene herunterzubrechen. Bei 81 verurteilten Vergewaltigern – schweizweit. Und zu diesem Unsinn noch 7 dumme Fragen hinzugestellt. Offensichtlich gibt es im Kantonsparlament keine Geschwindigkeitsbeschränkung für rasende Dummheit. Das muss man in voller Länge sehen – und aushalten. Wir haben uns gestattet, im Anschluss die Antworten des Regierungsrats vorwegzunehmen – und erheben kein Copyright darauf.

Zürich, Rüti, Gossau und Winterthur, 19. April 2021

ANFRAGE von Silvia Rigoni (Grüne, Zürich), Judith Anna Stofer (AL, Zürich), Pia Ackermann, (SP, Zürich), Andrea Gisler (GLP, Gossau),

Barbara Günthard Fitze (EVP, Winterthur), Angie Romero (FDP, Zürich) und Yvonne Bürgin (Die Mitte, Rüti)

betreffend Grosser Verbesserungsbedarf für Opfer von Sexualdelikten ________________________________________________________________________

Eine Untersuchung der ZHAW zeigt auf, dass grosse Unterschiede zwischen den Kantonen im Umgang mit mutmasslichen Vergewaltigungen bestehen (Tages-Anzeiger vom 17. April 2021). Während im Kanton Waadt 61 Prozent der mutmasslichen Täter verurteilt wurden, sind es im Kanton Zürich lediglich 7,4 Prozent. Auffällig ist, dass im Kanton Zürich von den angezeigten Vergewaltigungen vergleichsweise sehr wenige zu einer Anklage führten. Rund 80 Prozent der Verfahren werden von der Staatsanwaltschaft mit einer Einstellungsverfü- gung beendet.

Im Kanton Bern können sich Opfer von Sexualdelikten an der Frauenklinik von Spezialistinnen und Spezialisten untersuchen lassen. So können Beweise gesichert werden und es wird eine rechtsmedizinische Dokumentation erstellt. Im Kanton Waadt verfügt das Universitätsspital Lausanne über eine eigene Abteilung für Gewaltmedizin, in fünf weiteren Spitälern im Kanton Waadt können sich Opfer von Sexualdelikten von Spezialistinnen und Spezialisten umfassend rechtsmedizinisch untersuchen lassen. Der Kanton Waadt übernimmt dabei die Kosten. In seiner Antwort auf die Anfrage KR-Nr. 372/2018 berichtet der Zürcher Regierungsrat von verschiedenen Untersuchungsorten und jeweils fallspezifisch hinzugezogenem Personal.

Es scheint, dass es im Kanton Zürich einen grossen Verbesserungsbedarf im Umgang mit Opfern von Sexualdelikten gibt. Es gibt klare Hinweise dafür, dass die Strafverfolgung im Kanton Zürich nicht optimal verläuft. Auf Nachfragen des Tages-Anzeigers konnten weder die Justizdirektion, die Oberstaatsanwaltschaft noch das Obergericht zu den beunruhigenden Ergebnissen Auskunft geben. Offenbar fehlt eine systematische und koordinierte Datenerhebung, welche Erklärungen zu diesen Unterschieden liefern kann.

Wir bitten den Regierungsrat um die Beantwortung folgender Fragen:

  1. Teilt der Regierungsrat die Kritik, dass Vergewaltigungen zu oft straffrei bleiben? Was gedenkt er dagegen zu tun?
  2. Welche Daten stehen im Kanton Zürich zu Vergewaltigung, Schändung und sexueller Nötigung zur Verfügung?
  3. Gibt es Erklärungen, warum rund 80 Prozent der Fälle von der Staatsanwaltschaft eingestellt werden?
  4. Was sind die Gründe dafür, dass die Verurteilungsquote im Kanton Zürich so tief ist?
  5. Was wurde in den letzten Jahren bei der Einvernahme und Untersuchung der Opfer verbessert? Sind weitere Verbesserungen geplant?
  6. Was wurde seitens der Strafverfolgung in den letzten Jahren unternommen, um die Anzeigequote zu erhöhen? Was hat die Staatsanwaltschaft in den letzten Jahren gemacht, um die Zahl der Anklagen vor Gericht in Fällen von Vergewaltigung zu erhöhen? Welche weiteren Massnahmen sind noch geplant, respektive nötig?
  7. Wie stellt sich der Regierungsrat zu der Aussage von Brigit Rösli, Rechtsanwältin in vielen Sexualdelikten, dass im Kanton Waadt die Behörden die Aussagen der Frauen offenbar als glaubhafter einstufen als im Kanton Zürich?

  • Da muss sich der Regierungsrat kurz schütteln, etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzen und zur Antwort schreiten:
  1. Der Regierungsrat hält sich an die Gewaltenteilung, weshalb er diese Frage nicht beantworten kann. Er fragt sich aber, ob die Anfragerinnen das Prinzip der Gewaltenteilung verstanden haben.

  2. Über die genauen Zahlen geben die Jahresberichte der Gerichte Bescheid, die dem Kantonsrat jedes Jahr vorgelegt werden.

  3. Die Staatsanwaltschaften stellen Untersuchungen nach genauer Abklärung dann ein, wenn sich eine Straftat nicht nachweisen lässt.

  4. Die Verurteilungsquote bemisst sich an der Zahl zur Untersuchung gelangenden Fällen und deren Erledigung. Je höher die Anzahl nachgewiesener Fälle, desto höher die Zahl Fälle, die ans Gericht gelangen. Wie die Gerichte urteilen, kann der Regierungsrat nicht beantworten. Er kann sie aufgrund der Gewaltenteilung auch nicht beeinflussen. Er fragt sich aber, ob die Anfragerinnen das Prinzip der Gewaltenteilung verstanden haben.

  5. Die Staatsanwaltschaften bilden sich ständig weiter und verbessern so ihre Arbeit. In zivilisierten Ländern macht man das so.

  6. Der Regierungsrat kann die Anzahl der Anzeigen nicht erhöhen. Ziel der Staatsanwaltschaften ist es nicht, die Gefängnisse zu füllen, sondern mutmassliche Straftaten zu klären und dabei belastendes wie entlastendes Material zu sammeln um daraus schliessen zu können, ob Anklage erhoben werden kann. Die Bestrafung obliegt dem Gericht.

  7. Wer ist Brigit Rösli?

 

Das ist keine Realsatire. Das ist satirische Realität; nur ernstgemeint.

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan …

Zürich soll mohrenfrei werden. Und das sei gut so, findet der Tagi. Immerhin mal kein Genderthema.

Thomas Morus hätte das nicht lustig gefunden. Hä? Nein, ein kleiner Scherz. Denn die Sache ist ernst. Etwa nicht gewusst? Im Zürcher Stadtbild tobt weiterhin der Rassismus. Es kann doch nicht sein, dass es gelungen ist, endlich den Mohrenkopf zu vertilgen (also den Namen, wobei, es gibt da noch Widerstandsnester). Aber dass andererseits noch Inschriften an Zürcher Häusern prangen wie «Zum Mohrentanz» oder gar schlichtweg «Mohr», das geht natürlich nicht.

Das ist zwar eine dumpfbackige Meinung, aber immerhin eine klare. Edgar Schuler vom «Tages-Anzeiger» muss sich mit Salome Müller den Dienst am Tagi-Newsletter teilen. Das entschuldigt aber nicht alles. Denn er mäandert sich durch dieses Minenfeld, als wäre er eine Schlange, die plötzlich ihren eigenen Schwanz vor sich sieht.

Er finde es gut, dass es harsche Reaktionen auf den Beschluss des Stadtrats gebe, solche Schweinereien zumindest an städtischen Liegenschaften nicht mehr zu tolerieren. Aber: «Gut, hat sich die Stadt zu diesem Schritt entschlossen». Es ist zwar nur ein Trippelschritt für Zürich, aber ein grosser Schritt für alle, die sich tatsächlich vom Wort Mohr diskriminiert fühlen.

Es wird wieder einmal ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt

Deshalb schreibt der Tagi, Überraschung, mal wieder von einem «Zeichen», das hier gesetzt werde. Ein Zeichen gegen und ein Zeichen für, logo. Der Sprachforscher Schuler weiss in seinem Kommentar:

«Aber der «Mohr» ist auch nicht mehr das unschuldige Wort, das es in den Ohren vieler einmal war. Der Begriff ist schlicht und einfach aus der Zeit gefallen. Er gilt heute zu Recht als rassistisch. Es gibt Betroffene, die sich zu Recht daran stören.»

Das war’s für dich, will Schuler gerne der sardischen Flagge sagen.

Allerdings: Mehr Unsinn kann man nicht in einen kurzen Absatz packen. Was soll am Wort «Mohr» jemals unschuldig gewesen sein? Es ist ein uraltes Wort, schon im Althochdeutschen, ja im Griechischen nachweisbar. Einfach für einen Bewohner Mauretaniens, Marokkos oder Äthiopiens.

Also für Mauren, wie die lateinisierte Form lautet. Für Spanier sind «los moros» die arabischen Eroberer Spaniens, unter deren Herrschaft ein gewaltiger kultureller Aufschwung erfolgte, bis sich das Leichentuch der christlichen Inquisition nach der Rückeroberung über das Land legte.

Auch die Sarden empfinden den Mohrenkopf in ihrem Wappen weder als aus der Zeit gefallen, noch rassistisch. So gelte er auch nur, schreibt Schuler vorsichtig, denn er hat wohl etwas gegoogelt und musste feststellen, dass diese heutzutage tödliche Anschuldigung keineswegs allgemein akzeptiert wird. Auch ausserhalb von rassistischen Kreisen nicht. Aber dieser Unsicherheit begegnet er mit einem doppelten «zu Recht». Die dümmste Leerformel einer Verstärkung.

Die einen stören sich an diesem, die anderen an jenem

Und wenn es Betroffene geben sollte, die sich daran stören: Wie steht es dann mit den Betroffenen, die sich daran stören, wenn dieser schöne, alte Begriff verschwindet? Es geht ja nicht darum, ein «Heil Hitler» von der Mauer zu kratzen. Oder sollte nicht auch die Plakette am Haus, in dem Lenin wohnte, ergänzt werden durch einige Hinweise auf die Auswirkungen seiner Revolution?

Noch übler treiben’s die Korsen mit ihrer Flagge.

Das ständige Umschreiben und Reinigen der Geschichte ist ein typisches Merkmal für totalitäre Staaten. Oder die Kirche. Nur solche Gebilde wollen nicht nur die Gegenwart und die Zukunft beherrschen, sondern auch die Vergangenheit. Die ist zwar leider vergangen, aber wie sie gesehen wird, das lässt sich doch wohl ändern.

Normalerweise tut das der Herrscher, der Diktator, die Partei, die Führungsspitze, unterstützt von den üblichen nützlichen Idioten, die selbst die absurdesten Begründungen erfinden, wieso ein Sieg plötzlich eine Niederlage war, ein wichtiger, aber in Ungnade gefallener Führer einfach aufhört zu existieren.

Das ist keine Geschichtsklitterung; so wurde der Mohrenkopf auch verwendet.

Hier in der Schweiz ist der Mohrenkopf zu einem Jekami geworden. Basler Gugge wie «Negro-Rhygass» oder alle, die irgendwie ein an Mohren erinnernde Sujets verwenden, wurden als ausgemachte Rassisten enttarnt. Von all den Lokalen, Orten, Gebäuden, die aus irgendwelchen teilweise längst vergessenen Gründen das Wort Mohr verwenden, ganz zu schweigen.

Mit «Rassismus!» erobert man locker die Meinungshoheit

In Zürich soll das «Kollektiv Vo Da» eine wichtige Rolle bei der «Sensibilisierung» gespielt haben: «Wir sind ein Kollektiv von Menschen vo da, die eines Tages beschlossen haben, sich zusammen zu tun,

um die Themen Diskriminierung und Rassismus gemeinsam öffentlich anzusprechen.»

Das ist lobenswert. Aber, mit Verlaub, soll man von solchen Meinungsträgern eines «Kollektivs», von einer völlig ahistorischen Stadtpräsidentin solche Eingriffe, Übergriffe einfach akzeptieren? Meinungsbildung durch öffentlichen Druck und unfundiertes Geschrei ohne geschichtliche Kenntnisse? Dem Zeitgeist geschuldet; wer weiss denn, welche Begriffe in 100 Jahren getilgt werden müssen?

Ich bin ein Berliner. Aber nicht so einer

Echt jetzt? Darf ich mich als gebürtiger Berliner nun auch dafür einsetzen, dass die Verwendung dieses stolzen Namens für eine zuckrige, mit Marmelade gefüllte, in Fett ausgebackene Kalorienbombe verboten werden muss?

Müsste klappen, denn wenn ich mich davon diskriminiert fühle, gilt das etwa weniger, nur weil ich ein älterer, weisser Mann bin? Es gibt schliesslich Ersatz; Krapfen zum Beispiel. Da ich keinen Zusammenhang zwischen mir und einem Krapfen sehe, kann man das mal machen. Vorläufig. Frau Stadtpräsidentin, kümmern Sie sich drum! Ich bin auch vo da und Stadtzürcher Bürger.

Der Realität wird’s blümerant Teil 1

Wie Claudia Blumer sich von einem Mann einseifen liess und eine Mutter in die Pfanne haute. Aus nicht ganz uneigennützigen Motiven.

«Tobender Mann beisst Polizisten ins Bein». So titelte der «Tages-Anzeiger» am 26. Dezember 2013. Eine Polizeipatrouille war wegen eines Ehestreits gerufen worden. Während die «gewaltbetroffene Ehefrau»* vor der Wohnungstüre wartete, griff der Ehemann* drinnen die Polizisten zuerst mit einem Besenstiel an, dann biss er einen in den Oberschenkel. Das alles vor den Augen seiner beiden Kinder.

Ausriss aus dem Tagi vom 26. Dezember 2013.

Resultat: zwei Polizisten in ärztlicher Behandlung, ein Ehemann 24 Stunden im Knast. Später wurde er wegen Gewalt gegen Beamte verurteilt. Wegen häuslicher Gewalt nur deswegen nicht, weil seine Frau ihre Anzeige zurückzog.

Der Vorfall schaffte es sogar bis zur Agentur SDA.

«Ein Leben ohne die eigenen Kinder», so sülzte am 1. Juli 2019 die Tagi-Journalistin Claudia Blumer. Sie beschreibt das tragische Schicksal eines Vaters, dem seine Kinder durch ihre Mutter entfremdet wurden – bis er sie nicht mehr sehen durfte. Der liebende Vater ist verzweifelt und untröstlich.

Seiner Ehe entsprossen zwei Kinder, «doch nach sieben Jahren trennen sich William und seine Frau, er zieht aus», weiss Blumer, die die Namen der Beteiligten oberflächlich verfremdete. Drei Jahre sei es soweit gut gegangen, Besuchsrecht und alles. Doch nach der Scheidung und der Bereinigung finanzieller Fragen hätten «die Probleme angefangen. Plötzlich hätten sich die Kinder bei ihm unwohl gefühlt, sagt der Vater».

Ausriss aus dem Verleumdungsartikel** von Claudia Blumer. Hinter Bezahlschranke.

Journalistin Blumer sagt später, ihre «Motivation» für diesen Artikel sei der Umstand gewesen, «dass die Kinder ihren Vater nicht mehr sehen wollen und die Behörden kapitulieren müssen». Sie habe Gründe und Handlungsmöglichkeiten untersuchen wollen. Dann fügt sie hinzu: «Dieser Kern der Geschichte stimmt.»

Es muss sich dabei aber um einen Kirschkern gehandelt haben. Denn der so leidende und verzweifelte Vater ist der gleiche, der vor den Augen seiner Kinder einen Polizisten gebissen hatte. Das hätte Blumer wissen können, wollte sie aber nicht**. Auch sonst stimmt an ihrer Schilderung bis hierher – nichts.

Die wirklichen Ereignisse spielten sich sehr, sehr anders ab

Es gab nach sieben Jahren nicht einfach eine Trennung. Diesen Gewaltausbruch ihres Mannes gegen sie und gegen die Polizei nahm die Mutter zum Anlass, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Er blieb. Die «Probleme» fingen auch keineswegs nach der späteren Scheidung an, seine Kinder fühlten sich nicht erst dann «plötzlich bei ihm unwohl».

Blumer beging so ziemlich alle Anfängerfehler, die man nur machen kann. Sie baute ausschliesslich auf die Aussagen des Mannes, liess sich nur von ihm mit Unterlagen versorgen, glaubte ihm, dass diese vollständig seien. Sie versuchte zwar, die Mutter zu einer Stellungnahme zu bewegen, aber in einer Art, die diese als unverschämt und übergriffig empfand.

Verständlich, wenn man die Fragestellung von Blumer anschaut: «Was sagen Sie zum Vorwurf (des Vaters, teilweise auch der Fachleute), Sie hätten durch Ihr Verhalten zum Loyalitätskonflikt der Kinder beigetragen, die schliesslich zur Entfremdung vom Vater geführt hat?» Alle weiteren in diesen Fall involvierten Personen, Behörden und Fachkräfte belästigte Blumer mit keiner einzigen Frage**.

Verengung des Recherchewegs.

Stattdessen wandte sich die Tagi-Redaktorin an Auskunftspersonen allerorten, von Basel bis Zürich, die mit dem geschilderten Fall nicht vertraut waren, lustigerweise aber genau die Ratschläge gaben, die von den zuständigen Behörden auch angewandt wurden.

Die Entrüstung der Mutter wird umso verständlicher, wenn man Einsicht in alle Gutachten und psychologischen Untersuchungen und die Gesprächsprotokolle mit dem Vater hat; nichts deutet darauf hin, dass die Mutter die Kinder gegen ihren Vater aufgehetzt haben könnte, was auch der den Kindern zur Seite gestellte Anwalt bestätigt.

Blind durch ein hochemotionales Minenfeld gerannt

Blumer sollte wissen, dass es im menschlichen Leben kaum eine extremere emotionale Situation gibt als eine nicht friedliche Scheidung, in der auch Kinder involviert sind. Schon alleine das würde äusserste Vorsicht verlangen, würde es absolut unmöglich machen, nur einseitig auf die Aussagen einer beteiligten Partei zu vertrauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Blumer sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sich über den Hintergrund, den Charakter, die Glaubwürdigkeit ihres Kronzeugen zu informieren**. Dann wäre ihr nämlich nicht nur der Beissvorfall im eigenen Organ aufgefallen, sondern auch die Unzahl von Eingaben, Prozessen und die gerichtsnotorische Auffälligkeit ihres Leidensvaters.

Beidseitige Verengung.

Dazu nur ein Auszug aus einem Urteil des Bundesgerichts (!), bis zu dem der Vater hinaufprozessiert hatte: «Die Beschwerde besteht zu grossen Teilen aus polemischen Ausführungen und Unterstellungen», nerven sich die obersten Richter und lehnen sie natürlich ab – wie alle Vorinstanzen.

Das hindert den Vater nicht, noch vor Erscheinen des Artikels folgende Mail an seine Ex-Frau – Kopie an die Präsidentin der Schaffhauser Kesb und das Obergericht – zu schicken:

«The story how you and your SP Sauband temporaly stole (die gemeinsamen Kinder) from their father will be published tomorrow in Tages-Anzeiger

Später werde dann noch die «Tagesschau» darüber berichten, wie korrupt die Kesb Schaffhausen sei und welche kriminellen Methoden ihre Präsidentin* anwende. Darüber werde auch jeder Kantonsrat informiert, bis alle «kriminellen SP-Freunde» seiner Ex-Frau ihren Job verlören.

Hätte Blumer etwas recherchiert**,  wäre ihr auch aufgefallen, dass in diversen Gesprächsprotokollen* immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es schwierig bis unmöglich sei, mit dem Vater über sein Verhalten oder dessen Auswirkungen auf die Kinder zu sprechen*. Stattdessen habe er immer wieder zu Monologen über seine Ex-Frau angesetzt, der er nicht nur die Manipulation der gemeinsamen Kinder, sondern weitere, wilde Untaten vorwirft.

Ein gelinde gesagt problematischer Kronzeuge

Es wäre ihr aufgefallen, dass der Vater deutliche Anzeichen von Realitätsverlust zeigt. So fantasiert er von einer Verschwörung seiner Frau mit der Kindswohlbehörde und sogar einer Richterin gegen ihn, die darauf basiere, dass alle drei der gleichen Partei angehörten. Mit einem einzigen Telefonat hätte Blumer herausfinden können, dass das frei erfunden ist.

Schliesslich bestritt der Mann, der von der Schaffhauser AZ die Möglichkeit zur Stellungnahme erhielt, dass es häusliche Gewalt gegeben habe. Das sei alles Bestandteil einer «Verleumdungskampagne» seiner Ex-Frau. «Erst die Kohle, dann die Kinder», das sei ihr Plan gewesen. Unbeschadet von vorliegenden Gerichtsurteilen und Strafbefehlen und Strafuntersuchungen der Schaffhauser Staatsanwaltschaft.

Indirekter Versuch der Richtigstellung.

Den Redaktor der Schaffhauser AZ, der schon kurz nach Erscheinen des Blumer-Machwerks dieses nach Strich und Faden öffentlich demontierte, bedrohte der Ex-Ehemann. Weshalb er wegen Drohung, Beschimpfung und übler Nachrede neuerlich vor Gericht steht. Dazu sagt der Co-Redaktionsleiter Mattias Greuter: «Am Tag, an dem mein Artikel erschien (25.7. 2019), rief mich der Ex-Ehemann an. Er bezeichnete mich als «verleumderisches Arschloch» und sagte: «Pass bloss auf, wenn ich dich auf der Strasse sehe.» Auf Grund meiner Recherche wusste ich, dass er Kampfsport betreibt und bei anderer Gelegenheit schon Gewalt angewendet hatte.»

Eine Gegenklage des Ex-Ehemannes wurde hingegen abgeschmettert, was für ihn ein weiterer Beweise der Verschwörung gegen ihn ist.

Zwecks Illustration ihres Rechercheansatzes, wie zur Entfremdung von Kindern von einem Elternteil kommen könne, und was die Behörden dagegen unternehmen könnten, hat Blumer also so sehr danebengegriffen, wie es nur möglich ist.

Blumer haut nicht nur die Mutter der Kinder in die Pfanne

Unangekränkelt von jeglichem Zweifel an ihrer journalistischen Fähigkeit der Wahrheitserkenntnis, damit diesem Mann nicht unähnlich, behauptete Blumer in einem Kästchen zum Entstehen des Artikels, dass sich der Vater «an diese Zeitung gewandt habe» und dass er «uns alle Unterlagen betreffend Elternkonflikt und Kinderbelange» inklusive Mails und Prozessunterlagen, «überlassen» habe. Das ist falsch.

Die Entstehungsgeschichte liegt nicht im Streubereich der Wahrheit.

Blumer fährt fort: «Die zuständige Kinderpsychologin* des Kantons wollte zunächst mit dieser Zeitung über den Fall reden, da es sich um ein Paradebeispiel einer forcierten Entfremdung handle. Sie wurde jedoch von ihren Vorgesetzten zum Schweigen verpflichtet.»

Diesem Absatz kann man immerhin eine gehobene Bösartigkeit nicht absprechen. Offensichtlich wurde diese Psychologin ans Amtsgeheimnis erinnert, nicht «zum Schweigen verpflichtet». Dennoch wird sie von Blumer zitiert, zudem mit einer Aussage, die sämtlichen anderen Fachgutachten in diesem Fall widerspricht. Eine erste Einvernahme in Sachen Amtsgeheimnisverletzung durch die Staatsanwaltschaft fand bereits statt.

Bis hierhin ist es eine bedenkliche Fehlleistung einer Journalistin, die offensichtlich völlig oberhalb ihrer Kapazität und Kompetenz einen dramatisch einseitigen, falschen und allen hausinternen «eisernen Regeln» widersprechenden Artikel publizierte. Der durch alle Qualitätskontrollen durchrutschte.

Allen Beteiligten wurde von ZACKBUM die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch», erwiderte im Namen Blumers die «Leiterin Kommunikation Tamedia» – pauschal auf eine ganze Reihe von begründeten, konkreten Fragen. «Ich werde Sie keine Stellungnahme liefern und keine Information», schrieb der Ex-Ehemann und bat zudem darum, «sofort in Ruhe gelassen zu werden».

Kommt in den besten Häusern vor, sollte es aber nicht. Ist damit der Blumer-Skandal beendet? Nein, damit fängt er erst richtig an.

*Der Redaktion sind die Namen sämtlicher Beteiligten bekannt. Wir konnten in die gleichen Dokumente Einsicht nehmen, die auch schon dem «Tages-Anzeiger» vorlagen.

**Siehe dazu die Punkte 12 bis 18 des Schreibens von Tamedia.

Lesen Sie morgen: Nach dem Blumer-Skandal folgt der Tamedia-Skandal.

Ex-Press XXXIII

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Die Ringier-Frauen

Zunächst muss ZACKBUM ein Geständnis machen. Räusper, hüstel, kopfkratz. «Der geheime Aufschrei der Ringier-Frauen» ist so geheim, dass er nicht stattfand. Es gibt auch kein Protestschreiben, noch viel weniger ein Gespräch mit Ladina Heimgartner. Vielmehr wurde das tatsächlich nicht autorisiert. Weil es nicht stattfand. Genauso wenig, wie sie mit Marc Walder über das Thema Belästigung spricht.

Das Foto der aus dem Untergrund durchbrechenden U-Bahn ist nicht echt. Aber auch keine Fake News, es ist Kunst.

April, April. Tun wir nur an diesem Tag, weder vorher noch nachher. Niemals nicht. Sonst ist alles die volle Wahrheit, die reine Wahrheit, was hier steht. Echt jetzt, ungelogen. Die reine Wahrheit und die reine Meinung von René Zeyer. Nichts mehr. Auch nichts weniger.

 

Die Tagi-Lüge

Man muss das so grob formulieren. Denn das ehemalige Qualitätsorgan erteilt einem Gastkommentator das Wort. Der Jung-Jurist Loris Fabrizio Mainardi arbeitet sich am Thema Meinungsfreiheit ab. Die Vorlage liefert – Überraschung – die Protestbewegung gegen die Corona-Massnahmen der Schweizer Regierung, insbesondere die – erlaubte – Demonstration in Liestal.

Titel: «Meinungsfreiheit ist heilig – in klaren Grenzen». Auf das Wort heilig kommen wir noch zurück. Das ist eine Binsenwahrheit. Es gibt keine absolute Freiheit, gäbe es sie, wäre es absolute Willkür, die Freiheit des einen auf Kosten der Freiheit der anderen. An dieser Widersprüchlichkeit argumentiert Mainardi recht differenziert entlang.

Offensichtlich viel zu differenziert für den Tagi. Denn der haut dem Kommentar diesen Lead in die Fresse: «Von den Demonstrationen der Corona-Lügner geht eine unmittelbare Gefahr aus. Sie werden zu Recht verboten.»

Grenzenlose Freiheit beim Lead.

Das stammt nun eindeutig aus der untersten Schublade des Werkzeugkastens für Demagogie. Mainardi ist differenziert genug, das Wort «Corona-Lügner» nicht zu verwenden. Nicht zuletzt, weil es sich höchstens als inhaltsleere Abqualifikation eignet. Nicht mal als Aprilscherz ist das brauchbar.

Das ist meine Meinung, meint der Tagi

Die «unmittelbare Gefahr» nimmt der Tagi aus dem Urteil des obersten Bundesgerichts der USA – von 1919. Propaganda gegen Kriegsrekrutierung sei nicht durch die Verfassung geschützt, zitiert Mainardi. Sobald von einer Meinungsäusserung eine «clear and present danger» ausgehe, müsse sie verboten werden.

Das Gericht nahm als Beispiel einen Theaterbesucher, der ohne Grund «Feuer» schreit und damit eine Panik auslöst. Ob die kühne Brücke hält, auf der Mainardi  von den «Verteidigungsmassnahmen im Kriegsfall» zu den «staatlichen Bekämpfungsmassnahmen» gegen die Pandemie balanciert, wäre sehr die Frage.

Genauso, ob er deshalb alle Manifestationen gegen diese staatlichen Massnahmen verbieten möchte. Zumindest sieht er Protest dagegen kritisch; anderswo zieht er die Grenzen der Meinungsfreiheit weiter:

«Wenn Bill Gates, Putin oder andere Potentaten als Verursacher der Krise gebrandmarkt werden, ist es Sache derer Anwälte, dagegen vorzugehen.»

Es ist zumindest originell, Gates als Potentaten zu bezeichnen und auf eine Ebene mit Putin zu heben. Aufgrund seines Glaubens ist Mainardi bei einer anderen Institution mit einem Potentaten an der Spitze lockerer in der Grenzziehung der Meinungsfreiheit. Zur uralten Debatte über die Teilnahme der katholischen Kirche in politische Auseinandersetzungen hat er eine klare Auffassung: «Eine kirchliche Einmischung in die politische Diskussion ist demnach bisweilen theologisch geboten wie demokratisch zulässig, wird sich aber auf ethische und moralische Grundsatzfragen zu beschränken haben.»

Das Läutwerk des Katholizismus.

Das ist seine freie Meinung zu heiligen Ansichten, die er ungeniert äussern darf. Was hingegen der «Tages-Anzeiger» als Lügen-Lead über seinen Kommentar gestellt hat, ist nicht nur handwerklich aschgrau.

 

Wenn sich der «Blick» den Strick gibt

«Hass-Opa fordert Christa Markwalder zum Selbstmord auf», blökt der «Blick» am Karfreitag.  Ganz üble Sache? Ganz übler PR-Stunt der Dame, der man einen grossen Drang in die Medien nicht absprechen kann.

Der «Blick» macht’s ihr aber auch kinderleicht. Denn diese Drohung erreichte sie – letztes Jahr am 24. Dezember. Öffentlich beklagt über zunehmend garstigere Drohungen gegen Politiker hatte sie sich damals auch schon.

Aber warum nicht nochmal. Also darf der «Blick» den handschriftlichen Drohbrief samt dem beigelegten Strick abbilden. Und den Rentner Willi Z. mit vollem Namen, Adressangabe und Foto als Urheber vorführen. Der 83-Jährige darf sich rühmen: ««Ich habe Freude, dass die Sache bekannt geworden ist», feiert der pensionierte Metzger seine pietätlose Aktion.»

Hart recherchiert: Brief und Strick.

Schlaumeierisch will er sich zudem herausreden; «der Strick war nur ein Angebot an Frau Markwalder und in keinem Fall als Drohung gemeint», behauptet er.»

Dem «Blick»-Ostschweiz-Korrespondenten Marco Latzer gelang es sogar, den Wut-Rentner in seiner Stube zu fotografieren. An der Wand Säbel, ein Katzenfoto und ein Porträt von

General Guisan, «über den Willi Zürcher ebenso ehrfürchtig spricht wie über SVP-Übervater Christoph Blocher (80)».

Aha. Latzer wurde schon vom Presserat wegen fehlender Autorisierung von Quotes und identifizierender Berichterstattung in einem anderen Fall gerügt. Auch Witwenschütteln gehört zu seiner Berufsausübung. Hier hätte er einen verwirrten alten Mann, der seine Drohung zudem wegen einer missverstandenen Äusserung von Markwalder ausstiess, vor sich selbst schützen müssen. Aber he, wie da der «Blick» sagen würde, es ist Karfreitag, kaum was los in der Schweiz. Oder wie Latzer schon in einem Bericht über die mehrfache Vergewaltigung einer 15-Jährigen zum Motiv des Täters sagte: «Das Witzige daran ist, also es ist natürlich ein tragischer Fall.» Ein Gemütsmensch.

Alte News, frisch serviert

Neben inneren Kämpfen und Untersuchungen kommt der «Tages-Anzeiger» zu nichts mehr.

Was guckst du? Hier wird nur nachgeplappert …

Die «Republik» hat einen schönen Scoop gelandet. Sie hatte das Ohr am richtigen Ort. Nämlich dort, wo Dr. André Zilch mit zwei Mitstreitern eine Sicherheitsanalyse über die Schweizer Plattform meineimpfungen.ch veröffentlichte. Am 22. März ging das online, am 23. berichtete die «Republik» gross über ein scheunentorgrosses Datenleck auf dieser Sammelseite, die daraufhin vom Netz genommen wurde.

Das nennt man einen sauberen Nachzug – per copy/paste.

Endlich hat’s die «Republik» geschafft: Chapeau; gut gemacht, schneller als alle anderen am Ball gewesen. Die nehmen ihn auf; so wie am 24. März der «Tages-Anzeiger» auf seiner Frontseite oben links: «Nach Datendebakel: Jetzt soll der Staat die Geimpften selber registrieren». Auf Seite zwei folgt der meinungsstarke Kommentar; «katastrophal schlecht geschützt», Skandal, «findige Computerfreaks» hätten sich Zugang verschafft, tobt Fabian Renz.

Die ganze Seite drei ist der Nacherzählung der Aufdeckung dieser Sicherheitslücke gewidmet. So ganz nebenbei wird unten in Spalte zwei erwähnt, dass das deutsche «Handelsblatt» und die «Republik» die «Sicherheitsmängel publik» gemacht hätten. Als hätte sich die Recherche der «Republik» auf Abschreiben und Nacherzählen beschränkt, wie es der Tagi hier tut, trotz drei Autoren.

Die IT-Lösung für meineimpfung.ch habe das gleiche Unternehmen unter Hannes Boesch entwickelt, der auch in der Stiftung sitze, die das elektronische Impfbüchlein herausgebe, ebenfalls kein durchschlagender Erfolg. Darauf hatte die «Republik» schon im Januar hingewiesen.

Konkurrenz war schneller? Melden wir wie Korrekturen ganz klein

Früher gehörte es zu Benimm und Anstand im Journalismus, zwar mit den Zähnen zu knirschen, wenn einem Mitbewerber ein Primeur gelang, der Chefredaktor war dann mindestens einen Tag lang sehr reizbar und löcherte seine Journalisten ständig mit der Frage: «Und, ihr Pfeifen, was haben wir als Nachzug?»

Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, die Konkurrenz einfach so weit wie möglich totzuschweigen. Wir weisen warnend darauf hin: Die «Republik» ist offensichtlich weiblich. Liebe Tagi-Protestierfrauen, übernehmt diesen Fall, das ist noch schlimmer als bei Euch! Ich bitte Claudia Blumer ausdrücklich, ihre Untersuchungen auf diesen Fall auszuweiten.