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Vom Kritiker zum Leibwächter

Vierte Gewalt, unbestechlich, gerecht, kritisch? War mal, ist nicht mehr. Höchstens anders.

Um es zu sagen, wie es ist: die Massenmedien sind – nicht nur – aber vor allem – in der Schweiz auf den Hund gekommen. Das kommt halt davon, wenn man es drei Familienclans überlässt, die Medienszene immer mehr zu beherrschen und schliesslich zu einem Duopol zu degenerieren.

Mit sauber getrennten Gärtchen; wo CH Media regiert, ist Tamedia still, und umgekehrt. Dann gibt’s noch Ringier als nicht mehr so wichtigen, überregionalen Dritten, und die NZZ for the happy few.

Plus eine Latte von Spartenblättern, von Bedienern ihrer Klientel in der miefig riechenden Gesinnungsblase, wo Haltung fast alles, Analyse und Nachdenken fast nichts ist. Gibt es Lichtblicke? Natürlich, jede Menge eigentlich. Während die dummen und verfetteten Medienmanager bis heute noch keine sinnvolle Antwort auf das Internet gefunden haben, spriessen dort natürlich kreative Neupflanzen aus allen Bytes.

Gegenmassnahmen durchaus schräger als erwartet

Allerdings meistens mit sehr überschaubarer Einschaltquote. Aber es gibt auch Versuche, in die Breite zu wirken. Um nicht im Ungefähren zu bleiben, nehmen wir die Ostschweiz. Genau, alles im Einzugsgebiet eines Dialekts, der zu Recht als praktisches Verhütungsmittel angesehen werden kann.

So einfach holt man als Zürcher Sympathiepunkte im Wilden Osten der Schweiz. Nun braucht es nur noch eine kurze Packungsbeilage. Der Autor dieses Artikels publiziert regelmässig in «Die Ostschweiz». Die meisten Zahlen, die hier folgen, hat er überprüft, aber im Wesentlichen geklaut. Aus der «Ostschweiz», woher sonst.

Letzte Packungsbeilage: die Bande zur «Ostschweiz» verfestigten sich, als das «St. Galler Tagblatt» zwar mutig genug war, auf einer Doppelseite einen Artikel von mir über den in St. Gallen residierenden Sherkati-Clan zu veröffentlichen. Aber nicht mutig genug, einem von denen ausgesandten Büttel zu widerstehen, der zwar keinen einzigen sachlichen Fehler bemeckern konnte (ausser einem Dreher von Nach- und Vorname), aber natürlich mit Gewitter, Sturm und auch Hagel drohte.

Also verschwand der Artikel aus dem Netz, um in «Die Ostschweiz» wiederbelebt zu werden.

Die hatte keinen Schiss – und es passierte natürlich auch nix. Das die Ouvertüre.

Als reitender Bote hat’s der Mainstream schwer

Denn «Die Ostschweiz» klopft sich etwas auf die Schulter. Da erledigt ihr VR-Präsident Peter Weigelt persönlich.

«15. April: 46’000 Single Visitors an einem Tag. Rekord bislang.»

Es geht also offenbar, ein reines Internet-Newsmedium mit Tentakeln in die Realität wie ein Magazin zu lancieren. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber stetig.

Er hält aber nicht nur Nabelschau, sondern exemplifiziert die Misere der Medien in der Schweiz an ein paar einfachen Zahlen. «Alle vier grossen Medienkonzerne haben mit Blick auf massive staatliche Beihilfen – sprich Subventionen – ihre Aufgabe als 4. Gewalt im Staat aufgegeben. Sie haben sich zu reinen «Verlautbarungs-Medien» gewandelt», sagt VRP Weigelt.

Er untermauert das dann mit Zahlen. Zusammen mit der Posttaxenverbilligung, dem reduzierten Mehrwertsteuersatz und weiteren Vergünstigungen flossen den Tagblatt-Medien damit allein 2020 insgesamt über 10 Mio. Franken an staatlichen Unterstützungsbeiträgen zu. Also elektronische und Printmedien zusammengezählt.

In Zukunft sollen, nach den letzte Beschlüssen des Parlaments insgesamt jährlich rund 400 Millionen Franken an die Medien verteilt werden. Plus die 1,4 Milliarden Franken, die durch Radio- und TV-Gebühren in den staatsfernen Kleinstkonzern SRG fliessen. Wovon ein Bruchteil als Zückerchen an die Medienkonzerne abgegeben wird, die keine Mühe damit bekunden, ihre Meinung je nach Wetter- und Subventionslage anzupassen.

Auch andere Zeitungen sagten schon, sie seien unabhängig und staatsfern

Die Corona-Politik des Bundesrats ist nun wirklich echt unfähig? Dieser Kantonsrat muss weg? Wie kann der Nationalrat nur? Wären alles ganz schlechte Storyideen für einen subventionierten Konzern.

Nicht nur Kunst geht nach Brot. Es ist eine absurde Annahme, dass staatlich subventionierte Medien so kritisch bleiben wie staatlich nicht subventionierte Medien. Das ist so bescheuert, wie wenn die Parteizeitungen «Prawda» oder «Neues Deutschland» behauptet hätten, unabhängig von ihrer völligen Abhängigkeit vom Staat Berichterstattung zu betreiben. Nur und alleine der Wahrheitsfindung verpflichtet.

Ach, das haben die behauptet? Tja, da gab es aber nicht viele Leser, die das auch geglaubt haben.

 

 

Geld her, oder ich fall um

Lausige Qualität ist das eine. Geldgier das andere. Wie die Privat-Medien am Staatstropf hängen.

Ist es eigentlich eine gute Idee, dass die sogenannte Vierte Gewalt, die Kontrollinstanz der demokratischen Gesellschaft, die Aufdecker, Kritiker, unabhängig, nur ihrem journalistischen Gewissen verpflichtet, immer mehr am Staatstropf hängt?

Ist es überhaupt eine gute Idee, dass das, was reintropft, nach Abzug des Aufwands, in privaten Taschen landet? In den tiefen Taschen von vier Clans. Da wäre der Ringier-Clan, der Coninx-Clan, der Wanner-Clan und der Lebrument-Clan. Dann hätten wir noch den Sonderfall NZZ, und das war’s dann schon mit der pluralistischen Meinungsbildung im Bereich Tageszeitungen.

Wie formuliert da Bruno Hug, Präsident Verband Schweizer Onlinmedien (VSOM):

«Die Verleger werden zu Schosshündchen der Politik.»

Und die Journalisten sind schon längst zu Zierleisten geworden, die sich geschmeidig in die Richtung biegen, die dem Besitzer-Clan zusagt.

Der Gebührensender ist nicht wirklich ein Gegengewicht

Natürlich, es gibt als Informationsquelle noch die gesammelten Gebührensender von SRG, aber sind die wirklich ein valables Gegengewicht? Seitdem auch hier immer mehr die Bauchnabelbetrachtung Einzug gehalten hat, ist das noch mehr zu bezweifeln. Sandro Brotz, als Beispiel, sollte sich als Chef im Ring der «Arena» besonderer Zurückhaltung befleissigen in öffentlichen Meinungsbekundungen.

Nun beschimpft er Demonstranten gegen die Corona-Massnahmen der Regierung als «Flacherdler», also als Idioten. Kaum entfacht er damit einen Shitstorm, zieht er sich beleidigt zurück und darf sich dann in einer Sendung «Journalisten therapieren Journalisten» ausheulen.

Zurück zu den Steuergeldern, die in diese privaten Verlagshäuser ins Portemonnaie geworfen werden. Da gäbe es die Zustellungssubventionierung. 50 Millionen im Jahr. Plus rund 80 Millionen Corona-Hilfe. Plus, plus, plus, das läppert sich am Schluss ganz schön. Ein ganz dicker Brocken sind die zusätzlich-zusätzlichen Hilfen und Guetzli. Hier noch 20 Millionen drauf, und wenn wir schon in Fahrt sind, machen wir doch gleich 172 Millionen Corona-Hilfen. Für die nächsten zehn Jahre, versteht sich. Manche kriegen aus schierer Grösse nochmal speziell etwas obendrauf.

Geld schiesst aus allen Rohren in die Privat-Medien

Ticker-Meldungen von Keystone-SDA: geschenkt. Damit füllen viele Organe schon die Hälfte ihrer News-Seiten. Kurzarbeit? Natürlich geht das, gibt’s auch dafür noch Guetzli, wieso denn nicht.  Da freut sich der Steuerzahler. Unschlagbares Geschäftsmodell:

der Käufer liest in seiner Zeitung das, was er vorher subventioniert hat.

Gleichzeitig dünnt sich der Inhalt immer mehr aus, kassieren einige Medienhäuser (nicht alle) Kurzarbeitsgeld, auch mit freundlichen Grüssen des Steuerzahlers. Der dann natürlich nochmal abdrücken muss, und zwar happig, wenn er den blamabel-banalen Inhalt der Tageszeitung morgen im Briefkasten haben will. Oder ihn im Internet abrufen möchte.

Wer sich zuvorderst bei den Geldtöpfen anstellen darf? Das führte natürlich zu ein paar unschönen Szenen, bei denen gerempelt, getreten und gebissen wurde. Gesamtergebnis: der Steuerzahler drückt immer mehr an Mitleid erheischende Medienkonzerne ab. Bezahlt doppelt und dreifach für das Produkt.

Die Tageszeitungskonzerne wissen natürlich, wo ihr Platz ist. Um gut Wetter für die letzte Subventionsrunde zu machen, lobten sie die Massnahmen des Bundesrats über den roten Klee. Den sie vorher noch harsch kritisiert hatten. Inzwischen sind sie alle auf Linie. Coronamassnahmen-Skeptiker? Alles Corona-Leugner, brandgefährlich. Jede Art von Gegenwehr gegen staatliche Zwangsmassnahmen und den Verlust fundamentaler Freiheitsrechte? Alles verkappte Rechtsnationale, Hetzer, mit üblen Hintergedanken.

Was sind die wahren Ursachen für den blamablen Zustand?

Und wodurch ist diese Misere überhaupt erst entstanden? Durch Corona? Nicht wirklich. Sie ist daraus entstanden, dass die Clans über viele Jahre hinweg neben den Zeitungsdruckmaschinen eigentlich auch Gelddruckmaschinen hätten aufstellen können. Sie verdienten sich ganze Berge goldener Nasen. Dafür gaben sie das Geld natürlich nicht aus.  Aber für Villen, Yachten, Feriendomizile, Kunstsammlungen, schicke Autos, was man halt so alles braucht.

Kaum einen Rappen gaben sie für etwas mindestens so Wichtiges aus: wie soll’s denn weitergehen, nach Internet und seiner Gratiskultur? Ach, wird doch von selbst wieder verschwinden, dachten die Clans, davon lassen wir uns doch nicht vom Geldzählen abhalten.

Zukunftsperspektiven? Neue Spielregeln, neues Spiel? Wie bringt man Internet, elektronische Medien und Print sinnvoll unter einen Hut? Was haben eigentlich die ganzen Jahre die hochbezahlten Manager gemacht, die doch sonst gerne und ungefragt ihren Latz überall reinhalten? Und von der staatstragenden Aufgabe der Medien salbaderen?

Die Zeitungsbünde wurden immer dünner, die Redaktionen immer menschenleerer, die Eigenleistung immer kläglicher. Meinungskommentare, Fachleute interviewen, Hehlerei mit der Beute von Geschäftsgeheimnissen betreiben. Die Beine weit, aber ganz weit spreizen, wenn es um die Verwischung des Unterschieds zwischen redaktionellem Teil und bezahlter Werbung geht. Eigenleistung? Überschaubar, bescheiden, ärmlich.

Einmaliges Geschäftsprinzip: weniger Leistung, dafür teurer

Das hindert aber selbst die Kopfblätter nicht daran, die Abopreise immer wieder zu erhöhen. Kapitalismus absurd: mehr Geld für weniger Leistung. Da laufen die Direktzahler scharenweise davon. Lösung: mehr Staatskohle, noch weniger Content, Bezahlschranke hoch, runter, hoch und runter.

Wohin soll die Reise gehen? Könnte es sein, aus welchen Gründen auch immer, dass jeglicher zukunftsfähiger Ansatz fehlt? Bei allen? Da wüssten wir was: «Neues Deutschland» und «Prawda» gibt es heute noch. Beide nicht mehr im Besitz des sozialistischen Staates. So rum geht’s also. Wieso nicht die «Neue Schweiz» und «Die Wahrheit»? Die Unterschiede zwischen einem Tamedia-Kopfblatt und einem von CH Media sind ja heute schon nur schwer auszumachen.

Da kann gewaltig gespart werden. Die Konzerne werden verstaatlicht, die Clans bekommen ein letztes Mal einen Riesenbatzen Geld, und niemand muss mehr das verlogene Lied der staatsunabhängigen Vierten Gewalt singen.

Medial genial: unbezahlte Fragen und Antworten Teil 1

Mediensterben oder Fake News? Vierte Gewalt oder Bereicherungsmaschinen?

Wie steht es nach einem Jahr Corona um die Schweizer Medien? Wenn man diese Frage stellt, antwortet eine Kakophonie, als hätte man die Task Force to the Bundesrat um eine klare Meinung gebeten.

Laut Statista gab es 2010 in der Schweiz 14’177 Journalisten und Redaktoren. 2018, neuere Zahlen sind da nicht vorhanden, waren es 14’507. Dass die Qualität des Angebots schwer leidet, wird ausführlich beklagt. So gingen alleine in einem Jahr 600 Journalistenstellen verloren. Das konstatiert das Buch «News-Fabrikanten». Allerdings erschien es in aktualisierter Auflage – 2010.

Unbestritten ist lediglich, dass der Anzeigenmarkt dramatisch eingebrochen ist. Im Print bis zu 80 Prozent. Und online? Da lassen sich die grossen Verlage seit Jahren von den Riesen Google, Facebook & Co. die Butter vom Brot nehmen, und die grösste Scheibe vom Brot auch noch. Ein seltenes Armutszeugnis für hochbezahlte Manager.

Das ist etwa so, wie wenn sich der Finanzplatz Schweiz 80 Prozent des Online-Hypothekenmarkts von Internet-Giganten wegnehmen liesse. Und ausser gelegentlichem «das ist aber nicht schön» oder «Staat, Hilfe» nichts dagegen täte.

Die grossen Medienkonzerne sind Familienunternehmen

Die drei grossen überlebenden Konzerne, neben NZZ und tapferen Kleinverlagen, sind fest in privater Hand. Von ihnen ist lediglich Tx (wenn der Konzern immer noch so heisst) börsenkotiert, was eine gewisse Auskunftspflicht mit sich zieht. Ringier und CH Media sind es nicht. Aber ob sie das freiwillig freiwillig oder gezwungen preisgeben, bei allen drei Verlagen sprudeln die Gewinne für die Besitzer stetig und ungebremst. Damit dieser Zustand trotz garstigen Zeiten weiterhin anhält, entfalten sie eine hektische Aktivität.

Immer unter dem Slogan «Qualitätsjournalismus, vierte Gewalt, Service Public, unverzichtbar in einer Demokratie» wird vorgetanzt. Am liebsten zum Lied: «Was geht mich mein dummes Geschwätz von gestern an». Ewige Begleiter sind:

«Wächterfunktion, niemals werden wir, im Zentrum steht der Journalismus, Verantwortung», Blabla und Blüblü.

Hinter diesem durchsichtigen Wortvorhang wird zusammengelegt, gespart, werden feste Zusagen am Laufmeter gebrochen. Tamedia sonnte sich einige Jahre im «Berner Modell», zwei sich konkurrenzierende Zeitungen am Platz, aus dem gleichen Medienhaus. Eine völlige Fusion sei «kein Thema», verkündete der Verlag markig. Gerade in der Bundeshauptstadt, Meinungsvielfalt, Verantwortung, Lülü. Bis es dann mal wieder hiess: «April, April. Es ist April, und das war’s mit zwei Redaktionen. Wir verabschieden uns zudem von 20 Vollzeitstellen. Ging nicht anders.»

Die Journis kreischen auf, verfassen ein «Manifest», die Gewerkschaften toben, missbilligen, fordern wenigstens einen anständigen Sozialplan, Politiker runzeln wieder die Stirne, ein paar Todesmutige versuchen ein Crowdfunding, um die «Meinungsvielfalt» zu retten. Die Karawane zieht weiter, und auch diese Aufregung wird sich legen.

Eines ist die reine Wahrheit: das Gewinnziel

Tamedia hat schon vor Jahren ein Gewinnziel von 15 Prozent vorgegeben. Pro Profitcenter, versteht sich. Das bedeutet zum Beispiel, dass die ins Internet abgewanderten Anzeiger (Stellen, Autos, Immobilien) als eigene Entität gelten, die davon abgetrennten Medien wie «Tages-Anzeiger» ebenfalls. «Quersubventionierung», weil diese Plattformen nur funktionieren, weil sie im Print aufgepäppelt wurden? Ganz falsch, sagt Pietro Supino, Meister des Return on Investment.

Aber das Problem wird sich sowieso demnächst erledigen, wenn Google, Facebook, Amazon & Co. auch noch diese Marktplätze erobern werden, die dann ihrerseits von Alibaba weggeräumt werden. Und die Schweizer Medienhäuser? «Ist aber nicht schön, Staat, Hilfääää!»

Eigentlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass die Familien Wanner, Coninx und Ringier die hohle Hand beim Staat machen, nachdem sie sich über Generationen goldene Nasen, Badewannen und Villen verdienten. Niemandem ist vorzuwerfen, dass er macht, was er darf und kann. Wenn Geld gratis angeboten wird, wieso nicht zugreifen?

Denn auch bei Medien gilt: wer laut jammert und dabei das Halszäpfchen sehen lässt, bekommt am meisten in den Rachen geworfen. Nur: ist das selbst beim staatlichen Gebührensender SRG richtig? Pardon, beim Verein SRG, der in völliger Staatsferne seinem Verfassungsauftrag nachkommt.

Die Schweizer Medienlandschaft.

Fortsetzung folgt.

Steuerzahler subventionieren Zeitungssterben

Kurz vor Weihnachten erhielten die begüterten Zeitungsverleger vom Bundesrat ein weiteres Geschenk. Jede Zeitungszustellung an Abonnenten wird neu mit 29 Rappen subventioniert. Eine Geldverschwendung, die verboten werden müsste.

 Ein Gastkommentar von Bruno Hug*

*Verleger und Präsident Verband Schweizer Online-Medien (VSOM)

Weil der Bundesrat und die Politiker von den Medien gern hofiert werden, treibt ihre Geldverteilung an die Verleger immer bedenklichere Blüten. Bis anhin mussten Frau und Herr Schweizer jede verteilte Zeitung via Post mit 27 Rappen mitfinanzieren. Am 18. Dezember machte der Bundesrat den Verlegern nun noch ein weiteres Geschenk und erhöhte die Subvention pro Exemplar auf 29 Rappen. Zu den Beschenkten gehören selbst börsenkotierte und an ihre Aktionäre Dividenden bezahlende Unternehmen wie die Tages-Anzeiger-Verlegerin TX Group, die NZZ-Gruppe, aber auch Verlegerdynastien wie die Wanners aus Baden mit ihren CH Medien, die Ringiers oder die Lebruments aus Chur mit den Südostschweiz-Medien.

Weniger Abos, dafür mehr Geld

 Weil die totale Auflage der Zeitungen stetig sinkt – gemäss Bundesverwaltung in der letzten Berichtsperiode um weitere 2,3 Millionen Exemplare – hätte der Bund eigentlich die Zeitungs-Subventionen zurückfahren können. Solches kommt dem Bundesrat aber offenbar nicht in den Sinn. Statt zu sparen, erhöhte er einfach den Beitrag pro verteiltes Exemplar. Zudem macht er zu den heute schon beschenkten 142 Zeitungen zusätzliche weitere neun vom Staatsgeld abhängig.

Bund verteilt Zeitungen gratis

 Die Verleger profitieren gleich mehrfach vom süssen Subventions-Gift. Noch bis Ende Juni 2021 stellt die Post die Tages- und Wochenzeitungen den Abonnenten auf Kosten der Steuerzahler kostenlos zu. Der Bundesrat nennt dies ein Corona-«Notpaket». Hinter dieser angeblichen «Not» der gut situierten Medienhäuser stecken aber noch weitere Geschenke. So liess ihnen der Bundesrat schon am 20. Mai 2020 als Corona-Hilfe 57.5 Millionen Franken zukommen. Im letzten Herbst legte er nochmals 20 Millionen drauf. (Kommerzielle Lokalradios erhielten je 487’128 Franken überwiesen, nicht gewinnorientierte je 145’132 Franken, regionale TV-Sender sackten je 901’327 Franken ein und die Verleger wurden via Post mit 12.5 Millionen für die Zeitungsverteilung beschenkt.)

Das dicke Ende kommt erst noch

 Damit aber ist das Ende der Geldverteilung noch nicht erreicht. Im Gegenteil: Nachdem bereits das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) durch Zwangsgebühren vom Staat abhängig ist, will der Bundesrat jetzt auch noch die Zeitungen dauerhaft unter die Geld-Knute nehmen. Die Parlamente haben faktisch schon das nächste Medien-Subventionspaket bewilligt. Sie wollen an die Medienhäuser – und dabei schwergewichtig an die aussterbenden Zeitungen – 10 Jahre lang, Jahr für Jahr, 178 Millionen Franken verschenken! Im Moment werkeln die Politiker noch an Details dieses Geldsegens herum. Danach sind auch die Verleger endgültig vom Staat abhängig und ihre Wächterfunktion ist zunichte gemacht. Von den Konsumenten werden sie dann noch mehr gemieden. Die Subventionen aber werden weiter sprudeln. Zum Wohl der begüterten Verlage.

Unsoziale Geldverschwendung

 Einzig Gratiszeitungen und Gratis-Online-News-Portale wie Linth24, «Die Ostschweiz» oder ZACKBUM.ch sind vom Staatsgeld ausgenommen. Und damit sind die von Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) betreuten Mediensubventionen erst noch in höchstem Masse unsozial: Wer genügend Geld für ein teures Zeitungs- oder Online-Abonnement besitzt, wird subventioniert. Die weniger begüterten Bürgerinnen und Bürger gehen dagegen leer aus – oder werden bewusst von der staatlichen Information ferngehalten.

 

 

bruno.hug@linth24.ch

Ich hätte da ein paar Fragen

CH Media, quo vadis?

Qualität, Qualität, Qualität. Vierte Gewalt, Service public, Verantwortung. Mehr als 300 Lokaljournalisten in Lohn und Brot. So hört es sich an, wenn der Verleger von CH Media in die Harfe greift.

Dissonant schneidet er Krise, Krise, Krise dagegen. Um schliesslich mit Pauken und Trompeten zum Finale aufzuschäumen. CH Media braucht Geld. Kohle. Staatsknete. Vornehmer ausgedrückt: Subventionen. So viel wie möglich. Eher dringend.

Denn sonst, das lässt Peter Wanner durchblicken, sind die von ihm verlegten Tageszeitungen gefährdet. Sonst haben sie Mühe, die digitale Transformation umzusetzen. Und wenn das passiert, dann gute Nacht am Sächsi. Dann sind nicht nur Arbeitsplätze gefährdet, sondern auch ein Service public, die Wächterfunktion von Qualitätsmedien.

Wer garantiert die Qualität?

Wenn wir von Qualitätsmedien sprechen, lassen wir «watson» gleich mal aussen vor. Dieses Millionengrab zur Verbreitung von lustigen Videos und Rangordnungen ist nicht mal Bestandteil von CH Media. Obwohl es behauptet, schon 99 der 100 wichtigsten Fragen der Menschheit beantwortet zu haben, wollen wir diesen Flop nicht gegen Verleger Peter Wanner verwenden.

Nun können wir dem Impressum der Zeitungen entnehmen, dass direkt unter dem Verleger der «Leiter Publizistik» thront. Noch vor den jeweiligen Chefredaktoren, noch vor Patrik Müller, dem Chefredaktor der Zentralredaktion für alle Blätter in Aarau.

Führen durch Vorbild?

Der publizistische Leiter Pascal Hollenstein ist also an wichtiger Stelle dafür verantwortlich, dass CH Media all diesen herausragenden Qualitätsmerkmalen nachlebt, sie in jeder Zeile aller Kopfblätter zum Ausdruck kommen.

Natürlich nicht nur dort, sondern in erster Linie bei Werken von Hollenstein selbst. Denn wenn sich ein publizistischer Leiter nicht an die Berufsregeln, an den Journalistenkodex halten würde, wie sollte er da Vorbild sein, das von allen anderen einfordern?

Das ginge ja gar nicht. Wer sich unanständig verhält, kann von anderen schlecht Anstand verlangen. Nun hat Hollenstein mehrfach gegen Berufsregeln verstossen. Dazu gehört, dass gerichtlich festgelegte Sperrfristen zu respektieren sind.

Besonders bei Urteilen, bei denen eine grössere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erwartet wird, stellt das Gericht mit einer Sperrfrist sicher, dass nicht die beteiligten Parteien vorprellen und versuchen, mit einem Präventivschlag die Lufthoheit über der öffentlichen Meinung zu erringen.

Sondern dass alle Medien – genau wie die Prozessparteien – gleichzeitig in Kenntnis des Urteils publizieren, analysieren, kommentieren können. Weil das eine Selbstverständlichkeit ist, sind solche Sperrfristen nicht mit Sanktionen bewehrt, falls jemand dagegen verstösst.

Pascal Hollenstein hat dagegen verstossen. 24 Stunden vor Ablauf der Sperrfrist stellte er einen Artikel online, in dem er einseitig die Position und Meinung einer der beiden Parteien wiedergab. Damit verstiess er gleich noch gegen eine zweite Regel: et audiatur et altera pars. Man höre auch die andere Seite.

Wie ein Vorprellen zur Lachnummer wird

Das war aber gar nicht möglich, weil sich die andere Seite selbstverständlich an die Sperrfrist hielt. Zur peinlichen Lachnummer wurde dieser vorzeitige Erguss dadurch, dass sich die eine Partei darüber beschwerte, dass die andere sich nicht bei ihr entschuldige. Was dann aber prompt geschah, als die Sperrfrist abgelaufen war.

Hat man seither ein Wort des Bedauerns, eine Entschuldigung vom fehlbaren Leiter Publizistik gehört? Empfiehlt er wenigstens seinen Redaktoren, nicht seinem schlechten Beispiel zu folgen? Nein, und warum nicht?

Ganz einfach: Wer an zweiter Stelle im Impressum steht, muss sich von niemandem unten drunter etwas sagen lassen. Höchstens vom Verleger oberhalb, aber der reisst lieber leere Sprüche über Qualitätsmedien und schweigt hier stille.

Ein ungeheuerlicher Satz

Simone Meier ist Mitglied der Redaktion von «watson», dazu Schriftstellerin und Kolumnistin in den Blättern von CH Media. Hier hat sie eine feste Kolumne und äussert sich auch sonst nach Lust und Laune zu Themen, von denen sie nichts versteht.

In einer recht wirren Attacke gegen die sogenannte Cancel Culture versteigt sie sich in einem Ausflug in die Geschichte zum ungeheuerlichen Satz: «Unter Hitler wurden Juden, Menschen mit einer Behinderung, Fahrende, Kommunisten und Homosexuelle gecancelt. Und so weiter.»

Es gibt bekanntlich Idioten, die leugnen, dass Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg mehr als 6 Millionen Juden in Form von industriellem Massenmord getötet hat. Soweit man ihrer habhaft wird, werden sie bestraft und der allgemeinen Ächtung preisgegeben.

Eigentlich noch schlimmer ist diese geschmacklose Verniedlichung, diese hirnlose Aufzählung einer Journalistin, die jeden Halt, jeden Anstand verloren hat, der jede Regung von Peinlichkeit oder Scham offensichtlich fremd ist.

Hört man Entschuldigungen?

Hat man hier eine Entschuldigung vernommen? Hat wenigstens der Leiter Publizistik seines Amtes gewaltet und eingegriffen? I wo, da ist das Haus CH Media offensichtlich schmerzfrei. Entschuldigen, das sollen sich die anderen. Und wenn die es freiwillig tun, wird das knapp vermeldet, mehr nicht.

Aber Peter Wanner, eingeladen zu einer Stellungnahme, will diese Vorkommnisse «nicht kommentieren». Simone Meier, eingeladen zu einer Stellungnahme, beschimpft stattdessen lieber ZACKBUM.ch, und überhaupt seien ihr solche Fragen «zu low».

Sollte nicht der Verleger seinem publizistischen Leiter den Kopf waschen und ihn zum sofortigen Eingreifen auffordern? Sollte der Verleger nicht sein Befremden ausdrücken, dass das nicht schon längst geschah?

Alles Fragen ohne Antworten. Allerdings erhebt sich die Frage mit aller Macht: Wieso genau soll CH Media mit Steuerfranken subventioniert werden?