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Neues von den Tagi-Antifeministen

Wir sind erschüttert. Das wollten wir mit unserer Kritik an übertriebenem Kampffeminismus nicht bewirken.

Salome Müller pflegte am Dienstag im Newsletter weiterhin ihre Sternchen-Vergewaltigung der deutschen Sprache. Ihre «liebe Leser*innen» führte sie in den Tag ein, nicht ohne ihnen gleich «vier Heldinnen» vorzustellen. Bis hierher ist also gendermässig, thematisch und überhaupt alles in Ordnung.

Aber dann blättert man bis zur Kehrseite 14 und erstarrt: «Beweg deinen Hintern!», fordert hier ein Christoph Gurk aus Buenos Aires (Argentinien). Er gehört, der Kalauer muss sein, zur Gurkentruppe der Süddeutschen Zeitung, von der Tamedia fast die gesamte Auslandberichterstattung übernimmt.

Hier preist Gurk einen «Baile-Funk-Song» an, der in Brasilien zur «Impfhymne» geworden sei. Es handelt sich um ein Werk von MC Fioti, mit dem eingängigen Titel: «Bum Bum Tam Tam». Angeblich beruhend auf einem Flötenstück von Johann Sebastian Bach. So trillert Gurk:

«Dazu ein Text, in dem es zwar auch um Blasinstrumente geht, vor allem aber um den Bumbum, den Hintern, den man bewegen soll.»

Wobei «man» nicht ganz der richtige Begriff ist, wie das Video in aller Eindeutigkeit zeigt. Da sitzt der Macho-Pascha auf dem Sofa und lässt sich von Hüften und Popo schwingenden, leicht bekleideten Damen umschwärmen und verwöhnen. Ich bin überzeugt: Jede aufrechte Tagi-Redaktorin müsste sich übergeben, wenn sie dieses Männertraum-Video anschauen würde. Unvorstellbar, die Reduktion der Frau auf ein Sexobjekt, willig, verführerisch, während der Mann nur mit den Fingern schnippen muss.

In meine Erschütterung hinein saust der nächste Macho-Hammer

Selbst ich bin erschüttert. Aber kaum hatte ich mich wieder einigermassen eingekriegt, saust gleich der nächste Hammer auf mich nieder. Seite 31, «Kultur und Gesellschaft». Silke Wichert, auch aus der Münchner Gurkentruppe, verschwendet hier fast eine ganze Seite zum Thema «Neuer Look im Weissen Haus». Das sei «eine Stilkritik».

Der Ex-Präsident der USA habe sich überall mit «dem gleichen Typ Frau umgeben». Idealtypisch dargestellt von Ivanka Trump. Pfuibäh, das sei Ausdruck «eines sehr beschränkten Weltbildes, das auf Verpackung statt auf Inhalte setzt». Vorzugsweise blond, geföhnt, viel Make-up und Mörderheels. Das war natürlich «zum Gähnen, zum Gruseln».

Aber, auch da naht Rettung: «Optisch wird alles anders.» Angefangen bei der Vizepräsidentin, die zugegebenermassen etwas anders aussieht als ihr Vorgänger. Aber auch der Blondie-Touch ist vorbei, die neue Kommunikationschefin und neue Pressesprecherin sind beide «eher rothaarig». Richtig in Hitzeschübe gerät aber Wichert bei der «persönlichen Sprecherin» oder «neuen Beraterin» – da ist sich der Tagi nicht ganz sicher – der Vizepräsidentin: «Heimliche Favoritin der Stilkritiker ist Symone Sanders, die einen raspelkurzen Afro trägt und offensichtlich eine Vorliebe für leuchtenden Lippenstift und markanten Schmuck hat.»

Wir vermissen nur die Angabe der Körpermasse.

Liebe Frau Wichert, kein Mann, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde es wagen, die alte und die neue weibliche Crew dermassen auf Äusserlichkeiten reduziert einander gegenüberzustellen. Unvorstellbar. Was haben die Damen drauf (oder allenfalls nicht)? Welche Qualifikationen bringen sie mit, welche Ausbildung, wo haben sie sich schon ihre Sporen abverdient? Was sind sie für Persönlichkeiten, was haben sie im Kopf, so unter blonden, rötlichen oder raspelkurzen Haaren? Was sagen sie, auch mit einem Mund, der mit leuchtend rotem Lippenstift geschminkt ist?

Gleicher Text, männlicher Autor: au weia

Die Welt ist ungerecht und wird es immer mehr. Hätte diesen Artikel ein Redakteur gezeichnet, er hätte froh sein können, wenn er nur in mehrere Sensibilisierungskurse geschickt, zum hundertfachen Bäume-Umarmen verknurrt und zu öffentlicher Selbstkritik gezwungen worden wäre. Statt gleich geteert und gefedert und mit Schimpf und Schande aus den Redaktionsräumen geprügelt. Doch Wichert, weil weiblich, kann es bei der nonchalanten Bemerkung bewenden lassen: «Natürlich sind das alles Äusserlichkeiten.»

Aber immerhin, einen klitzekleinen Lichtblick gibt es auf der gleichen Seite. Der besteht nur aus einer Randspalte, aber man nimmt ja alles, heutzutage. Vor allem, wenn eine Autorin Intelligenz und Schalk aufblitzen lässt. In diesem Fall Michèle Binswanger, die unter dem Titel «Echten Rassisten ist Empörung egal» sich vernünftige Gedanken zum Shitstorm macht, der sich über die SP-Genossin Yvonne Feri ergiesst. Wegen einer nervösen Bemerkung mit null rassistischem Inhalt, für die sie sich bereits entschuldigte.

Was ihr aber nichts nutzt, weil ein Schuldeingeständnis, eine Selbstgeisselung als Rassistin, als jemand, der den «strukturellen Rassismus» bedient, der alles umfasst, selbst wenn man lobend erwähnt – auf die bescheuerte Frage, welche Musik sie der Vizepräsidentin zum Herunterkommen empfehlen würde –, dass die als dunkelhäutige Frau sowieso gut tanze.

Nochmal erschütternd: auch Obama ist ein struktureller Rassist

Auf der gleichen Seite, im gleichen Blatt, wo Frauen auf ihr Äusseres reduziert werden, auf ihr Bumbum, aber keine Gruppe von Kampffeministinnen regt sich darüber auf. Aber Binswanger hat noch eine grossartige Schlusspointe im Köcher. Barack Obama sei während seines Präsidentschaftswahlkampfs 2008 gefragt worden, ob er der Aussage der berühmten Autorin Toni Morrison (erste schwarzamerikanische Literaturnobelpreisträgerin) zustimme, dass Bill Clinton der erste schwarze Präsident der USA gewesen sei.

Tricky, wie antwortet man da? Nun, das kann Obama, und seine Antwort war eine Spitzenleistung: «Ich müsste zuerst prüfen, ob er tanzen kann.» Wir erschrecken nochmals: Hätten wir gedacht, dass auch Obama zumindest ein struktureller Rassist ist? Als Schwarzer? Unglaublich, diese Welt. Schwarze sind Rassisten, Frauen beschreiben Frauen nur nach Äusserlichkeiten, ein Mann jubelt über einen Macho-Bumbum-Disco-Heuler, nur eine einzige Frau hält das Banner des Sprachfeminismus hoch. Ebenfalls eine ganz einsame Frau zeigt wenigstens, dass sie denken kann, analysieren und eine Schlusspointe setzen.

Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mir einen violetten Pullover zu kaufen, gegen die Feuchtigkeit einen Karton auf die Strasse zu legen, niederzuknien und zu skandieren: «Black Live Matters», im Wechsel mit: «Frauen sind auch Menschen.»