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Der grosse Meister ist tot

John Le Carré war nicht einfach Thriller-Autor. Er war nach Graham Greene der grosse und zornige Humanist und Moralist einer aus den Fugen geratenen Welt.

David Cornwell, so sein bürgerlicher Name, hat das Genre des Spionageromans revolutioniert und geprägt. Jedes Mal, wenn ein neuer Roman von ihm angekündigt war, verspürte ich spontan Vorfreude. Das passiert mir bei sehr wenigen lebenden Autoren.

Nun ist er in seinem geliebten Cornwall gestorben. Mit 89 Jahren, das ist ein kleiner Trost; und dass er sagte, dass er beim Herannahen des Todes nur Dankbarkeit spüren würde, nach einem Leben wie seinem. Aber was interessiert das Medienschaffende? Ganz einfach: Wem es gelingt, nur einmal in seinem Leben auf einer oder zwei Seiten eine Situation, einen Dialog, einen lebenden Menschen so zu beschreiben wir er, der hat Applaus verdient.

Niemand konnte seine gebrochenen Helden so spielen wie Richard Burton

Mit «Der Spion, der aus der Kälte kam» erzielte er 1963 den internationalen Durchbruch. Es ist ein düsterer Roman, der nach dem Bau der Berliner Mauer spielt. West gegen Ost, und obwohl Le Carré den Spionagekrieg aus Sicht des englischen Secret Service beschreibt, ist die Hauptfigur dieses Romans kein James Bond. Im Hintergrund zieht George Smiley, Protagonist seiner ersten zwei Romane und seine bedeutendste Romanfigur, die Fäden.

Ein Spion wird als angeblicher Verräter in den Osten geschickt. Dort soll er den Spionagechef als getarnten englischen Agenten denunzieren, weil der mit gnadenloser Effizienz das ganze britische Spionagenetz in der DDR liquidieren liess.

Aber, auch ein Leitmotiv bei Le Carré, nichts ist so, wie es scheint. Beide Seiten tricksen und lügen, der desillusionierte Spion erfährt erst ganz am Schluss, dass sein Einsatz eigentlich geplant war, um den DDR-Antispionagechef zu schützen, der in Wirklichkeit tatsächlich ein britischer Agent war. Als er, zusammen mit seiner Geliebten, versucht, über die Mauer zu flüchten, wird sie erschossen. Statt in den Westen zu springen, wo Smiley ihn bereits erwartet, kehrt er um, um sich neben seiner Gefährtin auch erschiessen zu lassen.

Das wurde dann mit Richard Burton in der Hauptrolle kongenial verfilmt und setzte einen ganz neuen Ton in das Genre. Normalerweise kämpften hier strahlende westliche Helden gegen finstere und grausame kommunistische Überzeugungstäter, gerne aus der DDR, der UdSSR oder später auch aus China oder Nordkorea. Und gewannen natürlich, ohne dass der Massanzug Schaden nahm.

Le Carré schraubte sich immer weiter hinauf

In «Der Krieg im Spiegel», 1965, erreicht Le Carré endgültig seine einsame Flughöhe. George Smiley, der einzige Agentenführer, der Grips und Moral hat, kämpft einen aussichtslosen Kampf in der muffigen Bürokratie des englischen Geheimdienstes, der noch von alter Grösse träumt, aber schon längst von den USA übertrumpft wird. Wieder geht es um ein Durcheinander von Inkompetenz, Führungsgerangel und einen Spionagering in der DDR, den ein nach Ruhm und Geld strebender Agent reaktiviert und in einen sinnlosen Einsatz führt, bei dem alle umkommen.

Ab 1974 setzte er die Smiley-Reihe mit drei weiteren Romanen fort. Die Einführung, die Dialoge, der Plot, die Beschreibung von Menschen und ihrer Geschichte mit ein paar wie aus dem Handgelenk hingeworfenen Zeilen, das Leiden von Smiley, der fast alles durchschaut, aber lange nicht, dass sein Vorgesetzter ein sowjetisches U-Boot ist, was er deswegen erst spät entdeckt, weil er nicht voreingenommen sein will, weil dieser Doppelagent ein Verhältnis mit Smileys Frau hat.

Mit Alec Guinness bekam Smiley in den Verfilmungen ein Gesicht und einen Schauspieler, der wie geboren für diese Rolle schien. Als 2011 Gery Oldman als Smiley antrat, verflüchtigten sich sofort alle Befürchtungen. Grossartig, und vor allem: Die Geschichte aus dem Jahr 1974 wurde in diesem Ambiente gedreht, wirkte aber taufrisch.

Zweimal Smiley, der aber einmalig ist.

Was konnte nach dem Ende des Kalten Kriegs noch kommen?

1989 veröffentlichte Le Carré mit «Das Russland-Haus» seinen letzten Roman, der den Kalten Krieg, das kommunistische Lager gegen den Westen, in einer schon zerfallenden UdSSR, thematisierte. Und man fragte sich bang, was er denn noch zu erzählen habe, nachdem er fast 30 Jahre lang dieses Thema bespielt hatte.

Mit seinen 14 noch folgenden Romanen bewies er: mindestens so viel wie vorher. Er nahm sich immer mehr Zeit, um zu recherchieren, und am Schluss kamen finstere Beschreibungen der Realität heraus,in der alle Regierungen, alle Systeme mit allen schmutzigen Tricks arbeiten, und sich die wenigen Moralisten in seinen Romanen immer fragen, woher sie denn die Sicherheit nehmen können, für das Gute auch mit schlechten Methoden kämpfen zu dürfen.

Aber nicht nur Staaten geraten in sein Visier, Drogenhandel, das Wüten von Big Pharma in Afrika, die neue russische Mafia. In «Unser Spiel» über einen vergessenen Krieg tut sein Held etwas, was vorher noch keiner tat. Freundschaft, Hilfsbereitschaft, unverbrüchliche Solidarität, das gab es alles schon vorher. Aber hier entscheidet sich der Held, nachdem er als Aussenstehender durch zu viel Leid und Elend gewatet ist, selbst zur Kalaschnikov zu greifen und auf der Seite der Schwächeren in den aussichtslosen Kampf zu ziehen.

Ein gutes Ende war Le Carrés Sache nicht

Immer seltener enden die Thriller mit dem Sieg des Guten. «Verräter wie wir», der teilweise in der Schweiz spielt, wo Le Carré aus seinen Erinnerungen schöpfen kann und natürlich alle Schauplätze – wie immer – nochmals besuchte, endet damit, dass der Zeuge gegen die russische Mafia wieder einmal von einem kleinen Grüppchen auf eigene Faust handelnde Mitarbeiter des Circus, wie der Geheimdienst in London heisst, angeworben und mit vielen Mitteln, Kompetenzüberschreitungen und Überredung dazu gebracht wird, aus seinem Versteck nach London zu fliegen, um gegen Zeugenschutz auszupacken.

Der gebrochene Held dieser Story begleitet ihn noch zum Flugplatz, sieht, wie der Zeuge den Helikopter besteigt – und sieht, wie der in der Luft explodiert.

Mit «Der Schneider von Panama» über die US-Invasion verneigte sich Le Carré vor Graham Greenes «Unser Mann in Havanna», selbst in einem seiner letzten Romane, «Das Vermächtnis der Spione», als sein längst pensionierter Held Smiley und dessen engster Mitarbeiter nochmal einen Auftritt haben, weil der MI6, wie der Geheimdienst nun heisst, nochmal alte Fälle aufarbeiten will, zeigt Le Carré, dass eigentlich alle seine Romane nicht in erster Linie von Spannung gelebt haben.

Menschen, Dialoge, Atmosphäre: einfach meisterhaft

Davon auch, mit welcher Meisterschaft treibt er immer die Story zur Klimax gegen Schluss. Aber vor allem mit seiner Fähigkeit, Menschen zu zeichnen, in kurzen, aber genialen Dialogen ihre Weltsicht, ihre Moral – oder ihre fehlende Moral –, ihr Zweifeln, was ein Einzelner in diesen Maschinerien, gegen diese Weltkonzerne überhaupt noch ausrichten kann, so darzustellen, dass es niemals ein erbaulicher Diskurs zur Besserung des Lesers wird.

Das verhindert schon die Ironie und der trockene englische Humor, die ewige Distanz des vielfach Aussenstehenden. Der als ehemaliger Geheimdienstmitarbeiter und schlichtweg genialer Schriftsteller nicht nur das englische Wesen perfekt beschreiben konnte. Sondern er beschäftigte sich unablässig mit den grossen Fragen, was tun wir, woher wissen wir, dass es richtig ist, wieso wissen das Regierungen meistens nicht, was ist wichtiger, ein gegebenes Wort, eine Überzeugung oder das eigene Leben? Was soll man für «King and Country» tun, opfern, über Bord werfen?

Der Thriller als Gesellschaftsroman

Schliesslich ist Le Carré ein weiterer Beweis dafür, wie Greene, wie Dashiell Hammett, wie Richard Stark, wie Robert Harris, vor allem wie James Ellroy, dass man mit Thrillern oder Kriminalromanen die Gesellschaft gnadenlos gut beschreiben und demaskieren kann. Wie im Titel des wohl besten Romans von Greene: «Die Stunde der Komödianten». Der nicht zufällig auch mit Richard Burton verfilmt wurde.

Das wahre Vermächtnis von Le Carré bleibt: Trotz diesem Zustand der Welt, den er wie kein zweiter durchschaute und beschrieb: Er setzte immer ein «dennoch» dagegen. Ein Aufbäumen, ein Suchen nach Verbesserung. Auch wenn es meistens nicht gelingt: Man muss es aber immer wieder probieren.