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Grosses Wehklagen über Leutschenbach

In der Schweiz hat das Gebühren-Fernsehen eine besondere Bedeutung.

In Deutschland zum Beispiel haben die Staatsfunker von ARD, ZDF und den ganzen Regionalsendern schon längst die Deutungshoheit im Äther verloren. Vielleicht mit Ausnahme der klassischen Nachrichtensendungen wie «Tagesschau» oder «heute».

Das ist in der Schweiz noch etwas anders. «Talk täglich» könnte man als einzig ernstzunehmende Konkurrenz zum SRF-Programm bezeichnen, dann noch Quatsch-Sendungen wie «Bauer macht Bäuerchen» oder «Welchen Mann, welche Frau will ich flachlegen?».

SRF hat die absolute Lufthoheit

Aber ansonsten hat SRF mit allen angeschlossenen Kanälen weiterhin die absolute Lufthoheit. Bislang sind alle Versuche kläglich gescheitert, ein nationales Privat-TV dagegen antreten zu lassen. Das wurde sowieso zumeist nur auf Deutsch probiert, von Zwei- oder Dreisprachigkeit (sorry, liebe Rätoromanen, aber ihr als Zielgruppe interessiert nun wirklich nicht) ganz zu schweigen.

Ach ja, dann gab es noch den Versuch eines Kamikaze-Fliegers, mit pakistanischen Financiers CNN Money Switzerland gegen die Wand fahren zu lassen. Aber das war von Anfang an rausgeschmissenes Geld.

Andererseits leistet die Schweiz weiterhin den Luxus, für einen einzigen Kanton ein volles Programm zu liefern. Was zur Absurdität führt, dass SRF im Tessin der zweitgrösste Arbeitgeber ist, nach der kantonalen Verwaltung. Aber was tut man nicht alles für Konkordanz und Willensnation.

Eine eiserne Lady räumt auf

Nun zeigt aber die neue Chefin am Leutschenbach, dass hinter grosser Intellektuellenbrille und konziliantem Ton eine eiserne Lady steckt. Nach erstaunlich kurzer Eingewöhnungszeit kündigte Nathalie Wappler Sparmassnahmen, eine Neuausrichtung aufs Digitale, Entlassungen und die Streichung von Sendungen an.

Nach kurzer Schockstarre und verzweifelt dreinblickenden Journalisten, dass nun nicht mal mehr SRF einen zur Pensionierung trägt, gab es natürlich Riesengeschrei. Allerdings – wie sicher von Wappler erwartet – nicht vereint, sondern wie üblich jeder für sich und alle gegen alle.

Jeder ist sich natürlich selbst der Nächste

«Man kann schon streichen, aber diese Sendung ja nicht. Man kann schon einsparen, aber hier auf keinen Fall. Man kann schon auch zu Entlassungen greifen, aber hier braucht es jeden Mann und jede Frau.» Das ganze Klavier wurde hoch und runter gespielt, eigentlich ein ganzes Orchester. Service publique, trompetet die Bläser-Abteilung. Zusammenhalt der Regionen, Lagerfeuer, schmachten die Geigen. Traditionen, Kulturen, Regionales, Schweizerisches, bummern die Pauken, zischen die Becken.

Und jede Abteilung, jedes Ressort, jedes Thema darf kurz vortreten und zum Solo ansetzen: Hier kann nicht, darf nicht, soll nicht gespart werden. Sonst bricht zwar nicht die Welt zusammen, aber die Schweiz auseinander.

Zuvorderst machen sich die Dichter mal wieder lächerlich

Wie immer an vorderster Front lächerlich machen sich die Berufsschreiber, die sich selber berufen fühlenden Schriftsteller. Sie versuchten es mal wieder mit einem offenen Brief, den Krethi und Plethi unterzeichnete. Das Aus für die Radiosendung «Die 52 besten Bücher» sei furchtbar, da breche «eine Plattform weg», damit komme SRF sicher nicht besser aus der Krise, also wirklich, man bitte um Überdenken und Alternativen und überhaupt.

Bezeichnend auch mal wieder, dass keinem der unterzeichnenden Schreibgrössen ein sinnvoller Vorschlag einfiel. Das machte es Wappler leicht, diesen Zwergenangriff abzuschmettern.

Religiöse Gefühle verletzen ist heikel

Schon heikler ist es natürlich bei der Religion. «Zwischenhalt» und «Blickpunkt Religion» werden auch gestrichen. Wem diese Lücke gar nicht auffallen würde: Also bitte, diese Sendungen leisten einen «wichtigen Beitrag für den Religionsfrieden». Will Wappler also verantworten, dass schlimmstenfalls wieder Religionskriege aufflammen, Kappeler Milchsuppe getrunken werden muss?

Da kämpfen Christen, Juden und Muslime für einmal Schulter an Schulter mit einer Petition gegen diesen «Kahlschlag», gegen diesen Versuch der «Ghettoisierung religionsbezogener Information». Da ist man schon knapp vor unstatthaften Vergleichen wie «Endlösung der Religionsfrage», «Gottesverleugnung» und ähnlichem Unsinn.

Dabei ist schon seit Jahren bekannt, dass in Deutschland und in der Schweiz, aber nicht nur hier, der Wasserverbrauch deutlich ansteigt, wenn das «Wort zum Sonntag» ausgestrahlt wird. Nein, damit werden keine Taufbecken gefüllt.

Da muss sich Wappler vielleicht noch etwas einfallen lassen. Aber an einer Telefonkonferenz am Dienstagnachmittag mit Journalisten, nachdem sie sich mit interner Information schon warmgelaufen hatte, zeigte Wappler einmal mehr, dass sie kommunikativ nicht viel Beratung braucht.

Wappler ist zweifellos eine Naturbegabung

Abbau von 221 Kostenstellen in fünf Jahren, dazu die Schaffung von 95 neuen, Umschulungen und Pensionierungen, da müssen die Gewerkschaften schon tief Luft holen, um sich mit rotem Kopf aufregen zu können.

Die News-Chefin sei im Fall nicht gefeuert worden, sondern selber gegangen, jede einzelne gestrichene Sendung wie «Eco», «Sport aktuell» oder «Miini Schwiiz, diini Schwiiz» sei natürlich bedauerlich, aber was soll man machen.

Wir gratulieren und sehen mal etwas ganz positiv

Ach, und SRF konkurrenziere die Privatverlage mit «digital first»? Kein Problem für Wappler, schaut Euch doch mal die Konzession an, da steht drin, dass die SRG auch Angebote für Junge herstellen muss, und die muss man dort abholen, wo sie sind. Also im Netz. Sonst noch Fragen?

Keine mehr, nur tiefe Verneigung, so macht man das. Die schlechten Nachrichten rauspusten, dann begründen, wirklich ein Musterbeispiel von gelungener Kommunikation. Gut, dass die Journis Beisshemmung hatten, kommt Wappler auch zugute. Denn jeder denkt sich natürlich, dass er bei der nächsten Sparrunde vielleicht doch versucht, bei Papa SRF unterzuschlüpfen. Und da ist es sicher nicht gut, die oberste Chefin sauer zu machen.

 

Die Vogelfreien

Freier Journalist? Und lebt noch?

Die freien Journalisten in der Schweiz nagten schon lange am Hungertuch. Nun ist auch noch das Tuch weg.

«impressum» bietet «Covid-19 Hilfe für Journalist*innen», korrekte Rechtschreibung ist nicht inbegriffen. Die Bundeshilfen für kurzarbeitende Selbständige sind bekanntlich am 16. September ausgelaufen.

Der Gesamtarbeitsvertrag bereits 2004; seither ist es den Gewerkschaften nicht gelungen, die Arbeitgeber zum Abschluss eines neuen zu bewegen. Das ist so peinlich, dass beide Seiten eher ungern darüber sprechen.

Wohlfeile Forderungen und Ratschläge

Stattdessen gibt «impressum» «Empfehlungen» für Mindestlöhne und Mindestentgelte. Auch syndicom beschränkt sich im Wesentlichen aufs Fordern: «Mindestlöhne, besserer Kündigungsschutz», das übliche Programm unter markigen Worten:

«Wir lassen uns nicht auspressen».

Selten so gelacht, sagen die Medienhäuser. Freie Fotografen sollen pro Einzelbild mindestens 204 Franken bekommen. Freie Mitarbeiter mindestens 449 Franken pro Tag im Tessin, 523 in Basel, Bern und Zürich. Plus natürlich Spesen, Infrastrukturkosten, Sozialabgaben.

Selten so gelacht, sagen die freien Journalisten. Wer für eine fünftägige Recherche 2600 Franken in Rechnung stellt, dazu Spesen, Infrastruktur und Sozialabgaben,  bekommt als Antwort bestenfalls ungläubiges Gelächter.

Die Chancen der Freien sind eher gering

Das speist sich aus verschiedenen Quellen. Zunächst einmal: ein Thema von nationaler Bedeutung oder ein internationales Thema kann der Freie haargenau zwei Redaktionen anbieten: der Zentralredaktion von Tamedia und von CH Media. Wenn er tollkühn ist, kann er’s auch noch bei der NZZ oder dem «Blick» probieren. Wenn er keine Stigmata fürchtet, käme vielleicht noch die «Weltwoche» oder die «WoZ» infrage.

Bei all diesen Organen gilt: Durch ständige Konzentration, Zusammenlegung, Entlassungen, plus weniger Platz, um den sich die verbliebenden Redaktoren schon prügeln, sind die Chancen des Freien ziemlich gering.

Nun kann er diese Chancen erhöhen, wenn er sich auf ein gern genommenes Thema spezialisiert hat. Wein, Wissenschaft, Musik, solche Sachen. Aber im Allgemeinen gilt: 500 Franken ist schon ein grosszügiges Honorar, alles, was über 1000 ist, gilt schon als seltene Ausnahme. Und wer letzthin mehr als 2000 Franken für ein Stück verdient hat, muss sich unbedingt bei mir melden.

Realistisches Bruttoeinkommen: 6000 Franken im Monat

Aber selbst wenn der Freie bienenfleissig und ohne Ferien im Schnitt 22 Tage im Monat arbeitet und die ihm auch voll bezahlt werden, käme er auf ein Bruttoeinkommen von 132’000 Franken im Jahr. Das hört sich nur für Angestellte riesig an, da es sämtliche Abzüge für Steuern, Versicherungen, Infrastruktur und so weiter nicht enthält. Aber abgesehen davon ist es natürlich völlig unrealistisch.

Obwohl die meisten Freien entschieden mehr arbeiten, können sie im Allgemeinen höchstens die Hälfte dieser Tage auch in Rechnung stellen. Denn die geleistete Arbeitszeit ist schon längst nicht mehr der Massstab der Bezahlung. Sondern: Wenn du dein Stück loswerden willst, dann vergiss die drei Recherchier- und Schreibtage; es gibt 500, und basta.

Früher gab es noch die Möglichkeit, dann zur Konkurrenz zu rennen. Also was die «Berner Zeitung» nicht wollte, könnte ja den «Bund» interessieren. Da es aber, mit der Ausnahme Zürichs, heutzutage nur jeweils ein Monopolblatt am Platz gibt, fällt das auch weg.

Aufmüpfige Freie sind todesmutig

Geradezu todesmutig sind Freie, die es wagen, gegen willkürliche, ruppige, unfeine Behandlung zu klagen. Der (noch) auf seinem Redaktionsstuhl sitzende Mitarbeiter weiss, dass er am viel längeren Hebel sitzt. Wer sich beschwert, sei das über nicht abgesprochene Kürzungen, Verschiebungen, Verunstaltungen des eingereichten Texts, oder gar über den Zufall, dass das Thema zwar abgelehnt, aber überraschenderweise dann als redaktioneller Beitrag abgehandelt wurde, der kann sich auch gleich einen Post-it-Zettel an die Stirn kleben: Ignoriert mich in Zukunft.

Viele Freie könnten stundenlang davon erzählen, wie sie von desinteressierten Redaktoren nicht mal einer Antwort gewürdigt wurden, ihnen beim Nachfassen beschieden wurde, dass der Redaktor furchtbar beschäftigt sei, noch keine Zeit gehabt habe, aber es sei natürlich freigestellt, das Stück woanders anzubieten.

Vogelfrei in allen Bedeutungen des Wortes

Denn spätestens seit Corona sind freie Journalisten vogelfrei. In jedem Sinne des Wortes. Man kann sie vögeln, sie können geächtet werden, wenn sie unangenehm auffallen, man muss ihnen keine Behausung gewähren, sie sind eigentlich überflüssig.

Uneinsichtig dazu; sollen doch endlich einen anständigen Beruf lernen. Dass auch so gigantisch viel Fachwissen, Kenntnisse, bereichernde Blickwinkel verloren gehen: na und, die Medienhäuser haben es auch nicht leicht, und da die Staatströge nicht unablässig und für alle gefüllt werden, wollen sich natürlich zuerst die Medienhäuser bedienen. Und dabei ungerührt den Freien beim Verhungern zuschauen.

News aus dem Newsroom

Käfigtierhaltung wäre so nicht erlaubt.

Der Newsroom ist eine teuflische Erfindung. Wenn er auf dem Greenscreen hinter dem Sprecher der «Tagesschau» emsig arbeitende Journalisten zeigen soll, mag das als Dekoration noch angehen.

Aber die real existierenden Newsrooms, sei das bei Ringier, bei Tamedia, bei CH Media oder auch im Schweizer Farbfernsehen, würden Tierschützer auf die Barrikaden steigen lassen. Da dort aber nur Journalisten gehalten werden, bleiben sie untätig.

«Wir sprechen am Telefon und zu zweit so leise wie möglich», dekretierte SRF für den ersten, provisorischen Newsroom. Für Erbsenzähler und Manager sind Newsrooms wunderbar. Synergie, kurze Amtswege, weniger Platzbedarf, mehr Kontrolle, bessere Messung der Leistung.

Selbst Verrichtungsboxen waren noch besser

Für Kindersoldaten und altgediente Redaktoren waren selbst ihre vorherigen Verrichtungsboxen, links und rechts mit einer Stellwand abgetrennt, noch besser. Sie ermöglichten noch einen letzten Rest von Privatsphäre, von vertraulichen Gesprächen, von kleinster Abgeschiedenheit beim Ringen um die richtige Formulierung, den richtigen Einstieg.

Um die Privatsphäre zu vergrössern, war es nicht unüblich, schalldämpfende Kopfhörer zu tragen, als wäre man auf einer Baustelle neben dem Presslufthammer. Sitzung war gestern, heute ist Stehung, direkt vor Ort, Nicht-Beteiligte sollen einfach weghören. Klare Abläufe war gestern, heute wird mit absurd vielen Hierarchiestufen versucht, wieder Ordnung in das Chaos zu kriegen, das der Newsroom ausgelöst hat.

Journalisten können nicht organisieren

Chef vom Dienst war gestern, heute heisst das zum Beispiel bei SRF «Decision Desk». Englisch knallt doch einfach mehr als Entscheidungstisch. Denn der Newsroom hat nicht nur alte Strukturen aufgebrochen, was gar nicht so schlecht ist. Sondern Journalisten vor das Problem gestellt, etwas zu machen, was sie nur schlecht können: organisieren.

Ein Textroboter kann heutzutage problemlos ein Sportereignis wiedergeben, wobei ihm, im Gegensatz zu Boris Becker, allerdings die Attraktivität der Schiedsrichterin entgeht. Aber ein Journalist aus Fleisch und Blut neigt zur Unordnung, zum schöpferischen Chaos, zum Improvisieren, immer getrieben von Deadlines und Konkurrenzdruck. Ausserdem sind sie ausgesprochene Individualisten.

Mehr Häuptlinge, weniger Indianer

Dem wird nicht nur bei SRF mit einer Unzahl von Häuptlingen begegnet. Die versuchen nun, ihre Indianer in wechselnden Formationen, genannt Themen, zusammen- und anzutreiben. Denn die Zeiten, als Redaktoren festen Gefässen zugeteilt waren, sind vorbei. Einigermassen sicher ist nur noch der Posten des Präsentators der Sendung.

Der Journalist ist auch, trotz trüben Zeiten, ein aufmüpfiges Wesen, sonst hat er seinen Beruf verfehlt. Zudem ist er meistens in der Lage, einigermassen verständlich zu formulieren. Und er weiss auch, wann ein interner Protest zur News wird. Indem man ihn durchsickern lässt, wie sonst. Und da sich Journalisten für nichts so sehr interessieren wie für Journalisten, ist grosse Aufmerksamkeit gewiss.

Mitarbeiter des SRF-Newsrooms beschweren sich

So beschweren sich die Mitarbeiter des SRF-Newsrooms über naheliegende Probleme: Zu viel Gequatsche, zu viel Koordinationsaufwand, zu viele Häuptlinge. Zu wenig Freiräume, zu wenig Mitentscheidungsmöglichkeiten. Das führe zu Frust und Abgängen, ausserdem klappe die Zusammenarbeit zwischen TV und online nicht wirklich.

Der «Blick» hat in seinem Newsroom die Schlagzeile basteln lassen: «Aufstand im Newsroom». Dabei dürfte die dortige Häuptlingsriege einen Moment leer geschluckt und über die Schulter geblickt haben. Aber keine Bange, ist nichts passiert.

Rund 30 Tapfere haben ein Protestschreiben an die Chefetage von SRF gerichtet, in einer anonymen Umfrage sollen 75 Prozent der Newsroom-Insassen gemeckert haben, dass ihre Standpunkte nicht genügend berücksichtigt würden. Ob das wohl daran liegt, dass von den immerhin 200 Mitarbeitern nicht mal 30 den Mut fanden, ihren Namen unter die Beschwerde zu setzen?

Keine neue Erfindung, lösbare Probleme

Das Grossraumbüro ist wahrlich keine neue Erfindung. Seitdem das Klappern von Schreibmaschinen durch das leise Klicken der Computertastatur abgelöst wurde, also vor rund 40 Jahren, wurden die vorher schon existierenden Büros ohne Trennwände noch grösser und grösser. Das bedingte eine andere Art der Organisation, der Abläufe, der Hierarchien.

Im normalen Bürolistenleben funktioniert das, selbst der Büroarbeiter als Nomade, der sich jeden Tag einen Arbeitsplatz suchen muss, funktioniert leidlich. Vom Home-Office ganz zu schweigen. Aber in der Medienwelt gibt es immer wieder gröbere Probleme. Eine klare Kampflinie zwischen alten Medien und neuen. Zwischen schnell und langsam. Zwischen multimedial, multichannel und alten Gewohnheiten.

Ein Managementproblem, das eigentlich zu lösen wäre. Wenn es begabte Medienmanager gäbe. Statt immer mehr Häuptlinge und immer weniger Indianer.