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Ex-Press XXV

Blüten aus dem Mediensumpf.

Sonntag, Früher Primeur-Tag (weil man am Samstag nur schwer eine superprovisorische Verfügung kriegte), inzwischen Gähn-Tag.

 

Ist Pensionär Müller in der NZZaS zu Selbstkritik fähig?

Felix E. Müller, die schreibende Sparmassnahme bei der Medienkritik der NZZaS, macht in Selbsterkenntnis. «Macht doch weniger Interviews», fordert er nassforsch. Sei doch nur eine Sparmassnahme, schnell gemacht, schnell Seite gefüllt. Vor allem Führungsfiguren würden doch sowieso nur «gedankliches Styropor» absondern, reine «Worthülsen».

Hoch das Glas: Müller als angemieteter Fachreferent auf grosser Fahrt.

Man ist sich sicher: das ist die Einleitung zu einer Selbstkritik. Denn ist Müller nicht selbst Autor des schnarchlangweiligen Buchs «Gespräche mit Alain Berset»? 106 Seiten gedankliches Styropor in Fragen und Antworten, für happige 29 Franken. Ein Weihnachtsgeschenk für den Bundesrat, als ihn noch alle richtig lieb hatten.

Während früher für Müller galt: nichts ist älter als seine Schlagzeile von gestern, hat er sich weiterentwickelt: nichts ist älter als sein Buch von gestern. Nur in einem ist er sich treu geblieben: Selbsterkenntnis, Selbstkritik, selbst wenn sie bei diesem Thema mit beiden Armen winkt? I wo, ach was, Müller doch nicht. Das wäre doch keine Medienkritik, sondern Kritik an einem gedanklich inkontinenten Rentner.

Wir sehen auch das Positive

Aber, wir sehen auch Positives, angesichts des bevorstehenden Prozesses in Frankreich, bei dem es darum geht, ob die 4,5-Milliarden-Euro-Busse gegen die UBS auch von der zweiten Instanz aufrecht erhalten wird, macht die NZZaS endlich mal ein lobendes Porträt von Markus Diethelm.

Und der Haifisch, der hat Zähne: Markus Diethelm.

Das ist der Chief Legal Councel der Grossbank, das dienstälteste Mitglied der Geschäftsleitung. Der mit Abstand cleverste Kopf in der Führungsetage einer Bank. Er machte das Unmöglich möglich und fabrizierte im Steuerstreit einen Vergleich, bei dem die UBS mit 780 Millionen Dollar Busse sehr glimpflich davonkam. Die CS, da sind halt andere Pfeifen am Gerät, kam mit 2,6 Milliarden an die Kasse. Ein Meisterstück. Als Opferanode musste die UBS Kundendaten ausliefern, was der Bundesrat per Notrecht bewilligte. Damit war das Bankgeheimnis Geschichte, aber die UBS gerettet.

«Willst Du es mit dem Geier aufnehmen, musst du das Spiel des Geiers spielen», soll seine Maxime sein, laut NZZaS. Interessant, so überlebt man offensichtlich bei der UBS am längsten. Nächste Bewährungsprobe: die 4,5 Milliarden müssen weg. Da er höchstpersönlich die UBS vertritt: nichts ist unmöglich.

 

Wenn der Papagei onaniert

Dieser Titel hat wirklich Potenzial, in die heilige Halle der ewig besten aufgenommen zu werden: «Hilfe, mein Papagei onaniert!» Erschwerend komme noch hinzu, dass die Vögel dabei mit 110 Phon ihr Wohlbefinden ausdrücken.

Ist das die Nuss danach? Befriedigter Papagei.

Ohne falsche Scham klärt hier die «SonntagsZeitung» über «Geile Vögel und ihre Sextoys» auf. Die Autorin zitiert sogar Fachleute auf diesem Gebiet: «Vor allem im Frühling würden Papageien und Sittiche viel onanieren. «Da sind sie alle ein bisschen verrückt»», weiss die Leiterin der Auffangstation für Papageien und Sittiche (APS) in Matzingen TG.

Aber nicht nur Vögel vögeln mit sich selbst, es gibt auch «horny Hörnchen», Schildkröten (wie die das wohl tun?), Pferde, Delphine und natürlich viele Affenarten, weiss ein britischer Wissenschaftler, der «die erste Datenbank über masturbierende Vögel» bewirtschaftet.

Ich hätte allerdings eine alternative Verwendung für diesen Titel: Könnte man den nicht über viele Werke der arbeitsplatzsichernden Mainstream-Journalisten schreiben? Vielleicht eröffnen wir hier eine neue Rubrik.

Kandidat für eine neue Rubrik

Als erster Kandidat bietet sich Denis von Burg an, der Politchef der SoZ. Mit Füssen getretene «politische Redlichkeit», «realpolitisch irr», kommt der Haltung der «Corona-Leugner nahe», «skandalös», gar «faktisch ein Putschversuch». Natürlich wird hier mal wieder «an den Grundfesten der Demokratie gerüttelt». Himmels willen, müssen unsere wehrhaften Mannen das Sturmgewehr aus dem Schrank nehmen und in Bern die Demokratie retten? Gegen wen nur, wer wagt solch finsteres Tun?

Weiss immer, wie es ist: Denis von Burg.

Oh, «bürgerliche Parlamentarier», die sich, – vade retro, Satana, schleich dich, Satan – hinter dem Ex-SVP-Präsidenten Albert Rösti scharen, wollen, nomen est omen, dass Gaststätten schon früher wieder öffnen können. Oh, sichern, Munition rausnehmen, Gewehr wieder in den Schrank. Ohne sich in den eigenen Fuss zu schiessen, das erledigt schon von Burg vom Titel abwärts: «Die Bürgerlichen verhalten sich wie in einer Bananenrepublik».

Allerdings gräbt auch die SoZ einen kleinen Streit aus, der durchaus höheren Unterhaltungswert hat. Denn Ex-Task-Force- und Immer-noch-Präsident des Schweizer Nationalfonds tritt dem bekannten Epidemiologen Marcel Tanner öffentlich kräftig in den Hintern.

Wenn zwei Wissenschafter öffentlich catchen

Mit einfachen Mitteln. Matthias Egger stellte ein Bild von Tanner auf Twitter, mit einer Aussage von ihm vom letzten Mai. «Es werde keine zweite Welle geben» hatte Tanner damals prophezeit. Maliziös ergänzt das Egger mit einem Auszug aus wissenschaftlichen Standesregeln: «Vermeiden Sie ungerechtfertigte Gewissheit.» Wunderbar, nur sollte diese Regel für alle Wissenschaftler gelten, die kakophonisch in die Pandemie hineinkrähen.

 

Ende mit kurzem Schrecken

Ach ja, dann soll es noch den «SonntagsBlick» geben. Bevor der zu quengeln beginnt: Das Interview mit dem inzwischen 80-jährigen Tom Jones ist unterhaltsam, aber vor allem wegen Jones. Das Porträt der Corona-Kreische Emma Hodcroft, die etwas unter Aufmerksamkeitsmangel leidet, ist hingegen schnarchlangweilig und überflüssig.

Topseriöse Wissenschaftlerin: Emma Hodcroft.

Und unser neuer Lieblingskolumnist Frank A. Meyer? Schimpft etwas lahm – im Vergleich zum Ausbruch beim Thema Burka – gegen den Ausverkauf der Heimat und Aufenthaltsbewilligungen für ganz Reiche. Aber die Schlusspointe reisst’s dann fast wieder raus:

«In der Schweiz ist Korruption gratis.»

 

CH+ oder CH++

Noch ein Aperçu aus dem «berühmt durch Corona»-Sumpf. Marcel Salathé, inzwischen anderweitig versorgt und der Durchstarter dank Covid19, hat aus anhaltender grosser Sorge mit 15 weiteren «Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft» die «gemeinnützige Organisation CH++» gegründet. Dabei ist all diesen Koryphäen wohl entgangen, dass es bereits die im Handelsregister eingetragene GmbH CH+ gibt. Die zufälligerweise dem Autor gehört. Guter Start; Abmahnung wegen Verwechslungsgefahr ist unterwegs, die Chance, dass CH++ bald ins Minus rutscht, ist gross.

Besinnlicher Advent

Auch diese Tradition verschwindet im Journalismus.

Früher fürchtete sich die ganze Redaktion vor der Frage: Was machen wir am Advent?

Es ist eine der vielen undurchschaubaren Riten der Christenheit. Die vier Sonntage vor dem 24. Dezember sollen auf die Niederkunft von Maria mit dem Gottessohn geistig vorbereiten. Auch besinnlich; am Samstag vor dem ersten Advent ist Vesper.

Da könnten sich auch unsere jüdischen Mitbürger anschliessen, denn Psalmengesänge pflegen sie auch. Das mit der Geburt Christi sehen sie allerdings etwas anders. Völlig an einem gewissen Körperteil vorbei geht der Brauch unseren muslimischen Mitbürgern. Für die ist es ein Sonntag wie jeder andere; es gibt immer noch zu viele Ungläubige auf der Welt, irgendeine Beleidigung Allahs oder Mohammeds muss auch gerächt werden, die Scharia gilt immer noch nicht überall in Europa, also alles normal.

Im Journalismus geht es weltlich zu

Etwas weltlicher geht es im Journalismus zu. Von dümmlichen Kalauern wie «Advent, Advent, die Erde brennt» bis zu einer Todesanzeige auf der Front der NZZaS. Auch da brennt’s, wenn auch nur in Form eines Kerzleins, das an «die Opfer der Pandemie» erinnern soll. Wie kriegt man über 4000 Tote auf zwei Zeitungsseiten? Überhaupt nicht, deshalb erzählt die NZZaS in weihevollem Ton «zwölf Geschichten über ganz normale und doch besondere Menschen», die an oder mit Covid-19 gestorben sind.

Ich will ja nicht die andächtige Bibelstimmung (12 Tote, 12 Apostel) stören, aber: In der Schweiz starben 2019 etwas über 67’000 Menschen. An Krankheiten, Unfällen, sogar Verbrechen – oder einfach am Alter. Und solange das Medianalter der Corona-Toten oberhalb der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Schweiz liegt, hält sich meine Anteilnahme in Grenzen.

Die SoZ ist auf Krawall gebürstet

Überhaupt nicht weihnachtlich gestimmt ist hingegen die SoZ. Sondern eher auf Krawall gebürstet. «Altersheime setzen an Covid-19 erkranktes Personal ein», erschreckt das Sonntagsblatt harmlose Angehörige von Insassen. Dann läutet die SoZ das Totenglöcklein über der Skisaison, wenn sich BR Alain Berset mit seinen massiven Einschränkungen durchsetzen sollte. Wäre ja auch blöd, wenn man gerade den Zusatzbund «Winter» mit den «75 besten Winterhotels der Schweiz» gedruckt und beigelegt hat.

Überhaupt nicht in der Stimmung der Nächstenliebe ist auch der zweite Zeitungsbund: «Der jihadistische Terror zielt auch auf die Schweiz.» Müssen wir uns nun vor explodierenden Weihnachtsmännern in Acht nehmen?

Selbst die sonst eher harmlosen Ressorts «Gesellschaft» und «Kultur» sind garstig unterwegs: Die Bestsellerautorin J.K. Rowling sei «transphob», beschwert sich «Transaktivist Henry Hohmann». Das muss dann wohl selbst der gebildete SoZ-Leser mal kurz googeln, was und wer das ist.

Und selten schlüpfrig beendet die Kultur den überhaupt nicht besinnlichen Reigen: «Hazel Brugger machts neuerdings nicht mehr gratis.» Dass ausgerechnet der tapfere Kämpfer gegen Diskriminierung, für #metoo und überhaupt gegen alles Unrecht auf der Welt, der Tamedia-Redaktor Andreas Tobler, einen solchen frauenverachtenden Titel zulässt, unglaublich. Ab zum Bäume-Umarmen, Abbitte leisten und unbedingt beim Sensibilisierungskurs «Männer sind Schweine» anmelden.

Wenigstens der SoBli liefert das, was zu erwarten ist

Aber auf ein Sonntagsblatt ist Verlass. Der SoBli holzt wie üblich vor sich hin. Mit Aufregertiteln: «Die Schweiz ersäuft in Gülle», mit politisch unkorrekten Titeln: «Radikalisierte Frauen sind genauso gefährlich», und mit Titeln, die es gnadenlos auf den Punkt bringen: «Pulver gut, Stimmung mies».

Ein wenig Besinnlichkeit kommt auf, wenn wie weiland Buschs Lehrer Lämpel unser aller Oberlehrer Frank A. Meyer die Journalisten zusammenstaucht. Warum? Na, die haben doch tatsächlich über den Erpressungsversuch gegen Bundesrat Alain Berset berichtet. Handelt es sich bei der Erörterung von «Alain Bersets privater, ja intimer Kalamität um Futter für frivolen Klatsch?»

Ist die Ähnlichkeit nicht verblüffend?

Die Frage so stellen (der SoBli-Leser scheitert allerdings an Kalamität und frivol), heisst natürlich, sie beantworten. Aber bei einem eisigen Nein lässt es Meyer nicht bewenden. Zwar hat diesmal Blocher nichts damit zu tun, aber die «Weltwoche». Da läuft Meyer dann zu ganz unchristlichen Formen auf: «Das Blatt des rechten Eiferers Roger Köppel», «raunendes Machwerk», «genauso bringt man Klatsch ins politische Ziel», «beliebiger ideologisch-parteilicher Journalismus».

Und dann donnert der strafende und zürnende Meyer dem Eiferer Köppel noch eine rein: «Wer auf die Methoden des entfesselten Gender-Feminismus setzt, kennt keine private Sphäre mehr, die er zu achten hätte.» Das hat man bislang Köppel noch nie vorgeworfen, also ist es zumindest originell.

Platz für ergriffene Emotionalität wie von Wagner

Aber im SoBli gibt es auch Platz für pathetische Emotionalität, als hätte Franz Josef Wagner den Griffel geführt. Ausgerechnet von Dana Liechti stammt das Stück: «Lichter im Dunkel», über «Mahnwachen für Corona-Tote». Da könnte man nun einfach reportieren. Aber nein: «Elsa (89) und Josef Scherer (94) waren 68 Jahre lang verheiratet.»

Wir ahnen, wir befürchten, was nun kommt. In einem SRF-Beitrag aus dem Spital «er mit Schläuchen in der Nase, sie am Beatmungsgerät, die Hände liebevoll ineinanderverschlungen», wünschten sie sich noch zwei weitere gemeinsame Jahre.

Wir blinzeln die Tränen aus den Augen, schneuzen uns kräftig und lesen weiter: «Ihr bescheidener Wunsch ist nicht mehr in Erfüllung gegangen.» Gibt es denn keinen Trost auf der Welt? Doch, ein Licht im Dunkeln: «Zwei der Kerzen werden auch für Elsa und Josef Scherer brennen.»

Hier muss der gerührte und geschüttelte Autor abbrechen.