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Es darf gelacht werden: Der Sonntag war zäh

Man spürt das Aufatmen, dass wenigstens die Beerdigung von Prinz Philipp Platz füllt.

 

Bilderblatt SoBli

«Sonntags

Blick |»

hat’s nicht leicht. Logo, so nennt das der Designer, Pardon, verkackt, Cover langweilig aufgeräumt, kein Wunder, dass die Titelgeschichte streng nach Mundgeruch unter der Maske riecht:

Wie verzweifelt muss man sein, um das zur Titelstory zu machen?

Auch der SoBli, wir machen doch eine Fotoromanza draus, muss natürlich noch etwas zu Tschanun sagen. Der kann sich ja nicht mehr wehren:

Dafür hätte er natürlich nochmal in den Knast gemusst.

Prinz Philipp, Beerdigung, Trauer, Königshaus, kriegen die beiden Enkelkinder Krach, bricht die Queen zusammen?

 

Allein, aber ungebrochen: die Queen.

Da hätte man was draus machen können. Aber «Die gebrochene Queen»? Sieht so diese tapfere, zähe, niemals die Contenance verlierende Dame aus? Und dann schlechtes Geschwurbel: «Niemand hält ihr die Hand, niemand tröstet sie.» Der Queen die Hand halten? In der Öffentlichkeit? Sie gar trösten? Ach, Helmut-Maria Glogger, wie du fehlst.

Inhalt? Jemand fragt nach Inhalt? Aber bitte sehr:

Mit so was verdient er seit vielen Jahren sein Auskommen.

Ein kleiner Kalauer im Titel, aber dann reitet Frank A. Meyer eines seiner Steckenpferde zu Tode. Kein Rahmenabkommen, heul. Schweiz wird’s dreckig gehen, schluchz. «Miteinander statt Gegeneinander» in Europa, tagträumt Meyer. Und die Schweiz, das kleine Stachelschwein, will wieder ganz alleine sein. Wäre doch auch ein hübscher Titel gewesen.

Noch mehr Inhalt? Nun ja, das ist hier so eine Sache:

Der Peter Maffay der Literatur.

Noch wichtiger als der Büchnerpreis – seither rotiert der arme Büchner im Grab – ist bei modernen Gesinnungsdichtern – das Foto. Darin hat sich Lukas Bärfuss von Anfang an ausgezeichnet. Lächeln, Weinglas auf dem Kopf, Grimassen? Himmels willen, das wäre ja Friedrich Dürrenmatt, niemals.

Der Dichter muss so schauen wie Bärfuss. Grimmig, leidend, misstrauisch, kritisch. Aber wehrhaft, mit den Fäusten die Brecht-Lederjacke umklammert. Brecht? Ach, lassen wir das. Haare streng zurückgekämmt, graumeliert, das Leiden an der Welt hinterlässt Spuren. Dazu der sorgfältig unterhaltene Dreitagebart, Symbol für: kam nicht mal zum Rasieren, musste schreiben.

Kleider machen keine Schriftsteller

Was das alles mit dem Inhalt vom «Essay» zu tun hat? Nichts, aber im Essay gähnt ja auch das Nichts. Bärfuss fordert den Rücktritt der Bundesräte Berset und Cassis. Das zeugt von überparteilicher Strenge. Auch Didaktik ist dem Dichter nicht fremd. So raunt er verdichtet schon am Anfang: «Die Schweizer Regierung besteht aus sieben Bundesräten, und jeder dieser sieben Bundesräte steht am Kopf einer Behörde, deren Aufgabe …»

So mäandert er sich durch Staatskunde für Anfänger und Zurückgebliebene. Viel zu viele Worte später erklärt der Nationalschreiber noch, was die Schweiz zusammenhalte: der «nationale Finanzausgleich». Darauf ist noch niemand gekommen, das ist originell. Allerdings nur deshalb, weil es bescheuert ist und deshalb von niemandem behauptet wurde. Bis Bärfuss kam.

Weiter stolpert Bärfuss durch die deutsche Sprache, die wie immer bei ihm nicht unbeschädigt davonkommt: «Leider gibt es hin und wieder Herausforderungen, die sich nicht in die Marktlogik übersetzen und deshalb nicht mit Geld lösen lassen.» Unübersetzbare Herausforderungen, die sprechende Marktlogik, die deshalb nicht angenommen oder bestanden werden, sondern gelöst? Oder eben nicht?

Müsste auch Bärfuss zurücktreten?

Der Sprache ist es schon ganz übel, und auch mir wird’s schummerig. Wollen wir’s nochmal probieren: «Die helvetische Normalität kennt nur die Verteilung des Gewinns. Einen gemeinsamen Verlust zu tragen, das vermögen wir hingegen nicht.» Hm, also allgemeine Gewinnverteilung, das wüsste ich aber. Und das gemeinsame Tragen von Velusten? Keine Ahnung, wo Bärfuss seine Steuern zahlt; sollte das in der Schweiz der Fall sein, trägt sogar er mit.

Aber wieso sollen denn nun ausgerechnet Cassis und Berset zurücktreten? Nun, wenn man dem Dichter folgen will: «Berset wollte keine Lockerungen, und Cassis wollte gar nie wirklich fürs Rahmenabkommen kämpfen.» Aha.

Bärfuss will doch auch nicht der deutschen Sprache ständig ans Mieder gehen und schlecht formulierte Absurditäten furzen. Aber obwohl er es tut, fordert niemand ein Schreibverbot für ihn. Das ist zwar bedauerlich, muss aber ertragen werden.

 

CH Media ist überall daheim

Das zweite Kopfblattmonster bemüht sich um Lokalkolorit. Manchmal gar nicht schlecht, um für unsere Ostschweizer Leser mal aus dem «Tagblatt» zu zitieren:

«Mit dem Slogan «So schmöckt’s Dihei» versucht ein Werbespot, Gemüsebouillon mit Heimatgefühlen zu verknüpfen. Nur: Der Sprecher sagt auf eine Art Zürichdeutsch «bi öis z Schaffuuse», die Herstellerfirma gehört einem britischen Grosskonzern, und als Hintergrund präsentiert sich ein Schneeberg aus Oberbayern – wo sind wir nun eigentlich dihei?»

Nicht schlecht die Katastrophe beschrieben, wenn Grosskonzerne Grossagenturen mit Werbung beauftragen, aber unbedingt authentic, you know. Heidi snow mountains, perhaps chocolate, okay?

Immerhin, auf zwei Seiten hat CH Media eine Antwort auf die Frage gefunden, die am Wochenende alle Redaktionen umtrieb: okay, Beerdigung, was machen wir dazu? Also neben dem, was alle anderen auch machen? Beerdigung, Leichenzug, was ist das Faszinosum daran? Das kann eine fürchterlich langweilige Story werden. Aber nicht, wenn sie von Daniele Muscionico geschrieben wird.

Das Lesevergnügen vor dem Tod.

Der persönliche Einsteig sei ihr verziehen, denn er ist gut. Und wer relativ rasch Helmut Qualtinger zitiert, kann anschliessend sowieso kaum mehr etwas falsch machen. Denn Qualtinger war einfach herausragend genial, und seine Sentenzen funktionieren auch, wenn nicht er selbst sie vorträgt:

«In Wien musst’ erst sterben, damit sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang.»

Weiter vorne beisst sich die «Schweiz am Wochenende» an etwas fest, was Journalisten ungemein, 90 Prozent der Leser eher am Rande interessiert: Wie war das nun genau beim Westschweizer TV? Aufmacher auf Seite eins, Doppelseite dahinter, grosser Kommentar im Anschluss.

Erschwerend kommt noch hinzu: weil sich Journis so extrem für sich selbst interessieren, basteln sie sogar eine Doppelseite über ihre (kleine) Welt, wenn es eigentlich nichts Neues zu berichten gibt.

Die Berichterstattung ist gar nicht knapp.

Letztlich ist diese Riesenstory so aussagekräftig wie der Minikommentar und Artikel zu Kuba, wo ein Fernrohrbeobachter aus Mexiko seine Erkenntnisse rieseln lässt. Jetzt müsse ökonomisch etwas geschehen, aber das sei gar nicht so einfach. Das hätte man auch unter dem Schreibtisch in Aarau herausfinden können.

Aber, das muss man Patrik Müller lassen, ein Interview mit Bradley Birkenfeld, der den ersten, bereits tödlichen Schuss auf das Schweizer Bankgeheimnis abfeuerte, keine schlechte Idee. Er musste dafür in den Knast, bekam aber rund 100 Millionen Dollar «Finderlohn», weil er dazu beitrug, die Schweizer Banken abzumelken.

Macht was her: der neue Maybach.

Viel Neues hat auch er nicht zu sagen, aber er ist ein unterhaltsamer Ami, und wir freuen uns, dass es ihm gutgeht: «Demnächst wird mein neuer Mercedes-Maybach ausgeliefert. Ich habe mir auch einen Ferrari F8-Spider gegönnt.» Für Sozialneidige: So ein Maybach kostet von 200’000 Franken aufwärts.

Etwas zu barock in der Innenausstattung: so mag’s der Scheich.

Corona: Massaker beim SoBli, Gleichmut bei der NZZaS

Sonntagsverbot für Kioske trifft Verlage unterschiedlich.

Wie hart trifft die Schweizer Verlage das Kioskverbot am Sonntag? Sehr unterschiedlich, wie eine Umfrage von ZACKBUM.ch aufzeigt.

Seit 2015 führt die «Sonntagszeitung» keine Verkaufsboxen. Die bundesrätliche Anordnung, die Kioske am Sonntag zu schliessen, trifft den Verlag doppelt so schwer. «Der aktuelle Auflagenrückgang aufgrund der Corona-Massnahmen», so die Pressestelle auf Anfrage, «bewegt sich im einstelligen Prozentbereich». Bei einer Auflage von 140’000 entspricht ein Prozent 1400 Exemplaren. Immerhin: «Zu unserem Verkaufsstellennetz gehören auch Bäckereien, die sonntags geöffnet haben.» An einer Wiedereinführung der Verkaufsboxen besteht bei Tamedia kein Interesse.

Auch die NZZaS will ihre vor Jahren abgeschafften Boxen nicht wieder einführen. Und da die «NZZ am Sonntag» in erster Linie ein Abonnementstitel sei, wirke sich die Schliessung der Verkaufsstellen am Sonntag nur begrenzt aus, so der Verlag. Man bedaure aber, dass Kunden, «die gewohnt sind, das Blatt an Verkaufsstellen zu beziehen, dies derzeit nicht mehr tun können.» Wie hoch die Einbussen sind, wollte die NZZ nicht bekannt geben.

Ringier hat eigentlich die besten Bedingungen. Der Verlag füllt als einziger Schweizer Verlag noch die Zeitungsboxen am Sonntag auf. Rund 1000 Automaten stehen laut Medienstelle in der ganzen Schweiz herum. «Aufgrund der aktuellen Lage haben wir unsere Befüllmenge verdoppelt», so Ringier. Und zusätzlich zu den Automaten würden über 220 Bäckereien den SoBli verkaufen.

Dann müsste der Verlag eigentlich mit einem blauen Auge davonkommen. Überhaupt nicht! Ringier:

Die Kiosk-Schliessung bedeutet für den SonntagsBlick, dass 7 von 10 Exemplaren am Sonntag nicht über den Ladentisch gehen. Etwa 30 Prozent konnten wir bislang dank Verkaufsboxen, Bäckereien und anderen Massnahmen auffangen. Der Verlust ist somit erheblich.

Ein bisschen fällt es schwer, allen Antworten zu glauben. Nur wenig Verluste bei der NZZaS, aber massive Einbrüche beim SoBli? «One of us is crying, one of us is lying.»

 

Sobli-da-so-blöd-da

Der «SoBli» als Bundesratsversteher.

Wo und wie fasst man als Journalist eigentlich einen Bundesrat an? Erfahrene Kollegen raten: Gleich wie einen Bauern oder wie den Kellner, der gerade den Kaffee auf den Tisch stellte.

Der «Sonntagsblick» hat in Bundesbern zwei junge Journalisten akkreditiert: Camilla Alabor und Simon Marti. Die beiden führen Interviews mit der obersten Exekutive des Landes. Krawall ist nicht so ihr Ding, sie plaudern lieber ein bisschen um den heissen Brei herum, und schon sind zwei Seiten voll.

Niemanden störte das wirklich. Es ging auch so lange gut, wie in der Schweiz alles bestens lief. Vollbeschäftigung, schöne Landschaft, warme Gipfelis. Momentan aber läuft gar nichts gut. Der Bundesrat trägt einen wesentlichen Teil der Schuld auf sich.

Im aktuellen «Sonntagsblick» gibt es nun ein Interview mit der Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Wieder mit Alabor und Marti. Machen wir kurzen Prozess: Es ist das bisher schlechteste Interview, das ich von den beiden gelesen habe. Für mich unverständlich, warum man diese beiden Gutwetterjournalisten an ein so wichtiges Gespräch lässt, anscheinend unbetreut.

Warum ich das Interview so schlimm finde? Weil Camilla Alabor und Simon Marti das nicht gemacht hatten, was sie eigentlich mussten: Fragen stellen. Die Politikerin habe ihnen «einen Blick hinter die Kulissen gewährt», freuen sich hingegen Alabor und Marti. Für den Onlinetext wird ein Bild ausgesucht, dass an Jesus‘ Abendmahl erinnert. Alabor und Marti holen die Harfe und texten: «Mit dem Ausbruch der Coronakrise fand sich Simontta Sommaruga plötzlich in der Rolle der Landesmutter wieder.»

Harfe kurz weggelegt, dafür mit Posaune: «Auf einmal im Auge des Sturms. In ihrer Mitte: die Bundespräsidentin.» Was ist das für ein Schwachsinn? Schreiben unsere deutschen Kollegen solche Hymnen auf Spahn oder Merkel? Nein, die werden gegrillt, geröstet und gegessen. Ist das schlimm? Nein, es nennt sich Job.

In welchem Land der Welt schreibt der Boulevard: «Plötzlich fällt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (60) die Aufgabe zu, das Land durch die Krise zu führen. Den Bundesrat zusammenzuhalten. Die Kantone miteinzubeziehen.»

Alabor und Marti haben sich für eine didaktische Interviewform entschieden: Auf eine Antwort von Sommaruga folgt die Erklärung der Redaktion. Erstes Beispiel: Sommaruga:

«In dieser Phase hat sich der Bundesrat darauf verlassen, dass die Kantone ihre Verantwortung übernehmen.»

Alabor und Marti kommentieren:

«Ebenso wie die Schweizer Bevölkerung zählte auch der Bundesrat darauf, dass die Kantone den Sommer zur Vorbereitung auf die zweite Welle nutzen. Das hat ganz offensichtlich nicht geklappt.»

Zweites Beispiel: Sommaruga

«Der Wendepunkt war für mich der Freitag, 9. Oktober, als die Zahlen emporschnellten Da habe ich meine Bundesratskollegen Alain Berset und Guy Parmelin angerufen und gesagt: So geht es nicht weiter. Wir müssen die Kantone an den Tisch holen.»

Alabor und Marti nicken und schreiben als Kommentar:

«Gesagt, getan.»

«Wenn es sein musste», schreiben die beiden Journalisten an anderer Stelle, «griff sie auch mal zum Telefon und organisierte (…) ein Krisentreffen mit den Kantonen.» Wer so etwas schreibt, hakt auch nicht nach, wenn die «SP-Magistratin» Zeugs wie dieses sagt:

«Ich notierte in meinem Notizheft bereits Anfang Oktober: Der Bund muss wieder präsenter werden.»

Die beiden anständigen Bundeshaus-Journalisten wollten wahrscheinlich ihren Badge fürs Bundeshaus nicht verlieren. Dafür verliert der «Sonntagsblick» noch weiter an Abonnenten.

Bla Bla Blattkritik

Die Sonntagspresse im Test. Wer ist top, wer Flop?

Zugegeben, es mag unfair sein, ausgerechnet den 2. August als Testgrundlage zu nehmen. Samstag 1. August, Sommerloch, Höchststrafe für die Redaktoren, die sich dennoch genügend Themen aus den Fingern saugen müssen.

Auf der anderen Seite verlangen die drei Sonntagsblätter ja nicht weniger Geld für weniger Inhalt. Da schwingt der «SonntagsBlick» (SoBli) obenaus. Für Fr. 4.90 gibt es 39 Seiten Politik, People und Vermischtes, 39 Seiten Sport und 35 Seiten Magazin. Allerdings im Tabloid-Format, also werden die auf 56,5 Seiten umgerechnet. Die Verlagsbeilage 20/20 mit einigen sehr interessanten Formen von Schleichwerbung läuft ausser Konkurrenz.

Es gibt keine Primeurs oder Skandale

Die «SonntagsZeitung» (SoZ) will Fr. 6.- für 60 Seiten, die NZZamSonntag (NZZaS) gar Fr. 6.50 für ganze 48 Seiten. Obwohl deren Magazin «Sommerpause macht» und sich erst Mitte August zurückmeldet. Alle drei Blätter sind erschreckend-angenehm inseratefrei.

Gut, das ist die quantitative Analyse, viel wichtiger ist natürlich der Inhalt. Zunächst fällt auf, was es nicht gibt. Primeurs, Skandale, Enthüllungen. Das war früher das Geschäft von SoBli und SoZ, selbst die NZZaS war sich nicht zu schade, mal für Gesprächsstoff zu sorgen. Alle drei Blätter profitieren davon, dass Samstag weitgehend gegendarstellungsfreier Raum ist. Da kann man ungeniert holzen und dazu schreiben: War für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Diesen Sonntag aber ist der SoBli eindeutig das staatstragende Organ; er macht mit einem Interview mit Aussenminister Ignazio Cassis auf. Inhalt? Unwichtig, Interview mit Bundesrat ist immer gut. Die SoZ will Mut machen und behauptet «Die Schweiz trotzt der Krise», die NZZaS verlangt «Ruhe!» in der Natur und beklagt, dass der Bund «Impftests verschläft».

Der SoBli sorgt für Aufreger

Für die einzigen Aufreger sorgt der SoBli; er zwirbelt die unterschiedlichen Auffassungen von Bund und Kantonen zum «Corona-Chaos» hoch. Dann hat er sich den ehemaligen Immobilien-Chef der SBB zur Brust genommen. «Filz nach Schweizer Art» schimpft er, denn der ehemalige Chef der zweitgrössten Immobilienfirma SBB sammelt nach seinem Ausscheiden fleissig VR-Mandate – logisch bei Baufirmen und anderen Unternehmen, die mit den SBB zu tun haben.

Obwohl die SoZ den grössten Umfang hat, muss man sich bei der Lektüre durch energisches Umblättern wachhalten. «Velofahrer ärgern sich über die SBB», «Feuer unterm Zeltdach», «Die erste Madam President», alles Artikel mit hohem Schnarchpotenzial. Einzig ein munteres, aber nicht ganz taufrisches Stück, «Wie Schweizer Mafiosi ihr Geld gewaschen haben», unterbricht die Monotonie. Allerdings traut sich der Autor nicht, die Namen der darin involvierten Banken zu nennen. Oder er hat sie nicht rausgekriegt.

Die NZZaS lässt einen Taliban sprechen

In der guten alten NZZ-Tradition, auch Mikronesien nicht auszulassen, wenn es dem zuständigen Redaktor beliebt, informiert sie den Leser auf einer Seite darüber, warum sich der afghanische Bauer Abdul Maruf den Taliban angeschlossen hat. Im «Hintergrund» glänzt Daniel Meier mit einem kenntnisreichen Stück über Kermit, den Frosch. Es ragt auch deswegen heraus, weil  Werweisen über die Frage, ob Trump freiwillig das Weisse Haus nach einer Wahlniederlage räumt und die Erinnerung an 75 Jahre Abwurf der Atombomben auf Japan zur Gattung gehören: Kann man machen, muss man nicht machen.

Sonst? Sagen wir so: Wirtschaft plätschert so vor sich hin, und dass der auch schon 75-jährige Bassist von Deep Purple im Aargau wohnt, ist an kulturellem Gehalt kaum zu überbieten. Bei der SoZ war früher einmal das grosse Interview als Auftakt des «Fokus»-Bundes ein Markenzeichen. Diesmal darf der neue Zoodirektor Lebensweisheiten unter die Leute streuen wie «Bei einem Tiger kommt man leider selten davon».

Dann der Notnagel, eine Doppelseite «Wie war denn der 1. August», auf Seite 19, neben den Leserbriefen ein bemerkenswertes Korrigendum über ZACKBUM.ch. Auch die Wirtschaftsredaktion der SoZ hat eigentlich nichts zu melden; eine interessante Abhandlung über die Entwicklung der Zinsen seit 1317 entpuppt sich als Zusammenschrieb aus einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema.

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Vom gleichen Autor, der schon mit der Mafia-Geldwäsche etwas für Unterhaltung sorgte, noch ein Stück über Schmiergeldzahlungen beim Bau der U-Bahn von Panama City. Nicht gerade überraschend, und auch nur ein Zusammenschrieb aus einem Bundesgerichtsurteil vom Mai. Dass Migros jetzt Schoggi von Coop verkauft, schafft es auch nur in der Saure-Gurken-Zeit zu fast einer Seite. Dass Frauen inzwischen offen dazu stehen, dass sie menstruieren; nun, das wollten wir Männer auch schon immer mal wissen.

Zur Abrundung entlässt einen die SoZ mit einer Seite redaktionelle Werbung für ein Töff und mit der Schmonzette, dass Bugatti eine Seifenkiste für Kinder auf edel getrimmt hat und für bis zu schlappen 60’000 Euro verkauft. Was darauf hinweist, dass der Artikel, wie viele andere auch, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen wurde und der bearbeitende Redaktor erschöpft war, nachdem er alle ß durch ss ersetzt hatte.

Dann folgen noch drei Seiten, die das Elend des Reisejournalismus bestens illustrieren. Lust auf Malta, eine Wandertour im Tirol oder patriotisch auf den Aletschgletscher? Die SoZ hat’s ausprobiert und findet’s grossartig. Super. Spitze, toll. Keinesfalls liegt das daran, dass bei allen drei Ganzseitern am Schluss verschämt steht «Die Reise wurde unterstützt durch …». Mit anderen Worten: bezahlte Werbung, die als redaktionelle Leistung daherkommt.

Eine überraschende Reihenfolge

Kassensturz am Schluss? Es fällt auf, dass die SoZ, aber auch zunehmend die NZZaS, mit übergrossen Fotos arbeiten. Der SoBli pflegte schon immer ein Boulevard-Layout mit hohem Bildanteil, knalligen Titeln, bunten Elementen. Bei der SoZ sind die bis zu halbseitigen Fotos, links und rechts von Textriemen umrandet, aber offensichtlich Platzhalter. Platzfüller.

Was erhält man also für insgesamt Fr. 17.40 (Einzelverkaufspreis)? 165 Seiten bedrucktes Papier. Natürlich rein subjektiv inhaltlich gewichtet: Die NZZaS hat mit dieser Ausgabe extrem enttäuscht. Kaum Lesenswertes, kaum Interessantes, kaum Hintergründiges, und das Magazin, kaum eingeführt, macht schon mal Pause.

Der SoBli zeigte sich interessanterweise staatstragend und sorgte mit dem Multi-VR für einen hübschen Aufreger. In der SoZ fielen nur zwei Stücke vom gleichen Autor über Gelwäsche und Schmiergelder positiv auf.

Es war also ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber zur eigenen Verblüffung ist die Rangordnung: 1. SoBli, 2. SoZ, 3. NZZaS.

 

 

Packungsbeilage: Der Autor war lange Jahre Auslandkorrespondent der NZZ, publiziert noch gelegentlich in der NZZ, hat aber in der NZZaS bislang ein einziges Mal einen Kommentar veröffentlicht.