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Schweizer Grossverlage fest in Männerhand

Chefredaktorinnen sind auch 50 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts eine exotische Spezies.

Sonntag, 7. Februar 1971 – vor genau 50 Jahren stimmten die Schweizer Männer für die Einführung des Stimm- und Wahlrechts  auch für Frauen. Natürlich ein prägendes Thema in den Medien. Doch einen Aspekt fand man nirgends. Wie halten es die Schweizer Medienhäuser eigentlich mit den Chefinnen bei den Redaktionen? Wo sitzen Frauen auf dem Newsroom-Chefsesseln und nicht nur im Assistenz-Zimmer? ZACKBUM.ch, selber ein reines Männertrio, aber immerhin als Kollektiv geführt, hat die Situation analysiert.

Fangen wir mit dem umsatzstärksten Medienunternehmen der Schweiz an. Bei der börsenkotierten TX Group AG.

Tamedia: Priska Amstutz erst in dritter Führungsebene

Chefredaktor der zur TX Group gehörenden Tamedia und somit der Tages-Anzeiger-Mantelredaktion und der Sonntags-Zeitung ist Arthur Ruthishauser. Was kompliziert tönt, ist recht einfach. Ein Mann, ein Chef.
Leiter der Regionalteile des Tages-Anzeigers, des Landboten, der Zürichsee-Zeitung und des Zürcher Unterländers ist nun Benjamin Geiger. Erst dann und eine Führungsstufe tiefer kommt eine Frau und erst noch in Co-Leitung; Priska Amstutz, zusammen mit Mario Stäuble. Bei der Berner Zeitung heisst das Geiger-Pendant Simon Bärtschi, beim Bund Patrick Feuz, bei der Basler Zeitung Marcel Rohr. Fazit: Beim sich oft linksliberalfortschrittlich gebenden Titel ist der Frauenanteil ganz oben eine Enttäuschung.

Wie sieht’s bei den anderen Titeln der TX Group aus? CR bei der Finanz und Wirtschaft: Jan Schwalbe. Immerhin: Bei Le Matin Dimanche ist Ariane Dayer Chefredaktorin. Bei der Tageszeitung «24 heures» teilt sie sich den Job aber mit Claude Ansermoz.

Auch zur TX Group gehört 20 Minuten. Hier ist Gaudenz Looser am Ruder. Bei der französisch- und der italienischsprachigen Ausgabe sind auch Männer Chefredaktoren. Als Stv. nach Lorenz Hanselmann beim Pendlerblatt-Hauptsitz in Zürich ist noch Désirée Pomper aufgeführt.

Dass bei der Vermarkterfirma Goldbachmedien mit Michael Frank ein Mann CEO ist – wohl nur eine Randnotiz.

Seit 2019 nicht mehr zur TX Group AG gehört die «Annabelle». Nach Lisa Feldmann (2004–2013) war Silvia Binggeli von 2013 bis 2019 Chefredaktorin.

Ringier: Bei den Chefredaktionen eine Männerdomäne

Das Familienunternehmen Ringier AG hat mit Ellen Ringier in der Verlegerfamilie eine prominente Stimme der Frauen. Bei der Frauenquote in redaktionellen Chefetagen schlägt sich das nicht unbedingt nieder.

Dabei lief eine Zeitlang alles recht gut. Andrea Bleicher, Kurzzeit-Chefredaktorin des Blicks 2013 holte damals viele Frauen in Führungspositionen. Die meisten mussten nach ihrem Abgang wieder gehen, wie sie später in einem Doppelpunkt-Interview bei Roger Schawinski sagte.

Zurück zum Heute: Konzernchef ist der ehemalige Journalist Marc Walder. CR der Blick-Gruppe ist der nebenberufliche Buschauffeur Christian Dorer. Dann kommen verschiedene Unterchefs, Andreas Dietrich (Blick) und Gieri Cavelti (Sonntags-Blick). Jetzt erst wird mit Katia Murmann eine erste Chefin aufgeführt, von blick.ch und mit dem Titel «Leiterin Digital». Seit März 2020 ist sie immerhin noch Verwaltungsratspräsidentin von SMD/swissdox, der Mediendatenbank für Journalisten. Und Steffi Buchli, die neue Sportchefin? Die Powerfrau ist, wenn man so will, durchaus Sport-Chefredaktorin. Oder aber einfach Ressortleiterin. Sie muss berichten an Andreas Dietrich und Gieri Cavelti, sowie übergeordnet an Christian Dorer…

Die Frauenzeitschrift in männlicher Hand

Weiter im Boulevard. Bei der Glückpost ist Leo Lüthy Chef. Früher war dort Béatrice Zollinger Chefredaktorin. Sie sagte mal: «Als Frau versteht man schon besser, was andere Frauen wollen». Lüthy macht seinen Job aber (auch) gut. Beim TV-Heftli Tele ist Gion Stecher CR, Chefredaktor Schweizer LandLiebe ist André Frensch. Bei der legendären ehemaligen Geldkuh SI (Schweizer Illustrierte) gibt’s eine Co-Leitung älter/jünger: Werner De Schepper und Nina Siegrist. In der Romandie hat es kürzlich Rochaden gegeben. Michel Jeanneret ist nicht mehr CR von I`illustre, sondern Chefredaktor von BLICK Romandie. L`ilustre wird neu von Stephane Benoit Godet verantwortet.

Beim eingestellten SI-Style fallen völlig veraltete Wikipediaeinträge auf, wie auch beim verblichenen «Blick am Abend». Aber das nur am Rande. Auch nicht mehr bei Ringier ist «le Temps». Dabei wäre dieser Titel für die Ehrenrettung gedacht gewesen. Denn dort ist Madeleine von Holzen Chefin.

Beobachter und Bilanz ohne Frauenleitung

Bei RASCH, einem Konstrukt zwischen Ringier und Axel Springer Schweiz AG, gibt’s auch noch einige Titel. Sieht’s dort besser aus? Nein. Beim Beobachter ist Andres Büchi Chef, er übergibt altershalber im Mai 2021 an – einen Mann, an Dominique Strebel. Und da wäre noch die Bilanz. Dort heisst der Chefredaktor Dirk Schütz. Die, ja Bilanz,  von Ringier und Axel Springer Schweiz ist eindeutig. Fast nur Männer sind Chefredaktoren. Frauen, leider unter ferner liefen.

Die NZZ an der Falkenstrasse 

Keine Frage. Bei der NZZ läuft alles wie immer. Eric Gujer ist Chefredaktor. Alle seine Vorgänger seit 1780 waren ebenfalls männlich. Die NZZ am Sonntag: hier heisst der Chefredaktor Luzi Bernet. Beim Folio war bis Januar 2021 Christina Neuhaus Chefin. Sie wurde Inlandchefin der NZZ. Neu ist Aline Wanner (nicht mit den AZ-Wanners verwandt) zuständig. Das ideale Stichwort…

CH Media

Seit dem Zusammenschluss NZZ/ AZ Medien (CH Media) ist Pascal Hollenstein als «Leiter Publizistik» so eine Art Superchefredaktor. Patrik Müller ist Chefredaktor der Schweiz am Wochenende, der ehemaligen Sonntags-Zeitung der AZ-Medien, die jetzt samstags rauskommt, immerhin mit 26 Regionalausgaben.

Bei der Aargauer Zeitung mit ebenfalls einigen Regionalausgaben ist Rolf Cavalli Chef. Als Stichprobe, ob sich das mit der Männerdominanz auch hier durchzieht: Bei der Limmatal-Zeitung steht David Egger als Regionalchef im Impressum, beim St. Galler Tagblatt Stefan Schmid. Doch herrscht nicht ein bisschen Morgenröte? Anna Wanner, Tochter des Eigners Peter Wanner, ist schon mal Co-Ressortleiterin Inland und Bundeshaus bei CH Media.

Zur CH Media gehört auch eine Reihe von Radios. Hier ist der Geschäftsführer Florian Wanner, Sohn von Eigner Peter Wanner. Weiter unten in den Organigrammen kommen dann zum Teil schon Frauen vor, bei Radio 24 etwa Programmchefin Giulia Cresta, bei Radio Argovia Andrea Moser (Leiterin Programmgestaltung). Das Sagen haben aber ausnahmslos Männer.

Bei TeleZüri, TeleBärn, Tele M1, tvo und Tele 1 heisst der Chefredaktor Oliver Steffen.

Nicht zu CH Media gehört das Millionengrab watson.ch. Es ist immer noch bei den AZ Medien: Da ist Maurice Thiriet Chef. Seine Videos, wo er Mitarbeitende «ironisch» herunterputzt, sind legendär. Doch weiter zu einem weiteren Familienunternehmen.

Somedia, Herausgeber des «Alpenblicks»

Im Clan der Familie Lebrument hat’s eine Tochter, Susanne Lebrument. Sie ist jetzt noch mehr in der Minderheit, seit Martina Fehr den Chefredaktorsessel verlassen und als Chefin zum MAZ gewechselt hat.  Leiter der «Medienfamilie» (inkl. Radio und TV Südostschweiz) ist nämlich Reto Furter, Philipp Wyss ist neu Chefredaktor Online/Zeitung. Und Susanne Lebrument? Die MAZ-Absolventin ist Delegierte des Verwaltungsrates der Somedia-Gruppe. Immerhin.

Die Heftli von Coop, Migros und TCS

Bis jetzt ist das Resultat aus Frauensicht ernüchternd. Wird’s bei den grossen Gratiswochenblättern besser? Fehlanzeige. Die Coop-Zeitung, der Auflagenprimus mit über 1,8 Millionen Exemplaren, wird vom Chefredaktor Silvan Grütter geleitet, das Migros-Magazin von Franz Ermel. Hier gibt’s aber zusätzlich eine «publizistische Leitung: Sarah Kreienbühl». Die Auflagen-Nr. 3, das Heftli des Touring Clubs Schweiz, wird von Felix Maurhofer geführt.

Was gibt’s noch für erwähnenswerte Medien mit Frauen als Chefs?

Das ist leider kurz erzählt. Nau.ch: Micha Zbinden, Republik.ch: Christof Moser, zentralplus.ch: Christian Hug, ostschweiz.ch: Marcel Baumgartner und Stefan Millius.

Sind wenigstens die linken Zeitungen ausgewogener?

Erstaunlicherweise nein. Die Schaffhauser AZ wird von einem männlichen Duo geleitet: Mattias Greuter und Marlon Rusch. Aber die WoZ? Hier sind es Kaspar Surber und Yves Wegelin, die sich die Redaktionsleitung teilen. Quoten scheint’s keine zu geben.

Dass die Weltwoche mit Roger Köppel als Chefredaktor, Verleger und offiziell Besitzer nicht anders tickt, versteht sich von selbst.

SRG und SRF: Das Sagen hat am Schluss mit Gilles Marchand ein Mann

Und der parastaatliche Betrieb, die SRG? Dort ist Gilles Marchand «Unternehmenschef», der bei der Aufarbeitung von Frauenfragen bekanntlich ein besonderes Sensorium hat. Ihm unterstellt sind die sogenannten «Unternehmenseinheiten», so SRF und Swissinfo. Nathalie Wappler ist seit März 2019 Chefin von SRF, so genannte Intendantin. Weil sie alles zu verantworten hat, ist sie durchaus eine Art Chefredaktorin. Obwohl, offiziell Chefredaktor von SRF ist ein Mann, Tristan Brenn. Bei Swissinfo heisst die Chefredaktion Larissa M. Bieler.

Eine ernüchternde Bilanz, die aber die Wirtschaft wiederspiegelt

Fazit dieser Fleissarbeit: Gefühlt 98 Prozent der Chefredaktoren der grösseren Medien in der Schweiz sind Männer. Eine Quote, die etwa gleich ist wie vor 50 Jahren. Obwohl heute bei den Journalismus-Ausbildungen die Frauen oft in der Mehrheit sind. Immerhin liegt der Medienzirkus im Mittel der Wirtschaft. Auch dort ist die Quote der weiblichen Chefs sehr tief. Da liegt Zackbum mit seinen 100 Prozent Männeranteil gar nicht so weit darüber.

In einer ersten Version schrieb der Autor von (zu) wenigen Frauen in der Ringier-Chefetage. Nun ist präzisiert, dass es um die redaktionellen Bereiche, nicht um die Geschäftsleitung von Ringier geht. Zudem ist dieser Passus neu hinzugekommen: Michel Jeanneret ist nicht mehr CR von I`illustre, sondern Chefredaktor von BLICK Romandie. L`ilustre wird neu von Stephane Benoit Godet verantwortet. Bei Radio Argovia ordnete er Programmleiter Nicola Bomio zuerst dem weiblichen Geschlecht zu. Was nun die Frauenquote bei CH Media nochmals verschlechtert.

Aus drei mach zwei

Bald ein Monopol: Die Südostschweiz und das Bündner Tagblatt unterscheiden sich nur noch minim.

Seit Anfang 2020 muss man die Unterschiede zwischen den beiden Bündner Tageszeitungen «Südostschweiz» und «Bündner Tagblatt» (BT) fast suchen. Bis 2018 hatten sie noch zwei eigenständige Redaktionen und sorgten so für einen gewissen Konkurrenzkampf in Graubünden. Was in Bern mit dem Bund und der Berner Zeitung noch bevorsteht, ist in Graubünden also schon Realität.

Blocher half finanziell

In finanzielle Schwierigkeiten kam das BT schon in den 1980er Jahren. Dann griff dem Blatt Christoph Blocher unter die Arme, mischte sich aber redaktionell nicht spürbar ein. 1996 dann wurde das BT in die heutige Somedia integriert, blieb aber redaktionell weiterhin unabhängig. Im Januar 2018 gab die Herausgeberin Somedia bekannt, die Redaktionen der Südostschweiz und des Bündner Tagblatts zusammenlegen zu wollen. Der Plan wurde erst im Mai 2018 umgesetzt, nachdem sich vorher Magdalena- Martullo-Blocher als Vertreterin des Mehrheitsbesitzers der Verlagsrechte dagegen gewehrt hatte. Am 1. Mai 2018 kam dann das erste Tagblatt heraus, das sich lediglich noch auf den ersten drei Seiten unterschied. Jetzt wurde die Angleichung noch grösser. ZACKBUM hat nachgefragt.

Silvio Lebrument, Mitglied der Unternehmensleitung Somedia und Geschäftsführer Medien, gibt schriftlich Auskunft.

Silvio Lebrument, wie es scheint, hat aufs neue Jahr eine Angleichung stattgefunden zwischen der Bündner Zeitung/ Südostschweiz und dem Bündner Tagblatt. Was hat sich geändert?

Die eigenproduzierten Seiten wurden von drei auf zwei reduziert. Die Wochenendausgaben wurden angeglichen.

Hat die Anpassung personelle Konsequenzen, inhouse und zum Beispiel bei den Kolumnisten?

Bei der Redaktion wurde per Ende 2020 der langjährige BT-Redaktor Norbert Waser pensioniert. Zwei Redaktoren arbeiten neu für die Bündner Zeitung und das Bündner Tagblatt.

Ab 2018 drei unterschiedliche Seiten. 2021 zwei unterschiediche Seiten. Wann folgt der Tag mit nur noch einer unterschiedlichen Titelseite, wann kommt die Fusion?

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie haben Folgen auch für uns.

Die Werbeausfälle betrugen im Jahr 2020 rund 25 Prozent.

Wenn jedoch die künftige wirtschaftliche Basis gegeben sein wird, gibt es keinen Grund für weitere Schritte. Eine Fusion ist aber kein Thema.

Bleibt Pesche Lebrument Chefredaktor des Bündner Tagblatts und wenn ja, allenfalls in Teilzeit?

Pesche Lebrument bleibt weiterhin Chefredaktor und Teammitglied.

Als Abonnent kann man schon am Vorabend auf die Ausgabe des nächsten Tages zugreifen. Eine spannende Innovation. Wie sind die Reaktionen darauf?

Die Abendausgaben Tageszeitungen der Somedia wurden in der ersten Jahreshälfte 2019 bei allen Tageszeitungen der Somedia eingeführt. Das Angebot ist bei den E-Paper-Abonnentinnen und Abonnenten sehr beliebt und wird dementsprechend gut genutzt. Das ist kein Wunder, können die praktisch vollständigen Zeitungen bereits am Vorabend im gewohnten Layout gelesen werden.

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Die Somedia ist ein klassischer Familienbetrieb, der 1856 gegründet wurde. Er steht aktuell unter der Ägide von Hanspeter Lebrument (79). In leitender Funktion sind die Kinder Susanne, Silvio und als «Enfant terrible» auch Pesche tätig. Der Verlag gibt 21 Zeitungen und Zeitschriften heraus. Zum mittelgrossen Konzern mit 650 Mitarbeitenden gehören auch eine Radio- und eine TV-Station. Der Hauptsitz ist in Chur.