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So von gestern: Sex sells.

Ach was, Boulevard geht auch ohne. Seite drei Girl? Pfuibäh. Sexratgeber? Igitt pfui.

«20 Minuten» weiss noch, wie man die Klickzahlen erigieren lässt: «Schweizer und Schweizerinnen wünschen sich doppelt so viel Sex». Man nehme irgendeine Studie oder Untersuchung als wohlfeilen Anlass, um das Zauberwort in den Titel zu pflanzen.

Suchbegriff Sex? 1535 Resultate in den letzten 30 Tagen in der SMD. Stichwort Rahmenvertrag? 628 Resultate. Was schliesst der erfahrene Medienmanager daraus? Vor allem, wenn er ein Boulevard-Blatt managt? Genau, weniger Sex, mehr Rahmenvertrag.

So macht der «Blick» mit der Selbstverzwergung und Denaturierung seiner selbst weiter. Heute erscheint das letzte Mal der Sex-Ratgeber. Unverzichtbar eigentlich, Markenzeichen, letzter Überlebender der Grundausstattung des Boulevards. Warum? Weiss keiner so genau, «strategische Neuausrichtung». Damit will Ladina Heimgartner wohl weiter die «Resilienz» steigern.

Auf dem Weg nach oben mit Business-Bullshit

Auch ein schönes Beispiel, wie man mit der Verwendung eines einzigen Modeworts schlank durch alle Diskussionen kommt. Zukunft? Resilient. Ausweg aus der Medienkrise? Mehr Resilienz. Strategie: der richtige Weg zur Resilienz. Was ist das eigentlich? Also bitte, noch nie von Resilienz-Management gehört? Agilität, Robustheit, Adaption, Innovation, Belastbarkeit, Widerstandsfähigkeit.

Wer diesen Business-Bullshit nicht beherrscht, wird niemals «Head of Global Media». Niemals «CEO der Blick-Gruppe». Keinesfalls Mitglied des «Group Executive Board von Ringier». Erfahrung im Print-Bereich? Null. Na ja, ein wenig freie Mitarbeiterin bei den «Freiburger Nachrichten» und dem «Bündner Tagblatt». Erfahrung in strategischer Planung der Ausrichtung einer globalen Medienfamilie? Null.

Da geht Karriere nur mit geschicktem Reputationsmanagement. Dazu gehört die Verwendung eines Modeworts, das eigentlich schon den kurzen Zenith seiner Bedeutung überschritten hat. Podiumsdiskussion über die Zukunft der Medien? Resilienz, sagt Ladina Heimgartner, und das sagt sie unablässig. Damit kommt sie garantiert durch jede Sitzung als Head, als CEO und auch als Member.

Da spielt es auch keine Rolle, dass aus dem Boulevard-Blatt «Blick» ein mit Kernseife geschrubbter Musterknabe an Korrektheit, Anstand und vornehmer Zurückhaltung werden soll. Crime-Storys? Aber nein, da will die Zeitung mit dem Regenrohr im Logo die NZZ an Dezenz in den Schatten stellen. Nur noch Vik Dammann, der letzte seiner Art, darf noch Gerichts- und Crime-Reporter sein. Mit Schalldämpfer.

Ist noch etwas übrig von der DNA einer Boulevard-Zeitung?

Absonderlichkeiten, Tierquäler, Freaks und Amoks? Aber nein, höchstens mit pädagogischem Anspruch: das wollen wir nie mehr sehen! Was ist noch übrig von «Blut, Busen und Büsis»? Busen? Himmels willen, Frauen (oder gar Männer) als Sexobjekt? Niemals. Womit hat schon das englische Königshaus Jahrhunderte überlebt? Genau: no sex, please, we’re English.

Nun ja, dass Prinz Charles, obwohl noch mit Diana verheiratet, lieber ein Tampon in seiner jetzigen Gattin sein wollte, das brachte ihm mehr Aufmerksamkeit als sein grüner Daumen. Aber das gilt nicht für den «Blick».

Daher erscheint heute die letzte Ausgabe des «Sex-Ratgebers». Nach dem Ableben des Seite-drei-Girls, nach der Säuberung des Blatts von allem Schmutzigen der letzte Überrest, sozusagen das gallische Dorf der DNA einer Boulevard-Zeitung. Sex und Ratgeber, eine bessere Mischung gibt es eigentlich nicht.

Liebe Marta, liebe Eliane, liebe Caroline. Zwei von ihnen sind tot, nun ist’s auch ihre Kolumne.

Seit Beginn immer fest in Frauenhand. Von der unvergessenen Marta Emmenegger über Eliane Schweitzer bis zu Caroline Fux. Frau, qualifiziert (Psychologin, Sexologin, studiert) und engagiert: als «leidenschaftliche Autorin begleite ich Menschen direkt und via Medien durch den Dschungel von Lust und Leidenschaft».

Es soll Medienmanager geben, die sich bei einer solchen Mitarbeiterin wöchentlich danach erkundigen, wie’s denn so geht, ob alles wohl ist, vielleicht etwas fehlt. Ein frischer Blumenstrauss auf dem Tisch Freude machen würde. Und ob die weitere Karriereplanung darin bestünde, dass einfach klaglos weitergemacht werde.

Man kann Erfolg haben. Oder resilient sein wollen

Aber das wären dann Medienmanager von erfolgreichen Verlagen, die nicht nach Staatshilfe krähen müssen. Die wissen, dass man eher aus der NZZ einen «Blick» machen kann – als umgekehrt. Die schlichtweg verstehen, was sie managen. Deshalb auch niemals «resilient» sagen würden. Auch nicht «da bin ich ganz bei dir». Schon gar nicht «ergebnisoffen».

Fachkräfte wie Peter Uebersax oder Fridolin Luchsinger haben den «Blick» zu Erfolgen und Höhenflügen geführt. Immer etwas genierlich für die Besitzerfamilie Ringier, die zwar gerne die Kohle einsteckte, aber doch lieber im Aston Martin vor der Kunstgalerie vorfuhr. Frank A. Meyer bevorzugte einen Jaguar. Uebersax fuhr Porsche, was denn sonst. Christian Dorer, der aktuelle Oberchefredaktor fährt Bus.

Sonst noch Fragen? Über das Fortbewegungsmittel von Heimgartner ist ZACKBUM nichts bekannt. Aber wir sind sicher: es ist ein Gefährt mit mehr Rückwärts- als Vorwärtsgängen.

Sex geht immer

Der «Tagi» geilt Buchkritik der Süddeutschen auf.

Robert Harris ist ein Bestsellerautor. Schon sein erster Roman «Vaterland» von 1992 war ein Erfolg – wenn auch ein umstrittener. Denn Harris’ Debüt spielt in den 1960er Jahren in Berlin eines Nationalsozialistischen Deutschlands, das den Krieg gewonnen hatte. Ein Tabubruch. Kein Wunder, fand Harris zuerst keinen Verlag in Deutschland. Danach machte sich Harris einen Namen als Autor von historisch sauber recherchierten Romanen. Für Medienschaffende besonders zu empfehlen: «Ghost» von 2007, ein Roman über den Ghostwriter eines Politikers. Das Buch wurde hervorragend verfilmt von Roman Polanski (Der Ghostwriter).

Doch genug des Vorspiels. Kommen wir zur Sache. Robert Harris neustes Werk heisst «Vergeltung». Im englischen Original «V2». Das ist die Abkürzung von «Vergeltungswaffe 2». Es waren von den Nazis entwickelte Grossraketen, die ab 1944 zivile und militärische Ziele in England und Belgien trafen.

Felix Stephan (*1983 Ostdeutschland) hat zu «Vergeltung» eine solide Buchkritik geschrieben. Sie erschien zuerst am 28. 10.2020 in der Süddeutschen Zeitung. Hier der Originaltitel und der Lead:

Männer und Raketen

Aus Liebe zum Stahl: Robert Harris’ Weltkriegstriller «Vergeltung» betont die Libidinöse Dimension des «V2»-Raketenprogramms.

Daraus machte die Tamedia dann diesen Titel und Lead:

Was Sex mit Raketen zu tun hat

Der Weltkriegstriller «Vergeltung» erzählt vom V2-Raketenprogramm der Nazis. Aber auch von der Erotik der Waffen.

Der Text erschien gestern unter anderem im Tages-Anzeiger, in der Berner Zeitung und in der Zürichsee Zeitung. «Sex», «Erotik», «Nazi». Drei Stichworte, welche die Klickzahlen des Tamedia-Portals anschwellen lassen. «Nazi» übrigens darum, weil in diesen Tagen der 75. Jahresbeginn der Nürnberger Prozesse «gefeiert» wird.

«Beliebte» Stichworte, ein alter, aber erfolgreicher Trick für klickfixierte Redaktionen.

Klickfixierte Stichworte? Etwas, was Zackbum nie tun würde. Ausser im Titel dieses Textes. Und schon gehen die Visits durch die Decke.