Beiträge

Tödlicher Aviatik-Cocktail

Die zivile Luftfahrt, die Luftwaffe, die Aufsichtsbehörde und die Medien in der Klüngelwirtschaft. Man will sich nicht wehtun.

4. August 2018, 16:57 Uhr. Eine Ju 52 mit Jahrgang 1939 kracht senkrecht in den Talkessel-Boden vor dem bündnerischen Segnes-Pass.  Die Piloten flogen laut Unfallbericht vom 28. Januar 2021 bewusst so tief, dass eine Umkehr nie möglich war. Diese Missachtung «elementarster Vorschriften» hatte seit Jahren System. Doch niemand hinterfragte in der zurückliegenden Medienberichterstattung das korrupte System, das neben der Ju-Air auch das Bundesamt für Zivilluftfahrt und vor allem die Fliegertruppen der Schweizer Armee umfasst.

Dabei bringt der 83-seitige Bericht Skandalöses zum Vorschein: Bei 30 Prozent der Ju-Air-Flüge wurden elementare Flugsicherheitsvorschriften missachtet. Bei 17 Prozent der Flüge gab es sogar hochriskante Situationen. Von den 27 Piloten der Ju-Air hatten 16 eine Ausbildung als Luftwaffenpilot. Immerhin: Die Verstösse gegen elementare Sicherheitsregeln traten nicht im gesamten Pilotenkorps auf, sondern vornehmlich bei Piloten, die eine Ausbildung als Luftwaffenpiloten aufwiesen. Was hingegen die Rolle der Schweizer Armee in ein noch übleres Licht rückt. Zudem drückte das Bundesamt für Zivilluftfahrt oft beide Augen zu. Bei den Flugkontrollen, aber auch bei technischen Belangen. Ist die Luftwaffe ein Hort von Hasardeuren, ja von Gesetzesbrechern? Ist der BAZL-Chef noch tragbar? Warum gibt es die laut SUST völlig verluderte Ju-Air überhaupt noch? Obwohl es beim Absturz vor zwei Jahren 20 Tote gab, stellen die Medien diese Fragen nicht.

Laue Medienreaktionen

«Pilotenfehler führten zum Ju-52-Absturz», schrieb die NZZ. Die Depeschenagentur: «Hochriskante Flugführung führte zum Ju-Air-Absturz am Piz Segnas».  Der Titel beim Blick: «Totalversagen kostete 20 Menschenleben!» Das Branchenmagazin Cockpit: «HB-HOT: Der Unfallbericht liegt vor.» Das in Deutschland herausgegebene Fliegermagazin: «Unfallbericht zum Absturz der Ju 52 ist vernichtend.» Doch auch hier wird nicht das System kritisiert, der Fokus richtet sich auf die Piloten: «Eklatantes Fehlverhalten der Piloten ist laut der Schweizer Flugunfalluntersuchungsbehörde SUST Ursache für den Absturz der Ju 52.» Als Ausnahme äusserte sich SRF-Moderator und Hobby-Pilot Michael Wegmann online ein wenig mehr im Kontext:

«Eigentlich ist es unverständlich, dass zwei Piloten mit beeindruckender Erfahrung auf Militär- und Linienflugzeugen solch grundlegende Fehler begehen. Sie müssten wissen, dass sie damit sich selbst und die Passagiere in Gefahr bringen».

Allgemein agierten die Medien auffallend zahnlos. Sie akzeptierten Adlaten als Auskunftspersonen statt die verantwortlichen Chefs. Oder fragten gar nicht erst nach. Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt durfte der Mediensprecher Auskunft geben, seitens der Ju-Air der externe Medienbeauftragte Christian Gartmann. Beide wählten salbungsvolle Worte auf zahme Fragen. Die Armee musste gar nicht Auskunft geben.

Niemand fragte nach:

Was läuft bei den Fliegertruppen der Schweizer Armee schief? Wie ist es möglich, dass (ehemalige) Offiziere sicherheitsrelevante Vorschriften systematisch umgehen? Ist Bernhard Müller, der Chef der Fliegertruppen, noch tragbar?

Warum kontrolliert das BAZL so unsauber, dass es Tote geben musste? Muss nicht der Chef Christian Hegner die Konsequenzen tragen?

Was lief bei der Ju-Air schief? Warum ist der CEO Kurt Waldmeier nicht längst weg?

Die Medien begnügten sich grösstenteils mit der Wiedergabe der Medienmitteilung der SUST (Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle). Erstaunlich ruhig verhielt sich auch Tamedia. Sonst dank Pia Wertheimer immer bestens informiert mit Details aus der Aviatik. Doch hier gilt: Man kennt sich. Man will sich nicht wehtun.

Oder wie schon Reinhard Mey sang:

Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.

Herrlich, wenn man sich auch um so viele sicherheitsrelevanten Vorgaben foutieren kann. Und alle schauen zu.