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Das lange Ende von Sieber

Verleger klärte ihn schon vor einem halben Jahr auf.

Natürlich gibt es ein Branchenblatt für Pöstler oder für Eisenbähnler. Wer berührende Reportagen über die letzte Briefzustellung des pensionierten Postbeamten lesen will und sich für den maximalen Neigungswinkel auf der Gotthardbahn interessiert, bitteschön.

Als Kurt W. Zimmermann den «Schweizer Journalisten» kuratierte, war das Blatt mehr als ein Stelldichein von Schreiberlingen. Im Revolverblatt wurde geschossen, gestänkert, gelobt, aber vor allem neue Geschichten ausgegraben. Vor Zimmermann war Markus Wiegand am Hebel, der den «Schweizer Journalisten» überhaupt zur Instanz formte.

Mit David Sieber verlor das Blatt an Erotik und Brisanz. Viele Inserenten liefen davon. Wenigstens dafür trägt Sieber wenig Schuld. Die Verlage schalteten einfach kaum mehr Anzeigen.

Verleger Johann Oberauer musste schliesslich die Handbremse ziehen und das Angebot stark reduzieren. In den zurückliegenden Jahren kompensierte er die SJ-Verluste mit den Erträgen aus dem Online-Stellenmarkt in Deutschland, wie er gegenüber ZACKBUM sagt. 2020 war auch damit Schluss. Dass Oberauer trotzdem am Projekt «Schweizer Journalist» festhalten will, hat viel mit dem Prinzip Hoffnung zu tun. Erst ab 2023, so der passionierte Kletterer, soll es auf dem schwierigen Schweizer Werbemarkt wieder so etwas wie aufwärts gehen.

Über Sieber lässt er kein schlechtes Wort fallen. Sieber habe die Auflage deutlich gesteigert und neue Leserschichten erschlossen, schreibt er in der Mitteilung.  «Ich bedauere diesen Schritt und wünsche David Sieber alles Gute». Oberauer bot Sieber die Stelle als Redaktionsleiter. Sieber wollte allerdings nicht. Überraschend kam das Aus für den Basler nicht. Bereits vor einem halben Jahr teilte ihm Oberauer das Ende mit.

Packungsbeilage: Der Autor hat zu Zeiten von Zimmermann im SJ publiziert.

Schweizer Journalist: Sieber geht

Ein weiteres Opfer der Corona-Krise. Das Bedauern hält sich in Grenzen.

«2020 haben wir auf einen Schlag einen Drittel unseres Anzeigenumsatzes verloren.» So begründet der Herausgeber die Notwendigkeit, dass sich der «Schweizer Journalist» neu aufstellen müsse.

Das bedeutet, dass eine Zusammenarbeit der drei Redaktionen der deutschen, österreichischen und Schweizer Ausgabe nun institutionalisiert wird. 48 Seiten seien nun «ein gemeinsamer Kern», dazu kämen jeweils 36 Seiten «nationale Themen». Damit bleibe man bei alle zwei Monate mit der Werkstatt zusammen bei «mindestens 100 Seiten Brancheninformationen für Journalistinnen und Journalisten».

Dann wird es etwas fantasievoll in der Pressemitteilung. Chefredaktor David Sieber habe in seiner Amtszeit «die Auflage deutlich gesteigert und neue Leserschichten erschlossen». Sagen wir mal so: bei dieser Auflagenhöhe ist auch schon ein Neuabonnent spürbar.

Dass Sieber gleichzeitig den «Schweizer Journalist» als kritische Stimme der Medienbeobachtung hat verstummen lassen, stattdessen den Ruf der jährlichen Preisverleihung des Journalisten des Jahres herunterwirtschaftete und statt nach Verdienst nach Geschlecht ausgezeichnet wurde, was soll’s. Nach knapp zwei Jahren «beendet er deshalb sein Mandat».

Weshalb genau? Wegen zu grossem Erfolg? Wie freiwillig dieser Abgang erfolgte, darauf gibt die Schlussbemerkung Aufschluss. Der SJ werde auch in Zukunft eine «eigene Redaktionsleitung haben. Über die Besetzung wird in den nächsten Wochen entschieden.»

Johann Oberauer: «Ihr seid mir zu negativ»

Der Verleger des «Schweizer Journalisten» über Leidenschaft.

Der wichtigste Medienflüsterer der Schweiz will ein Österreicher sein: Johann Oberauer*. Vor 15 Jahren hat er das Fachmagazin aus dem Boden gestampft. Früher lag das Heft nur ein paar Stunden auf den Schweizer Redaktionen herum, bis es jemand entwendete; so geil war es. Der Glanz früherer Tage hat etwas nachgelassen. Der 61-Jährige ist aber immer noch der Gleiche. Zackbum findet er wahrscheinlich ziemlich bedeppert:

ZACKBUM: Sie kennen ja beide Welten (Österreich und Schweiz). Merken Sie gleich, ob ein Text von einem Österreicher oder Schweizer geschrieben wurde?

Johann Oberauer: Es ist die gemeinsame Sprache, die uns trennt, hat einst Karl Kraus über das Verhältnis der Österreicher zu den Deutschen geschrieben. Mag sein, dass das auch für die Beziehung zwischen der Schweiz und Österreich gilt. Ich persönlich liebe die Schweizer Sprache, auch wenn ich nicht alles verstehe. Und ich liebe die Schweizer. Aber das ist ein anderes Thema.

Die beiden grössten Geschichten in der Schweiz wurden entweder von amerikanischen Medien (Sepp Blatter) oder von der Einmannfirma InsideParadeplatz (Pierin Vincenz) enthüllt. Was sagt das über den Schweizer Journalismus aus?

Finden Sie? Unsere Journalistinnen des Jahres haben zur Crypto-Affäre aussergewöhnliche Arbeit abgeliefert. Kann es sein, dass Zackbum die Arbeit von Frauen nicht gleich würdigt?

Nicht doch. Wie kann man einer 20-Jährigen am besten vom Journalismus abraten?

Warum? Journalismus ist einer der spannendsten Berufe. Mag sein, dass es früher noch besser war. Aber früher war ja alles besser. Ich habe übrigens meinen beiden Kindern geraten, Journalismus zu machen.

Und ich drohe meinen Kindern. Was halten Sie generell vom Schweizer Journalismus?

Mir gefällt offengestanden Ihre Frage nicht. Da schwingt wenig Wertschätzung mit. Ich habe in mehr als 15 Jahren in der Schweiz aussergewöhnliche Journalistinnen und Journalisten kennengelernt – und auch weniger aussergewöhnliche. Wie in Österreich oder in Deutschland auch. Das das ist aber auch bei Automechanikern und Ärzten so.

Wie unterscheidet sich der Journalismus in Österreich von dem in der Schweiz?

Nicht so stark, als dass man darüber eine Geschichte schreiben könnte.

Was muss in der Schweiz geändert werden, damit der Journalismus nicht von Bettelaktionen abhängig ist?

Ich verstehe Ihren Stolz und ich stehe liebend gerne an Ihrer Seite. Aber die Wirklichkeit sieht manchmal etwas anders aus. Nebenbei, wie die Republik das zum Beispiel macht, ist hoch kreativ. So etwas habe ich in all den Jahren noch nie gesehen. Da werden normale Leserinnen und Leser als Verlegerinnen und Verleger angesprochen. Ein Überhöhung, um dann elegant Geld aus der Tasche zu holen. Hut ab. Ich habe übrigens auch gerne gezahlt.

Okay. Was halten Sie eigentlich von uns?

Ihr könntet das besser machen. Viel besser. Nur jammern und runterziehen bringt uns als Branche nicht weiter. Zeigt Lichtblicke. Gebt Hoffnung. Die Welt da draussen ist schöner und besser als ihr das beschreibt. Echt, ihr seid mir viel zu negativ. Ich komme zu Ihrer Eingangsfrage zurück, wo ich Ihnen geantwortet habe: Ich liebe die Schweizer Sprache und ich liebe die Schweizer. Wie ist das mit Ihnen? Lieben Sie den Journalismus? Lieben Ihren Job? Und wie stehen Sie zum Thema Verantwortung?

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*Johann Oberauer über sich: «1959 als Sohn eines Briefträgers geboren. Vater und Mutter sind Kinder Salzburger Bergbauern. Das hat wohl auch mich geprägt. Ich bin diesem Land tief verbunden, besonders den Bergen. Seit mehr als 30 Jahren Verleger, Herausgeber und Journalist – und oft genug in einem überschaubaren Medienunternehmen auch «Mädchen für alles». Ich mache meine Aufgabe mit Leidenschaft und werte mein Tun nach dem Sinn für diese Gesellschaft. Das ist manchmal mehr und manchmal auch weniger. Geld ist für mich in diesem Zusammenhang notwendig, aber nicht die treibende Kraft. Ich bin überzeugt, dass Medien und Journalismus wichtig für unsere demokratischen Strukturen sind, heute mehr denn je. Ich bin auch überzeugt, dass wir Antworten für manche Fragen im Kleinen finden und manche im Grossen. Vor diesem Hintergrund bin ich auch ein überzeugter Europäer. Mein Ziel ist, noch einige Jahre gestaltend im Unternehmen zu wirken. Meine Töchter Verena und Dagny sind längst an meiner Seite und werden mal ganz übernehmen.»

 

«Journalist des Jahres»: Wurde da getrickst?

Offene Fragen zum Wahlprozedere

Sheena Monnin ist ein Traum. Für Donald Trump war die Miss Pennsylvania 2012 aber eher ein Albtraum. Dem damaligen Miss-Wahl-Veranstalter warf die Brünette nämlich vor, dass die Schönheitswahl zur Miss USA 2012 ein abgekartetes Spiel war und die Siegerin schon vor dem Schaulaufen intern bestimmt worden war.

Das hätte sie auf ihrem Facebook-Konto besser nicht geschrieben. Trump jagte nämlich seinen Pitbull-Juristen Michael Cohn auf sie los. In der Folge verlor Monnin viel Geld (sehr viel Geld) und galt in der Öffentlichkeit als Miss Stutenbiss.

Man merke: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist. David Sieber, Chefredaktor «Schweizer Journalist», hingegen ist verzückt. In elf Kategorien zur Wahl der «Journalisten des Jahres» haben gleich zehn Frauen gewonnen. Beste Kolumnen, beste Wirtschaftsgeschichten, beste Reportagen, beste Beste – wer schreibt sie? Die Frauen. Das symbolisiere einen «Frauen-Triumph», so Sieber.

Bitte um «Vertraulichkeit»

Die Wahl wirft allerdings grosse Fragen auf. In der Vorjury nominieren ausgewählte Journalisten ihre Lieblinge. Sieber ist Basler und bestimmt die Spielregeln: Das Weltblatt NZZ aus Zürich und die Winzig-Plattform Bajour aus Basel haben darum gleich viele Jurymitglieder. Man erfährt nicht alle Jurymitglieder. Nur wer will, steht mit Namen auf der Liste. Die anderen, die «um Vertraulichkeit gebeten haben», kennt man nicht. So viel zur Transparenz und Schummelmöglichkeiten.

In früheren Jahren so sagen ehemalige Jurymitgliedern, hat nie jemand «um Vertraulichkeit gebeten». Im Gegenteil, man fühlte sich geehrt und machte gerne mit.

Von der «rechtsgefederten Ecke», so Sieber, hätten Roger Köppel und Markus Somm darauf verzichtet, an der Nomination teilzunehmen, «weshalb dieses Lager untervertreten ist.» So einfach ist das also. Roger Köppel sagte auf Anfrage von Zackbum.ch: «Ich habe es vergessen, da ich unsere Website Weltwoche-Daily ausgebaut habe.» Und Somm? «Ich habe mich noch nie daran beteiligt, weil ich es grotesk finde, dass wir Journalisten uns selbst beurteilen und auszeichnen.»

Wenig Ausgewogenheit

Eigentlich sollte der Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» ein Interesse daran haben, die ganze Gilde des Publikums zu bedienen und letztlich auch bei den Kandidaten die ganze Bandbreite von links bis rechts abzudecken. Seine Vorgänger Markus Wiegand und Kurt W. Zimmermann haben das gemacht. Für Sieber gilt aber anscheinend: Wenn Somm und Köppel nicht reagieren, kommen von der «rechtsgefederten Ecke» auch keine Journalisten. Sieber hat die Frage nach Ausgewogenheit bei der Kandidatenkür nicht beantwortet.

Wer an einen Betriebsunfall glaubt, ist naiv. Sieber und sein österreichischer Verleger Johann Oberauer mögen Frauen. Vielleicht lieben sie sie sogar. Aber wichtiger ist: Sie brauchen sie als Leserinnen. Dem Verlag geht es gar nicht gut. Die abonnierte Auflage dürfte gemäss früheren Anfragen bei etwas über 1000 Exemplaren liegen. Gemäss eigenen Angaben liegt die Auflage bei knapp 5000 Exemplaren, die an mehr oder weniger zufällige Adressen ungefragt verschickt werden.  Es handelt sich beim «Schweizer Journalist» de facto um eine Gratiszeitung. Anders als mit einer Streuauflage hat man keine Chancen auf Inserate.

Wenig Werbung

In der aktuellen Nummer (100 Seiten) finden wir hochgerechnet etwa 9 Seiten Fremdwerbung. Watson und das MAZ inserierten; sie sitzen ja auch in der Jury. Ausserdem wirbt der Tabakkonzern Japan Tobacco International (!) und die SVA, die auf Früherkennung bei Depressionen hinweist («Psychische Probleme überdecken das wahre Gesicht»). Die Erträge aus dem Anzeigengeschäft sind gering. Die hohen Rabatte, die der «Schweizer Journalist» anbietet, sind in der Branche bekannt. Manche Inserate sind auch nur Gegengeschäfte für Sponsoring-Kooperationen.

Werbung also für Rauchen und Depressionen. Fehlt nur noch Saufen und wir sind beim Journalisten der Gegenwart angekommen. Doch solche Probleme beschäftigen die Gewinnerinnen des Jahres 2020 hoffentlich nicht. Junge, unbeschwerte Frauen haben gewonnen. Journalistinnen mit grosser Fangemeinde, aber dünnen Storys. Zum Beispiel Anielle Peterhans, Fiona Endres und Nicole Vögele («Journalistinnen des Jahres»). Die drei «Rundschau»-Frauen durften sich ein halbes Jahr einem einzigen Thema widmen (Crypto). Wo gibt es das noch? Ihre Arbeit basiert im Grunde auf Recherchen anderer; übrigens von Männern. Und allein die Lohnkosten der drei Frauen haben die Gebührenzahler ungefähr 150‘000 Franken gekostet.

«Der Status wurde nicht abgefragt»

Der Verleger Johann Oberauer will «bevorzugt vollumfänglich» zitiert werden. Wir versuchen es. Also, Herr Oberauer, wer hat da eigentlich alles abgestimmt? Wie viele der 892 abgegebenen Stimmen stammen von aktiven Journalisten oder Groupies? «Der Status wurde nicht abgefragt. Ich kann diese Frage daher nicht beantworten.»

Und, die «Moonin-Frage»: Hat der Verlag deswegen so viele Frauen auf das Siegerpodest gehievt, weil sie das neue Zielpublikum sind?

«Erwarten Sie bitte nicht, dass wir ernsthaft mit Ihnen umgehen. Das ist Kindergeburtstag, was Sie hier aufführen. Oder Neidverhalten. Beides mag für Sie ok sein. Unsere Baustelle ist das nicht.» Zur Anzeigenflaute meinte Oberauer: «Also, das „mit fast keine Werbung verkaufen“ kann ich so nicht stehen lassen. Richtig ist, dass wir wie viele andere auch in diesem Jahr deutlich weniger Anzeigen haben. Blättern Sie mal durch und zählen Sie einfach mit.»

Wie schon erwähnt: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist.

Bemerkung: In einer früheren Version hiess es, Oberauer hätte nicht auf unsere Fragen geantwortet. Am Montagnachmittag erreichten uns seine Antworten, die dann im Text eingefügt wurden.

Preisträger: Alles Frauen oder was?

Der «Schweizer Journalist*In» fährt auch die Preisverleihung an die Wand.

Rankings, Auszeichnungen, immer eine gute Sache, um Aufmerksamkeit zu erregen. Damit konnte der «Schweizer Journalist» jahrelang punkten; ähnlich wie die «Bilanz» mit ihren «300 Reichsten».

Meistens waren die Preise verdient, und der Publikumspreis wurde unter lebhafter Beteiligung des Publikums vergeben. Das ist dieses Jahr alles ein wenig anders. Das Publikum bestand aus 892 Abstimmenden. Nun ja.

Ein Sportjournalist ist der einzige männliche Preisträger

Journalist des Jahres wurden die drei Journalistinnen der «Rundschau», die einen Beitrag zur Aufdeckung des Crypto-Skandals geleistet haben. Dass auch das ZDF und die «Washington Post» – die nebenbei am besten darüber berichtete – dabei waren: nun ja, beide sind nicht weiblich.

Das Geschlecht muss dieses Jahr eine herausragende Rolle gespielt haben, denn gerade ein einziger Mann schaffte es, Kategoriensieger zu werden. Noch-Präsident Trump würde da sicher von Betrug twittern, aber uns ist das Geschlecht von Preisträgern völlig egal. Die Frage, ob sie ihn auch verdient haben, beschäftigt uns schon mehr.

Welche Meriten, ausser das richtige Geschlecht?

Nehmen wir zum Beispiel die «Kulturjournalistin des Jahres». Dabei soll es sich um eine Namensvetterin von Simone Meier von «watson» handeln. Denn diese Meier kann nicht gemeint sein, für die ist Kultur ein Schreibfehler von Kult. Deren kultureller Horizont liegt so tief, dass sie geschmacklos davon schreibt, dass im Dritten Reich Juden «gecancelt» wurden. Und nicht mal einen Grund dafür sieht, sich wenigstens zu entschuldigen.

Gleich drei Preise regnen auf drei Frauen der «Republik» herunter. Darunter Wirtschaftsjournalistin des Jahres: Olivia Kühni. Nichts gegen sie, aber aufgrund welcher Leistung? Womit genau tritt sie in die Fussstapfen von Lukas Hässig, zum Beispiel? Die anderen beiden Preisträgerinnen der «Republik» sind leider namentlich oder leistungsmässig nicht bekannt.

Eine philosophische Gesellschaftsjournalistin, eine Kurzzeit-Chefredaktorin

Dann hätten wir noch die Nachfolgerin von Michèle Binswanger als Gesellschaftsjournalistin des Jahres: Barbara Bleisch von «Sternstunde Philosophie». Echt jetzt? Für ihre philosophischen Höchstleistungen wie diese, gegen die Platons Höhlengleichnis gewaltig abstinkt: «Wer das Schlangenbrot am Holzstecken in die lodernden Flammen hält, statt auf die Glut zu warten, muss einen Teigklumpen verspeisen, der aussen verkohlt und innen roh ist.» Mit solchen Sottisen sorgt sie im «Tages-Anzeiger» regelmässig für Heiterkeit, aber was soll das mit Gesellschaftsjournalismus zu tun haben?

Riesenfreude auch bei Nicole Meier von Keystone-SDA. Sie wurde zur «Chefredaktorin des Jahres» gewählt. Meier ist seit einem Jahr die Chefin der Nachrichtenagentur. Auf eine Ausschreibung wurde damals verzichtet. Das hat innerhalb der Redaktion zu Misstönen geführt. Sie sei eben «Wunschkandidatin der Geschäftsleitung» gewesen, heisst es auf Anfrage. «Unter diesen Umständen wurde konsequenterweise auf eine Ausschreibung verzichtet.»

Die rasende Reporterin des Jahres

Nehmen wir noch eine letzte Preisträgerin. Sarah Serafini von «watson» ist «Reporterin des Jahres». Mal ein Blick auf ihre letzten Reportagen, in chronologischer Reihenfolge: «Corona-Impfung: Was du über den Impfstoff wissen musst», «Coronavirus: Deutschland will Schulferien über Weihnachten verlängern», «Johnson sieht «hohe Wahrscheinlichkeit» eines No-Deal-Brexits». Und: «Skandalflug aus Surinam – Fifa-Chef Infantino steht vor Strafverfahren.»

Also entweder reiste die rasende Reporterin in den letzten Tagen nach Deutschland, London und fand noch Zeit für einen Abstecher nach Surinam – oder sie ist gar nicht so rasend. Das muss ja nicht gegen sie sprechen, aber «Reporterin des Jahres»?

Vielleicht nicht ganz alles verstanden

Vielleicht hat der neue Chefredaktor des «Schweizer Journalist» den zweiten Teil der guten Masche, durch Rankings und Auszeichnungen Aufsehen zu erregen, nicht verstanden. Oder vielleicht wollte er mit fast ausschliesslich weiblichen Preisträgern ein Zeichen setzen. Wie auch immer, Preise mit preiswürdigen Preisträgern sind gut. Preise, um ein Zeichen zu setzen oder um Preisträger zu küren, die nicht unbedingt preiswürdig sind, das ist schlecht. Denn wer möchte denn zum Beispiel gerne Nachfolger der Westentaschenphilosophin Bleisch werden? Oder der kulturfernen Simone Meier?

Also ich nicht. Aber ich bin ja auch disqualifiziert. Als Mann.

 

Nachfragen hilft immer

Wenn die «Medienwoche» lausig recherchiert.

Zumindest innerhalb der Branche erregte ein Tritt der «Medienwoche» in den Unterleib des Herausgebers des «Schweizer Journalist» Aufsehen:

«Bereit für den nächsten Karriereschritt?» fragte der «Schweizer Journalist» in einem Newsletter – und wohin der Schritt führt, machte bereits der Betreff klar: «Zeit für was Neus? Was mit PR?» Spätestens als die Vokabel «Züricher» auftauchte, war klar, dass Chefredaktor David Sieber nicht alles sieht, was im Namen des «Schweizer Journalist» verschickt wird.

Oberauer, dessen Verlag auch den «PR Report» herausgibt und als Geschäftsstelle der Deutschen Public Relations Gesellschaft e.V. fungiert, entnimmt der Anfrage der MEDIENWOCHE einen Unterton, der Journalisten als gut und PR-Leute als schlecht einordnet. Das entspreche nicht der Wahrheit und sei überheblich.

In diesen Zusammenhang hat das Angebot Oberauer aber selbst gesetzt: Die Abonnent*innen des «Schweizer Journalist» konnten es bloss als Aufforderung zum Seitenwechsel lesen. Womöglich ist einfach bei Oberauer «Zeit für was Neus»:

Unlängst hat er der MEDIENWOCHE eine Kooperation mit dem «Schweizer Journalist» angeboten, die de facto einer Fusion gleichkäme. Die MEDIENWOCHE hat dankend abgelehnt.»

Den Tritt verpasst hat Benjamin von Wyl, der erst vor Kurzem als hoffnungsfroher Journalist «unter 30» das Cover des «Schweizer Journalist» zierte und sich dort auch austoben durfte. Aber irgendwas muss der «Biofrontsau» (Twitter-Name) über die Leber gekrochen sein, also beisst er nun in die Hand, die ihn zuvor promotet hat.

Dafür nimmt er die kühne Kurve, dass Oberauer offenbar nicht wirklich zwischen PR und Journalismus unterscheide. Zudem habe Oberauer der «Medienwoche» «de facto» eine Fusion vorgeschlagen. Dazu habe man tapfer «nein, danke» gesagt, weiss von Wyl. Interessant, was da ein freier Mitarbeiter mit Einverständnis von Nick Lüthi aus der Schule plaudern darf. Nur: Stimmt das auch?

Holen wir doch das nach, was von Wyl unterliess; wir fragen Johann Oberauer: «Eine Fusion im Verständnis eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Richtig ist, dass ich mit der Medienwoche über eine redaktionelle Kooperation gesprochen habe.»

Und über eine mögliche spätere Übernahme im Rahmen einer Nachfolgeregelung. Was Oberauer davon hält, dass diese im Übrigen ohne Ergebnis beendeten Gespräche von der «Medienwoche» an die Öffentlichkeit gezerrt werden, das will der Verleger lieber nicht veröffentlicht sehen.

Verständlich. Vertraulichkeit ist das eine, Vertrauensbruch das andere. Und wenn man schon veröffentlicht, dann sollte es wenigstens stimmen. Aber für solche Feinheiten des Journalismus ist von Wyl vielleicht noch zu jung; er fällt ja auch sonst mit eher grob Geschnitztem auf. Wieso aber die «Medienwoche» das zulässt, denn Lüthi hat diesen Untergriff sicher nicht überlesen, man weiss es nicht. Verzweiflung?

Unter diesem Geschmiere steht das Eigeninserat der «Medienwoche», dass man als «Gönner zu 100 Prozent in unabhängigen, hintergründigen Journalismus» investiere. Ist wohl doch ein eher hohles Werbegeklapper. Denn wer will schon für solch oberflächlichen, von persönlichen Motiven gesteuerten Journalismus Geld verbraten.

schweizer journalist ganz klein

15 Jahre gibt es ihn schon. Stationen eines Abgangs.

Es war eigentlich ein ganz normaler Dienstag, sogar die Sonne schien. Der Gang zum Briefkasten änderte das. Der «schweizer journalist» versucht, die 15 Jahre seiner Existenz zu feiern.

Da ist Trauerarbeit angesagt. Auf dem Cover, welche Überraschung, Nathalie Wappler als «Mutige Strategin» und «Medienmanagerin des Jahres». Im Editorial eine Lobeshymne auf den Inhalt des aktuellen Blatts. Wobei aktuell: das Online-Voting für die diversen Kategorien des «Journalist des Jahres» laufe noch bis zum 10. November. War also bei Erhalt des Hefts seit mehr als zwei Wochen vorbei.

Schweizer Bezüge im «Schweizer Journalist»?

Welche Eigenleistungen darf man für immerhin 15 Franken erwarten? Natürlich, ein Interview mit Nathalie Wappler. Ein Interview mit Karl Lüönd. Ein Ausflug mit Peter Rothenbühler in die Romandie und die Expansionspläne von «watson» und «blick.ch». Eine Seite Nutzwert, wie man aus Pro Litteris am meisten Geld rausholen kann.

Dann kommt – coronabedingt – die lange Strecke, die nun nichts mit Schweizer Journalismus zu tun hat. Aktivismus und Journalismus; was meint man dazu in Deutschland, was meint der «stern»? Wir blättern und blättern.

Ah, endlich, der Chefredaktor meldet sich wieder zu Wort und lobt die Frauenförderung bei Ringier. Kann man machen, muss man nicht machen.

Ein Highlight der Transparenz im Branchenblatt

Dann ein weiteres Highlight: Was geschieht mit den Archiven von Online-Medien, wenn die den Stecker rausziehen? Eine durchaus interessante Frage. Wenn der Autor Stefan Boss nicht zunächst die verblichene «TagesWoche» über den grünen Klee loben würde. «Innovativ, international beachtet», ein Wunderwerk, eine Bastion gegen die «Basler Zeitung», die «unter den Einfluss des SVP-Politikers Christoph Blocher gelangt war».

Davon habe ich als langjähriger Autor der BaZ zwar nie etwas gemerkt. Vielleicht hätte dem Artikel des «freischaffenden Journalisten und Textarbeiters» Stefan Boss hier etwas Transparenz wohlgetan. Denn Boss kündigte 2012 bei der BaZ und veröffentlichte immerhin 29 Artikel in der «TagesWoche». Bis das «zur Verfügung gestellte Geld aufgebraucht war».

Kein Wort darüber, dass es zu den Innovationen der «TagesWoche» gehörte, bei der Auflagenhöhe der gedruckten Ausgabe über jedes Mass hinaus zu bescheissen. Dass die ständigen Querelen und das Mobbing innerhalb der Redaktion, mitsamt häufigem Führungswechsel, eine bedeutende Rolle beim Untergang spielten. Sich über einen nicht vorhandenen Einfluss Blochers beschweren, aber seine eigenen Verbindungen nicht offenlegen: so lobt man sich den Journalismus.

Nun aber der Ausflug über Deutschland und Österreich hinaus

Dann kommt endlich auch der Duft der grossen weiten Welt ins Blatt. In Form eines «nordenglischen Lokalblatts». Das ist auch der richtige Ort, dass die «Tiroler Tageszeitung» per Inserat verkündet, dass sie «die absolute Nummer 1 in Tirol» sei. Aber von den österreichischen Bergen geht’s dann schnurstracks nach Kalifornien und dort zur frisch gestarteten «lokalen News-App «Lookout»». In einem Interview wird die Frage beantwortet: «Was will Gründer Ken Doctor damit erreichen?» Das mag vielleicht kalifornische Surfer oder auf der Promenade von Venice Beach interessieren. Aber in der Schweiz?

Doch Abhilfe naht, ab Seite 68 sagt Karl Lüönd, was er gerne immer wieder zum Zustand der Schweizer Medienlandschaft sagt. Und auf Seite 72 zeigt der erste Chefredaktor des «Schweizer Journalist», wie man elegant eine Seite füllt. Und Mitherausgeberin Margrit Sprecher beklagt den Niedergang und lobt «Republik», «watson» und «heidi.news».

Allerdings lässt sie doch erkennen, dass sie nicht gerade eine Digital Native ist. Sie behauptet nämlich: «Eine selbstbewusste Truppe schafft das Doppelte in besserer Qualität in der Hälfte der Zeit.» Da wagen wir von ZACKBUM.ch doch einzuwenden: Wir Drei schaffen den gleichen Output wie die «Republik» mit 50 Nasen. Also schaffen wir dann 17 mal das Doppelte, Wahnsinn.

Was ist nicht drin, was fehlt?

Das ist drin, was fehlt? Nun, wenn man schon den nicht gerade handelsüblichen 15. Geburtstag zum Anlass zur Selbstfeier nimmt: Es gab ja einen ersten Chefredaktor, dann einen zweiten und dann kam David Sieber. Aber sein Vorgänger, wer war das schon wieder, der ist ihm keine Zeile wert.

Ach, und die einzige Neugründung in Sachen Medienkritik auch nicht. Empfindlich, der Herr. Kritik an dem nicht nur von ihm verschuldeten Niedergang verträgt er überhaupt nicht. Auch ein Indiz dafür, dass es immerhin richtig ist, 15 Jahre zu feiern. Einen runden Geburtstag wird es wohl nicht mehr geben.

 

Packungsbeilage: Ich habe vor der Ära Sieber im «Schweizer Journalist» regelmässig publiziert. Seither weder Artikel angeboten, noch angefragt worden.

Medien ohne Kritik

Es gäbe schon einige Gründe, die Medien kritisch zu begleiten. Nur: Wo denn?

Der Konzentration aufs Wesentliche ist bei der NZZ die Medienseite zum Opfer gefallen. Was nach dem nicht ganz friedfertigen Abgang des langjährigen Medienredaktors Rainer Stadler nicht wirklich überraschen konnte.

Dass nicht sattelfeste NZZ-Journalisten dann auch noch eine die alte Tante immer furchtbar schmerzende Entschuldigung verursachten, indem sie wider besseres Wissen behaupteten, bei «20 Minuten» denke man ernsthaft über die Einstellung der Print-Ausgabe nach, beschleunigte das Ende zusätzlich.

Aber immerhin, bis letztes Wochenende gab es eine Medienseite in der NZZ. Denn man ist ja bescheiden geworden. Tamedia und CH Media haben sich schon lange von dieser Form der Selbstkritik oder der kritischen Begleitung des Medienalltags verabschiedet.

Einer dreht noch seine Runden

In der «Weltwoche» dreht Kurt W. Zimmermann seit Jahren zuverlässig seine Runden und sorgt mit seinem Erfahrungsschatz, seiner Vernetzung und seinem ungebrochenen Mut zu Prognosen für eine nicht umfassende, aber immerhin wöchentliche Mediensicht.

Aber sonst? Persoenlich.com tritt man sicher nicht zu nahe, wenn man konstatiert, dass sich dessen kritische Medienbetrachtung auf der Ebene Globuli abspielt. Soll angeblich was drin sein, aber ist so verdünnt, dass man nichts merkt. Dann gibt es noch 18 Seiten «Edito», dem man den grössten Gefallen tut, wenn man mildtätig den Mantel des Schweigens drüberbreitet.

Schliesslich gibt es die «Medienwoche», auch stark gerupft durch Corona. Ausser Nick Lüthi, immerhin ein alter Hase, schreiben hier nurmehr Leicht- und Fliegengewichte realitätsferne Ergüsse. Und den «Schweizer Journalist», der vor 15 Jahren antrat, mit seinem munteren Chefredaktor Markus Wiegand schnell zur Pflichtlektüre wurde, von Zimmermann mit Lust an der Provokation weitergeführt und schliesslich von David Sieber zu Grabe getragen wird.

Sinnvolle Sparmassnahme

Natürlich ist es nicht nur dessen Schuld, aber wer sich nicht dringend über die nordfriesische Medienszene, Betrachtungen aus Deutschland und Österreich interessiert, während die Eigenrecherche auf null krankgeschrumpft wurde und eine Kür von irgendwer «des Jahres» mit ganzen 150 Abstimmenden durchgeführt wird, kann sich die happigen 15 Franken problemlos sparen.

War’s das? Das war’s. Natürlich, glücklicherweise gibt es ZACKBUM.ch, hätten wir glatt vergessen zu erwähnen. Aber auch hier gibt es ein Problem. Stadler hat gerade die Fortsetzung seiner Tätigkeit auf «Infosperber» angekündigt. In einem 40-Prozent-Pensum will er auf dieser Randgruppen-Plattform weiterschreiben. Wo sich Pensionäre und Autoren mit Schreibstau ein Stelldichein geben.

Das Problem ist aber, dass es kaum Journalisten gibt, die sich zu Medienfragen äussern wollen, erst recht nicht kritisch. Bei den wenigen Arbeitgebern, die es in der Schweiz im Journalismus noch gibt, will man es sich nur ungern mit einem Verlag oder dem SRF verscherzen. Denn wer weiss, ob man die nächste Sparrunde im eigenen Haus nicht überlebt und dann dringend Ersatz bräuchte.

Ja keine Kritik äussern

Kritik an der Einheitssauce der Zentralredaktionen, an den beiden Überchefredaktoren, am Versagen der Verlagsmanager, an journalistischen Fehlverhalten, am Qualitätsverlust, an der absurden Idee, für weniger Leistung mehr Geld zu verlangen: lieber nicht, das könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen.

Menschlich verständlich; wer heute 50 aufwärts ist und in (noch) ungekündigter Stelle bei einem Medienhaus arbeitet, weiss, dass es bis zur Frühpensionierung noch zu lange hin ist; sollte der Blitz demnächst einschlagen, bleibt nur der Gang aufs RAV und das Schreckgespenst der Sozialhilfe.

Keine guten Voraussetzungen für eine mutige und kritische Debatte. Auch den Interessensvertretungen der Medienschaffenden fallen zwar jede Menge Forderungen und Kritikpunkte ein, konstruktive Vorschläge haben sie nicht zu bieten.

Kritikfähigkeit wäre ein Lernfach für Journalisten

Es ist ein alter Hut, dass es kaum empfindsamere Wesen als Journalisten gibt, wenn es um Kritikfähigkeit geht. Austeilen immer gerne, einstecken immer sehr ungern. Mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der journalistischen Zunft und den zunehmenden Existenzängsten nimmt die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, auch nicht zu.

Die Lage ist allerdings so kritisch, dass es mit sanftem Gesäusel nicht mehr getan ist. Sondern es braucht schon zack und bum. Denn wo, wenn nicht hier? Und wer, wenn nicht wir?

Wem’s nicht passt: her mit der Kritik. Wir sind so was von fähig, Kritik zu ertragen und zu publizieren, nach der Devise: wer austeilt, muss auch einstecken können. Aber trauen muss man sich halt.

 

Packungsbeilage: Der Autor hat in eigentlich allen erwähnten Organen schon publiziert; ausser im «Edito». 

Die «Schweizer Journalisten»-Macher

Was zählt, ist das richtige Milieu

Zweimal Weihnachten für die Kulturjournalistin Anne-Sophie Scholl: «Schön: Ich darf wieder Namen vorschlagen für die Wahl der Schweizer JournalistInnen des Jahres. Natürlich sehe ich meine Aufgabe darin, tolle Frauen ins Spiel zu bringen!», tweetete die Dame vergnügt, «Das mache ich sehr gerne, danke @CR_Sieber.»

Scholl zählt (wie letztes Jahr) zur Jury des «Schweizer Journalisten». Sie und ein paar andere schlagen die besten Journalistinnen und Journalisten des Jahres vor. Die Liste geht dann an die Schweizer Redaktionen, und jeder Angestellte darf ein Häkchen für seinen Favoriten machen. Wir sind halt so, wir Journalisten. Es gibt keine Kioskfrau des Jahres, dafür Politikjournalist des Jahres, Reporter des Jahres usw.

Normalerweise kommen die Journalisten in die Kränze, die in grossen Redaktionen arbeiten, viele Freunde und wenig Feinde haben. Manchmal bringt dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten auch seltsame Blüten hervor. Zum Beispiel letztes Jahr. Als beste Journalistin wurde die Moderatorin Nicoletta Cimmino gewählt. Zur Einordnung: Das wäre etwa so, wie wenn eine TV-Ansagerin einen Oscar gewinnen würde.

Kein Jaulen vernehmbar

Nicoletta Cimmino war die erste Überraschung von David Sieber. Der Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» ist ein armer Hund. Seine wahre Leidenschaft gilt dem Fussball (FCB). Seit Corona darf er nicht mehr so viel schreiben. Er muss den Inhalt mit seinen Chefredaktor-Kollegen aus Deutschland und Österreich teilen. Jammern hört man Sieber nicht. Die wenigen Seiten, die ihm verblieben, füllt er pflichtbewusst mit Petitessen: Journalist X hat vor einem Monat eine neue Stelle angetreten, Mediensprecherin Y hat vor drei Wochen ebenfalls einen neuen Job angetreten.

Was Sieber an Feuerwerk noch bleibt, ist der «Journalist des Jahres». Im Unterschied zu früher hat er die geballte Fachkompetenz der Jury allerdings massiv reduziert. Früher zählten zur Jury fast nur Chefredaktoren, bzw. Personen aus der Führungsetage. Menschen halt, die nicht nur fünf Nasen beim Vornamen kennen. Sieber hat Jurymitglieder auserkoren, die in ihren Vorschlägen zu offensichtlich eine Präferenz durchschimmern lassen; ähnlich wie Frau Scholl, die schon lange nicht mehr den Redaktionsalltag von innen kennt.

Und, die neuen Jury-Mitglieder von Siebers Gnaden zählen sicher nicht zum harten rechten Block:

Kaspar Surber (WoZ), Andrea Fopp (Bajour), Simon Jacoby (tsüri), Bruno Bötschi (Bluewin) – und Nicoletta Cimmino (SRF).

Angetreten ist Sieber mit einer Ansage: «Was mich immer gestört hat (bei der Wahl), ist, dass aufgrund des Wahlverfahrens jene im Vorteil sind, die entweder einer grossen Redaktion angehören oder in Zürich arbeiten oder beides.» Zumindest das hat er geändert. Jetzt sind halt die im Vorteil, die vielleicht nicht so gut schreiben, aber im richtigen Milieu angesiedelt sind. Was Sieber aber vermutlich unterschätzt: Sein Hang zum links-alternativen Milieu führt sein Blatt in die Irrelevanz. 95 Prozent der wichtigen Köpfe im geschriebenen Journalismus arbeiten nun mal bei TX Group, CH Media, Ringier und NZZ.

Eine billige Nummer

Der neuste «Schweizer Journalist» ist eine Enttäuschung. Versinkt er bald in der Bedeutungslosigkeit?

Stolz kann David Sieber auf seine neuste Ausgabe des «Schweizer Journalisten» leider nicht sein. Die Hälfte seines Heftes hat er mit Texten ohne Bezug zur Schweiz gefüllt. Dazu ein nicht repräsentatives Ranking unkritisch hochstilisiert. Ein bisschen wenig für 15 Franken Einzelverkaufspreis. Doch der Reihe nach.

Ehrenpreis für einen legendären Sprecher

Ehre wem Ehre gebührt: Das hat sich Chefredaktor David Sieber gedacht, als er die Würdigung von Polizeisprecher Marco Cortesi ins Blatt rückte. «Kurzfristig haben wir den Preis für das Lebenswerk ins Leben gerufen», schreibt Sieber mit salbungsvollen Worten. Diesen Ehrenpreis bekommt Zürichs legendärer Polizeisprecher Cortesi, weil «wir gehört haben, dass er nächsten Februar in Pension geht». Da ist Sieber nicht allein. Die halbe Journalistenschweiz weiss seit Monaten, dass Marco Cortesi bald pensioniert wird. Und dass Cortesi Würdigungen, Nachrufe etc. erst im Dezember möchte. Für den «Schweizer Journalisten» gilt die Ausnahme, dass das PR-Ranking nur einmal im Jahr rauskommt.

Nach der Lektüre des Sieber-Artikels («Kommunikationsprofi mit Herz») über Cortesi muss man es sagen: Von einem Chefredaktor eines Branchenmagazin hätte man mehr erwartet. Natürlich ist Cortesi der Bündner Charme-Bolzen. Und er hat eine Würdigung auch voll verdient. Aber so unkritisch und ohne jegliche Vertiefung? Denn Cortesi kann auch anders. Der Schreibende erinnert sich an eine eigene Recherche, als er der Polizei nachweisen konnte, dass sie eine Art «Pfefferspray-Kärcher» gegen Kurdische Demonstranten einsetzte. Da wurde Cortesi richtig sauer und die Auskünfte waren ganz, ganz kurz und sehr, sehr unvollständig.

Harry Rosenbaum hin und weg

Damit zum Aufhänger des Heftes, zum Ranking «Unternehmenssprecherin des Jahres». «Die neue Überfliegerin» heisst es auf dem Titelblatt ein bisschen platt. Denn man nimmt Bezug auf Flughafensprecherin Manuela Staub, die «an die Spitze gestürmt» ist. Das mag man ihr und ihren drei Kolleginnen von Herzen gönnen. Auch das Tribut «Fab Four», das ihnen Autor Harry Rosenbaum verliehen hat. «Fab Four» (berühmte, fabelhafte Vier) nannte man zwar die Beatles und das ist länger her. Aber egal.

Ein bisschen weit hinten, erst auf Seite 68, folgt dann das Portrait der Siegerinnen. Lustig: Auch Harry Rosenbaum scheint viel mit der Flughafenmedienstelle zu tun zu haben. «Die Unternehmenskommunikation der FZAG macht eine super Arbeit, die sehr nachhaltig wirkt», schreibt der Journalist aus St. Gallen. Doch er hakt nach. Gibt es für den Sieg mehr Ferien, mehr Lohn oder eine grosse Party? «Der CEO meinte, über einen zusätzlichen Ferientag liesse sich verhandeln. Und natürlich haben wir angestossen, sagen die Frauen von der Flughafen-Medienstelle spontan.» So weichgespült ist leider der ganze Artikel.

Peter Minder ganz hinten

Hinter den Flughafen-Frauen folgen auf dem Podest Pro Natura und die Schweizerische Post. Das Schlusslicht bilden als 131. Peter Minder, Medienchef von Ueli Maurer und als 132. die Medienstelle der Politpartei BDP.

Mehr als zwei Drittel ungenügend

Wie lief das Ranking eigentlich ab? Laut Reglement des «Schweizer Journalisten» war die Bewertung vom 3. August bis 6. September online. Die Benotung passierte nach dem Schweizer Schulnotensystem. Die Flughafen-Damen gewannen den Wettbewerb mit der Note 4,52. Das bedeutet «genügend bis gut». Was für einen Sieger auf eine durchaus schlechte Beurteilung der Branche durch die Journalisten schliessen lässt. So hat die Coop-Mediensprecherin Rebecca Veiga (+ Team) als 33. nur die Note 3,95 erreicht. «Ungenügend». Fazit: Mehr als zwei Drittel der benoteten Sprecher und Firmen sind durchgefallen. Peter Minder etwa holte eine 2,85. «Sehr schwach bis schwach», heisst es im Schweizerischen Notenschlüssel dazu.

Nur 160 machten mit bei der Abstimmung

Doch es kommt noch schlimmer. Die Aussagen sind darum relativ, weil nur rund 160 News- und Fachjournalisten mitgemacht haben. 160 Leute. Aktuelle Statistiken gehen von gut 13’000 erwerbstätigen Journalisten und Redakteuren aus (verifizierte Zahlen von 2018: 14’500). Somit haben also lediglich etwas über 1 Prozent der Journis am Ranking mitgemacht. Für ein Fachblatt eine schwache Leistung.

Repräsentativ ist anders. Ja, eigentlich müsste die Headline lauten: Schlechte Noten für die Medienstellen. Bei den Journalisten herrscht grosse Unzufriedenheit.

«Zu wenig Ostdeutsche in den Redaktionen»

Und nun zur Gesamtbeurteilung des Heftes. Der erste Eindruck: Erinnerungen an die Südostschweiz am Wochenende kommen auf. Und zwar darum, weil 70 Prozent jener Zeitung nichts aber auch gar nichts mit Graubünden zu tun haben. Es kommt alles aus der Zentralredaktion in Aarau. Genau so beim «Schweizer Journalisten». Zu vieles ist von den Schwesterblättern (Der Österreichische Journalist, mediummagazin.de, Der Wirtschaftsjournalist) reinkopiert. Drei Seiten über «Bundesverkehrsminister Scheuer», drei Seiten über die TV-Serie «Piefke-Saga». Drei Seiten Analyse «Zu wenig Ostdeutsche in den Redaktionen». Dazu irritierenderweise auch lokale Inserate und Verlagshinweise. Eine Seite «30 unter 30. Die jungen PR Talente Deutschlands». Oder: «22. Österreichischer Journalistinnenkongress. Am 4. November in Wien».

Je länger man sich mit dem Heft beschäftigt, desto mehr kommt man ins Grübeln. Ist da gerade ein Branchenmagazin am Abserbeln?

Aber stopp. Die  drei Seiten über «Geld vom Staat – wofür?» sind ganz ok. Zu Wort kommt etwa der Deutsche Zeitungsverleger-Präsident Mathias Döpfner. Der Schweiz-bezogene Teil aber ist eine merkwürdige Doublette des Artikels von Dennis Bühler, einige Seiten vorher («Die Hälfte für die Kleinen, die Hälfte für die Grossen»). Dort immerhin erfährt man, dass der Bund bei der geplanten Onlineförderung dem Stadtzürcher Online-Portal tsüri.ch 84’000 Franken jährlich zahlen möchte. Das Online-Magazin «Republik» bekäme gar 1,34 Millionen Franken. Geschrieben hat dieser Artikel übrigens Dennis Bühler, selber Redaktor bei der «Republik».

Ein Lichtblick, der Sportjournalistenverband

Gibt es denn nichts Spannendes, Erfreuliches zu berichten nach der Heftlektüre? Doch. Der Artikel von Andreas W. Schmid über die Unruhe im Sportjournalistenverband ist ein Stück, das man gerne liest in einem Branchenmagazin. Viel Swissness, viel Neues. Etwa, wenn man vom Krach der ehemaligen SRF-Journalistin Jeanine Geigele mit dem internationalen Sportjournalistenverband erfährt. Geigele berichtet, dass es dort kaum um Inhalte, dafür umso mehr um teures Essen und repräsentative Hotels geht. Und dass der internationale Sportjournalisten-Kongress 2019 in Lausanne schlussendlich vom Katarischen Verband mitorganisiert und bezahlt wurde. Der Schweizer Verband weigerte sich, dieses korrupte System zu unterstützen. Warum gab’s nicht mehr solche Artikel?

Bald ein «Jubiläum»

Der nächste Schweizer Journalist erscheint schon am 4. November. Sonderthema: «Jubiläumsausgabe: 15 Jahre Schweizer Journalist». 15 Jahre ist nicht gerade eine runde Zahl. Aber man muss die Feste feiern, solange man noch lebt.

 

P.S. Im Editorial geht David Sieber mit keinem Wort auf die wirtschaftliche Situation des eigenen Blattes ein. Etwa, dass wegen der internen schlechten Finanzlage so viele Artikel übernommen werden mussten von Österreich und Deutschland und es hoffentlich wieder besser werde.