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Theile hetzt gegen Burka-Gegner

Junge Deutsche will Schweiz erziehen.

Das Magazin «Schweizer Journalist:in» versteht sich als «unabhängiges Branchenmagazin», das als «professioneller Begleiter» über aktuelle Themen berichtet. Charlotte Theile ist eine der zwei neuen Co-Chefredaktorinnen. Sie ist Deutsche und schreibt gerne über «Verbrechen, Politik, Feminismus und Gesellschaftsthemen», wie sie auf ihrer Homepage schreibt.

Die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» erfüllte in ihren Augen wahrscheinlich gleich alle vier Steckenpferde: Verbrechen, Politik, Feminismus und Gesellschaftsthema. Für den Spiegel schrieb sie einen Artikel, der ihre Meinung nicht verheimlichen konnte: Theile war gegen die Initiative.

Nach der Annahme der Initiative brach es aus ihr heraus: Gewonnen habe nicht die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, sondern die Ignoranten, wie sie auf Twitter schrieb.

Viele Journalisten, ich zähle mich dazu, nehmen an keinen Abstimmungen teil. Noch mehr Journalisten stimmen ab, äussern sich aber nicht dazu. Zum Glück gibt es nur ganz wenige Journalisten, die nicht abstimmen dürfen, aber Andersdenkende verunglimpfen. Theile gehört dazu.

Exklusiv: Die Antworten von Eric Gujer

Achtung Satire. Zackbum beantwortet für NZZ-Chef Eric Gujer die Fragen des «Schweizer Journalisten».

Das ist ein gefundenes Fressen fürs ZACKBUM-Ressort Satire. Entscheidungsträgern Worte in den Mund legen, weil sie auf diverse Fragen nicht antworten wollten. Das Ressort haben wir schon länger eingeführt, vor Markus Somm mit seinem Nebelspalter und vor der Republik. Vielleser erinnern sich: Die Republik brachte uns in Zusammenhang mit der Recherche rund die TX Group und den ungeliebten CEO Pietro Supino darauf. Im eben erschienenen Branchenblatt «Schweizer Journalist» nun wird «NZZ»-Chefredaktor ziemlich kritisiert. Bezeichnenderweise aber von Markus Wiegand, einem Journalisten, der seine Brötchen nicht in der Schweiz verdient. Immerhin aber war Wiegand von 2005 (Gründung des Hefts) bis 2016 Chefredaktor des SJ. Trotz der Distanz wollte das Gespräch zwischen Wiegand und Gujer aber nicht ins Rollen kommen. Wir helfen nach – die Fragen sind original, die Antworten nicht.

Herr Gujer, aktuelle und ehemalige Mitarbeiter kritisieren Ihren Führungsstil als ungewöhnlich autoritär. Wie charakterisieren Sie Ihr Führungsverhalten?

Ja wäre antiautoritär besser? So wie beim Tages-Anzeiger, wo jegliche Eckpfeiler zerfallen? Für einmal halte ich es wie die SRF-Chefin Nathalie Wappler. Sie sagte kürzlich in meinem Blatt: «Jetzt bewegt sich etwas, und es ist auch nicht recht». Die Frau gefällt mir – auch als Mensch.

Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter geben an, dass sie sich vor Ihrer teils scharfen Kritik fürchten oder gefürchtet haben. Wie erklären Sie das?

Vielleicht hat das mit der Erziehung gewisser Mitarbeiter zu tun. Berechtigte Kritik hat noch niemandem geschadet. Für mich gilt bei der Mitarbeiterführung Christoph Blochers Führungsprinzip: «Du sollst Deine Mitarbeiter lieben wie Dich selbst, dann kannst Du von diesen auch viel verlangen – so viel wie von Dir selbst.»

Ehemalige Mitarbeiter geben an, dass sie die NZZ wegen Ihres Führungsstils verlassen haben. Wie gehen Sie damit um?

Auch da halte ich mich an Christoph Blocher und seine Führungsprinzipien: «Du sollst wissen – gerade in Zeiten, in denen Teamgeist in aller Leute Mund ist -, dass Verantwortung unteilbar ist». Wer das nicht teilen kann, dem lege ich keine Steine in den Weg. Oder anders gesagt: Reisende soll, ja kann und darf man nicht aufhalten.

Sehen Sie einen Anlass, Ihr Führungsverhalten gegenüber Mitarbeitern künftig zu ändern?

Hüst und Hott in einer 241-jährigen Institution? (wechselt auf Mundart) «Das isch NZZ! Rekordmeister! Was meinsch eigentlich, wer du bisch, he? Rekordmeister! Rekordmeister! Dir isch gar nöd bewusst, um was es gaht da! Das isch Super League vom Rekordmeister! Än Institution, hey! Hey, chli Konzentration, he! Mir gähnd alles für dä Klub und du … läck du mir hey! Chli Respekt!» (beruhigt sich wieder)

Aktuelle und ehemalige Mitarbeiter geben an, dass Ihre Ehefrau Claudia Schwartz Einfluss auf die Gestaltung der NZZ nimmt, die über ihre Position als Redaktorin hinausgeht. Sie haben dies in der Vergangenheit mehrfach bestritten. Wie erklären Sie sich, dass diese Kritik von aktuellen und ehemaligen Redaktoren beständig wiederholt wird?

Ich empfinde diese Frage als frauenfeindlich und respektlos. Im übrigen verletzen Sie eine journalistische, ja zwischenmenschliche Grundregel. Nie über jemanden reden, der nicht da ist. Oder anders gesagt, fragen Sie meine Gattin doch selber.

Zum Schluss: Sie waren zwei Wochen für eine Fastenkur in Österreich. Sie haben dem Hotel ein Interview gegeben, das zu Werbezwecken auf der Website und in einem Corporate-Publishing -Magazin eingesetzt wird. Wie ist das mit den Compliance-Regeln der NZZ vereinbar?

Zuerst einmal: Saubere Recherche, vom ZACKBUM.ch. Oder von wo wissen Sie sonst davon? Aber egal. Sie haben die Sache nicht verstanden. Der Clou war, dass in meiner Samstagausgabe vom 13. Februar ein ganzseitiges Interview mit dem «Kurarzt Wolfgang Moosburger» erschien. Einigermassen stolz bin ich, dass die Interviewerin meine geliebte Gattin war. Dass sie auch die vorherige Seite füllte, war das Sahnehäubchen. Der Bericht «Viel mehr als nichts essen» hätte in jedes Weltblatt gepasst, Compliance-Regeln hin oder her.

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Fairerweise hier noch die Originalantwort der «NZZ» an den «Schweizer Journalisten»: «Von einem Interview möchten wir absehen. Es handelt sich vor allem um Fragen, die in den letzten Jahren wiederholt von der NZZ beantwortet wurden. Insofern ist dem nichts Neues hinzuzufügen. Gerne nehmen wir aber noch einmal und zusammenfassend zum Fragenkomplex wie folgt Stellung. Um unseren Nutzerinnen und Nutzern rund um die Uhr hochwertigen Qualitätsjournalismus anbieten zu können, sind seitens der Chefredaktion das Wahrnehmen der umfassenden Verantwortung und Führung mit klaren Zielsetzungen gefragt. Gefragt ist zudem eine offene Feedbackkultur in beide Richtungen. Dass diese im Unternehmen gelebt wird, bestätigt eine aktuelle Umfrage bei den Führungskräften der NZZ. Gemäss dieser Umfrage nimmt zudem ein Grossteil der Führungskräfte die Unternehmenskultur bei der NZZ als wertschätzend wahr. Als Redaktorin nimmt Frau Schwartz in der Tat Einfluss auf die Gestaltung der NZZ – so, wie das alle NZZ-Redaktorinnen und -Redaktoren im Rahmen ihrer Arbeit tun. Was das Interview betrifft, das Eric Gujer für ein Fastenkur-Hotel gegeben hat: Die Frage nach Compliance stellt sich insofern nicht, als Herr Gujer dieses Interview während seiner (selbst bezahlten) Ferien und auf Anfrage der Hotelleitung gegeben hat – dies im Rahmen einer Serie für das hauseigene Magazin, wo Persönlichkeiten, die in Jobs mit hohem Stressfaktor tätig sind, zu ihrem Umgang damit befragt werden.»

«Schweizer Journalist:in»: Promoartikel für die Neue

Magazin rollt schon mal den Werbeteppich aus.

Das höchste Gut im Journalismus ist – wer weiss es? Richtig, Glaubwürdigkeit. Die neue Co-Chefredaktorin des «Schweizer Journalists» heisst Charlotte Theile. Gleich mit der ersten Ausgabe des Jahres ist ihre Glaubwürdigkeit angekratzt.

Theile ist nämlich Gründerin des Storytelling-Kollektivs «Elephant Stories». Ihr Unternehmen ist noch jung – und braucht etwas Werbung. Sagen wir es mal so: In der Schweiz gibt es mehr Storytelling-Ideen als Elefanten in Afrika.  Im «Schweizer Journalist», oder wie man/sie/es jetzt schreiben muss: «Schweizer Journalist:in», wird «Elephant Stories» trotzdem gross vorgestellt. Sogar mit Anriss auf der Frontseite.

Ist das nicht etwas heikel, Frau Chefredaktorin Theile? «Elephant Stories habe ich im vergangenen Jahr gegründet und Anfang Februar öffentlich gemacht», schreibt sie zurück. Gemäss Informationen von ZACKBUM waren Theile und Samantha Zaugg aber bereits zu diesem Zeitpunkt zu den Nachfolgerinnen des gescheiterten David Sieber ernannt worden.

Sie habe das aktuelle Heft inhaltlich nicht verantwortet, schreibt Theile weiter. Das macht es nicht besser. Aber es zeigt einmal mehr auf, wie ihr Vorgänger arbeitete.

«Schweizer Journalist» jetzt mit Taylor-Swift-Poster!

«Bravo Girls» übernehmen früheres Fachmagazin.

Eigentlich ist es ja nur eine Personalie. Okay, Samantha Zaugg und Charlotte Theile werden zusammen ab 1. März den «Schweizer Journalisten» leiten, zumindest die Schweizer Abteilung. Zwei junge Frauen, zwei engagierte Journalistinnen.

Die Zeitschrift heisst dann «Schweizer Journalist:In». Prophetische Veranlagungen helfen im Alltag. Manchmal geht’s es aber auch ohne: Der SJ wird in den kommenden Ausgaben die Lohnungerechtigkeit zwischen Frau und Mann thematisieren, die sexuellen Übergriffen auf den Redaktionen erwähnen und in jeder Nummer die Frage aufgreifen, warum der Frauenanteil im oberen Kader nur bei soundso Prozent liegt. Mutige Journalistinnen werden porträtiert und Patrizia Laeri erhält hoffentlich eine Kolumne, die sich ebenfalls der Lohnungerechtigkeit und den unsittlichen Berührungen widmet.

Die zentrale Frage wird aber folgende sein: Können Zaugg und Theile auch noch mehr? Ein Blick in ihr Oeuvre lässt daran zweifeln. Beginnen wir mit Charlotte Theile. In der «Annabelle» hat sie bisher drei Artikel über die Popsängerin Taylor Swift geschrieben: «Deshalb treffen ihre Lockdown-Alben den Zeitgeist», «Darum liebe ich Taylor Swifts neues Album», «Warum ich auch mit 32 noch ein Taylor-Swift-Fan bin».

Für die «Süddeutschen Zeitung» berichtete sie von 2014 bis 2018 als Korrespondentin aus der Schweiz. Die Texte sind okay. Bei komplizierter Materie, oder wenn es schnell gehen musste, erhielt sie Unterstützung von Tamedia, zum Beispiel von Philipp Loser oder Mario Stäuble.  Seit drei Jahren ist Theile nicht mehr im Tagesjournalismus. Sie versucht, sich als Freischaffende über Wasser zu halten. Theile bittet ernsthaft darum, sie mit 1,50 Euro pro Monat zu unterstützen.

In der Branche wird gemunkelt, Johann Oberauer, der Verleger, habe verzweifelt herumgefragt, wer am besten ins gewünschte Profil passe. Nämlich: weiblich, jung und billig.

Oberauer sagte zu ZACKBUM, dass er in der Ausmarchung «komplett offen» mit allen geredet habe: Männer, Frauen, Alte, Junge. Und was ist mit den billigen Arbeitskräften? «Wir bezahlen nun relativ sogar mehr, absolut jedoch weniger, weil wir mit der neuen DACH-Organisation die Stellenprozente je Land reduziert haben.»

Auch die andere Co-Leiterin, Samantha Zaugg, besitzt die gleiche Lochkarte. Zaugg ist natürlich ebenfalls Freischaffende. Ein paar Jahre auf einer grossen Redaktion? Irgendwelche Führungserfahrungen? Error 404. Zauggs Texte sind dafür süss: «Die Schwestern Ruth und Maja Weiss haben ihr ganzes Leben in Hegi verbracht. Sie erlebten die Entwicklung vom Bauerndorf zum Industriestandort und nun zur neuen Wohnzone. Wie gefällt es ihnen?»

Zaugg reagiert wütend auf Zackbum.ch: «Die Aussage, ich hätte keine Erfahrung im Tagesjournalismus und ich würde den hektischen Alltag nur vom Hörensagen kennen, ist schlicht falsch. Ich war vier Jahre Videojournalistin für die tagesaktuelle News Sendung beim Regionalsender Tele Top.» Und: «Gerade diesen Sommer habe ich mehrere Monate bei einer regionalen Tageszeitung gearbeitet, Tagesgeschäft kann ich also immer noch.» Ob das reicht?

Nach dem unspektakulären und gescheiterten David Sieber nun zwei unerfahrene Journalistinnen ohne Seilschaften. Alpinist Oberauer siehts gelassen: «In Seilen kann man sich auch verfangen. Frei klettern hat grosse Vorzüge. Ich habe da grosses Vertrauen.»

Der Verleger macht sich immerhin keine Illusionen: «Die nächsten zwei, drei Jahren werden vermutlich auch nicht einfach.» Und wenn die zwei Freien es vermutlich nicht packen? Was kommt dann als Nächstes? Ein binärer und metrosexueller Praktikant?

Neue Chefredaktoren gesucht

Gleich bei zwei Branchenmagazinen braucht’s neue Chefs.

Der Schweizer Journalist muss künftig ohne CR David Sieber auskommen und auch beim Gewerkschaftsheft Edito ist Nina Fargahi nicht mehr dabei. Während Sieber schon seit einigen «SJ»-Ausgaben angezählt wirkte, kam die Kündigung von Fargahi doch eher überraschend.  Gegenüber dem Onlineportal persoenlich.com sagte sie: «Nach über drei Jahren ist die Zeit für mich gekommen, Neues zu wagen.» Sie jubiliert ähnlich wie ein Fussballtrainer, der ein besseres Angebot bekommen hat. Als Grund des Wechsels gibt sie an: «CH Media hat eine grossartige Publizistik und ich freue mich auf die Berichterstattung aus Bundesbern sowie auf die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen.» Das tönt nicht unbedingt nach einer unabhängig-versierten Medienkritikerin. Aber die Abstecher ins Metier der Medienkritik ist nun ja vorderhand auch Geschichte. Damit zur grossen Frage, wer die Nachfolge antritt. Beide Verlage wollen in Kürze informieren.

Zeit für ein wenig Werweissen

Kronfavorit für den Schweizer Journalisten ist ohne Zweifel Dennis Bühler.  Der talentierte und kritische Schreiber ist zwar erst 34-Jährig. Er hat aber einen eindrucksvollen Werdegang hinter sich. Taktisch klug hat er regelmässig die Stelle gewechselt und kennt sich somit hervorragend in der Medienwelt aus. Seit 2018 berichtet er für das unabhängige Magazin Republik aus Bundesbern. Wie bei Nina Fargahi wäre nun ein Karrieresprung angezeigt. Positiv für die Ausgewogenheit des Schweizer Journalisten wäre zudem, dass Dennis Bühler seit April 2016 Mitglied der 1. Kammer des Schweizer Presserats ist.

In die engere Auswahl kommt – und ja, warum nicht – Nina Fargahi. Sie hat nämlich nur einen befristeten Vertrag bis Ende Jahr bei CH Media. Nach der Männerdominanz beim Schweizer Journalisten wäre sie eine durchaus starke Antwort. Denn vor David Sieber war Kurt W. Zimmermann am Ruder, er folgte auf Markus Wiegand, der das Blatt 2005 fulminant in bisher unerreichte Höhen führte. Weitere herumgereichte Namen: Rafaela Roth (33), die bei der NZZaS ein wenig zu versauern scheint, sowie Adrienne Fiechter, welche dem online angestaubten Branchenblatt neuen Schub verleihen könnte.

Bleibt die Frage, was mit dem Edito, dem Gewerkschaftsheft, geschehen soll. Man muss es offen sagen: In der heutigen Form hat das Magazin keine Zukunft. Die Papierausgabe hinkt enorm hinter dem aktuellen Geschehen hintennach. Die Recherchetexte wiederum riechen zu stark nach gewerkschaftlichen Gefälligkeiten. Das ist darum stossend, weil die Journalistengewerkschaften keinen Stich haben, wenn es ums Eingemachte geht. Siehe die Fusion von CH Media, siehe das Trauerspiel bei Tamedia. Dass ZACKBUM das Edito übernimmt und es vom Gewerkschaftsmief befreit, ist übrigens nicht mehr als ein Gerücht. Und diese werden nicht kommentiert, wie die Pressestelle von ZACKBUM zu sagen pflegt.

Frage an die ZACKBUM-Leserschaft: Wer ist für Dennis Bühler? Wer für …. ? Und was soll mit dem Edito geschehen?

 

 

 

 

Das lange Ende von Sieber

Verleger klärte ihn schon vor einem halben Jahr auf.

Natürlich gibt es ein Branchenblatt für Pöstler oder für Eisenbähnler. Wer berührende Reportagen über die letzte Briefzustellung des pensionierten Postbeamten lesen will und sich für den maximalen Neigungswinkel auf der Gotthardbahn interessiert, bitteschön.

Als Kurt W. Zimmermann den «Schweizer Journalisten» kuratierte, war das Blatt mehr als ein Stelldichein von Schreiberlingen. Im Revolverblatt wurde geschossen, gestänkert, gelobt, aber vor allem neue Geschichten ausgegraben. Vor Zimmermann war Markus Wiegand am Hebel, der den «Schweizer Journalisten» überhaupt zur Instanz formte.

Mit David Sieber verlor das Blatt an Erotik und Brisanz. Viele Inserenten liefen davon. Wenigstens dafür trägt Sieber wenig Schuld. Die Verlage schalteten einfach kaum mehr Anzeigen.

Verleger Johann Oberauer musste schliesslich die Handbremse ziehen und das Angebot stark reduzieren. In den zurückliegenden Jahren kompensierte er die SJ-Verluste mit den Erträgen aus dem Online-Stellenmarkt in Deutschland, wie er gegenüber ZACKBUM sagt. 2020 war auch damit Schluss. Dass Oberauer trotzdem am Projekt «Schweizer Journalist» festhalten will, hat viel mit dem Prinzip Hoffnung zu tun. Erst ab 2023, so der passionierte Kletterer, soll es auf dem schwierigen Schweizer Werbemarkt wieder so etwas wie aufwärts gehen.

Über Sieber lässt er kein schlechtes Wort fallen. Sieber habe die Auflage deutlich gesteigert und neue Leserschichten erschlossen, schreibt er in der Mitteilung.  «Ich bedauere diesen Schritt und wünsche David Sieber alles Gute». Oberauer bot Sieber die Stelle als Redaktionsleiter. Sieber wollte allerdings nicht. Überraschend kam das Aus für den Basler nicht. Bereits vor einem halben Jahr teilte ihm Oberauer das Ende mit.

Packungsbeilage: Der Autor hat zu Zeiten von Zimmermann im SJ publiziert.

Schweizer Journalist: Sieber geht

Ein weiteres Opfer der Corona-Krise. Das Bedauern hält sich in Grenzen.

«2020 haben wir auf einen Schlag einen Drittel unseres Anzeigenumsatzes verloren.» So begründet der Herausgeber die Notwendigkeit, dass sich der «Schweizer Journalist» neu aufstellen müsse.

Das bedeutet, dass eine Zusammenarbeit der drei Redaktionen der deutschen, österreichischen und Schweizer Ausgabe nun institutionalisiert wird. 48 Seiten seien nun «ein gemeinsamer Kern», dazu kämen jeweils 36 Seiten «nationale Themen». Damit bleibe man bei alle zwei Monate mit der Werkstatt zusammen bei «mindestens 100 Seiten Brancheninformationen für Journalistinnen und Journalisten».

Dann wird es etwas fantasievoll in der Pressemitteilung. Chefredaktor David Sieber habe in seiner Amtszeit «die Auflage deutlich gesteigert und neue Leserschichten erschlossen». Sagen wir mal so: bei dieser Auflagenhöhe ist auch schon ein Neuabonnent spürbar.

Dass Sieber gleichzeitig den «Schweizer Journalist» als kritische Stimme der Medienbeobachtung hat verstummen lassen, stattdessen den Ruf der jährlichen Preisverleihung des Journalisten des Jahres herunterwirtschaftete und statt nach Verdienst nach Geschlecht ausgezeichnet wurde, was soll’s. Nach knapp zwei Jahren «beendet er deshalb sein Mandat».

Weshalb genau? Wegen zu grossem Erfolg? Wie freiwillig dieser Abgang erfolgte, darauf gibt die Schlussbemerkung Aufschluss. Der SJ werde auch in Zukunft eine «eigene Redaktionsleitung haben. Über die Besetzung wird in den nächsten Wochen entschieden.»

Johann Oberauer: «Ihr seid mir zu negativ»

Der Verleger des «Schweizer Journalisten» über Leidenschaft.

Der wichtigste Medienflüsterer der Schweiz will ein Österreicher sein: Johann Oberauer*. Vor 15 Jahren hat er das Fachmagazin aus dem Boden gestampft. Früher lag das Heft nur ein paar Stunden auf den Schweizer Redaktionen herum, bis es jemand entwendete; so geil war es. Der Glanz früherer Tage hat etwas nachgelassen. Der 61-Jährige ist aber immer noch der Gleiche. Zackbum findet er wahrscheinlich ziemlich bedeppert:

ZACKBUM: Sie kennen ja beide Welten (Österreich und Schweiz). Merken Sie gleich, ob ein Text von einem Österreicher oder Schweizer geschrieben wurde?

Johann Oberauer: Es ist die gemeinsame Sprache, die uns trennt, hat einst Karl Kraus über das Verhältnis der Österreicher zu den Deutschen geschrieben. Mag sein, dass das auch für die Beziehung zwischen der Schweiz und Österreich gilt. Ich persönlich liebe die Schweizer Sprache, auch wenn ich nicht alles verstehe. Und ich liebe die Schweizer. Aber das ist ein anderes Thema.

Die beiden grössten Geschichten in der Schweiz wurden entweder von amerikanischen Medien (Sepp Blatter) oder von der Einmannfirma InsideParadeplatz (Pierin Vincenz) enthüllt. Was sagt das über den Schweizer Journalismus aus?

Finden Sie? Unsere Journalistinnen des Jahres haben zur Crypto-Affäre aussergewöhnliche Arbeit abgeliefert. Kann es sein, dass Zackbum die Arbeit von Frauen nicht gleich würdigt?

Nicht doch. Wie kann man einer 20-Jährigen am besten vom Journalismus abraten?

Warum? Journalismus ist einer der spannendsten Berufe. Mag sein, dass es früher noch besser war. Aber früher war ja alles besser. Ich habe übrigens meinen beiden Kindern geraten, Journalismus zu machen.

Und ich drohe meinen Kindern. Was halten Sie generell vom Schweizer Journalismus?

Mir gefällt offengestanden Ihre Frage nicht. Da schwingt wenig Wertschätzung mit. Ich habe in mehr als 15 Jahren in der Schweiz aussergewöhnliche Journalistinnen und Journalisten kennengelernt – und auch weniger aussergewöhnliche. Wie in Österreich oder in Deutschland auch. Das das ist aber auch bei Automechanikern und Ärzten so.

Wie unterscheidet sich der Journalismus in Österreich von dem in der Schweiz?

Nicht so stark, als dass man darüber eine Geschichte schreiben könnte.

Was muss in der Schweiz geändert werden, damit der Journalismus nicht von Bettelaktionen abhängig ist?

Ich verstehe Ihren Stolz und ich stehe liebend gerne an Ihrer Seite. Aber die Wirklichkeit sieht manchmal etwas anders aus. Nebenbei, wie die Republik das zum Beispiel macht, ist hoch kreativ. So etwas habe ich in all den Jahren noch nie gesehen. Da werden normale Leserinnen und Leser als Verlegerinnen und Verleger angesprochen. Ein Überhöhung, um dann elegant Geld aus der Tasche zu holen. Hut ab. Ich habe übrigens auch gerne gezahlt.

Okay. Was halten Sie eigentlich von uns?

Ihr könntet das besser machen. Viel besser. Nur jammern und runterziehen bringt uns als Branche nicht weiter. Zeigt Lichtblicke. Gebt Hoffnung. Die Welt da draussen ist schöner und besser als ihr das beschreibt. Echt, ihr seid mir viel zu negativ. Ich komme zu Ihrer Eingangsfrage zurück, wo ich Ihnen geantwortet habe: Ich liebe die Schweizer Sprache und ich liebe die Schweizer. Wie ist das mit Ihnen? Lieben Sie den Journalismus? Lieben Ihren Job? Und wie stehen Sie zum Thema Verantwortung?

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*Johann Oberauer über sich: «1959 als Sohn eines Briefträgers geboren. Vater und Mutter sind Kinder Salzburger Bergbauern. Das hat wohl auch mich geprägt. Ich bin diesem Land tief verbunden, besonders den Bergen. Seit mehr als 30 Jahren Verleger, Herausgeber und Journalist – und oft genug in einem überschaubaren Medienunternehmen auch «Mädchen für alles». Ich mache meine Aufgabe mit Leidenschaft und werte mein Tun nach dem Sinn für diese Gesellschaft. Das ist manchmal mehr und manchmal auch weniger. Geld ist für mich in diesem Zusammenhang notwendig, aber nicht die treibende Kraft. Ich bin überzeugt, dass Medien und Journalismus wichtig für unsere demokratischen Strukturen sind, heute mehr denn je. Ich bin auch überzeugt, dass wir Antworten für manche Fragen im Kleinen finden und manche im Grossen. Vor diesem Hintergrund bin ich auch ein überzeugter Europäer. Mein Ziel ist, noch einige Jahre gestaltend im Unternehmen zu wirken. Meine Töchter Verena und Dagny sind längst an meiner Seite und werden mal ganz übernehmen.»

 

«Journalist des Jahres»: Wurde da getrickst?

Offene Fragen zum Wahlprozedere

Sheena Monnin ist ein Traum. Für Donald Trump war die Miss Pennsylvania 2012 aber eher ein Albtraum. Dem damaligen Miss-Wahl-Veranstalter warf die Brünette nämlich vor, dass die Schönheitswahl zur Miss USA 2012 ein abgekartetes Spiel war und die Siegerin schon vor dem Schaulaufen intern bestimmt worden war.

Das hätte sie auf ihrem Facebook-Konto besser nicht geschrieben. Trump jagte nämlich seinen Pitbull-Juristen Michael Cohn auf sie los. In der Folge verlor Monnin viel Geld (sehr viel Geld) und galt in der Öffentlichkeit als Miss Stutenbiss.

Man merke: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist. David Sieber, Chefredaktor «Schweizer Journalist», hingegen ist verzückt. In elf Kategorien zur Wahl der «Journalisten des Jahres» haben gleich zehn Frauen gewonnen. Beste Kolumnen, beste Wirtschaftsgeschichten, beste Reportagen, beste Beste – wer schreibt sie? Die Frauen. Das symbolisiere einen «Frauen-Triumph», so Sieber.

Bitte um «Vertraulichkeit»

Die Wahl wirft allerdings grosse Fragen auf. In der Vorjury nominieren ausgewählte Journalisten ihre Lieblinge. Sieber ist Basler und bestimmt die Spielregeln: Das Weltblatt NZZ aus Zürich und die Winzig-Plattform Bajour aus Basel haben darum gleich viele Jurymitglieder. Man erfährt nicht alle Jurymitglieder. Nur wer will, steht mit Namen auf der Liste. Die anderen, die «um Vertraulichkeit gebeten haben», kennt man nicht. So viel zur Transparenz und Schummelmöglichkeiten.

In früheren Jahren so sagen ehemalige Jurymitgliedern, hat nie jemand «um Vertraulichkeit gebeten». Im Gegenteil, man fühlte sich geehrt und machte gerne mit.

Von der «rechtsgefederten Ecke», so Sieber, hätten Roger Köppel und Markus Somm darauf verzichtet, an der Nomination teilzunehmen, «weshalb dieses Lager untervertreten ist.» So einfach ist das also. Roger Köppel sagte auf Anfrage von Zackbum.ch: «Ich habe es vergessen, da ich unsere Website Weltwoche-Daily ausgebaut habe.» Und Somm? «Ich habe mich noch nie daran beteiligt, weil ich es grotesk finde, dass wir Journalisten uns selbst beurteilen und auszeichnen.»

Wenig Ausgewogenheit

Eigentlich sollte der Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» ein Interesse daran haben, die ganze Gilde des Publikums zu bedienen und letztlich auch bei den Kandidaten die ganze Bandbreite von links bis rechts abzudecken. Seine Vorgänger Markus Wiegand und Kurt W. Zimmermann haben das gemacht. Für Sieber gilt aber anscheinend: Wenn Somm und Köppel nicht reagieren, kommen von der «rechtsgefederten Ecke» auch keine Journalisten. Sieber hat die Frage nach Ausgewogenheit bei der Kandidatenkür nicht beantwortet.

Wer an einen Betriebsunfall glaubt, ist naiv. Sieber und sein österreichischer Verleger Johann Oberauer mögen Frauen. Vielleicht lieben sie sie sogar. Aber wichtiger ist: Sie brauchen sie als Leserinnen. Dem Verlag geht es gar nicht gut. Die abonnierte Auflage dürfte gemäss früheren Anfragen bei etwas über 1000 Exemplaren liegen. Gemäss eigenen Angaben liegt die Auflage bei knapp 5000 Exemplaren, die an mehr oder weniger zufällige Adressen ungefragt verschickt werden.  Es handelt sich beim «Schweizer Journalist» de facto um eine Gratiszeitung. Anders als mit einer Streuauflage hat man keine Chancen auf Inserate.

Wenig Werbung

In der aktuellen Nummer (100 Seiten) finden wir hochgerechnet etwa 9 Seiten Fremdwerbung. Watson und das MAZ inserierten; sie sitzen ja auch in der Jury. Ausserdem wirbt der Tabakkonzern Japan Tobacco International (!) und die SVA, die auf Früherkennung bei Depressionen hinweist («Psychische Probleme überdecken das wahre Gesicht»). Die Erträge aus dem Anzeigengeschäft sind gering. Die hohen Rabatte, die der «Schweizer Journalist» anbietet, sind in der Branche bekannt. Manche Inserate sind auch nur Gegengeschäfte für Sponsoring-Kooperationen.

Werbung also für Rauchen und Depressionen. Fehlt nur noch Saufen und wir sind beim Journalisten der Gegenwart angekommen. Doch solche Probleme beschäftigen die Gewinnerinnen des Jahres 2020 hoffentlich nicht. Junge, unbeschwerte Frauen haben gewonnen. Journalistinnen mit grosser Fangemeinde, aber dünnen Storys. Zum Beispiel Anielle Peterhans, Fiona Endres und Nicole Vögele («Journalistinnen des Jahres»). Die drei «Rundschau»-Frauen durften sich ein halbes Jahr einem einzigen Thema widmen (Crypto). Wo gibt es das noch? Ihre Arbeit basiert im Grunde auf Recherchen anderer; übrigens von Männern. Und allein die Lohnkosten der drei Frauen haben die Gebührenzahler ungefähr 150‘000 Franken gekostet.

«Der Status wurde nicht abgefragt»

Der Verleger Johann Oberauer will «bevorzugt vollumfänglich» zitiert werden. Wir versuchen es. Also, Herr Oberauer, wer hat da eigentlich alles abgestimmt? Wie viele der 892 abgegebenen Stimmen stammen von aktiven Journalisten oder Groupies? «Der Status wurde nicht abgefragt. Ich kann diese Frage daher nicht beantworten.»

Und, die «Moonin-Frage»: Hat der Verlag deswegen so viele Frauen auf das Siegerpodest gehievt, weil sie das neue Zielpublikum sind?

«Erwarten Sie bitte nicht, dass wir ernsthaft mit Ihnen umgehen. Das ist Kindergeburtstag, was Sie hier aufführen. Oder Neidverhalten. Beides mag für Sie ok sein. Unsere Baustelle ist das nicht.» Zur Anzeigenflaute meinte Oberauer: «Also, das „mit fast keine Werbung verkaufen“ kann ich so nicht stehen lassen. Richtig ist, dass wir wie viele andere auch in diesem Jahr deutlich weniger Anzeigen haben. Blättern Sie mal durch und zählen Sie einfach mit.»

Wie schon erwähnt: Wer das Prozedere von Miss-Wahlen kritisiert, ist bescheuert. Oder Journalist.

Bemerkung: In einer früheren Version hiess es, Oberauer hätte nicht auf unsere Fragen geantwortet. Am Montagnachmittag erreichten uns seine Antworten, die dann im Text eingefügt wurden.

Preisträger: Alles Frauen oder was?

Der «Schweizer Journalist*In» fährt auch die Preisverleihung an die Wand.

Rankings, Auszeichnungen, immer eine gute Sache, um Aufmerksamkeit zu erregen. Damit konnte der «Schweizer Journalist» jahrelang punkten; ähnlich wie die «Bilanz» mit ihren «300 Reichsten».

Meistens waren die Preise verdient, und der Publikumspreis wurde unter lebhafter Beteiligung des Publikums vergeben. Das ist dieses Jahr alles ein wenig anders. Das Publikum bestand aus 892 Abstimmenden. Nun ja.

Ein Sportjournalist ist der einzige männliche Preisträger

Journalist des Jahres wurden die drei Journalistinnen der «Rundschau», die einen Beitrag zur Aufdeckung des Crypto-Skandals geleistet haben. Dass auch das ZDF und die «Washington Post» – die nebenbei am besten darüber berichtete – dabei waren: nun ja, beide sind nicht weiblich.

Das Geschlecht muss dieses Jahr eine herausragende Rolle gespielt haben, denn gerade ein einziger Mann schaffte es, Kategoriensieger zu werden. Noch-Präsident Trump würde da sicher von Betrug twittern, aber uns ist das Geschlecht von Preisträgern völlig egal. Die Frage, ob sie ihn auch verdient haben, beschäftigt uns schon mehr.

Welche Meriten, ausser das richtige Geschlecht?

Nehmen wir zum Beispiel die «Kulturjournalistin des Jahres». Dabei soll es sich um eine Namensvetterin von Simone Meier von «watson» handeln. Denn diese Meier kann nicht gemeint sein, für die ist Kultur ein Schreibfehler von Kult. Deren kultureller Horizont liegt so tief, dass sie geschmacklos davon schreibt, dass im Dritten Reich Juden «gecancelt» wurden. Und nicht mal einen Grund dafür sieht, sich wenigstens zu entschuldigen.

Gleich drei Preise regnen auf drei Frauen der «Republik» herunter. Darunter Wirtschaftsjournalistin des Jahres: Olivia Kühni. Nichts gegen sie, aber aufgrund welcher Leistung? Womit genau tritt sie in die Fussstapfen von Lukas Hässig, zum Beispiel? Die anderen beiden Preisträgerinnen der «Republik» sind leider namentlich oder leistungsmässig nicht bekannt.

Eine philosophische Gesellschaftsjournalistin, eine Kurzzeit-Chefredaktorin

Dann hätten wir noch die Nachfolgerin von Michèle Binswanger als Gesellschaftsjournalistin des Jahres: Barbara Bleisch von «Sternstunde Philosophie». Echt jetzt? Für ihre philosophischen Höchstleistungen wie diese, gegen die Platons Höhlengleichnis gewaltig abstinkt: «Wer das Schlangenbrot am Holzstecken in die lodernden Flammen hält, statt auf die Glut zu warten, muss einen Teigklumpen verspeisen, der aussen verkohlt und innen roh ist.» Mit solchen Sottisen sorgt sie im «Tages-Anzeiger» regelmässig für Heiterkeit, aber was soll das mit Gesellschaftsjournalismus zu tun haben?

Riesenfreude auch bei Nicole Meier von Keystone-SDA. Sie wurde zur «Chefredaktorin des Jahres» gewählt. Meier ist seit einem Jahr die Chefin der Nachrichtenagentur. Auf eine Ausschreibung wurde damals verzichtet. Das hat innerhalb der Redaktion zu Misstönen geführt. Sie sei eben «Wunschkandidatin der Geschäftsleitung» gewesen, heisst es auf Anfrage. «Unter diesen Umständen wurde konsequenterweise auf eine Ausschreibung verzichtet.»

Die rasende Reporterin des Jahres

Nehmen wir noch eine letzte Preisträgerin. Sarah Serafini von «watson» ist «Reporterin des Jahres». Mal ein Blick auf ihre letzten Reportagen, in chronologischer Reihenfolge: «Corona-Impfung: Was du über den Impfstoff wissen musst», «Coronavirus: Deutschland will Schulferien über Weihnachten verlängern», «Johnson sieht «hohe Wahrscheinlichkeit» eines No-Deal-Brexits». Und: «Skandalflug aus Surinam – Fifa-Chef Infantino steht vor Strafverfahren.»

Also entweder reiste die rasende Reporterin in den letzten Tagen nach Deutschland, London und fand noch Zeit für einen Abstecher nach Surinam – oder sie ist gar nicht so rasend. Das muss ja nicht gegen sie sprechen, aber «Reporterin des Jahres»?

Vielleicht nicht ganz alles verstanden

Vielleicht hat der neue Chefredaktor des «Schweizer Journalist» den zweiten Teil der guten Masche, durch Rankings und Auszeichnungen Aufsehen zu erregen, nicht verstanden. Oder vielleicht wollte er mit fast ausschliesslich weiblichen Preisträgern ein Zeichen setzen. Wie auch immer, Preise mit preiswürdigen Preisträgern sind gut. Preise, um ein Zeichen zu setzen oder um Preisträger zu küren, die nicht unbedingt preiswürdig sind, das ist schlecht. Denn wer möchte denn zum Beispiel gerne Nachfolger der Westentaschenphilosophin Bleisch werden? Oder der kulturfernen Simone Meier?

Also ich nicht. Aber ich bin ja auch disqualifiziert. Als Mann.