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Berset, versemmelt

Roger Köppels Kommentar wurde heute in der NZZ als Inserat geschaltet. Wenn die Mücke platzt, statt zum Elefanten zu werden.

Man muss der «Weltwoche» lassen: Mit ihrer «Eilmeldung» vom vergangenen Samstag sorgte sie für Furore. «Berset: Erpressung und Vertuschung», das löste Gehampel, Gefuchtel und Gefluche aus.

Letzteres bei der Sonntagspresse, die wohl auch Kenntnis vom einsehbaren Strafbefehl gegen die Erpresserin hatte, aber nicht damit rechnete, dass die am Donnerstag erschienene «Weltwoche» einfach ihren Internetauftritt ausnützt, um den Kollegen eine lange Nase zu drehen.

Zuerst wurden die Kampfhandlungen gegen die WeWo eingestellt

Während aber am Tag des Herrn grummelig einfach nacherzählt wurde, ging’s ab Montag richtig los. Immerhin über 250 Treffer erzielt die SMD-Suche nach «Berset – Erpressung». Da die WeWo nicht gerade beliebt ist bei den Kollegen der sogenannten Qualitätsmedien, wurden zwei Schienen gefahren. Auf der einen wurde eher kurzfristig auf die WeWo eingeprügelt, nach der Devise: Das ist Privatsache, darüber schreibt man nicht, pfui.

Nach einem eigenen Berg von Geschreibsel sah man dann allerdings ein, dass das vielleicht etwas heuchlerisch rüberkommen könne und stellte diese Kampfhandlungen ein. Um sich an der Exegese eines vielfach geschwärzten Strafbefehls zu versuchen. Beruhigendes Resultat: vielleicht hätte Berset schneller die Polizei einschalten sollen, aber sonst: alles in Ordnung, alles sauber, alles kein Problem.

Und im Umkehrschluss: Hätte die WeWo nicht aus durchsichtigen Gründen gegen einen erfolgreichen SP-Genossen Stunk gemacht, hätten wir uns auch diese Woche ausschliesslich auf Corona und Trump konzentrieren können. Aber schön, haben wir drüber geredet.

Die WeWo will aus einem Artikel eine Kampagne machen

Das wiederum will die «Weltwoche» nicht so stehenlassen, also legt sie nach. Gleich mit einem Doppelschlag. Autor Christoph Mörgeli, im Enthüllungsrausch, schreibt trotzig: «Bundesrat Alain Berset (SP) ist erpressbar.» Und sein Chef hat’s letzthin mit filmischen Vergleichen. Nachdem er Donald Trump zum John Wayne der Politik verklärt hat, fällt ihm bei Berset gleich «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino ein, dem grössten Kopisten Hollywoods.

In dieser Gaga-Story über zwei philosophierende und unendlich quatschende Killer gibt es eine Szene, in der sie – aus Versehen – ihren Passagier im Auto erschiessen. Das ist für einen Killer natürlich kein grösseres Problem. Aber die verdammte Sauerei im Wagen; Blut, Körperflüssigkeiten, Hirnmasse, schrecklich, das muss weg.

Für solche Fälle hat die Unterwelt natürlich einen Spezialisten. Harvey Keitel hat einen grandiosen Kurzauftritt als «the cleaner». Er räumt professionell Schweinereien aller Art auf. Entsorgt Überflüssiges, stellt Sauberkeit und Ordnung wieder her. Damit alles wieder so aussieht, als sei nichts geschehen.

Was hat «Pulp Fiction» mit Berset zu tun?

Eine der wenigen wirklich gelungenen Szenen im Film, vielleicht abgesehen von der ikonischen Tanzeinlage. Aber was hat das mit Berset und der Erpressung zu tun? Nun, da versucht sich Roger Köppel in einem erkenntnistheoretisch spannenden Looping. Er braucht viele Zeilen dafür, aber die Kernaussage ist: Wo nichts war, muss nichts aufgeräumt werden. Wenn aufgeräumt werden musste, damit Bundesrat Berset in seiner Berufsausübung nicht beeinträchtigt werde, war er beeinträchtigt. Und damit erpressbar.

In der leicht überhöhten Originalformulierung:

«In diesem Fall aber bliebe die wesentliche Frage offen, warum Berset die alles zermalmende Wucht der bundesrätlichen Strafjustiz gegen dieses angebliche Nichts einer Erpressung überhaupt entfesselte, denn wo nichts ist, kann nichts herauskommen und muss auch nichts gelöscht oder geheimgehalten werden.»

Quod erat demonstrandum, würde Köppel sagen, hätte er Latein gehabt.

Chef oben, Mörgeli unten

Während sich der Chef um geistige Flughöhe bemüht, ist Mörgeli unterwegs, um im Nahkampf aus seiner Enthüllung eine Kampagne zu machen. Ein Schuss ist gut, aber danach muss man nachladen. Denn schliesslich habe seine Enthüllung «einen Flächenbrand» ausgelöst, schlimmer noch, «das Abwehrdispositiv wackelt».

Also ruft Oberstleutnant Mörgeli «Attacke» und galoppiert los, als gäbe es noch die Schweizer Reiterarmee. Als geschickter Stratege weiss er, dass man nicht auf breiter Front angreifen sollte. Sondern versuchen, durch eine Bresche zu gelangen.

Die heisst «Erpressbarkeit». Da fährt Mörgeli alles auf, was er zusammenkratzen kann. Natürlich die Meinung eines Strafrechtsprofessors: «Das geht für mich nicht auf.» Die Hinter- und Abgründe eines Strafbefehls. Gar das Fehlen oder das Vorhandensein eines s am Ende des Wortes «Foto». Denn manchmal war’s nur eins, manchmal waren es mehrere. Hochverdächtig.

Verdächtig, wackelige Wagenburg, hilflos

Dagegen verberge sich Berset in einer «eiligst zusammengekarrten Wagenburg». Während die Kontrollinstanzen, vom Parlament angefangen – was Wunder – «einen hilflosen bis ausweichenden Eindruck» machten. Als Ausdruck dieser Haltung wird Ständerat Andrea Caroni (FDP) in den Senkel gestellt; der behaupte, Berset habe «sofort» Strafanzeige gestellt.  Pfeife, Unsinn, setzen, donnert da der Besitzer des Diploms fürs Höhere Lehramt, das sei «nachweislich falsch».

In diesem ganzen Sumpf könnten noch Sumpfblasen in Form von «weiteren undichten Stellen» (wieso weiteren?) in Form von «Fakten, aber auch Gerüchten» nach oben steigen. Aber das einzige Phänomen, das wir zurzeit beobachten können: Zwei erwachsene Männer versuchen, eine Eintagsfliege möglichst lang am Leben zu erhalten und zum Elefanten aufzupumpen. Beim Platzen gibt das keine Sauerei, die einen Cleaner bräuchte. Aber den guten Ratschlag: Man muss wissen, wann es mal gut ist.

Nehmt Euch doch ein Beispiel am «Blick». Als erfahrenes Boulevard-Medium hat der «Blick» schnell gemerkt: Berset, Erpressung, Frau, super Story. Aber genauso schnell wurde es ihm klar: das war’s; ausser, wir treiben die Erpresserin auf, ist die Story auserzählt.

In eigener und fremder Sache

Roger Köppel polarisiert. Und wird wegen diesem und jenem beschimpft. Aber …

Manche mögen ihn. Viele eher weniger. Baut er – als Einziger – in diesen Zeiten den Kulturteil aus und holt sich dafür einen angesehenen Herausgeber: Schweigen im Zeitungswald. Kann man nicht meckern, also sagt man lieber nichts.

Klimawandel, Trump, Verhältnis zur EU: gerne und mit Lust wedelt er da mit roten Tüchern, das nennt man Erregungsbewirtschaftung.

Aber: Er hat eine Eigenschaft, die eigentlich jeder Herausgeber oder Chefredaktor haben sollte. Und im deutschen Sprachraum, in der Schweiz ausser ihm keiner (und keine) hat. Er liebt die Debatte. Ausserhalb, aber auch innerhalb seines Blatts.

Das können einige andere und ich bezeugen. Kritisiert ihn jemand öffentlich, und tut er das nicht unter jedem Niveau, dann bietet er Platz in der «Weltwoche» für die kritische Meinung an. Wer da erschreckt nein sagt, in diesem Blatt doch nicht, bei Köppel doch nicht, ist schlichtweg ein blöder Belferer. Weil den Kritikern auch dazu eigentlich nichts einfällt, knirschen sie, dass die Langzeit-Kolumne von Bodenmann, die kritischen Stimmen, das Widersprechen, dass das alles doch Feigenblätter seien, pseudo, Vorspiegelung eines Dialogs, während es Köppels Monolog sei.

Welcher Schweizer Chefredaktor, welche Chefredaktorin, würde sich so niedermachen lassen?

Alle diese Dummschwätzer sollten sich mal fragen, ob ihr Chef es zulassen würde, in seinem eigenen Blatt so niedergemacht zu werden. Und wenn sie nicht auch noch verlogene Heuchler sind, müssen sie zugeben: niemals. Nicht im Traum. Nicht in anderen Welten.

Ich muss hier von mir schreiben, was natürlich auch Gelegenheit für Häme bieten kann. Aber es ist halt, wie es ist. Am 14. November veröffentlichte ich hier auf ZACKBUM.ch «Köppels Trumpfieren». Eine doch eher gnadenlose Abrechnung mit seiner Verehrung, zumindest Verteidigung von Donald Trump. Am Montag fragte er mich, ob er diese Polemik übernehmen dürfe. Sie habe seiner Redaktion und auch ihm ausnehmend gefallen.

Ich empfahl ihm, alle seine Mitarbeiter, die Sympathie für diesen Verriss geäussert haben, fristlos zu entlassen. Aber vorher: gerne. Das steigert nun noch die Vortaten, wo er bereit war, eine extra für die WeWo geschriebene Gegenmeinung zu bringen. Diesmal wollte er sogar ein bereits erschienenes Stück, mit Quellenangabe natürlich.

Der Beweis. Und erst noch in Titel und Lead angespitzt.

Also Hand aufs Herz, alle die, die Köppel für die Inkarnation des Gottseibeiuns halten: Macht sonst keiner. Müsste aber jeder machen, für den das Wort der Podiumszeitung, der freien Debatte, der offenen Kritik nicht einfach leere Worthülse ist. Die alle anderen Chefs gerne grossmäulig rumspucken.

Ach, da werfen sich zwei gegenseitig Steine in de Garten? Köppel steht gut da, Zeyer lobt ihn? Mag ja alles sein, nur: nachmachen, bitte!

Ich könnte auch Namen nennen, aber wozu. Früher, als ich das noch probierte, hörte ich zu oft: «Toll geschrieben, super Inhalt, neue Perspektive. Ehrlich gesagt, sehe ich auch so. Aber du weisst doch, wie es bei uns ist. Das kann ich nicht mal in der Konferenz vorschlagen, das kriege ich nie durch.»

«Als Eigentümer verantworte ich persönlich alles»

Für Roger Köppel, Herausgeber und Alleinbesitzer der Weltwoche, haben «eigentlich alle Artikel» seit der Gründung 1933 kommentierenden Charakter. Das widerspricht dem Journalistenkodex.

In den Medien wird, zumindest nach aussen, die Vermischung von Fakten und Kommentaren gescheut, wie das auch bei Redaktionellem und Werbebotschaften geschieht – oder auch nicht. Die Richtlinie 2.3 des Schweizerischen Journalistenkodex macht dazu klare Vorgaben.

Richtlinie 2.3 – Trennung von Fakten und Kommentar:

Journalistinnen und Journalisten achten darauf, dass das Publikum zwischen Fakten und kommentierenden, kritisierenden Einschätzungen unterscheiden kann.

Eine Richtlinie, die die Weltwoche oft und genüsslich negiert, gefühlt verstärkt, seit Roger Köppel am Ruder ist. Vielleicht ist das aber auch so, weil gerne die Antithese vertritt. Etwa, dass Sepp Blatter ein guter FIFA-Präsident war. Die Antithese gilt auch für Trump, Lukaschenko, Blocher, Bolsonaro und so weiter. Nun hat das seit 87 Jahren erscheinende Wochenblatt vor einigen Wochen noch einen drauf gegeben. «Der Charme der Tradition: Weitere Gefässe aus früheren Epochen kommen rundumerneuert». Seither erscheint wöchentlich der «Blick in die Zeit». Diese Seite gab’s schon von den 1930ern bis in die 60er Jahre: «Eine anekdotisch-feuilletonistische Rubrik, die sich aus Weltwoche-Sicht interessanten Phänomenen widmet.» Speziell ist, dass die sehr wertende Rubrik anonym ist. Man weiss also nicht, wer die Zeilen geschrieben hat. Was sagt Roger Köppel dazu?

 

«Klarer gehts nicht»,  findet Roger Köppel. (Foto: ls.)

 

Zackbum.ch hat ihn (schriftlich) befragt. Köppel (55) ist seit 2006 Verleger und Chefredaktor der Weltwoche. 2001 konzipierte er die Zeitung als Chefredaktor neu. Die Weltwoche erscheint seither als Magazin und nicht mehr als Zeitung.

Roger Köppel, ist noch bekannt, wer die «Blick in die Zeit»-Texte von 1933 bis in die 1960er Jahre schrieb?

«Nein. Texte hatten nicht dechiffrierbare Kürzel oder keine Zeichnung.»

Wer schreibt die Texte heute?

«Die Weltwoche.»

Der Inhalt zum Beispiel in der Weltwoche vom 15. Oktober ist durchaus diskutabel: «Die Medien müssten sich an Thiel, Rima und Spence nicht die Schuhe abputzen, sondern sie würdigen als Helden unserer Zeit.» Warum wird bei einer solch streitbaren Rubrik kein Autor ausgewiesen?

«Ich hoffe, alle Beiträge sind Diskussionsstoff. Die Weltwoche hatte immer Rubriken, die nicht gezeichnet waren oder mit Künstlernamen versehen waren. Ein «Economist» zeichnet die meisten Artikel, vor allem die Kommentare, noch heute nicht.»

Als Einschätzung für den Leser und gemäss Richtlinie 2.3 des Journalistenkodex (Trennung von Fakten und Kommentar): Als welche journalistische Form würden Sie «Blick in die Zeit» bezeichnen?

«Die Weltwoche kennt seit alters her die Trennung von Kommentar und Bericht nicht, weil die meisten, eigentlich alle Artikel kommentierenden Charakter haben. Das ist seit der Gründung dieser Zeitung so.»

Warum wird diese journalistische Form nicht klarer gekennzeichnet?

«Als Eigentümer verantworte ich persönlich alles, was in der Weltwoche steht, gezeichnet oder ungezeichnet, kommentiert oder unkommentiert. Klarer gehts nicht.»

Noch eine allgemeine Frage: Laut einer Meldung des Kleinreport arbeitet die Weltwoche (auch) Kurzarbeit. Stimmt das und wenn ja, wie lange schon und wie lange noch?

«Diese Meldung ist falsch. Fake News. Die Weltwoche arbeitet seit vielen Monaten normal. Die Kurzarbeitsversicherung haben wir lediglich im Mai und Juni beantragt.»

Kindisch-arrogante Dialogverweigerung

Reden wir mal drüber? Nicht mit der Klimajugend.

Es war schon immer das Privileg von Autokraten und Diktatoren, von vermeintlich unangreifbaren Autoritäten, die Debatte zu verweigern.

Das chinesische Regime will keinen Dialog mit Dissidenten. Der weissrussische Autokrat Lukaschenko will keinen Dialog mit den Demonstranten gegen seine manipulierte Wiederwahl.

Damit soll die andere Seite nicht aufgewertet, nicht anerkannt, ihr Legitimität abgesprochen werden. Denn Regimes und Autokraten haben Angst vor dem freien Wort, vor der Debatte.

Alle Heilslehren, Religionen, hermetisch geschlossene Ideologien haben Angst vor der Debatte. Im Islam ist das bis heute unmöglich; die christliche Kirche musste dazu gezwungen werden, auf Zweifel und Gegenargumente nicht mit der Inquisition zu reagieren.

Nur im offenen Widerstreit der Argumente ist Erkenntnisgewinn möglich

Natürlich ist die Freiheit der Debatte nicht grenzenlos; sie braucht Regeln, die Teilnehmer müssen geschützt sein. Aber es gehört zu den fundamentalen Vorteilen unserer zivilisierten Gesellschaftsform, auf dieser kleinen Insel des offenen Streitens, dass Konsens herrscht: nur im Widerstreit der Meinungen ist Erkenntnisgewinn möglich.

In hermetisch geschlossenen Systemen, in Autokratien, in absolutistischen Regimes wird dekretiert, worüber debattiert werden darf – und worüber nicht. In fundamentalistischen Glaubensgebäuden gilt Zweifel als blasphemisch, der sogar mit dem Tod bestraft werden muss.

Offenes Streiten über alles ist nur in einigen Staaten Europas, in den USA, in wenigen Staaten Asiens, nirgendwo in Afrika oder Lateinamerika möglich. In zu vielen Ländern der Erde riskiert der Vertreter einer unliebsamen Meinung, dass er zensiert, boykottiert, bedrängt wird. Schlimmer noch, dass er bedroht wird, Nachteile in Kauf nehmen muss. Vielleicht sogar sein Leben verliert.

Kleine Inseln der Glückseligen im Meer der Intoleranz

Wir leben hier in der Schweiz auf einer der wenigen Inseln der Glückseligen, wo im Rahmen des Anstands und der Gesetze ein offener Meinungsstreit nicht nur möglich ist, sondern auch eine lange Tradition hat. In jeder Form.

Eine dieser Formen ist das Streitgespräch in der Öffentlichkeit. Auf Podien, in Sälen oder vor Mikrophonen und Kameras. Die einzige Sendung des Schweizer Fernsehens, die eine solche Streitkultur pflegen will, ist die «Arena».

Man kann, was dort stattfindet, als Schaukampf kritisieren, bemängeln, dass es nur rhetorische Spiegelfechterei sei, dass man sich nicht zuhöre, sondern jeder Teilnehmer nur möglichst viel Redezeit für sich erobern will. Auch diese Meinungen kann man frei äussern.

Wir sprechen gerne mit allen, nur mit dem nicht

Nun überrascht das «Kommunikationsteam des #RiseUpForChange» damit, dass es «sehr gerne auch mit Menschen spricht, welche unterschiedliche Ansichten haben». Allerdings bestimmt es selbstherrlich, mit wem es nicht spricht. Denn die Redaktion der «Arena» bestehe doch tatsächlich «auf der Einladung Roger Köppels».

Eine Unverschämtheit für das «Kommunikationsteam», denn «Roger Köppel und seine Zeitung hetzen seit Beginn der Klimastreiks massivst gegen Klimastreikende». Daher habe man «einstimmig beschlossen, die Einladung zur SRF Arena nicht anzunehmen».

Genauer gesagt: Die Teilnahme zurückzuziehen, nachdem man offensichtlich mit dem Erpressungsversuch scheiterte, nur aufzutreten, wenn Köppel nicht dabei ist. Das ist so unverfroren und unerhört, dass man es kurz abschmecken muss.

Wenn die Massstäbe völlig verrutschen

Die gleichen Vertreter einer Bewegung, die die Toleranz der Gesellschaft aufs «massivste» strapazierten, indem sie ein Lager auf dem Bundesplatz vor dem Schweizer Parlament aufschlugen, das trotz klarem Gesetzesverstoss von der Berner Regierung toleriert wurde, wollen die Teilnahme eines missliebigen Kontrahenten in einer Debatte nicht tolerieren.

Dabei haben sie sich offensichtlich verschätzt und überhoben, indem sie meinten, mit ihrer Drohung, der Debatte fernzubleiben, könnten sie Köppel ausladen, obwohl ihnen weder seine Einladung noch seine Ausladung zusteht.

Die Begründung fürs Schmollen ist aberwitzig: Köppel leugne oder relativiere die Existenz des menschengemachten Klimawandels. «Dieser ist wissenschaftlicher Konsens und kann nicht zur Debatte stehen.»

Die Klimajugend will bestimmen, was debattiert werden darf

Das erinnert an die absolute Arroganz der Kirche, die Galileo Galilei mit dem Zeigen der Folterinstrumente klar machte, dass die Erde eine Scheibe sei und unverrückbar im Zentrum des Universums stünde. Das sei wissenschaftlicher Konsens und könne natürlich nicht zur Debatte stehen.

Nun hat Köppel vielleicht nicht das Format eines Galileis. Aber ein paar erregte Jugendliche haben noch viel weniger das Format oder die Autorität, darüber zu entscheiden, was zur Debatte stehen darf und was nicht.

Man könnte nun Milde walten lassen und verständnisvoll darüber hinwegsehen, dass ein paar Idioten in jugendlichem Ungestüm noch keine Ahnung haben, was Meinungsfreiheit und Toleranz bedeuten. Unheimlich wird es aber, wenn ein Krisenkommunikationsberater wie Mark Balsiger Wind in eigener Sache macht, indem er per unverlangter Ferndiagnose schon vor der Debatte weiss, dass Köppels «Teilnahme in der Sendung nichts» bringe.

Ein Krisenkommunikator als Krise in eigener Sache

Wer solchen Unsinn verzapft, ist selber die Krise, die er kommunikativ zu bewältigen verspricht. Es mag durchaus zweifelhaft, gar falsch sein, unsinnig, unwissenschaftlich, hanebüchen, was Roger Köppel oder andere Autoren der «Weltwoche» über Klimaveränderung sagen.

Aber selbst wenn das so ist: Das ist ein laues Lüftchen im Vergleich zu dieser arroganten Borniertheit, in einer Debatte bestimmen zu wollen, wer mit welchen Meinungen daran teilnehmen darf – und wer nicht.

Selbstverständlich findet die «Arena» unter Teilnahme von Roger Köppel statt, und das ist gut so. Die Klimajugend hat sich hingegen als ein dummer Haufen von trotzenden Rotznasen entlarvt. Erstaunlich höchstens, dass diese «Kollektiv» auch für Greenpeace spricht. Dieser Organisation konnte man bislang eine gewisse Vernunft nicht absprechen.

Aber hier ballt sich eine üble Mischung aus geschichtsvergessener Dummheit, Borniertheit und Rechthaberei zusammen. Von Menschen, die vergessen haben – oder nie wussten –, wie kostbar das Gut der freien Debatte ist, und mit wie vielen Opfern es erkämpft werden musste.

Deshalb dürfen nur weit gefasste Gesetze, so wie in der Schweiz, die freie Meinungsäusserung beschneiden. Niemals selbsternannte «Kommunikationsteams» von Kommunikationsverweigerern.

Copy/paste bei der «Weltwoche»

Ein Wiederholungstäter kann’s nicht lassen.

Schon 2015 wurde es ziemlich eng für den Auslandchef der «Weltwoche». Schlag auf Schlag wurden ihm Plagiate aus dem englischen «Telegraph», der FAZ und dann noch der «Welt» nachgewiesen.

Chefredaktor Roger Köppel liess es dabei bewenden, sich dafür zu entschuldigen und «Massnahmen und Sanktionen» anzukündigen. Neben Urs Gehriger bekam auch der Kummerbub des Journalismus «eine zweite Chance» in der «Weltwoche». Die Tom Kummer natürlich wie alle vorherigen versemmelte.

In diesem Reigen darf Claas Relotius nicht fehlen, der den «Spiegel» in eine Glaubwürdigkeitskrise stürzte und auch in der «Weltwoche» diverse Stücke veröffentlichte. Hier wurde eine genaue Untersuchung angekündigt.

Die Häme in der Branche ist gross

Als vor vielen Jahren eine Edelfeder im «Vogue»-Konzern überführt wurde, kräftig abgeschrieben zu haben, meinte der Chefredaktor des betroffenen Blatts nur: «Abschreiben? Na und. Was ich ihm vorwerfe: Er hat den Text nicht mal so durchgeschüttelt, dass man es nicht merkt.»

Bei aller Sorgfalt, mit oder ohne Dokumentationsabteilung, es kommt im Journalismus immer wieder vor, dass Redaktionen mit teilweise abgeschriebenen, erfundenen oder deutlich an der Realität vorbeigeschriebenen Texten reingelegt werden. Die Häme in der Branche ist ihnen jeweils gewiss.

Wobei jede Redaktion, ob gross oder klein, wohldotiert oder schmal aufgestellt, immer Schiss davor hat, einem Hoax, einer Ente, einer Erfindung aufzusitzen. Besonders, wenn es sich um unterhaltsame Blödsinnstücke handelt. So wie das vom Taxipassagier, der in Zürich zum Flughafen, der damals «Unique» hiess, gefahren werden wollte, im Taxi einnickte und ein paar Stunden später vor dem Flughafen Munich aufgewacht sein soll.

Die Story gab’s in verschiedenen Varianten und Abfahrtsorten, sie hatten nur eines gemeinsam: alles erfunden, Quatsch, Unsinn.

Bei Dissertationen ist Titel und Ansehen futsch

Solche Veräppelungen der Medien kann man noch als eine lässliche Sünde betrachten; so wie Fake-Anrufe, um den Gesprächspartner aufs Glatteis zu führen. Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn der eigene Redaktor, zudem noch Auslandchef, zum wiederholten Male kopiert, ohne das auszuweisen.

Bei Doktorarbeiten kostet das schnell einmal, modernen Textsuchprogrammen sei Dank, Titel und Ansehen. Gehriger überlebte diese Plagiate und revanchierte sich dafür mit einer lobhudelnden Berichterstattung über Donald Trump, bei der es einem regelmässig ganz anders wird. Wer seine Fast-Begegnung mit Trump in dessen Angeber-Ressort Mar-a-Lago gelesen hat, musste anschliessend unter die Dusche.

Nun ist ein neues Plagiat von Urs Gehriger ans Licht befördert worden. Allerdings eines der besonderen Art: Wer bei anderen abschreibt, kann das auch bei sich selbst nicht lassen.

Neu diesmal ein Eigenplagiat

So will Urs Gehriger im April 2016 den Philosophen, Autor und Anwalt Nicolas Baverez in Paris besucht haben. Und gibt ehrfurchtsvoll dessen Philippika gegen das politische System, gegen den damals aufsteigenden Star Macron und gegen die Fehler linker Regierungen wieder.

«Staatsausgaben ohne Grenzen: Auf die Wirtschaftskrise der Blasen und den Einbruch des Wachstums auf Kredit 2008 habe Frankreich mit einer beispiellosen Beschleunigung der Staatsausgaben und -schulden reagiert. Die Staatsausgaben schrauben sich seither in schwindelerregende Höhen. 53 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen sie heute, mehr als in jedem anderen Land in der entwickelten Welt.»

Gehriger am 21. April 2016, Ausgabe 16 der «Weltwoche». Weil’s so schön war, gleich nochmal:

«Staatsausgaben ohne Grenzen: Auf die Wirtschaftskrise der Blasen und den Einbruch des Wachstums auf Kredit 2008 habe Frankreich mit einer beispiellosen Beschleunigung der Staatsausgaben und -schulden reagiert. Die Staatsausgaben schrauben sich seither in schwindelerregende Höhen. 57,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts betragen sie heute, mehr als in jedem anderen Land in der entwickelten Welt.»

Gehringer am 25. April 2019, Ausgabe 17 der «Weltwoche». Man beachte allerdings den feinen Unterschied in der Prozentzahl.

Auch die Tradition des Sonnenkönigs Louis XIV lebt bei Gehringer fort und fort:

«L’etat c’est moi.» «Als Louis starb, sagte er: «Ich sterbe, aber der Staat bleibt»», erwähnt Baverez. Anders als das Vereinigte Königreich – eine mit demokratischen Institutionen ausgestatte Klassengesellschaft – sei Frankreich eine von monarchistischen Institutionen regierte Ständegesellschaft geblieben. Die extreme Zentralisierung Frankreichs habe zu einer starken Konzentration der Eliten geführt. All das habe Frankreich in eine Starre versetzt, die Reformen verunmögliche.»

So fasst Gehriger in seinem Artikel von 2016 zusammen. Offenbar ist aber auch Baverez zwischen 2016 und 2019 in eine Starre verfallen; denn wortgleich paraphrasiert ihn Gehringer auch in seinem Stück vom April 2019.

Schon 2016 wusste Baverez:

«Mit der Ära Mitterand habe das das Malaise begonnen, das sich grob in vier Stufen des Niedergangs einteilen lasse. 1. Die Entgleisung. «1981 hat Frankreich entschieden, dem Ende der Keynes-Ära mit einer Strategie der wirtschaftlichen Belebung (stratégie de relance) zu begegnen und mit kapitalistischen Wirtschaftsordnungen zu brechen.» Davon hätten sich der französische Produktionsapparat und die Staatsfinanzen nie wieder erholt.»

Auch 2019 ist Baverez im Artikel von Gehriger noch  derselben Ansicht; allerdings gibt es einen klitzekleinen Unterschied; nach dem wortgleichen Text heisst es dann:

 

«Auf diese «Entgleisung» sei Frankreich über drei Stufen in den Hades abgesunken.»

Aber eigentlich sind es ja doch, inklusive «Entgleisung», immer noch vier Stufen. Lassen wir es bei diesen Beispielen bewenden.

Entweder ist dem Autor Baverez oder Gehriger selbst in diesen drei Jahren nicht viel Neues eingefallen. Denn rund 30 Prozent der beiden Texte sind identisch oder inhaltlich sehr ähnlich.

Eine unselige Tradition

Nun könnte man sagen: Na und, ich darf doch bei mir selbst abkupfern, wo ist da das Problem? Das Problem ist, dass es sich eben in eine unselige Tradition einreiht. Aus diesem Grund soll 2019 Gehriger dazu veranlasst worden sein, seinen Rücktritt einzureichen. Die Redaktionsleitung fürchtete einen Reputationsschaden, wenn das herauskäme.

Bis heute kam es nicht heraus, und auch der Abgang von Gehriger blieb aus. Warum?  Chefredaktor Roger Köppel lobt Gehriger auf Anfrage als «ausgezeichneten Journalisten» und fährt fort: «Den besagten Artikel habe ich mit ihm besprochen, aber über den Inhalt meiner Mitarbeitergespräche führe ich keine öffentliche Korrespondenz.»

Was meint der Autor?

Urs Gehriger selbst kann die Vorwürfe «nicht nachvollziehen»: «Ich habe zweimal ausführlich mit Herrn Nicolas Baverez über den Sanierungsfall Frankreich gesprochen. Die von Ihnen erwähnten Passagen beziehen sich ausdrücklich auf frühere Aussagen, die Herr Baverez mir gegenüber genauso so gemacht hat und die ich wiederhole.»

Die «weiteren Spekulationen», also sein Abgang, der dann stillschweigend gestrichen wurde, «kann ich nicht bestätigen». Wie man sich doch täuschen kann. Also hat Köppel beim Mitarbeitergespräch über diese beiden Artikel nur gelobt, dass die «Weltwoche» angesichts ihres alternden Publikums auf die Sorgen von mit Alzheimer Geschlagenen eingeht und deren Vergesslichkeit durch Wiederholung begegnet?

Betrüger Bannon

Wie Köppels Liebling in die Bredouille geriet.

Man kann US-Präsident Donald Trump viel vorwerfen, aber nicht, dass er ein Ideologe ist. Wahrscheinlich weiss er nicht mal, was das ist. Am Anfang seiner Präsidentschaft war dafür Steve Bannon zuständig.

Bannon hatte nach einer Karriere als Investmentbanker die vormals unbekannte Webseite «Breitbart News Network» mit Hilfe des Milliardärs Robert Mercer zum Sprachrohr der Rechtskonservativen in den USA gemacht. Als der Gründer Andrew Breitbart 2012 überraschend starb, übernahm Bannon die Leitung.

Er hatte auch seine Finger drin bei Cambridge Analytica, die später in einen Skandal um die Verwendung von Daten bei der Präsidentschaftskampagne Trumps verwickelt war. Bannon hatte als Wahlkampfleiter und später als Chefstratege im Weissen Haus bedeutenden Einfluss auf die ersten Monate der Präsidentschaft von Trump.

Er beförderte sich selbst in den Nationalen Sicherheitsrat der USA, wo die ganz geheimen Dinge verhandelt werden. Aber nach nur einem Jahr wurde er von Trumps Schwiegersohn aus dem Machtzentrum hinausbugsiert und kehrte zu Breitbart zurück. Schon bei seinem Ausscheiden wurde bekannt, dass er trotz grossen Einnahmen über 2 Millionen Dollar Schulden hatte.

Von ganz oben nach ganz unten

Im Januar 2018 endete auch seine Karriere bei Breitbart, nachdem er dem Enthüllungsjournalisten Michael Wolff Munition für dessen Buch «Fire and Fury» über die Chaostage im Weissen Haus geliefert hatte.

Anschliessend begab sich Bannon nach Europa, wo er von Roger Köppel zu einem denkwürdigen Auftritt in Zürich eingeladen wurde. Um grosse Worte nie verlegen, kündigte Bannon an, die nationalistischen Bewegungen in Europa vereinen zu wollen und bei der nächsten Europawahl ein Drittel der Abgeordneten zu stellen. Als wichtigste Gegnerin machte er Angela Merkel aus, die er als «komplette Schwindlerin« beschimpfte.

Am Donnerstagmorgen um 7.15 Uhr klickten aber die Handschellen um seine Gelenke; Steve Bannon wurde auf der 50-Meter-Yacht eines mit ihm befreundeten, flüchtigen chinesischen Milliardärs verhaftet und nach New York gebracht. Anklage wegen Verschwörung zu Betrug und Geldwäscherei.

Nun auch noch Anklage wegen Betrug und Geldwäscherei

Gegen eine Kaution in der Höhe von 5 Millionen Dollar wurde er am Nachmittag wieder auf freien Fuss gesetzt. Die Anklageschrift gegen ihn und seine Mitverschwörer liest sich wie ein drittklassiges Drehbuch für einen Hollywood-Thriller.

Der schwer verwundete und behinderte Army-Veteran Brian Kolfage hatte auf einer Crowdfunding-Plattform zu Spenden aufgerufen für eine Non-Profit-Organisation namens «We The People Build the Wall». Sie sollte Präsident Trump dabei unterstützen, die von ihm versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen.

Nachdem bereits 17 Millionen Dollar zusammengekommen waren, kamen der Crowdfunding-Organisation 2018 Zweifel an deren ordnungsgemässer Verwendung; sie drohte damit, das Geld den Spendern zurückzuzahlen.

Rettungsaktion für viel Geld

Da rief Kolfage Bannon und den Financier Andrew Badolato zu Hilfe. Die gründeten flugs die neue Organisation «We Build the Wall», organisierten den Transfer der 17 Millionen dorthin und sammelten bei Hunderttausenden von Kleinspendern weitere 8 Millionen ein.

Dabei versicherten alle Beteiligten, dass weder Kolfage noch sonst jemand auch nur «einen Penny» der Spenden für sich verwenden würde, «100 Prozent» der Einnahmen gingen direkt an die Errichtung von Teilen der Mauer.

Wie die Strafermittlungsbehörden aufgrund beschlagnahmter E-Mails und Textnachrichten beweisen wollen, wurden aber insgeheim über eine Non-Profit-Organisation Bannons und eine Briefkastenfirma schon mal «100 k upfront» und «20 monthly» an Kolfage überwiesen. Also 100’000 Vorkasse und 20’000 monatlich. Um es zusätzlich zu verschleiern, erfolgten diese Zahlungen an seine Frau.

Insgesamt kassierte Kolfage so von Januar bis Oktober 2019 laut Anklageschrift 350’000 Dollar. Ein Klacks gegen Bannon selbst; der räumte eine runde Million ab. Die brauchte er laut der Anklage für die Begleichung von Kreditkartenschulden und seinen aufwendigen Lebenswandel.

Hektische Vertuschungsmanöver

Im Oktober 2019 erfuhren die Betrüger, dass gegen sie eine Strafuntersuchung laufe. Hektisch versuchten sie daraufhin, alle Spuren zu verwischen und stellten auch die Zahlungen an Kolfage ein.

Aber heutzutage hinterlässt jeder digitale Spuren. Das ist der Fluch des Internets; nichts ist jemals ganz weg. Schon nach dem Bekanntwerden seiner Beteiligung am Enthüllungsbuch von Wolff twitterte Trump, dass Bannon nicht nur seinen Job verloren habe, sondern auch «seinen Verstand». Da scheint Trump für einmal richtig zu liegen.

Typisches Grossmaul

Bannon ist ein typischer US-Angeber, der mit starken Worten, Kurzaussagen, den berüchtigten One-Liner, immer wieder ein Publikum einseifen kann, das auf solchen Quatsch steht. «Finsternis ist gut. Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht.» Solches Gebrabbel verquickte Bannon mit einer kruden Ideologie, indem er provokative Anleihen von überall her nimmt: «Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich will alles zum Einsturz bringen.»

Aber, Künstlerpech, nachdem Bannon alle seine Positionen verloren hatte, nichts Neues auf die Beine stellen konnte, ist er nun als billiger Betrüger angeklagt, der Spendengelder veruntreut. Auch eine Karriere, aber nach unten. Natürlich gilt auch für ihn die Unschuldsvermutung.

Die WeWo dreht auf

Roger Köppel weiss, was antizyklisch bedeutet.

Ganze 218 Gramm bringt die aktuelle Ausgabe Nr. 33 der «Weltwoche» auf die Küchenwaage. Für das Gewicht eines anständigen Entrecôtes legt man am Kiosk 9 Franken hin.

Eigentlich könnte man den Kalauer wagen «frisch gestrichen». Aber der wäre etwas irreführend. Denn die WeWo ist tatsächlich grafisch neu aufgemöbelt worden. Allerdings mit Anleihen an das im Archiv vorhandene Mobiliar, und das ist gut so.

Die WeWo kommt klassischer daher, eleganter, arbeitet mit Freiraum und nur dezent eingesetzten Bildern oder Illustrationen. Da sie ein Blatt des Wortes ist, macht auch das völlig Sinn.

Der Heftumfang ist eine erste Ansage

Aber sie hat sich nicht nur aus dem eigenen Archiv bedient. Natürlich will jedes Wochenmagazin, das etwas auf sich hält, auch ein paar Anleihen beim New Yorker oder dem Atlantic machen. Hier ist es die Marotte des New Yorker, über das ganze Heft kleine Cartoons zu verstreuen, Witzzeichnungen, die ja nicht den geringsten Zusammenhang mit dem sie umgebenden Artikel haben dürfen.

Kann man machen, muss man nicht machen. Aber, das Heft umfasst 82 Seiten, und wenn das nicht nur den Gratulationsinseraten geschuldet ist, ist das schon mal die erste Ansage, die über Formales hinausgeht. Also frisch gestrichen und ausgebaut. Ein klares Signal in den Jammer- und Elendsjournalismus hinein.

Es ist nicht das einzige. Neben einem neuen Design verspricht der Herausgeber, sicher in enger Absprache mit dem Besitzer und dem Chefredaktor, «mehr Kultur und neue Autoren». Ausserdem soll auch eine gute Portion gute Laune mit an Bord sein. Das ist lobenswert, denn manchmal kam die WeWo doch etwas verkniffen daher, vor allem, wenn sie in den politischen Infight geht.

Köppel als Trüffelschwein des Journalismus

Aber, das war und ist das Wichtigste, die WeWo ist ein Autorenblatt. Nur wenige bornierte Autoren wollen auf keinen Fall in diesem Magazin erscheinen und fürchten Köppel und seine Mannschaft als die dunkle Seite der Macht, der man sich ja nicht hingeben dürfe.

Und hier hat Köppel mal wieder einen guten Treffer gelandet. Er holte sich schon von der «Basler Zeitung» die beiden quirligsten Schreiber, als das Blatt Bestandteil des Einheitsbreis aus dem Hause Tamedia wurde. Und nun kann er stolz die Verpflichtung von Daniel Weber vermelden.

Der ehemalige Chefredaktor von NZZ Folio figuriert neu als Herausgeber von mindestens zwölf Seiten Literatur und Kunst. Unterstützt wird er dabei neu vom Jungredaktor Anton Beck. Als hätte der Zufall die Feder geführt, startet Weber den neuen Kulturteil gleich mit einer Rezension des biografischen Gewaltswerks über Karl Kraus. Der mit seiner «Fackel» bis heute das unerreichte Mass aller Dinge ist, wenn man sich nicht einfach als Handwerker versteht. Musik, Kino, Kunst und Klassik, ein starkes, neues Stück in der WeWo.

Auch das Gefäss «Leader» wurde wiederbelebt, ein Dossier für Führungsfragen. Schliesslich auch mehr «Leben heute», also Anregungen für Genuss und Spass im Konsumrausch.

Es ist und bleibt ein Autorenblatt

Treu bleibt sich die WeWo mit ihrer Fähigkeit, den richtigen Autor fürs Thema zu finden und zu überzeugen.

Daher ist es völlig klar, dass nur Peter Rothenbühler über den Wechsel des Anchorman des Westschweizer Fernsehens nach Paris schreiben sollte. Jan Fleischhauer ist der richtige Mann für ein Porträt von Markus Söder. Nur Thilo Sarrazin kann in eigener Sache über seinen Rauswurf aus der SPD räsonieren.

Dazu die üblichen Fundstücke, wer weiss schon, dass auch der Sohn von Peter Ustinov ein hellwaches Multitalent ist. Linus Reichlin ist die richtige Wahl, wenn «Blick TV» kritisch gewürdigt werden soll. Nur die WeWo kommt auf die Idee, mal zu fragen wer eigentlich dieser Vermögensverwalter und Aktionär ist, der dem Murdoch-Sprössling den Einstieg in die Messe Schweiz verweigern will. Und wenn Peter Rüedi zum Nachruf auf Werner Düggelin ansetzt, dann kommt das Stück bei Tamedia noch armseliger als vorher schon daher.

Gut, das war die Lobhudelei, wo bleibt das Kritische? Nun, zunächst: Roger Köppel ist der einzige mir bekannte Chefredaktor deutscher Zunge, der es zulässt, dass man ihm in seinem eigenen Blatt an den Karren fährt. Ich weiss das, ich hab’s schon gemacht.

Widerstand regt an, nicht auf

Auch das macht sicherlich den Charme der WeWo aus. Die politischen Präferenzen des SVP-Nationalrats Köppel sind ja nicht unbekannt. Aber er lässt auch die Gegenrede zu, vorausgesetzt, sie hat ein gewisses Niveau. Das ist kein Feigenblatt vor finsteren, rassistischen, hetzerischen Absichten. Denn was viele missverstehen: Köppel ist ein Mann mit Wumm und Energie, ein überdurchschnittlicher Formulierer, ein Chefredaktor, der mehr Antworten als Fragen hat.

Letzteres ist bedauerlich, aber: Köppel ist kein Ideologe. Sicherlich hat er eine Mission, aber er sieht sich nicht im Besitz der einzigen Wahrheit, er meint nicht, dass nur er zwischen richtig und falsch, gut und böse unterscheiden könnte. Trifft er auf Widerstand oder Widerspruch, dann regt ihn das an. Andere regt das auf, sie wollen nicht verunsichert werden.

Also insgesamt eine kleine Oase, keine Wohlfühloase, sondern eine das Hirn anregende Oase. Knirscht irgendwo der Sand zwischen den Zähnen beim Durchblättern? Nun, mit Verlaub, der Ausbau der Kolumnitis, musste das wirklich sein? Schon länger war man froh, dass Tamara Wernli immer der Hinweisgeber war, dass das Heft nun fertig ist und man es wohlgemut zuschlagen kann.

Aber jetzt auch noch «Zeitzeichen» eines Werbers, eine wöchentliche Kolumne des Wirtschaftschefs, dem noch nie jemand eine elegante Schreibe vorgeworfen hat. Und dann auch noch Katharina Fontana; also die Stelle der Quotenfrau ist doch schon vergeben und gleich doppelt besetzt.

Hält die WeWo die Pace?

Was beunruhigt: Mit dieser Neugeburt hat die WeWo den Ball ganz schön weit ins Spielfeld geworfen. Köppel ist bekanntlich kein Kurzstreckenläufer, aber man fragt sich schon, ob es gelingen wird, das Woche für Woche einzulösen. Als Leser wünscht man es sich.

 

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert gelegentlich in der «Weltwoche».