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Der heilige Wohltäter und sein Chronist

Sind Sportjournalisten verkappte Heldensänger?

An der Talmudhochschule hatten wir einen schönen Brauch. Am Samstagnachmittag gab es Gebäck und Hering. Ein Schüler stand auf und pries Gott in allen Seinen Facetten. Nach drei Minuten wurde es langweilig und wir sangen «Dajenu, dajenu, dajenu, dajenu». Das ist Hebräisch. Die deutsche Übersetzung lautet wie folgt: «Genug, genug, genug, genug».

Ich möchte allen Journalisten, die ein Buchprojekt über Roger Federer planen, zurufen: «Genug, genug, genug, genug.» Ganz speziell habe ich aber Simon Graf im Sinn. Graf ist nämlich stv. Sportchef bei Tamedia  und hat wieder einmal ein Buch über Federer geschrieben.

Graf wäre ein guter Talmudschüler, wenn Gott für einmal «Roger Federer» hiesse. Der unbestechliche Journalist nennt ihn nämlich «Weltsportler», «Wohltäter», «Idol», «Stiftungsgründer» und «Ehrendoktor». Das sind mindestens zwei Attribute mehr, als Gott zugeschrieben werden. Gott ist viel, aber definitiv kein Weltsportler oder Ehrendoktor.

Warum schon wieder ein Buch über den Wohltäter Federer? Gibt es nicht schon tausende davon? Törichte Frage! Die Bibel wird ja auch immer wieder nachgedruckt. «Aus Federers Biografie können wir alle viel für unser Leben mitnehmen», schreibt Graf. Haben Ähnliches nicht auch die Jünger Jesus› gesagt? Zu hoffen ist, dass Graf besser verhandelt hat und mehr als die üblichen 8 Prozent vom Nettoladenpreis mitnehmen darf. So richtig eingeschlagen hat das Buch aber noch nicht. Es dümpelt auf Amazon (Stand 25. Oktober, Abend) auf dem 67’625. Rang. Immerhin, in der Sparte «Religiöse Biographien & Erinnerungen» steht es auf dem 223. Platz, aber immer noch weit hinter Büchern wie «Das letzte Geheimnis von Fatima».

Und, natürlich, Graf weiss, wovon er schreibt. Wenn ihn Leute fragen: «Ist er (also, Sancte Roger) wirklich so nett?», antwortet er: «Gute Frage». Und Graf fällt dann auch gleich eine Anekdote ein: «Würde er sich sonst, wenn er mit seiner Familie die Badeanstalt besucht, Zeit nehmen, um mit jedem ein Selfie zu schiessen?»

Nein, so etwas machen wirklich nur nette Wohltäter. Die andere gute Frage lautet: «Wie häufig geht denn Herr Ehrendoktor in öffentliche Badeanstalten?» Mehr als einmal im Leben? In einem älteren Interview  sagt Graf, dass Federer nur «hier und da ein Selfie» zulässt.

Ist ja egal. Bei Weltstars und Sportjournalisten gelten andere Regeln. Sollte der Stiftungsgründer aber beim Sprungbrett dereinst von nervenden Jüngern aufgehalten werden, empfehlen wir dem Sunrise-Sänger, laut «Dajenu, dajenu, dajenu, dajenu» zu trällern. Auch zu Simon Graf.