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Altes neu angemalt beim «Spiegel»

Gedruckt war gedruckt. Einzige Möglichkeit der Veränderung: wegschmeissen. Viel einfacher ist’s im Internet.

Jedes Mal, wenn einem aufmerksamen Leser ein Fehler auffällt, schreibt der «Spiegel» brav am Schluss des Artikels, dass zunächst Albert Hitler dort gestanden sei, das nun aber durch Adolf Hitler ersetzt wurde.

Das ist korrekt, deshalb machen wir das auch. Denn ausser fleissigen Herstellern von Screenshots kann eigentlich keiner beweisen, dass beispielsweise Titel und Lead eines Artikels völlig verändert wurden. Die wenigen Internet-Archivplattformen helfen da auch nicht wirklich weiter.

Also wäre es wohl ebenfalls korrekt, wenn nicht nur falsche Angaben, Schreibungen oder Zuordnungen im Text korrigiert und diese Korrektur auch ausgewiesen würde. Noch viel mehr Bedeutung hätte das bei den zum Einstieg wichtigsten Elementen.

Wo ist denn der nur der Artikel hin?

So lautete beispielsweise der Titel eines Gastkommentars im «Spiegel»: «Amerikas Demokratie kann immer noch scheitern». Der ausserhalb von Kiel und dem «Spiegel»-Hauptquartier in Hamburg eher unbekannte, vertretende Professor Torben Lütjen legte noch nach: «Wahrscheinlich war der 6. Januar der Startschuss zu einer Dekade rechtsradikalen Terrors.» Zack.

So stand das jedenfalls am 19. Januar bei «Spiegel online». Auch ich machte keinen Screenshot, und als ich den Link setzen wollte, fand ich den Kommentar plötzlich nicht mehr. Aber die Suche nach «Amerikas Demokratie kann immer noch scheitern» führte mich zu diesem hier:

Gleicher Autor, gleiches Foto, gleiches Datum. Alter Wein, neu verkorkt.

Dem aufmerksamen Leser fällt vielleicht auf: Ganz anderer Titel, ganz anderer Einstieg, gleicher Autor, gleicher Text. Ohne jede Angabe der Veränderung, noch des Grundes. Wie erklärt der «Spiegel» das denn? Ein Fall für die Leiterin Kommunikation, nicht etwa für den verantwortlichen Redaktor.

Eine Erklärung, die es nicht wirklich besser macht

Die Erklärung ist wunderlich: «Es kommt vor, dass Titelzeilen noch einmal verändert werden. In diesem Fall zu dem Zeitpunkt, als der Beitrag von Torben Lütjen aus Gründen der Aktualität zum zweiten Mal auf der Homepage von DER SPIEGEL veröffentlicht wurde.»

Potztausend. Also wurde dieser Unsinn schon nach den Ereignissen am 6. Januar im Kapitol zu Washington veröffentlicht. Als sich herausstellte, dass das doch nicht der Startschuss zu Bürgerkrieg, Gemetzel und marodierenden Horden von Trump-Anhängern war, fand die Redaktion offenbar: Ach, das Stück ist doch auch fast zwei Wochen später noch brauchbar. Bloss Titel und Lead, okay, die passen vielleicht nicht mehr in die Landschaft.

Kein Problem. Neuer Titel, neuer Lead, geht doch wieder, wirkt wie neu. Dass auch beim «Spiegel» solche jämmerlichen Sparmassnahmen ausgebrochen sind, erschütternd.