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Oh je, Ackeret*

Der Schmusekurs von persoenlich.com war einer der Gründe für die Geburt von ZACKBUM. Gute Entscheidung.

*Nein, das ist natürlich nicht Matthias, sondern Kim jong-un, aus der wunderbaren Reihe: Kim looking at things. Der Scherz wird aufgelöst …

Was macht man, wenn die wenigen Organe, die sich im weitesten Sinn mit den Medien befassen, die Zugbrücken hochziehen? Wenn die NZZ ihren langjährigen Medienredaktor spült, daraufhin ihre wöchentliche Medienseite?

Man jammert lautstark – oder man wird tatkräftig. ZACKBUM ist der lebende Beweis, welche Entscheidung getroffen wurde.

ZACKBUM hat in den ziemlich genau 8 Monaten seiner Existenz inklusive dieses 708 Beiträge publiziert. Darauf haben knapp 2000 Kommentatoren reagiert. Zudem hat ZACKBUM 17 Pressemitteilungen verschickt. Da war die Resonanz allerdings überschaubar: null.

Kein Gejammer, einfach ein höflicher Abschied

Schulterklopfen und Gequengel? Aber nein, das ist nur der Abschluss all diesen Tuns. Da wir auf sicher haben, dass wir in der Medienbranche lebhaft, überall und von (fast) allen gelesen werden, was wir nicht zuletzt an ständigen Informationen aus dem gequälten Medienvölkchen messen können, hören wir auf.

Schluck! Echt jetzt? Ja. Wir hören auf, die letzten Mohikaner mit Mitteilungen, Hinweisen, Primeurs, Recherchen oder was auch immer zu versorgen. Vergebliche Liebesmüh.

Das letzte, bezeichnende Beispiel: Wir waren der vielleicht nicht ganz einseitigen und parteilichen Auffassung, dass die Tatsache, dass ZACKBUM als einziges Schweizer Medienorgan zweimal alle Unterzeichner des Protestbriefs von Tamedia und alle im Impressum ausgewiesenen weiblichen Nicht-Unterzeichner persönlich anschrieb und um Stellungnahme bat, durchaus eine Meldung wert sein könnte.

Vor allem deswegen, weil die Protest-Frauen zwar ultimativ eine Antwort auf ihren Brief verlangen, auf unsere – zunächst privat, dann öffentlich – formulierten Bitten um Antwort schnöde schwiegen. Mehr als hundert im Journalismus tätige Frauen! Null, nix, nada. Ausser den üblichen Abwesenheitsmeldungen und immerhin zwei höflichen Unterzeichnerinnen, die antworteten, dass sie nichts antworten wollen.

Das ist ein Running Gag …

Ist das eine Meldung wert? Mal schauen

Also trug sich folgendes zu. Am 20. März schickte ich diesen Hinweis an meine alte Bekannte Edith Hollenstein (Himmels willen, das ist nicht sexistisch gemeint!) und an die persoenlich-Redaktion. Am 22. bekam ich die Antwort, dass mein Mail leider im Spam-Ordner gelandet sei, aber man «schaue es sich an». Am 24. wechselte ich meine Mailadresse und erkundigte mich höflich, ob man inzwischen draufgeschaut habe. Darauf bekam ich am 25. die Antwort: «Ich schau’s an und wir würden ggf. eine Meldung machen.»

Die Redaktion schaut sich’s an.

Ich erkundigte mich freundlich, ob das Stehsatz sei. Keine Antwort. Am 26. versuchte ich es mit dem Scherz, dass es doch eine wunderbare Bildreihe gebe: Kim jong-un looking at things.

Keine gute Idee: «Wir haben viele andere Themen, und wenn wir dir zu langsam sind: Du kannst in der Zwischenzeit bei euch darüber berichten oder deinen Rechercheinput an anderer Stelle platzieren.»

Die Redaktion schaut sich viele andere Themen an.

Ach nö, eine Woche ist überhaupt nicht langsam, auch angesichts der Tatsache, dass der Antritt des Mutterschaftsurlaubs einer Reinigungskraft jeder beliebigen Werbebude sofort Erwähnung findet.

Aber okay, ich werde den ordentlichen, peristaltischen Stuhlgang der Newsherstellung bei persoenlich.com nicht mehr stören. Und wünsche weiterhin gute Verrichtung.

 

PS: Wir möchten gerne die Gelegenheit benützen, wieder mal an ein paar Benimmregeln beim Kommentarschreiben zu erinnern. Nicht unerwartet häufen sich Rülpsereien, die unter dem Schutz der Anonymität und einer Absurd-Mailadresse von Feiglingen ausgestossen werden. Spart Euch die Mühe und streichelt Euch lieber selbst in Euren Gesinnungsblasen.

Offener Brief an die 78 Erstunterzeichner des Protests

Über 100 Journalistinnen bekamen insgesamt diese zweite Anfrage von mir. Aber wie bei der ersten ist die Antwort Schweigen. Tiefes Schweigen. Abgesehen von ein paar Abwesenheitsmeldungen und von der immerhin höflichen Antwort zweier Protest-Frauen, dass sie nicht antworten wollen. Ist das peinlich? Ist das dämlich? Und wie.

Sehr geehrte Damen (falls ich Sie unter diesem Begriff subsummieren darf)

Sie haben für Ihre Beschwerde den Weg an die Öffentlichkeit gewählt, sich aber bislang jeder Bitte um Stellungnahme verweigert. Ich hatte Sie vor der Publikation meines Artikels über diesen Vorfall alle dazu eingeladen, plus Jolanda Spiess-Hegglin und Philipp Loser.

Antwort (ausser den üblichen Abwesenheitsmails): null. Das ist etwas mager. Deshalb versuche ich es nun mit einem genauso öffentlichen Brief an Sie. Wenn ich das richtig verstehe, erwarten Sie auf Ihr Schreiben auch eine Antwort – so wie ich.

Sie haben klare Ansichten und Meinungen, ich habe nur Fragen.

Die einfach zu beantwortenden Fragen:

  1. Wenn Sie in einer verantwortlichen Stelle wären (und teilweise auch sind, trotz Ihrer Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Arbeitgeber): Ein Redaktor (m/w/d) legt Ihnen ein Manuskript zur Beurteilung vor. Es beinhaltet gravierende Vorwürfe gegen ein Unternehmen, und zwar bezüglich Behandlung der Mitarbeiter. Es ist von einer unerträglichen, demotivierenden Arbeitsatmosphäre die Rede. Zum Beleg für diese Kritik sind rund 60 einzelne Vorwürfe aufgelistet. Alle anonymisiert, ohne Zeit- oder Ortsangabe, ohne Stellungnahme derjenigen, die hier für ihr Verhalten kritisiert werden.

Frage: Würden Sie dieses Manuskript zur Veröffentlichung freigeben?

Zweite Frage: Wenn ja, würden Sie es als frauenfeindlichen Akt empfinden, wenn Sie wegen Inkompetenz abgemahnt würden?

  1. Angenommen, Sie sind die Initiantin eines solchen Schreibens, das Sie intern in die Runde geben, mit der Bitte, es mitzuunterzeichnen und eigene Erlebnisse zu schildern, die dann anonymisiert würden. Sie erläutern dazu, dass das ein interner Protestbrief zuhanden der Geschäftsleitung und der Chefredaktionen sei, als Denkanstoss gemeint, als Aufforderung, dieses Problem endlich ernst zu nehmen und im Dialog Lösungen zu suchen.

Frage: Was würden Sie dazu sagen, wenn dieses Schreiben an die Öffentlichkeit gelangt, zudem noch über Jolanda Spiess-Hegglin?

Zweite Frage: Wenn Sie als Initiantin das nicht selber eingefädelt hätten, wie würden Sie darauf reagieren?

  1. Es gibt Erstunterzeichnerinnen, die mit der Veröffentlichung nicht einverstanden sind und auch nicht für ihr Einverständnis angefragt wurden. Diese sind aber bislang noch solidarisch und geben ihrem Unmut noch nicht öffentlich Ausdruck.

Frage: Was halten Sie von der flappsigen Bemerkung von Spiess-Hegglin, dass sie natürlich nicht mit allen Rücksprache genommen habe, bevor sie das Schreiben ins Netz stellte. Aber wer damit oder dadurch Probleme habe, solle sich doch einfach bei ihr melden?

Zweite Frage: Halten Sie dieses Vorgehen für anständig, höflich, ein Beispiel für Ihre Forderung, wie man miteinander umgehen sollte?

  1. Durch die Anonymisierung der Beispiele verwandeln sich konkrete Anschuldigungen in Pauschalvorwürfe gegen alle männlichen Mitarbeiter von Tamedia, da – vielleicht ausser der Autorin – niemand weiss, wer gemeint sein könnte.

Frage: Halten Sie diese Pauschalverurteilung für fair oder gerechtfertigt?

Zweite Frage: In allen Beispielen, im ganzen Protestschreiben ist der weibliche Teil immer das Opfer, der männliche immer der Täter. Halten Sie das für eine vertretbare Beschreibung des Redaktionsalltags?

  1. In dem Schreiben wird jede Art von Konflikt auf eine Gender- oder Geschlechterfrage heruntergebrochen.

Frage: Bedeutet das, dass hier sozusagen die Hauptkonfliktlinie in den Redaktionen von Tamedia verläuft?

Zweite Frage: Was können Männer machen, die sich ebenfalls diskriminiert fühlen?

  1. Es gibt weiterhin männliche Vorgesetzte, die die Qualität der Arbeit von weiblichen Untergebenen zu beurteilen haben.

Frage: Wie sollen die mit dem potenziellen Vorwurf umgehen, dass ihre Beurteilung nicht gerecht sei, sondern Ausdruck männlicher Überheblichkeit und Diskriminierung?

Zweite Frage: Wie soll sich ein Mann verhalten, der den Eindruck hat, er werde von einer weiblichen Vorgesetzten diskriminiert?

  1. Oberchefredaktor Arthur Rutishauser hat sich bereits für in dem Schreiben geschilderte Verhaltensweisen entschuldigt und sie als inakzeptabel bezeichnet. Genau wie die Geschäftsleitung und andere Chefredaktoren zeigt er sich betroffen von den geschilderten Vorfällen.

Frage: Was halten Sie von dieser Reaktion, angesichts der Tatsache, dass die Überprüfung der Vorhaltungen durch Claudia Blumer noch gar nicht begonnen hat?

Zweite Frage: Für wie kompetent halten Sie einen Chefredaktor, der ohne Faktencheck sofort die Richtigkeit von Behauptungen akzeptiert und sich entschuldigt?

  1. Innerhalb von Tamedia gibt es diverse Anlaufstellen, bei denen man sich melden kann, wenn man sich als Opfer von Mobbing, sexueller Belästigung oder allgemein ungerechtem Verhalten sieht.

Frage: Wie erklären Sie sich, dass diese Meldestellen im ganzen Jahr 2020 keine einzige solche Beschwerde erhielten, obwohl es sich laut Protest um ein strukturelles Problem handeln soll?

Zweite Frage: Wäre es nicht vielleicht sinnvoller gewesen, zuerst diesen internen Weg zu gehen, falls erfolglos, sich mit einem Schreiben an die GL zu wenden, falls erfolglos, erst dann den Weg in die Öffentlichkeit anzutreten?

  1. Bislang ist keine einzige der vielen Anschuldigungen verifiziert oder belegt worden. Keine der angefragten Unterzeichnern wollte die Frage beantworten, wie viele dieser Beispiele von ihr erlebt wurden. Claudia Blumer hat sogar explizit und öffentlich festgehalten, dass sie zwar unterzeichnet hätte, aber keines der Beispiele von ihr erlebt wurde, sie selber auch keinen ähnlichen Verhaltensweisen begegnete.

Frage: Sollte sich herausstellen, dass einige oder sogar viele dieser Beispiele nicht verifizierbar sind, Täter und/oder Opfer gar nicht mehr bei Tamedia arbeiten, welche Reaktion der Geschäftsleitung hielten Sie in diesem Fall für angemessen?

Zweite Frage: Sie haben das Protestschreiben aus Solidarität unterzeichnet, obwohl Sie selbst keine solchen Verhaltensweisen erlebten. Haben Sie immer noch Vertrauen in die Richtigkeit der Schilderung frauenfeindlicher Vorfälle?

  1. Für den Arbeitgeber gibt es diverse Verpflichtungen seinen Angestellten gegenüber. Dazu gehört auch eine Fürsorgepflicht. Der Angestellte wiederum ist nicht nur zur Ablieferung der vereinbarten Leistung verpflichtet, sondern hat auch weitere Verpflichtungen. Zum Beispiel Einhalten des Geschäftsgeheimnisses, Verhalten nach Treu und Glauben, Vermeiden von Rufschädigung.

Frage: Halten Sie die Vorwürfe für so gravierend, dass es unumgänglich ist, alle diese Verpflichtungen des Arbeitnehmers nicht einzuhalten?

Zweite Frage: Sind Sie sich bewusst, dass es für die Initiantin und auch für alle Erstunterzeichnerinnen durch dieses Verhalten eine fristlose Kündigung problemlos ausgesprochen werden könnte?

Gerne erwarte ich Ihre offenen Antworten bis Samstag, 20. März 2021, spätestens 9 Uhr – und bedanke mich im Voraus.

Sollten Sie Ihrerseits Fragen haben, gerne und jederzeit.

Dr. René Zeyer

Journalist BR

079/373 03 05

zeyer@zackbum.ch

zackbum.ch

 

 

Die dunklen Seiten des Protestbriefs

Viel Ungereimtes und Unerklärtes hinter der harschen Kritik an Tamacho.

Was wünscht man mehr? Hauptbeitrag in «10 vor 10» am Tag der Frau, allgemeine Betroffenheitsgeräusche in den Medien. Solidarität, auch von Männern, Bewunderung des Mutes, die Fassade glänzt.

Was wünscht man sich weniger? Recherchen zu den Hintergründen und Fragwürdigkeiten der ganzen Aktion. Denn da gibt es einiges, was den von Feminismus betrunkenen Investigativjournalisten entgeht, in ihrem Rausch, sich als harte Kämpfer gegen jede Form von Sexismus und Frauenunterdrückung zu outen.

Wie ist dieses Schreiben eigentlich an die Medien und danach an die Öffentlichkeit gelangt? Adressiert ist es an die Geschäftsleitung von Tamedia, es hat auch nicht die übliche und nötige Ansprechperson für Rückfragen, wie 78 Medienschaffende wohl wissen sollten.

Alle angefragt, keine Antworten gekriegt

Aber es hat diese 78 Unterzeichnenden, immerhin. Als wohl einzige Medium in der Schweiz hat ZACKBUM allen protestierenden Frauen Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben und gebeten, ein paar naheliegende Fragen zu beantworten.

Ebenfalls die rund 45 in den Tamedia-Impressen ausgewiesenen Frauen, die nicht unterzeichnet haben.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Von den 78 Protestierenden sind 9 nicht unter @tamedia.ch zu erreichen. Bei Weiteren 4 antwortet eine Abwesenheitsmeldung, darunter Salome Müller, eine der beiden Urheberinnen. Sie gönnte sich noch einen Auftritt in «10 vor 10», um anschliessend bis am 23. März in die Ferien zu verschwinden. Man muss sich ja auch mal erholen.

Das gilt ähnlich für die Nicht-Unterzeichner, 8 sind nicht erreichbar, obwohl im Impressum aufgeführt, 4 ebenfalls abwesend. Das bedeutet also, dass immerhin 98 Mitarbeiterinnen in den Redaktionen eine journalistische Anfrage erhielten; mit Absender, mit Begründung, durchaus höflich formuliert.

Fast hundert Journalistinnen angefragt, keine sinnvolle Antwort gekriegt

Bis zur grosszügig gesetzten Deadline trafen insgsamt – 7 Reaktionen ein. Eine der angeschriebenen Redaktorinnen wollte noch ein Hühnchen mit mir rupfen, das gefühlt vor 37 Jahren bereits aus dem Leben schied, und daher habe sie keine Lust, mir zu antworten. Die übrigen kämpferisch gestimmten Damen kniffen ebenfalls den, Pardon, das geht nicht, wurden sehr, sehr schmallippig. Eine Anfrage, in der von ihnen geforderten höflichen und anständigen Form, lautet ohne Anrede oder Gruss: «Und wer sind Sie?»

Nachdem ich mit männlicher Engelsgeduld nochmal erklärte, dass ich wie geschrieben ein Journalist bin, im Namen von ZACKBUM unterwegs, und im Rahmen einer Recherche ein paar Fragen hätte. Darauf kam dann: «Zumindest ich für meinen Teil habe kein Interesse Ihre Fragen zu beantworten.» Da kann ich nicht mal einen nötigen Kommakurs anbieten.

Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Frauen und Männer wirklich anders ticken, ist in dieser Antwort enthalten, nachdem grundsätzliche Bereitschaft bekundet wird, journalistische Fragen zu beantworten: «Bei etlichen Fragen könnte ich aber nur mutmassen – ich war nicht dabei, als sich die geschilderten Vorfälle ereignet haben.» Kopfkratz; die Fragen lauteten zum Beispiel, ob diese Unterzeichnerin etwas am Text abgeändert habe, wie viele der anonym geschilderten Vorfälle von ihr beigetragen wurden und ob die sehr düster geschilderten Zustände auch ihrem Erleben entsprechen würden.

Aber offenbar war die Dame ziemlich abwesend in jeder Beziehung. Grössere Höflichkeit wurde hier an den Tag gelegt: «Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich werde nicht auf Ihre Fragen antworten, Es ist nicht der Sinn der Sache, dieses gemeinsame Schreiben nun zu individualisieren.» Plus noch ein «sage nix»

Eine einzige leuchtende Ausnahme

Leuchtende Ausnahme ist Michèle Binswanger, deshalb sei Ihre Stellungnahme vollständig zitiert:

«Sexismus und sexuelle Belästigung gibt es in jeder Branche, auch in der Medienbranche. Wenn solche Vorwürfe auftauchen, ist es richtig und wichtig, ihnen nachzugehen und sie mit journalistischen Mitteln aufzuarbeiten: Nämlich recherchieren, nachfragen, belegen. Auch die Behauptung, es gebe strukturellen Sexismus sollte auf der Basis belastbarer Daten getroffen werden. Was Tamedia und die im offenen Brief aufgelisteten Vorwürfe betrifft, verstehe ich mich als Teil dieses Teams und erachte es nicht als zielführend, diese Interna öffentlich zu diskutieren.»

Was zur einleitenden Frage zurückführt, wer es denn zielführend fand, dieses Schreiben über die Bande an die Medien und die Öffentlichkeit zu spielen. Da taucht wieder ein Name auf, der in eigener Sache und bei solchen Themen eigentlich immer auftaucht. Denn ins Netz gehängt hat diesen Brief – Jolanda Spiess-Hegglin.

 

Die sehr spannenden Hintergründe dazu in der Fortsetzung morgen.

 

 

 

Respekt vor den mutigen Frauen

Geteilte Meinungen auf der ZACKBUM-Redaktion.

Der Protestbrief von 78 Redaktorinnen bei Tamedia hat ZACKBUM-intern zu Diskussionen geführt. Das reine Männertrio hat unterschiedliche Ansichten. Weil bei uns freie Meinungsäusserung gilt, könnte bei unserer Berichterstattung über die jüngsten Quereleien bei Tamedia ein einseitiger Eindruck entstehen. Haha, mögen Vielleser und Vielleserinnen von ZACKBUM.ch denken. ZACKBUM ist nicht gerade bekannt dafür, differenziert zu schreiben. Das gefällt vielen, vielen aber auch nicht.

Eine Stärke von Journalisten sollte sein, sich in andere Menschen und Situationen hineinversetzen zu können. Beispiele: Das Leben im Billiglohnsegment, die Einsamkeit von CEOs, wider dem Schönheitsideal und eben der Alltagssexismus.

Als Männer älterer Bauart ist es nicht immer einfach, sich in andere Welten hineinzuversetzen. Aber einfach zu denken, «so what, ist mir noch nie passiert, kann doch nicht so dramatisch sein», greift zu kurz. Auch Vergleiche mit früher und mit der Frauensituation in anderen Ländern ist heikel, ja zynisch. Den Protestbrief haben immerhin 78 Redaktorinnen unterschrieben, von fast allen Hierarchiestufen und von Redaktionen aus Bülach über Winterthur und Zürich bis Wädenswil, Bern, Langenthal und Thun. Das braucht viel Mut. Denn Chefs vergessen Kritik an der Firma selten. Die Frauen stehen hin mit Namen. In der SRF-Sendung 10 vor 10 vom Montag sprach Salome Müller Klartext, nachher versuchte ihr Chef Arthur Rutishauser zu beschwichtigen. Müllers Auftritt gebührt grossen Respekt.

Beni Frenkel und Lorenz Steinmann finden: Der Protestbrief ist weder weinerlich, noch versehen mit absurden Forderungen. Dass männerdominierte Redaktionen wie jene von Tamedia die Zielgruppen Junge und Frauen genügend abdecken, darf man tatsächlich bezweifeln. Wir sehen es doch bei uns. Am liebsten würden wir täglich über Feuerwehrautos, neue Lokomotiven und Brockenhaus-Trouvaillen schreiben. Darum sind Redaktionen gefragt, welche die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit abbilden.

Dass sich nun auch Männer von Tamedia zu Wort gemeldet haben, um ihre Solidarität kundzutun, finden wir gut. Das ist aus Sicht von Beni Frenkel und Lorenz Steinmann der einzige Kritikpunkt am Protest: Warum nicht ein Protest von Männern und Frauen? Wir massen uns an, ziemlich anständig durch die Welt zu segeln. So nerven uns sexistische Sprüche ebenso, auch wenn sie nicht an uns gerichtet sind.  Je mehr Menschen einen Protest unterschreiben, umso stärker die Wirkung.

Tamedia: selber schuld, ihr Machoschweine!

Die toleranten Frauenversteher im Haus der politischen Korrektheit haben nun das Geschenk. Ein Protestschreiben von 78 Mitarbeiterinnen mit absurden Forderungen und Weinerlichkeiten.

Erst als ein paar der unterzeichnenden Frauen und Oberchefredaktor Arthur Rutishauser gegenüber ZACKBUM bestätigten, dass dieses Schreiben authentisch ist, konnten wir es glauben.

Denn wir hatten im Hinterkopf, dass ein begabter Imitator diesen vierseitigen «Protestbrief» nebst «Forderungen» verfasst haben könnte. Denn den Inhalt trauten wir nicht mal den 78 Unterzeichnerinnen zu.

Der uns vorliegende Brief hebt damit an, dass «erneut mehrere talentierte, erfahrene Frauen gekündigt» hätten. Aus «Resignation und Frust darüber», dass sich die Situation der Frauen in den Tamedia-Redaktionen nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert hätte. «Trotz anderslautender Statements.»

Dagegen teilte die Geschäftsleitung ebenfalls Freitagnachmittag den Zwischenstand bei der Arbeitsgruppe «Diversity» unter Leitung von Priska Amstutz, Unter-Co-Chefredaktorin beim «Tages-Anzeiger», mit. Hier wird unter anderem festgehalten, dass in der Geschäftsleitung von Tamedia das Verhältnis Männlein Weiblein «relativ ausgeglichen» sei. Noch besser: «Die Lohngleichheit wird regelmässig mittels Lohnanalysen überprüft. Diese zeigen, dass es keine Hinweise auf systematische Unterschiede gibt.»

Das Schreiben in seiner vollen Pracht: Schreiben_GL

Zustände bei Tamedia wie in Saudi-Arabien?

Aber laut dem Protestschreiben müssen in Wirklichkeit Zustände auf den Tamedia-Redaktionen herrschen, an denen Fundamentalisten, Burka-Befürworter und religiöse Irre ihre helle Freude hätten. Denn fast wie in Saudi-Arabien würden Frauen «ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert». Schlimmer noch: «Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht.»

Kein Wunder, dass die Tamedia-Frauen so daran gehindert werden, ihre Arbeit «motiviert, hartnäckig, leidenschaftlich» zu machen. Also arbeiten sie offenbar demotiviert, kurzatmig und leidenschaftslos. Der Umgangston sei «harsch», oft auch beleidigend. Da soll doch «ein Mitglied der Chefredaktion» einer Redaktorin gesagt haben, «sie sei überhaupt nicht belastbar».

Da sämtliche Täter, Opfer, Gegangene oder noch Leidende nur anonym im schlechtesten «Republik»-Stil vorkommen, lässt es sich leider nicht eruieren, ob die Redaktorin nach dieser sexistischen, ungeheuerlichen Beleidigung notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste, sich seither in einer Burn-out-Klinik gesund pflegen lässt oder unter schweren Medikamenten arbeitsunfähig geschrieben wurde.

Das Problem bei Tamedia ist – «strukturell»

Auf jeden Fall, das Wort kennen wir aus allen Formen der Diskriminierung, die Probleme seien «strukturell». Aber, so wie «Black lives matter» vor allem in der Schweiz das unerträgliche Schicksal der Schwarzen deutlich verbessert hat, auch hier gibt man, Pardon, frau, sich kämpferisch: «Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen.»

Nehmt das, ihr Macho-Männer an den Schalthebeln, hier kommen die Frauen und fordern. Selbstverständliches («wir erwarten, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden»), natürlich eine «anonymisierte Umfrage», wo frau ungehemmt losschimpfen kann. Ein Kessel Buntes zusammen mit Absurditäten. Es soll und muss mehr Frauen in «Führungspositionen» geben, «neue strategisch wichtige Teams» sollen «von Anfang an mit mindestens einem Drittel Frauen besetzt werden». Dann natürlich das Übliche, Frauenförderung und eine Diversity-Beauftragte (oder ein -beauftragter, immerhin).

Aber was sind schon Forderungen ohne Ultimatum: «Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen.» Unterschrieben ist das Ganze von Salome Müller, der Meisterin des non-binären Gendersternchens, bis Andrea Fischer, altgediente, aber unauffällige Tamedia-Redaktorin seit über 21 Jahren. Allerdings: Was ist schon ein Ultimatum ohne Drohung? Wenn nicht, dann verstopfen wir mit Tampons das Männerklo? Da müsste doch etwas kommen.

Die Auflistung des täglichen sexistischen Grauens

In einem «Anhang» wird dann auf siebeneinhalb Seiten das unerträgliche Höllenfeuer mit Beispielen lodern gelassen, dem sich Tamedia-Redaktorinnen ausgesetzt sehen. Erniedrigungen, anzügliche Bemerkungen, sexistische Schweinereien, gar Schlimmeres erwartet hier der erschütterte oder voyeuristische Leser, je nachdem.

Beide werden bitter enttäuscht. Es ist eine peinliche, entlarvende, erbärmliche Auflistung von mehr oder minder dümmlichen Sprüchen, die in jedem grösseren Unternehmen gesammelt werden könnten. Jede wirklich unter männlicher Unterdrückung und primitiver Anmache leidende Frau würde sich darüber totlachen. Ein paar Müsterchen? «Du bist hübsch, du bringst es sicher noch zu was.»

«Als jemand das Thema Gendersternchen vorschlug, hiess es erst, es sei schon genug «Klamauk» zum Thema gemacht worden. Das richtete sich nicht per se gegen eine Frau, aber gegen die Art des gendergerechten, integrierenden Schreibens.»

«Bei einem Text, der ausschliesslich von der Perspektive junger Frauen handelte, sagte der ältere Vorgesetzte: «Es ist falsch, was du schreibst.»

«An Sitzungen wiederholen Männer oft die Ideen, die in den ersten 5 Minuten von Frauen des Meetings vorgebracht wurden. Die Männer ergänzen die Idee nicht, sondern sagen einfach dasselbe, ohne zu erwähnen, dass die Idee von Kollegin xy stammt.»

«Aber ihr seid doch mitgemeint, wenn man das generische Maskulinum benutzt.» – «Nein, ich fühle mich nicht mitgemeint. Du weisst nicht, wie ich mich fühle.» – «Ihr seid mitgemeint. Das ist historisch so.»

«Es wird uns Journalistinnen nicht zugetraut, entsprechend unseres journalistischen Instinkts und unserer Expertise Themen zu erkennen und journalistisch umzusetzen.»

«In einer Blattkritik wurde der Einstieg eines Textes über den historischen Frauenstreik kritisiert: «Wir sollten ob unserer Begeisterung nicht unser Urteilsvermögen aufgeben.»»

«Ich: «Verdienen Männer hier denn mehr als Frauen, wie ist es so mit der Lohngleichheit?» Antwort, schreiend: «Du musst den Vertrag ja nicht unterschreiben.»»

Habe ich das erfunden? Nein, unmöglich. Ist das ernstgemeint? Nun ja, das ist zu befürchten. Warum ist das so? Das kommt davon, wenn sich die beiden verzwergten Co-Unter-Chefredaktoren in feministischer Kampfschreibe überbieten wollen. Das kommt davon, wenn die Führung des Ladens jedes Mal zusammenzuckt, wenn eine weder des Schreibens noch der deutschen Rechtschreibung mächtige Redaktorin Schwachsinn wie die allgemeine Einführung des Gender-Sternchens, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau innerhalb und ausserhalb der Redaktion einfordert.

Wer noch nicht genug hat: Brief an CR_GL von 78 Tamedia-Frauen 05.03.2021

Wenn fehlgeleitete Verbal-Radikal-Feministinnen das Unterdrückungssymbol Verschleierung zum Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung in der Kleiderwahl umlügen, dabei sogar noch von führenden, männlichen Opportunisten unterstützt werden, wenn jede verbale Attacke zum sexistischen Übergriff umgedeutet wird, dann kommt es zu solchen Metastasen der abgehobenen Idiotie.

Dieses Bedürfnis nach usurpiertem Phantomleiden

Es ist diese Haltung des geliehenen Opferstatus, des Leidens an Phantomschmerzen, dieser Stellvertreterkrieg mangels echten Schlachten und Opfern, die Umdeutung von Nichtigkeiten zu Gewalttätigkeiten, die unglaublich nervt. Weil Redaktorinnen in der geschützten Werkstatt Tamedia auch gerne mal so richtig als fürchterlich unterdrückte, ausgegrenzte, misshandelte, sexistisch angegangene, ständig von Männergewalt, Vergewaltigungsversuchen und brutalster Unterdrückung leidende Frauen gesehen werden möchten.

Aber weil niemand sie so sieht, weil es nicht so ist, weil bei Tamedia jeder Vorgesetzte weiss, dass er ein Riesenproblem hat, wenn eine Mitarbeiterin die Kritik an ihrem völlig gescheiterten Text flugs als Ausdruck männlicher Unterdrückung von fraulichen Perspektiven umdeutet, wird dem Wahnsinn Tür und Tor geöffnet.

Wo zu viel Verständnis vorhanden ist – oder geheuchelt wird –, wächst das Unverständliche in den Himmel.

Wunderlich ist nur: Von allen Chefchefs abwärts bis zu Pygmäen-Chefs wie Mario Stäuble und anderen wird wortreich, erschütternd die vielfältige Unterdrückung, der Missbrauch der Frau, gerade in der Schweiz, angeprangert. Aber wenn es so schlimm ist, wie diese 78 Redaktorinnen behaupten, wenn es bei Tamedia täglich schlimmer wird, wieso haben denn all diese Frauenversteher, diese Kämpfer für Gleichberechtigung, diese unerschrockenen Kommentarschreiber gegen jede Form von männlichem Sexismus, das denn nicht in ihrem nächsten Umfeld bemerkt?

Wieso merkt das denn keiner der männlichen Kampffeministen bei Tamedia?

Da kann es nur drei Erklärungen geben. Die unterzeichnenden Redaktorinnen haben in ihrer Gesinnungsblase völlig den Bezug zur Realität verloren. Oder aber, sie wollen nun vereint jede Kritik an ihrem professionellen Ungenügen von vornherein verunmöglichen. Oder, alle männlichen Wortführer für die Sache der Frau sind in Wirklichkeit abgrundtiefe Heuchler.

Die Wahrheit dürfte aus all diesen drei Teilen bestehen. Selber schuld, aber wer möchte denn jetzt gerade ein männlicher Vorgesetzter sein, der einer weiblichen Untergebenen näherbringen muss, dass ihr Text schlichtweg Schrott, unbrauchbar, nicht zu retten, schwachsinnig, fehlerhaft, unlogisch, nicht durch Fakten abgestützt ist? Zudem Ausdruck einer mehr als schlampigen Recherche? Das arme Schwein sitzt fünf Minuten später – von einer Fristlosen bedroht – bei Human Resources und muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, er habe die Redaktorin als Schlampe tituliert.

Wobei sie das atomare Argument über ihm explodieren lassen darf: «Wie auch immer, ich habe das aber so empfunden.» Und wer, ausser wir bei ZACKBUM, würde sich trauen, dieses 12-seitige Schreiben als Bankrotterklärung aller Anliegen, für die sich die Frauenbewegung zu Recht in den letzten hundert Jahren eingesetzt hat, zu bezeichnen?

Wer den Wahnsinn wuchern lässt, wird von ihm verschlungen

Denn es war, ist und bleibt klar: Es gibt gute Texte, mittelmässige Texte und Schrott. Dafür gibt es keine objektiven Kriterien, aber doch vorhandene. Keines dieser Kriterien hat mit dem echten oder eingebildeten Geschlecht des Autors zu tun. Lässt Tamedia diesen selbst gezüchteten Unsinn wirklich ausarten, dann wird das Haus bald einmal auch Fragen wie in Holland diskutieren müssen. Wer denn überhaupt legitimiert ist, über welche Themen wie zu schreiben. So wie dort ernsthaft debattiert wird, wer das pubertäre Gedicht von Amanda Gorman übersetzen darf. Wohl nicht eine weisse Frau mit ganz anderem kulturellem Hintergrund als die hinaufgejubelte schwarze Gebrauchslyrikerin aus den USA.

Die Tamedianerinnen wärmen einfach einen der urältesten demagogischen Kniffe auf diesem Gebiet auf. «Diese Arbeit ist unterirdisch schlecht.» – «Das sagst du nur, weil ich eine Frau bin.» – «Nein, das sage ich, weil die Arbeit ein Pfusch ist.» – «Du als Mann kannst das doch gar nicht beurteilen.» – «Doch, auch als weisser, heterosexueller, privilegierter alter Mann kann ich beurteilen, wie die Arbeit einer schwarzen, lesbischen, unterprivilegierten jungen Frau ausgefallen ist.»

Alle Apologeten eines Glaubens, einer Ideologie, einer Diktatur behaupten, dass es bestimmte Voraussetzungen braucht, um etwas beurteilen zu können. Sei das das Tragen eines Kopfschmucks, das richtige Verstehen eines heiligen Buchs, die dialektisch-materialistische Analyse der objektiven Klassenverhältnisse, die einem nur nach tiefen Studium der Werke von Marx/Engels zusteht – oder das Vorhandensein oder die Abwesenheit bestimmter Geschlechtsorgane oder Hautpigmente. All das ist immer wieder der gleiche Schwachsinn, der immer wieder besiegt werden muss.

Denn merke: Wenn man dem Wahnsinn nicht rechtzeitig und energisch Einhalt gebietet, dann will er die Herrschaft ergreifen. Oder die Frauschaft.