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Strukturelle Subtilität oder Debilität

Dem Protest der Tagi-Frauen fehlt eine Kleinigkeit bis heute: ein einziges, konkretes Beispiel. Kann die «Medienwoche» helfen? Oder kennt sie einen guten Spruch von Fidel?

Das hier ist Trauerarbeit. Die Medienkritik ist in der Schweiz dermassen im Füdli, dass wir für jeden Mitstreiter dankbar wären. Aber schon länger in den Seilen hängend, verabschiedet sich nun auch die «Medienwoche» von ernstzunehmender Professionalität.

Dazu gehört, ein heftig debattiertes Thema konträr abzuhandeln. Vor allem, wenn mehr als ein Teilnehmer sich äussert. Gehört zur Primarschullektion des Journalismus. Kann man auch lateinern: audiatur et altera pars. Wussten schon die alten Römer.

Ist aber mit der zunehmenden Kuschel-Bubble-Echokammer-Wohlfühl-Idiotie immer mehr abhanden gekommen. Obwohl nur so, in der Debatte, Erkenntnis und Fortschritt möglich wäre.

Ein Gespräch aus dem Streichelzoo mit Mundmaske

Aber Widerspruch verletzt, verunsichert, könnte einen aus seiner Meinungsblase holen, wo man unter Luftabschluss verfault. Also lieber nicht. Deshalb geht die «Medienwoche» das Thema «Sexismus in der Medienbranche» wie im Streichelzoo an.

Marko Kovic und Christian Caspar (wer ist das?) geben Aleksandra Hiltmann (Mitinitiatorin des Tagi-Protests, Redaktorin), Nicole Döbeli («Landbote» und Mitunterzeichnerin) und Nadine Brügger (CvD Nachrichten der NZZ) Gelegenheit, ungehemmt, unbelästigt von kritischen Fragen Seifenblasen zu blasen.

Harte Antworten auf harte Fragen.

Die Oberflächlichkeit fängt schon bei der Vorstellung an. Nicole Döbeli wird als Mitunterzeichnerin des Schreibens identifiziert und als «Co-Präsidentin des Vereins Medienfrauen Schweiz». Mit dieser Nummer kam sie auch schon ins Schweizer Farbfernsehen; dabei ist dieser gut betitelte Verein nichts mehr als ein Jobsuche-Portal für rund 60 Medienschaffende.

Immerhin werden die drei Frauen mit einem Artikel des NZZ-Redaktors Lucien Scherrer konfrontiert, der das Problem mehr als Generationenkonflikt sieht. Eine dünne These, der man leicht widersprechen kann.

Strukturell und subtil: zwei Wortblasen ohne Inhalt

Widerspruch ist aber nicht so die Sache der Frauen und der «Medienwoche». Wie wenn drei Veganer über die Zubereitung eines Steaks diskutieren würden, herrscht unhinterfragtes Einverständnis, dass das Steak, Pardon, der «strukturelle Sexismus» in den Medien existiere, fatalerweise sogar «subtil».

Die beiden Begriffe «strukturell» und «subtil» sind fast immer Platzhalter für: konkret geht nicht. Da sich drei Veganer genauso wenig über ein Steak streiten wie drei Feministinnen über die Existenz von Sexismus in jeder Form, wäre vielleicht die Aufgabe der «Medienwoche» gewesen, wenigstens weitere kritische Stimmen hereinzunehmen.

Zum Beispiel einen anderen offenen Brief, der hier auf ZACKBUM erschienen ist und einige journalistisch-höflich formulierte Fragen an alle Unterzeichner des Protestbriefs gerichtet enthielt. Also auch an Hiltmann und Döbeli. Und an alle Nicht-Unterzeichner.

Aber von den über 100 persönlich angeschriebenen Frauen gab es nur Abwesenheitsmeldungen und zwei höfliche Antworten, dass frau nicht antworten wolle. Sonst herrschte eisernes Schweigen. Von inzwischen mehr als 100 Mitarbeiterinnen von Tamedia, die auf ihren Brief ultimativ Antworten einfordern.

Allerdings haben diese Fragen einen kleinen Nachteil: sie sind weder liebedienerisch, noch unkritisch. Es bräuchte vielleicht etwas Hirnschmalz, Fähigkeit zur Selbstreflexion und weitgehende Abwesenheit von Selbstgerechtigkeit und Opferrolle, um sich darauf einzulassen.

Lieber Kuscheln in der geschützten Werkstatt

Aus diesen Gründen ist die Nichtbeantwortung dieses offenen Briefs (was auch schon seinem nicht veröffentlichten Vorgänger passierte) aufschlussreicher und aussagekräftiger als das Gebabbel und Gebubbel in der geschützten Werkstatt «Medienwoche». Die sogar die naheliegenden, banalsten Frage den Teilnehmerinnen erspart: wenn es diesen zwar subtilen, aber strukturellen Sexismus in den Medien gibt, wieso ist es dann nicht möglich, ein einziges, nur ein Beispiel dafür konkret zu benennen? Und ist tatsächlich nur Tamedia ein Sündenpfuhl männlicher Neandertaler? Ringier, CH Media, NZZ und all die anderen nicht?

Und wieso benimmt sich die Führung von Tahamedia so bescheuert? Nachdem die Mitunterzeichnerin Claudia Blumer zunächst als Untersuchungsbeauftragte vorgestellt wurde, ist sie nun zur «Ansprechperson» degradiert worden; die Untersuchung übernehme eine externe Firma, deren Namen aber leider noch nicht feststehe.  Auf Deutsch: ist uns erst gerade eingefallen. Und: Liebe Dadamedia-Mitarbeiter, wer noch schnell etwas für seine Arbeitsplatzsicherung tun will, melde sich schleunigst bei Blumer.

Mehr Trauerarbeit wollen und können wir zurzeit nicht leisten. Wie sagte Fidel Castro immer so richtig: lieber allein als in schlechter Gesellschaft.