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Trump ist Trumpf

Glaskugeln glühen: Einer wird gewinnen. Nur: wer?

Gut, Corona ist schwer vom Spitzenplatz der Berichterstattung zu vertreiben. Aber langsam nimmt der Endspurt zu den US-Präsidentenwahlen an Geschwindigkeit auf.

Nachdem vor vier Jahren die gesamte Bande von angeblichen US-Kennern, Spezialisten, Analytikern, Politkorrespondenten krachend danebenlag, weil sie noch bis in die Wahlnacht hinein Hillary Clinton als Siegerin hochjubelten, herrscht diesmal gedämpfte Vorsicht.

In den vergangenen vier Jahren merkte man zwar der Berichterstattung über Trump deutlich an, dass deutschsprachige Journalisten ihm niemals verzeihen, dass er sie mit ihren Wahlprognosen lächerlich gemacht hatte.

«Blick» wagt eine klare Prognose

Vor allem der «Spiegel» setzte sich das hehre Ziel, diese Gefahr für die Menschheit wegzuschreiben. Leider bislang vergeblich. Wie es sich für das Organ der Vereinfachung und Entschleunigung gehört, wagt alleine der «Blick» eine klare Ansage: «Biden wird gewinnen!», legt sich der «USA-Korrespondent» Nicola Imfeld fest.

Zu dieser seherischen Prognose aus dem fernen San Diego qualifiziert ihn sicher sein Praktikum in einer Sportredaktion und ein MAZ-Diplomjournalismuslehrgang. Mehr braucht’s heutzutage nicht, um USA-Korrespondent zu werden.

Der «Spiegel» hingegen, nach Fehlprognose, Relotius und überhaupt etwas gehemmt, hält sich in der Titelstory bedeckt: «Was von Trump bleibt – selbst wenn er gehen muss». Das ist mal eine ausgewogene Schlagzeile.

Corona bleibt unangefochten auf Platz eins

Über 800 Einträge verzeichnet die Datenbank SMD beim Stichwort Trump in den letzten drei Tagen. Corona bleibt allerdings unangefochten: 5400 Treffer im gleichen Zeitraum.

Schlimmes raunt allerdings das Newsnet aus dem Hause Tamedia: «Es bedarf nur eines Auslösers für eine Explosion». «20 Minuten» schaut genau hin: «Fans von Trump verfolgen in Texas Joe Bidens Wahlkampfbus», was aber zu keiner Explosion führte. «Cash online» konzentriert sich auf das Wesentliche im Leben: «Corona-Welle und US-Wahlen werden für Börsen zur Zitterpartie».

Und was macht «watson»? Blöde Frage, ein Listical natürlich: «Wegen dieser 45 Momente werden wir Donald Trump nicht so schnell vergessen.» Die «Süddeutsche» klagt: «Monströser, schärfer, unerbittlicher». Was interessiert uns das in der Schweiz? Nun, weil Tamedia seine Auslandberichterstattung dort abschreibt …

Kleine und grosse Glaskugeln

Einfach machen es sich auch die Blätter aus dem Hause CH Media: «Trump rechnet mit spätem Wahlergebnis und «chaotischem Durcheinander»», übernehmen die nicht nur den Artikel, sondern gleich auch den Titel von der SDA. Wozu zahlt man (noch) ein Abonnement bei der Nachrichtenagentur.

Erfrischend klar positioniert sich, wie ihr Schwesterblatt in der Schweiz, auch die «Bild am Sonntag»: «Trumps Chance nur noch bei 10 Prozent». Die müssen vielleicht eine Wunderglaskugel haben, mit Prozentzahlen, Wahnsinn.

Wie meist über der Sache steht dagegen das Haus NZZ. So berichtet die NZZaS: «Der Optimismus stirbt zuletzt. Unser Reporter besuchte 38 US-Staaten. Seine Erlebnisse passen nicht zum Klischee des polarisierten Trump-Amerika». Er machte also das, wofür Reporter und Korrespondenten eigentlich da sein sollten.

Immerhin ein Blatt macht Journalismus

Statt in ihren Büros in Washington oder New York eine aus der immer noch hochklassigen US-Presse abgeschriebene Analyse nach der anderen rüberzuschicken, statt die ewig gleichen Waffennarren, Rassisten und Evangelikalen beim Jubeln für Trump zu beobachten, versucht hier einer herauszufinden, wieso Trump auch nach vier Jahren über eine feste Wählerschaft von mindestens 40 Prozent der US-Stimmbürger verfügt.

Das ist eigentlich die Aufgabe der Medien. Uns über Realitäten zu informieren, die zwar weit weg sind, aber uns sehr interessieren. Zum Beispiel darüber, was hinter den Klischees eines orange angemalten Knallkopfs oder eines senil zur Präsidentschaft tappernden ewigen Verlierers steht.

Immerhin ein Organ in dieser Presseschau bemüht sich darum. Besser als keins, aber ein weiteres Armutszeugnis für den ärmlichen, zu Tode gesparten Journalismus, der noch knapp zwei Themen auf einmal bewältigen kann. Beide aber nur gefangen im Klischee. Als Verstärker und Lautsprecher der Meinung, die beim jeweiligen Publikum vermutet wird.

«Situation wie eine Woche vor dem Lockdown»

Redaktionen sollten filtern und einordnen. Aber womit?

Eine der wichtigsten Aufgaben jeder Redaktion, ja eigentlich ihre Existenzberechtigung besteht darin, Geschehnisse, Berichte, Standpunkte zunächst einmal auf die Folterbank der Analyse zu legen.

Stimmt diese News überhaupt, wer hat sie bestätigt, was ist die Quelle? Könnte es sein, dass der Verbreiter dieser News von Eigeninteressen gelenkt ist? Kann man eine Studie der Erdölindustrie einfach übernehmen, die zum überraschenden Ergebnis kommt, dass Ölheizungen sehr umweltfreundlich sind?

Die entscheidende Aufgabe einer Redaktion ist also, um dem Konsumenten schmackhaft zu machen, dass der bitte schön Geld für eine Leistung ausgeben sollte, die kunterbunte, komplizierte und nicht unbedingt durchschaubare Welt verständlicher zu machen.

Der Fachmann für alles ist von allem überfordert

Einordnen, gewichten, analysieren, Zusammenhänge herstellen, filtern. So sollte es sein, so ist es längst nicht mehr. Mangels Ressourcen. Mangels Kompetenz. Mangels Fachkenntnissen.

Die heutigen Journalisten sind keineswegs blöder als ihre Vorgänger in besseren Zeiten. Aber wer pro Tag mindestens zwei bis drei Online-Meldungen und dann schon auch noch ein Stück für die Printausgabe raushauen muss, hat schlichtweg keine Möglichkeit, sich einer Meldung vertieft anzunehmen.

Insbesondere, wenn ein vorgefertigter Text der letzten Schweizer Nachrichtenagentur, Keystone SDA, reinflattert. Insbesondere, wenn darin ein Experte, eine Koryphäe zitiert wird. Und da die meisten Zeitungen mit ihren Zentralredaktionen die gleichen Probleme haben, irrlichtert dann der gleiche SDA-Artikel höchstens mit einem leicht abweichenden Titel versehen, durch alle Medien.

Hat die Schweiz schon wieder die Kontrolle verloren?

Die Wahrheit ist konkret, also nehmen wir die Berichterstattung über den «Epidemiologen Althaus». Offenbar ein Fachmann, und wenn der behauptet, die Schweiz habe «die Kontrolle» über die Panedemie verloren, wenn der «auf rasche Massnahmen» drängt, dann ist aber ordentlich Feuer im Dach.

Die «SonntagsZeitung» (Artikel hinter Bezahlschranke) gibt ihm in einem Interview eine grosse Plattform, um unwidersprochen seine Unkenrufe auszustossen. Es gehe mal wieder um jeden Tag, es müsse gehandelt werden, dringlich, es sei unverständlich, dass die Verantwortlichen das nicht einsähen, warnt Christan Althaus.

Wenn das ein Mitglied der Task Force des Bundesrats sagt, dann sollten wir alle wohl vorsorglich schon mal unser Testament machen, nicht wahr? Nein, das wäre verfrüht.

Das knackige Titel-Quote ist die halbe Miete

Der Journalist ist heutzutage stolz auf sich, wenn er ein knackiges Quote aus einem Wissenschaftler herausgequetscht hat. «Situation wie im Frühjahr eine Woche vor Lockdown», ist das knackig oder was? Das sieht auch SDA so und macht flugs eine Meldung draus, die flugs durch den herbstlich schütteren Blätterwald rauscht.

Wieso sollen auch die beiden Interviewer, der Recherchier-King Oliver Zihlmann und der Bern-Korrespondent Denis von Burg, Erinnerungen an den damaligen Lockdown haben. Ist doch längst Geschichte, vergessen, Schwamm drüber.

Und weil sie keine Ahnung haben, erinnern sie sich nicht daran, dass damals der gleiche Christian Althaus die Öffentlichkeit damit erschreckte, dass es bis zu 100’000 Tote geben könnte, es müsse dringlich gehandelt werden.

Der gleiche Wissenschaftler lag schonmal knackig daneben

Seine damalige «wissenschaftliche» Prognose stützte sich auf Erkenntnisse des Imperial College zu London. Genauer des damals dort tätigen Wissenschaftler Neil Ferguson. Der ging von «bestenfalls» 250’000 Toten in England, 100’000 Toten in Schweden aus. Und Schweden ist bekanntlich mit der Schweiz vergleichbar.

Ferguson seinerseits hatte schon 2002 mehr als 50’000 Tote in England wegen des damals grassierenden Rinderwahnsinns vorausgesagt. Es waren dann weniger als 200. Ferguson wurde schliesslich als Berater der britischen Regierung gefeuert. In seinem Prognosemodell, das «dazu beitrug, Grossbritannien und andere Länder zu drakonischen Lockdowns zu bewegen», entdeckten Fachleute später eine Schwachstelle, die «als der verheerendste Softwarefehler aller Zeiten in die Geschichte eingehen könnte, was die wirtschaftlichen Kosten und die Zahl der verlorenen Leben betrifft».

Ein Fall für «Mister Corona» Daniel Koch

Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass in der Schweiz bislang etwas mehr als 1800 Tote wegen Corona zu beklagen sind. Und ein dermassen irrlichternder Wissenschaftler, der sich auf einen anderen irrlichternden Wissenschaftler abstützte, wobei beide zu Prognosen kamen, die dramatisch von der Realität abwichen, hofft nun auf die Vergesslichkeit der Journaille, und spielt sich wieder als der grosse Warner auf.

Das ist ihm unbenommen, Aufmerksamkeit zu erzielen ist ja erlaubt. Aber vielleicht hätten die beiden Tamedia-Koryphäen vor dem Interview sich von «Mr. Corona», Daniel Koch, etwas briefen lassen sollen. Der nimmt zwar stolze 350 Franken für die Beratungsstunde, aber dann hätten die beiden vielleicht wenigstens eine einzige intelligente oder kritische Frage stellen können.