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Ex-Press IV

Blasen aus dem Mediensumpf: Schnelle Nummern im schnellen Journalismus.

 

«Blick» ist nicht so dabei

Wo erfährt man, dass der BLS-Chef zurückgetreten ist? Na, in einer Meldung im «Blick». Wo erfährt man, was BLS ist? Na, in Google. Oder hätten Sie’s gewusst?

Wo wird Donald Trump zwischen Lead und Lauftext ein Jahr älter? Richtig, im «Blick»: «Donald Trump (73) strebt eine zweite Amtszeit an.» Da altert man schnell: «US-Präsident Donald Trump (74) hat Briefwähler bei der Wahl im November zum Versuch ermutigt, zusätzlich auch im Wahllokal abzustimmen, und damit für einen Eklat gesorgt.» Wettbewerb folgt; welche Altersangabe ist richtig? Schicken Sie ein SMS an #Orangeman.

Haben Sie’s gemerkt? Der «Blick» schmückt sich online mit einem Schweizerkreuz als i-Punkt. Und die Ressorts heissen «Nöis, Schport, Meinig». Ein Bekenntnis zu Volk und Heimat, ein Signal für die SVP-Initiative?

Zum Thema getragen

«Knall bei der Praxiskette «Mein Arzt»», vermeldet die «Aargauer Zeitung» aus dem Hause CH Media. Unglaublich, wie lange es dauert, bis bei diesem Blatt das Geräusch einer Explosion ankommt. Schon im Juni hatte die «Rundschau» über üble Zustände bei «meinarzt» berichtet. Auch der «Reussbote» berichtete bereits am 1. September darüber. Und, mit Verlaub, am 3. September ZACKBUM.ch. Genügend Anlass für CH Media, sich endlich mal in Bewegung zu setzen. Am Abend des 3. und am 4. September.

Immerhin, zunächst vermeldete die AZ: «Die Patienten der „MeinArzt“-Praxis in Niederrohrdorf standen Anfang Woche plötzlich vor verschlossenen Türen. „Der Arzt ist einfach weg“, schreibt eine Leserin der AZ.» Ob diese Leserin wohl den Nachnamen Reuss-Bote trägt?

Aber nun zeigt die AZ sicher mal, was eine Qualitätszeitung im Vergleich zu einem Lokalblatt kann. Vor allem, wenn sich gleich zwei Redaktoren auf Recherche begeben. Hintergründe, Informationen über das Management von «meinarzt», Blick ins Betreibungsregister, gar Recherche am Hauptquartier? Ach nein, man ist glücklich, einen gesprächsbereiten betroffenen Arzt aufgetan zu haben. Alles andere würde doch in stressigen Aufwand ausarten.

Schwester, ein Tupfer bitte

Der «Tages-Anzeiger» begleitet schon länger das Schlamassel an der Herzklinik des Unispitals Zürich. Nun ist der ehemalige Leiter von beurlaubt über amtsenthoben zum Abgang «im gegenseitigen Einverständnis» durchgereicht worden. Der Whistleblower, der den Fall ins Rollen brachte, wehrt sich gegen seine neuerliche Entlassung. Gute Gelegenheit, mal mit dem Präsidenten des Spitalrats, des Kontrollgremiums über das Skandal-Spital, ein hartes Interview zu führen.

Nun ja. Die härteste Frage lautet: «Sie haben sich also einvernehmlich getrennt, zahlen ihm eine Abfindung, und sonst heisst es: Schwamm drüber.» Martin Waser, zwar völlig unbeleckt von medizinischen Kenntnissen, aber Berufspolitiker und Ex-Stadtrat, weiss, wie man mit frechen Fragen umgeht: «Das stimmt nicht.» – «Das ist eine Unterstellung.» – «Nein, das ist falsch. Der Waser ist nicht erpressbar.» – «Dazu kann ich nichts sagen.»

Immerhin wagen sich die beiden Interviewer sogar an die Frage, ob Waser und der Spitaldirektor Gregor Zünd nicht zurücktreten sollten. «Hätte es geholfen?», fragt Waser zurück, und damit ist er weitgehend unverletzt durchs Wattebausch-Interview gekommen.

Schwester, nochmal abtupfen

Auch die NZZ wagte sich an ein Interview mit Martin Waser. Inhalt? Siehe oben. Immerhin entlockt sie Waser ein titelfähiges Zitat: «Es brauchte einen klaren Schnitt». Auch hier kann Waser ungestraft um unangenehme Fragen herumrudern. Komme die Trennung von Prof. Maisano nicht einer Vorverurteilung gleich, da die Ergebnisse der Untersuchung gegen ihn noch gar nicht vorliegen? «Nein, absolut nicht», darf sich Berufspolitiker Waser einer Antwort entziehen.

Auch im Fall des Whistleblowers, der den Fall ins Rollen brachte, entlassen wurde, wieder eingestellt wurde und nun neuerlich entlassen wird, kann sich Waser in einen Stossseufzer flüchten: «… und das fliegt uns jetzt um die Ohren.» An die naheliegende Frage, ob es nach dermassen vielen Skandalen und Baustellen nicht höchste Zeit wäre, die Kontrollbehörde oder die operative Leitung des Spitals auszuwechseln, wagt sich die NZZ erst gar nicht.

Schlacht mit Herzblut, Teil 2

Wie ging es in der epischen Story um den Zürcher Herzchirurgen Francesco Maisano weiter?

Die ersten drei Akte in diesem Arzt-Skandal finden Sie hier.

Teil zwei

 

4. Akt: Stellungskrieg ohne Geländegewinne

Bis Mitte Juni geschah dann nichts Weltbewegendes, die befristete Beurlaubung wurde in eine unbefristete umgewandelt, und der gefeuerte Whistleblower wehrte sich gegen seine Entlassung. Die Medien zupften da und dort, raunten etwas von unerklärlichen Todesfällen, aber eigentlich hofften wohl alle Beteiligten, sich in die Sommerpause retten zu können. Um dann frisch ausgeruht bekannt zu geben, dass nun wirklich alle Vorwürfe ausgeräumt worden seien, und toll, dass Prof. Maisano uns erhalten bleibt.

Aber auch das blieb nur ein schöner Traum. Am 19. Juni gab die Spitalleitung bekannt, dass sie den renommierten Herzchirurgen Paul Vogt interimistisch zum neuen Klinikleiter berufen habe. Tschakata. Der gab ein einziges Interview, indem er seine Absicht bekundete, das Schlamassel aufzuräumen und wieder Ruhe in den Laden zu bringen. Dann machte er sich am 1. Juli ans Werk, nachdem er kräftig gegen geldgierige Ärzte und überforderte Politiker ausgeteilt hatte.

Wo sind die Guten, wer sind die Bösen?

Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand Wetten angenommen, die auf eine Wiederauferstehung von Maisano als Chef der Herzklinik liefen. Vor allem, als noch bekannt wurde, dass diverse Strafanzeigen gegen Maisano in der Mache seien, wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ins Bild passte, dass die Spitalleitung in ihrer Wankelmut den Ende April gefeuerten Whistleblower am 7. Juli wieder in Amt und Würden erhob. Also eine völlige Rehabilitierung.

Langsam verlor das Publikum den Überblick; wer sind die Guten, wer die Bösen? Wer hat versagt, wer nicht? Ist Maisano nun eine international anerkannte Koryphäe, deren Beschädigung oder gar Weggang der Herzklinik einen schmerzhaften Imageschaden verursachen würde? Oder kann er persönliche finanzielle Interessen und das Wohl der Patienten nicht auseinanderhalten?

5. Akt: Die Gegenoffensive von Maisano

Lange hatte er geschwiegen, aber am 9. Juli lancierte Maisano seinen Gegenangriff. Mit Schmackes und Pauken und Trompeten. Für die mediale Untermalung sorgte Farner Consulting, wohl immer noch die bestvernetzte PR-Bude am Platz. Für die Munition sorgte ein 132-seitiges Gutachten der renommierten Grosskanzlei Niederer Kraft Frei (NKF). Das überraschungsfrei zum Ergebnis kam, dass es ausser ein paar Kleinigkeiten nichts gäbe, was man Maisano ernsthaft vorwerfen könne.

Im Gegenteil, die erste Untersuchung sei schlampig und inkompetent geführt worden, Maisano sehe sich zu Recht als Opfer einer Verleumdungskampagne. Aber im Namen seiner Familie, seiner Patienten, seiner Reputation könne er nicht mehr länger schweigen, meldete sich Maisano in einem hübsch gedrechselten Text auf Englisch auf der Vernetzungsplattform Linkedin zu Wort. Ihm sei ein Strick gedreht worden aufgrund von vier Artikeln, jammerte er in der NZZ.

Maisano mit Medientraining

Er habe nie etwas verheimlichen wollen, beteuert er im Interview, flankiert von zwei Beratern von Farner und einem Anwalt von NKF. Seine gut gestanzten Antworten zeigen, dass er sich einem längeren Medientraining unterzogen hatte. Heutzutage üblich, wenn man das Geld dafür hat. Mitarbeiter der PR-Bude spielen angriffige Journalisten und versuchen, ihren Mandanten in die Enge zu treiben. Seine Antworten werden analysiert, seine Körpersprache auf Video festgehalten und ebenfalls genau angeschaut.

Dann werden Schwachstellen eliminiert, bessere Antworten einstudiert, die Körpersprache optimiert. All das ist allerdings nicht für ein Trinkgeld zu haben. Man kann davon ausgehen, dass Maisano für das umfangreiche Gutachten mindestens 150’000 Franken ausgegeben hat. Und für Farner nochmal 100’000.

Aber Farner ist sein Geld auch wert. Denn die Gegenoffensive trug Früchte. Plötzlich warnte die NZZ vor einer «heiklen Vorverurteilung». Richtig ins Zeug legte sich aber die «Weltwoche», genauer Christof Mörgeli. In drei aufeinanderfolgenden Riesenstücken versuchte Mörgeli, Maisano als zu Unrecht beschuldigtes Opfer darzustellen, umgeben von ein paar Neidern. Und von Intriganten, die selber etwas zu verbergen hätten, davon aber mit ihren Attacken auf Maisano ablenken wollten.

Publizistische und andere Hilfstruppen

Die NZZamSonntag diagnostiziert einen «Kleinkrieg am Zürcher Unispital», und Mörgeli setzt mit seinem dritten ausführlichen Stück, wofür er umfangreich munitioniert wurde, zum Finale an: Maisano müsse sofort wieder als Klinikdirektor eingesetzt werden. Alle Vorwürfe gegen ihn seien erstunken und erlogen; dauere das Drama noch weiter an, erleide das USZ einen nicht mehr zu reparierenden Imageschaden.

Fleissig wurden von Farner weitere Grussadressen und Unterstützer herbeigeschleppt. Selbst aus der fernen Türkei bekundete ein Arzt sein Befremden über die ungerechte Behandlung dieser Koryphäe. Den Vogel schoss aber das Kantonsspital St. Gallen ab. Der Spitaldirektor, der dortige Leiter der Kardiologie und zwei seiner Leitenden Ärzte unterschrieben einen Brief an die Zürcher Spitalleitung.

Darin erklärten sie, dass ein allfälliger Weggang Maisanos die vertrauensvolle Zusammenarbeit schwer beschädigen würde. Man möchte sich natürlich keinesfalls in die inneren Angelegenheiten einmischen, müsse aber kundtun, dass es leider mit dem Whistleblower keine Zusammenarbeit mehr geben könne.

Offenbar waren die Herren der irrigen Auffassung, dass dieses Schreiben nicht an die Öffentlichkeit durchgestochen würde. Ein Artikel im St. Galler Tagblatt belehrte sie dann eines Schlechteren.

Maisano in Siegerlaune

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Maisano eigentlich in Siegerlaune fühlen. Lange eisern geschwiegen, dann volles Rohr einer Gegenattacke, die zeigt auch Wirkung. Die NZZ schwenkt um auf Vorverurteilung, Mörgeli reitet in der «Weltwoche» mit Pauken und Trompeten seinen Gegenangriff, Unterstützung von innerhalb und ausserhalb der Klinik.

Da hätte es eigentlich nur eine von Farner sicherlich schon vorformulierte Erklärung gebraucht. Die Spitalleitung danke Herrn Prof. Vogt für seinen spontanen Einsatz. Nachdem nun aber die meisten Vorwürfe ausgeräumt seien, gehe es darum, Ruhe in die Klinik zu bringen, an ihren Ruf zu denken und eine weltweit anerkannte Koryphäe nicht länger im Abseits stehen zu lassen. Tatä, der gestürzte König ist wieder da, lang lebe der König.

Fortsetzung und Schluss folgen am Sonntagfrüh.