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Ist die BAG-Direktorin noch tragbar?

Anne Lévy hat die Fortsetzung der Pannenserie zu verantworten. Aber sie kümmert sich lieber um Privates.

Impfchaos, immer mal wieder falsche Zahlen, die Verwendung aller Kommunikationsmittel, vielleicht mit Ausnahme von Brieftauben oder Meldeläufern: selten hat sich ein Bundesamt mit immerhin 600 Mitarbeitern dermassen in einer Belastungssituation blamiert.

Lévy hatte ein halbes Jahr Zeit, sich auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten, bevor sie am 1. Oktober letzten Jahres ihr gutbezahltes neues Amt antrat. Diesen Vorlauf scheint sie aber mehr auf die Regelung privater Angelegenheiten verwendet zu haben.

Eine ihrer ersten wegweisenden Management-Entscheidungen war, dass sie das Mitbringen von Hunden ins BAG-Hauptquartier erlaubte. Das sorge für bessere Stimmung bei den Mitarbeitern, meinte sie. Dass sie nun auch ihren eigenen Köter im Büro halten darf, hat ihre Entscheidung sicherlich nicht beeinflusst.

Der arme Hund ist sich zu Hause aber einen doch etwas grösseren Auslauf als im Büro gewohnt, denn Lévy haust in Bern in einer grosszügigen 8,5-Zimmer-Wohnung. Als das News-Portal nau.ch das in einem Nebensatz über einen Fehlalarm berichtete, der zum Eingreifen einer bewaffneten Polizeitruppe führte, verlor Lévy die Fassung.

Was für Lévy wichtig ist – und was nicht

Sie griff wutentbrannt höchstpersönlich zum Telefon und stauchte lautstark die Redaktion von nau.ch zusammen. Diese Angabe müsse sofort gelöscht werden, falls nicht, so drohte sie wiederholt, setze sie die ganze Macht der juristischen Abteilung des BAG in Bewegung.

Interessant, wie sorgfältig Lévy hier Privates und Amtliches trennt. Aber damit nicht genug. Nau.ch hatte ebenfalls berichtet, dass die Information über den Polizeieinsatz von einem Augenzeugen an die Redaktion weitergegeben worden war. Auch das erregte Lévys allerhöchste Verstimmung. Ultimativ forderte sie die Redaktion auf, ihr den Namen dieses Augenzeugen zu nennen. Quellenschutz und ähnlicher Unsinn waren der Chefbeamtin in diesem Moment völlig egal.

Später versuchte die Kommunikationsabteilung des BAG, die Zahnpasta wieder in die Tube zu drücken. Diese Informationen seien «irrelevant» und «nicht von öffentlichem Interesse», deshalb habe «man» interveniert. Als sich das ebenfalls als Rohrkrepierer erwies – bestimmen nun Beamte, was die Medien zu veröffentlichen haben und was nicht –, versuchte man es dann mit dem «Schutz der Privatsphäre».

Die gilt im BAG aber offenbar nicht für den internen Mailverkehr, denn der hing noch am Mail, das der oberste Kommunikationsverantwortliche an ZACKBUM.ch schickte.

Die «aktuelle» BAG-Impf-Seite. Letzte Aktualisierung: 12. Januar. Aber immerhin 2021.

Im aktuellen Mailverkehr mit ZACKBUM.ch heisst es, dass keine weiteren Fragen mehr zur Privatsphäre der Direktorin Lévy beantwortet werden. Diese Privatsphäre ist uns tatsächlich vollkommen egal. Aber zu ihrem Verhalten im Amt haben wir noch ein paar Fragen:

  1. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die dermassen die Contenance verliert, statt sich um die vielen wichtigen und dringlichen Probleme zu kümmern, die nichts Besseres zu tun hat, als höchstpersönlich eine Redaktion anzurufen und lautstark zu bedrohen?

  2. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die sogar damit droht – mehrfach –, die Rechtsabteilung des BAG in Marsch zu setzen, wenn ihrer persönlichen Forderung – die Grösse ihrer Wohnung muss gelöscht werden – nicht nachgekommen wird?

  3. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die zudem Auskunft verlangt, wer dieser Augenzeuge sei, der den Polizeieinsatz an nau.ch gemeldet habe?

  4. Ist eine Direktorin weiterhin tragbar, die nicht einmal den Anstand hat, sich für ihren Ausraster zu entschuldigen, dafür aber die Kommunikationsabteilung des BAG und des EDI dazu missbraucht, mit aberwitzigen Verdrehungen ihr Fehlverhalten zuzuschwatzen?

  5. Ist die Direktorin des wohl zurzeit wichtigsten Bundesamtes noch tragbar, die sich offensichtlich nicht im Griff hat, zwischen Amt und Privatem nicht unterscheiden kann, mit dem Einsatz von BAG-Juristen droht, die mit ihrem privaten Problem nichts zu schaffen haben? Die schliesslich die einfachsten Regeln des Journalismus nicht kennt oder meint, sie dank ihres Amtes ignorieren zu können?

Überfordert, arrogant, disqualifiziert: aber noch tragbar?

All das sind Anzeichen von Überforderung, aus Problemen flüchten und seine schlechte Laune an einer Redaktion abreagieren wollen, die nur ihren Job machte. Zum amtlichen Versagen kommt noch eine bedenkliche Unkenntnis rechtsstaatlicher Vorschriften hinzu. Offensichtlich meint Lévy, für sie als Direktorin gälten andere Regeln als für jeden anderen.

Schliesslich disqualifiziert sie sich noch als Person, indem sie nicht den Anstand hat, persönlich für ihr Fehlverhalten hinzustehen. Das sind mehr als genug Gründe, um dringlich einen Nachfolger – oder eine Nachfolgerin – zu suchen. Alleine schon deswegen, weil dieses Verhalten ihre Autorität als Führungsperson in einem Amt mit 600 Mitarbeitern schwer beschädigt hat.

Wenn ihr auch diese Fähigkeit zur Einsicht fehlt, dann ist es an ihrem Vorgesetzten, Remedur zu schaffen. Das BAG ist zu wichtig, als dass es weiter in den Händen dieser Frau liegen darf.

Berset: toujours l’amour?

Wer darf einen Blick auf den Unterleib eines Bundesrats werfen?

Wie sagte Karl Valentin so unsterblich richtig: Wenn’s einer kann, ist’s keine Kunst. Kann’s einer nicht, ist’s auch keine. Wie ist’s damit in den Schweizer Medien bestellt?

Der Gralshüter des moralisch hochstehenden Diskurses donnert im Blatt für die gehobenen Stände: «Keine Geschichte.» Man reibt sich etwas die Augen; das muss wohl ein Doppelgänger von Frank A. Meyer gewesen sein, der im gleichen Boulevard-Blatt SoBli den Lausch- und Fotoangriff auf den Unterleib des damaligen Botschafters in Berlin als gerechtfertigt bezeichnete, weil der ja durch eine angebliche Liebschaft erpressbar sei.

Das endete dann eher peinlich. Der Botschafter war weg, aber die Teutonentruppe bei der «Blick»-Familie auch, dazu gab es einen empfindlichen finanziellen Aderlass, der Verleger höchstpersönlich musste sich auf Seite eins entschuldigen, und Meyer wurde wegen übertriebener Härte kurzfristig auf die Strafbank gesetzt.

Die Bundespolizei zeigte für einmal, was sie kann

Ach ja, das waren noch Zeiten. Nun ist es einem Bundesrat widerfahren, dass er mit Erpressung bedroht wurde. Offenbar ziemlich konkret; die Erpresserin hatte schon extra zwei Konten für die Überweisung von 100’000 Franken eröffnet. Wenn nicht, würde sie mit verfänglichen Fotos und pikantem Geschreibsel des Bundesrat an die Öffentlichkeit gehen.

Das geschah schon im Dezember 2019, und nachdem der Bundesrat sie vergeblich via Anwalt von diesem Plan abbringen wollte, schaltete er die Bundespolizei ein. Die zeigte für einmal, was sie kann, wenn sie will. Die Übeltäterin wurde verhaftet, einem strengen Verhör unterzogen und willigte freiwillig ein, dass die möglicherweise belastenden süssen Erinnerungen von all ihren Datenträgern entfernt werden.

Da sie schon kurz zuvor einen Rückzieher von ihrer Absicht gemacht hatte, durch Erpressung 100’000 Franken einzunehmen, wurde die ganze Angelegenheit mit einem Strafbefehl erledigt. Und wäre überhaupt erledigt gewesen, wenn solche Strafbefehle nicht eine kurze Zeit öffentlich einsehbar sein müssten.

Wer ist wie und wann erpressbar?

Und schon wieder ging die Debatte los, ob der Bundesrat zwar in diesem Fall der Erpressung nicht nachgegeben habe, aber möglicherweise eben doch erpressbar sei. Das wurde natürlich von ihm selbst und von Meyer zurückgewiesen, und dann kann es ja auch nicht so sein.

Seine einzige Waffe?

In wohl jedem anderen Land der Welt wären ab Bekanntgabe der Affäre die Journalisten ausgeschwärmt, um die Hintergründe zu recherchieren, die Erpresserin ausfindig zu machen, mindestens ein Porträt über sie zu schreiben, wenn ihr schon nicht ein Quote zu entlocken wäre.

In der Schweiz wird bei solchen Sachen geeiert. Als der katholisch-christliche Parteipräsident einer die Ehe und christliche Werte hochhaltenden Partei sich bei einem Seitensprung fortpflanzte, machte er mit dem «Blick» ein Päckli; Exklusiv-Story mit reuigem Sünder, dafür keine blöden Nachfragen. So schaffte er es sogar, in die Walliser Regierung gewählt zu werden, der Heuchler. Dagegen hatte Meyer keine Einwände.

Berset hat Glück im Unglück

Nun hatte Bundesrat Alain Berset Glück im Unglück. Nicht etwa das eigentlich zuständige Boulevard-Blatt hatte die Story, die Sonntagszeitungen hatten sie zwar, rechneten aber nicht damit, dass sie die WeWo am Samstag im Internet mit dem Primeur abtrocknen würde. Statt selber eine saftige Aufmacherstory zu liefern, konnten sie nur missmutig nacherzählen.

Anschliessend wurde natürlich nicht nur von Meyer debattiert, ob das nicht wirklich eine Privatangelegenheit des Bundesrats sei, zudem erledigt, also könnten doch nur rechte Hetzer daraus einen Skandal hochzwirbeln wollen. Ausserdem wisse man ja gar nicht, worum es hier genau gegangen sei, worin das Material bestünde, mit dem erpresst werden sollte.

Nun ja. Wenn man sich die Hintergründe etwas genauer anschaut, kommt man doch auf ein paar merkwürdige Zufälle. Bei der gescheiterten Erpresserin handle es sich um eine Künstlerin, die im weiten Feld der Performance unterwegs ist. Obwohl sie ein überschaubares Oeuvre vorgelegt hat, bekam sie bereits den Schweizer Kunstpreis, immerhin mit 25’000 Franken dotiert. Ihre Ausstellungen, Aufenthalte, ihr Wohnsitz zeugen zumindest von einer gewissen Weltläufigkeit und Vernetzung.

Eigentlich könnte jeder den Namen der Künstlerin herausfinden

Inzwischen sind auf «Inside Paradeplatz» und anderswo dermassen viele Details über diese Künstlerin veröffentlicht worden, dass es keiner grossen Anstrengungen bedarf, ihren Namen herauszufinden und ihr ein Mail zu schicken, ob sie nicht mal ihre Sicht der Dinge darlegen wolle.

Sie will leider nicht, und Bersets Anwalt droht jedem mit Pech und Schwefel, der es wagen sollte, ihren Namen zu publizieren. Sie selbst ist zudem in einer Schweizer Kulturstätte im Ausland versorgt, bis Mitte nächsten Jahres. Ist auch ziemlich praktisch; bis dahin dürfte endgültig Gras über die Sache gewachsen sein.

Darf nun ein Bundesrat kein Privatleben haben, und wenn doch, ist das dann nicht seine Privatsache und geht niemanden etwas an? Ausser den Direktbeteiligten, darunter auch seine Frau und Kinder?

Bei politischen Exponenten ist die Privatsphäre anders gestaltet

Das mag so sein. Aber wenn der kleine Angestellte Müller, verheiratet, mit der Serviertochter des «Ochsen» ein Verhältnis hat, ist das keine Geschichte, selbst wenn sie ihn nach einem Streit über einen Schwangerschaftstest erpressen will. Nun ist das bei einem Bundesrat etwas anderes. So wie bei einem Botschafter oder Parteichef. Zumindest sollten alle Fakten auf den Tisch kommen.

Interessant ist dabei auch, dass sogar von Politikerinnen bestritten wird, dass es sich bei dieser Frau um ein Opfer handeln könnte. Trotz #metoo und der klassischen Ausgangslage, mächtiger Mann, ohnmächtige Geliebte – keinen scheint ihre Geschichte, ihre Sicht der Dinge zu interessieren. Eine Schweizer Besonderheit oder eine Schweizer Absonderlichkeit?