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«Tagi»: Kann Amstutz Chefredaktorin?

Dass ein «Tagi»-Chefredaktor der Leserschaft ein Betty-Bossi-Rezept mitteilt, hat es leider noch nie gegeben. Erst mit Priska Amstutz sollte sich das ändern. Die Chefredaktorin empfiehlt ihren Leserinnen und Lesern nämlich ein leckeres Rezept von ihrem «Grossmüeti Amstutz». Es handelt sich um «Dattel-Schümli» mit 75 g Bio-Medjoul-Datteln. «Ich habe dunkle Valrhona 68% im Wasserbad verflüssigt und in einen kleinen Spritzsack mit einer Mini-Tülle gefüllt.»

Priska Amstutz leitet seit Juli 2020 gemeinsam mit Mario Stäuble die Chefredaktion. Früher hat sie bei der «Annabelle», «Bolero», «Style» und «elsewhere by Kuoni» geschrieben.

Schümli-Alarm

Ihr bisher bekanntester Text im «Tagi» erschien am 9. November 2020. Die Chefredaktorin schrieb damals über Kamala Harris; die erste Vize-Präsidentin der USA. Für Amstutz ist Harris bereits eine «Ikone». Während des unschönen Wahlkampfs sagte Harris einmal: «I am speaking». Das hat Priska Amstutz anscheinend ziemlich durchgeschüttelt. Sie attestiert dem Satz «globale Strahlkraft». Was geht wohl durch Amstutz, wenn Harris dereinst ihren Amtseid ablegen wird? Ein globaler Schümli-Strahlenalarm?

Im «Doppelpunkt» vom 8. November hatte Oberchefredaktor Arthur Rutishauser die Gründe so erklärt, warum Priska Amstutz in die Chefetage ernannt wurde:

Für eine Zeitung, die auch online gelesen wird, musst du eine weibliche Leserschaft ansprechen. Und das macht sie (Amstutz) mit ihren Themen. Das ist eindeutig so!

Priska Amstutz wurde also für die Frauen eingestellt. Eine härtere Kritik ist schwer vorstellbar. Amstutz teilt diese Ansicht nicht. Auf Anfrage von Zackbum.ch schreibt sie: «Eine weibliche Perspektive einzubringen ist nötig und in meinen Augen eine sehr relevante Aufgabe. Es ist aber auch nur eine von vielen Aufgaben, niemand reduziert mich auf diesen Aspekt.»

 Im gleichen Interview zählt Rutishauser auch auf, was «Tagi»-Leserinnen gerne lesen: «Erziehung, Kultur und Gesellschaft». Dafür reicht eigentlich die «Annabelle». Und das Rezept von «Grossmüeti Amstutz» befindet sich in der «Betty Bossi». Von 1978.

Kinderarbeit beim Tagi

Wertvolle Daten für ein Zertifikat

Neuere Studien zeigen, dass viele junge Menschen Medien nicht mehr trauen, schreibt der «Tages-Anzeiger» in seiner Stellenbewerbung für Jugendliche. Für die Co-Chefredaktorin Priska Amstutz ist das Youth Lab der erste Meilenstein einer atemberaubenden Karriere. Die frühere Chefin des News-Magazins «Bolero»  will mit dem Youth Lab «direkt mit dir in Kontakt treten und deine ehrliche Meinung zur Medienwelt und zu unserer Arbeit hören.»

Sieben Mal 2,5 Stunden sollen die Kinder der Tagi-Redaktion erklären, was sie von den «Produkten, Apps, Webseiten und Kampagnen» halten. Und sie dürfen für die alten Säcken aufschreiben, wem sie «auf Social Media folgen.»

Auf die Frage hin, ob diese 17,5 Stunden ein bisschen vergütet werden, antwortet der Tagi: «Nein, für die Teilnahme gibt es kein Geld. Die Erfahrungen, die du während des Programms machen, und die Skills, die du erlernen kannst, sind dafür unbezahlbar.»

Einmal spülen ist gratis

Gibt es ausser kostenloser WC-Benutzung und gratis Hahnenwasser wirklich gar nichts? «Was du nach erfolgreichem Abschluss sicher kriegst, ist ein Zertifikat, das du deinen zukünftigen Bewerbungsunterlagen beilegen kannst.»

Ein Zertifikat? Geil. Ist das Zertifikat irgendwie zertifiziert?  «Das kommt auf deine Schule/Lehre und deren Anforderungen an.»

Die Kinder lernen also, was sie als junge Journalisten früh erfahren werden: In un- oder schlecht bezahlten Praktika dürfen sie dem Konzern aus dem Dreck helfen und kriegen dafür ein Zertifikat, dass nichts bringt.

Und angeblich sollen die 16 Kinder beim «Tages-Anzeiger» auf lauter Journalisten treffen, die «ziemlich viel Spass haben». Nun, ich kenne ziemlich viele Journalisten aus dem Hause Tagi. Als lustig würde ich keinen davon beschreiben.

Mit Glied oder ohne Glied

Das macht den grossen Unterschied, meint Priska Amstutz.

Priska Amstutz, obwohl Sie sicher noch nicht viel von ihr gehört haben, ist Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeiger». Wer da was von Quotenfrau murmelt, muss zur Strafe in einen Sensibilisierungskurs und hundert Mal laut sagen: Ich bin ein Chauvinist.

Also, die Chefredaktorin des Tages-Anzeigers ist, das darf man wohl sagen, kein Backfisch mehr. Das muss man sogar sagen, denn wenn man ihre Schwärmerei «Dieses Vorbild ist dringend nötig» (hinter Bezahlschranke) liest, dann sieht man vor dem geistigen Auge einen giggelnden Teenager, wie der vor vielen Jahren einen «Bravo»-Starschnitt mit seiner Lieblingsfigur anschmachtete und seine Gedanken dem lieben Tagebuch anvertraute.

Das wurde dann zugeschlossen und zuunterst in der Schublade sicher verwahrt. Das ist heute alles anders. Wenn man Chefredaktorin ist, kann man auch öffentlich schmachten. Voraussetzung ist lediglich, dass man null Empfinden für Peinlichkeit hat.

Was wir alle dringend gebraucht haben

Welches dringend nötige Vorbild himmelt Amstutz denn an? Natürlich, Kamala Harris, die designierte Vizepräsidentin der USA. Während um das Geschlecht und die Hautfarbe des designierten Präsidenten kein Aufhebens gemacht, höchstens auf sein fortgeschrittenes Alter hingewiesen wird, ist das bei Harris anders.

Wir, also Amstutz, erleben mal wieder einen historischen Moment. Nein, mehr noch: «Frauen und Männer auf der ganzen Welt haben die Wahl einer Frau zur ersten Vizepräsidentin der USA dringend gebraucht», setzt Amstutz am Anfang die Tonhöhe. Mit Verlaub: Ich habe das nicht gebraucht, sorry. Amstutz könnte hingegen etwas Deutschunterricht brauchen; denn ein Mann könnte ja schlecht zur Vizepräsidentin gewählt werden, nicht wahr?

«Wir brauchen» aber noch viel mehr. Vorbilder wie Kamala Harris. Nicht nur wir, gleich auch noch «die kommenden Generationen», die noch gar nichts davon wissen. «Wir brauchen historische Momente und Frauen, die zu Ikonen werden.» Wunderlich, dass Amstutz davor zurückschreckt, den Ersatz der Helvetia durch Harris zu fordern. Dafür fehlt ihr vielleicht noch etwas Unterweisung, denn: «Harris kann während ihrer Amtszeit als Coach in Female Leadership dienen.»

Amstutz übergibt das Wort an Harris

Ausser übers Wasser wandeln und Brot in Kuchen verwandeln oder so, was kann Harris denn noch? Nun, sie wird natürlich «als Zeichen» gebraucht. Wofür? Na, «sodass Corona Frauen nicht um mehr Jahre zurückwerfen wird als Männer. Madam Vice President, Sie haben das Wort.»

Das Schönste an diesem Satz ist, dass damit Amstutz fertig hat. Wie führen wir sie nun vorsichtig wieder an die Realität heran? Das ist auch bei Teenagern nicht einfach; wie soll man ihnen beibringen, dass der abgöttisch geliebte Star Toupet und Gebiss trägt, ausserdem schon mehrfach wegen Drogenbesitz und Gewalt in der Ehe verurteilt wurde?

Das hat natürlich nichts mit Harris zu tun, aber: Die Dame ist gerade zur Vizepräsidentin gewählt worden. Sie hat noch keinen einzigen Handschlag in ihrem Amt getan. Ein Amt, das sich im Wesentlichen dadurch auszeichnet, dass der Inhaber einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt ist. Und solange das andere Herz noch schlägt, meistens zustimmend nickend neben dem Präsidenten stehen darf. So wie das Joe Biden neben Obama tat. So wie das Mike Pence neben Trump tut.

Harris war, als sie noch selbst für die Präsidentschaft kandidierte, übrigens eine der schärfsten Kritikerinnen von Biden. Dass sie dann aufgab und sich für ihn aussprach, zeugt zumindest von einer gewissen Flexibilität.

Dumme Schwärmerei

Aber all das ist harmlos gegen die fundmentale Dummheit im Schwarmkommentar von Amstutz. In Orwells Animal Farm lernen die Tiere: Vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Das ist so vereinfachend, wie Politiker nach ihrem Geschlecht zu beurteilen. Da wird Hillary Clinton, die in den USA nicht als Frau, sondern als Politikerin so verhasst war, dass viele Wähler lieber einen Schimpansen ins Weisse Haus geschickt hätten, zur enttäuschten Hoffnung der Frauen (und Männer). Harris jetzt zur erfüllten.

Sie soll sprechen, wir sollen zuhören. Sie trug ein weisses Kleid bei ihrer Wahlannahmerede, meiner Treu, welche strahlende Symbolkraft, welches Zeichen. Würde man ähnlich von der Krawattenwahl eines Joe Biden schwärmen? Und würde man dann nicht zu Recht in den Senkel gestellt, dass das nun wirklich völlig nebensächlich sei?

Zur Lichtgestalt hochgeschwärmt, bevor sie ihr Amt antritt

Aber schwärmen ist schon okay. Das war ja auch bei Barak Obama so, der grossen schwarzen Hoffnung im Weissen Haus. Der Friedensnobelpreisträger auf Vorrat, der eine wöchentliche Kill-List abzeichnete, von vermuteten Terroristen, die exekutiert werden durften. Auch wenn es als Kollateralschaden eine Hochzeitsgesellschaft traf.

Nun wird Harris zur Lichtgestalt hochgeschwärmt, obwohl sie ihr Amt noch gar nicht angetreten hat. Obwohl niemand weiss, ob sie es ordentlich, überragend oder unterdurchschnittlich ausfüllen wird.

Bei der amtierenden Chefredaktorin Amstutz weiss man allerdings spätestens nach diesem Kommentar, wie man ihre Fähigkeiten beurteilen muss.

Züritipp mit Bart

Der neue Züritipp überrascht mit lahmen Texten

Priska Amstutz irrt sich. Die Co-Chefredaktorin des Tagi schreibt im Editorial zum neuen «Züritipp»: «Wir wollen mit dem neuen Züritipp in dieser Zeit Mut machen.» Im Grundkonzept des Veranstaltungshinweiser sollten aber spannende Tipps und lockere Texte vorkommen, keine lieben Botschaften.

Den Artikeln in der ersten Ausgabe sieht man an, dass sie sechs Monate lang in den Redaktionsräumen lagen. Sie haben ziemlich Bart bekommen:

«Die Idee, eine Informations- und Netzwerkplattform für einen ganzheitlichen Start in den Tag zu entwickeln, sei schon letztes Jahres entstanden (…)»

«Diese Reduktion auf das Wesentliche sieht Frei vor allem in der aktuellen Corona-Situation auch als Chance (…)»

Michèle Roten konnte als Kolumnistin gewonnen werden. Ihr erster Text ist eine Enttäuschung. Früher, im «Magazin», schrieb sie freche Texte. Jetzt ist sie halt auch älter, weiser und überlegter geworden:

«Mein wichtigster Tipp: Begeben Sie sich in Umstände, in denen Sie mit anderen Menschen gemeinsam etwas tun.»

Wir blättern weiter und informieren uns über Tipps zu billigem Essen (Pommes, Pizza, Dessert). Die Veranstaltungshinweise sind okay, aber auch nicht überraschend: Rigiblick, Plattenbörse, Sophie Hunger»

Gefreut haben mich die Rubriken «Die Karte» (inspiriert vom Magazin der «Zeit») und «Stil & Shopping» (inspiriert vom Magazin der «Süddeutschen»). Nun, ich hoffe, dass die nächste Ausgabe (in zwei Wochen) etwas frischer und mutiger auftritt.

P.S. Der Züri-Tipp war heute früh im Digital-Abo nicht abrufbar. Komisch.