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Oh je, Ackeret*

Der Schmusekurs von persoenlich.com war einer der Gründe für die Geburt von ZACKBUM. Gute Entscheidung.

*Nein, das ist natürlich nicht Matthias, sondern Kim jong-un, aus der wunderbaren Reihe: Kim looking at things. Der Scherz wird aufgelöst …

Was macht man, wenn die wenigen Organe, die sich im weitesten Sinn mit den Medien befassen, die Zugbrücken hochziehen? Wenn die NZZ ihren langjährigen Medienredaktor spült, daraufhin ihre wöchentliche Medienseite?

Man jammert lautstark – oder man wird tatkräftig. ZACKBUM ist der lebende Beweis, welche Entscheidung getroffen wurde.

ZACKBUM hat in den ziemlich genau 8 Monaten seiner Existenz inklusive dieses 708 Beiträge publiziert. Darauf haben knapp 2000 Kommentatoren reagiert. Zudem hat ZACKBUM 17 Pressemitteilungen verschickt. Da war die Resonanz allerdings überschaubar: null.

Kein Gejammer, einfach ein höflicher Abschied

Schulterklopfen und Gequengel? Aber nein, das ist nur der Abschluss all diesen Tuns. Da wir auf sicher haben, dass wir in der Medienbranche lebhaft, überall und von (fast) allen gelesen werden, was wir nicht zuletzt an ständigen Informationen aus dem gequälten Medienvölkchen messen können, hören wir auf.

Schluck! Echt jetzt? Ja. Wir hören auf, die letzten Mohikaner mit Mitteilungen, Hinweisen, Primeurs, Recherchen oder was auch immer zu versorgen. Vergebliche Liebesmüh.

Das letzte, bezeichnende Beispiel: Wir waren der vielleicht nicht ganz einseitigen und parteilichen Auffassung, dass die Tatsache, dass ZACKBUM als einziges Schweizer Medienorgan zweimal alle Unterzeichner des Protestbriefs von Tamedia und alle im Impressum ausgewiesenen weiblichen Nicht-Unterzeichner persönlich anschrieb und um Stellungnahme bat, durchaus eine Meldung wert sein könnte.

Vor allem deswegen, weil die Protest-Frauen zwar ultimativ eine Antwort auf ihren Brief verlangen, auf unsere – zunächst privat, dann öffentlich – formulierten Bitten um Antwort schnöde schwiegen. Mehr als hundert im Journalismus tätige Frauen! Null, nix, nada. Ausser den üblichen Abwesenheitsmeldungen und immerhin zwei höflichen Unterzeichnerinnen, die antworteten, dass sie nichts antworten wollen.

Das ist ein Running Gag …

Ist das eine Meldung wert? Mal schauen

Also trug sich folgendes zu. Am 20. März schickte ich diesen Hinweis an meine alte Bekannte Edith Hollenstein (Himmels willen, das ist nicht sexistisch gemeint!) und an die persoenlich-Redaktion. Am 22. bekam ich die Antwort, dass mein Mail leider im Spam-Ordner gelandet sei, aber man «schaue es sich an». Am 24. wechselte ich meine Mailadresse und erkundigte mich höflich, ob man inzwischen draufgeschaut habe. Darauf bekam ich am 25. die Antwort: «Ich schau’s an und wir würden ggf. eine Meldung machen.»

Die Redaktion schaut sich’s an.

Ich erkundigte mich freundlich, ob das Stehsatz sei. Keine Antwort. Am 26. versuchte ich es mit dem Scherz, dass es doch eine wunderbare Bildreihe gebe: Kim jong-un looking at things.

Keine gute Idee: «Wir haben viele andere Themen, und wenn wir dir zu langsam sind: Du kannst in der Zwischenzeit bei euch darüber berichten oder deinen Rechercheinput an anderer Stelle platzieren.»

Die Redaktion schaut sich viele andere Themen an.

Ach nö, eine Woche ist überhaupt nicht langsam, auch angesichts der Tatsache, dass der Antritt des Mutterschaftsurlaubs einer Reinigungskraft jeder beliebigen Werbebude sofort Erwähnung findet.

Aber okay, ich werde den ordentlichen, peristaltischen Stuhlgang der Newsherstellung bei persoenlich.com nicht mehr stören. Und wünsche weiterhin gute Verrichtung.

 

PS: Wir möchten gerne die Gelegenheit benützen, wieder mal an ein paar Benimmregeln beim Kommentarschreiben zu erinnern. Nicht unerwartet häufen sich Rülpsereien, die unter dem Schutz der Anonymität und einer Absurd-Mailadresse von Feiglingen ausgestossen werden. Spart Euch die Mühe und streichelt Euch lieber selbst in Euren Gesinnungsblasen.

Dramatischer Rückgang beim «Persönlich»-Newsletter

10’000 weniger Abonnenten innerhalb zwei Jahren

Das «Online-Magazin für Entscheider und Meinungsführer» hat gemäss Mediadaten innerhalb eines Jahres ein Viertel seines Abonnentenstamms verloren: Zählte der Verlag 2020 noch 20’000 Leser, waren es 2021 plötzlich nur noch 15’000. 2019 soll die Reichweite sogar 25’000 betragen haben. Die Daten sollen von der mittlerweile deaktivierten Online-Forschungsstelle NET-Matrix stammen, die aber gar keine Statistik über Newsletter führte.

Die hohe Abmelderate von 25, beziehungsweise 20 Prozent wirft Fragen auf. Studien gehen bei Newslettern von einer durchschnittlichen Rate von 0,1 Prozent aus. Die wenigsten stellen einen Newsletter ab. Er kostet ja auch nichts. Warum aber soll die Abmelderate beim Persönlich-Newsletter 250 Mal höher sein? Und weshalb soll die «Auflage» überhaupt geschrumpft sein? 2020 war doch das Jahr der Online-Magazine. Waren die 25’000 im Jahr 2019 und die 20’000 im Jahr 2020 vielleicht zu hoch gegriffen? Das wäre unschön für die gutgläubigen Inserenten gewesen.

Der tägliche Newsletter ist für den Verlag nämlich sein wichtigstes finanzielles Standbein. Bis zu 2500 Franken kostet ein einziger Werbebanner im daily Newsletter. Dafür gibts eine Viertelseite im Persönlich-Magazin, das aber nur zehn Mal im Jahr erscheint. Der Chefredaktor,  Matthias Ackeret, wollte leider keine Stellung nehmen.

 

Mittendrin statt nur dabei

persoenlich.com: Wie ein Branchenportal zum Symbol der Krise wurde.

Eine wichtige Einleitung: Als Kind war ich ein grosser Fan von Kugelstösser Werner Günthör. Im Sommer 1988 warf ich mit meinem Freund Röbi schwere Steine in den Garten unseres Nachbars. Ich war Werner, Röbi war Ulf Timmermann (DDR). Mächtige Männer beeindruckten mich ungemein.

Matthias Ackeret auch. Dem Doktor der Rechte imponieren meinungsstarke Männer. Ackerets Hochachtung vor Christoph Blocher, Roger Schawinski und Martin Walser ist aufrichtig, fast schon verklärend. Er selber schwingt selten die schwere Wortkeule. Ackeret versucht ständig, zu erklären und zu schlichten. Auf die Dauer macht das ein bisschen aggressiv.

Auf «Radio 1» führt er mit dem Moderator Marc Jäggi eine wöchentliche Diskussion: «Shortlist». Wenn die beiden miteinander diskutieren, ist das nur in den seltensten Fällen ergiebig. Das Problem: Beide denken gleich. Es kommt deswegen gar nicht zu einer richtigen Diskussion, das ist Jäggi und Ackeret bewusst. Und so versuchen sie manchmal Disharmonie vorzuspielen. Beispiel letzte Sendung. Es ging um die Einführung des Frauenstimmrechts vor 50 Jahren:

Marc Jäggi: Was war das früher für eine Mentalität? (…) Offenbar hatten die Männer damals Angst gehabt, oder, oder, oder, äh, oder was ist das Problem gewesen?
Matthias Ackeret: Ja, das ist sicher Angst gewesen, vor dem starken Geschlecht, hehehe
Marc Jäggi: Hehehe

Wenn ich den beiden zuhöre, erinnere ich mich häufig an meine Steinwürfe vor über 30 Jahren. Das Format «Shortlist» ist ein weiterer Beweis, dass nach Schawinski und Blocher niemand mehr etwas zu erzählen hat. Wahrscheinlich entspricht «Shortlist» dem Zeitgeist und wahrscheinlich mögens die Zuhörer.

Auch auf seinem Portal «Persönlich» erzählt Ackeret keine brisanten Geschichten. Zu sehr ist der Chefredaktor eingespannt zwischen Interessensabwägungen und heiklen Dossiers. Das zeigt sich exemplarisch in der Bekanntmachung, ein Sonderheft zum Start von Watson Romandie herauszugeben. Wer das macht, wird nie wieder kritisch und ehrlich über Watson schreiben.

Ist das der Fluch der Zeit? Ja, das ist er. Aber es tut in der journalistischen Brust weh, das Produkt «Persönlich» anzusehen. Gewiss, ein Branchenblatt kann nicht drauflosbolzen. Das hat sich wahrscheinlich auch David Sieber gedacht, der mit seinem «Schweizer Journalisten» aus meiner Sicht krachend gescheitert ist.

Im Grunde genommen ist Ackerets grösste Leistung, Arbeitsplätze für eine Redaktion mässig-begabter Journalistinnen und Journalisten zu bieten. Und das meine ich ohne Häme. So ist es leider.

Die ausgewiesenen Leistungen sind dermassen dürr, dass ich mich immer wieder frage, warum ich eigentlich jeden Tag die Homepage von persoenlich.com aufsuche. In der letzten Zeit wirken die Entlassungen nämlich besonders bizarr: Alle finden es toll, dass sie gerade entlassen wurden. Ein 60-jähriger Moderator geht weg von SRF und will sich journalistischen Projekten widmen, die Karriere eines jungen Kadermitglieds bei «20 Minuten» wird jäh abgeschnitten und der junge Familienvater unkt über seine Gartenleidenschaft.

Wer bei dieser Komödie mitmacht, hat keinen Mut, keine journalistische Neugierde und vor allem: hat nichts zu erzählen. Aber vielleicht ist persoenlich.com nicht nur ein Menetekel, sondern das Symbol der Medienkrise.

Die Mutanten-Redaktion

Neue Stelle, neue Putzfrau, neuer Besen, neu Neu.

Wer nichts wird, wird Wird-Journalist: «Kathrin Jesse wird Miteigentümerin», «Stefanie Heinzmann wird Vegan-Botschafterin», «Adrian Merz wird Creative Director», «Philippe Chappuis wird Chefredaktor», «Florence Vuichard wird Witschaftschefin», «Janique Weder wird Leiterin Nachrichten.»

So lauten die Titel der kreativen Belegschaft von persoenlich.com. Die Beispiele stammen von den letzten Tagen. Glanzleistungen werden dann erreicht, wenn gleich mehrere Mutationen vermeldet werden dürfen: Die geht, der geht, der kommt, der nicht, die vielleicht und der frühestens im nächsten Jahr. Die Bussibussi-Texte sind zum Glück so schlecht geschrieben, dass ungewollt etwas Ironie hervorblitzt:

«Gerne bestätige ich, dass Jan Kempter, Urs Hirschi, Lucas Conte und Katja Metz die Publicis-Gruppe verlassen haben.»

Matthias Ackeret, der Chefredaktor, sieht sein Produkt als «Online-Magazin für Entscheider und Meinungsführer». Im Fachportal kommen «giftige Kommentare und kontroverse Diskussionen» vor.

Ist das so? Wie viel Kritik lässt Ackeret zu? Ein Leser schrieb ZACKBUM.ch, dass ein kritischer Kommentar dreimal abgewiesen wurde. Er monierte, dass in einem Artikel auf persoenlich.com einem Nachahmer Raum geboten wurde. Es geht um einen Gazosa-Hersteller, der ähnliche Flaschen wie sein Konkurrent herstellt.

Diese Sichtweise vertrat auch das Zürcher Handelsgericht (Geschäftsnummer HE200180): «Weiter fällt die Ähnlichkeit der A2._____ (Bild rechts) mit der von der Gesuchsgegnerin hergestellten A._____ (Bild links) auf. Problematisch ist dabei nicht die für A._____ typische Bügelflasche, sondern die ähnliche Etikettierung und der weitgehend identische Papierverschluss über den Bügel.»

Gemäss Angaben unseres Lesers wurde die Kommentarspalte zum Artikel plötzlich sistiert. Zwei Tage später soll sie wieder plötzlich aktiviert worden sein. Mittlerweile wurden zwei andere kritische Kommentare zur Nachahmung aufgeschaltet. Der Druck in der Flasche war vielleicht zu gross.

Matthias Ackeret wollte zur Kritik keine Stellung nehmen.

Verlängerter PR-Arm

Branchenportale glänzen durch Verlautbarungsjournalismus.

Tamedia fusioniert die Regionalredaktionen des Tagesanzeigers, der Zürichsee-Zeitung, des Zürcher Unterländers und des Landboten. Damit verschwindet die lokale Sicht auf kantonale Themen. Zürcher Einheitsbrei ist mit diesem neuen Mantelresort programmiert. Nun hat’s natürlich zu viele Journalisten. «Natürliche Fluktuationen, interne Wechsel, Anschlusslösungen», heisst es von der Medienstelle gegenüber Keystone-SDA. Wer nicht kündigt, muss gehen. Möglich sei auch ein Sozialplan. Den braucht‘s laut Gesetz nur bei einer Massenentlassung.

Ein Päckli, ein vorproduziertes Interview?

Soweit, so schlecht. Nicht geglänzt haben bei dieser Hiobsbotschaft bisher die Branchenportale. Persönlich.com hat zwar das Kunststück fertiggebracht, ein langes Interview mit den drei Superchefredaktoren aufzuschalten. Kunststück darum, weil es wenige Stunden nach der Medienmitteilung der TX Group schon online war. Wie war das nur möglich? Wer das zahnlose PR-Interview gelesen hat, kann sich die Entstehungsschichte ausmalen. Die geht etwa so: Die Abbaufirma bietet einem Branchenportal ein Exklusivinterview an. Dafür darf man es gegenlesen. Und ja, wichtig sind die Stichworte «Innovation», «Zeitungsverbund», «Redaktionsnetzwerk» und «Stärkung», wird von der Medienstelle ganz kollegial nachgeschoben. Gesagt, getan. Ein herrliches Beispiel von Verlautbarungsjournalismus.

Neuer Vorgesetzter Benjamin Geiger

Interessant ist die nebenbei erwähnte Personalia. Neuer Chef des hochgelobten Zeitungsverbundes wird das bewährte Schlachtross Benjamin Geiger. Es bestätigt gegenüber persönlich.com, es werde Vorgesetzter von Priska Amstutz und Mario Stäuble. Gerade kürzlich hat man die Beiden als neue Hoffnungsträger für den «Tagi» gefeiert. So schnell kann’s gehen.

Standorterhalt – wer’s glaubt?

Die Beteuerung, dass die bisherigen Standorte behalten werden, ist natürlich Blödsinn. Aus zwei mach eins, die Schrumpfung der Zürichsee-Zeitung vom Standort Stäfa an die Aussenstelle Wädenswil war nur der Anfang. Corona zeigt, dass Journalisten ihr Handwerk auch von zuhause aus ausüben können. Dass die Nähe zum Geschehen leidet, nimmt man in Kauf.

Der Kleinreport

Der  Kleinreport machte sich die Aufgabe noch einfacher. Unter dem Titel «Tamedia gründet Redaktionsnetzwerk Zürcher Zeitungsverbund» übernahm er  grossomodo die Medienmitteilung.

Medienwoche und edito.ch in Schockstarre

Geht’s noch einfacher? Leider. Die einst durchaus lesenswerte Medienwoche brachte  – gar nichts. Ausser in der Unten-links-Rubrik «News» ein Link auf den Persönlich.com-Artikel. Die Katze, die sich in den Schwanz beisst.

Leere gab’s auch auf edito.ch, immerhin die Plattform der Medienberufsverbände Impressum und Syndicom.  Es scheint, wie wenn sich eine Art Schockstarre breit gemacht hätte.

Nachtrag: 24 Stunden nach Erscheinen dieses Textes schob der Kleinreport einen gepfefferten Insiderbericht über den TX-Group-Entscheid nach, aus inoffizieller Redaktionssicht des Tages-Anzeigers.

Ex-Press XI

Blasen aus dem Mediensumpf

Persoenlich.com, die Plattform für Medienmitteilungen und Belangloses, hat einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Am 16. November überrascht sie ihre Leser mit der traurigen Nachricht, dass Charlotte Peter gestorben sei.

In einem eher lieblosen Kurztext werden die Stationen dieser bedeutenden Schweizer Journalistin runtergeraspelt. Eine Idee schneller war die NZZaS. Sie brachte am 8. November einen Nachruf. Ach, und am gleichen Tag erschien auch eine Würdigung von Mensch und Werk auf ZACKBUM.ch.

Also kann man getrost sagen: persoenlich.com, die Plattform, die Nachrichten von vorgestern schon morgen bringt.

 

Die «Medienwoche» röchelt auch nur noch vor sich hin

Zunächst die Packungsbeilage: Nein, das ist nicht, genauso wenig wie beim «Schweizer Journalist», Neid, Ranküne, haltloses Geschimpfe über Konkurrenten. Im Gegenteil. Es ist Ausdruck von Bedauern. Von Beunruhigung. Medienkritik war noch nie so nötig wie heute. Tamedia hat die Medienseite schon vor Jahren abgeschafft. CH Media berichtet höchstens von Fall zu Fall. Die NZZ hat die Medienseite samt dem langjährigen Redaktor gespült.

«Edito» kann man ja nicht mehr ernst nehmen. Der «Schweizer Journalist» ist so runtergespart, dass er zu grossen Teilen Artikel aus und über Deutschland oder Österreich übernimmt. Und die Medienwoche röchelt seit ihrer Sommerpause schmalbrüstig mit Beiträgen vor sich hin, in denen viel Gesinnung, aber wenig Gehalt oder Handwerk stecken.

Als einzigen Einfall pflegt das Online-Magazin ein neues Gefäss mit dem Namen «The Good, The Bad and The Ugly» Das war und ist ein grossartiger Western, über den man stundenlang schwärmen könnte. Über die Umsetzung in der «Medienwoche» allerdings nicht. Wie man sich trauen kann, mit solchen Geschreibsel um Gönnerbeiträge zu betteln, traurig.

 

Oben ohne beim «Blick»

Das Seite-3-Girl ist zwar schon längst dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Aber vielleicht war es eine versteckte Reverenz an diese Tradition:

Oder vielleicht dachte sich der zuständige Produzent, bzw. der überarbeitete Online-Redaktor: Was Besseres fällt mir da auch nicht ein.

 

Corona muss sein

Es kratzt schon im Hals, hängt zum Hals raus, aber was wollen die Medien machen, als weiter am Virus lutschen. Wir brauchen mehr Sidelines, fordern die noch existierenden Chefredaktoren, nicht immer Fallzahlen, nicht immer Impfung, nicht immer «Trump hat versagt».

Und die letzten real existierenden Redaktoren liefern. «Corona-Konkurse in Zürich: Er muss jeden Tag eine Firma bestatten» (hinter Bezahlschranke). Eine geradezu ideale Personalisierung eines abstrakten Themas, lobt da sicher der Chefredaktor. Weihnachtlich gestimmt schweift hingegen der «Blick» in die Ferne: «Das Wunder von Madrid».

Muss jemand selig oder gar heilig gesprochen werden? Nicht direkt: «Nirgends sinken die Corona-Zahlen schneller – trotz voller Parks und Restaurants». Aber von der Ferne vermeldet der «Blick» schlechte Nachrichten: «Nachbarn schauen besorgt in die Schweiz». Und was entdecken sie da in der Schweiz? Viele Tunnel.

Wir schwingen uns in die Höhe, wo die NZZ den Blick für das Wesentliche behält: «Corona-Lockdown: Economiesuisse stellt sich gegen die Wissenschafts-Task-Force und fordert mehr Verhältnismässigkeit». Denn: Hörte der Bundesrat auf diese Wissenschaftler, dann «sollte er noch diese Woche dem liberalen Weg der Schweiz ein Ende bereiten». Und wo ein liberaler Weg zu Ende ist, da steht die NZZ und fordert weiterschreiten.

Über diesen Aufmacher online stellt die NZZ ein Symbolbild, das den konservativen Kräften in der Redaktion Auftrieb geben sollte. Sie fanden es schon von Anfang an falsch, auf der Frontseite so etwas Neumodisches wie Fotos zu bringen.

Und von oben noch nach unten, zu «watson» Was bietet das Millionengrab? Richtig geraten, Listicals, was denn sonst. «Sieben Tipps, damit du beim Jassen endlich besser wirst». Und damit «du» das dann auch mal ohne Gesichtsmaske und mit mehr als einer anderen Familie spielen kannst: «Diese vier Impfstoff-Kandidaten könnten das Coronavirus am schnellsten besiegen». Tun sie das nicht: wir haben «könnten» geschrieben, he, he.

Aber es gibt auch dann noch Auswege. Passgenau neben dieser grandiosen Eigenleistung steht eine Werbung von Swisscom: «Jasse jetzt mit deinen Freunden und Familie – über Video». Nicht nur mit dem kumpelhaften du hat sich der Staatsbetrieb dem Niveau von «watson» angeschlossen. Auch mit der Grammatik hat er’s nicht so.

 

Die ganze Welt

Die Schweiz ist zwar der Nabel der Welt, Jassen ist ein unverzichtbarer Volkssport, aber war denn sonst noch was los? Auch hier von unten nach oben.

«11 Dinge, die du bisher nicht über «Kevin – Allein zu Haus» wusstest.» Aber vielleicht, trotz «watson», auch gar nicht wissen willst.

Was hält denn CH Media für berichtenswert? Ein literarisches Jahrhundertereignis: «Barack Obama hat sein lang erwartetes Buch endlich geschrieben.» Nun hat der arme Redaktor natürlich noch keine Zeit gefunden, den «768-Seiten-Wälzer» zu lesen. Aber News ist News, also kann er es ja nicht bei dieser Ankündigung  belassen. Sondern füllt die Spalten mit Geraune, was Obama noch alles werden könnte, wollte, sollte. Und was nicht, zum Beispiel Vizepräsident. Aber Minister schon. Oder Richter. Oder was auch immer, und puh, ich habe fertig.

Ganz andere Prioritäten setzt natürlich die NZZ. «Der Brexit weckt in Belfast die Geister der Vergangenheit». Wir erinnern uns schemenhaft, da war doch mal was. Völlig auf dem Laufenden ist das Blatt auch in Lateinamerika: «Peru hat einen neuen Übergangspräsidenten». Das ist gar nicht so einfach, denn im Gegensatz zu den USA wechseln hier die Präsidenten eigentlich fast täglich. Zuerst wird der gewählte Präsident per Misstrauensantrag aus dem Amt gejagt.

Dann wird sein Nachfolger durch Druck von der Strasse abserviert. Und jetzt probiert es Peru mit dem dritten. Daran könnten sich doch die USA ein Beispiel nehmen, aber das schreibt die NZZ natürlich nicht.

Wenn das Sommerloch gähnt

Und sich noch nicht mal die Hand vor den Mund hält …

Wenn Reportagen über Badeanstalten erscheinen, Leser aufgefordert werden, ihre schönsten Ferienfotos einzusenden, dann weiss man: Das Sommerloch erhebt sein hässliches Haupt.

Obwohl die Journalisten eigentlich die Einzigen sind, die darüber froh sind, dass es das Virus und die Pandemie gibt, immerhin ein Dauerbrenner, füllt das natürlich auch nicht alle Löcher.

Da kommt es wie gerufen, dass der alte Profi Kurt. W. Zimmermann mal wieder zeigt, wie man mit einem kleinen Tweet für Aufregung sorgen kann, als wär’s einer von Donald Trump. Also zwitschert er munter am 28. Juli:

«Ich habe gehört, ich sei ein Mitarbeiter eines Medienportals namens «Zackbum». Davon weiss ich nichts.» 15 Wörter, 7 Satzzeichen, und schon machen einige Männchen und verbellen einen Riesenskandal.

Keine Story ist auch eine Story

Der Chefredaktor eines Branchenblattes bittet um Aufklärung, mitsamt Deadline für die Antwort. Und auch persoenlich.com gerät ins Hyperventilieren und bittet um Klärung des Sachverhalts.

Die Sache verhält sich so, dass es keine Sache, keinen Skandal, keine Verwirrung, schlichtweg gar nichts gibt. Überhaupt nichts. Ausser dem Sommerloch. Und wenn sich das nicht die Hand vors Maul hält, dann entsteht ein Aufmacher mit dem Titel: «Verwirrung um neue medienkritische Plattform». Himmels willen, wer ist da verwirrt, sie selbst? Gibt es sie gar nicht? Ist sie schon wieder eingestellt? Hat sie mit Fake News von sich reden gemacht?

Auf jeden Fall sorge sie «schon für Aufsehen, kaum lanciert», weiss persoenlich.com. Oh, Potzblitz, megakrass, genau das will doch wohl ein neues Medium. Oder doch nicht?

Nichts von alledem. Das bekam der gewaltig recherchierende Enthüllungsjournalist von persoenlich.com auch haarklein erklärt. Dann machte er den uralten Trick: Eigentlich wäre die Story damit gestorben. Aber he, es ist Sommerloch, also bringen wir die Erklärung – in einer Story. Und da wir ja schlecht «Das ist keine Story» drüberschreiben können, zudem nicht Magritte heissen, aber eigentlich kein anderer Titel möglich ist, nehmen wir doch das gute alte «Verwirrung».

Dann versucht sich Loric Lehmann in Ironie, was aber leider nur was für Könner ist. Er kopiert einen Abschnitt aus dem Q&A von ZACKBUM.ch und fügt maliziös hinzu: «Offenbar hat aber jemand der drei im Impressum ausgewiesenen Journalisten versäumt, Kurt W. Zimmermann über seine neue Stelle als Gastautor zu informieren.»

Schenkelklopf, prust, kicher. Aber der wirkliche Lacher kommt erst. Denn Zimmi, der alte Profi, weiss, wie man mit kleinstem Aufwand grösste Wirkung erzielen kann. Er kennt doch seine Kollegen von der schreibenden Zunft, deren durchschnittlichen IQ und deren Bedarf, im Sommerloch alles zu verarbeiten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Also twittert er nonchalant, dass er nix von seiner Mitarbeit bei «Zackbum» wisse. Das ist nun, wie formuliere ich das höflich, im breiteren Streubereich der Wahrheit. Denn, der Fluch des modernen Mailverkehrs, man hat fast alles schriftlich.

Kleiner Sabber-Test

Zum Beispiel, dass ich vergangenen Samstag um 7.38 Uhr, mitten in den letzten Handgriffen für den Launch, noch die Zeit fand, Zimmi ein Mail zu schreiben, in dem ich ihn darüber informierte, wie sein Name in die «Schweiz am Wochenende» geraten sei. Er wünschte dann artig viel Erfolg, und eigentlich nahm ich an, dass damit die Sache erledigt sei.

Bis Zimmi mal wieder die pavlovschen Reflexe der Journalisten testen wollte. Kleiner Scherz-Tweet, grosse Wirkung, es wird gesabbert.

Randnotiz: Aufhebens um unsere zweite Medienmitteilung zu machen, dass wir schon im ersten Tag der Existenz von der «SonntagsZeitung» das Eingeständnis einer Falschmeldung erwirkten, die in der nächsten Ausgabe richtiggestellt wird? Aber nein, «Relevanz?», mokiert sich der gleiche Journalist, der diesen Pipifax hier für ungeheuer relevant hält.

Es ist ja leider so: Das Umfeld, die Einnahmen, die Zukunft, alles etwas eingetrübt im Journalismus. Aber es ist ja nicht nur exogen; viele Journalisten betätigen sich zudem als Totengräber ihrer Zunft.