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Halbiertes Magazin

Nur sechs  Jahre liegen zwischen zwei so unterschiedlichen Magazin-Ausgaben.

Beim Aufräumen ist mir ein Magazin von Tamedia in die Hände geraten. Die Ausgabe vom 30. August 2014 mit immerhin 48 Seiten. Auf dem Titelbild ausgerechnet die beiden jüdischen Autoren Thomas Meyer und Beni Frenkel. Meyer verdient heute sein Geld unter anderem als Ratgeberonkel beim Sonntagsblick. Frenkel schreibt fleissig für ZACKBUM.ch.

Das Interview, geführt von beiden damaligen Magazin-Reportern Sacha Batthyany und Miklos Gimes, ist auch nach sechs Jahren noch höchst unterhaltsam und spannend. Der damalige Aufhänger für das Gespräch: die Affäre Geri Müller, in dessen Zusammenhang von «jüdischen Kreisen» die Rede war.

Im Magazin von 2014 schrieb noch der Philosoph Daniel Binswanger, heute bei der «Republik». Max Küng dozierte verspielt über einen Abend zu Hause («Man kontrolliert zum vierten Mal die Lottozahlen der Abendziehung – vielleicht hat es ja eine Korrektur gegeben»). Matthias Daum (heute «Die Zeit, Schweizteil») und Peer Teuwsen (heute NZZ am Sonntag) stellten die Frage, wer heute die Schweiz regiert. Und gaben die Antwort «Das Volk als Drohkulisse. Abstimmungskampagnen mit zweifelhaften Chancen. Reiche SVP-Kreise. Aber auch linke Kreise setzen Appelle an den Souverän geschickt ein». Und noch eine Fragestellerin: Autorin Anuschka Roshani liess sich darüber aus, warum heute jeder an seinem Körper arbeite. Hübsch: die folgende 10-seitige (!) Bildstrecke über Las Vegas und wer überhaupt noch dortbleibt. Dann eine Doppelseite von Schriftstellern Sibylle Berg über «die guten Freaks.» Ein Meisterstück. Der Longseller: Das Buchstabenrätsel von Trudy Müller-Bosshard. Den Abschluss machte «Fünfzehn Minuten im Leben», selbstverständlich mit Portrait eines Profifotografen.

Kurzum: ein reichhaltiges Heft mit viel Swissness und eigenen Texten. Eine Samstagsfreude.

Nun der Quervergleich zum Magazin Ausgabe 2020. Es ist das Magazin vom 3. Oktober. Nur noch 32 Seiten. Die Titelgeschichte stammt vom Stern-Reporter (Wikipedia-Eintrag) Jan Christoph Wiechmann. Er schreibt über die eben herausgekommene Autobiografie von Madeleine Albright und führt dafür mit der ehemaligen US-Aussenministerin ein Interview. Das ist ziemlich vorhersehbar. Zum Zug kommt mit einer Kurzkolumne Thomas Widmer, den man von seinen originellen Wanderbeschrieben im Tagi kennt. Welch Zufall: Autorin Anuschka Roshani schreibt wieder über Körper, diesmal «Das Rätsel Testosteron» und ob das Hormon den Männern in der Krise helfe. Einen Auftritt hat auch Arnold Schwarzenegger. Er ist – in jüngeren Jahre aufgenommen – Fotomodell für einen länglichen Text über die Geschichte des Bodybuildings. Die ganzseitigen Rubriken von Christian Seiler (Essen und trinken), ein Tag im Leben von (Zu Hause bei, Foto «privat») und Max Küng gibt’s immer noch. Sie funktionieren eigentlich nach wie vor.

Doch Max Küng scheint nach über 20 Jahren Kolumnistendasein ein bisschen ausgebrannt.

Aktuell heisst seine Rubrik «Ich war noch niemals in». Wem nichts in den Sinn kommt, macht Ausflüge und schreibt darüber. Aber das könnte auch für den Schreibenden gelten. Zieht er einfach ein altes Magazin aus der Schublade und macht einen Quervergleich zu heute. Und er wagt auch noch ein Fazit: Früher war das Magazin dicker – und besser. Immerhin: Chefredaktor ist nach wie vor Finn Canonica.

Ex-Press

Hermann L. Gremliza (1940 bis 2019) nannte so seine monatliche Kritik an Zu-kurz-Gedachtem und Zu-Schlecht-Formuliertem. 45 Jahre lang hielt er den Geist von Karl Kraus am Leben.

Das hier ist natürlich nur eine Verbeugung davor.

 

Häme will gelernt sein I

Die SonntagsZeitung nimmt sich in ihrer vor Richtigstellungen nicht gefeiten Rubrik «Bürohr» die «Weltwoche» in «einem neuen Kleid» vor. Überraschungsfrei findet sie etwas zu mäkeln. Dem Artikel über den Fondsverwalter Erhard Lee mangle es an kritischen Fragen. Ob das «noch Journalismus war oder Corporate Publishing»? Das fragt ausgerechnet ein Organ von Tamedia, schon mehrfach vom Presserat gerüffelt wegen Werbeseiten, die täuschend ähnlich wie redaktioneller Inhalt daherkommen? Das fragt ausgerechnet ein Organ, das sich fast die gesamte Tourismusberichterstattung bezahlen lässt?

«Denn Publikationen zu Unternehmen gibt es neuerdings auch zu kaufen im Bauchladen von Roger Köppel», mokiert sich das Blatt. Wohl die Konkurrenz zur eigenen Abteilung Corporate Publishing fürchtend, die sich schon seit Jahren darum kümmert, inseratefreundliches Umfeld für Beilagen zu schaffen.

Häme will gelernt sein II

Auch die NZZamSonntag will sich nicht vorwerfen lassen, Veränderungen bei der «Weltwoche» unkommentiert zu lassen. Überraschungsfrei unfreundlich: «Neues Design, alte Langeweile», mäkelt Aline Wanner. Denn, unglaublich, die «Weltwoche» habe zwar das Design verändert, aber weder die Redaktion, noch die Kolumnisten ausgetauscht.

Immerhin gesteht Wanner ein paar «Ausnahmen» ein, bei denen sie sich nicht langweilte. Und dann muss sie in den gehüpften Spagat mit doppelter Schraube gehen, denn wie erwähnt sie, dass ihr Ex-Chefredaktor Daniel Weber ein Haus weitergezogen ist und nun den Kulturteil der «Weltwoche» herausgibt? Während sie immer noch auf ihrem Stühlchen beim Folio sitzt? Nun, immerhin heben sich dort die Rezensionen «angenehm ab». Wovon? «Von der allgemeinen Sorge um die Einschränkung der Meinungsfreiheit», behauptet Wanner.

Dafür weiss sie: Auch zukünftig wird die «Weltwoche» nicht das sein, was der Schweizer Medienlandschaft fehle: «ein politisches, relevantes und überraschendes Wochenmagazin». Nun ja, offenbar vermögen da weder die NZZamSonntag, noch deren aus der Sommerpause erwachtes Schrumpf-Magazin, noch Folio diese schmerzliche Lücke füllen.

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus I

Kostet (normalerweise) nix, macht den Anschein, man sei dabeigewesen, und füllt den Platz: das Interview. Die billigste – und das leider im Wortsinn – Form des Journalismus. Wie nähert sich das Magazin der NZZ zwar spät, aber man muss ja auch mal in die Ferien, dem Thema Schulanfang? Richtig, mit einem Interview mit dem «Lieblingspädagogen Dieter Rüttimann». Das ist schön, dass man mal seinen Liebling abfeiern darf. Aber gleich auf sechs Seiten? Und interessiert es wirklich irgend jemand, dass die in doppelter Mannstärke angerückten Interviewer versuchten, «ein Gedicht ihrer Schulzeit aufzusagen»?

 

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus II

Lisa Eckardt ist sozusagen in aller Munde. Lisa wer? Nun, diese Bühnenfigur der österreichischen Satirikerin Lisa Lasselsberger. Sieht mega-scharf aus und geht mit ihrem Kabarettprogramm gerne über die Grenze des allgemein Erträglichen hinaus. Das brachte ihr zuerst eine Einladung an ein Dichtertreffen in Hamburg, dann ihre Ausladung wegen Antisemitismus-Verdacht und Angst vor linker Randale, ihre Wiedereinladung und ihre eigene Absage, dass sie so einen Zirkus nicht mitmache.

Wunderbar, Deutsche und Österreicher verstehen sich mal wieder nicht richtig, und Eckhardt macht sich natürlich darüber lustig, dass ihr deutsches Publikum auf eine Österreicherin hört. Das reicht in linken Kreisen schon für Geschrei. Also irgendwie doch ein eher unsere Nachbarn interessierendes Phänomen.

Aber nein, der Leiter Kultur bei der NZZaS reist höchstselbst an, damit das auch gebührend zur Kenntnis genommen wird, entblödet er sich nicht, bei der Autorenzeile zu schreiben: «Peer Teuwsen, Wien». Was hat der Leser des nachfolgenden – Überraschung – Interviews davon? Nun, Teuwsen weiss zu berichten, dass Eckardt barfuss zum Interview erscheint, und dass er sich in einer langen Reihe anstellen musste. Wunderbar, dass wir das wissen. Hoffentlich hatte Teuwsen Spass beim Heurigen.

Interviews sind das Kleingeld des Journalismus III

Sparsamer geht die SoZ ans Werk. Auch sie hat natürlich – Überraschung – ein Interview mit Eckardt im Blatt. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zur nächsten Sparmassnahme. Denn die SoZ hat auch ein Interview mit Erica Jong im Blatt. Für Leser, die 1973 noch nicht auf der Welt waren: Da veröffentlichte sie «Angst vorm Fliegen», einen Roman, in dem auch über sexuelle Fantasien einer Frau berichtet wird, was damals unglaublich verrucht war.

Was sagt uns die Dichterin denn heute? Nun, dass sie inzwischen 73 ist, als Erfinderin des Worts «Spontanfick» selber noch nie einen hatte. Und die Frauen heute leider auch noch nicht viel weiter als damals seien. Aha. Und wieso serviert uns das die SoZ? Na, ganz einfach, weil sie damit die Sparmassnahme auf den Gipfel treiben kann.

Denn was ist noch billiger als ein Interview? Richtig, ein von der Süddeutschen übernommenes Interview. Transparenz in solchen Fragen? Ach was, muss der Leser doch nicht wissen. Ist auch eine Hilfe für ältere Leser in ihren Siebzigern mit Hang zu Alzheimer. Die können’s in der SZ lesen, wieder vergessen und dann nochmal in der SoZ lesen. Und wieder vergessen.