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Neuer Monat, gleicher Depp

CH Media versucht sich in Krisenbewältigung. Dilettantisch, viel zu spät, viel zu wenig. Mit katastrophalen Folgen.

Man sollte meinen, einer der beiden Konzerne, der ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungen als Kopfblätter herausgibt, sollte in eigener Sache genügend Könner und Kenntnisse auffahren können.

In der Zentralredaktion in Aarau stehen sich weiterhin zu viele Redaktoren auf den Füssen, die jeweiligen Lokalredaktionen der Kopfblätter werden krankgeschrumpft. Es ist eher selten, dass CH Media internationale Schlagzeilen macht oder sich der Aufmerksamkeit von über 100 Botschaftern und Leitern internationaler Organisationen in Genf erfreut.

Die reine Freude ist es allerdings nicht. Am 9. Februar veröffentlichte CH Media einen Artikel über die neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO) mit Sitz in Genf. Durch das Kopfblatt-System erschien der online und im Print, von der «Aargauer Zeitung» bis zum St. Galler «Tagblatt» über die gesamte Deutschschweiz verstreut.

Der launige Titel störte im ganzen Produktionsprozess keinen:

Das rauschte durch alle Kontrollinstanzen.

Einige Leser allerdings schon; auch normalerweise nicht vom Genderwahn befallene Konsumenten fragten sich, ob «Grossmutter» wirklich die passende Qualifikation für die erste schwarze Frau an der Spitze der WTO sei. Vor allem, weil die eine beeindruckende Ausbildung – unter anderem am MIT – und eine langjährige Karriere als Ministerin hinter sich hatte.

Eigentlich ist die Verantwortlichkeit klar geregelt

Hierarchisch sieht die Verantwortlichkeit dafür ganz einfach aus. Es gibt den Autor Jan Dirk Herbermann, den hier zuständigen Ausland-Chef Samuel Schumacher, darüber den Oberchefredaktor Patrik Müller und schliesslich den «publizistischen Leiter» Pascal Hollenstein.

Dazu muss man wissen, dass das gesamte Auslandressort im Wanner-Imperium aus haargenau zwei Redaktoren besteht. Was natürlich für einen Häuptling und einen Indianer reicht. Der Autor schickte seinen Artikel aus Genf nach Aarau. Wie es sich heutzutage gehört mit Titel. Der lautete: «Zum ersten Mal gelangt eine Afrikanerin an die Spitze der WTO». Denn Herbermann ist seit einigen Jahren für diverse Abnehmer Berichterstatter über internationale Organisationen in Genf und weiss, was er schreibt.

Das erschien den Blattmachern offensichtlich etwas zu schlapp; wahrscheinlich hatten sie zuvor zu viel «watson» angeglotzt. Also machten sie aus der Afrikanerin eine «Grossmutter». Da die gleiche Sauce überall erscheint, kann man davon ausgehen, dass der Blattmacher, der Ressortleiter, der Chefredaktor (bzw. wenn ferienabwesend sein Stellvertreter) und wohl auch der «publizistische Leiter» Inhalt und Titel zur Kenntnis nimmt.

In diesem Fall offensichtlich auch abnickt. Kleines Sahnehäubchen nebenbei: «Wir informierten den Autor des Artikels nicht über die neue Schlagzeile.» Der arme Herbermann dürfte sich kräftig geärgert haben, dass er bis zu diesem Eingeständnis 18 Tage nach Publikation kräftig für diese Schweinerei geprügelt wurde. Nun können Fehler überall und immer passieren, vor allem im Tagesjournalismus gibt es keine Perfektion.

Fehler passieren, aber wie geht man damit um?

Dann wird aber wichtig, wie man mit Fehlern umgeht. Als sich unter den Lesern ein kleiner Shitstorm zusammenbraute, quetschte Hollenstein gegenüber der Branchenplattform persoenlich.com ein «es tut uns Leid» raus und beschwichtigte, dass man den Titel online inzwischen korrigiert habe, sei keine Absicht gewesen.

Damit meinte CH Media offenbar, die Sache erledigt zu haben. Man liess den Leserbriefschreiber etwas fäusteln und rang sich zudem am 11. Februar ein «Unglücklicher Titel beim Porträt über WTO-Chefin» ab. Der sei «ungeschickt» gewählt worden, wofür «wir uns entschuldigen möchten». Gezeichnet war die knappe Mitteilung von «sas», also dem Auslandchef Samuel Schumacher. Aber weiterhin wurde nicht klargestellt, dass der Autor den Titel nicht zu verantworten hatte.

Fall erledigt, meinte man offenbar, Hollenstein und Müller duellierten sich über Für und Wider beim Burka-Verbot, man kommentierte, forderte, erteilte Betragensnoten und rückte dies und das zurecht, business as usual.

Wenn nochmals der Blitz einschlägt

Dann schlug aber nochmal der Blitz ein; angeführt von der österreichischen Uno-Botschafterin und letztjährigen Präsidentin des Uno-Menschenrechtsrats beschwerten sich 124 Botschafter und Leiter internationaler Organisationen über die «abwertende und herabsetzende» Beschreibung. Natürlich wurde dieses Schreiben auf Twitter veröffentlicht und dafür gesorgt, dass es die SDA in die Runde warf.

Neue Runde Arschtreten bei CH Media, wieder traf es den Auslandchef, der am 26. Februar, also über zwei Wochen nach Erscheinen des Artikels, mit einem «Communiqué»  erneut zu Kreuze kriechen musste. Auf Englisch, um das Internationale zu betonen. Nach den ersten verkniffenen, knappen und ungenügenden Erklärungen musste er nun richtig in die Harfe greifen:

Neuer Versuch, offensichtlich hatte der Autor kräftig interveniert.

Der Titel sei «unangemessen und ungeeignet» gewesen, «wir entschuldigen uns». Zudem wird klargestellt, dass der Autor einen anderen Titel vorgeschlagen hatte und nicht über diesen Ausrutscher informiert wurde.

Zu wenig, zu spät, nur scheibchenweise

Konsequent dem nachgelebt, was man in einer Krise auf keinen Fall machen sollte:

zu wenig, zu langsam, zu spät reagieren. Rumeiern. Die Verantwortung nach unten durchreichen.

Möglichst die Sache kleinhalten, reagieren statt agieren, nur unter Druck scheibchenweise einräumen, eingestehen, sich entschuldigen.

Aber der Fisch stinkt vom Kopf. So etwas – was denn sonst – müsste von einem publizistischen Leiter geregelt werden. Dafür steht er schliesslich direkt unter dem Verleger und oberhalb der Chefredaktion im Impressum. Insbesondere, wenn man wie Hollenstein so gerne Betragensnoten vom hohen moralischen Ross verteilt, mit dem Zeigefinger fuchtelnd – natürlich bei anderen – kritisiert, zensiert, falsch und richtig, gut und böse sauber unterscheidet. Schon alleine deswegen, weil ein publizistischer Leiter Vorbild sein sollte. Den anderen zeigen, wie man das macht. Vorbild ist Hollenstein allerdings. Aber dafür, wie man’s ganz sicher nicht machen sollte.

Hilfe, mein Papagei onaniert III

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Diesmal heben wir eine neue Kategorie aus der Taufe: Der Depp des Monats. Der erste Preisträger ist – Pascal Hollenstein. Die publizistische Leiter nach unten im Hause CH Media hat seinen Kampf für die Ehre von Jolanda Spiess-Hegglin zurzeit eingestellt. Auch sonst fällt ihm eigentlich nichts Bemerkenswertes ein. Ausser, Himmel hilf, er muss leider seinen Senf zur anstehenden Abstimmung abgeben.

Wir müssen’s, um Zweifel auszuschliessen, im Original zeigen:

Wir wollen auch Hollenstein nichts vorschreiben, aber …

Wem das etwas wirr vorkommt: Es ist wirr. Hollenstein bestreit hier etwas, was gar niemand behauptet oder fordert. Es ist schlichtweg eine Binsenweisheit, dass sich der Staat nicht in innere Glaubensangelegenheiten einzumischen hat. Richtig, verlangt keiner, Hollenstein zum Beispiel darf gerne und ungestraft glauben, dass er ein meinungsstarker Publizist sei.

Andere dürfen an die Bibel, den Koran, die Thora, die Schriften des Nostradamus und jeden anderen Quatsch glauben. Ist so, bleibt so, steht nicht zur Debatte, nicht zur Abstimmung. Was dann? Nun, da nimmt Hollenstein die ganz grosse Tröte hervor: «Rückfall ins Mittelalter», wenn’s passiert, wäre zu hoffen, dass es «ein einmaliger Betriebsunfall der Demokratie» sei. Den man aber besser gar nicht geschehen lasse:

Besser, er schriebe gar nicht.

Abgesehen davon, dass es um den Kampf gegen mittelalterliche Vorstellungen von der Frau als Objekt, Untertan, nur dem Ehemann verfügbares Stück Fleisch geht: Wenn sich – wie von Hollenstein befürchtet – die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger im Rahmen ihrer demokratischen Rechte für eine legal und korrekt zustande gekommene Initiative entscheiden sollte, dann wäre das «ein bedeutungsloser Betriebsunfall»? Etwas, das sich «besser gar nicht ereignen» sollte? Weil es nicht der Ansicht von Hollenstein entspräche? Was für ein Undemokrat, was für ein Dummschwätzer.

Der Depp des Monats. Wobei er für seinen Nachfolger die Latte ganz schön hoch legt.

Die strenge Trennung von Content und Werbung

Sie wird aller Orten immer strenger. Beim «Blick»:

Wobei man sagen muss: immer noch besser als solcher Content:

Bei CH Media pflegt man gerne die bunte Mischung, ob quer oder hoch:

Bei Tamedia:

Bei der NZZ:

Bei «blue news» die sich immer noch hinter «Bluewin news» verstecken:

Bei «watson»:

Diese bunte Mischung von «Totes Kind im Keller» über «Lustige Tierbilder» bis «Gut gegen Food Waste» kriegt nur das Kachelmagazin hin.

Aber auch «20Minuten» ist für abwechslungsreiche Zusammenstellungen:

 

Sicher, steht doch deutlich «Inserat» drüber, oder «präsentiert von» drunter, da kann sich niemand vertun.

 

 

 

Der leitende Zeusler

Brandstifter wäre ein zu grosses Wort für Pascal Hollenstein, die publizistische Leiter nach unten.

Weihnachtszeit, Besinnlichkeit, etwas Ruhe und Milde in diesem schrecklichen Jahr. Selbst ZACKBUM.ch fährt den Output ein wenig zurück. Ausserdem haben wir uns vorgenommen, lieber, verzeihender, verständiger, sanfter zu werden.

Aber man lässt uns nicht. Hollensteins Leiter geht tief, ganz tief hinunter. Wir halten uns die Nase zu und steigen hinterher. Hollenstein twittert; dort bezeichnet er sich stolz als «Leiter Publizistik bei CH Media». Vorsichtshalber schiebt er hinterher: «Hier halbprivat.» Was das sein soll, weiss wohl nur eine Leiter. Wahrscheinlich soll es sagen: Wenn ich Gegenwind kriege, wie ich so einen Stuss als Leiter herauslassen kann, sage ich einfach: das war ich, aber halbprivat.

Anknüpfen an welche Traditionen beim «Nebelspalter»?

Nicht halbprivat, sondern völlig öffentlich ist seine bösartige Unterstellung Richtung «Nebelspalter». Es hat ein Weilchen gedauert, bis er etwas gefunden hat, womit er auf das Projekt von Markus Somm einprügeln kann. Natürlich nicht auf seinem Mist gewachsen, aber er sorgt für die skandalöse Einrahmung.

Denn als @p_holle (auf so einen Schwachsinn muss man auch erst mal kommen) hebt er an: «Möglich, dass der „Nebelspalter“ mit neuer Mannschaft an derartige Traditionen anknüpft.» An welche denn? Nun, obwohl Hollenstein scheint’s Historiker ist, bezieht er sich auf einen Tweet des Landesmuseums Zürich: «Heute vor 140 Jahren nahm sich der damalige Bundesrat Fridolin Anderwert auf der «kleinen Schanze» in Bern das Leben. Dem Suizid des 52-jährigen Ostschweizers ging eine mediale Schlammschlacht voraus.»

Man muss es sehen, ums zu glauben.

Wollen Somm und Hummler Politiker in den Selbstmord treiben?

Bis 12.25 Uhr am 25. Dezember brauchte Hollenstein, um den Festtagsbraten zu verdauen und sich zu überlegen, wem er erhaltene Geschenke aufs Auge drücken könnte. Dann vielleicht ein leichter Lunch, und auf geht’s. Unterstellen wir doch mal Somm und seiner Mannschaft von honorablen Investoren, dass sie finster entschlossen sind, Politiker in den Selbstmord zu treiben.

Bevor der neue «Nebelspalter» auch nur einmal erschienen ist. Bevor auch nur im Ansatz öffentlich bekannt ist, was Somm eigentlich mit dem Traditionsblatt machen will. Aus Angst vor rechtlichen Verwicklungen mit einem «Möglich» abgedämpft, aber das Verb im Indikativ (was das ist, erklären wir der Leiter ein Andermal) verrät, dass es eine ernstgemeinte Unterstellung ist.

Der erste und einzige Bundesrat, der durch Suizid aus dem Leben schied. (Screenshot Blog Landesmuseum)

Nehmen wir mal an, obwohl das eine schreckliche Vorstellung ist, Hollenstein hätte den «Nebelspalter» gekauft. Es wäre zwar fraglich, ob diese Pfeife genügend Investoren finden würde, die gerne ihr Geld zum Fenster rausschmeissen. Aber item, Hollenstein verkündet stolz, dass er neuer Besitzer sei, durchaus an einige Veränderungen denke, sich aber freue, dieses weit in die Geschichte zurückreichende Satireblatt vor dem Vergessen gerettet zu haben.

Der preislose und niveaulose Hollenstein

Und sein Twitter-Klon würde denselben abgründigen Anwurf publizieren. Wenn das nicht unter seinem Niveau wäre, würde der «Nebelspalter»-Hollenstein sicherlich – und völlig zu Recht – fuchsteufelswild. Interessant ist auch, dass der reale Hollenstein zwar nicht auf ZACKBUM.ch oder auf mich replizieren will, obwohl ich mich angeblich schon lange, und ohne dass er einen Grund wüsste, an ihm «abarbeiten» würde. Das sei ihm «zu low», wie seine Kollegin Simone Meier wäffelte, als sie gefragt wurde, ob die Formulierung, dass im Dritten Reich Juden «gecancelt» wurden, nicht geschmacklos, peinlich und einer Entschuldigung wert sei.

Aber gut, Meier hat ja dafür den Preis als Kulturjournalistin des Jahres gewonnen, Hollenstein, schluchz, wurde noch nie gewürdigt. Es ist nun so, dass eine Beschäftigung mit ihm – obwohl wir abgehärtet sind – langsam wirklich unappetitlich wird.

Halbprivat und vollbescheuert

Glücklicherweise hat dieser halbprivate und vollbescheuerte Tweet nur ganz wenig Reaktionen ausgelöst. Natürlich darf dabei Jolanda Spiess-Hegglin nicht fehlen. Sie findet es «tragisch, dass sowas heute noch passiert». Muss uns entgangen sein, dass unlängst ein Bundesrat Selbstmord begangen hätte.

Man fragt sich zunehmend, wie lange Peter Wanner, der doch ein anständiger Mensch ist, dem noch zuschaut. Dem Treiben seines publizistischen Oberaufsehers, der immer wieder als negatives Beispiel auffällt: mit grundloser Anschwärzung, mit dummem Gewäsch eines überbezahlten Sesselhockers, der keinerlei unternehmerische, publizistische oder sonstigen Risiken trägt, sich dafür gerne lächerlich macht.

So, nun nichts wie nach oben an die frische Luft, heraus aus der Kloake des journalistischen Untergrunds.

Drei Meldungen, eine Geschichte

Peter Wanner schreibt einen Brief, Jean-Martin Büttner muss gehen. SRF baut ab und um.

Er ist wohl das, was man ein Urgestein nennt. Noch länger als Rainer Stadler bei der NZZ harrte Jean-Martin Büttner beim Tagi, bei T, bei TX, bei Tamedia aus. 37 Jahre verbrachte er dort, sein ganzes Berufsleben.

Er ist Jahrgang 1959, fing 1983, nach Abschluss seines Studiums, beim Tagi an. Das heisst, dass er ein paar Jahre zu früh gefeuert wurde, um problemlos ins Rentnerdasein zu rutschen. Aber solche Kleinigkeiten spielen heutzutage keine Rolle mehr.

Wanner hat einen Brief mit Beilage geschrieben

Wie persoenlich.com exklusiv vermeldet, hat Hausherr Wanner allen Journalisten bei CH Media einen Brief geschrieben. Weihnachtsgrüsse, schwierige Bedingungen, «schätzen Ihren Einsatz sehr», Blabla.

Da dem Schreiben kein Zehnernötli beilag, obwohl sich ja auch dieser Verlag das traditionelle Weihnachtsessen sparen kann (der Zunft geschuldet mehr ein Weihnachtstrinken; welche fabulöse Alkoholrechnungen enthemmte Journalisten verursachen können, sagenhaft), schauten sich die Betroffenen eine Beilage genauer an.

«Leitlinien für den Lokaljournalismus», so der Titel des E-Mail-Anhangs. Interessant. Wird hier erklärt, wieso die Leitlinie daraus besteht, Aussenstationen zuzuklappen, Lokaljournalisten rauszuschmeissen oder zu Regional-, wenn nicht Kantonaljournalisten zu machen?

Leitlinien im luftleeren Fantasieraum

Das ist zwar die bittere Realität, aber davon will sich ein publizistischer Ausschuss doch nicht seine Illusionen nehmen lassen. Der Lokaljournalist müsse «den Stallgeruch spüren», vor allem «nahe dran bleiben», nicht zuletzt: «Man muss ihn mögen, damit er an Informationen herankommt.» So stellt sich das ein Club von überwiegend älteren Herren vor, die noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr so etwas wie Lokaljournalismus gemacht haben.

Schliesslich sitzt der «Kommunikationsberater» Peter Hartmeier* dem «Publizistischen Ausschuss» von CH Media vor, unterstützt von Koryphäen wie Esther Girsberger oder Peter Wanner himself. Natürlich darf auch die publizistische Leiter nach unten nicht fehlen, Pascal Hollenstein.

Man ahnt es, da kann ja nichts Gutes herauskommen. Nachdem man das den älteren Herren erklärt hat, sind sie nun überzeugt: «Mobile first». Irgendwie. Denn dank des Internets wisse man jetzt, «welche Titel und Artikel besonders gut klicken.» Da hat’s auch beim publizistischen Ausschuss (nomen est omen) spät, aber immerhin klick gemacht. Denn wenn man schon beim digitalen «Change» ganz vorne dabei ist, weiss man auch: «Der moderne Journalist ist ein Video-Journalist.» Denn auch das klickt ungemein.

Neuigkeiten von der Fernbedienung

Wunderbar, man hat sich sagen lassen, dass man nicht mehr nur mit der Fernbedienung, sondern auch mit – wie heisst das Zeugs schon wieder – Streamen bewegte Bilder anschauen kann. Multichannel, you know, Text ist so was von gestern, heute ist Bild und Ton und Text und Illu und Link, und Blog, und Social Media, und, und, und.

Wie macht das der moderne Journalist? Na, piece of cake, wie da der Digital Native sagt: «Mit Video‐ und Audio‐Schnipseln und Fotos bastelt der Journalist eine multimediale Story.» Manchmal gelingen selbst Pfeifen Sätze, die jeden weiteren Kommentar erübrigen. Ausser, dass noch nicht klar ist, ob das der Video-Journalist mit eigenen Mitteln und Selbststudium basteln soll oder nicht.

Bei SRF gibt es keine Bastelstunde

Entschieden weiter mit Video- und Audioschnipseln und überhaupt im Netz ist SRF. Als die Direktorin Nathalie Wappler im Livestream (nimm das, publizistischer Ausschuss) ihre Untergebenen darüber informierte, dass es ihr wirklich ernst ist mit dem digitalen Umbau, meinte man gigabyte-mässig immer noch Unglauben und «lassen uns doch nicht die Festtage völlig versauen» zu spüren.

Denn Wappler kündigte konkret an, dass im Januar die ersten 66 Vollstellen gekündigt werden. Sozialplan vorhanden. Insgesamt verabschiedet sich SRF in den nächsten zwei Jahren von 211 Stellenbesitzern. Das ist bei rund 3000 Angestellten nicht mal 10 Prozent, aber dennoch ist das üppig bezahlte Personal erschüttert, gerüttelt, gerührt und angefasst.

Gleichzeitig aber werden in einem ersten Akt 89 neue Stellen geschaffen. Was bedeutet, dass offenbar viele des Bastelns von Videos und Audios mächtige Mitarbeiter nicht in der Lage sind, ins Modern-Digitale umzusteigen. Eine Zeitenwende wie damals, als man den letzten Printjournalisten ihre Schreibmaschine wegnehmen musste und sie darauf aufmerksam machen, dass faxen nicht mehr die beste Übertragungsmethode ist.

Drei Meldungen, drei Erkenntnisse, eine Frage

Was sagen uns diese drei Ereignisse? Sie verschaffen drei Erkenntnisse. Texte von Büttner wären garantiert nicht besser geworden, wenn er sie mit Video- und Audioschnipseln verunstaltet hätte. Schlichtweg schon deshalb, weil ein guter Schreiber kaum auch ein guter Fotograf, Radio-Reporter oder gar VJ ist.

Was CH Media hier als Blick in die Zukunft vergeigt, ist das typische Resultat eines abgehobenen Altherrenvereins, der selbst vom Millionengrab watson.ch nicht gelernt hat, dass Internet nicht einfach Flimmern statt Drucken bedeutet. Und dass ein Lokaljournalist mit Kamera normalerweise schlechter ist als ohne. Insofern es ihn überhaupt noch gibt.

SRF hingegen, gebadet in genügend Zwangsabgaben, kann es sich leisten, bei der digitalen Transformation Nägel mit Köpfen zu machen. Zuerst ein wohlüberlegter Plan, dann die Strategie zur Umsetzung, dann die personellen Konsequenzen. Muss auch nicht unbedingt funktionieren. Aber im Vergleich zu Tamedia oder CH Media liegen Welten dazwischen.

Zwei Grosskonzerne ohne Konzept, ausser nach Staatshilfe zu krähen. Und ein mehr oder minder Staats-TV, dass verblüffenderweise nicht der Letzte im Umzug ist, wenn es um Paradigmenwechsel geht, sondern den Umzug anführt. Wie absurd ist das denn?

 

*Da sieht man, wie schnell ich abschalte, wenn sein Name erscheint. So heisst er richtig, nicht Hartmann. Schon wieder. Ich schreibe hundert Mal an die Wandtafel: Ich muss meinen Namens-Check verbessern. Aber immerhin, Dürrenmatt habe ich im ersten Anlauf richtig geschrieben.

 

Pulverschnee, Skisaison, Krach, die Rettung

Erschreckt stellen die Medien fest: Corona ist ausgelutscht. Aber es gibt doch Neues.

Fallzahlen hoch, Fallzahlen runter, Entwarnung oder neuerliche Warnung. Disziplinierte Bevölkerung, undisziplinierte Bevölkerung.  Tests, Tote, Trara. In vielen Schrumpfredaktionen stellt man beunruhigt fest, dass diese Themen langsam, aber sicher einen verstärkten Gähn-, Überblätter- und Wegklickreflex auslösen.

Aber was einem Komponisten recht ist, kann doch einer Redaktion nur billig sein: Variationen über ein Thema. Denn glücklicherweise hat’s geschneit. Recht früh im Jahr, aber lassen wir einmal das Thema Klimawandel beiseite. Denn Schnee heisst: die Skisaison ist eröffnet.

Das könnte nun natürlich Anlass zu Jauchzern und Jubelschreien sein. Wenn nicht Corona wäre. Und so meint man, das Aufatmen in den Redaktionen zu hören. Das war knapp, aber nun kann’s fröhlich weitergehen. «Ski-Zoff mit Frankreich: Macron will Schweiz-Rückkehrer auf Corona testen», empört sich der «Blick». Aber nicht nur vom Ausland naht die Gefahr: «Kritik an Bersets Ski-Konzept: Aufstand der Skigebiete».

Kein Thema zu klein, Beispiel für Tipps zu sein

Es ist zu befürchten, dass sich diese Probleme nicht mit einer Schneeballschlacht lösen lassen. Geradezu aus dem Stehsatz von alle Jahre wieder ergänzt «Blick» noch den Blick auf die Kampfzone Schnee: «Wenn uns der Winter eiskalt erwischt». Mit 10 Tipps wildert das Blatt in der Kernkompetenz von watson.ch.

Aber das lässt watson.ch natürlich kalt: «Bald wird’s rutschig. Pass auf, dass es dir nicht gleich ergeht wie diesen 17 Leuten». Dann die übliche Aufreihung von 17 gewaltskomischen Kurzvideos, bei denen man den Betrachter zusätzlich noch kitzeln müsste, um ihn zum Lachen zu zwingen.

Aber verlassen wir dieses Fass ohne Boden schnell wieder und schauen hinauf zum «Tages-Anzeiger». Der widmet sich endlich mal dem Lokalen und berichtet: «Zürcher Skigebiete hoffen auf Corona-Effekt». Diese Schlingel, statt Mitgefühl mit den Betroffenen zu heucheln. Aber auch der Tagi stellt kritische Fragen: «Wird die Gondelbahn zur Virenschleuder»? Sowohl Hoffnungen wie Bedenken sind hinter der Bezahlschranke verstaut.

Immer wieder die gleichen Leserbindungen

Die kennt «20Minuten» nicht, also ruft es seine Leser zur «Foto-Challenge»: «Wie hast du den ersten Schnee erlebt?» Auch hier wird mit allen Mitteln versucht, Schnee und Corona zu verknüpfen: «St. Gallen verbietet Skilager bis Frühling 2021». Zur Beruhigung: die drei meistkommentierten Beiträge haben alle das gleiche Thema. Nein, nicht die Pläne zur Rettung der AHV.

Und was tut die NZZ? Natürlich, sie kümmert sich um die Verbindung von Geld, Geist und Gesundheit. Eine einsame, traurige Rose im Halbschatten leitet den Bericht ein: «Das Paracelsus-Spital muss schliessen, weitere Zürcher Kliniken stecken in schweren Turbulenzen – und das mitten in der Corona-Krise. Was ist da los?»

Nun, das könnte vielleicht daran liegen, dass die Spitäler diverse Male Notfall-Betten bereithalten und aufstocken mussten, Operationen verschieben und damit Millionenverluste einfuhren. Obwohl niemand auf der Welt im Vergleich zum BIP so viel Geld fürs Gesundheitssystem ausgibt wie die Schweiz.

Die publizistische Leiter nach unten

Fehlt noch CH Media. Da schwimmt man im Mainstream: «Macron gegen die Schweiz: Der Skistreit mit Frankreich spitzt sich zu.» Das kommt halt davon, wenn man nicht in der EU ist, die EU aber der festen Überzeugung, dass sich die Schweiz doch gefälligst so wie die EU-Staaten verhalten soll und die Wintersaison abblasen.

Allerdings ist CH Media immer wieder zu Tiefstleistungen fähig. Dafür muss man nur das Wirken des publizistischen Leiters Pascal Hollenstein verfolgen. Er ist immer zur Stelle, wenn es gilt, ein abschreckendes Vorbild zu sein. Zurzeit hat er als Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin gerade Pause, die nützt er unter anderem zu einem launigen Kommentar im St. Galler «Tagblatt». Eine Glosse unter dem Titel «Das Leben als Zürcher». Natürlich, die halten sich für den Nabel der Welt, wenn bei denen ein Zürisack umfällt, muss das sofort die ganze Schweiz, ja die Welt wissen.

So weit, so gähn. Aber Hollenstein will ja weitere Beispiele anführen. Und fällt dabei leider auf die Schnauze, Glättegefahr. Nur dadurch, dass der Zürcher noch nie etwas davon gehört habe, dass es Jahreszeiten gebe, sei zu erklären, «dass beim minimsten Schneefall der öffentliche Verkehr an den steilen Flanken des Üetlibergs umgehend zum Erliegen kommt.»

Was kann die redaktionelle Leiter eigentlich?

Auch auf die Gefahr hin, von der Ostschweizer Dumpfbacke als arroganter Zürcher wahrgenommen zu werden: Im Gegensatz zum Zürichberg, den er wohl meint, gibt es auf den «Üetliberg» haargenau eine S-Bahn als öffentliches Transportmittel. Es könnte natürlich auch sein, dass er irgendeinen «Üetliberg» meint, und nicht den Zürcher Uetliberg. Man muss also festhalten: Glosse kann er auch nicht. Was kann der «redaktionelle Leiter» eigentlich?

 

 

Die Sache mit den Sperrfristen

Prozesse sollten klaren Regeln folgen. Theoretisch.

Vorbei die Zeiten, als staatliche Untersuchungsorgane still und leise ihrer Arbeit nachgingen. Als Staatsanwälte ihre Anklageschriften nur bei nachweislich grossem öffentlichen Interesse mit einer Pressemitteilung ergänzten.

Oder Verfahrensparteien sich an gerichtlich festgelegte Sperrfristen für die Bekanntgabe eines Urteils hielten. Inzwischen haben alle Beteiligten an rechtlichen Auseinandersetzungen gelernt, dass Recht und Gericht eine Sache sind, der öffentliche Teil eines Prozesses die andere, nicht unwichtige.

Niemand will einem Richter unterstellen, dass er sich von der öffentlichen Meinung, von einer medialen Vorverurteilung beeinflussen liesse. Niemand kann ausschliessen, dass das nicht doch ab und an eine Rolle spielt.

Angefütterte Journalisten

Damit die Öffentlichkeit etwas erfährt, braucht es einen Multiplikator, normalerweise ein Journalist. Der lässt sich von einer Partei anfüttern und schluckt willig, weil er das als Ergebnis seiner überlegenen Recherchierkünste und als Primeur verkaufen kann.

Der redaktionelle Leiter von CH Media ist so ein Fall. Eigentlich hat Pascal Hollenstein einen Zweitjob als Sprachrohr für Jolanda Spiess-Hegglin gefunden. Er bekommt Vorabinformationen zugesteckt, weil er dann in ihrem Sinn versucht, die Meinung der Öffentlichkeit zu steuern.

Um genau das zu vermeiden, setzen Justizorgane Sperrfristen bei ihren Verlautbarungen. Damit alle Medien sozusagen gleichlange Spiesse haben in ihrer Berichterstattung. Aber leider sind solche Sperrfristen nicht mit Sanktionen bewehrt. Es ist zwar unanständig, unfein und unprofessionell, sie zu brechen, aber: so what?

So gelang es, die krachende und völlige Niederlage von Spiess-Hegglin vor dem Obergericht Zug in einen Sieg umzulügen, ein Meisterstück von Fake News.

Neuer Tiefpunkt der Unkultur

Noch verwerflicher ist es, wenn Untersuchungsbehörden immer wieder häppchenweise die Medien mit strikt vertraulichen internen Unterlagen und Dokumenten versorgen. Auch das greift leider immer mehr um sich.

Einen Tiefpunkt hat diese Unkultur im Fall Vincenz erreicht. Nachdem sich hier der ermittelnde Staatsanwalt mit Getöse, drakonischer U-Haft und grossmäuligen Ankündigungen selber unter Zugszwang gesetzt hatte, musste er nach der endlich erfolgten Haftentlassung der beiden Hauptbeschuldigten Gründe finden, wieso seine eigentlich schon als fast abgeschlossen bezeichnete Untersuchung sich in die Länge zog und zog und zog.

Zum einen wurden die Medien, in erster Linie Arthur Rutishauser von Tamedia, immer wieder mit Informationen aus «mit dem Fall befassten Quellen» angefüttert, dass die Anklageerhebung nun wirklich demnächst bevorstünde. Noch diesen Herbst, spätestens nächsten Frühling. Oder doch im kommenden Herbst.

Sperrfrist, na und?

Nach Wiederholungen bis zur Lächerlichkeit wurden zum anderen neue Begründungen gestreut. Es seien neue Straftatbestände aufgetaucht. Die Angeschuldigten verzögerten mit unstatthaften Anträgen die Untersuchung. Und immer wieder durfte ein «Recherchierjournalist» ein besonders abstossendes Dokument «finden». Eine Spesenabrechnung, nur mit einem Betrag und einer Unterschrift. Informationen über strikt vertrauliche Geschäftsbeziehungen, sogar über Kontobewegungen.

All das muss aus dem Kochtopf der Untersuchungsbehörde stammen, denn die Angeschuldigten haben sicherlich kein Interesse, das an die Medien durchzustechen. In letzter Not wurde dann noch erfunden, dass nun Verhandlungen über ein abgekürztes Verfahren mit Schuldeingeständnis und niedrigerer Strafe stattfänden.

Und als dann nach jahrelangem Bebrüten und Gegacker die Staatsanwaltschaft endlich zu Potte kam und die Anklageschrift einreichte, setzte sie natürlich genügend öffentliches Interesse voraus, um diese Tat mit einer Pressemitteilung zu veredeln. Selbstverständlich mit Sperrfrist.

Die Medien schlagen zu, bevor die Betroffenen informiert sind

Denn die Idee ist hier, dass es vielleicht nicht so toll wäre, wenn die Beschuldigten davon zuerst aus den Medien erfahren, bevor sie selbst die Anklage in den Händen halten. Diese Sperrfrist war auf vergangenen Dienstag, 11.30 Uhr, festgelegt. In roten Buchstaben, gelb unterlegt.

Am Montagnachmittag veröffentlichte der Finanzblog «Inside Paradeplatz» als Erster die Meldung über die Einreichung und über die neu aufgetauchten Straftatbestände, die angeklagt würden. Kurze Zeit später zog Arthur Rutishauser nach, er wollte wenigstens als Zweiter ins Ziel einlaufen, natürlich weit vor der Sperrfrist.

Danach war dann kein Halten mehr; es dürfte kein einziges Medium geben, dass wirklich bis 11.30 Uhr am Dienstag gewartet hat. Aber das war noch nicht alles. Nachdem die News der Anklageerhebung und der neuen Anschuldigungen verraucht war, musste nachgeladen werden.

Natürlich gilt immer die Unschuldsvermutung

Natürlich mit etwas, das nicht in der Pressemitteilung stand. Sonst wäre es ja kein Primeur. Den angelte sich dann der «Blick» und veröffentlichte als Erster das geforderte Strafmass von drakonischen sechs Jahren. Wobei natürlich alle sich seriös gebenden Medien nie vergessen, auf ein wichtiges Prinzip der Strafgerichtsbarkeit hinzuweisen: es gilt die Unschuldsvermutung.

Nach der Devise: Du bist ein ganz schlimmer Finger, aber die Staatsanwaltschaft ist Dir auf die Schliche gekommen. Für Deine Untaten wirst Du im Gefängnis schmoren, so schrecklich sind die. Aber es gilt die Unschuldsvermutung.

Mit dieser Verluderung der journalistischen Sitten zeigen die Medien einmal mehr, dass ihre gravierenden Probleme nicht nur auf äussere Faktoren zurückzuführen sind. Sondern auch auf einen rasanten und selbstverschuldeten Vertrauensverlust. Das ist im Journalismus ein wirklich tödliches Virus, das kein Organ lange überlebt.

Ex-Press VIII

Blasen aus dem Mediensumpf

Früher, als alles noch besser war, gab es – neben der Druckvorstufe – noch drei Berufsgattungen, die heutzutage fast ausgestorben sind. Textchefs, Produzenten und Korrektoren. Deren gemeinsame Aufgabe war, einen Artikel richtig einzuschenken. Also mit einem knackigen Titel zu versehen, einem appetitanregenden Lead und danach ein Lauftext, bei dem sich der Leser nicht in einem Schüttelbecher fühlt.

Natürlich kann man bei den grossen Buchstaben genauso Fehler machen wie bei den kleinen, aber das ist hier schon ein starkes Stück:

 

«Der Kemel wehrt sich» (Tages-Anzeiger).

 

Das Kamel wehrt sich? Ein was wehrt sich? Ach so, schliesslich hat Kreml fünf Buchstaben, da kann man doch zwei Fehler machen, und die Mehrheit der Buchstaben ist immer noch richtig.

Auch von Tamedia, auch nicht schlecht: «Der Wunderschuh läutet ein neues Zeitalter ein». Indem er kräftig gegen die Glocke tritt, oder so. Aber immerhin, daran erkennt man, dass es kein bezahlter Text von Nike ist; so einen bescheuerten Titel hätten die sicher nicht gemacht.

«Single, weil die Auswahl scheisse ist», an diesem Titel in «20 Minuten» gibt es nichts zu mäkeln, höchstens, dass so immer mehr Artikel von Tamedia hierhin weitergereicht werden; könnte ja sein, dass ein Leser sie noch nicht kennt.

Nur um Nuancen liegen hier «20 Minuten» und der «Blick» auseinander, abgesehen von der Buchstabengrösse natürlich: «Werde ich sterben?», soll Donald Trump gefragt haben» versus «Donald Trump soll gefragt haben: «Werde ich sterben?» Sollen wir uns das im Rahmen der Feldereinteilung in der Syntaxtheorie mal genauer anschauen? Dachte ich mir doch; was Syntax ist, erklären wir dann im Kurs für Fortgeschrittene.

Auf der völlig sicheren Seite ist für ein Mal sowohl der «Blick» wie auch ein Wetterfrosch:

«Meteorologe warnt: «Es wird noch viel mehr Regen fallen.»

Nun kommen wir schon zum kleinen Intelligenztest; woher stammt dieser Titel: «37 herrliche verrückte Dinge aus Japan»? Gut, eine zweite Chance gebe ich noch: «7 romantische Komödien, die nicht völliger Quatsch sind». Nun hat wohl der Letzte gemerkt, dass es natürlich die Weltzentrale der Listicles ist: «watson». Darauf sollte sich das Online-Organ auch konzentrieren, denn wenn es schwieriger wird, kommt nur noch Blödsinn:

«Die Blockade bei den Bilateralen ist wie ein Smartphone ohne Update».

Geht noch einer drüber? Aber sicher, wozu hat CH Media auch die  Brachial-Kolumnistin, die Fettnäpfchen-Fee, die Gähn-Kalauer-Queen Simone Meier: «Er war da: Vieles, was wir über Johnny Depp geschrieben haben, war wahrscheinlich deppert». Fast richtig; nicht vieles, sondern alles. Und nicht nur über Johnny Depp.

Nun ein Aufschwung in die höheren Gefilde des Journalismus; in das Blatt, das sich seit diesem Wochenende auf das Wesentliche konzentriert: «Trump geht es schlechter als von seinem Leibarzt behauptet», weiss Dr. NZZ es besser als die anderen.

Etwas ungenau hingegen das St. Galler Tagblatt: «Velofahrer im Kanton St. Gallen tot aufgefunden». Dafür aber stellt Pascal Hollenstein mal wieder die grossen Zusammenhänge her und gleichzeitig die Schweiz in den Senkel:

«Deutsche Einheit: Die Schweiz im Schmollwinkel der Geschichte».

Wer noch nicht wusste, dass es den gibt und die Schweiz dort stand: macht nix, ist sowieso nur Unsinn.

CH Media, dessen Vorläufer doch enthüllte, dass ein Badener Stapi Fotos seines unverhüllten Gemächts aus seinen Amtsräumen seinem Schnuckiputzi schickte, ist inzwischen natürlich geläutert und gereinigt:

«Irritierend, wie die Chefetage mit den Mobbing- und Sexismusvorwürfen umgeht», verwundert sich CH Media.

Zur Erklärung: Das ewig in Geldnot steckende Organ «Republik» hat mal wieder einen Artikel eingekauft und versucht, ihn zum Skandal aufzupumpen. Was aber wie meist bei der «Republik» schwierig ist, weil es als «Beweis» für schreckliche Zustände bei der Schweizerischen Nationalbank nur eine Handvoll nicht sehr aussagekräfige Fälle gibt. Und zudem die Chefetage sicherlich bezüglich Frauenquote noch etwas Luft nach oben hat. Aber die Verwaltung von bald einmal einer Billion – das sind 1000 Milliarden – Franken, ist ausserhalb von streng feministischen Kreisen vielleicht ein Mü wichtiger.

Uns wird gelegentlich vorgeworfen, wir seien immer so negativ, was wir gar nicht sind. Aber wie auch immer, dieser Titel aus der NZZ am Sonntag ist schlicht und einfach ganz grosses Kino, sollte applaudiert und bewundert werden:

«Krieg in Karabach: Wo man Kalaschnikows auf Wickeltischen ölt»

Viel besser wird’s nicht in Sachen Titel.

 

René Rhinow lebt

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Er ist Ombudsmann von CH Media.

Der «Träger des Grossen Goldenen Ehrenzeichens am Bande für Verdienste um die Republik Österreich», der ehemalige Präsident des Roten Kreuzes, der Alt-Ständerat zählt auch schon 77 Jahre. Also voll in der Hochrisikogruppe der Pandemie.

Das hindert ihn natürlich nicht, seinem Amt als Ombudsmann von CH Media nachzugehen. Eines der vielen Abklingbecken für Ehemalige, die immer noch gerne mal wieder mit «Prof. René Rhinow» unterschreiben wollen.

In diesem Fall tat er das nach rund einem Monat auf eine Beschwerde von mir. Ich hatte zwei Dinge zu meckern gehabt:

 

«1. Der «publizistische Leiter» von CH Media hat eingestandenermassen die Sperrfrist des Zuger Obergerichts zur Bekanntgabe seines Urteils in Sachen Spiess-Hegglin gegen Ringier nicht eingehalten. Wie lässt sich dieses Verhalten Ihrer Meinung nach mit dieser Position vereinbaren? Welche Sanktionen sind im Hause CH Media für einen solchen groben Verstoss gegen fundamentale Anstandsregeln vorgesehen?

2. Die Hauskolumnistin Simone Meier schreibt in einer ihrer letzten Kolumnen: «Unter Hitler wurden Juden, Menschen mit einer Behinderung, Fahrende, Kommunisten und Homosexuelle gecancelt.»

Halten Sie es nicht für angemessen, dass sich Frau Meier für diese unglaubliche Geschmacklosigkeit öffentlich entschuldigen sollte? Welche Sanktionen sind im Hause CH Media für solche haarsträubenden Verniedlichungen eines millionenfachen Massenmords vorgesehen?»

 

Soll ich behaupten, dass ich von Rhinows Antwort überrascht war? Nein, denn das wäre gelogen. Und das tut man nicht. Oder doch?

Gar kein Fall für den Ombudsmann?

Nun, der publizistische Leiter Pascal Hollenstein hat sich vernehmen lassen. Zunächst behauptet er im pluralis majestatis, «wir stellen uns auf den Standpunkt», dass das gar kein Fall für den Ombudsmann sei.

Dann lässt Hollenstein aufblitzen, dass er sich für seine Antwort auch rechtliche Unterstützung besorgt hat: «Eventualiter» äussert er sich «materiell» zum Vorfall. Der Artikel sei aufgrund einer «Fehlmanipulation» zu früh publiziert worden. Sobald man das bemerkt habe, sei er sofort wieder gelöscht worden. Aber, dumm gelaufen, dann sei er schon vom Medienarchiv SMD «abgegriffen» worden, und das habe man ja auch nicht ahnen können.

Auf jeden Fall: keine Absicht, und Hollenstein war’s nicht, wusste nichts. Das mag ja alles so sein, aber: Ist es nicht eine Verkettung merkwürdiger Umstände, dass ich rund 4 Tage vor Ablauf der Sperrfrist am Montag, also an einem Donnerstag, bezüglich Urteilsverkündung in Sachen Spiess-Hegglin – wie es sich im seriösen Journalismus gehört – ihr und ihrem Mediensprecher ein paar Fragen zur Stellungnahme schickte?

Bei Anfrage Publikation

Ich gab bis Freitag Frist für eine Antwort. Stattdessen erschien dann am Donnerstagnachmittag holterdipolter sein Artikel, indem er das Urteil als Erster publizierte, mitsamt Stellungnahme von Spiess-Hegglin. Auf meine Anfrage reagierten weder er noch sie. Könnte es unter Umständen, allenfalls, man denkt sich nur so, etwa sein, dass Hollenstein aufgrund meiner Anfrage plötzlich Schiss kriegte, dass er nicht der Erste sein könnte, der das Urteil publiziert? Aber nein, das könnte nicht sein, denn wenn es so wäre, hätte er das sicher eingeräumt.

Aber gut, im Zweifel für den Angeschuldigten. Wie windet sich Rhinow nun aus dieser Lage? Na, wozu hat man Juristerei studiert. Geht ganz einfach:

«Im vorliegenden Fall rügen Sie die (offenbar unbeabsichtigte und kurzfristige) Nicht-Einhaltung einer Sperrfrist des Zuger Obergerichts sowie die „Geschmacklosigkeit» einer Kolumne von Frau Meier. Aus Ihrer Beanstandung geht nicht hervor, ob und inwiefern Sie durch diesen Umstand resp. die Publikation unmittelbar negativ betroffen sind. So ehrenwert das Engagement für medienethische Grundsätze in der Praxis auch erscheint, so dient das Verfahren vor der Ombudsstelle dazu, persönlich berührten Lesern und Leserinnen unkomplizierte und informelle Beanstandungsmöglichkeiten zu verschaffen.»

Da ich in beiden Fällen keine persönliche Betroffenheit geltend machen könne, kann Rhinow deshalb «auf Ihre Beanstandung nicht eintreten».

Wer ist denn dann persönlich berührt?

Dazu möchte ich im Rahmen meines Engagements für medienethische Grundsätze bemerken: Nach dieser Logik hätte sich nur das Gericht oder Spiess-Hegglin bei Hollenstein beschweren dürfen. Alle Journalisten, die sich – wie ich – an die Sperrfrist gehalten haben, sind von diesem Praecox-Artikel nicht betroffen? Selten so gelacht.

Ich gebe zu, ich kein Jude, auch nicht behindert, kein Fahrender und ebenso wenig homosexuell. Müsste ich eines davon wirklich sein, um «persönliche Betroffenheit» geltend machen zu können, wenn eine geschichtsvergessene, geschmacklose, uneinsichtige Kolumnistin den industriellen Massenmord des Nazi-Regimes so bezeichnet, dass die unter Hitler «gecancelt» wurden? So wie man einen Flug, eine Reservierung, eine Reise cancelt?

Mit Verlaub, offenbar sind davon weder der publizistische Leiter, noch der Ombudsmann, noch die dumme Autorin betroffen. Ich hingegen schon; ich finde das etwas vom Übelsten, was ich letzthin zum Thema Massenmord durch die Nazis gelesen habe.

Es ist nie an der Zeit für persönliche Rachefeldzüge

Und schon gibt’s Zoff bei ZACKBUM.CH.  Jenny Furer kritisiert René Zeyer ganz schön hart.

Als Zackbum gestartet ist, habe ich mich gefreut. Ehrlich und aufrichtig. Ein Online-Medium, hinter dem keine Geldgeber stecken und das unverblümt die Schweizer Medienbranche ins Fadenkreuz nimmt. So etwas braucht die Schweiz. Schliesslich sollen Verlegerinnen und Verleger sowie Journalistinnen und Journalisten nicht schalten und walten, wie sie wollen.

Als meinungsbildende und demokratierelevante Institutionen gehören sie konstruktiver Kritik ausgesetzt. Wo wir beim Punkt wären. Konstruktiv bedeutet eben nicht, dass persönliche Empfindungen und Sympathien die Basis bilden, um zu Frontalangriffen auszuholen. Womit wir bei unserem Autor René Zeyer sind.

René Zeyer ist zweifelsohne ein begnadeter Schreiberling mit langjähriger Erfahrung in der Medienbranche. Seine Talente lässt er aber missen, wenn er alleine bis Anfang September zehn Mal gegen Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik bei «CH Media», ausholt oder wieder einmal im Stil einer persönlichen Abrechnung gegen Andreas Tobler von Tamedia oder Simone Meier von «Watson» wettert. Oder die «Weltwoche», in der er selber schreibt, unkritisch bejubelt.

Es geht in keinster Weise darum, dass Zeyer sich nicht das Recht herausnehmen darf und soll, seine Ansichten zu verbreiten. Meinungen beleben die Debatte. Aber wie heisst es so schön: der Ton macht die Musik. Und in Zeyers Fall eben auch die richtige Dosis.

Wer so häufig auf die gleichen Zielscheiben schiesst, verliert seine Glaubwürdigkeit. Durchaus berechtigte Kritik kann so schnell einmal dem Gefühl weichen, es handle sich um einen persönlichen Rachefeldzug alleine aufgrund nicht vorhandener Sympathien.

Kritik an Journalistinnen und Journalisten verliert so an Glaubwürdigkeit. Sie wird nicht mehr als wichtiges Instrument zur Überwachung der vierten Gewalt angesehen, sondern als Streiterei und Stichelei unter der schreibenden Zunft.

Glaubwürdig ist, wer konstruktiv austeilt – und zwar dort, wo ausgeteilt werden muss und dann, wenn ein Schlag in die Magengrube des Kontrahenten angezeigt ist. Es ist nur fair, um bei der Metapher des Boxkampfes zu bleiben, wenn nicht nur und durchgehend auf den gleichen Gegner eingehämmert wird. Das verstösst nicht nur gegen die Regeln, sondern disqualifiziert den Austeilenden beim Publikum selbst. Er ist es dann, der als unkontrollierbarer Aggressor wahrgenommen wird.

Ein konstruktiver Kritiker darf durchaus seine politische Gesinnung zum Ausdruck bringen, muss es aber nicht und vor allem nicht permanent. Wer nämlich letzteres tut, läuft Gefahr, jegliche Kritik auf Basis politischer Sympathien vorzunehmen. Das raubt dem berechtigten Anliegen seine Legitimation.

Natürlich könnte man mir vorwerfen, dass es auch von mir unfair ist, mit meiner Kritik auf René Zeyer zu spielen. Doch das Versprechen von ZACKBUM.ch ist es schliesslich, «hart auszuteilen und problemlos einzustecken». Dass dieser Text auf dieser Plattform erscheinen darf, beweist immerhin: Die Macher rund um Zeyer haben auch Nehmerqualitäten.

Jenny Furer schreibt unregelmässig für ZACKBUM.CH. Die 25-Jährige arbeitet seit März 2020 als Reporterin beim News-Team von «Bluewin». Sie ist als Berichterstatterin an den Zürcher Gerichten, am Bundesstrafgericht, am Bundesgerichten, sowie an den Gerichten Luzern, Bern, Thurgau und St. Gallen akkreditiert. Vor Bluewin arbeitete sie unter anderem bei «20 Minuten» und den Zürcher Oberländer Medien.

Packungsbeilage: Die ZACKBUM-Redaktion hat diesen Meinungstext eine Weinflasche lang diskutiert. Und im Sinne von «Wer austeilt, muss auch einstecken»,  einstimmig freigegeben. René Zeyer zeigt damit eine seiner weiteren Stärken – nämlich Gelassenheit. Trotzdem und nach Richtlinie 3.8 des Journalistenkodex (Anhörung bei schweren Vorwürfen) hier die (verkürzte) Stellungname des Kritisierten. René Zeyer legt Wert darauf, dass er Hollenstein bisher lediglich 7 mal erwähnt habe. «Jeweils begründet durch ein klar argumentiertes Fehlverhalten».  Und dass an der Abrechnung mit Andreas Tobler etwas persönlich sein soll, stellt Zeyer ebenfalls in Frage. «Stimmt ein einziger meiner Vorwürfe nicht? Hatte er keine Gelegenheit, etwas darauf zu erwidern?», so Zeyer. Und wenn Simone Meier schreibe, Hitler hätte die Juden gecancelt? Das ist für Zeyer definitiv keine persönliche Abrechnung, sie aufs schärfste dafür zu kritisieren.  Und schliesslich «Weltwoche» unkritisch bejubelt. «Das ist reiner Schwachsinn, in meiner dreiteiligen Serie über die Berichterstatttung zum Skandal an der Herzklinik Zürich habe ich Christoph Mörgeli (und mit ihm die WeWo) kräftig abgewatscht. Und wenn das Blatt in diesen Zeiten einen 12-seitigen Kulturteil unter fachkundiger Leitung aus dem Boden stampft, dann verdient das höchstes Lob.»  Ende der Durchsage.

Mit zugehaltener Nase zu lesen

Mir wurde geraten, die Tweets von Jolanda Spiess-Hegglin anzuschauen. Das hätte ich nicht tun sollen.

Nach den ersten drei, vier Duftmarken wollte ich eigentlich einen resümierenden Kommentar schreiben. Aber dann wurde es mir übel; daher lasse ich es bei einer kommentarlosen, repräsentativen Zusammenstellung bewenden. Mitsamt den «usual suspects», die Spiess-Hegglin gerne retweetet.

So sieht also die Respektierung von Menschenwürde und Privatsphäre aus. Diese selbstgerechte Heuchelei verfault in der Gesinnungsblase unter Luftabschluss: