Beiträge

Wenn das Lokale geopfert wird

Über Printzeitungen als Abfallprodukt. Ein Leidensbericht ohne Larmoyanz.

Dies ist keine Anklage, sondern ein Ausdruck des Kummers. Kummer darüber, was geschieht, wenn Lokalzeitungen sich in den Windschatten eines grossen Medienkonzerns begeben und hoffen, der Atem möge länger reichen. Bis sie eines Tages merken, dass der Sog sie fortgetrieben hat von dem, was einst ihre Stärke war: Nähe zum Leser.

Als Redaktor der «Obwaldner Zeitung» habe ich am eigenen Leib erlebt, wie es sich im Windschatten eines Medienkonzerns fährt. Wie eine vormals kräftige und gesunde Lokalredaktion durch Fremdbestimmung und Sparmassnahmen zugrunde gerichtet wird. Es zerriss mir das Herz. So sehr, dass ich meine neuen Vorgesetzten – selbst gezeichnet von Überforderung und Ohnmacht – mit Kritik eindeckte, bis ihnen kaum mehr etwas anderes übrigblieb, als mich auf die Strasse zu stellen.

Früher brütete man über Recherchen

Was bleibt, ist Nostalgie. Die Erinnerung daran, wie es früher war. Wie Redaktoren mit messerscharfem Verstand und Leidenschaft über Recherchestücken brüteten. Wie die Artikel auf der Redaktion kritisch gegengelesen wurden, bis jeder Satz im Sattel sass. Wie Titel und Lead nochmals begutachtet wurden, auch wenn man bereits 10 Stunden im Büro verbracht hatte. Wie danach ein professionelles Korrektorat die letzten Falten ausbügelte und bei Unklarheiten am späten Abend hartnäckig nachfragte.

Publizierte Artikel ohne Nachprüfung

Heute? Die Redaktionsräume in Sarnen haben neue Mieter gefunden. Medienmitteilungen aus Obwalden werden ausserhalb des Kantons von Studenten und Praktikantinnen eiligst zu Artikeln zusammengeschustert und ins Netz gestellt. Nichts gegen junge Arbeitskräfte. Aber wenn sie einzig eingestellt werden, weil erfahrene Redaktoren zu teuer geworden sind, darf man sich nicht wundern, wenn niemand dafür zahlen mag. Das Korrektorat: 1000 Kilometer entfernt in Banja Luka. Die automatische Duden-Korrektur ist verlässlicher. Heute landen Artikel in der Zeitung und im Netz, deren Inhalt auch der Redaktionsleiter nicht genau versteht – wenn er sie überhaupt noch liest.

Die Zeitung ist zu einem Abfallprodukt geworden

Unlängst hiess es auf ZACKBUM.ch, der publizistische Leiter des Medienkonzerns bezeichne die Zeitung intern als «Abfallprodukt» und die Abonnenten als «Milchkühe», die noch solange gemolken werden, bis sie sterben. Oder selbst merken, dass Qualität und Preis in keinem Verhältnis mehr stehen. Ich darf solche Aussagen weder bestätigen noch dementieren. Dabei wäre es nur die Wahrheit: Die Zeitung ist zu einem Abfallprodukt geworden. Die Abonnenten haben dies allerdings längst bemerkt. Sie sind nicht dumm.

Kein Mensch abonniert eine Lokalzeitung – oder auch deren digitale Angebote –, weil er an internationaler und nationaler Berichterstattung interessiert ist. Wer die Obwaldner Zeitung abonniert, will über Obwalden lesen. Doch statt den Regionalteil zu stärken, wird er mit Sparmassnahmen erstickt, während den Abonnenten vorgegaukelt wird, dass dank «Umstrukturierungen» und der «Nutzung von Synergien» die Berichterstattung näher zum Leser rückt. Das Gegenteil ist der Fall.

Nicht Rettung, sondern Untergang

Darf man von einem Medienkonzern, der sich TV-Sender wie 3+ ins Portfolio holt und obendrein noch Champions-League-Rechte sichert, überhaupt erwarten, dass irgendwo ein Herzschlag übrigbleibt für die Abonnenten und Redaktoren einer Lokalzeitung? Natürlich nicht. Macht und Geld regieren hier die Medienwelt. Einen Vorwurf machen kann man höchstens jenen, die sich in den Windschatten des Medienkonzerns begaben und bis heute nicht einsehen wollen, dass er nicht Rettung bedeutet, sondern Untergang.

Kritisieren ist einfach. Kann denn Lokaljournalismus heute überhaupt noch eigenständig und rentabel bleiben? Ich glaube ja. Doch dafür bräuchte es Leidenschaft, Kreativität, Lesernähe, Bereitschaft und Mut, neue Wege zu gehen und bis zum Umfallen für eine Sache zu kämpfen, für die es sich zu kämpfen lohnt. Nur eines ist gewiss: Wenn die treusten Leser als alternde Milchkühe angesehen werden, ist das Spiel schon längst verloren.

 

Von Adrian Venetz, ehemals Chefreporter bei CH Media.