Beiträge

Ex-Press XVI

Blasen aus dem Mediensumpf

Wir beginnen mit einer guten Nachricht: In dieser Ausgabe gibt es kein Wort über Corona. Ausser ein positives: Immerhin haben wir es diesem Virus zu verdanken, dass Donald Trump nicht wiedergewählt wurde.

Oder, wie er es bis heute sieht: ihm sein Erdrutschsieg mit Betrug und Schummelei gestohlen wurde. Deshalb hat er als erster – und hoffentlich letzter – US-Präsident seine Anhänger aufgefordert, zum Capitol zu marschieren und dort Stärke zu zeigen.

Wie verarbeitet das nun die Schweizer Presse? Nützt sie die bekannte Bedächtigkeit, Neutralität, das Abwägen, werden die selbsternannten Qualitätsmedien ihrem Anspruch gerecht, für Mehrwert mehr verlangen zu dürfen?

Das Zentralorgan der professionellen Berichterstattung

Fangen wir beim Zentralorgan für differenzierte Berichterstattung an. Der «Blick» verfügt über einen Hobby-Korrespondenten in den USA. Der 25-Jährige MAZ-Absolvent beobachtet messerscharf die politischen Ereignisse in den USA. Vom seinem Wohnsitz San Diego aus, im Süden Kaliforniens. Da ist Washington 3656 km entfernt, oder fast 5 Flugstunden.

Ausser, der «Blick» spendiert seinem Korrespondenten ein Ticket. Aber den Sturm aufs Capitol hat Nicola Imfeld, «USA-Korrespondent der Blick-Gruppe» in seinem sicheren Wohnzimmer seiner WG erlebt. Da hat er – wie alle anderen im 6647 km von Washington entfernten Zürich – die Ereignisse in der Glotze verfolgt.

Aber, diesen Vorteil hat man in Zürich natürlich nicht, er kann sofort eine erste Reaktion aus den USA anbieten; die seines «total unpolitischen Mitbewohners». Das ersparte ihm eine erste Strassenumfrage, und die Reaktion ist bedeutungsschwanger: Denn der «legte seine Arbeit im Homeoffice nieder. Für Stunden! Ungläubig sass er vor dem TV-Bildschirm im Wohnzimmer. «Warum habt ihr uns zur Weltmacht werden lassen?», fragte er und stellte gleich fest:

«Wir verdienen es nicht!»

Ein erstes, erschütterndes Zeugnis aus San Diego. Weltexklusiv! Lässt sich das noch toppen? Schwierig, aber Imfeld macht’s möglich: «Es war ein trauriger Tag. Ich habe neben meinem Mitbewohner auf der Couch eine Träne verdrückt. Er hat sich geschämt.»

Einordnung und Analyse? Was ist das

Bevor wir auch zum Taschentuch greifen, was hat der USA-Korrespondent des immerhin grössten Medienhauses der Schweiz an Analyse und Einordnung zu bieten? Leider nicht viel, ausser einem guten Ratschlag für die Republikaner: «Die Partei muss eine starke Alternative bieten, die die berechtigten Sorgen ihrer Wähler ernst nimmt. Aber keine Frau oder keinen Mann, die Amerika in eine Diktatur verwandelt.»

Hoffentlich hören die Amis auf die Schweizer Stimme der Vernunft, wenn auch syntaktisch nicht ganz sattelfest, aus dem fernen San Diego.

 

Der trumpelnde Tages-Anzeiger

Sicherlich auf ganz anderem intellektuellen Niveau wird sich doch die Analyse und Einordnung des Tamedia-Konzerns bewegen, der mit seinen Blättern immerhin die halbe Deutschschweiz beschallt.

Nun ja, da hat Tamedia gleich zwei Probleme. Die intellektuelle Schwerarbeit nimmt ihm bekanntlich das Korrespondentennetz der «Süddeutschen Zeitung» ab, der man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass sie jemals unparteiisch über Trump berichtet habe. Im Gegenteil, schon unzählige Male sah die SZ die US-Demokratie in Gefahr. Was immer besonders lustig ist, wenn das eine Zeitung aus einem Land sagt, dem die USA vor 75 Jahren die Demokratie aufzwingen mussten – gegen den erbitterten Widerstand der Deutschen.

Das ist ja kein Schweizer Problem. Das zweite von Tamedia ist aber, dass der Konzern faktisch kaum mehr eigene Auslandberichterstattung hat, aber immer noch einen Auslandchef. Der musste natürlich seinem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser kommentarmässig den Vortritt lassen, aber endlich durfte dann Christof Münger auch.

Nun ist das Thema leider auch auf seiner Flughöhe ziemlich durch, erledigt, zu Tode kommentiert. Ausser, jemandem fiele etwas Neues ein. Dafür ist Münger aber nicht zu haben. Er hält sich ans Bewährte. Vom Titel «Brandstifter Trump und seine Biedermänner» (Achtung, Bildungsalarm, Anspielung auf Max Frisch), über den «Tag der Schande» und natürlich zum Schlussakkord in D-Moll:

«Es geht ums grosse Ganze, um Demokratie oder Diktatur.»

(Artikel hinter Bezahlschranke.)

Schon wieder, kann man da nur gelangweilt weiterblättern. Schon wieder rausgeschmissenes Geld für News und Meinungen, die man sich gratis bei CNN und vom Nachbarn holen kann.

 

Die «Weltwoche» in Verteidigungsmodus

Interessanter ist natürlich, wie sich das Hauptquartier der Schweizer Trump-Versteher, durchaus auch Trump-Lobhudler, Trump-Bewunderer, sogar Fans des vollirren und vielfach gescheiterten Steve Bannon, auf den Rückzug begibt. Der darin seinem ehemaligen Chef nicht unähnlich ist. Sowohl Roger Köppel wie der Trump-Groupie Urs Gehriger, bekannt für copy/paste-Journalismus, müssen online das Weite suchen, weil die jüngsten Ereignisse ihres gefallenen Lieblings mal wieder nach Redaktionsschluss stattfanden.

Beide probieren es mit dem eingesprungenen Doppelaxel. Man erhebt sich in die Luft, dreht und wendet sich, gibt Trump die Schuld am Wahldebakel in Georgia und weist nun streng darauf hin, dass er hier eine rechtsstaatliche Grenze überschritten habe. Aber ein Doppelaxel besteht aus zwei Drehungen, also muss natürlich der Objektivität halber auch darauf hingewiesen werden, dass diese Spaltung der US-Gesellschaft von Brandstiftern hüben und drüben verursacht worden sei. Und dass es selbstverständlich Wahlbetrug und Manipulationen gab, einfach nicht so arg, wie Trump behauptet.

Ob die beiden nach diesem Sprung auch sicher wieder landen – oder ob sie auf dem Eis ihrer vorherigen Rhetorik kräftig auf die Schnauze fallen, das wird sich noch weisen.

 

Telegene CH Media

Wenn einem schon die meisten Privat-TV-Sender der Schweiz gehören, sollte man das doch auch ausnützen. Also lässt CH Media im hauseigenen «Talk täglich» ihren Auslandchef Samuel Schumacher gegen das Einmann-Orchester Roger Köppel antreten. Das dürfte den zweiten real existierenden Auslandredaktor der zwei Dutzend Kopfblätter im CH Media-Reich recht ins Schwitzen gebracht haben. Aber Schumacher schlug sich tapfer, während Köppel doch den Eindruck erweckte, dass er noch am Üben ist, wie er sich aus dieser selbstverschuldeten Peinlichkeit wieder herauswinden will.

Netterweise stellt CH Media ein «Best of» zur Verfügung, länger möchte man das auch nicht aushalten müssen. Was bietet dieses Haus der publizistischen Qualität sonst? Wenig, sehr wenig.

In letzter Verzweiflung staubt es den beinahe 85-jährigen Erich Gysling ab und widmet ihm als «US-Experten» sogar eine Sondersendung, deren Erkenntnisgewinn schon im Titelzitat aufblitzt: «Die Trump-Bewegung wird auch unter Biden weitergehen.»

Zudem ist die Bezeichnung US-Experte eigentlich eine Beleidigung für Gysling. Er ist schlichtweg Experte für alles, was ausserhalb der Schweiz stattfindet. Die arabische Welt, Afrika, China, Asien, USA, Amerika, wo es einen Experten braucht, da ist Gysling. Seit Peter Scholl-Latour tot ist, hat er diese Position auch unangefochten als Einziger.

 

Was nichts kostet, ist nichts wert?

Da ist in der Schweiz die interessante Antwort: jein. Nachdem «watson» im ersten Schock die USA schon wieder am Rande des Abgrunds sah, hat es sich wieder gefangen und kehrt zu den Listicals zurück. Im Falle von Trump und USA zu «Hier gibt’s 27 lustige Tierbilder». Oh, Pardon, verrutscht, ich meine natürlich «30 Bilder und Videos, die «Trumps Amerika» auf den Punkt bringen»:

Wer mir erklären kann, was daran lustig ist, gewinnt ein Gratis-Abo von ZACKBUM.ch.

Der hoffnungsvolle Jungredaktor, der diesen Schrott zusammengestellt hat, zählte offenbar auf überwältigende Reaktionen und weist vorsichtshalber darauf hin, dass allenfalls Tweets zunächst in der Queue steckenbleiben könnten. Da hat er sich vergblich Sorgen gemacht, Tweets 8 Stunden nach Veröffentlichung: null.

Von 0 auf 20

Von dieser Nullnummer nun zu «20Minuten». Man hat es wohl noch nie als so segensreich empfunden, dass sich das Blatt konsequent jeden Kommentars enthält. So hat Chefredaktor Looser, nicht zuletzt in unserer Preisverleihung für Journalisten des Jahres dekoriert, im Gegensatz zu ziemlich allen Kollegen auf der Welt und in der Schweiz darauf verzichtet, seine Leser davon in Kenntnis zu setzen, dass auch er sehr indigniert ist über diesen US-Präsidenten, das Schlimmste befürchtet, aber das Beste hofft.

Bravo.

 

Die gute, alte NZZ

Wurde die alte Tante auch durchgeschüttelt, sieht sie die USA am Abgrund oder über genügend Selbstheilungskräfte verfügend? Verurteilt sie, schämt sie sich wenigstens? Distanziert sie sich, wagt auch sie schräge Vergleiche zwischen dem Sturm aufs Capitol und der Besetzung des Bundesplatzes, die gerade einem FDP-Mann den (wohl erwarteten) Shitstorm bringen?

Auch auf die Gefahr hin, als deren ehemaliger Korrespondent der Parteilichkeit bezichtigt zu werden: Nö, sie versucht das, was alle anderen in der Schweiz nicht mal im Ansatz liefern: eine differenzierte Berichterstattung mit Manpower:

Keine einfachen Beschreibungen: Das ist NZZ at its best.

Aber eben, was ist das schon gegen die Feuerkraft der selbsternannten Bezahl- und Qualitätsmedien, die ja nicht nur einfach das schreiben, von dem sie hoffen, dass es bei ihrem Publikum am besten ankommt. Sondern auch, sich damit noch mehr Staatsbatzeli zu erschreiben.

Ein Ratgeber über Ratgeber

Hoher Nutzwert, Leser-Blatt-Bindung, Kompetenz zeigen. Mach einen Ratgeber draus.

Jedes Mal, wenn eines der obigen Stichworte in einer Videokonferenz der zu Hause arbeitenden Medienschaffenden fällt, weiss einer der Teilnehmer, dass es ihn nun treffen wird. Meistens den, der für sonst nicht viel zu gebrauchen ist. Aber das weiss er natürlich nicht.

Ratgeber gibt es in jeder Preislage, jedem Niveau und über jedes Thema. Sex, Geld, Gesundheit, Konsum. So lautet die Hitparade der beliebtesten Themen. Für Sex ist natürlich der «Blick» zuständig. Seit der unvergessenen Marta Emmenegger, die als «Liebe Marta» rau, aber herzlich zur Institution gereift, über Jahrzehnte Aufklärungsarbeit leistete.

Ihre Nachfolgerin Caroline Fux beweist, dass trotz Internet und der möglichen Befriedigung aller Neugier letztlich die Fragen von Jugendlichen und Erwachsenen nicht wahnsinnig anders sind als zu Martas Zeiten. Untreue, Grössenvergleiche, Ängste, unerfüllte Wünsche, es bleibt sich alles gleich.

Das Thema Geld ist von vielen beackert

Zum Thema Geld fühlen sich viele berufen. Vom Geldonkel, der angeblich todsichere Tipps gibt, wobei sich der Leser niemals fragt, wieso er die nicht für sich behält, damit ein Vermögen macht und statt Geldonkel zu spielen, auf der eigenen Yacht in den karibischen Sonnenuntergang schippert.

Aber auch die NZZ kann sich gelegentlich nicht zurückhalten. Aktuelles Beispiel: «Investmentfehler: Diese vier Irrtümer kosten Privatanleger Milliarden». Aber hallo, da wollen wir doch mal schauen, wie diese Milliarden eingespart werden können. Aber leider müssen wir feststellen, dass auch hier weder der Autor, noch die NZZ zu Milliardären geworden sind, bei so viel Einsparpotenzial.

Denn hier wird nur eine dünne Wassersuppe gekocht. Aus Plattitüden und Aufgewärmten. Das fängt schon bei der Einleitung an. «Für langfristige «Buy and hold-Investoren» sind Investmentfehler besonders verheerend.» Ach was, und warum? Na, Dummerchen, deren Wirkungen kumulieren sich über die Jahre. Muss man erst mal herausfinden.

Auch die Irrtümer sind kalter Kaffee, frisch serviert

Vielleicht winkt für diese Erkenntnis noch nicht der Wirtschaftsnobelpreis, aber schauen wir uns doch die Irrtümer mal genauer an. Aktive Fonds brächten mehr Rendite als passive. Tja, wer noch nicht selbst darauf gekommen ist, dass aktive Fonds zuerst noch die Managementkosten einspielen müssen, zudem oft von Pfeifen bewirtschaftet werden, die sogar unterhalb von passiven Fonds performen, der ist nun wirklich selber schuld.

Die übrigen Irrtümer: Aktive Fonds würden vor Kurseinbrüchen schützen, vergangene Performance sei Garant für die zukünftige, die Börsenkurse würden die Zukunft bewerten. Da schnarcht ja selbst der hoffnungsfrohe Anfänger an der HSG weg. Wobei der letzte Irrtum im Grunde keiner ist. Natürlich tun sie das, zum Teil, abgesehen von all den Blödis, die auch hier für zukünftige Kursentwicklungen die Vergangenheit untersuchen.

Eine leuchtende Ausnahme

Aber es gibt eine leuchtende Ausnahme. Ein immer noch auflagenstarkes Blatt, dass seit vielen Jahren zur Anlaufstelle für Rat und Tat in fast allen Lebenslagen geworden ist. Natürlich, die Rede ist vom «Beobachter». Für Abonnenten kostenlos, ansonsten zum Selbstkostenpreis wird hier geholfen. Von Rechtsstreitigkeiten über das richtige Abfassen eines Testaments. Von Eheproblemen, Problemen mit renitenten Sprösslingen bis hin zu medizinischen Fragen.

1926 gegründet, mit einer Auflage von über einer Viertelmillion und einer Reichweite von über 800’000 Lesern eine Institution, die im Grossen und im Kleinen mit einem Beraterteam hilft.

Das Schumacher-Imperium

Ein eigenes Imperium hat sich der Rechtsanwalt René Schumacher aufgebaut. Mit seinem K-Tipp erreicht er sogar über 900’000 Leser, die Konsumenteninfo AG ist stark genug, im Alleingang die Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative zu stemmen. Er ist sozusagen der King der Konsumentenratgeber, bestreicht aber auch mit dem Gesundheitstipp oder mit einem Wohnratgeber andere Bereiche.

Insgesamt erreicht Schumacher über 2 Millionen zahlende Leser, ohne dass er oder sein Verlag gross in den Schlagzeilen wären. Dagegen stinken natürlich alle anderen Ratgeber, ob gross oder klein, gewaltig ab.

So wie man sich bei den Geldratgebern fragt, wie unabhängig die denn sind und ob sie den Geheimtipp Aktie X wirklich ganz uneigennützig geben und nicht über Strohmänner Frontrunning machen, so fragt man sich, woher diese Konsum-Tester das Geld für all die getesteten Produkte haben – oder verdienen.

Woher nehmen die Konsum-Ratgeber das Geld für die Tests?

Natürlich ist der Ruf restlos ruiniert, sollte sich herausstellen, dass Produkt Y deshalb auf dem ersten Platz gelandet ist, weil der Hersteller per Inserat oder verdeckt dafür gelöhnt hat. Kommt vor, wobei seriösere Konsumtester ihr Geld damit verdienen, dass anschliessend die «Testsieger» das Ergebnis samt Logo des Testers nicht gratis verwenden dürfen. Sondern nette Summen abdrücken müssen.

Also gilt wohl der Ratschlag für (fast) alle Ratgeber: Wer sie braucht, wer ihnen vertraut, der sollte sich dringend beraten lassen. Wegen Leichtgläubigkeit.

 

 

Ex-Press XIII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Ist der Ruf erst ruiniert; diesem Motto lebt watson.ch schon seit seiner Gründung nach. Da hat auch der Rausschmiss des begabten Scheiterers Hansi Voigt nichts gebracht. Also indirekt schon, statt das Vermögen der Wanners zu verkleinern, melkt er jetzt in Basel arme Reiche ab.

Das Millionengrab watson treibt nicht nur das Gefäss Listicals – und damit auch den Leser – zum Wahnsinn. Sondern es belegt immer wieder, dass der Unterschied zwischen bezahlter Werbung als solcher und indirekt bezahlter Werbung, Advertorials, von den Redaktoren selbst geschriebener Werbecontent, so was von gestern ist.

Da sich die Eigenleistungen sowieso in einem sehr überschaubaren Rahmen halten (oder erinnert sich jemand jemals an einen Primeur?), müssen ja die vielen Kacheln gefüllt werden. Und «Babys, wie du sie bis jetzt vermutlich noch nie gesehen hast», obwohl ganz schön viel überflüssiger Text, ist ja auch nicht ausreichend für wisch und weg.

Also kommt es immer wieder zu diesen Schönheiten:

Swissmilk macht watson glücklich.

Nun gut, das ist einfach schamlos. Aber echt bedenklich wird es, wenn watson zu sogenannten «Analysen» schreitet. Da sich auch hier herumgesprochen hat, dass es doch diese Bitcoins gibt, eine virtuelle Währung, die aber ziemlich volatil ist (oder für watson-Leser: rauf und runter geht).

Der Fall für eine Analyse, und die kommt natürlich vom anerkannten Fachmann. Also von Julius de Kempenaer. Julius who? Also bitte, dem Erfinder der Relative Rotation Graphs (RRG). Wovon? Ach, lassen wir das. Also, der im watson-Universum weltweit bekannte Spezialist verschwendet viele, viele Zeichen und viele, viele Grafiken, darunter auch seine RRG dazu, das zu machen, was alle diese Voodoo-Künstler machen.

Er analysiert die Vergangenheit, um daraus auf die Zukunft zu schliessen. Kann funktionieren, muss aber nicht. Denn wie die Finanzkrise eins bewies: Wenn alle behaupten, dass Immobilienpreise nur noch und lange nach oben gehen, muss das deswegen nicht stimmen. Obwohl es in der Vergangenheit so war.

Nun sind wir aber bei watson, da kann man es natürlich nicht bei einem vorsichtigen «einerseits, andererseits, könnte durchaus, wenn nicht» bewenden lassen. Sondern eine klare Ansage muss her:

«40’000$ wären eine konservative Schätzung», prognostiziert der Hellseher. Dabei ist nur eines sicher: Der Kurs des Bitcoins wird sich verdoppeln – oder nicht.

 

Heisst das neue Virus Co?

Warum? Nun, weil immer mehr gequältes Publikum Augen und Ohren auf Durchzug stellt, wenn nur schon das Wort Corona beginnt. Aber wenn die Medien mal ein Hammerthema gefunden haben, dann hämmern sie und hämmern sie und hämmern sie.

Wir lassen es diesmal bei einer Bildergalerie der vier wichtigsten Tagesmedien bewenden:

Monothema zum Ersten bei Tamedia.

Monothema zum Zweiten bei der NZZ.

Monothema zum Dritten beim «Blick».

Halleluja, nicht nur Monothema bei CH Media.

Die Welt spinnt

Wir geben wieder beim Titel zu: Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden. Also die Sammlung von wirklich wichtigen News. Beginnen wir in der Schweiz. «Problemhäftling Carlos zerstört seine unzerstörbare Zürcher Gefängniszelle», erschrickt der «Blick».

Das lässt nun doch an den Zürcher Fähigkeiten zweifeln, eine unzerstörbare Zelle unzerstörbar zu bauen. Obwohl dafür laut «Blick» 1,85 Millionen Franken ausgegeben wurden. Womit man auch eine recht unzerstörbare Villa bauen könnte.

Und noch ein Spritzer Heuchelei aus dem «Blick». Während sich Oberlehrer und Vordenker Frank A. Meyer darüber erregt, wieso die Schweinebacken der «Weltwoche» im Privatleben eines ihnen nicht genehmen Bundesrats schnüffeln, zeigt der «Blick» andernorts keine Hemmungen: «Bunga-Bunga-Orgie in Brüssel: So lief die Sex-Party mit dem EU-Parlamentarier». Aber der ist ja Parteigänger des rechten ungarischen Präsidenten.

Auch nau.ch weiss, was die Welt bewegt. Nämlich eine langatmig erzählte Anekdote über die Queen, der auf einer Australien-Reise von einem Lakaien ein Streich gespielt worden sei, auf den sie wie Trump reagiert habe: «You are fired». Aber im Gegensatz zur Gelblocke habe die weiss ondulierte Queen die Drohung nicht wahr gemacht.

Aber wenn die Welt spinnt, dann halten wir uns an wen? Genau, an die NZZ, das Blatt mit dem Blick fürs Wesentliche. Das fragt, warnt, über den Tellerrand schaut. Daher sieht die alte Tante geradezu orgiastische Zustände aufs uns zukommen: «Völlige Enthemmung der Geld- und Finanzpolitik» (hinter Bezahlschranke); mit diesem Quote titelt sie «ordnungspolitisches Bedenken», was bei ihr immer ein Alarmsignal ist. Ausgelöst durch die Personalie der neuen US-Finanzministerin, die schon als Notenbankchefin Geld- und Fiskalpolitik enthemmt vermischt habe. Meiner Treu, ist bei weiterer Enthemmung damit zu rechnen, dass wir sie oben ohne sehen werden?

Nur mit Frauenbonus geht ein Titel wie: «Ist Sabine Keller-Busse die richtige für den neuen Job?» Würde ein Mann nur schon diese Frage stellen, wäre ihm ein Shitstorm gewiss. Aber Zoé Baches darf das bei der neuen UBS-COO.

Ach, das Wetter ist ja eher scheisse (im Flachland), also erspare ich den Lesern an diesem besinnlichen Sonntag eine Beurteilung des mageren Ausstosses der «Republik» vom Samstag. Ein Kurzartikel über ein Bilderbuch, immerhin 7000 Anschläge nach «Ladies and Gentlemen and everybody beyond», die auf die mageren drei anderen Ergüsse hinweisen. Und obwohl Daniel Binswanger auf 8860 Anschlägen darüber nachzudenken versucht: «Welche Werte sind für die Schweizer eigentlich noch unverhandelbar?», sagen wir nichts dazu. Ebenso wenig über die 15’000 Anschläge eines griechischen Gastautors zu «Hellas Helvetica». Er ist nämlich Writer in Residence in Zürich, und das immerhin seit August. Also der Fachmann für Dürrenmatt, die Pandemie und die Schweiz. Der berühmte Blick von aussen. Aber in Wirklichkeit nur Ausdruck der Faulheit der Redaktion, an einem Tag mehr als eine Rezension, eine Kolumne und ein ausführliches Inhaltsverzeichnis zu schreiben.

Wir weisen einfach darauf hin, dass beim «Republik»-Jahresbudget dafür genau 17’808 Franken in den Abfluss gegurgelt sind, wenn man es durch 365 Tage teilt. Für haargenau 17’808 Franken weniger liefern wir bei ZACKBUM.ch täglich mehr. Nicht mehr Buchstaben, aber Mehrwert mit gleich viel Artikeln (ohne Inhaltsverzeichnis).

Daniele Muscionico erhielt Kündigung

René Scheu, Feuilleton-Chef der NZZ, begründet im Interview exklusiv die Sparmassnahmen der NZZ.

Laut Stimmen aus dem Stadtzürcher Präsidialadepartement sollen die lokalen NZZ-Theaterkritiker die Kündigung erhalten haben. Stimmt das?

René Scheu: Ich kenne Ihre Quelle nicht. Aber das ist doppelt falsch. Denn erstens lag die Theaterkritik bisher in den Händen einer Person, nämlich von Daniele Muscionico. Und zweitens verschwindet das Dossier deutsches Sprechtheater nicht, sondern wandert von Daniele Muscionico, die es seit 2017 betreut hat, zu Ueli Bernays, der seit über 20 Jahren NZZ-Redaktor ist. Aber Daniele Muscionico, eine sehr geschätzte Mitarbeiterin der NZZ, bleibt uns als Feuilleton-Autorin erhalten. Sie wird wie auch bisher schon regelmässig eigenständige und eigenwillige Beiträge zu allen möglichen Themen des Lebens aus kulturaffiner Sicht beitragen.

Fakt bleibt: Die vier Personen, darunter Daniele Muscionico, müssen also gehen.

Das Feuilleton arbeitet nicht mehr mit Pauschalistinnen und Pauschalisten, also Leuten, die ein Fixum beziehen.

Sämtliche Verträge wurden fristgerecht auf Ende Jahr gekündigt, auch jener von Daniele Muscionico.

Alle Pauschalisten haben eine faire Entschädigung erhalten, und alle arbeiten als feste freie Mitarbeiter weiter leidenschaftlich für die NZZ. Die Honorare für Texte werden wir zudem insgesamt etwas anheben – denn wir wissen, wie wichtig auch originelle externe Autoren für unser Feuilleton sind.

Was sind die Gründe für die Kündigungen?

Das Feuilleton hat wie die anderen Ressorts auch gezielte Sparmassnahmen umgesetzt. Der Journalismus befindet sich in einer Transformation.

Einerseits fokussieren wir noch stärker auf das, was wir am besten können – Reflexion, Hintergrund, Analyse, relevante Berichterstattung. Wir machen also weniger, aber das noch besser. Anderseits investieren wir in neue Formen und Formate, von Podcast bis Datenanalyse. Und die steigende Zahl von Digital-Abos gibt uns hier recht.

Alle Theaterhäuser in Zürich haben eine Petition unterschrieben, damit die Kritikerstellen erhalten bleiben. Hat diese etwas bewirkt?

Wir stehen mit den Theatern in engem Kontakt und Austausch. Und selbstverständlich bleibt Zürich für uns die Home Base – hier wollen wir in der Berichterstattung wie bisher die Platzhirsche sein. Wir bauen hier nicht ab, sondern aus. Nur werden wir nicht mehr alle Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum ausserhalb der Eidgenossenschaft so eng wie früher begleiten – das wird von den NZZ-Lesern auch nicht wirklich gewünscht, das zeigen uns die Daten ganz klar. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und ausdifferenziert, für einschlägiges Interesse gibt es einschlägige Plattformen, im Falle der Theaterkritik zum Beispiel www.nachtkritik.de, die einen tollen Job machen. Wir berichten selektiv über das Relevante, nicht mehr ständig über alles Mögliche.

Schon 2017 wurde drei Kulturkorrespondenten gekündigt. Sandra Leis von Radio SRF 2 stellte damals fest, dass die NZZ damit auf dieses Alleinstellungsmerkmal, diesen Trumpf der Kulturberichterstattung, verzichte. Chefredaktor Eric Gujer sagte: «Ganz im Gegenteil. Aber ich mache keine Unterscheidung zwischen Polit- und anderen Journalisten». Er betonte: «Eine so breite Kulturberichterstattung wie wir macht niemand in der Schweiz». Das stimmt jetzt nicht mehr, einverstanden?

Nicht einverstanden. Das stimmt nach wie vor – und mehr denn je. Oder kennen Sie in der Schweiz ein anderes Feuilleton, das im Schnitt täglich mit vier Printseiten aufwartet und online noch manches darüber hinaus bietet? Aber ganz unabhängig davon –

Ihre Frage zeugt von einem strukturkonservativen Geist, der gerade unter Medienkritikern notorisch zu sein scheint. Wir träumen an der Falkenstrasse nicht von der guten alten Zeit, sondern machen uns fit für die Zukunft.

Nicht die Meinungen der Journalisten sind unsere Richtschnur, sondern die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser.

Als NZZ-Leser hat man das Gefühl, unter Ihnen, René Scheu, sei die internationale Kultur gut abgedeckt. Das Lokale aber bleibe oft aussen vor. Wie sehr liegt Ihnen Zürich am Herzen?

Danke für das Kompliment! Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Natürlich machen wir ein Feuilleton für die ganze Schweiz und darüber hinaus. Aber wir wollen in Zürich die Platzhirsche sein, siehe oben. Das ist unser Anspruch, aber ja, hier können wir bestimmt noch weiter zulegen. Bald bringen wir einen neuen Zürichkultur-Newsletter heraus. Und wir wollen unsere Efforts in dieser Richtung weiter intensivieren.

Theater- und Konzertkritiken waren früher das A und O einer Aufführung. Nun gibt es sie fast gar nicht mehr. Warum hält die NZZ nicht dagegen?

Das Schauspielhaus, das Opernhaus, die Tonhalle und andere Institutionen begleiten wir eng. Wir haben hier einen Kulturauftrag, den wir sehr ernst nehmen, auch mit Bezug auf kleinere Bühnen und Veranstalter.

Zugleich sind wir keine PR-Agentur von Kulturinstitutionen und wollen auch kein Feuilleton für die Happy Few machen – das Feuilleton soll vielmehr allen lesehungrigen, interessierten, bildungsbürgerlich angehauchten Zeitgenossen etwas bieten.

Die Auflage der NZZ schwindet markant. In einem Jahr von gut 100000 auf etwas über 70000. Ist da dieser Kahlschlag nicht ein falsches Zeichen für die treuen Abonnenten?

Sie messen noch in der Print-Währung, was mich erstaunt, da zackbum.ch ja ein reines Online-Medium ist. Und sorry, Print ist eine Währung, nicht DIE Währung.

Die Print-Auflage sinkt leider, das ist korrekt.

Aber an zahlenden Digital-Abonnenten haben wir in den letzten beiden Jahren mächtig zugelegt – die magische Grenze von 200’000 zahlenden Abonnenten, die wir für Ende 2022 angesetzt hatten, haben wir bereits dieses Jahr überschritten. Und Hand aufs Herz – ist das nicht sogar für Sie eine gute Nachricht? So gehen Ihnen die Themen nicht so bald aus.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

René Scheu (*1974) leitet seit 2016 das Feuilleton der NZZ. Vorher war er Chefredaktor und Herausgeber des liberalen Magazins Schweizer Monat.

Daniele Muscionico (*1962) ist – mit kleinem Unterbruch – seit 1994 Kulturredaktorin der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2017 ist sie laut NZZ-Impressum erste Theaterkritikerin mit Vorliebe für Experimente mit offenem Ausgang.

Nach dem Portrait kam das Kontrollamt

Laut der NZZ verpfiff ein Fotograf des Zürcher Oberländers eine Pferdehalterin.

Eine besondere Art von Kollegenbashing betrieb die NZZ vor einigen Tagen. Der Artikel des freien Mitarbeiters Andreas Leisi hatte es in sich. Er beschrieb, wie eine «stolze Besitzerin von vier Islandpferden ihre Tiere auf ihrem grossen Anwesen in Wermatswil hält». Für eine Sommerserie zum Thema «Oasen» habe die 52-Jährige Anfang August einem Journalisten und einem Fotografen der Regionalzeitung «Zürcher Oberländer» (ZO) die Türen geöffnet. «Die Zusammenarbeit mit der Zeitung war gut, und der Artikel zwei Tage später hat mir gefallen», äusserte sich die Portraitierte rückblickend in der «NZZ». Was die Pferdehalterin jedoch nicht bemerkte: Gemäss dem NZZ-Bericht «schlich sich der Fotograf während des Besuchs in den Stall und vermeldete einer Bekannten später, dass dort das Tierschutzgesetz verletzt werde». Ende August erhielt die Wermatswilerin dann unangekündigt Besuch von zwei Vertretern des Veterinäramts, so Andreas Leisi. «Wenig später wurden mir Massnahmen angedroht», äusserte sich die Tierhalterin gegenüber der NZZ.

«Wütend auf die Zeitung»

Soweit, so schlecht. Doch Andreas Leisi prangerte den «Zürcher Oberländer» zusätzlich an. Er schrieb, die Pferdestallbesitzerin sei «wütend auf die Zeitung: Der Fotograf hat meine Gastfreundschaft auf üble Art missbraucht». Leisi erwähnt, wie es sich journalistisch gehört: «Die Regionalzeitung bestätigt in einer Mail den Sachverhalt».

Lässt nun niemand mehr den Zürcher Oberländer herein?

Es ist wohl der Horror jedes Interviewten. Die Redaktion fährt ein mit einem versierten Journalisten und mit einem preisgekrönten Fotografen. Alles bestens. Doch später folgt der Hammer, in diesem Fall der Staat mit einer Art Hausdurchsuchung und Bussenandrohung. Doch wie lief das Ganze aus Sicht des ZO ab? Wie beurteilt Christian Brändli, Chefredaktor des Zürcher Oberländers, den Fall? Besteht nicht eine Art Schweigepflicht im Journalismus, das Redaktionsgeheimnis? Streng genommen findet man doch bei jeder Homestory irgendwas, was man gegen den/ die Porträtierte verwenden könnte. Christian Brändli: «Dem Fotografen wurde im Nachgang klar gemacht, dass ein solches Vorgehen nicht akzeptabel sei.

Er hätte mit dem Reporter Rücksprache nehmen und ihn über seine Wahrnehmungen informieren sollen. Dann wäre es am natürlichsten gewesen, wenn die Dame auf die Verfehlungen aufmerksam gemacht worden wäre».

Weitergehende Sanktionen gegen den Fotografen seien aber nicht hat ergriffen worden. Er arbeitet also weiterhin im Auftragsverhältnis für den ZOL, daneben auch für Keystone/SDA und die Blickgruppe. «Wusste denn der Journalist, dass sich der Fotograf davonschlich, wie es in der NZZ heisst?» Brändli stellt klar: «Der Fotograf hat selbst keine Bilder vom Innern des Stalles geschossen und diesen auch nicht betreten. Der Stall ist vom öffentlichem Grund her einsehbar.» Damit scheint es, wie wenn im NZZ-Artikel ein wenig dramatisiert worden wäre.

Leisi bleibt bei seinen Aussagen – und widerspricht Christian Brändli

Zudem schreibt Leisi «die Regionalzeitung bestätigt in einer Mail den Sachverhalt». Doch was wie eine offizielle Anfrage beim Zürcher Oberländer wirkt, war keine. Leisi hat einfach aus dem Entschuldigungsmail der Zeitung an die Pferdehalterin zitiert. Er hat also die Richtlinie 3.8 des Presserats verletzt, die Anhörung bei schweren Vorwürfen. Darauf angesprochen, wehrt sich Leisi. «Ich bleibe dabei. Christian Brändlis Aussage stimmt nicht. Ich war den Hof anschauen, wie es sich für eine Recherche gehört. Den Stall kann man definitiv nicht einsehen vom öffentlichen Grund».

Und: Weil das Denunziantentum lediglich ein Nebenschauplatz der NZZ-Geschichte war,  verzichtete Leisi bewusst auf eine Nachfrage beim ZOL. «Journalistisch ist die Sache aber unglaublich und würde Stoff bieten, für eine zweite Geschichte», so Andreas Leisi.

Der Chefredaktor des ZO meint abschliessend: «Ein solches Vorgehen des Fotografen – also die Information einer dritten Person über derartige Feststellungen – ist nicht akzeptabel, da so unsere Glaubwürdigkeit im Umgang mit Ansprechpartnern Schaden nehmen kann. Ich bedaure diesen Vorfall sehr.»

Der Autor des Portraits über die Pferdenärrin im «Zürcher Oberländer» arbeitet übrigens nicht mehr beim ZO. Er hat unabhängig vom beschriebenen Fall gekündigt.

Weil die NZZ das Mail von ZACKBUM.ch an Andreas Leisi nicht wie versprochen sofort an ihn weiterleitete, konnte Leisi erst in der aktuellen Textversion Stellung nehmen zu den Vorwürfen.

 

NZZ steigt bei Keystone-SDA aus

Wer will mich (noch)?

Was macht der dicke Franz, wenn er zu langsam im Sprint ist und für längere Strecken keine Puste hat? Er wird Zuschauer. Das gleiche Schicksal droht der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Das Kurzfutter-Medium «20 Minuten» verlässt die Agentur im kommenden Jahr. Und die langatmige NZZ hat den SDA-Regionaldienst ebenfalls abbestellt, wie ein Insider ZACKBUM.ch mitteilte. Was noch läuft, sind überregionale Meldungen; die erscheinen im Blatt aber nur noch selten.  Keystone-SDA schrieb auf Anfrage, dass sie zu «laufenden Kundenverhandlungen und einzelnen Kundenbeziehungen keine Auskunft» geben mag. Pikant: Die NZZ war 2017 noch zweitgrösster Aktionär von der Agentur.

Was sind die Gründe des Exodus‘? Nebst Einsparungen spielt auch die mangelnde Effizienz der Nachrichtenagentur eine Rolle. Der dritte Grund: Die Redaktorinnen und Redaktoren schreiben zum Teil ein grässliches (und falsches) Deutsch:

«Der Kanton (Schaffhausen) will innovative und erfolgversprechende Vorhaben von Unternehmen mit einzelbetrieblichen Förderbeiträgen (EBF) unterstützen. Die (sic!) Wirtschaftsförderungsgesetz ist Ende 2019 ausgelaufen und soll nun in unveränderter Höhe von 20 Millionen Franken für weitere zehn Jahre verlängert werden.

Stilkritiker Wolf Schneider hätte seine Freude an diesen zwei Sätzen. Für seine urkomische Sammlung an schiefen Sätzen. Weniger lustig sind solche Grauslichkeiten für die Redaktionen. Egal ob «20 Minuten» oder NZZ. Immer weniger Zeitungen muten ihren Lesern solche Nachrichten zu. Der gleiche Artikel enthält übrigens noch den dämlichen Fehler «Vierfünftels-Mehrheit». Und nicht weniger als sieben Mal ist die Rede von «Startup». Der Duden lässt nur «Start-up» durchgehen.

Insgesamt also neun Fehler und ein schlechtes Deutsch – kein Wunder, dass eine «Vierfünftels-Mehrheit» die Agentur verlässt.

Bei den meisten Medien würden bei dieser Entwicklung selbst die Mäuse das sinkende Schiff verlassen. Dafür besteht aber kein Grund zur Sorge. Der Bundesrat will die gefällige Agentur nämlich am Leben lassen, koste es auch 16 Millionen Franken.

Schweizer Medien: Verkaufen!

Auch die Börse liebt uns nicht

Das Börsenjahr 2020 scheint nun doch versöhnlich zu enden. Der SPI Index hat im Vergleich zum Jahresbeginn sogar leicht zugelegt und wird wahrscheinlich wieder zu einer Jahresend-Rallye ansetzen. Wer Mitte März kaltblütig war neu zu investieren, darf sich jetzt an Kursgewinnen von über 50 Prozent erfreuen.

Wie sieht es bei den Schweizer Medientiteln aus, die vorrangig an Nebenbörsen gehandelt werden? Nun, anscheinend ist wirklich alles toxisch, was irgendwie mit Medien zu tun hat.

Beispiel Zürcher Oberland Medien AG: Die Aktien der oft vernachlässigten Zeitung im Zürcher Oberland ist breit gestreut und wird wenig gehandelt. Einer Übernahme durch andere Verlage wird so vorgebeugt. Eine absolute Sicherheit bietet das aber nicht. Und auch wenn die Aktien fast nie gehandelt werden – für 2020 sah es schlecht aus. Der Kurs der Zürcher Oberland Medien AG ist seit Jahresbeginn um 14,47 Prozent gefallen.

Auch die Aktie der NZZ AG tendiert nach unten. Das Volumen ist klein. Der hohe Wert (17.11.: 5100 Franken) schreckt viele Anleger ab. Seit Jahresbeginn hat die Aktie trotzdem 5,66 Prozent an Wert verloren.

Arg runter ging es aber vor allem bei der TX Group. Der Titel hat während eines Jahres fast 30 Prozent verloren. Im Unterschied zum Marktumfeld hat sich die Aktie nach dem Kurszerfall im März nie erholen können.

Auch bei den anderen Medienhäusern der Schweiz lohnt es sich leider nicht, einzusteigen. Die Aktien sind entweder in Familienbesitz oder nicht mehr als Ramsch wert. Da lohnt es sich mehr, der Tochter des Besitzers den Hof zu machen.

«Wir müssen und wir werden Erfolg haben»

Sagt der VR-Präsident der NZZ über seine Strategie. Nur: welche hat er?

Es ist immer, nun ja, ein wenig heikel, wenn ein Oberchefredaktor seinen Oberboss interviewt. Auch wenn es nur sein halber ist, da Etienne Jornod und die NZZ zur Hälfte an CH Media beteiligt sind.

Also buchen wir die ersten Fragen unter Warmlaufen ab, oder allenfalls als Schleimspur, auf der Patrik Müller dann zu den wichtigen Fragen rutscht.

«Super-Entscheid», «die Entwicklung ist phänomenal», «ich geniesse hier jeden Tag, um unsere Strategie weiter mitzuschärfen und umzusetzen». Das ist alles wunderbar, und man kann nur hoffen, dass Jornod von Natur aus zu einem heiteren Gemüt neigt und dafür nicht irgendwelche Pillen einwerfen muss.

Die Strategie, einfach gesagt

Nach dieser Portion Optimismus wagen sich nun die Interviewer zur entscheidenden Frage vor: Wie sieht denn diese mitgeschärfte und umgesetzte Strategie aus, «in wenigen Worten»? Na, kein Problem für Jornod:

«Die NZZ muss so gut sein, dass man sie unbedingt braucht. Dass sie unverzichtbar ist.»

Das ist mal eine Strategie, von der wir alle uns eine geschärfte Scheibe abschneiden sollten. Wer hätte das vor Jornod gedacht, dass ein Produkt so gut sein sollte, dass man es unbedingt braucht. Hätte man das nur schon vorher gewusst, hätten sich viele Unternehmen Probleme oder gar den Bankrott ersparen können. Denn sie versuchten immer nur, Produkte herzustellen, die nicht so gut sein mussten, damit man sie unbedingt braucht.

Nachdem das mit der Strategie nun geklärt ist, was muss denn weiter umgesetzt werden? Auch dazu hat Jornod eine allgemein verständliche Antwort:

«Wir brauchen mehr Informationen darüber, was unsere Leser genau wollen.»

Sehr richtig, denn wenn man das nicht weiss, dann wird’s natürlich schwierig.

Wenn man das allerdings weiss, dann ist’s wie bei Frédy Girardet. Das ist nun ein so kühner Gedankengang von Jornod, dass wir etwas erklären müssen. Girardet war ein 3-Sterne-Koch in Crissier, der sein Lokal 1996 verkaufte. Zuvor verlangte er schon zu der «Uni-Zeit» von Jornot 200 oder 300 Franken für ein Menü. Das habe man damals als verrückt bezeichnet, erinnert sich Jornod an seine Studentenzeit. Vielleicht hätte er damals mal einen Abstecher zu Max Kehl machen sollen.

1800 Franken für ein Jahresabo? Kein Problem

Aber wie auch immer, was haben vergangene kulinarische Höchstleistungen mit der NZZ zu tun? Ganz einfach:

«Fünf Franken pro Tag liegen drin, um klüger zu sein.»

Nun müssen aber die Interviewer kurz den Taschenrechner gezückt haben und fragen deshalb, ob denn 1800 Franken für ein Jahresabo wirklich möglich sei. Da weicht Jornod gern ins Ungefähre aus und meint, dass eine Anpassung nach oben doch realistisch sei, bei «unserem Leistungspaket».

Spätestens hier hätte ich als Mitarbeiter der NZZ echt Schiss. Denn wenn mein für Strategie und Ausrichtung des Unternehmens verantwortlicher VR-Präsident einen solchen Stuss erzählt, wie soll es denn gut enden? Die NZZ hat tatsächlich mehr Abonnenten als zum Amtsantritt Jornods, wie der erfolgsverwöhnt vermeldet. Dass das allerdings im Wesentlichen auf Gewinne von Schnupper- oder Online-Abonnements zurückzuführen ist, während die NZZ schon heute Mühe hat, über 800 Franken für das Print-Abo zu bekommen, hier deshalb die Zahlen abnehmen, warum soll sich ein VR-Präsident von solchen Kleinigkeiten die gute Laune verderben lassen.

Es gibt nur einen alternativlosen Plan A

Richtig weiche Knie bekäme ich bei der Antwort auf die Frage, ob es auch einen Plan B gebe, wenn das mit den Abos nicht klappt:

«Es gibt keinen Plan B. Wir müssen und wir werden mit unserer Strategie Erfolg haben.»

Die letzten Male, als es keinen Plan B gab und der Plan «A wie alternativlos» Erfolg haben musste, klatschte die Swissair in den Boden, und die Credit Suisse überlebte den versuchten Umbau zur Allfinanzbank nur knapp.

Da Jornod das Präsidium der NZZ nicht ganz auslastet, hat er sich vor Kurzem noch ein Pharmaunternehmen namens OM Pharma gepostet, für 435 Millionen Franken. Wie würde der 67-Jährige also sein bisheriges Lebenswerk umschreiben?

«Angefangen als Drogist, haben wir aus einen Grosshändler eine Apothekenkette gross gemacht, danach eine Pharmafirma aufgebaut und schliesslich eine Zeitung weiterentwickelt. Jetzt folgt eine Biotechfirma.»

Weiterentwicklung ist ein interpretierbares Wort

Abgesehen davon, dass sich bei CH Media die Auflösung des Korrektorats schmerzlich bemerkbar macht: Der Fehlgriff mit dem ersten CEO Veit Dengler, der Flop in Österreich, die missglückte Inthronisierung von Markus Somm, der kühne Versuch, mit weniger Angebot höhere Preise zu verlangen, das kann man man nur begrenzt als «Weiterentwicklung» verkaufen.

Aber wie Philippe Bruggisser mit seiner gescheiterten «Hunter»-Strategie, wie Lukas Mühlemann mit seiner gescheiterten Allfinanzbank-Strategie – das Schlimmste, was Jornod passieren kann, ist ein nicht so ehrenhafter Abgang. Ob ihn allerdings die NZZ überleben wird, ist zu hoffen, aber nicht ganz sicher.

Patient NZZ

Aus dem Falken wurde ein Spatz

Ähnlich wie im Sport gibt es auch im Verlagswesen drei Kategorien. Die erste Kategorie heisst Werbeumsatz, die zweite Werbeumsatz und die dritte Werbeumsatz. Ein Diplom gibt es für die Seriösesten, die Schönsten und die Tollsten.

Die NZZ hat kürzlich gleich zwei Diplome erhalten. In der Schweizer Leserschaftsstudie wurde ihr jüngst ein Wachstum von acht Prozent beglaubigt. Und im Medienqualitätsrating hat sie sich in «allen vier Qualitätsdimensionen verbessert».

Im Werbeumsatz sieht es hingegen düster aus. In der Kerngruppe hat sie 2019 über 9 Prozent weniger Werbeeinnahmen erzielt als im Vorjahr. Der Verlust beträgt fast 4,5 Millionen Franken. Und dies trotz VR-Mitglied und Werbefritze Dominique von Matt («Professor Dr. Dominique von Matt», wie der Geschäftsbericht betont).

Nicht mehr auf Augenhöhe

Früher galten  NZZ und Tamedia als ebenbürtig, zumindest in der Wahrnehmung. Ein Blick auf die Zahlen relativiert diesen Eindruck. Die NZZ erwirtschaftete letztes Jahr in der Werbung 70 Millionen Franken. Bei der TX Group sind es über eine halbe Milliarde.

Es tut weh, mitanzusehen, was die NZZ alles unternimmt, dieser Abwärtsspirale zu entkommen. Sie lässt mittlerweile Werbung auf der Frontseite zu oder versucht, im Magazin der NZZaS Störwerbung unterzubringen, die den Lesefluss empfindlich stört.

Hilft alles wenig. Das sieht man auch an der Preispolitik bei den Inseraten. Für eine Standardanzeige (Breite: 56mm, Höhe: 73mm) verlangt sie nur 350 Franken (ohne MwSt). Die BaZ verlangt für das gleiche Inserat 714 Franken, die Berner Zeitung sogar 1498 Franken.

«Zu  viel Werbung»

Früher, so geht die Kunde, sollen sich manche NZZ-Redaktoren über die viele Werbung im Blatt beschwert haben. Das war noch in der Zeit, als die Zeitung fünf Bünde hatte; nicht kümmerliche zwei.

PS: Auch bei den Abos verliert unser Patient erneut an Substanz. Aktuell verkauft er im Print nur noch 71‘861 Exemplare. Ein Verlust von 4000 im Vergleich zu 2019.

Mahaharkt-Forschung

Wenn Medienhäuser ihre Kunden analysieren wollen.

Kann man die Unfähigkeit der Medienmanager an einem schöneren Beispiel illustrieren? Kann man eigentlich nicht.

Bezüglich Abfrühstücken des Werbefrankens im Internet durch die grossen Datenkraken Google, Facebokk & Co., da können sie wenigstens noch einwenden, dass das schliesslich weltweit ein Problem sei. Nach der Devise: Wir sind vielleicht bescheuert, aber die anderen auch.

Aber dieser Einwand zieht nicht bei einem anderen Thema, auch nicht ganz unwichtig. Wer liest die Medienprodukte, wo und wie? Das kann heutzutage, unglaublich aber auch, mit drei Methoden stattfinden.

Im Print gegen Bezahlung oder gratis, im Internet gegen Bezahlung oder gratis, über News-Aufbereitungschannels oder direkt.

Wie analysiert man den versprengten Leser?

Zumindest die ersten zwei Möglichkeiten werden in der Schweiz gemessen. Aber doch nicht einfach so, sonst wäre es ja kein Marketing-Tool für Deppen.

Da gibt es mal die Untersuchung «Total Audiance – die intermediale Währungsstudie». Immerhin hat die WEMF auch schon vom Wort crossmedial gehört. Wieso dieser Verein das Ganze aber Währungsstudie nennt, ist wohl ein süsses Geheimnis.

Dann gibt es noch die MACH Basic Studie. Die misst die Reichweiten der Schweizer Medien, allerdings nur auf Print beschränkt. Warum? Darum. Oder einfach, um die Zahlen mit der Vergangenheit vergleichen zu können. Denn die Existenz des Internets wurde von der WEMF längere Zeit ignoriert. Genauer gesagt bis 2015.

Was ist im Printbereich interessant?

Im Print ist für den Laien höchstens interessant, sollte er das nicht wissen, dass seit Jahren die Coopzeitung (2,4 Millionen) vor dem Migros-Magazin (2,2 Millionen) die mit Abstand meistgelesene Zeitung der Schweiz ist; dann kommt Betty Bossi und der Drogistenstern. Erst auf den Plätzen dann Konsumentmagazine wie Ktipp oder Beobachter.

Wir sind uns aber wohl einig, dass die gesamte Leserzahl nicht uninteressant wäre. Daher eben seit 5 Jahren «Total Audiance». Vorher? Gab’s da schon Internet?

Totale Einschaltquote wird vom gleichen Triumvirat angeführt

Also, hier wird sogar noch nach Print und online aufgeschlüsselt, aber die Gesamtzahlen sind signifikant fürs Ranking. Ähnlich wie bei den Printtiteln hält sich auch hier seit Jahren (oder seit gemessen wird) ein Triumvirat auf den vorderen Plätzen. «20 Minuten», «Blick», Tamedia. «20 Minuten» knackt dabei als einziges Medium die 2-Millionen-Schwelle, der «Blick» die «Million».

Danach folgen Tages-Anzeiger und NZZ. Wobei die NZZ mit online kräftig zugelegt hat; der Tagi erreicht 602’000 Leser, die alte Tante 553’000. Die Frage ist, wieso hier Bund/Berner Zeitung separat ausgewiesen werden, obwohl sie auch zum Newsnet gehören.

Aber wie auch immer, das sind mal einigermassen realistische Zahlen. Bei den Magazinen sieht es ganz anders aus, der Beobachter schwingt mit 1,8 Millionen vor der Schweizer Illustrieren (906’000) obenaus. Wieso das, obwohl Coopzeitung und Migros-Magazin schon alleine im Print mehr Leser haben? Man soll nicht grübeln.

Medien haben immer noch im Print die meisten Leser

Schliesslich ist noch interessant, dass die meisten Medien – grosse Ausnahmen inzwischen die NZZ und «Blick» – im Print immer noch mehr Leser haben als online. Das tut auch im Kässeli gut, weil Einnahmen aus Printinseraten grösstenteils bei den Printherausgebern landen.

Aber wo der Werbemarkt deutlich wächst, das ist natürlich im Internet. Während der Werbekuchen längere Zeit gedrittelt war; je eines Print, TV/Radio und online, plus noch DM und Plakate, wird bald einmal online alleine so gross sein wie der ganze Rest zusammen.

Das heisst dann, dass online mehr als 2 Milliarden Franken umgesetzt werden. Also ausgerechnet dort, wo die meisten Medienhäuser schwach auf der Brust sind. Und sozusagen weiterhin am meisten Geld mit Dampfloks verdienen, während die Elektroloks an ihnen vorbeizischen.

Nach den Werbeeinnahmen werden die Handelsplattformen abgetischt

Noch dramatischer wird es dann, wenn die Verlage merken, dass ihre teilweise für teures Geld gekauften Handelsplattformen, Immobilienanzeiger oder Stellenportale zuerst von Google und Facebook weggeräumt werden, bevor die sich zum Endkampf gegen Alibaba rüsten.

Freude herrscht im Mediengeschäft nur noch bei den Besitzerfamilien und auf der Teppichetage. Die einen ruhen sich auf dem Vermögen aus besseren Zeiten aus. Die anderen machen ein ernstes Gesicht und tun wichtig; als ob sie in den letzten 20 Jahren eine einzige zukunftsfähige Entscheidung getroffen hätten. Was man bei diesen Salären eigentlich erwarten könnte.