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Neues aus dem Brutkasten der Demagogie

Wir hätten die «Medienwoche» schon fast abgeschrieben: Kinderkrams-Postille. Wir denken um.

Denn gerade blubberte Marko Kovic, aber gewaltig. Auf 18’500 Anschlägen rechnet er mit dem sich gerade formierenden «intellectual dark web» (IDW) auf Deutsch ab. Also mit der dunklen, rechten Seite des Denkens, also des Falschdenkens.

Dunkler jüdischer Geist: Henryk Broder.

Hier träten Exponenten auf, die zwei Dinge einen. Sie  wollten «über den Dingen stehen und all die Probleme ansprechen, die im «Mainstream»-Diskurs vermeintlich zu kurz kommen». Als ob das nicht schon schlimm genug wäre; die Mitglieder dieser «Gegenöffentlichkeit» sind voll bescheuert:

«Die wissenschaftliche Sicht auf die Gefahren von Covid-19 und auf die Wirksamkeit von Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie lehnen sie ab. Stattdessen proklamieren sie, die wahre Wahrheit zu kennen

Da irren sie aber gewaltig, denn natürlich kennt die nur Kovic himself, logo. Aber wer oder was gehört denn zu diesem deutschen IDW? Hier wird’s enttarnt: «Personen wie Milosz Matuschek, Gunnar Kaiser, Roger Köppel, Milena Preradovic, Tamara Wernli, Daniel Stricker, Henryk Broder und Plattformen wie «Die Achse des Guten», der «Nebelspalter», «Die Weltwoche», der «Schweizer Monat» bilden prominente Knotenpunkte im deutschsprachigen IDW.»

Furchtlos steigt Kovic ins Grauen hinab.

«Quasi-journalistische Meinungspublikationen bis hin zur NZZ»

Da werde eine «Echokammer der Gleichdenkenden» bespasst, echot Kovic den gleichen Vorwurf, der zwischen allen Gesinnungsgruppen hin und her geworfen wird. Zudem beklagten sich diese Exponenten des deutschsprachigen IDW darüber, dass im Rahmen einer Cancel Culture sie nicht oder nur ungenügend zu Worte kämen. Völliger Quatsch, meint Kovic, die bespielen doch die gleichen Plattformen wie er, beziehungsweise haben ihre eigenen Spielplätze: «Von «alternativen» Kanälen wie YouTube und Podcasts über quasi-journalistische Meinungspublikationen wie die «Weltwoche» oder den «Schweizer Monat» bis hin zur Neuen Zürcher Zeitung.»

Senden aus der eigenen Echokammer.

Quasi journalistische Meinungspublikation NZZ? Spätestens hier muss man sich um die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung durch Kovic ernsthaft Sorgen machen. Denn er geht den Weg nach Absurdistan unbeirrt weiter. Vor allem im Zusammenhang mit der Corona-Debatte sei bei diesen Irrläufern (meint der Irrläufer) ein weiteres Problem zu beobachten: «Eine nüchterne, ergebnisoffene und breite Auseinandersetzung mit der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz» fehle «immer». Denn «einzelne «Expertenmeinungen» wie jene der prominenten wissenschaftlichen Corona-Querdenker Beda Stadler, Wolfgang Wodarg oder Suchard Bhakdi» zählten mehr «als umfassende, systematische wissenschaftliche Übersichtsarbeiten». Die diesen «Querdenkern» natürlich allesamt unbekannt sind, sonst würden sie ja nicht quer denken, die Armen.

Kovic hingegen hat den unbestechlichen Röntgenblick:

«Unter der gekünstelten Rationalitäts-Patina verbirgt sich nämlich nicht nur eine eigentliche, oft mit Sarkasmus und Häme zelebrierte Irrationalität, sondern auch eine konservativ-reaktionäre Weltsicht.»

Könnte auch aus dem «Nebelspalter» stammen:
Kovic auf seiner Webseite (Screenshot).

Das wäre ja nun soweit eine lässliche Sünde, über die sich Kovic in seiner Echokammer zwar gewaltig aufregen darf, aber noch nicht richtig gesellschaftsgefährdend. Oder eben doch:

«Die selbsterklärten Retter:innen des rationalen Diskurses sind in Tat und Wahrheit dessen Totengräber:innen.»

Zunächst ist Kovic ein Totengräber des korrekten Gebrauchs der deutschen Sprache. Dann ist er Totengräber logischer Grundprinzipien und Regeln eines sinnvollen Diskurses: These, dann Begründung oder Herleitung. Behauptung, begründungslos oder mit absurder Unterfütterung, das ist reine Demagogie.

Kovic weiss, wer zur dunklen Seite der Macht wechselt.

Sinnlos, zwecklos, hirnlos, intellektuell anspruchslos, aber in «Republik»-Länge. Kovic will diese Stimmen einer Gruppe zuordnen, diese Gruppe in eine gemeinsame Geisteshaltung pressen, die lächerlich machen und denunzieren. In «quasi-journalistischen» Organen äusserten die unwissenschaftlichen Stuss und beschwerten sich öffentlich darüber, dass man sie öffentlich nicht genügend wahrnehme. Ein Trottelhaufen, mit anderen Worten. Lächerlich, aber gefährlich.

Der Mann in seiner Meinungsblase, in Denkerpose.

Gemach, lieber Herr Kovic, das eignete sich vielleicht als Selbstdiagnose. Nur: gefährlich, das sind Sie wirklich nicht.

 

 

 

Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.

Dödäda? Jeder hat das Recht …

Darf der das? Wer darf sich ein Bild machen, und warum? Die NZZ bläst sich auf.

Die meisten kennen das Recht am eigenen Wort. Das bedeutet, dass man versuchen kann, eine Aussage, die man einem Journalisten gegenüber gemacht hat, wieder zurückzuziehen. Das hat auch mit der unseligen Unsitte zu tun, ein Interview in verschriftlichter Form noch zu autorisieren.

Das ist im ganzen angelsächsischen Journalismus völlig unbekannt und unüblich. Da gilt: gesagt ist gesagt, wenn der Journalist das verkürzt, verzerrt oder falsch widergibt, dann gibt’s ein Riesengebrüll, also lässt er das.

Das Gleiche gilt auch für das Recht am eigenen Bild. Darüber bricht sich in der NZZ ein Schlaumeier einen ab, allerdings wählt er dafür, Künstlerpech, das falsche Beispiel.

Auf einer Glatze locken drehen, nannte das Karl Kraus.

Das Beispiel ist der Schweizer Fan, der während des Fussballspiels gegen Frankreich geradezu ikonisch litt und dann triumphierte. Da fragt die NZZ streng:

«Muss man es sich als gewöhnlicher Stadionbesucher gefallen lassen, zur Belustigung des Publikums durch die multimediale Arena gezogen zu werden?»

Dazu äussert sich NZZ-Redaktor Daniel Gerny. Pardon, Dr. iur. Gerny. Und lässt gleich die Früchte seines Studiums auf die Leser niederprasseln: «Die Persönlichkeit ist zivilrechtlich geschützt. Art. 28 des Zivilgesetzbuches (ZGB) umfasst auch das Recht am eigenen Bild. Dort heisst es: «Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, kann zu seinem Schutz gegen jeden, der an der Verletzung mitwirkt, das Gericht anrufen.»»

Wurde das der Fan, durfte man ihn so überall abbilden? «Nein – jedenfalls nicht ohne Einwilligung und nicht in dem Masse, wie es hier der Fall war.»

Wenn der Doktor nicht reicht, muss der Professor ran

Gerny versichert sich dabei noch professoraler Unterstützung, denn Doktor ist er ja selbst. So runzelt wunschgemäss auch Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht an der Universität Basel, die Stirn. Sicher dem Genderwahnsinn geschuldet ist dies hier: Regina E. Aebi-Müller, Professorin für Privatrecht an der Universität Luzern: «Schon wenn der gleiche Fan in einem Spiel aber mehrfach gezeigt werde, werde es heikel.»

Hops, ist der nun nochmal verletzt?

Aebi-Müller hat noch weitere brandheisse juristische und sonstige Erkenntnisse auf Lager: ««Das Internet vergisst nicht», betont Aebi-Müller. Es bestehe deshalb durchaus ein Interesse daran, dass eindeutig inkriminierende Fotos schnell vom Netz genommen würden. «Ist damit zu rechnen, lohnt es sich unter Umständen, einen versierten Medienanwalt zu nehmen.»»

Entweder ist das mal wieder weibliche Logik, oder es ist Unsinn. Wir wagen da kein Urteil. Nur: Wenn und da das Internet nichts vergisst – was mal hochgeladen wurde, verschwindet nicht mehr –, ist es eher Beschäftigungstherapie für zwar versierte, aber nicht ausgelastete Medienanwälte, hier tätig zu werden.

Zweite Verletzung?

Abgesehen davon: wenn sich jemand in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt, dann hat er im Prinzip Anrecht auf Schadensersatz. Nur: wo soll er den geltend machen, und wie lässt sich der beziffern? Das gilt auch für die sogenannte Gewinnherausgabe. Also die Forderung, dass alle Medien, die widerrechtlich dieses Bild verwendeten, den damit erzielten Gewinn herausgeben müssen.

Wie kann man die Höhe einer Gewinnherausgabe berechnen?

Nur, wie nicht nur Jolanda Spiess-Hegglin schmerzlich erfährt, wie kann man diesen Gewinn überhaupt berechnen? Hat Ringier tatsächlich eine runde Million an seiner Berichterstattung über die Zuger Affäre verdient? Oder höchstens 10’000 Franken?

Also gerät Gerny überall an «schwierig, aufwendig, beinahe aussichtslos». Was alleine schon die Frage provoziert: und wieso darauf kostbaren Platz in der NZZ verschwenden? Um einfach mal seinen Ius-Doktortitel spazieren zu führen? Die Frage verdichtet sich zur Gewissheit und Antwort, als sich Gerny gegen Schluss noch selbst ins Knie schiesst, um das mal juristisch sauber auszudrücken:

«Inzwischen hat sich der Schweizer Fan im «Blick» geäussert. Aus seiner plötzlichen Bekanntheit mache er sich nicht viel, denn er wisse, dass diese von kurzer Dauer sei. Man kann dies als konkludentes Verhalten sehen – als unausgesprochene Einwilligung in die Veröffentlichung der Bilder.»

Damit ist nun endgültig die Luft raus. Der Betroffene findet das offenbar gerade kein Problem, er fühlt sich also nicht «verletzt». Weshalb das ganze aufgeregte Geschreibe an der Grundvoraussetzung scheitert, dass nämlich ein Rechtsträger sich verletzt fühlt; wem etwas egal ist (oder wer es sogar toll findet), der ist eben nicht «verletzt».

Aber solche Erkenntnisse scheinen Gerny aus dem Hinterkopf gefallen zu sein; ist ja schon ein paar Jährchen her seit seinem Studium. Und wer den Titel hat, der hat ihn. Man kann ihn sich auch nicht wegschreiben. Leider.

NZZ: Textromanza!

Weniger Fotos, mehr Buchstaben. Aber auch die NZZ war schon mal von höherem Niveau geprägt.

Gut, wir wollen zuerst die Latte mal richtig hoch legen:

«Philosophiegeschichtlich kompetent konstruierte Butler den argumentativen Bogen des eigenen Theorie-Entwurfs aus Elementen der Werke von Hegel («Verkörperung»), den sie in Heidelberg studiert und in Yale zum Thema ihrer Doktorarbeit gemacht hatte, John L. Austin («Rollen»), Michel Foucault («diskursiver Widerstand») und Jacques Derrida («Aufhebung binärer Unterscheidungen»).»

Diskursiv könnte man einwenden, dass man natürlich Habermas nicht unerwähnt lassen kann, und ich persönlich finde immer, ein Sprutz Luhmannsche Systemtheorie hat noch keinem Schwulstschwatzen geschadet. Aber das mag Geschmacksache sein.

Man muss da sowohl die Relationen wahren wie auch die Prioritäten klar setzen. Biden, Bundesrat, Kampfjets. War da noch was? Ach ja, wie hiess der Zwerg schon wieder? Putin? Der war irgendwie auch noch da.

 

Was macht man als NZZ, wenn gerade der Freisinn mit seiner neuen Klima- und Umweltpolitik baden gegangen ist und eine neue Parteispitze braucht? Logo, einfach nicht drüber reden, sondern ein schlaumeierisches Einerseits-Andererseits ins Blatt sossen.

 

Was macht man als NZZ, wenn sie die Ausgrenzung von sexuellen Minderheiten in Ungarn an den Pranger stellt? Dabei auch den «Weltfamilienkongress» erwähnt, aber statt diese Dunkelkammer auszuleuchten, lieber der Unsitte frönt, riesige, aber aussagelose Fotografien auf die Seite zu hebeln?

Dabei würde es sich durchaus lohnen, diese Fanatiker mal genauer anzuschauen. Statt es bei Orbán-Bashing bewenden zu lassen.

 

Nachdem die NZZ das als Altersfurz eines Radiopioniers abtat, legt sie sich auch hier kommentarlos in eine enge Kurve. Tut so, als sei die Aussage des Titels der geheime Wunsch von Roger Schawinski gewesen. Auch nicht gerade souverän.

Aber, immerhin gibt es noch das Feuilleton. Und wenn selbst dem Feuilleton nicht wirklich was einfällt, dann denken wir wieder gemeinsam darüber nach, ob Nero wirklich so ein schlimmer Finger war – oder ein frühes Opfer von Fake News und übler Nachrede.

Ex-Press XXXIX

Blasen aus dem Mediensumpf.

Zugegeben, das Pfingswochenende war – publizistisch gesehen – ein rechter Reinfall. Zu weltbewegenden Ereignissen gehörte bereits ein Stau vor dem Gotthard. Das sagt wohl alles, mit welcher Qual die Journaille sich Themen aus dem Nichts backen musste.

Besonders hart erwischt hat des diesmal den «Blick»:

Die medizinische Fachzeitschrift versucht verzweifelt, aus diesem Thema noch die letzten Serumstropfen rauszulutschen.

Das hingegen ist nicht nur ein Primeur, sondern trifft voll ins Schwarze; bzw. Braune, bzw. Gefleckte. So können und wollen wir uns die Schweiz nicht vorstellen. Ohne vierbeinige – und auch zweibeinige – Kühe, das geht einfach nicht. Wie soll es da noch Schweizer Milchschokolade geben? Wer kaut Alpwiesen nieder? Wie soll man Eidgenossen dann weiter als Kuhschweizer beschimpfen können? Da würde ein Stück Identität wegbrechen.

Vielleicht waren wir doch etwas vorschnell mit dem Urteil, dass der «Blick» nicht unbedingt für Intellektuelle gemacht werde. Denn:

«Ein materiell bestens ausgestattetes Milieu versucht, seine Meinungsherrschaft zu zementieren und die einfachen Menschen maternalistisch-paternalistisch mit sozialen Wohltaten zu sedieren, auf dass man beim Lenken nicht gestört werde durch gemeines Volk.»

Öhm. Dunkel bleibt der Sinn von dem, was die zementierte Meinungsherrschaft bei Ringier, nämlich Frank A. Meyer, nebenbei auch materiell bestens ausgestattet, dem gemeinen Volk hier sagen will. Zumindest eines ist klar: Ringiers Hausgespenst käme nie auf die Idee, mit sozialen Wohltaten zu sedieren. Es arbeitet eher mit sedierenden Wortkaskaden.

Oder ist das ein erster Ausdruck einer neuen Linie, die die «NZZ am Sonntag» so beschreibt: «Der «Blick» wird sensibel. Die Chefredaktion setzt auf Journalismus mit weniger Crime.» Echt jetzt, die einzige Boulevardzeitung der Welt mit eingebautem Regenrohr will auf ihre alten Tage endgültig Abstand nehmen vom alten Erfolgsrezept: «Blut, Busen, Büsi?»

Solchen Themen widmet sich immer häufiger und lieber hingegen die NZZ. Immerhin macht sie dem «Blick» vor, wie man schon im Titel eines Artikels eigentlich alles Wesentliche sagen kann:

«Hat eine junge Klimaaktivistin versucht, einen Zürcher Stadtpolizisten zu beissen? Weshalb noch kein Urteil gefällt wird»

Allerdings steht doch zu befürchten, dass den niveaumässig höhergelegte Leser der NZZ weder das eine noch das andere interessiert.

Was wäre eine Ausgabe von Ex-Press ohne den Lachschlager eines Zitats des «Republik»- Chefredaktors Christof Moser? Richtig, so langweilig wie die «Republik» wäre es:

«Wir sind nicht am Ziel, jetzt steht gerade das Fundament. Und nicht Behäbigkeit ist die Gefahr, sondern Erschöpfung. Eine der häufigsten Todes­ursachen für junge Unternehmen ist der Kollaps im dritten, vierten Jahr, wenn die Mitarbeiterinnen wieder ein Privat­leben haben wollen.»

Wirklich wahr jetzt; Erschöpfung, man musste bislang auf ein Privatleben verzichten? Um mit 50 Nasen und 6 Mio. Budget schlappe 18 Artikel pro Woche rauszuhauen? Wobei das nicht nur für exorbitante interne Löhne, sondern auch für den Zukauf vieler Artikel verwendet wird, damit keine Burn-outs entstehen?

Damit hat’s Moser natürlich wieder provoziert, wir lassen die Luft aus seinen Wortblasen. Vom 21. bis 24. Mai hat das Organ in diesen vier Tagen seine Verlegerschaft und seine Millionenspender mit 13 Schriftwerken erfreut. Es bitzeli mehr als 3 am Tag, hörte sich doch gut an. Aber nur, wenn man die Sache so oberflächlich betrachtet wie diese Zeitschrift alles. Denn:

Darunter ist eine Bildbetrachtung, auf die ein Primarschüler stolz sein könnte. Dann gibt es einen Kommentar der schreibenden Schmachtlocke, und das kann ja nicht ernsthaft zu Journalismus zählen. Zudem 2 Nachrichtenbriefings und 3 Inhaltsangaben, die mehr oder weniger langfädig dem Leser auch mal auf 15’000 Anschlägen erklären, was er nun zu lesen bekommt. Plus einen Leseraufruf (das hat man «watson» abgeguckt): Wie viele Punkte geben Sie dem Eurovision Song Contest?

Also bleiben von den 13 Stück, Moment, kurz rechnen, 6 Artikel in 4 Tagen. Aber immerhin, das ist erstens mehr als einer pro Tag. Zweitens ist es bei dieser übermenschlichen Leistung von 50 auf jedes Privateben verzichtenden Mitarbeitern eher unwahrscheinlich, dass jemand an Erschöpfung sterben könnte. Allerdings sieht das bei der Leserschaft vielleicht anders aus.

Aber, nachdem sich der «Tages-Anzeiger» vorgenommen hat, auf allen Hierarchiestufen eine Frauenquote von 40 Prozent einzuführen, es ist verständlich, dass die kritischen Artikel (ausser natürlich die reflexhaft in der Gesinnungsblase geblubberten) rar werden. Dafür soll eine Datenanalyse gezeigt haben, dass seit dieser Ansage der Suchbegriff «Geschlechtsumwandlung» deutlich häufiger gegoogelt wurde. Dafür hat aber der Konsum von Pornoseiten deutlich nachgelassen.

Aber es werden doch immer mal wieder Zeichen gesetzt, Fanale, Forderungen aufgestellt, böse die Stirne gerunzelt:

«Es kann nicht sein, dass Urs Rohner über 40 Millionen Franken bekommen hat und am Ende die Credit Suisse in einem solch desolaten Zustand hinterlässt, ohne dass dies Konsequenzen für ihn hätte»,

sagt Christoph Gloor, Bankier und ehemaliger Präsident der Vereinigung Schweizerischer Privatbanken, dem «Tages-Anzeiger». Leider muss man erwidern: doch.

Keule Kurzarbeit: falsch abgebogen

Wenn Medien an mehr als einem Staatstropf hängen, wird’s ganz düster.

Mit lautem Gejammer und Gequengel, mit der Verwandlung in sehr obrigkeitshörige Verlautbarungsorgane kassieren die Schweizer Medien immer mehr Staatsknete. In Form von Subventionierung – und in Form von Kurzarbeitsunterstützung.

Wieso beispielsweise der Gebührenfunk SRG nebst obligatorischen Abgaben auch noch Kurzarbeitsgelder erhält, gehört zu den befremdlicheren Massnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Natürlich bekommen auch die grossen privaten Medienkonzerne Kurzarbeitsgelder.

So mutig sie sonst immer für Transparenz in allen Lebenslagen sind; ausser ZACKBUM hat sich kein anderes Medium gross dafür interessiert, wer wie viel und warum abkassiert. Bei aller Konkurrenz zwischen den überlebenden Vier, weder das Wanner-Imperium, noch Tamedia, weder Ringier noch NZZ haben grosse Lust, auf diesem Gebiet dem anderen an den Karren zu fahren.

Wie geht das mit Kurzarbeit im Journalismus?

Denn gerade im Journalismus ist Kurzarbeit so eine Sache. Das Prinzip ist zwar klar. Wenn ein mit einem Pensum von 40 Wochenstunden angestellter Redaktor auf 80 Prozent Kurzarbeit runtergestuhlt wird, muss er nach 5 Arbeitsstunden den Griffel fallen lassen und nach Hause gehen.

Das mag in der Erbsenzählerei und anderen eher eintönigen Berufen kein Problem darstellen. Wobei natürlich überall die latente Gefahr lauert, dass der Arbeitgeber mit seinem Mitarbeiter eine bilaterale Vereinbarung trifft. Offiziell ist nach 5 Stunden Schluss, inoffiziell wird ganz normal weitergearbeitet. Das ist reiner Beschiss und strafbar. Aber wie nachweisbar?

Im Journalismus kommt noch erschwerend hinzu, dass normalerweise kein Stückgut abgeliefert wird. Es ist vielfach unvorhersehbar, wann eine Recherche zum Abschluss kommt. Es ist kaum vorstellbar, dass der Redaktor fast am Ziel ist, auf die Uhr schaut und sagt: oh, blöd, bin schon fünf Minuten über meinem Pensum, da geht’s dann erst nächste Woche weiter.

Andererseits ist es in der so klatschsüchtigen Branche fast unmöglich, flächendeckend solche Betrugsmodelle durchzuziehen. Wie genau allerdings die Abgrenzung zwischen erlaubter Arbeitszeit und zumindest einer Grauzone funktioniert, nun ja. Deshalb sind auch die Fälle eher selten, dass ein Medium einem anderen in die Suppe spucken will und es die Konkurrenz mit Missbrauchsvorwürfen attackiert.

Wenn es einen Flop zu landen gilt, ist die «Republik» zur Stelle

Die Ausnahme von der Regel ist natürlich die «Republik». Die pinkelte in einer ihrer grossen «Recherchen» das Newsportal nau.ch an. Das war im Juli 2020, das Verleumdungsportal unterstellte dem ganz nach vorne vorstossenden neuen News-Portal, es habe zu «mutmasslich unerlaubte Handlungen motiviert». Was man halt so schreibt, damit der Hausanwalt zwar mit dem Kopf wackelt, die – Überraschung – nur durch anonyme Denunzianten belegte Behauptung aber durchwinkt. Die «Republik» warf nau.ch vor, dass es seine Mitarbeiter dazu «motivierte», als Komplizen bei einem Beschiss bezüglich Kurzarbeit mitzumachen. Aber, sonst wär’s ja nicht die «Republik», auch dieser «Skandal» implodierte. Verröchelte. Wie immer erwiesen sich die Behauptungen ehemaliger Mitarbeiter, die nicht friedlich geschieden waren, als völlig haltlos. Wieso es den Verlegern der «Republik» noch nicht aufgefallen ist, dass bis heute alle, ausnahmslos alle dieser «Skandale» implodierten? Niemals mehr als ein weiterer verzweifelter Versuch waren, nach Aufmerksamkeit zu gieren, um dann auf das schnelle Vergessen zu hoffen?

Jetzt auch noch «Inside Paradeplatz»?

Überraschenderweise macht neuerdings auch «Inside Paradeplatz» bei diesem Dreckwerfen mit. Ein noch nie in Erscheinung getretener Lukas Elser, Redaktor bei den «Zürcher Oberland Medien», packt den Zweihänder gegen «20 Minuten» aus:

«Die Medienriesen machen gerne die Hand auf, wenn es um staatliche Subventionen geht. Dabei ist zweifelhaft, ob man sich in Sachen Kurzarbeit korrekt verhält.»

Eher peinlich ist dann, dass Elser nicht so sicher ist, mit welcher Prozentzahl da Aktionariat wann einer Dividendenausschüttung zugestimmt habe. Schon kurz nach Publikation dieses Sammelsuriums von Behauptungen, Unterstellungen und Andeutungen musste IP nach kräftigem Räuspern des Geschäftsführeres von «20 Minuten» recht Federn lassen und die meisten der Behauptungen abtemperieren, korrigieren oder windelweich umformulieren.

In schlechtester «Republik»-Manier arbeitet auch Elser mit einem «Insider»: «Die erlaubte Arbeitszeit wurde regelmässig überschritten. Zahlreiche Teams arbeiteten deutlich mehr, teilweise 100 Prozent oder sogar darüber, weil Corona Stoff zuhauf lieferte», behauptet der. Was halt eine anonyme Quelle so plappert. Nicht nachprüfbar, aber mal rufschädigend. In solchen Fällen könnte es ungemein helfen, einen Verantwortlichen um Stellung zu bitten. Das unterlässt der wohl noch die Grundlagen des Artikelschreibens üben müssende Redaktor wohlweisslich. Er gibt Marcel Kohler zwar Gelegenheit, ein dem in den Mund gelegtes Quote zu bestreiten.

Thesenjournalismus mit Scheuklappen

Aber der Geschäftsführer von «20 Minuten» hätte sicher auch gerne einiges Weitere richtiggestellt – wenn das dem Thesenjournalismus von Elser nicht um Wege gestanden wäre. Deshalb geben wir Kohler hier gerne Gelegenheit, auf unsere Fragen zu replizieren.

«Der Artikel, der heute auf Inside Paradeplatz publiziert wurde, enthält offensichtliche Fehler.

Im Jahr 2020 (April bis Dezember) hat das Unternehmen insgesamt, also Verlag und Redaktion zusammen, rund 20 Prozent Kurzarbeitsentschädigung bezogen. Die Redaktion lag durchschnittlich deutlich tiefer, weil es aufgrund von Corona ein hohes Informationsbedürfnis bei unseren Nutzer*innen gab. Die Kurzarbeit wurde gestaffelt organisiert, dh. es gab einen prozentual höheren Anteil Kurzarbeit im Verlag sowie bei den Ressorts, bei denen es aufgrund der Corona-Massnahmen weniger zu berichten gab, wie beispielsweise den Lokalressorts oder bei der Eventberichterstattung. Während der ganzen Phase der Kurzarbeit hat 20 Minuten den Lohn aller Mitarbeitenden auf 100 Prozent ausgeglichen.»

Damit wäre der Mist geführt. Es kommt noch hinzu, dass es sicherlich nicht gelungen wäre, flächendeckend bei der Kurzarbeit zu bescheissen. Der nächste im Unfrieden gegangene Redaktor würde dann das Gleiche herumtrompeten wie dieser anonyme Denunziant. Nur wäre das dann auch belegbar.

Richtig schmutzig wird aber das Geschäft von Elser mit dieser Fiesigkeit: «Als die «Republik» im Sommer über Kurzarbeits-Verletzungen beim Nachrichtenportal Nau.ch berichtet habe, sei bei den Verantwortlichen von 20 Minuten Nervosität ausgebrochen», soll der «Insider» behauptet haben.

Mit Scheuklappen und Untergriffen

Wenn Elser ihn nicht erfunden hat, mag das so sein. Allerdings wäre es redlich gewesen, wenn Elser darauf hingewiesen hätte, dass die «Republik» damals, genau wie Elser, lediglich anonyme Denunziationen kolportiert hatte, keinesfalls über laut Elser «Kurzarbeits-Verletzungen berichtete». Denn es gab sie nicht.

Aber Elser will nicht lockerlassen: «Der Fall von Nau.ch soll derweil vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) untersucht worden sein.» Das ist nun wieder echter Schweinejournalismus, leider ausserhalb der «Republik» und auf IP. Der widerliche Gebrauch des Modalverbs «soll», die Behauptung einer Untersuchung, die als Indiz für unrechtmässiges Verhalten dienen soll. Ob sie stattgefunden hat oder nicht, ist nicht bekannt.

Bekannt wäre aber geworden, wenn das Seco tatsächlich auf Missstände gestossen wäre. In einem anständigen Journalismus ginge so etwas nicht. Das ist Schmiere; das ist wie: Ein «Insider» wirft Lukas Hässig vor, dass der beschissen haben soll. Anscheinend habe sogar das Seco eine Untersuchung durchgeführt. Resultat noch offen, aber wo Rauch ist, ist sicher auch Feuer.

Was Elser dazu motiviert hat, diese unbelegten Verleumdungen rauszupusten, der Gerechtigkeit halber noch ergänzt mit einem ähnlichen Anwurf Richtung Ringier? Man weiss es nicht, man will es angesichts dieser kläglichen Leistung auch gar nicht wissen.

Aber lieber Lukas Hässig, lass dir von solchen Tieffliegern nicht das Renommee deiner Plattform beschädigen. Dafür hast du zu lange und zu hart gearbeitet.

 

 

Es darf gelacht werden: Diesmal zum Muttertag

Er ist – wie der Valentinstag – im Kalender aller Floristen rot angestrichen. Und die arme Journaille muss sich jedes Jahr aufs Neue einen abbrechen.

Denn es ist doch so: Wir alle haben Mütter. Die meisten von uns kennen sie sogar. Bei Vätern ist das schon so eine Sache. Und denen (einen Vatertag gibt’s natürlich auch) gedenkt man weltweit am zweiten Sonntag im Mai. Ausser in England, die wollen halt immer einen Sonderzug, da ist’s der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Weil die Mütter da nicht kochen müssen? Die spinnen, die Engländer.

Aber zurück zu ernsteren Würdigungen. Zur Verteidigung des Tages als solcher wirft sich die NZZ in die Bresche, in die Schlacht: «Jetzt gehen sie auf die Mutter los». Aber nicht mit uns, sagt die alte Tante rabiat und kampfeslustig wie selten.

Was brechen sich die anderen Sonntagsblätter ab, nachdem der Blattmacher melancholisch in die Runde fragte: Also, wer will sich den Pulitzerpreis holen, indem er eine neue Story zum Muttertag erfindet?

Ein bunter Strauss zum Muttertag …

Die Ergebnisse sind durchaus vielfältig, wenn auch nicht alle originell. Die «Sonntagszeitung» probiert’s mit:

«Wenn man Kinder mehrheitlich ohne Partner grosszieht, bleibt das Liebesleben oft auf der Strecke. Vier Single-Mütter erzählen, was sie beim Dating erleben»

Kann man machen, muss man nicht. Hat man schon. Kann man auch wieder machen. Machen andere auch (siehe weiter unten).

An eine andere Lösung des Dating-Problems erinnert das Schweizer Farbfernsehen SRF: «Vor zwanzig Jahren wurde das erste Babyfenster der Schweiz eröffnet.»

Der «Sonntags Blick» (auch mit Regenrohr) erteilt seiner Kolumnistin Milena Moser das Wort, das kann nicht gutgehen: «Seit einem Jahr drehen sich meine romantischen Fantasien um die Ankunftshalle im Zürcher Flughafen und meine Söhne. Jetzt hat sich dieser Wunsch erfüllt.»

Öhm. Der Wunsch einer romantischen Fantasie hat sich erfüllt? Das hat auch noch niemand der Ankunftshalle dargeboten. Leider versteht das weder der Flughafen Zürich, noch der Leser. Vielleicht die romantischen Fantasien, die sich um ihre Söhne drehen? Müssen wir da an Oedipus denken (Frau Zukker, das war, aber lassen wir das)? Na, wir verlassen den SoBli so schnell wie möglich.

Und retten uns in den «Berner Oberländer»: «So vieles ist derzeit anders – und doch bleibt eines gleich: Die erblühende Natur sorgt für ein schönes Stück Vertrautheit, schreibt Martin Leuenberger.» Das ist so unfassbar wahr und tief. Das geht nur in einem «Wort zum Sonntag», das dem «Maien- und Muttertag» gewidmet ist. Denn auch Gottesmänner haben eine Mutter. Auch katholische; die haben allerdings keine Frau, aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Noch mehr welke Blumen aus dem Muttertagsstrauss

Was macht «watson.ch» aus diesem Thema? Soll das eine ernstgemeinte Frage sein? «Weil wir alle das beste Mami der Welt haben: Die 18 lustigsten Mutter-Tweets». Zum Beispiel? Nein, das kann definitiv keine ernstgemeinte Frage sein.

Prosaischer geht es «20 Minuten» an: «Bis zu 28 Grad erwartet – Perfektes Wetter für den Muttertags-Brunch auf der Terrasse.» Wir fragen uns nur: wer keine Terrasse hat, was macht denn der? Noch neutraler ist nur nau.ch: «Sommerliches Wetter: Schweiz knackt am Muttertag die 25-Grad-Marke.»

Nun ja, allerdings lässt es nau.ch nicht bei einem Sonntagsbrunch oder Blumensträussen bewenden; das Online-Organ hat sein Ohr ganz nah am weiblichen Unterleib:

«Umfrage zum Muttertag: Schweizer Single-Mamis wollen Sex-Abenteuer».

Na, das war in den Anfangszeiten des Muttertags aber noch anders, da wäre die Heilsarmee energisch eingeschritten.

Echten Lokaljournalismus betreibt hingegen der «Landbote»: «Run auf Blumen in Wiesendangen: Aus Liebe zum Mami standen manche schon sehr früh auf».

Besinnliches am Schluss; kath.ch wirft eine weitere, entscheidende Frage auf:

«Der Muttertag ist kein katholischer Feiertag. Soll ihn die katholische Kirche in den Gottesdiensten trotzdem aufgreifen?»

Es erteilt, der Herr ist gross, zwei Katholikinnen dazu das Wort, obwohl die in den Gottesdiensten doch ruhig bleiben müssen. Obwohl sie fordern:

«Der Muttertag soll ein Tag der Umkehr sein.»

Was immer sie uns damit sagen wollen. Wir haben fertig.

 

 

 

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert VIII

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute: weniger Kontrolle, mehr Stuss.

 

Fragen hat der Tagi …

Ein Astronaut, ein Raumfahrtkenner. Mehr braucht es nicht, um einen Raketenabsturz zu erklären. Besonders gespannt ist der Laie auf die Beantwortung der Frage, was denn ein «missglückter Raketenabsturz» sein mag. Aber noch wichtiger: was ist dann ein geglückter Absturz?

 

Echter Nutzwert mit «Blick»

Die einzige Zeitung mit Regenrohr im Titel ging der Frage nach, wie gespart werden kann. Reporter und Wirtschaftsspezialist Marc Iseli recherchierte gnadenlos. Fand aber heraus, dass er nichts herausfand. Nun gäbe es drei Möglichkeiten. Die Story wird gespült, war nix. Iseli wird nochmal losgeschickt. Oder aber, Variante drei:

Problem gelöst. Passt der Artikel nicht zum Titel, muss einer von beiden weichen. Artikel umfangreich und schwierig, Titel leicht und einfach. Klare Sache.

Auch die NZZ …

Das Blatt der tiefen Nachdenke und der zurückhaltenden Sprache, das gerne ein Erdbeben als tektonische Verwerfung bezeichnen möchte, wird doch langsam lockerer im Gelenk. Und schreibt über die Verwendung des «N-Worts» in den USA: «Wer als Weisser «Nigger» sagt, ist erledigt.» In der schwarzen Hip-Hop-Szene werde das «explosivste Wort Amerikas» aber «geradezu obsessiv» verwendet. Was soll da der arme «Black lives matter»-Unterstützer in der Schweiz damit anfangen? Der hat «Nigger» gesagt, dieser Rassist, Unmensch, Hetzer. Oh, es handelt sich um einen schwarzen Hip-Hop-Performer? Ähm, dann ist es eine offensive Aneignung, um ein Schimpfwort zu entwaffnen. Oder so.

Rechtzeitig zum Muttertag macht sich die NZZ für diesen Begriff stark. Muss sie das? Aber sicher, denn wenn der Sprachreinigungswahnsinn endemisch wird, dann ist nichts mehr vor ihm sicher. Nicht mal Mama.

 

Sprachschule mit «20 Minuten»

Die gute Nachricht ist: Dieser Donnerstag war doch eher ereignisarm. Abgesehen davon, dass «exklusive Nacktfotos» geleakt wurden. Immerhin waren es diesmal keine Geschäftsgeheimnisse. Und die Bestohlene reagiert auch cool:

Zumindest ZACKBUM lernt ein neues Wort, das wir aber auch gleich wieder vergessen wollen.

Hier die neuste Fortsetzung bei «watson»

Nach all den Serien mit «-Porn» am Schluss, ist man hierfür natürlich dankbar:

So cute das auch sein mag (schnell Hand hoch: wer versteht den Begriff? Aha, und wie viele verstehen ihn, wenn wir uns den «watson»-Leser vorstellen? Aha), was ist hier schon wieder der Newswert? Der Nutzwert? Überhaupt ein Wert? Ach so, «watson» ist gratis, stimmt.

Nach «watson» kann nur noch die «Republik» kommen

Wir sind ja verständig und geben eins ums andere Mal zu, dass 50 Nasen und 6 Kisten im Jahr viel zu knapp dafür sind, jeden Tag wie versprochen drei Artikel rauszuhauen. Oder wenn, dann kann das natürlich nicht alles die Redaktion leisten. Glücklicherweise gibt es genügend Gastautoren, die gerne in die klaffenden Lücken springen.

Hier sehen wir ein idealtypisches Zusammentreffen für das Online-Magazin. Das rasend spannende Thema «Muttertag». Das einen jedes Jahr aufs Neue aus dem Hinterhalt anspringt. Ein Gastautor (rechts unten im Bild), der nostalgisch 50 Jahre zurückgeht (als das Frauenstimmrecht endlich eingeführt wurde!). Das nennt man dann «persönlicher Essay». Persönlich mag’s ja sein, aber Essay? Die Bemerkung «heiss heute», bezeichnet man wohl auch nicht als meteorologische Analyse.

Aber völlig unakzeptabel ist: Der Schreibende, also der/die/das Autor*In** ist ein Mann. Roland Jurczok ist sein Name, er soll «zu den Spoken-Word-Pionieren der Schweiz» gehören. Schon wieder ein literarischer Muskel, der ZACKBUM völlig entgangen ist. Bislang. Was wir aber weiterhin so halten wollen. Denn für das Lesen einer schnarchlangweiligen Beschreibung eines Besuchs bei Mama ist das Leben eigentlich zu kurz. Obwohl der Essay mit 13’561 Anschlägen geradezu ein Kurzsprint ist.

Blasen, Blähungen, Geblubber

Die Credit Suisse hat ihre GV abgehalten. Die NZZ bringt ein grosses Interview – mit dem UBS-CEO.

Das ist ganz grosses Kino, für einmal aus der NZZ. Wie kann man zum Ausdruck bringen, dass es über die Credit Suisse wirklich nichts zu berichten gibt, obwohl dort diverse Verwaltungsräte zurückgetreten sind, der neue CEO bereits ums Überleben kämpft?

Mit harscher Kritik, mahnenden Worten, die über einen «ordnungspolitischen Zwischenruf» hinausgehen? Nein, das wäre nicht die feine Art. Die feine Art ist: die NZZ bringt ein grosses Interview mit UBS-Chef Ralph Hamers.

Das ist auch schon die gute Nachricht. Denn Hamers hat sich mit einer Videobotschaft an seine Untergebenen gewandt. Das sieht «Inside Paradeplatz» so:

Kindergarten, Märchenstunde, dazu noch falsch gekleidet. Setzen, Schnauze. Sagt Lukas Hässig. Das sieht die NZZ nun entschieden anders: Hamers habe «erste Eckwerte der künftigen Strategie seiner Bank präsentiert».

Aber erfahrende NZZ-Leser wissen: Wenn das Titel-Quote lautet: «Wir wurden schon dafür kritisiert, zu konservativ zu sein», dann muss man sich auf das Schlimmste gefasst machen. Auf gähnende Langeweile. Und so ist es dann auch.

Wir fragen, was Sie wollen. Sie antworten, was Sie wollen

Wie ist es denn so nach 8 Monaten UBS? Diese Frage wird gestellt, die Fortsetzung nicht: in denen man von Ihnen nichts hörte, ausser das Gurgeln von vielen Millionen, die in Sie hineingeflossen sind. Deshalb kann Hamers auch ein Märchen aus 1001-Nacht erzählen:

«Von aussen professionell, solide, manchmal vielleicht etwas kühl», wirke die Bank, «von innen strahlt sie viel mehr Wärme aus.»

Echt jetzt?

Spricht Hamers von seinen Erfahrungen in der Männergruppe «lernen zu weinen?» Oder von einer Grossbank, die nur sagen kann: den Kollegen drüben von der CS geht’s noch dreckiger? Und die haben immerhin einen neuen VR-Präsidenten gekriegt. Unserer nimmt nur an Umfang zu, nicht an Bedeutung.

Wie sieht’s denn technologisch bei der UBS aus, fragt die NZZ. Und fügt nicht hinzu, wie die Bank denn das in der Finanzbranche übliche Problem schaukle, dass so viele Systeme nebeneinander laufen, aneinander genäht wurden, dass längst pensionierte Programmierer sich ein nettes Zubrot verdienen, weil ausser ihnen uralte Sprachen nicht mehr beherrscht.

Deshalb kann Hamers aus dem Stehsatz, Pardon, aus dem Stehgreif antworten: «Operativ gut unterwegs, Digitalisierung Schritt für Schritt voranbringen, stehen nicht unter Druck.» Nun kommen sicher Nachfragen. Block Chain, Cryptowährungen, eigene Währungen von Grosskonzernen, teure Flops mit eigenen, kontaktlosen Zahlungssystemen? Kniefall vor Apple Pay? Ach was, die NZZ möchte doch nicht, dass Hamers gegelte Langhaarfrisur in Unordnung gerät.

Konkrete Ziele? Was ist das, kann man das essen?

Stattdessen giesst die Zeitung die Tatsache, dass Hamers keine einzige Zahl in seinem ersten Auftritt nannte, in die vornehme Frage: «Warum haben Sie sich bisher mit konkreten Finanzzielen zurückgehalten?» Pandemie, «Strategie weiter konkretisieren», und nun kommt wirklich ein Satz, den man unbedingt in die eiserne Reserve von Nonsens-Gequatsche aufnehmen sollte:

«Wir wissen zwar, dass wir das, was wir bereits heute tun, auch morgen tun wollen – aber besser.»

Statt sich vor Lachen auf die Schenkel zu klopfen und mal nachzuhaken, fragt die NZZ nur scheu, was denn noch an Plänen fehle. «Wenn Sie beispielsweise in Asien schneller wachsen wollen, spielt China eine wichtige Rolle.» Auch ein Satz von monumentaler Flachheit. Wenn sie gross und stark werden wollen, spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Und dafür kriegt man wirklich Millionen nachgeschmissen?

Dann geht die NZZ gnadenlos an die heissen Themen. Archegos? «Wir sind von dieser Situation auch enttäuscht.» Was ging denn schief? «Das schauen wir uns jetzt genau an. Offensichtlich ging etwas schief.» Das Offensichtliche gelassen aussprechen, das muss man auch erst mal bringen.

Modern, gebürsteter Stahl, gegelte Haare, Pochettli statt Krawatte. Aber der Inhalt?

So plätschert es dahin, gehen Ruf und Reputation von Hamers und der NZZ gemeinsam in den Orkus. Ganz am Schluss erlaubt sich das Blatt noch «eine persönliche Frage». Wie stehe es denn mit der Wiederaufnahme des Geldwäschereiverfahrens in Holland? Da war Hamers immerhin CEO einer Bank, die die grösste Busse aller Zeiten in Holland zahlen musste. Und will von nichts gewusst haben. In der Bio-Box «Der digitale Niederländer» wird seine Tätigkeit für die ING ausführlich geschildert, dieses kleine Detail grosszügig ausgelassen. Die ING musste ja nur eine Busse von 775 Millionen Euro auf den Tisch legen. Peanuts für die UBS.

Blasen, Blähungen, Geblubber. Aber Werte.

Was sagt Hamers? «Voll und ganz zusammengearbeitet, nach bestem Wissen und Gewissen, konzentriere mich auf meine Arbeit bei der UBS». Einfühlsam will die NZZ dem durch diese unverschämt kritische Frage vielleicht angefassten Hamers noch die Gelegenheit für ein goldenes Schlusswort geben; was werde denn in fünf Jahren gleich sein wie heute?

«Die Swissness. Swissness steht für Stärke, für Vertrauen, für Zuverlässigkeit. Diese Werte sind und bleiben Kern der UBS.»

Da kann man für die Interviewer nur hoffen, dass sie sich anschliessend in der UBS-eigenen Tränke «Widder» auf Kosten des Hauses ein paar Single Malts hinter die Binde gegossen haben. Zum Weggurgeln.

 

 

Aktivistischer Journalismus ist langweilig – aber macht süchtig

Der Autor und Reporter Matt Taibbi* gehört in den USA zu den bekanntesten Kritikern der etablierten Medien. Linken wie rechten Journalisten wirft er vor, nur noch dem eigenen Publikum zu schmeicheln.

Von Marc Neumann**, Washington DC

Die Bitte von ZACKBUM.ch wurde erhört: Wir dürfen dieses Interview übernehmen. Heute Teil 1, morgen folgt Teil 2.

Herr Taibbi, im Jahr 1848 war Karl Marx Chefredaktor der «Neuen Rheinischen Zeitung», Friedrich Engels sein Stellvertreter – und zusammen wollten sie eine Revolution herbeischreiben. Finden Sie das problematisch?

Nein. Es gibt viele Journalismusmodelle. In den USA selber hatten wir verschiedene Phasen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Zeitungen offen politisch, einer Partei oder Gewerkschaft verbunden – das war normal. Der Begriff der Objektivität taucht erst im Zeitalter der Massenmedien auf, und dies nicht aus ethischen Gründen, sondern aus kommerziellem Kalkül.

Moment, journalistische Objektivität war kommerzieller Zweck?

Gewiss. Erinnern Sie sich an die weltbekannte sachliche Stimme der CBS-«Wochenschau» am Radio im Zweiten Weltkrieg? Das war Lowell Thomas. Thomas war ein hochtalentierter Schauspieler und wollte die Nachrichten dramatischer vortragen, die Leute aufwühlen, Kontroversen lostreten. Sponsoren aber verlangten eine trockene und monotone Moderation, die in den nächsten fünfzig Jahren zum Standard wurde. Die Moderation sollte niemanden erregen oder beleidigen, um möglichst viel Werbung an möglichst viele Menschen zu verkaufen.

Das hatte nichts mit Ethik zu tun. Es ging nur ums Geldverdienen.

Also verdient man heute wieder Geld mit parteiischer Berichterstattung wie Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ja, wir greifen hierzulande definitiv auf eine frühere Version von Journalismus zurück. Wir hatten in Amerika nie eine oberste Medienaufsicht. Es gibt die Federal Communications Commission, die ein paar lockere Regeln vorgibt. Es gab die Fairness-Doktrin, ebenfalls eine lose Weisung, die einzig ab und an auch andere Gesichts- und Standpunkte verlangte. Heute dagegen haben wir ein quasistaatliches politisches Programm der parteiischen Moderation von Inhalten, das sicherstellen soll, dass Kontroversen, Verschwörungstheorien und Fake-News getilgt werden. In Friedenszeiten hatten wir so etwas noch nicht.

Aber es gibt doch journalistische Objektivität?

Ich glaube nicht wirklich an Objektivität im Journalismus, das ist allenfalls ein erstrebenswertes Ziel. Objektiv zu sein, heisst im US-Journalismus, eine Sache aus so vielen Winkeln wie möglich zu betrachten, die Standpunkte zu sortieren und der Leserschaft zu erzählen, ohne die eigenen Gefühle einfliessen zu lassen. Aber persönliche Gefühle kann man nicht eliminieren. Jede kritische Annahme reflektiert eine vorgefasste Meinung. Ein grosser oder kleiner Titel, das Bild auf der Titelseite oder auf Seite 15, ob ein Zitat prominenter gesetzt wird als ein anderes – all dies sind Entscheidungen, mit denen man Gewichte und Standpunkte setzt.

Also ist journalistische Objektivität ein Mythos?

Es ist wohl sinnvoll, danach zu streben. Aber der Ausdruck ist in letzter Zeit in Amerika in Ungnade gefallen. Die alte Formel, wonach man beide Seiten zu Wort kommen lassen soll, gilt heute als langweilig und mittlerweile selbst propagandistisch. Objektivität ist allenfalls noch wichtig als Absichtserklärung, im Sinne von journalistischer Fairness.

An die Stelle der Objektivität tritt heute journalistischer Aktivismus. Schon Hannah Arendt und James Baldwin arbeiteten nach diesem Prinzip, Rush Limbaugh und jüngere «woke» Journalisten ebenfalls. Was unterscheidet heute «guten» von «schlechtem» journalistischem Aktivismus?

Es gibt viele Arten von Journalismus, und sie alle haben ihren Wert. Mein Vater war ein klassischer News-Reporter, der vor dem brennenden Haus über den Hausbrand berichtete. Zeit seines Lebens hat er kein Editorial geschrieben. Ich habe das Metier ganz anders erlernt. Meine Helden waren Henry Louis Mencken, Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe. Dementsprechend glaube ich, dass subjektiver Journalismus, der naturgemäss streitbar argumentierend und aktivistisch ist, einen wichtigen Platz einnimmt.

Also haben Sie kein Problem mit journalistischem Aktivismus?

Doktrinärer Aktivismus ist ein Problem.

Wenn ich die Storys eines bestimmten Mediums vorhersagen kann, weil ich seine politische Stossrichtung kenne, dann betreibt es für mich Propaganda. Ein echter Journalist steht in der Verantwortung, unvoreingenommen für verschiedene Ansichten und Erklärungen offen zu bleiben. Leider gibt es hierzu in US-Medien eine immer stärkere Tendenz zu vorgefassten Meinungen, auf linker wie rechter Seite. Das Publikum weiss, was es erwartet: ausschliesslich Nonstop-Kritik an Demokraten oder exklusiv an Trump und den Republikanern. Wenn vorhersehbare, einfache Standpunkte statt komplizierter Wahrheiten verbreitet werden, ist das kein Journalismus mehr, sondern einfach langweilig.

Wenn das so langweilig ist, warum hat es dann Erfolg?

Weil es süchtig macht. Fox News und MSNBC verkaufen eine Konsumentenerfahrung von politischer Solidarität, mit der ein Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Gruppe bestätigt wird. Die klassische Fox-Formel beruht auf Bildern von unverantwortlichen Leuten, die Gesetze brechen und ausländische Terroristen sind. Dem Publikum wird das Gefühl gegeben, es sei die Verkörperung der aufrechten, gesetzestreuen, intelligenten und hart arbeitende Leute. MSNBC oder CNN machen genau das Gleiche. Sie verkaufen das Erlebnis, sich über QAnon-Idioten lustig zu machen, jeden Tag etwas anderes, über das man sich aufregen kann. Die Wut nach dem Klick wird zur Abhängigkeit. Nachrichtenlesen ist heutzutage eine Sucht, so gefährlich wie Zigaretten und gesättigte Fette. Man geniesst das Ritual, auf dem Mobiltelefon etwas Schreckliches zu lesen, Ärger und Empörung zu erleben und dann mit anderen zu teilen. Was die Medien machen, ist intellektuell uninteressant, aber höchst effizient.

Sollte Geschriebenes rezeptpflichtig werden oder zumindest einen Beipackzettel zu Risiken und Nebenwirkungen bekommen?

Das ist keine schlechte Frage. Wir haben in den USA ein hohes Bewusstsein darüber, was Verbraucher in ihre Mägen oder Lungen lassen, wie sicher ihr Auto ist. Weniger besessen sind sie von der Frage, was sie in ihre Hirne lassen. Intellektuelle Konsumgüter sind ebenfalls Produkte, weshalb das Bewusstsein darüber erweitert werden sollte. Schliesslich ist das kein öffentlicher Dienst, sondern ein Wirtschaftszweig. Die drei grössten Kabelnetzwerke machten vergangenes Jahr Gewinne über 2,85 Milliarden Dollar, und das in einer Art und Weise, die nicht gesund ist.

Wollen Sie Mediengesundheitsminister werden?

O nein. Aber ich bin in diesem Geschäft gross geworden, ich liebte und liebe diesen Beruf. Was ich in den letzten zwanzig Jahren beobachtet habe, beunruhigt mich sehr. Meine Texte sind ziemlich offen rhetorisch, meinungsbasiert, haben klare Standpunkte und eine Überzeugungsabsicht. Sie sollen zum Denken anregen. Aber viele Menschen lesen gewöhnliche Nachrichtenartikel, als ob es die blanke Wahrheit sei, ohne zu verstehen, dass da eine Person ein Argument aufbaut. Das finde ich bedenklich.

Wie steht es mit der Wahrheit im Journalismus?

Mit dieser Frage beginnt der 2. Teil des Interviews morgen.

*Matt Taibbi

Der US-Journalist und Autor Matt Taibbi (Jahrgang 1970) arbeitete zunächst als freier Korrespondent in postsowjetischen Staaten. Nach rund einem Jahrzehnt als Reporter, Redaktor und Magazin-Mitgründer heuerte er 2003 als Kolumnist bei der «New York Press» an. Ein Jahr darauf stiess er als Politikreporter zum «Rolling Stone»-Magazin, wo er als provokativer und investigativer Journalist bekannt wurde. Er hat mehrere Bücher verfasst, unter anderem zur Finanz- und Immobilienkrise oder zum gewaltsamen Tod von Eric Garner. 2019 lancierte er seinen eigenen Podcast «Useful Idiots»; seit letztem Jahr ist er selbständiger Autor auf der Plattform Substack.

  • **Dieses Interview erschien zuerst im Feuilleton der NZZ vom 19. April 2021 hinter Bezahlschranke. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der NZZ haben wir es übernommen.