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Tamedia hat Krise

Mitgefühl ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Ergiessen wir es über Machomedia.

Dumm gelaufen, anders kann man das kaum bezeichnen. Höchstens als: when the shit hits the fan. Das ist ein so wunderbares wie schicklich nicht zu übersetzendes Sprachbild in den USA. Trifft voll ins, na ja, Braune bei Tamedia.

Da war die ganze Rumpfzentralredaktion mitsamt stellvertretenden Zweit-Co-Chefredaktoren so schön feministisch unterwegs. Nein zur Burka-Initiative. Falscher Absender, und überhaupt, wollen wir Frauen verbieten, wie sie sich anziehen wollen? Freiwilligkeit durch Zwang ersetzen? Niemals. Ach, die grosse alte Dame des Feminismus ist dafür? Na, da kann Alice Schwarzer ja noch einiges von den Tagi-Zwergen lernen.

Leider ging dann die Abstimmung verloren, so uneinsichtig ist der Stimmbürger, der dumpfe Macho. Schön, dass wenigstens bei Tamedia geschützte Werkstatt herrscht. Meldestellen für jede Form von Übergriffen, Belästigungen, Mobbing. Ein männlicher Vorgesetzter, der zur schwangeren Untergebenen sagt: «Unter Mühen sollst du Kinder gebären», kann sich nicht hinter dem Bibel-Zitat verstecken und steht schon vor einer Abmahnung.

Schon vor Jahren wurde das Problem erkannt

Nicht zu vergessen das übliche Blabla beim Thema Corporate Responsibility. Vor fast zwei Jahren veröffentlichte Tamedia die Ergebnisse einer erschreckenden Umfrage. Fassungslos kommentierte Simone Rau: «In einer Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia berichten 244 weibliche und 34 männliche Medienschaffende, dass sie sexuelle Übergriffe und Belästigungen bei der Arbeit erlebt haben. Das sind 53 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die teilgenommen haben.»

Titel des Kommentars:

«Was sexuelle Belästigung ist, sagen die Betroffenen.»

Hier ist auf engstem Raum das ganze Elend dieser Position enthalten. Tamedia hat rund 1800 Mitarbeiter. 244 der weiblichen Teilnehmer wollen Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt haben. Geschützt durch Anonymität.

Unterstützt von der absurden Behauptung, dass angeblich Betroffene die Meinungshoheit haben, was Belästigung sei und was nicht. Der Täter kann so weder seine Unschuld beweisen, noch überhaupt mitreden. Schuldig durch Anschuldigung, seit den Zeiten der Inquisition gab es einen solchen Unsinn nicht mehr.

Belästigung oder Lebensrettung? Der Betroffene (liegend) entscheidet.

Aber leider scheint sich in dieser Zeit nicht viel geändert zu haben. Denn Simone Rau gehört zu den 78 Erst-Unterzeichnern eines Protestschreibens voller ausschliesslich anonymer Klagen über Belästigungen ausschliesslich von Frauen. An die Öffentlichkeit ausgerechnet von Jolanda Spiess-Hegglin gebracht, ohne dass alle Unterzeichner damit einverstanden waren.

Männer werden wohl nicht mehr belästigt

Aber immerhin: damals beklagten sich noch 34 Männer über Belästigungen, diese Unart scheinen die Tamedia-Frauen (und -männer) abgelegt zu haben. Merkwürdigerweise konnten aber die betriebsinternen Meldestellen im Jahr 2020 keine einzige Beschwerde über Belästigung am Arbeitsplatz verzeichnen. Keine. Null. Nada. Aber vielleicht fanden ja alle anonymen Beispiele vor Ende 2019 statt.

Soweit, so Sündenpfuhl. Wie reagierte nun die Führungsspitze von Tamedia? Wie es sich für wohlbezahlte und kompetente Manager gehört? Wie es sich für erfahrene Journalisten in der Chefredaktion gehört? Was hätte sich denn gehört? Kostenloser Ratschlag Nummer eins:

  1. Wir haben von den Anschuldigungen Kenntnis genommen.

  2. Wir bedauern, dass der Weg in die Öffentlichkeit gesucht wurde, statt die dafür vorgesehenen internen Meldestellen zu benützen.

  3. Wir nehmen die Vorwürfe ernst und werden sie sorgfältig prüfen. Vor dem Ergebnis werden wir keine Stellungnahme abgeben.

Auch eiserne Regeln von Tamedia sind dazu da, um sie zu brechen …

So hätte es sein sollen, wenn führende Manager und natürlich Chefredaktoren nicht völlig beratungsresistent wären und alles selber besserwissen. Wollen. Also konstatierte der Oberchefredaktor verschreckt «ein Problem», als sei das neu für ihn. Dann machte er sich ohne Not lächerlich, indem er sich präventiv für angeblich unakzeptable Verhaltensweisen entschuldigte. Ohne den Hauch eines Belegs in der Hand zu haben.

Mit einer solchen Einstellung würde der Oberchefredaktor jeden hoffnungsvollen Anfänger hochkant aus der Probezeit feuern; begleitet von ein paar unfreundlichen Bemerkungen über völlige Inkompetenz. Das kann aber Arthur Rutishauser nicht passieren, weil auch der oberste Boss von Tamedia Pietro Supino in Betroffenheitsgesülze ausbrach, liebedienerisch anmerkte, dass auch er diese Vorwürfe sehr ernst nehme.

Da hilft nur eins …

Kostenloser Ratschlag Nummer zwei:

Das war kreuzfalsch, bescheuert. Hinter die Nummer kommt nun die Führungscrew schwer wieder zurück. Da hilft nur eins. Das gleiche Prinzip, wie wenn der Gast bemerkt, dass er sich beim Löffeln der Tomatensuppe Krawatte und Hemd bekleckert hat. Einfach so tun, als wär’ nichts und weitermachen.

Aber damit noch nicht genug des Elends. Eine Mitunterzeichnerin des Protestschreibens wird damit beauftragt, die Substanz der Vorwürfe zu überprüfen. Das ist ungefähr so, wie wenn man Donald Trump die Überprüfung der Vorwürfe gegen ihn überlassen würde. Nur umgekehrt. Denn entweder ist Claudia Blumer ein U-Boot der Verlagsleitung in der Frauengruppe, oder aber sie ist völlig ungeeignet, diese Untersuchung durchzuführen.

Ratschlag Nummer drei:

Das macht man so, wie’s jeder macht, der ernst genommen werden will. Das macht man so wie der Kita-Betreiber Globe Garden, der von der «Republik» mit anonymen Verleumdungen eingedeckt worden war. Das macht man so wie die «Bild»-Zeitung, deren Chefredaktor mit weiblichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Man beauftragt eine externe Untersuchung einer renommierten Firma, deren Reputation über jeden Zweifel erhaben ist.

Die Herausforderung für Tamedia: wie weiter?

Wie soll’s nun weitergehen? Sozusagen als verdächtige Umstände ist zu konstatieren: weder bei CH Media, noch bei Ringier, auch nicht bei der NZZ und noch nicht einmal bei der «Weltwoche» gab es ähnliche Protestbewegungen. Auch nicht beim Schweizer Farbfernsehen. Daraus sind ja nur zwei Schlussfolgerungen möglich. Entweder ist Tamedia der Sündenpfuhl, die Hölle auf Erden für weibliche Mitarbeiter, als Alleinstellungsmerkmal laufen nur dort männliche Neandertaler rum, keulenschwingend und immer für einen Übergriff zu haben.

Oder aber, das «strukturelle Problem», das die 72 Erstunterzeichner sehen wollen, existiert nur in ihrer Einbildung. Dient den Initiantinnen nur dazu, sich Kündigungsschutz zu verschaffen, weil sie journalistisch keine Bäume ausreissen. Dafür spricht auch, dass der Brief als interne Beschwerde angepriesen wurde, um dann kaltlächelnd an die Öffentlichkeit durchgereicht zu werden.

Letzter kostenlose Ratschlag:

Will die Führungscrew von Tamedia nicht völlig die Kontrolle über Teile der Belegschaft und das Arbeitsklima verlieren, muss sie sich zu mannhaften Entscheidungen aufraffen. Die Initiantinnen werden per sofort bis zum Ende der Untersuchung freigestellt. Sollte sich erweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorwürfe nicht verifizierbar ist, erfunden wurde oder aus dem letzten Jahrtausend stammt, dann müssen sie fristlos entlassen werden. Üble Nachrede, Geschäftsschädigung, Verstoss gegen Treu und Glauben, kein Arbeitsgericht würde das bestreiten wollen.

Die übrigen Unterzeichner hätten als nächstes eine öffentliche Entschuldigung zu unterzeichnen, so kämen sie mit einer strengen Abmahnung davon. Wer das nicht tut, dem wird ordentlich gekündigt.

Wir sind gespannt. Aber ab hier wären Ratschläge kostenpflichtig.

Mal positiv gesehen …

Schon wieder eine neue Rubrik. Ist alles schlecht im Journalismus? Nein, nur fast.

 

Würdigung für Pia Zanetti

In der Schweiz sind viele Fotografen stille Stars. Selbst René Burri, dem grossen Magnum- und Reportage-Fotografen, richtete seine Heimatstadt Zürich eine geradezu peinliche Hommage für seinen 80. Geburtstag aus. Viel würdiger wurde er in Havanna gefeiert, im zentral gelegenen Nationalmuseum der Schönen Künste.

Als Menschenfreund genoss er die Anerkennung in Havanna, und sah mit einem Lächeln über die Geschmacklosigkeit in Zürich hinweg.

Pia Zanetti, die grosse Menschenfotografin, bekommt jetzt, mit 77 Jahren, eine Hommage an ihr Lebenswerk in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur. Kein Zufall, dass das eine private Stiftung und kein staatliches Museum ist. Zu den Stiftungspräsidenten gehörten unter anderem Manuel Gasser oder Hugo Loetscher.

Hier findet nun endlich, leider natürlich recht bedrückt durch Corona, eine Werkschau der seit 60 Jahren überall auf der Welt das Menschliche suchenden Fotografin statt.

Und, Wunder über Wunder, der «Blick» widmet ihr zu diesem Anlass ein Interview, das informiert, respektvoll und interessant geführt wird. Die Fotos dazu steuert Luca Zanetti bei, Sohn und ebenfalls Fotograf.

Dem «Schweizer Monat» ist’s noch aufgefallen, der WoZ und Swissinfo

 

Wirecard? War da mal was?

Ja, da war mal der typische Wisch-und-weg-Journalismus. Alle Spalten gefüllt, per copy/paste und Google jede neue Entwicklung nachgetickert. Und dann neues Thema, neues Spiel, ach ja, Wirecard.

Ist das überall so? Nein, das gibt es ein kleines gallisches Dorf, Pardon, eine kleine Trutzburg an der Falkenstrasse, wo ein Deutschland-Korrespondent Zeit und Musse hat, sich durch die Erkenntnisse des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags zu wühlen.

Diesmal greift er «das kriminelle Meisterstück» des flüchtigen Wirecard-Vorstands Jan Marsalek heraus, das Verbot von Leerverkäufen durch die deutsche Finanzaufsicht Bafin. Ein weiteres Meisterstück von Marsalek ist, dass er sich bislang der Verhaftung entziehen konnte.

Vom DAX-Konzernvorstand zum Fahndungsplakat. Eine Karriere.

Damals bestand es daraus, dass der Aktienkurs von Wirecard Anfang 2019 unter Druck geriet, weil die «Financial Times» (FT) unermüdlich kritische Artikel über das Geschäftsmodell des DAX-Unternehmens veröffentlichte. Da erfand Marsalek eine wahre Räuberpistole und speiste die bei der Münchner Staatsanwaltschaft via Anwaltskanzlei ein. Mitarbeiter der FT sollen demnach der Nachrichtenagentur Bloomberg angeboten haben, in die negative Berichterstattung einzustimmen. Daraufhin habe Bloomberg sich bei Wirecard gemeldet und 6 Millionen Euro gefordert, sonst werde man das Angebot der FT annehmen.

Tolle Story, nur: Beweislage null. Dennoch meldete sich die Staatsanwaltschaft bei der Bafin. Diese sah Gefahr in Verzug, dass Leerverkäufer, die auf fallende Kurse spekulieren, die arme Wirecard weiter ins Unglück stossen könnten. Die vor einem drakonischen Entscheid zu konsultierende Deutsche Bundesbank kam zwar zum Schluss, dass die Finanzmarktstabilität nicht gefährdet und daher ein Leerverkaufverbot nicht nötig sei.

Ein Beschluss über die Grenzen aller Vernunft hinaus

Auf Ebene Vizepräsidentin telefonierte man dann, und frau einigte sich darauf, dass die Bundesbank ihre Stellungnahme nicht publizieren – und die Bafin ein Leerverkaufverbot aussprechen werde. Ein Geschenk des Himmels für Wirecard. Die Schwindel-Firma konnte sich nun sozusagen amtlich unterstützt als Opfer eines Komplotts gebärden.

Das zögerte die eigentlich unvermeidliche Pleite noch um einige Monate hinaus. «Zusammenspiel von Nachlässigkeit, Fehleinschätzungen, allzu enge Auslegung von Zuständigkeiten und fehlende Gesamtschau», bilanziert René Höltschi NZZ-milde. Nein, das war wirklich ein kriminelles Meisterstück, das die Überforderung der staatlichen Kontrollstellen in aller Hässlichkeit demaskierte.

Und der Artikel gereicht der NZZ zur Ehre; die anderen Redaktionen, nun ja, wir wollen hier ja loben.

 

 

Neue Sitten im Hause NZZ

Abgänge von Chefredaktoren waren auch schon mal geräuschloser.

Hugo Bütler war der letzte ordentliche Chefredaktor des 1780 gegründeten Blatts. Er amtierte von 1985 bis 2006. Vorsitzender der NZZ-Gruppenleitung blieb er noch ein Jahr länger. Niklaus Meienberg witzelte über sein Kürzel bü., dass das für Bürgertum stehe. So sehr verkörperte Bütler in Stil und Auftreten die Schicht, für die die NZZ gemacht wurde.

Freisinn, Filz, Bourgeoisie, enge Bande zwischen Wirtschaft, Finanzplatz und Redaktion sowie Verwaltungsrat. Aber dann kam die Finanzkrise eins, das Grounding der Swissair, die Finanzgötter Marcel Ospel und Lukas Mühlemann (Multi-VR) schrumpften zu Zwergen, mitsamt dem FDP-Filz.

Das hatte Markus Spillmann abzufedern, Bütlers Nachfolger. Ende 2014 wurde er selbst gefedert; der erste nicht freiwillige Abgang seit Gründung der alten Tante. Seither amtiert Eric Gujer mit eiserner Hand. Er hat es bereits geschafft, die eingeführte Trennung zwischen Chefredaktor und Geschäftsführer faktisch aufzuheben. Nachdem es auch dort zu Flops kam, ist der aktuelle CEO Felix Graf mehr der Mann am Fenster, der Frühstücksdirektor.

Neue Flugzeiten für Chefredaktoren

Nun ist’s auch der NZZamSonntag passiert. Felix E. Müller war von der Gründung bis zu seiner Pensionierung Chefredaktor. Nach einem Abstecher zur «Weltwoche» war er von 2002 bis 2017 am Gerät. Seither versucht er sich als Medienkritiker und Buchautor. Die Meilensteine: «Ein Zürcher Quartier und seine Zunft», «Wie ich die Krise erlebte», eine liebedienerische Gesprächsreihe mit Bundesrat Alain Berset.

Sein Nachfolger (nein, nicht Bersets) wurde Luzi Bernet, ein altgedientes Schlachtross der NZZ und NZZaS. Aber Anfang März wurde er nach eigenem Bekunden plötzlich «auf null runtergebremst». Also mit knappem Dank entlassen. Man konnte sich offensichtlich bislang nicht mal auf ein Trostpöstchen einigen, was mit einem wolkigen «Zukunft unkar, in Gesprächen» umhüllt wird. Entweder ist das Angebot finanziell unattraktiv, oder Bernet zu angesäuert.

Es werden interessante Zeiten kommen

Der Name seines Nachfolgers verspricht eine Fortsetzung von interessanten Zeiten auf der NZZaS-Redaktion: Jonas Projer, vormalig Leiter «Blick»-TV, vormalig langjähriger Mitarbeiter von SRF. Kann der überhaupt schreiben, hat der überhaupt das Niveau, will der nun alles digitalisieren und verfilmen? Das sind nur einige der Vorschusslorbeeren, die die wie immer grünneidischen Kollegen auf seinen Weg streuen.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese Wahl des Verwaltungsrats diesmal klappen muss. Denn Ende 2014 wurde die NZZ kräftig durchgeschüttelt, als durchsickerte, dass der VR Markus Somm als Nachfolger von Spillmann ausgeguckt hatte. Mit geradezu revolutionär-rebellischem Mut schäumte die ganze Redaktion auf. 60 Korrespondenten und 163 Redaktoren appellierten an den VR, ja nicht einen Nationalkonservativen zum Chef zu machen.

Der damalige Nachrichtenchef Luzi Bernet, Inlandchef René Zeller, Bereichsleiterin Colette Gradwohl, die Interimsspitze, drohte mit Rücktritt. Gradwohl verabschiedete sich dann in die Frühpensionierung, Zeller zur «Weltwoche». Nur Bernet machte weiter Karriere. Geplant waren noch weitere Protestmassnahmen, wie die NZZ-Frontseite für einmal weiss und blank erscheinen zu lassen, der nicht unlustige Hashtag «#NZZgate: Some like #Somm not» wurde in Umlauf gebracht.

Krisensitzung des Verwaltungsrats, der – ohne die Redaktion zu informieren – Somm bereits einstimmig inthronisiert hatte. Ein zerknirschter VRP Etienne Jornod, der bei der Bekanntgabe des Abtritts von Spillmann den Namen des bereits gewählten Nachfolgers verschwieg, musste sich bei der Redaktion entschuldigen.

Dann galt der mächtige Feuilleton-Chef Martin Meyer als Nachfolger, im Aktionariat der NZZ wurde gegrummelt, dass die «offensichtliche Unfähigkeit» des VR unbedingt thematisiert werden müsse.

Wahl auf Nummer sicher?

Mit Eric Gujer wurde dann ein knochentrockener Rechtsausleger aus dem Hut gezaubert, der sich mit unheimlichem Fleiss daran machte, seine Machtposition auszubauen. Was ihm inzwischen so vollständig gelungen ist, dass selbst eine Fastenkur mit seiner Gattin, die sich in einem huldvoll gewährten Interview Gujers im Hotel-Blog und einem zweiseitigen Jubelartikel seiner Frau in der NZZ niederschlug, zu keinerlei hörbarer interner Kritik führte.

Bei der NZZ hat man ein langes Gedächtnis, es ist sicher, dass weder Jornod noch der übrige Verwaltungsrat die damalige Rebellion von Bernet vergessen hat; und einem sonst erfolgsverwöhnten Chef wie Jornod brennt sich eine Entschuldigung sicherlich ganz tief in die Hirnwindungen ein.

Rache hat ein langes Gedächtnis …

Zeller ist inzwischen verstorben, Gradwohl längst pensioniert. Da blieb nur noch einer übrig, an dem Rache genommen werden konnte. Während Gujer natürlich die Gelegenheit benützen will, seinen Machtanspruch endgültig auch auf die NZZaS auszudehnen. Dazu kommen rückläufige Verkäufe, die übliche Misere dank Corona, eine verunsicherte und misstrauische Redaktion.Plus mehr als fünf Monate Wartezeit bis zur Inthronisierung. So etwas hält eigentlich nur Prinz Charles aus.

Wäre eine Variante der Verfilmung von Projers Abenteuer.

Einziger Trost zurzeit für Jonas Projer: die «Mission Impossible» im Film wird jeweils doch erfolgreich absolviert. Und entfernte Ähnlichkeiten – ausser in der Körpergrösse und hoffentlich der religiösen Ausrichtung – mit Tom Cruise sind doch vorhanden. Nur, wenn wir einen Rat geben dürfen, der Spitzbart muss ab. Und dann Helm auf!

Ex-Press XXVI

Blüten aus dem Mediensumpf.

 

Eine Würdigung von Mensch und Werk

Benjamin von Wyl hat sich als Journalist sozusagen von unten hochgearbeitet. Er hat bislang nur ein sehr überschaubares Werk als Literat oder Schriftsteller vorzuweisen, zudem auf eher randständigen Plattformen. Aber er bringt die drei richtigen Voraussetzungen für einen Mehrfachpreisträger mit: die richtige Gesinnung (er twittert unter «biofrontsau»), das richtige Autorenfoto (künstlerisch unrasiert, die braunen Augen besorgt-skeptisch in die Zukunft gerichtet) und rücksichtslose Selbstversuche an der Genderfront.

Das hier ist die Illustration seines Selbstgebastelten (und ausprobierten) an einem die Geschlechterrollen hinterfragenden Sextoy-Workshop des «Ckster-Kollektivs». Titel der Reportage: «Ich habe mir einen Buttplug gebastelt.»

Wir wollen da nicht weiter in die Tiefe gehen.

Von da ans ging’s unaufhaltsam aufwärts. Kolumnen in der «medienwoche», Beiträge für «bajour», die WoZ, «Surprise», «Schweizer Journalist» (als Titelboy und als Autor) und alle Medien, die nicht bei drei auf den Bäumen sind. Kurzfristig wurde von Wyl sogar als möglicher neuer Chefredaktor des verzwergten «Schweizer Journalist» gehandelt. Da stand ihm zwar nicht sein Buttplug im Weg, aber sein Geschlecht.

Was sagt der Literat denn sonst so? «Meine Schreibe ist vielleicht atemlos, weil mich Dorf-Faschos traten.» Das passende Adjektiv wäre eher kurzatmig, hyperventilierend.

Nebenher hat er noch zwei Werke verfasst und betätigt sich auch als Videoamateur, was ihm ein unfreundliches «Hopp, verreise, Vollidiot» eines Polizisten einbrockte. Wir wollen dieser sozusagen amtlichen Einschätzung nicht widersprechen.

Als begabter Windmacher und Preiskassierer (immerhin 25’000 Franken als Literaturpreisträger für die Krakelschrift «Hyäne» – knapp 100 Abnehmer gefunden –, wobei schon der Titel geklaut ist) hob er mit grossem Trara und Crowdfunding das «Literaturmagazin Stoff für Shutdown» aus der Taufe. Dort durften dann in der ersten Ausgabe vom März 2020 Tiefflieger wie Simone MeierJuden canceln») oder «Slam Poetin Lisa Christ» dilettieren.

Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden.

Geschäftsprinzip? Einfach: ««Im ersten Crowdfunding erhielten wir dreizehntausend Franken mehr, als es unser Maximalziel war», sagt von Wyl. «Die brauchten wir im zweiten, wo wir gerade noch das Geld für die Finanzierung zusammenbrachten.» Für die Honorare, den Druck und die Tausenden Briefmarken und Couverts. Dieser versiegende Geldfluss ist auch der Grund, weshalb es im jetzigen Shutdown keine weitere Zeitschrift gebe», lässt sich von Wyl in einer Null-Meldung des «Blick» zitieren.

Aller schlechten Dinge sind drei.

Schade, seither warten wir sehnsüchtig auf neue Vorschläge für Sextoys.

 

Die NZZ über demokratische und wirtschaftliche Erfolge

Ein deutliches Aufatmen lässt die NZZ vernehmen: «Ein höherer nationaler Mindestlohn in den USA rückt in weite Ferne – das ist ein Erfolg für die Demokratie und die Wirtschaft». Überlassen wir dem Fachorgan die Wirtschaft, aber wieso ein Erfolg der Demokratie? «Die Demokraten können die geplante Verdoppelung des nationalen Mindestlohns nicht an der Filibuster-Regel im Senat vorbeijonglieren.»

Die Regel besagt, dass jeder Senator so lange reden kann, wie es die Stimmbänder hergeben. Nur mit einer Zweidrittelmehrheit mit Anlauf kann das abgeklemmt werden. Was bedeutet, dass mit Dauerquasseln demokratisch eine Entscheidung verhindert werden kann. Erfolge sehen wohl anders aus.

 

Leser-Blatt-Bindung modern

CH Media hingegen begibt sich auf das Niveau von «watson»:

«23 unglaubliche Haustier-Videos unserer Leser – welches sind die besten?»

Leser-Blatt-Bindung, sagt da der Medienmanager mit Kennermiene, machen wir noch eine Abstimmung samt Preisverleihung, der Hammer. Das Hämmerchen, die Zahl der Abstimmenden bewegt sich auch nach vier Tagen im dreistelligen Bereich. Im niedrigen dreistelligen Bereich. Aber was früher der Wettbewerb «die schönste Ferienpostkarte», dann «das schönste Ferienfoto», dann «das schönste Haustierfoto» war, hat inzwischen immerhin laufen gelernt.

Womit wir es uns und dem Leser ersparen können, in dieser Ausgabe auf «watson» einzugehen.

 

Es geht nichts über einen klaren «Blick»

Nein, das ist nicht Christian Dorer. Das ist der unsterbliche Marty Feldman.

Dagegen sind wir des Lobes voll für den «Blick». Vom Anhimmel-Organ samt strengen Ermahnungen für mehr Härte und Konsequenz, vom Berset–wir-wollen-ein-Kind-von-dir-Hofberichterstatterblatt zurück zum kritischen Journalismus:

Nein, das ist nicht Marty Feldman, das ist Chefchef Christian Dorer.

Auch der Chefredaktor weiss, wann es Zeit ist, flexibel umzupositionieren. Von markigen Parolen «Durchhalten! Aushalten!», von Lobeshymnen auf unsere Landesregierung «So weit, so gut, so vernünftig», über Gaga-Ratschläge

«Gebt Geld aus!»,

über leise Zweifel «War der Lockdown vielleicht doch ein grosser Irrtum?» zum Aufruf zur Lebensfreude «Wir wollen unser Leben leben! Deshalb ist es bei aller Vorsicht wichtig, dass Fussballspiele, Konzerte und Kongresse wieder stattfinden können», zur freien Fahrt für freie Skier «Die Skigebiete sollen öffnen!» zu einer «ganz persönlichen Geschichte mit Happy End.» Denn: «Bei Corona gibt es kein Richtig und kein Falsch».

Der Leser ist aber unsicher, ob die mit – nun ja – etwas undurchdringlichem Gesichtsausdruck in die Kamera gehaltene Doppelseite des «Blick» mit sagenhaften 197 Titelstorys eines Jahres über Corona als Selbstlob oder als Selbstkritik zu verstehen ist.

Aber das ist die neue, klare Linie auf dem Boulevard: alles kann man so oder so sehen. Am besten gleichzeitig.

 

Hello, Mr. Blue Sky

Schliesslich, was gibt es von bluewin/news, Pardon «blue News» zu vermelden, sozusagen dem stillen Star unter den News-Portalen (allerhöchste Einschaltquote in der Liga «20 Minuten» oder «Blick», aber kaum für Aufsehen sorgend)?

Terrasse offen oder zu, Leuenberger gaga oder nicht?

Sagen wir so: aufregende Teaser, die den Leser reinziehen, statt zu wisch und weg zu animieren, sehen anders aus. Aber wer Swisscom im Rücken hat, muss sich nicht so um Einschaltquote oder Einnahmen kümmern.

 

Der Tag des Herrn

Vielleicht sollten wir besser sagen: Der Tag der Herrin. Wir sind verunsichert; einem aufmerksamen Leser ist dieser Ratschlag aus höherer Warte nicht entgangen. Aus dem «Tages-Anzeiger», Freitag, 26. Februar, 2021, Seite 24 (Kirchenzettel), 3. Spalte, unteres Drittel:

«Horgen See-Spital, Sonntag, 10.30: Aufgrund der Pandemie können noch keine Spitalgottesdienste stattfinden.

Aber der «Raum der Stille» im 4. Stock ist für die Patienten*innen, ihre Angehörigen und für alle Mitarbeitenden des Spitals immer offen. 

Er ist auch mit dem Lift zu erreichen. Von Herzen wünsche ich Ihnen Gottes Segen, Gesundheit und Zuversicht.»

Soll das Gottes unerforschlicher Ratschluss sein? Da ist der sterbliche Sünder mal wieder ratlos. Gendersternchen ja, Gott bleibt aber männlich? Nicht mal mit Sternchen? Und wie steht es eigentlich mit dem non-binären Gott? Und wenn wir schon dabei sind, war Jesus eigentlich, aber lassen wir das.

 

Nachtrag zum Depp des Monats

Pascal Hollenstein ist bekanntlich der «publizistische Leiter» bei CH Media. Was genau er da leitet, ist nicht näher bekannt. Höchstens, dass es in anderen Firmen mal den Grüssaugust gab. Also den weiter völlig unbedeutenden Empfangschef eines Hotels. Hollenstein lässt diese Tradition wieder als Entschuldigungspascal aufleben. Er entschuldigte sich für die Berichterstattung über Jolanda Spiess-Hegglin; dadurch verwandelte er sich in ihr mediales Sprachrohr, das nicht mal gerichtliche Sperrfristen davon abhalten konnten, als Erster zu publizieren. Dafür hat er sich allerdings nicht entschuldigt.

Nun aber begab es sich und trug sich zu, dass unter den wachsamen Augen der publizistischen Leiter nach unten CH Media anlässlich der Wahl der neuen Präsidentin der Welthandelsorganisation WTO die afrikanische Absolventin von Harvard und MIT, die Vielfachministerin von Nigeria, launig als «Grossmutter» bezeichnete. Das war wirklich nicht nett. Schlimmer  geht’s eigentlich nicht. Frau, schwarz, qualifiziert, aber «Großmutter» reicht doch als Beschreibung.

Platz für eine andere Bezeichnung hätte es gehabt.

«Der Titel entstand keinesfalls in böser Absicht», sagte Hollenstein lahm zu persoenlich.com, als sich schon ein Shitstorm zusammenbraute. Natürlich sei die Titelsetzung nicht rassistisch motiviert gewesen. Er habe schon mit «einer Debatte» gerechnet. Aber

«es tut uns Leid».

Dann wurde der Titel noch online angepasst, und Hollenstein meinte wohl, dass damit die Sache ausgestanden sei.

Mit Brillanten und am Band verliehene Auszeichnung

124 Botschafter und Leiter internationaler Organisationen in Genf tackerten aber nochmal nach. Was sich CH Media denn dabei gedacht habe, ob die Medienmacher diese «abwertende und herabsetzende Weise» der Beschreibung als nützlich für die engagierte internationale Politik der Schweiz betrachteten.

Internationale Politik, sonst der Beritt von Hollenstein. Putin mal die Knöpfe reintun, Trump erklären, was geht und was nicht, das ist seine Welt. Betragens- und Verhaltensnoten verteilen, die Welt ordnen, besser machen, das ist Hollensteins Anliegen. Aber nun wird CH Media eher unrühmlich bekannt mit einem unbestreitbar schwachsinnigen Titel. Und wir müssen uns schon bei der ersten Verleihung unseres Titels steigern: Hollenstein ist der Doppeldepp des Monats; mit Brillanten und am Band verliehen.

Hilfe, mein Papagei onaniert III

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Diesmal heben wir eine neue Kategorie aus der Taufe: Der Depp des Monats. Der erste Preisträger ist – Pascal Hollenstein. Die publizistische Leiter nach unten im Hause CH Media hat seinen Kampf für die Ehre von Jolanda Spiess-Hegglin zurzeit eingestellt. Auch sonst fällt ihm eigentlich nichts Bemerkenswertes ein. Ausser, Himmel hilf, er muss leider seinen Senf zur anstehenden Abstimmung abgeben.

Wir müssen’s, um Zweifel auszuschliessen, im Original zeigen:

Wir wollen auch Hollenstein nichts vorschreiben, aber …

Wem das etwas wirr vorkommt: Es ist wirr. Hollenstein bestreit hier etwas, was gar niemand behauptet oder fordert. Es ist schlichtweg eine Binsenweisheit, dass sich der Staat nicht in innere Glaubensangelegenheiten einzumischen hat. Richtig, verlangt keiner, Hollenstein zum Beispiel darf gerne und ungestraft glauben, dass er ein meinungsstarker Publizist sei.

Andere dürfen an die Bibel, den Koran, die Thora, die Schriften des Nostradamus und jeden anderen Quatsch glauben. Ist so, bleibt so, steht nicht zur Debatte, nicht zur Abstimmung. Was dann? Nun, da nimmt Hollenstein die ganz grosse Tröte hervor: «Rückfall ins Mittelalter», wenn’s passiert, wäre zu hoffen, dass es «ein einmaliger Betriebsunfall der Demokratie» sei. Den man aber besser gar nicht geschehen lasse:

Besser, er schriebe gar nicht.

Abgesehen davon, dass es um den Kampf gegen mittelalterliche Vorstellungen von der Frau als Objekt, Untertan, nur dem Ehemann verfügbares Stück Fleisch geht: Wenn sich – wie von Hollenstein befürchtet – die Mehrheit der Schweizer Stimmbürger im Rahmen ihrer demokratischen Rechte für eine legal und korrekt zustande gekommene Initiative entscheiden sollte, dann wäre das «ein bedeutungsloser Betriebsunfall»? Etwas, das sich «besser gar nicht ereignen» sollte? Weil es nicht der Ansicht von Hollenstein entspräche? Was für ein Undemokrat, was für ein Dummschwätzer.

Der Depp des Monats. Wobei er für seinen Nachfolger die Latte ganz schön hoch legt.

Die strenge Trennung von Content und Werbung

Sie wird aller Orten immer strenger. Beim «Blick»:

Wobei man sagen muss: immer noch besser als solcher Content:

Bei CH Media pflegt man gerne die bunte Mischung, ob quer oder hoch:

Bei Tamedia:

Bei der NZZ:

Bei «blue news» die sich immer noch hinter «Bluewin news» verstecken:

Bei «watson»:

Diese bunte Mischung von «Totes Kind im Keller» über «Lustige Tierbilder» bis «Gut gegen Food Waste» kriegt nur das Kachelmagazin hin.

Aber auch «20Minuten» ist für abwechslungsreiche Zusammenstellungen:

 

Sicher, steht doch deutlich «Inserat» drüber, oder «präsentiert von» drunter, da kann sich niemand vertun.

 

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert II

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Man ist versucht, sich nostalgisch an die Zeiten in der Berichterstattung über Corona zu erinnern, wo die grossen Medienkonzerne in der Schweiz mit ihren Zentralredaktionen und Zentralmeinungen noch übereinstimmend Orientierungshilfe gaben.

Da war die Welt noch in Ordnung, dem Leser wurde echt geholfen. Was Bundesrat und Behörden machen, ist gut und richtig. Einzig fehlende Strenge und Konsequenz wurde gelegentlich bemängelt. Immer wieder mussten zu rechthaberischen Kommentatoren mutierte Journalisten eingreifen, zurechtweisen, fordern, um sich greifende Fahrlässig- und Verantwortungslosigkeit bemängeln. Wieder und wieder, wozu auch Papageien neigen.

Das waren die Zeiten, als der Bundesrat den lockeren Spruch wagte: «Wir können Corona.» Wie es sich für eine gepflegte Hofberichterstattung gehört, nahm sich der Gesundheitsminister auch die Zeit, einem unterwürfig buckelnden pensionierten Journalisten ein Interview zu gewähren.

Offensichtlich noch geschädigt von dieser in ein Buch gepressten Schleimspur forderte der gleiche Pensionär dann, dass Journalisten gefälligst weniger Interviews machen sollten; das ergebe nur Styropor und aneinandergereihte Worthülsen, meinte Felix E. Müller, aber natürlich nicht in Bezug auf sein Styropormachwerk.

Aber alles Ausdruck davon, dass die Journaille nun endgültig Halt und Orientierung verloren hat. Wie anders lassen sich diese beiden Schlagzeilen erklären?

Gleiche Realität, gleicher Tag, nur zwei verschiedene Blätter.

«Das Virus ist in der Schweiz und weltweit auf dem Rückzug», jubiliert Tamedia. Aber: «Robert-Koch-Institut rechnet mit Anstieg von Coronafällen», auch Tamedia. «22 Prozent weniger Ansteckungen in 7 Tagen», nimm das, du blödes RKI, meint ebenfalls Tamedia.

Wem’s dabei schwindlig wird, der sollte sich doch einfach an die jüngsten Beschlüsse des Bundesrats halten. Der ist nämlich wieder aus den Ferien zurück, hat am Mittwoch jeweils Sitzung und verkündete anschliessend die neusten wegweisenden Entscheidungen. Allerdings fällt es auch hier Medien wie Lesern immer schwerer, diese Weisheiten zu verstehen und zu akzeptieren.

«Der Bundesrat wagt den Machtkampf», er beweise «Rückgrat», klopft ihm Tamedia auf die Schultern. «Der Bundesrat macht einen gefährlichen Fehler», warnt die NZZ; beide Leitorgane sprechen vom Entscheid, Restaurants geschlossen zu lassen und auch Terrassen zu schliessen.

Der «Blick» hingegen denkt ans Geld: «Corona hat 5 Billionen Dollar vernichtet». Der Vorteil solcher Zahlen: kann sich keiner vorstellen, ist sowieso nur eine grobe Schätzung. Aber macht sich immer gut, genau wie die Behauptung, dass schon Konjunkturprogramme in der Höhe von «14 Billionen Dollar» angekündigt seien. Kann man sich noch weniger vorstellen.

Allerdings zitiert der «Blick» Jan-Egbert Sturm, den «Direktor der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF)». Der ist aber der Sturmvogel der verhauenen Prognosen, so musste er unlängst eine doofe Konjunkturprognose um fast 5 Prozent korrigieren. Macht ja nix, hier legt Sturm ein grossartiges Einerseits-Anderseits hin, damit ist er auf der sicheren Seite: «Der Staat soll nicht unnötig Geld ausgeben. Aber die Schweiz kann es sich leisten …» … sinnvoll Geld rauszuhauen. Den schliesslich gäbe es «Teile der Gesellschaft, die das Geld zur Überbrückung brauchen».

Da sieht man mal wieder, wieso sich nicht jeder Papagei dazu eignet, Konjunkturforscher zu werden.

Gesicherte Erkenntnisse über Kuba

Das ist konsequent: Die NZZ setzt ihre Quatsch-Berichterstattung über die letzte Insel des Surrealismus fort.

Die erste Bresche in die Glaubwürdigkeit der Kuba-Berichterstattung hat Sandra Weiss geschlagen. Als Ferndiagnostikerin aus Mexiko Stadt behauptete, sie, dass kubanische Ärzte versklavt seien und das Regime Multimilliarden durch ihre Vermietung im Ausland einnehme.

Beides völliger und belegbarer Unsinn. Aber die Leitung der NZZ-Auslandredaktion ist zu arrogant, um auf einen schüchternen Hinweis ihres ehemaligen NZZ-Korrespondenten mit Wohnsitz Havanna auch nur zu antworten.

Die Strafe folgt auf dem Fuss. Der freie Journalist Knut Henkel aus Hamburg rührt im Ressort Reisen die Werbetrommel für die Feriendestination Kuba. Ziemlich faktenfrei, und bei der Lektüre fragt man sich, ob es vielleicht noch eine andere Insel gibt, die zufällig auch Kuba heisst.

Vielleicht gibt es noch ein zweites Kuba

Denn die letzte Insel des Surrealismus kann Henkel eigentlich nicht meinen. «Seit Mitte Oktober ist Kuba wieder für internationale Touristen offen», behauptet er kühn. In der Tradition von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Ab und an. Mehr oder weniger. Je nachdem.

Erst Mitte November öffnete der Flughafen von Havanna wieder, obwohl die Öffnung auf 1. November fest versprochen war. Das liess ein paar tausend Reisende auf ihren wertlosen Tickets sitzenbleiben. Und weil das die Attraktivität der Feriendestination ungemein steigert, reduziert Kuba die Anzahl Flüge nach Lust und Laune.

Der reale kubanische Traum.

Was dazu führt, dass zeitweise Tausende von Kubanern aus dem Exil, deren Rückflüge in die USA gestrichen wurden, auf Kuba festsassen. Genau gleich ging es auch Kubanern über ganz Zentral- und Lateinamerika verteilt. Hin kamen sie, aber der Rückflug war dann nix.

Als weitere Abschreckungsmassnahme hat Kuba nicht nur einen gültigen und negativen Corona-Test für obligatorisch erklärt. Sicher ist sicher, also muss zusätzlich jeder Tourist zunächst mal in Quarantäne in ein Staatshotel. Freie Wahl für freie Touristen? Aber nein, er wird zugeteilt, den Zimmerpreis plus Verpflegung und medizinische Betreuung hat er natürlich auch zu zahlen.

Testen, testen, testen. Aber die Resultate?

Eigentlich war ein Aufenthalt bei einer kubanischen Familie geplant? Aber nein, das wäre ja gesundheitsgefährdend. Früher gab es noch die Möglichkeit des Hausarrests. Also die ersten sieben Tage mussten ohne Freigang innerhalb einer Wohnung verbracht werden. Alles nur zur Sicherheit. Dazu dient auch ein gleich am Flughafen durchgeführter (und zu bezahlender) Test. Dessen Resultat sollte dann dem im Hotel oder früher in vier Wänden eingesperrten Touristen innerhalb der Quarantänezeit bekannt gegeben werden.

Im Prinzip ja. Es gibt aber Fälle, die fröhlich wieder aus Kuba ausreisten, ohne das Resultat erhalten zu haben. Wobei auch für Touristen die Rückreise nicht ganz hindernisfrei ist, da auch die wenigen europäischen Airlines, die Flüge nach Kuba anbieten, diese zwar grossartig in ihren Flugplänen ankündigen, gerne auch die Kohle für eine definitive Buchung kassieren – sie dann aber auch nach Lust und Laune wieder absagen.

Nur zufällige Übereinstimmung von Statistik und Realität

Von all diesen kleinen und grösseren Hindernissen schreibt Henkel nur sehr, sehr wenig. Dafür zitiert er ausführlich offizielle Statistiken über die Anzahl von Corona-Fällen oder von Toten. Sicher, es gibt keine andere Quelle dafür, aber bei solchen staatlichen Angaben kann man sicher sein: jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre rein zufällig. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die wirkliche Anzahl viel höher. Das sowieso schon verlotterte Gesundheitssystem ist vor allem im Südosten der Insel nahe am Zusammenbruch.

Denn in Wirklichkeit ist Kuba von einem perfekten Sturm getroffen. Mangels Transport- und Überweisungsmöglichkeiten ist die Devisenquelle Nummer eins, die rund 4 Milliarden Dollar von Exilkubanern, die dann in den Monopolstaatsläden abgeschöpft werden, vom Strom zum Getröpfel vermindert. Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, der Tourismus, war von Mitte März bis Ende Oktober völlig lahmgelegt. Was unter anderem dazu führte, dass eine der wenigen florierenden Wirtschaftszweige für Privatunternehmer abgewürgt wurde.

Auch das ist real in Havanna.

Privathotels, Restaurants, Transportdienste und alles, was mit Tourismus zu tun hat, da hatte sich eine ernsthafte Konkurrenz zu den oftmals sehr realsozialistischen und im Vergleich schweineteuren Staatsinstallationen entwickelt. Abgeräumt, bankrott, weg.

Einnahmequelle Nummer drei, die Vermietung von Fachpersonal ins Ausland, lief auch schon mal besser. Inzwischen sind in vielen vormals verbündeten Staaten wie Bolivien oder Brasilien rechtskonservative Regierungen am Gerät. Und der grosse Bruder Venezuela pfeift selber aus dem letzten Loch.

Der überlebensgrosse, charismatische Fidel Castro ist tot, sein Bruder und die letzten überlebenden Guerilla-Führer sind 90 oder älter, der neue Präsident hat ausser einem provokativ dicken Bauch keine nennenswerten Eigenschaften. Gleichzeitig zwang der Devisenmangel das Regime, etwas zu tun, was es mit heiligen Eiden versprochen hatte, niemals zu machen.

Schon wieder ein revolutionäres Versprechen gebrochen

Es wurden wieder Devisen-Shops eingeführt, in denen man ausschliesslich in MLC, moneda libremente convertible, bezahlen kann. In den Peso-Läden oder in den Bodegas, wo sich der Kubaner bis heute die ärmlichen Reste auf seiner Rationierungskarte abholt, gähnen leere Regale, das gilt auch für viele Staatsapotheken. Ein Rezept bekommen, ist der einfachere Teil. Schlimmer noch, auch in den Devisenshops gibt es immer weniger Angebot, aber immer mehr Nachfrage.

Resultat: unübersehbare Schlangen, kilometerlang, oftmals beginnt das Warten am Vortag, und endet nicht immer glücklich am Folgetag vor Ladenschluss. Statt sich um eine bessere Belieferung zu kümmern, erfand das Regime eine Massnahme nach der anderen, um diese hässlichen Bilder, die nur zur feindlichen Propaganda dienen, zu vermeiden.

Aktuelle Lösung: Es werden pro Laden Tickets ausgegeben. Maximal 50 am Tag. Nun gibt es zwar lange Schlangen vor den Ausgabestellen, aber nicht mehr vor den Läden. Kleine Nebenwirkung: der Schwarzmarktpreis für so ein Ticket beträgt von 10 Dollar aufwärts. Nach Schwarzmarktkurs 500 Pesos. Ein kleines Vermögen nur für den Eintritt. Und wenn’s das gewünschte Produkt nicht hat: Pech gehabt.

An 60 Jahren landwirtschaftlichem und wirtschaftlichem Totalversagen gestählt, nimmt der Kubaner auch diese Herausforderung an, was bleibt ihm auch anders übrig. Und dass er wieder mindestens den halben Tag, jeden Tag, in einer Schlange verbingt, stört auch nicht weiter. Die einheimische Produktion ist sowieso schon lange im Keller, so muss die tropische und fruchtbare Insel über 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel importieren.

Macht ein Impfstoff Hoffnung?

Aber, so endet Henkel hoffnungsfroh, Kuba entwickle Soberana 2, Souverän 2. Das könnte die Impfung gegen Covid19 werden, behauptet das Regime. Vorherige Ankündigungen, ein Mittel gegen HIV und Krebs und überhaupt fast alles entwickelt zu haben, lassen daran zweifeln.

Vorsichtshalber soll es klinisch an Iranern ausprobiert werden. Da kann man nur hoffen, dass die ayatollen Führer als erste drankommen.

Natürlich ist Kuba trotz alledem eine mögliche Feriendestination. Land und Leute, Mojito und Puro, Sonne und Strand, Musik, unzerstörbare Fröhlichkeit. All das gibt’s weiterhin, als geballte Ladung nur für Touristen. Die nicht enttäuscht werden, wenn sie all das wissen. Aber sicher sind, dass Henkel ein Paralleluniversum beschrieben hat, wenn sie einen persönlichen Augenschein nehmen.

Einen Fehler machen kann jeder. Aber beratungsresistent einfach den nächsten zum gleichen Thema machen, das ist sehr beunruhigend.

 

Keystone-SDA auf Verbrecherjagd

Erste Plagiate entdeckt.

Wer behauptet, Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Keystone-SDA würden lediglich Medienmitteilungen abschreiben, liegt falsch. Gestern reiste ein Journalist extra nach Wohlen, um Teilnehmer einer Demonstration zu zählen.

Der Arme kam auf 1500 Personen und zitierte sich stolz: «Laut einem Korrespondenten der Nachrichtenagentur Keystone-SDA versammelten sich in Wohlnen (sic!) rund 1500 Personen zum Protestmarsch.»

Die NZZ nahm diese Kuriosität auf und erwähnte die Rechenleistung des SDA-Mitarbeiters. Selber ging sie von «mehreren Hundert Personen» aus, die Veranstalter übrigens von 2000.

Die Minimeldung hat 54 Wörter. Trotzdem ging Keystone-SDA an die Decke. Über ihr Ventil Inside SDA/ATS wettert sie über die NZZ: «Noch schöner, wenn Ihr eure Chefs dazu bringt, dafür auch zu bezahlen.»

Die NZZ verzichtet nämlich seit Anfang Jahr auf die Texte der Agentur.  Der Tweet zeigt aber, wie blank die Nerven liegen. Mit Argusaugen werden die Texte der Ex-Kunden durchleuchtet: Klaut jemand von uns Texte?

Kann man machen. Ob das zu neuen Verträgen führt? Fraglich. Im Umkehrschluss dürfte dann auch die Agentur keine Nachrichten der NZZ mehr vermelden, wie erst kürzlich geschehen. Was Keystone-SDA aber langsam verinnerlichen müsste: Die Zeit für Häme ist vorbei. 2021 sollte das Jahr der Demut werden – und das der Rechtschreibung. Denn auch der tapfere Kopfzähler ist nicht sattelfest in der Orthografie: «Wohlnen» und «bewiligt» lassen grüssen.

Maske raus, Maulkorb runter

Den Jungmillionären und «Masken-Schnöseln» muss man eins lassen: ihre Lernkurve ist sehr steil.

«Zürichberg-Kids machen Millionen mit Masken.» Wie so oft bringt «Inside Paradeplatz» mit seinem unermüdlichen Aufdecker Lukas Hässig als erster diese Meldung. Und legt eine Woche später, am 18. Juni 2020, nochmal nach, als sich die beiden zwei Luxusschlitten kaufen.

Der böse Verdacht: Zwei Jungunternehmer machen das Geschäft ihres Lebens mit dem Import und überteuerten Verkauf von Gesichtsmasken. Dabei nützen sie die übliche Unfähigkeit von staatlichen Behörden aus, die panisch Schutzmasken kaufen wollen. Ist ja das Geld des Steuerzahlers, daher bietet zum Beispiel die Schweizer Armeeapotheke bis zu 10 Franken. Für eine Maske.

Durch diese Verkäufe, in der Schweiz, aber auch in Europa, vor allem nach Deutschland, sollen die beiden Dutzende von Millionen verdient haben. Pro Nase. Also wie auf dem Serviertablett: zwei moralfreie Dealer verdienen sich am Schutzbedarf für die Bevölkerung zwei goldene Nasen. Skrupellos, rücksichtslos.

Leid schamlos ausgenutzt?

Am 30. Juli vermeldet der «Blick»:

«Brandanschlag gegen SVP-Masken-Millionäre».

Linksradikale bekennen sich dazu: «Damit bestrafen wir die dort ansässige Emix Trading und ihre Besitzer dafür, das Leid vieler schamlos ausgenutzt zu haben, indem sie durch überteuerte Maskenverkäufe an den Bund dick Kasse gemacht haben

Ende Januar 2021 stochert der «Tages-Anzeiger» nach: «Schweiz zahlte Millionen für nutzlose Masken». Auf der Packung steht «FFP2», das Gütezeichen für bessere Schutzmasken. Nur: der ägyptische Hersteller sagt auf Anfrage, dass er niemals solche Masken hergestellt habe und auch kein Zertifikat einer italienischen Prüfstelle beantragt hätte.

In der offensichtlichen und nicht falschen Annahme, dass öffentliche Gegenwehr zuerst gut organisiert werden muss, sollte sie etwas bewirken, gehen die beiden Inhaber der Handelsfirma Emix nun in eine sorgfältig geplante Offensive.

Zuerst CH Media, dann die NZZ

Zuerst kam Henry Habegger zum Handkuss. Er schreibt heute für CH Media, nachdem er bei Ringier gefeuert wurde, als Opfer eines der ganz wenigen Machtkämpfe, die Frank. A. Meyer verlor. Habegger erzählten die beiden die Geschichte ihrer Firma. Eine typische Tellerwäscher-zum-Millionär-Story.

Parallelimporte von Coca-Cola, Verteilung an Pizzerien und Döner-Buden im Kleinwagen. Dann Kontakte nach China, Exporte von Schweizer Produkten. Es ging Schritt für Schritt aufwärts. Schliesslich die Pandemie, die beiden setzten alles auf eine Karte. Bauten eine Lieferkette auf, mieteten ganze Frachtmaschinen für den Transport in die Schweiz.

Mr. Corona Daniel Koch sagte damals zuerst tapfer, dass die Verwendung von Schutzmasken in der breiten Bevölkerung nichts bringe, ihre Wirkung sei nicht erwiesen. Eine letzte Schrecksekunde, denn hätte Emix die Masken nicht verkaufen können, wären sie pleite gewesen.

Natürlich seien sie zutiefst betroffen von der Anschuldigung, auf Kosten der Not der Menschen einen Riesengewinn gemacht zu haben. Natürlich war der Kauf von Luxusauto eine jugendliche Übersprungshandlung, verständlich, aber von der Wirkung her fatal. Aber: sie seien schliesslich voll ins Risiko gegangen, hätten als fast einzige liefern können, und was da für ein Stress dahinter gestanden sei, unvorstellbar. Habegger notierte und berichtete, als alter Boulevard-Hase, mit dem Titel: «Jetzt reden die «Masken-Schnösel»».

Die NZZ rollt den ganz breiten Teppich aus

Nicht gerade ein voller Erfolg, aber man kann ja nachlegen. Dazu bietet sich – who else – die NZZ an. Riesenstory im Blatt mit Riesenfoto, online ohne Bezahlschranke lesbar. «Sind sie Helden, Schurken oder einfach nur clevere Unternehmer?», fragt sich das NZZ-Team Linda Koponen und Jan Hudec. Sie Jungredaktorin, er schon länger im medizinischen Themenbereich unterwegs.

Kommentierte Chronologie, also die CH-Media-Story nochmals ausführlicher ausgebreitet, und dann natürlich noch das Interview. Rund 300 Millionen Masken hat Emix nach Europa verkauft. Bei einer behaupteten Marge von 20 bis 30 Prozent und Verkaufspreisen von bis zu knapp 10 Franken, man rechne.

Aber ihr Geld haben sie nicht nur für Luxusautos rausgeworfen; diesmal empfangen sie die NZZ in ihrem Hauptquartier in Zug, wohin die Firma natürlich gezügelt ist. So wie ihre Inhaber nach Freienbach, zwei Niedrigsteuergebiete. Sie sind von gleich zwei Anwälten umrahmt. Der eine ist der Wirtschaftsanwalt Peter Ackermann, der die beiden 23-Jährigen schon länger begleitet und juristisch berät.

Der jammert über die Medien, dass deren «Berichte meinen Ruf wahrscheinlich unwiderruflich zerstört» hätten. Nur: Was für einen Ruf? Laut seiner Berufserfahrung ist er seit 2021 «Investor und Verwaltungsrat», bei Emix natürlich. Weitere rechtliche Beaufsichtigung des Gesprächs ist die Aufgabe der Medienanwältin Rena Zulauf.

Sportliche Honoraransätze treffen auf tiefe Taschen

Sonst für ihre Feldzüge beispielsweise in Sachen Jolanda Spiess-Hegglin bekannt, für die sie vor Kurzem beim Zuger Obergericht eine gewaltige Klatsche einfing. Aber Zulauf ist auch für ihre sportlichen Honoraransätze bekannt, und das dürfte bei Emix überhaupt kein Problem sein. Im Gegensatz zu ihrer Mandantin Spiess-Hegglin. Zulauf sieht weder Widerspruch noch Problem: «Ich vertrete Personen und Unternehmen bei erfolgten oder drohenden medienrechtlichen Grenzüberschreitungen.»

Zulauf tut auch energisch etwas für ihr Geld. Als «Inside Paradeplatz», schliesslich der Aufdecker dieses Falles, sich mit ein paar Fragen an die beiden Jungunternehmer wendet, bekommt der Blog einen Feuerstoss als Antwort. Aber Lukas Hässig ist sich garstige Reaktionen von Finanzhäusern gewohnt. Wobei Zulauf hier schon an die Grenze der putativen Notwehr geht:

«Meine Klientschaft behält sich zivil- und strafrechtlich Schritte aus unlauterem Wettbewerb und Persönlichkeitsrecht, insbesondere – aber nicht ausschliesslich – Schadenersatzansprüche wegen entgangenem Gewinn, gegen Inside Paradeplatz GmbH und Sie persönlich ausdrücklich vor und wird rechtliche Schritte gegebenenfalls ohne Vorankündigung einleiten», so die Anwältin auf Fragen an die Emix-Leute. Es ging darum, wie viel genau die Emix-Unternehmer mit der Schweizer Armee eingenommen hatten und wie viel mit Deutschland.

Auch das sieht Zulauf anders: «Die rechtliche Belehrung stand im Kontext vorangehender fehlerhafter Berichterstattung, bei der neben einer verlangten (und publizierten) Gegendarstellung auf rechtliche Schritte verzichtet worden war.»

Inzwischen ist eine Strafuntersuchung eingeleitet

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen Unbekannt im Zusammenhang mit Schutzmaskenverkäufen der Emix Trading eröffnet. Dabei dürfte auch die Strafanzeige wegen Wuchers eines Luzerner Anwalts eine Rolle spielen.

Die NZZ listet aufrecht alle Vorwürfe auf, die zurzeit um die beiden Jungmillionäre schwirren. Die dürfen sich selbst in einem möglichst guten Licht präsentieren: «Wenn wir die Masken ohne Risiko nach Europa gebracht und mit hoher Marge durch überhöhte Preise verkauft hätten: Dann könnte ich die Kritik nachvollziehen. Führt man sich jedoch vor Augen, dass unser Gewinn durch vorausschauende Verhandlungen bei Einkauf und Logistik und durch das riesige Volumen zustande gekommen ist, habe ich keine Sekunde ein schlechtes Gewissen», lässt sich einer der Beiden zitieren. Aber:

«Wir haben uns alles selbst erarbeitet und auf Freunde und Freizeit verzichtet, um an diesen Punkt zu kommen

An welchen Punkt? Man merkt dem Artikel deutlich an, dass sich die beiden Autoren nicht wirklich entscheiden können. Eben: Helden, Schurken oder clevere Unternehmer? Man weiss nicht, ob man es im heutigen Gesinnungs- und Positionsjournalismus begrüssen oder bedauern soll, dass die Antwort der NZZ ist: Das kann man so oder so oder so sehen.

Honi soit …

… qui mal y pense. Aber muss man beschämt sein, wenn man schlecht über die NZZ denkt?


Es ist nicht bekannt, ob der NZZ-Chefredaktor Erik Gujer Träger des Hosenbandordens ist. Aber dieser Devise scheint er nachzuleben.

Die Franzosen haben’s erfunden, die Engländer angewendet.

Es begab sich nämlich und trug sich zu: Herr und Frau Gujer mögen ein Hotel bei Dornbirn namens Rickatschwende. Das ist weder anrüchig noch verboten. Der genaue Name des lauschigen Luxushotels ist «F.X. Mayr Health Retreat». Denn nach der weiterentwickelten Methode von Mayr wird hier auch eine Fastenkur angeboten. Für schlappe 3778 Euro aufwärts pro Nase kann man sich eine zweiwöchige «Auszeit für die ganzheitliche Regeneration von Körper, Geist und Seele» gönnen.

Portemonnaie und Körper fühlen sich erleichtert.

Verständlich, dass der Chefredaktor der immer noch bedeutendsten Zeitung der Schweiz, mit Expansionsgelüsten nach Deutschland und gebeutelt vom Werberückgang, ab und an genau das braucht. Verständlich, dass das auch seine Gattin braucht. Die war schon einige Male in diesem Hotel, allerdings nicht im Mayr-Programm, aber dann probierte sie es aus – und war begeistert.

Wer kann dem schon widerstehen? (Screenshots Hotel-Homepage.)

Gerne schildert Gujer seine Erfahrungen

Gerne schildert das Gujer in aller Ausführlichkeit in einem Interview. Frage: War das Ihr erstes Mal? «Ja, es war das erste Mal, auch wenn meine Frau und ich schon öfters in der Rickatschwende waren, allerdings im Nicht-Kurbetrieb, einfach um die Ruhe dort zu genießen. Wie so oft sind es die Frauen, die mutiger sind, also hat meine Frau zuerst eine solche Kur absolviert.

Sie kam recht begeistert zurück, also beschloss ich, es auch einmal zu versuchen.»

Woher das die Weltöffentlichkeit weiss? Nun, ein deutlich tiefenentspannter Gujer verrät das «Mayr», dem Hausmagazin des Hotels:

Ein fastender Chefredaktor ohne Leidensmiene.

Als Berufsinsignien vor sich die NZZ und – erstaunlich – die Süddeutsche; vielleicht war gerade keine FAZ zur Hand. Neckisch ragen aus der Tasse die Blätter eines Pfefferminzstengels, denn gesund ist’s hier.

Auch das könnte man noch als lässliche Sünde sehen, halt etwas eitel, der Herr, und wenn man schon mit österreichischem Charme fragt, wer kann da widerstehen. Ausserdem darf er natürlich auch gewichtige Worte zu Mensch und Werk äussern.

Das Leben ist nicht nur ein Fluss, sondern auch voller Zufälle

Es begab sich auch und trug sich ebenfalls zu, dass in der Samstagausgabe der NZZ vom 13. Februar 2021 ein ganzseitiges Interview mit dem «Kurarzt Wolfgang Moosburger» erschien. Genauer: mit dem «Chefarzt im Rickatschwende F. X. Mayr Health Retreat». Interviewerin ist Claudia Schwartz, die im Ressort Gesellschaft auch die vorherige Seite füllt. Mit einem Bericht über «Viel mehr als nichts essen». Besonders, was sie ausdrücklich und lobend erwähnt, im Selbstversuch ausprobiert im Hotel Rickatschwende.

Zufälle aber auch. Denn zufällig ist Schwartz die Gattin von Gujer. Wir fassen also zusammen. Familie Gujer hat schon einige Male geruhsame Ferien in einem Hotel verbracht. Auf Anregung seiner Gattin lässt sich Gujer auch zu einer Zweiwochenkur überreden (weniger bringt nichts, meint er im Interview). Davon so begeistert, gewährt er dem Hotel-Blog gnädig ein Interview. Nach der Devise: Sie werden nicht mit ekligen Fragen belästigt, dafür sagen Sie nur nette Sachen über uns.

Dann erscheint ein Zweiseiten-Stück in der NZZ, bei dem das Interview mit dem Chefarzt auch in diesem Geist geführt wird. Eingeleitet von einem Artikel, der die Kur, die Methode und das Hotel in den höchsten Tönen lobt. Geschrieben von der Gattin Gujers. Selbst wenn man nicht im Traum daran denkt, dass sich Familie Gujer so eine Rechnung für den Aufenthalt erspart hat (obwohl das doch so rund 8800 Franken gewesen sein dürften): hat das ein Geschmäckle oder nicht? In der NZZ? Er Chefredaktor, gewährt Interview im Hotelblog, sie seine Gattin, schreibt in der NZZ über eben dieses Hotel?

Wie du mir, so ich dir.

Es antwortet die NZZ-Kommunikationsverantwortliche

Die entsprechenden Fragen leitet da Ehepaar Gujer an die Kommunikationsverantwortliche weiter. Zunächst sei dieser Beitrag der Abschluss «einer Reihe zum Thema Ernährung». «Basierend auf einer persönlichen Erfahrung während eines (selbstverständlich selbst berappten) Ferienaufenthaltes beschreibt Frau Schwartz darin die F.-X.-Mayr-Kur.» Wie schon eine andere Autorin vor ihr habe Schwartz eben einen persönlichen Erfahrungsbericht geliefert, was die Erwähnung von anderen Hotels mit diesem Angebot ausschliesse. Es handle sich «entsprechend nicht um einen gesponserten Tourismus-Artikel».

Das Interview mit Gujer sei davon völlig unabhängig und auf Anfrage der Hotelleitung entstanden. Es sei Teil einer Reihe, wo «Persönlichkeiten, die in Jobs mit hohem Stressfaktor tätig sind, zu ihrem Umgang damit befragt werden».

Vor Gujer waren das der weltbekannte Schauspieler Sebastian Koch und der längst vergangene «Zukunftsforscher» Matthias Horx. Nun, da ist das Niveau mit Herrn Gujer aber gewaltig gestiegen.

Beantworten, was nicht gefragt wurde

Natürlich: «In keinem dieser Fälle ging es um «Gegengeschäfte».» Hat auch niemand behauptet. Das ist die übliche Masche; man beantwortet eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, um einer gestellten Frage auszuweichen. Die lautete, ob man all das in der NZZ für statthaft halte, eine weitere: «Wir wissen wohl alle, dass nicht nur das Tatsächliche, sondern auch der Anschein eine wichtige Rolle spielt; vor allem, was die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit einer redaktionellen Berichterstattung betrifft. Glauben Sie, dass dieser Anschein hier gewahrt wurde?»

Fast kongenial antwortet der Geschäftsführer des Hotels in diesem Sinne: «Für Fragen zur Berichterstattung der Neuen Zürcher Zeitung wenden Sie sich bitte direkt an die NZZ.» Was ich getan habe, aber meine fünf unbeantworteten Fragen ans Hotel hatten damit nichts zu tun.

Honi soit qui mal y pense, kann man da nur sagen. Alles normal, alles legal, alles in Ordnung. Kann man so sehen. Muss man nicht so sehen, denn oberhalb des klar Verwerflichen gibt es auch noch Grauzonen. Mit denen die NZZ kein Problem zu haben scheint. Als grosser Aufreger wird im Lead des Gujer-Interviews «schon zu Beginn verraten: Er hält sich nicht für unabkömmlich». Gut zu wissen.