Beiträge

NZZaS: schwacher Kafi Lutz

«Wir sind leider noch keine LeserInnen Ihres Portals»

Meinen ersten Liebesbrief habe ich von einem Kollegen kopiert. Abschreiben ist gar nicht schlimm. Man sollte aber die Quelle angeben; ausser bei Liebesbriefen.

Am 4. November verschickte ZACKBUM.ch eine Medienmitteilung an die wichtigsten Redaktionen der Schweiz: «20 Minuten verlässt Keystone-SDA». Für die Nachrichtenagentur ein herber Schlag. Die Meldung machte die Runde, unter anderem bei der Medienwoche.

Einen Monat später schrieb die «NZZ am Sonntag» ebenfalls einen längeren Artikel. Zum gleichen Thema. Zur gleichen News. Aber ohne uns zu zitieren.

Geweint haben wir deswegen nicht, aber geärgert schon. Zumal gleich zwei hochdekorierte Journalisten hinter dem Artikel standen: Boas Ruh und Anja Burri. Sie werden auch in Zukunft hoffentlich viele Preise, Pokale und Diplome einheimsen.

Der Schweizer Presserat übertreibt natürlich wie immer: «Wer ein Plagiat begeht, d.h. wer Informationen, Präzisierungen, Kommentare, Analysen und sämtliche anderen Informationsformen von einer Berufskollegin, einem Berufskollegen ohne Quellenangabe in identischer oder anlehnender Weise übernimmt, handelt unlauter gegenüber seinesgleichen.»

So weit wollen wir nicht gehen. Burri, die hoffentlich privat ganz anders ist, schreibt: «Leider sind wir noch keine LeserInnen Ihres Portals und haben deshalb auch Ihre Texte zur SDA nicht gesehen. Eine Medienmitteilung hat weder mich noch Kollege Boas Ruh erreicht.»

Und: «Vielleicht können Sie abklären, wann genau und wohin diese verschickt wurde?» Wir haben das intern nochmals genau abgeklärt: Genau am 4. November ging die Meldung an ihren Chef, Herrn Luzi Bernet. Der meldete sich dann auf Anfrage am Abend und will der «freundlichen und korrekten Antwort» seiner Mitarbeiterin nichts hinzufügen.

Wer noch nie etwas von Bernet gehört hat, lernt ihn im Filmchen der «NZZ am Sonntag» ein bisschen näher kennen. Im Begleittext wird vorsorglich gewarnt: «Begleiten Sie Chefredaktor Luzi Bernet eine Woche lang durch die Redaktion und erfahren Sie von ihm, wie die «NZZ am Sonntag» und NZZaS.ch entsteht.» Wir finden: Zum Glück muss Bernet keine Staubsauger verkaufen. Die Zuschauer erfahren vor allem, dass die NZZaS-Journalisten gerne und fleissig Gipfeli essen und Kaffee schlürfen. Dazwischen gibt es eine Sitzung, noch eine Sitzung und warum nicht nochmals eine Sitzung?

Wer so viele Gipfeli essen muss und ständig eine Sitzung hat, verliert manchmal den Überblick. Was ist aber schlimmer: Ein Chefredaktor, der eine Nachricht verpennt oder zwei Journalisten, die eine Woche lang hinter einer Geschichte her sind und ihren Text anscheinend auf der Schreibmaschine verfassen? Nun, wir sind nicht nachtragend. Gerne übernehmen wir den nächsten Espresso. Einen besonders starken.

Die Übelsetzung der NZZaS

Schludrig und falsch

Wer sparen will, muss übersetzen. Die Zeiten, in denen Reporter für eine Woche nach Miami flogen und einen schmissigen Text über Land und Leute schrieben, die sind endgültig vorbei. Heute sieht das so aus: Übersetzer mit günstigem Stundenansatz gehen fremde Texte durch und schicken sie der Redaktion zu.

Auch Sonntagsblätter, die 6.50 Fr. kosten, schrecken vor diesem Economy-Journalismus nicht mehr zurück. Wir reden über die NZZ am Sonntag (NZZaS). Seit einem Jahr liegt dem Blatt ein Magazin bei, das in den ersten Monaten hochwertig und frisch daherkam. In den letzten Nummern ist von beidem nichts mehr zu erkennen. Die alte Leier von Kostendruck funktioniert natürlich immer. Aber man kann auch mit wenig Geld etwas Schönes fabrizieren.

Die Titelgeschichte des Magazin ist natürlich eingekauft und vom Englischen übersetzt. Der Print-Titel lautet «Barcelona will in eine neue Richtung». Der englische Originaltitel ist länger aber programmatischer: « Rethinking Barcelona: how the pandemic is reshaping tourism in the Spanish city» Geschrieben wurde die insgesamt halbgute Geschichte von Matteo Fagotto. Übersetzt wurde sie von Christina Heyne.

Barcelona oder Mailand?

Fagotto soll angeblich selber in Barcelona leben, schreibt die NZZaS. Sein Twitter-Account und der Originaltext geben hingegen Mailand als Wohnort an. Der Text selbst ist schlecht übersetzt. Das erkennt man an einer Unzahl von Beispielen. Im Zusammenhang mit einer Kathedrale kommt das Wort «rose window» vor. Heyne übersetzt es mit «Fensterrose». Gemeint ist natürlich eine Rosette.

Kern des Artikels sind die Touristenhorden, die Barcelona in der Vergangenheit überfallen haben. Zwischen 1992 und den Vor-Corona-Jahren kam es zu einer Vervierfachung («has quadrupled») der Besucherzahlen. Heyne mag es anscheinend nicht so konkret wie der Autor und schreibt von «Vervielfachung».

Auch sonst werden in ihrer Übersetzung detaillierte Zahlenangaben über den Kamm geschoren. Fagotto schreibt an anderer Stelle von sinkenden Tourimuseinnahmen: «Tourist income fell by an estimated 72.6 per cent in the first seven months of 2020.» Also: «Die Einnahmen aus dem Tourismus sind in den ersten sieben Monaten des Jahres 2020 im Jahresvergleich um schätzungsweise 72,6 Prozent zurückgegangen.»

42’000 Top-Führungskräfte lesen die NZZaS

Heyne hingegen schreibt: «Seit Beginn des Jahres fielen die Tourismuseinnahmen um über 70 Prozent.» Das ist sehr wahrscheinlich falsch, Fagotto beschrieb nur die Vergleichszeit Januar-Juli. Ist das jetzt spitzfindig? Nein, denn wenn sich ein Journalist schon die Mühe nimmt, korrekte Zahlen zu recherchieren, sollte die Übersetzerin (und die Redaktion) die Daten so auch übernehmen.

Auch sprachlich hat die Übersetzung ihre Buckeln. Stolz ist die NZZ am Sonntag auf ihre Leser. Die verkaufte Printauflage liegt bei exakt 88‘917 Exemplaren. Die Zahl der Führungskräfte, die die Zeitung beim Sonntagsbrunch lesen, soll bei 89‘000 liegen, die der «Top-Führungskräfte» sogar bei 42‘000. Wäre schön, gäbe es so viele in der Schweiz. Ich vermute aber, dass auch Supertop-Führungskräfte Schwierigkeiten mit folgendem Schwurbelsatz haben:

«Ein erstes Zeichen dafür, dass der Einsicht nun wohl auch Taten folgen, ist ein 30‘000 Quadratmeter grosser Gebäudekomplex, den die Stadtverwaltung nun beschlossen hat, in einen Technologie- und Startup-Hub umzuwandeln, ein erster Schritt einer Langzeitstrategie, im Rahmen derer die Wirtschaft diversifiziert und junge Talente angelockt werden sollen.»

Fazit: Wenn schon eingekauft, dann bitte hübsch verpacken und den Sonntag nicht vermiesen.

Der Glücksspieler im Pech

Oder hat’s die «NZZ am Sonntag»?

Eine Story, von der jeder Boulevard-Journalist träumt: Spieler verliert in einer Nacht 1,5 Millionen. Nachdem er anderthalb Jahre zuvor schon mal über eine Million verzockt habe. Eine Story aus Las Vegas oder Atlantic City? Aber nein, das alles trug sich im Casino Zürich zu.

Gibt es dabei ein Problem? Eigentlich gewinnt immer das Casino, das weiss jeder «High Roller», jeder «Big Spender», jeder Berufsspieler wie der Engländer Henri Cammiade. Vielleicht wäre aber ein Boulevard-Journalist vorsichtiger an diese Story herangegangen – als die «NZZ am Sonntag».

Wohin nur mit so viel Bargeld?

Bei der jammerte sich nämlich der Berufszocker aus. Beim ersten Verlustabend habe er schon einige Gläser Wein intus gehabt. Erschwerend sei hinzugekommen, dass ihm das Casino mehrfach einen Mercedes der E-Klasse mit Chauffeur spendiert habe, womit er zu seinem Gelddepot fuhr, um Nachschub zu holen.

Gelddepot? Hier kommen wir zu einer Absonderlichkeit beim Glücksspiel um hohe Beträge. Gewinne werden in bar ausbezahlt, und nur in bar. Früher kein grosses Problem, aber man versuche einmal heute, zu einer europäischen oder Schweizer Bank zu gehen, einen grösseren Sack auf den Tresen zu wuchten und darum zu bitten, gerne mal eine Million in Cash einzuzahlen.

Woher man das Geld habe? Na, natürlich im Casino gewonnen. Da kichert der Bankangestellte. Ach, ob das Casino eine Bestätigung ausstellt? Nein, tut es nicht. Warum nicht? Aus dem gleichen Grund, wieso die Bank so viel Bargeld nicht annimmt: Angst vor Geldwäsche.

Einfühlsame Schilderung des Belohnungssystems im Hirn

Also muss der High Roller aus England grössere Summen Bargeld umherkutschieren, wenn er gewinnt. Oder sie bei seiner Zürcher Freundin lagern oder wie auch immer. Die NZZaS schildert einfühlsam, wie im Hypothalamus bei Spielsüchtigen das Belohnungssystem anspringt, bei hoher Taktung der Spiele umso stärker. «Noch besser fühlt es sich an, wenn die Suchtmittel kombiniert werden: Spielen, Alkohol, Rauchen.»

Davor sollten eigentlich diverse Mechanismen schützen, ein sogenanntes «Sozialschutzkonzept», ohne das Casinos in der Schweiz keine Konzession erhalten. Nun besteht das Problem natürlich darin, dass Zocker und Berufsspieler wie dieser Engländer unbegrenzt gewinnen dürfen. Aber vor unbegrenzten Verlusten sollen sie geschützt werden, durch gutes Zureden bis hin zur Sperre, dem Verbot, Schweizer Casinos zu betreten.

Der Not gehorchend, eröffnete der Spieler ein Jetonkonto

Hier wird die Story des High Rollers recht abenteuerlich. Nachdem er wieder kräftig gewonnen hatte, habe er Schiss bekommen, überfallen zu werden. Also sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als ein Jetonkonto beim Casino zu eröffnen. Alleine im August dieses Jahres gewann er offenbar 1,24 Millionen Franken, die er auf dieses Konto gutschreiben liess.

Dann folgt die nächste Pechsträhne, Verlust auf Verlust. Er habe seinen «Client Relationship Manager» mehrfach gebeten, ihn nicht mehr weiterspielen zu lassen, behauptet Cammiade. Aber in einer Nacht sind wieder 1,5 Millionen weg, alles, was auf dem Jetonkonto lag.

Nun benehmen sich Berufsspieler manchmal nicht anders als Zocker an der Börse. Solange es gut läuft und die Gewinne sprudeln, ist alles bestens. Hagelt es Verluste, erhebt sich grosses Geschrei. Man sei nicht richtig über die Risiken aufgeklärt worden, man habe gar nicht so ein Risikoprofil, usw. Das mag manchmal stimmen, meistens aber nicht.

Nachdem andere Versuche scheiterten, wieso nicht Öffentlichkeitsarbeit

Nachdem der Berufsspieler mit seinen Versuchen, dem Casino unstatthaftes Verhalten vorzuwerfen, gescheitert war, ebenso bei der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK), der Aufsichtsbehörde über alle Schweizer Casinos, versuchte er es offensichtlich mit Öffentlichkeitsarbeit.

Ihm kam zupass, dass das Swiss Casino Zürich sträflich unterschätzte, welche Wellen dieser Artikel schlagen sollte. Am Montag wurde die Story breit aufgenommen; endlich mal etwas anderes als ewig Corona und US-Wahlen. Das Casino liess sich anfangs nur mit der knappen Mitteilung vernehmen, dass es den Fall an die ESBK gemeldet habe, die keinerlei Unregelmässigkeiten feststellen konnte.

Erst durch Gebrüll aufgeschreckt sagt Swiss Casinos was

Aufgeschreckt durch das Gebrüll vom «Landboten» über «20 Minuten», «Tages-Anzeiger», CH Media und natürlich des «Blick», bequemte sich Swiss Casinos endlich zu einer Stellungnahme. Während seine Medienmitteilungen normalerweise Themen wie «Säulirennen im Casino St. Gallen», «Zwei Zürcherinnen werden über Nacht zu Millionärinnen» oder «Wiedereröffnung Adventure Rooms» bestreichen, rückt der Betreiber  der Schweizer Casinos eine Kleinigkeit zurecht:

Nämlich dass der Berufszocker das Casino Zürich alleine im Jahr 2019 mehr als 30 Mal besucht habe. Und unter dem Strich, Gewinne minus Verluste, bislang mit 220’500 Franken – in der Gewinnzone sei.

Man kann sich also ungefähr vorstellen, welche Beträge er einsetzt, gewonnen hat und jeweils klaglos hinaustrug, wenn er nach über 2,5 Millionen Verlust in zwei Nächten immer noch mehr als das Dreifache eines durchschnittlichen Schweizer Jahreseinkommens als Trostpflästerchen besitzt.

Vielleicht hätte die NZZaS es besser mit Dostojevski probiert

Da er nun aber gesperrt ist, kann er diesen Betrag in der Schweiz weder legal durch Glücksspiel vermehren – oder verringern. Also geht es ihm besser als Dostojevskis «Der Spieler».

Die «NZZ am Sonntag» wäre vielleicht gut beraten gewesen, dieses Gewaltswerk auf zwei Seiten zu präsentieren – statt eine windige und einseitige Story eines Zockers, der sich nicht unter Kontrolle hat und dafür – wie üblich – allen anderen die Schuld geben will. Wie ein solcher Unfug von Rafaela Roth durch alle Kontrollinstanzen flutschte und üppig illustriert den Leser auf einer Doppelseite angähnt – unverständlich und beunruhigend.

5G: NZZ am Sonntag lässt sich einspannen

Im Wirtschaftsteil schreibt ein Redaktor für die 5G-Lobby.

Am Sonntag gönnte sich Armin Schädeli, stellvertretender Leiter der Swisscom-Medienstelle, ein zusätzliches Glas Fruchtsaft. Heute gab es etwas besonderes zu feiern. Eine ganze Seite berichtete die NZZ am Sonntag über eines seiner Herzensanliegen. Die rasche Einführung des 5G-Standards beim Handynetz.

«5G-Technologie hilft dem Klimaschutz», lautet der Titel. Der Lead sorgt für noch mehr Klarheit: «Der neue Mobilfunk ist viel energieeffizienter und bringt Anwendungen, die den CO2-Ausstoss senken». Autor Jürg Meier zitiert dazu eine Studie von der Uni Zürich und der Empa. «Dabei arbeiteten sie mit dem Wirtschaftsverband Swiss Cleantech und der Swisscom zusammen, welche die Studie auch finanziert hat». Wenigstens war der Autor ehrlich.

Nun kommen Tausende von Zeichen mit Lobhudelei, welche die Agentur Farner Consulting nicht besser hingekriegt hätte. Der Unterschied: Jene PR-Bude hätte sich fürstlich bezahlen lassen a) für das Texten und b) fürs Platzieren im redaktionellen Teil. Ob bei besagtem Artikel von Jürg Meier auch Geld geflossen ist, wäre natürlich eine gemeine Unterstellung und völlig unbeweisbar.

Tatsache ist, dass die NZZ am Sonntag mit diesem Artikel elementare Grundsätze des Journalismus über Bord geworfen hat. Null ausgewogen, keine Kritiker angehört. Diese kamen nur mit dem bösartigen Nebensatz zu Wort: «In Internetforen ist etwa zu lesen, 5G habe die Verbreitung des Coronavirus begünstigt». Fair ist anders.

Aber die Swisscom freuts. Als Grossinserent, so wie Coop das auch ist. Was hat jetzt das wieder miteinander zu tun? Swisscom und Coop haben den gleichen Verwaltungsratspräsidenten. Hansueli Loosli. Das ist aber wieder eine andere Geschichte.

Zurück zur NZZ am Sonntag und zu ihrer Gefälligkeit. Als Anriss im Wirtschaftsteil steht sogar «Die 5G-Technologie ist nicht nur blitzschnell – sondern auch sehr klimafreundlich». Der Blattmacher hat noch einen draufgegeben. Gratuliere.

Bla Bla Blattkritik

Die Sonntagspresse im Test. Wer ist top, wer Flop?

Zugegeben, es mag unfair sein, ausgerechnet den 2. August als Testgrundlage zu nehmen. Samstag 1. August, Sommerloch, Höchststrafe für die Redaktoren, die sich dennoch genügend Themen aus den Fingern saugen müssen.

Auf der anderen Seite verlangen die drei Sonntagsblätter ja nicht weniger Geld für weniger Inhalt. Da schwingt der «SonntagsBlick» (SoBli) obenaus. Für Fr. 4.90 gibt es 39 Seiten Politik, People und Vermischtes, 39 Seiten Sport und 35 Seiten Magazin. Allerdings im Tabloid-Format, also werden die auf 56,5 Seiten umgerechnet. Die Verlagsbeilage 20/20 mit einigen sehr interessanten Formen von Schleichwerbung läuft ausser Konkurrenz.

Es gibt keine Primeurs oder Skandale

Die «SonntagsZeitung» (SoZ) will Fr. 6.- für 60 Seiten, die NZZamSonntag (NZZaS) gar Fr. 6.50 für ganze 48 Seiten. Obwohl deren Magazin «Sommerpause macht» und sich erst Mitte August zurückmeldet. Alle drei Blätter sind erschreckend-angenehm inseratefrei.

Gut, das ist die quantitative Analyse, viel wichtiger ist natürlich der Inhalt. Zunächst fällt auf, was es nicht gibt. Primeurs, Skandale, Enthüllungen. Das war früher das Geschäft von SoBli und SoZ, selbst die NZZaS war sich nicht zu schade, mal für Gesprächsstoff zu sorgen. Alle drei Blätter profitieren davon, dass Samstag weitgehend gegendarstellungsfreier Raum ist. Da kann man ungeniert holzen und dazu schreiben: War für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Diesen Sonntag aber ist der SoBli eindeutig das staatstragende Organ; er macht mit einem Interview mit Aussenminister Ignazio Cassis auf. Inhalt? Unwichtig, Interview mit Bundesrat ist immer gut. Die SoZ will Mut machen und behauptet «Die Schweiz trotzt der Krise», die NZZaS verlangt «Ruhe!» in der Natur und beklagt, dass der Bund «Impftests verschläft».

Der SoBli sorgt für Aufreger

Für die einzigen Aufreger sorgt der SoBli; er zwirbelt die unterschiedlichen Auffassungen von Bund und Kantonen zum «Corona-Chaos» hoch. Dann hat er sich den ehemaligen Immobilien-Chef der SBB zur Brust genommen. «Filz nach Schweizer Art» schimpft er, denn der ehemalige Chef der zweitgrössten Immobilienfirma SBB sammelt nach seinem Ausscheiden fleissig VR-Mandate – logisch bei Baufirmen und anderen Unternehmen, die mit den SBB zu tun haben.

Obwohl die SoZ den grössten Umfang hat, muss man sich bei der Lektüre durch energisches Umblättern wachhalten. «Velofahrer ärgern sich über die SBB», «Feuer unterm Zeltdach», «Die erste Madam President», alles Artikel mit hohem Schnarchpotenzial. Einzig ein munteres, aber nicht ganz taufrisches Stück, «Wie Schweizer Mafiosi ihr Geld gewaschen haben», unterbricht die Monotonie. Allerdings traut sich der Autor nicht, die Namen der darin involvierten Banken zu nennen. Oder er hat sie nicht rausgekriegt.

Die NZZaS lässt einen Taliban sprechen

In der guten alten NZZ-Tradition, auch Mikronesien nicht auszulassen, wenn es dem zuständigen Redaktor beliebt, informiert sie den Leser auf einer Seite darüber, warum sich der afghanische Bauer Abdul Maruf den Taliban angeschlossen hat. Im «Hintergrund» glänzt Daniel Meier mit einem kenntnisreichen Stück über Kermit, den Frosch. Es ragt auch deswegen heraus, weil  Werweisen über die Frage, ob Trump freiwillig das Weisse Haus nach einer Wahlniederlage räumt und die Erinnerung an 75 Jahre Abwurf der Atombomben auf Japan zur Gattung gehören: Kann man machen, muss man nicht machen.

Sonst? Sagen wir so: Wirtschaft plätschert so vor sich hin, und dass der auch schon 75-jährige Bassist von Deep Purple im Aargau wohnt, ist an kulturellem Gehalt kaum zu überbieten. Bei der SoZ war früher einmal das grosse Interview als Auftakt des «Fokus»-Bundes ein Markenzeichen. Diesmal darf der neue Zoodirektor Lebensweisheiten unter die Leute streuen wie «Bei einem Tiger kommt man leider selten davon».

Dann der Notnagel, eine Doppelseite «Wie war denn der 1. August», auf Seite 19, neben den Leserbriefen ein bemerkenswertes Korrigendum über ZACKBUM.ch. Auch die Wirtschaftsredaktion der SoZ hat eigentlich nichts zu melden; eine interessante Abhandlung über die Entwicklung der Zinsen seit 1317 entpuppt sich als Zusammenschrieb aus einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema.

Diese Seiten werden Ihnen präsentiert von …

Vom gleichen Autor, der schon mit der Mafia-Geldwäsche etwas für Unterhaltung sorgte, noch ein Stück über Schmiergeldzahlungen beim Bau der U-Bahn von Panama City. Nicht gerade überraschend, und auch nur ein Zusammenschrieb aus einem Bundesgerichtsurteil vom Mai. Dass Migros jetzt Schoggi von Coop verkauft, schafft es auch nur in der Saure-Gurken-Zeit zu fast einer Seite. Dass Frauen inzwischen offen dazu stehen, dass sie menstruieren; nun, das wollten wir Männer auch schon immer mal wissen.

Zur Abrundung entlässt einen die SoZ mit einer Seite redaktionelle Werbung für ein Töff und mit der Schmonzette, dass Bugatti eine Seifenkiste für Kinder auf edel getrimmt hat und für bis zu schlappen 60’000 Euro verkauft. Was darauf hinweist, dass der Artikel, wie viele andere auch, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen wurde und der bearbeitende Redaktor erschöpft war, nachdem er alle ß durch ss ersetzt hatte.

Dann folgen noch drei Seiten, die das Elend des Reisejournalismus bestens illustrieren. Lust auf Malta, eine Wandertour im Tirol oder patriotisch auf den Aletschgletscher? Die SoZ hat’s ausprobiert und findet’s grossartig. Super. Spitze, toll. Keinesfalls liegt das daran, dass bei allen drei Ganzseitern am Schluss verschämt steht «Die Reise wurde unterstützt durch …». Mit anderen Worten: bezahlte Werbung, die als redaktionelle Leistung daherkommt.

Eine überraschende Reihenfolge

Kassensturz am Schluss? Es fällt auf, dass die SoZ, aber auch zunehmend die NZZaS, mit übergrossen Fotos arbeiten. Der SoBli pflegte schon immer ein Boulevard-Layout mit hohem Bildanteil, knalligen Titeln, bunten Elementen. Bei der SoZ sind die bis zu halbseitigen Fotos, links und rechts von Textriemen umrandet, aber offensichtlich Platzhalter. Platzfüller.

Was erhält man also für insgesamt Fr. 17.40 (Einzelverkaufspreis)? 165 Seiten bedrucktes Papier. Natürlich rein subjektiv inhaltlich gewichtet: Die NZZaS hat mit dieser Ausgabe extrem enttäuscht. Kaum Lesenswertes, kaum Interessantes, kaum Hintergründiges, und das Magazin, kaum eingeführt, macht schon mal Pause.

Der SoBli zeigte sich interessanterweise staatstragend und sorgte mit dem Multi-VR für einen hübschen Aufreger. In der SoZ fielen nur zwei Stücke vom gleichen Autor über Gelwäsche und Schmiergelder positiv auf.

Es war also ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aber zur eigenen Verblüffung ist die Rangordnung: 1. SoBli, 2. SoZ, 3. NZZaS.

 

 

Packungsbeilage: Der Autor war lange Jahre Auslandkorrespondent der NZZ, publiziert noch gelegentlich in der NZZ, hat aber in der NZZaS bislang ein einziges Mal einen Kommentar veröffentlicht.