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Wie viel ergibt 244:40 ?

Redaktionskrankheit Dyskalkulie.

Wovor fürchten sich Journalisten am meisten? Vor Zahlenoperationen. Addition und Subtraktion beherrschen auch Lokaljournalisten. Was darüber geht, bereitet ihnen Fieberschübe.

Am Dienstag wurde bekannt, dass die UBS von 239 Filialen 44 schliessen will. Von der Grossbank gab es keine Medienmitteilung, die Informationen stammten von der NZZ und den CH Media.

Wenn wir über die Ängste von Journalisten reden, müssen wir auch über ihre Steckenpferde reden. Zu ihnen gehören Abschreiben und Nachschreiben.

Die wenigsten Journalisten haben am Dienstag die UBS-Medienstelle angerufen und nachgefragt, ob die kolportierten Zahlen stimmen oder nicht.

Eine Nachlese zeigt: Es gibt sie noch, die Medienvielfalt, leider auch bei Zahlen. Bei Nau waren es 40 von insgesamt 240 UBS-Standorten, die aufgehoben werden und bei der SDA 44 von 240. Beides ist falsch.

Am meisten Mühe zeigte der «Tagi». Nicht nur, dass er von 240 Standorten ausging, er schaffte sogar dieses Kunststück:

Wird jede fünfte Filiale geschlossen oder jede Sechste? Helfen wir doch den Armen: 240/44=5,455. Darum: Die Grossbank baut einen Fünftel ihres Filialnetzes ab.

Gern geschehen.

 

Dania Schiftan: Verwirrung um Doktortitel

Kurzes Vorspiel zum Doktor.

Wenn Journalisten eine Frage zu Orgasmus, Selbstbefriedigung und dergleichen haben, wenden sie sich in der Schweiz am besten an Dania Schiftan. Die Sextherapeutin wurde in Schweizer Medien 2020 mindestens 18 mal befragt. Sie hat damit einen grösseren Output als so manche Republik-Angestellten.

Auf nau.ch widmete sie sich vor ein paar Wochen einigen Mythen. Zum Beispiel Mythos 3: «Frauen kommen nur nach langem Vorspiel». Ein falscher Mythos. Laut Umfrage würden Frauen nur 20 Minuten benötigen, um zu kommen. Das geht ja noch.

Dania Schiftan ist «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)». Auf Infosperber wurde vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sie in den Medien unter anderem als «Dr. phil.» auftrat. Der Artikel wirbelte viel Staub auf führte zu langem Schriftwechsel mit dem bekannten Medienanwalt Andreas Meili.

Dania Schiftan: kein Dr. phil.

Hauptsächlich ging es im Artikel darum: Schiftan erhielt nie einen «Dr. phil.». Was sie bekam, war ein sogenannter «Doctor of Philosophy in Clinical Sexology» der «American Academy of Clinical Sexology». An dieser Universität im sonnigen Florida dauert der Doktortitel nur 60 Semesterstunden. Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen, schrieb auf Anfrage von Infosperber: «Die American Academy of Clinical Sexology ist in den USA nicht akkreditiert.»

Ein richtiger Doktortitel benötigt ein längeres Vorspiel. Für die Promotion und die Doktorarbeit benötigt man in der Schweiz leider nicht 60 Semesterstunden, sondern mindestens drei Jahre.

Weil die Sexuni in Florida nicht mit Cambridge vergleichbar ist, muss Schiftan als «Dr. phil. in Clinical Sexology (USA)» auftreten. Ein sperriger Titel, der aber nötig ist. Patientinnen und Leserinnen müssen bei einem so heiklen Thema genau wissen, welchen akademischen Hintergrund eine Sextante oder Sexonkel aufweisen.

Juristische Schritte

Seit dem Erscheinen des Artikels trat Schiftan in zwei nachgewiesenen Fällen wieder als «Dr. phil» auf. Und zwar auf vitagate.ch und auf bildung-schweiz.ch. Auf beiden Links wurde der falsche Doktortitel mittlerweile behoben, nachdem ZACKBUM.ch Schiftan darauf aufmerksam machte.

Auf Anfrage von Zackbum informiert uns Schiftan, dass sie sich «juristische Schritte» gegen uns vorbehält. Inhaltlich gab sie zur Antwort, dass die publizierte Titelbezeichnung nicht von ihr stamme, sondern vom Textverfasser. Sie habe schon im September um eine Änderung ersucht. Sie sei dem aber nochmals nachgegangen.

Ihre Assistentin schreibt uns:

«Da sie oft in den Medien zitiert wird und ihr Name auch sonst oft verwendet wird, würde es den Rahmen sprengen, alle Nennungen zu überblicken und jedes Mal zu intervenieren, wenn ein Journalist oder sonstiger Verfasser diese Bezeichnung abkürzt, falsch schreibt oder die Titelbezeichnung gleich ganz weg lässt. Wenn es ihr zur Kenntnis gelangt, dass ihr Titel unkorrekt wiedergegeben wird, interveniert sie stets.»

Weil für uns Sex so spannend ist, interessierten wir uns ausserdem für die Doktorarbeit von Schiftan. Sie trägt den Titel: «Sexual Behavior in German Speaking Switzerland». Das wollten die Amis vermutlich schon immer von uns wissen. Während ihrer Zeit an der Uni in Bern schrieb Schiftan übrigens an der «Studie zum Sexualverhalten der deutschsprachigen Schweizer». Schiftan schickte uns ihre Doktorarbeit nicht zu, trotz entsprechender Bitte.

Nau wird zur Konkurrenz von Lokalzeitungen

Nau.ch will mit seinen Regio-News in 22 Regionen den Trend zum publizistischen Einheitsbrei stoppen.

Das Online-Portal Nau.ch hat in der Medienbranche nicht die beste Reputation. Doch jetzt baut man die Lokalberichterstattung massiv aus. Von Köniz und Lenzburg über Thal-Gäu und Dübendorf, der Zürcher Goldküste bis zu March-Höfe hat Nau.ch expandiert. Jeweils mit «gut verankerten Persönlichkeiten vor Ort, was wir mit unseren Lokaljournalisten abdecken», bestätigt CEO Yves Kilchenmann den Ausbaukurs auf Anfrage.

Amateursport, Lokalpolitiker, Vereinsnachrichten

«Unser Regio-Produkt befindet sich im Wachstum. Im Frühjahr konnten wir Köniz als eine der ersten Regionen im Raum Bern etablieren. Aktuell sind es 22 Regionen – Tendenz steigend», so Kilchenmann weiter. Ein Blick in solche Berichte zeigt, dass sie genau dort ansetzen, wo Mantelblätter mit zentralisierten Redaktionen immer weniger die Bevölkerung ansprechen. Vereinsnachrichten, Sportberichte von Amateurligen, Tribünentexte von Lokalpolitikern, auch mal ein lokaler Aufreger, für dessen Recherche man aus dem Grossraumbüro muss.

Es begann in der Marzilibahn

Doch der Reihe nach: Am Anfang stand bei Nau.ch die Werbung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Im Frühling 2008 wurde der erste Doppelbildschirm in der Berner Marzilibahn installiert. Die beiden Gründer der Firma Livesystems, Oliver Chuard und Yves Kilchenmann, hatten die simple Idee, Werbung auf Screens im öffentlichen Verkehr zu platzieren. In der Zeit vor dem grossen Handy-Boom mit permanentem Internetzugang offensichtlich eine Marktlücke. Im Sommer 2017 wurde dann die Online-Plattform Nau gegründet. Nach Angaben von Nau steht der Name als Abkürzung für: «Neu, aktuell, unterhaltsam». Doch die Akzeptanz in der Medienwelt war eher gering, im Gegensatz etwa zu Watson, der Republik oder den lokal agierenden tsüri.ch, das Lamm oder bajour.ch. Jene Plattformen sind sich oft zu schade, über lokale Themen zu berichten. Oder es fehlt am Gespür für sie. Stichwort Medienblase. Dazu kommt, dass Nau.ch mit seiner Werbe-Herkunft oft als zweitklassig wahrgenommen wird. Dazu kommen negative Medienberichte über die Firma. Praktikanten und Kurzarbeit.

Zackbum hat über die Expansion in die Regionen mit Yves Kilchenmann, CEO der Nau Media AG, gesprochen.

Herr Kilchenmann, warum haben Sie entschieden, die Regionalberichterstattung auszubauen?

Mit unseren Screens im öffentlichen Verkehr, an Tankstellen und an gut frequentierten öffentlichen Plätzen verzeichnet Livesystems ein stetiges Wachstum. Nicht nur urban, sondern auch in ländlichen Regionen. Via den Bildschirm können wir internationale und nationale Nachrichten verbreiten, regionale Berichterstattungen jedoch lokal ansteuern. So können wir gezielt auf die einzelnen Regionen eingehen und bieten den Zuschauern einen deutlichen Mehrwert. Regionale Berichterstattungen schwinden vermehrt – diesem Trend wollen wir mit den Regio-News von Nau entgegenhalten, damit die publizistische Vielfalt nicht verloren geht.

Ein Beispiel ist die Goldküste, wo Kilian Marti sehr aktiv ist. Ist das die Strategie, ein Journalist pro Gebiet, im konkreten Fall Zollikon-Meilen?

Um regionalen Journalismus zu betreiben, benötigt es gut verankerte Persönlichkeiten vor Ort, was wir mit unseren Lokaljournalisten abdecken.

Wieviele Regionen bespielt Nau aktuell? Die Rede ist von 18?

Unser Regio-Produkt befindet sich im Wachstum. Im Frühjahr konnten wir Köniz als eine der ersten Regionen im Raum Bern etablieren. Aktuell sind es 22 Regionen – Tendenz steigend. Wir decken Regionen Bern über Solothurn bis hin zu Zürich und/oder Schwyz ab. Anbei ein kleiner Auszug: Köniz, Thal-Gäu, Lenzburg, Dübendorf und March-Höfe.

Nau wird durch diese Regionalisierung zur Konkurrenz für Regionalzeitungen wie der Zürcher Oberländer, der Marchanzeiger und die Zürichsee-Zeitung, einverstanden?

Über die letzten Jahre hinweg schwindet die Vielfalt der Regionalzeitungen. Die Nachfrage nach lokalen News zeigt aber ein anderes Bild. Es interessiert, was in der eigenen Gemeinde passiert, ob der Fussballverein am letzten Samstag das Auswärtsspiel gewonnen hat und wann der nächste Dorfmärit stattfindet (um nur einige Beispiele zu nennen). Die Regio-News von Nau.ch sind ein digitales Produkt und keine Zeitung.

Wie viel Geld nehmen Sie in die Hand für diese Expansion?

Dazu können wir keine Angaben machen.

Wie läuft es denn mit den Kurzmeldungen im ÖV? Ist das nicht langsam ein Auslaufmodell, weil alle auf ihre Handys starren?

Sowohl für den Werbemarkt wie auch für die Leser bieten die Screens im ÖV und im öffentlichen Raum ein einmaliges Kombi. Über die Screens von Livesystems erhalten Zuschauer die wichtigsten Nau.ch-News in Kurzform, für eine detaillierte Berichterstattung nutzen sie die (mobile) Website und/oder App. Mit den Screens erreichen wir täglich ein 2.4 Millionen-Publikum und sorgen so für eine hohe Visibilität, welche beeindruckende Werbeerinnerungen mit sich bringen.

Beispiel Zürich: Warum ist Nau.ch nicht an Tankstellen oder in Coop Prontos präsent?

Das digitale Out-of-Home Werbenetz von Livesystems befindet sich nach wie vor im Wachstum. Im Raum Zürich haben wir bereits heute über 40 Ausstrahlungsstandorte an Tankstellen (u.A. Tamoil und Migrol) und weitere über 20 Standorte mit den grossflächigen Werbestelen. Mit der Postfilialen-Vermarktung der Schweizerischen Post wächst das Netz insbesondere auch im Retail – nicht nur in Zürich, sondern schweizweit um ein Vielfaches. Die Coop Prontos werden von einem Marktbegleiter vermarket.

Wo expandieren Sie sonst noch?

Livesystems durfte im Frühjahr 2020 die Ausschreibung der Verkehrsbetriebe Zürich VBZ gewinnen. Der Eintritte in den Analog-Markt und die weitere Expansion im Metropolitanraum Zürich ist gelungen. Das digitale Out-of-Home Angebot in Zürich wird mit analogen Werbemöglichkeiten ideal abgerundet.

Noch zum Thema Thema Kurzarbeit und die Anschuldigungen der Republik, die ja dann von diversen Medien unbeleuchtet übernommen wurden. Ist da noch etwas geplant, zum Beispiel der Gang vor die Gerichte?

Der Republik-Artikel ist geschäftsschädigend. Das trifft auch auf die Weiterverbreitung von falschen Behauptungen zu.

Das Interview wurde schriftlich geführt.