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Die Langweilerin des Jahres

SRF-Sendungen mit Einschaltquoten von 0,0 Prozent.

Letzten Mittwoch sackte die Einschaltquoten von SRF 1 auf den Nanobereich ein. 1000 Zuschauer (Zielgruppe 15-59 Jahre) verfolgten die langweilige Sendung «Wunderwelt Kräuter: Liebstöckel / Thymian / Salbei». Das entspricht 0,8 Prozent in der Zielgruppe.

«Im Labor», so der Einstieg in die Kräutersendung, «wollen die Forscher die unbekannten Seiten des Liebstöckels kennen lernen.» Mit dem Rasterlektronenmikroskop gab es dann schöne Bilder.

Auch am Vortag rutschte SRF 1 am Nachmittag einmal unter 1 Prozent. Und am Montagnachmittag schaffte der «G&G Flash» sogar 0,0 Prozent. Eine Stunde früher machte auf SRF 2 die  Sendung «Zäme stah» gleich viele Zuschauer glücklich, nämlich null. Sogar unter dem Mikroskop sieht es nicht besser aus.

Wer die aktuellen Einschaltquoten von SRF 1 und 2 studiert, erkennt folgendes Muster: Die «Tagesschau» am Abend ist der Renner. Nach Jahren der Stagnation schafft die Sendung wieder über eine Million Zuschauer vor dem Fernseher zu versammeln. Davor und danach sieht es düster aus.

Vor allem um das Vorabendprogramm sieht es schlecht aus. In den letzten Jahren kam es zu keinen Neuerungen. Sogar das «Guetnachtgschichtlichi» hat massiv abgegeben. Am Montag guckten in der ersten Zielgruppe (3 Jahre und älter) nur 26’000 Personen zu. Das gibt eine Quote von 5,3 Prozent. Die Sendung «Kater Miro – Dracheflüge», ein billig produzierter Animationsfilm, ödet selbst Dreijährige an.

Daran schuld ist in erster Linie SRF-Direktorin Nathalie Wappler. Sie ist bald zwei Jahre Chefin. Ausser Entlassungen hat sie bisher keine Spuren hinterlassen. Welche Sendung hat sie neu eingeführt? Welche Mitarbeiter hat sie gefördert? Welche Innovationen tragen ihren Stempel?

Und ausgerechnet diese Frau hat der Ex-Chefredaktor des «Schweizer Journalist», David Sieber, zur «Medienmanagerin des Jahres» gekürt. Mit dem Argument: «Während sie auf der einen Seite alte Zöpfe abschneidet (…), investiert sie auf der anderen Seite in den Journalismus.»

Wer so einen Blödsinn schreibt, taugt nicht einmal zum Coiffeur.

Drei Meldungen, eine Geschichte

Peter Wanner schreibt einen Brief, Jean-Martin Büttner muss gehen. SRF baut ab und um.

Er ist wohl das, was man ein Urgestein nennt. Noch länger als Rainer Stadler bei der NZZ harrte Jean-Martin Büttner beim Tagi, bei T, bei TX, bei Tamedia aus. 37 Jahre verbrachte er dort, sein ganzes Berufsleben.

Er ist Jahrgang 1959, fing 1983, nach Abschluss seines Studiums, beim Tagi an. Das heisst, dass er ein paar Jahre zu früh gefeuert wurde, um problemlos ins Rentnerdasein zu rutschen. Aber solche Kleinigkeiten spielen heutzutage keine Rolle mehr.

Wanner hat einen Brief mit Beilage geschrieben

Wie persoenlich.com exklusiv vermeldet, hat Hausherr Wanner allen Journalisten bei CH Media einen Brief geschrieben. Weihnachtsgrüsse, schwierige Bedingungen, «schätzen Ihren Einsatz sehr», Blabla.

Da dem Schreiben kein Zehnernötli beilag, obwohl sich ja auch dieser Verlag das traditionelle Weihnachtsessen sparen kann (der Zunft geschuldet mehr ein Weihnachtstrinken; welche fabulöse Alkoholrechnungen enthemmte Journalisten verursachen können, sagenhaft), schauten sich die Betroffenen eine Beilage genauer an.

«Leitlinien für den Lokaljournalismus», so der Titel des E-Mail-Anhangs. Interessant. Wird hier erklärt, wieso die Leitlinie daraus besteht, Aussenstationen zuzuklappen, Lokaljournalisten rauszuschmeissen oder zu Regional-, wenn nicht Kantonaljournalisten zu machen?

Leitlinien im luftleeren Fantasieraum

Das ist zwar die bittere Realität, aber davon will sich ein publizistischer Ausschuss doch nicht seine Illusionen nehmen lassen. Der Lokaljournalist müsse «den Stallgeruch spüren», vor allem «nahe dran bleiben», nicht zuletzt: «Man muss ihn mögen, damit er an Informationen herankommt.» So stellt sich das ein Club von überwiegend älteren Herren vor, die noch nie oder seit Jahrzehnten nicht mehr so etwas wie Lokaljournalismus gemacht haben.

Schliesslich sitzt der «Kommunikationsberater» Peter Hartmeier* dem «Publizistischen Ausschuss» von CH Media vor, unterstützt von Koryphäen wie Esther Girsberger oder Peter Wanner himself. Natürlich darf auch die publizistische Leiter nach unten nicht fehlen, Pascal Hollenstein.

Man ahnt es, da kann ja nichts Gutes herauskommen. Nachdem man das den älteren Herren erklärt hat, sind sie nun überzeugt: «Mobile first». Irgendwie. Denn dank des Internets wisse man jetzt, «welche Titel und Artikel besonders gut klicken.» Da hat’s auch beim publizistischen Ausschuss (nomen est omen) spät, aber immerhin klick gemacht. Denn wenn man schon beim digitalen «Change» ganz vorne dabei ist, weiss man auch: «Der moderne Journalist ist ein Video-Journalist.» Denn auch das klickt ungemein.

Neuigkeiten von der Fernbedienung

Wunderbar, man hat sich sagen lassen, dass man nicht mehr nur mit der Fernbedienung, sondern auch mit – wie heisst das Zeugs schon wieder – Streamen bewegte Bilder anschauen kann. Multichannel, you know, Text ist so was von gestern, heute ist Bild und Ton und Text und Illu und Link, und Blog, und Social Media, und, und, und.

Wie macht das der moderne Journalist? Na, piece of cake, wie da der Digital Native sagt: «Mit Video‐ und Audio‐Schnipseln und Fotos bastelt der Journalist eine multimediale Story.» Manchmal gelingen selbst Pfeifen Sätze, die jeden weiteren Kommentar erübrigen. Ausser, dass noch nicht klar ist, ob das der Video-Journalist mit eigenen Mitteln und Selbststudium basteln soll oder nicht.

Bei SRF gibt es keine Bastelstunde

Entschieden weiter mit Video- und Audioschnipseln und überhaupt im Netz ist SRF. Als die Direktorin Nathalie Wappler im Livestream (nimm das, publizistischer Ausschuss) ihre Untergebenen darüber informierte, dass es ihr wirklich ernst ist mit dem digitalen Umbau, meinte man gigabyte-mässig immer noch Unglauben und «lassen uns doch nicht die Festtage völlig versauen» zu spüren.

Denn Wappler kündigte konkret an, dass im Januar die ersten 66 Vollstellen gekündigt werden. Sozialplan vorhanden. Insgesamt verabschiedet sich SRF in den nächsten zwei Jahren von 211 Stellenbesitzern. Das ist bei rund 3000 Angestellten nicht mal 10 Prozent, aber dennoch ist das üppig bezahlte Personal erschüttert, gerüttelt, gerührt und angefasst.

Gleichzeitig aber werden in einem ersten Akt 89 neue Stellen geschaffen. Was bedeutet, dass offenbar viele des Bastelns von Videos und Audios mächtige Mitarbeiter nicht in der Lage sind, ins Modern-Digitale umzusteigen. Eine Zeitenwende wie damals, als man den letzten Printjournalisten ihre Schreibmaschine wegnehmen musste und sie darauf aufmerksam machen, dass faxen nicht mehr die beste Übertragungsmethode ist.

Drei Meldungen, drei Erkenntnisse, eine Frage

Was sagen uns diese drei Ereignisse? Sie verschaffen drei Erkenntnisse. Texte von Büttner wären garantiert nicht besser geworden, wenn er sie mit Video- und Audioschnipseln verunstaltet hätte. Schlichtweg schon deshalb, weil ein guter Schreiber kaum auch ein guter Fotograf, Radio-Reporter oder gar VJ ist.

Was CH Media hier als Blick in die Zukunft vergeigt, ist das typische Resultat eines abgehobenen Altherrenvereins, der selbst vom Millionengrab watson.ch nicht gelernt hat, dass Internet nicht einfach Flimmern statt Drucken bedeutet. Und dass ein Lokaljournalist mit Kamera normalerweise schlechter ist als ohne. Insofern es ihn überhaupt noch gibt.

SRF hingegen, gebadet in genügend Zwangsabgaben, kann es sich leisten, bei der digitalen Transformation Nägel mit Köpfen zu machen. Zuerst ein wohlüberlegter Plan, dann die Strategie zur Umsetzung, dann die personellen Konsequenzen. Muss auch nicht unbedingt funktionieren. Aber im Vergleich zu Tamedia oder CH Media liegen Welten dazwischen.

Zwei Grosskonzerne ohne Konzept, ausser nach Staatshilfe zu krähen. Und ein mehr oder minder Staats-TV, dass verblüffenderweise nicht der Letzte im Umzug ist, wenn es um Paradigmenwechsel geht, sondern den Umzug anführt. Wie absurd ist das denn?

 

*Da sieht man, wie schnell ich abschalte, wenn sein Name erscheint. So heisst er richtig, nicht Hartmann. Schon wieder. Ich schreibe hundert Mal an die Wandtafel: Ich muss meinen Namens-Check verbessern. Aber immerhin, Dürrenmatt habe ich im ersten Anlauf richtig geschrieben.

 

Das «Päckli» von Gilles Marchand und Nathalie Wappler

Die SRG schweigt Sexismusdebatte im eigenen Magazin tot.

«link» heisst das Mitarbeiter- und Mitgliedermagazin von der SRG Deutschschweiz. Der Namen ist wohl abgeleitet vom englischen «link» für Verknüpfung. Oder «Das Glied einer Kette». In der aktuellen Dezemberausgabe ist das «Glied» – um diese zugegebenermassen mittel originelle Brücke zu schlagen – aber in keinerlei Hinsicht ein Thema. Obwohl die SRG-Führung wegen dem Star-Moderator Darius Rochebin vom Westschweizer Fernsehen (RTS) und seinen im Raum stehenden sexuellen Übergriffen arg unter Druck steht. Was viele SRG-Mitarbeitende beschäftigt, wird totgeschwiegen. Doch der Reihe nach.

«Keine Kenntnis gehabt»

Rochebin soll seine berufliche Stellung und sein Ansehen ausgenutzt haben, um zu Sex zu kommen. Ein weiterer Kadermitarbeiter sei ebenfalls übergriffig geworden, und «alle hätten davon gewusst». Darum forderten 550 Mitarbeitende von RTS, immerhin gut ein Drittel der ganzen Belegschaft, in einer Petition die Absetzung der beiden Kaderleute und eine externe Untersuchung. Und was hat das mit der SRG zu tun? Der heutige SRG-Generaldirektor Gilles Marchand war von 2001 bis 2017 RTS-Direktor. Gegenüber watson.ch sagte die SRG-Medienstelle, Marchand habe von den falschen Facebook-Profilen Rochebins, nicht jedoch den Vorwürfen der sexuellen Belästigung Kenntnis gehabt. Sein Nachfolger als RTS-Direktor habe im Herbst 2017 «Massnahmen gegen Rochebin bezüglich der Einhaltung der Berufsregeln» ergriffen, über die Marchand informiert worden sei. Nun fordern kritische SRG-Angestellte und Mediengewerkschaften gar den Rücktritt von Marchand.

Ladina Heimgartner als Nachfolgerin?

Felix E. Müller gab kürzlich in der NZZaS noch einen drauf und brachte Ladina Heimgartner als Nachfolgerin ins Spiel. Sie ist seit gut einem Jahr bei Ringier, vorher arbeitet sie lange bei der SRG. Sie hat einige Vorteile gegenüber Marchand. Sie ist eine Frau, sie ist in der rätoromanischen Schweiz aufgewachsen. Und sie ist erst 40-jährig. Das ideale Alter, um den angestrebten «Transformationsprozess» der SRG auch durchzuziehen. Sprich, mehr digital, weniger Gewicht auf linear ausgestrahlte Sendungen.

«Lassen Sie mich das erklären»

Aber was hat das nun mit dem SRG-Heftli zu tun? Viel und nichts. Denn das Thema Rochebin-Sex-Marchand ist auch in Leutschenbach allgegenwärtig. Viele Mitarbeitende sind sauer, wie die SRG und demzufolge auch SRF das Problem angehen. Man bekommt den Eindruck, wie wenn die Chefs einander decken wollten. Aussitzen lautet die Devise. Dass in den nächsten Wochen Kündigungen anstehen, spielt dem Kader sicher in die Karten. Wer will schon aufmucken, wenn seine Stelle in Gefahr ist? In diese Strategie des Schweigens und Aussitzens passt nun eben die neuste Ausgabe von «link». Kein Wort über das Rochebin-Thema. Kein Wort. Dafür schreibt SRF-Direktorin in salbungsvollen Worten viel und doch wenig Konkretes über das «Transformationsprojekt SRF 2024». «Lasen Sie mich das Prinzip der Transformation am Beispiel der Volksmusik erklären», schreibt die Chefin etwa. Gestelzter geht fast nicht. Und das in einem Mitarbeiterheft, einem internen Produkt von und für Mitarbeitende. Theoretisch. Immerhin erfährt der Laie nebenbei, dass bei SRF heute weniger als 10 Prozent «unserer Mittel ins Onlineangebot fliessen, in einem Jahr sollen es etwa 20 Prozent sein.» Der Verlegerverband wird sich freuen.

Wie eine Programmzeitschrift

Was bleibt sonst vom «link»? Das Heft wirkt wie eine Programmzeitschrift. Der Text «Play Suisse» könnte auch im «Tele» stehen. Ebenso wie die Rubrik «Neu im Programm». Dafür kommen porträtierte Mitarbeiter eher zu kurz. Das Heft wirkt ziemlich unpersönlich, ja fernab von der Basis. Da ist das von zackbum.ch auch schon kritisierte Ringier-Blatt Domo noch um einiges menschlicher. Doch hier wie dort zeigt sich, dass die Chefs das letzte Wort haben. Darum ist im «link» kein Wort zum Thema Sexismus und Darius Rochebin zu finden.

In einer ersten Version wurde «link» als Mitarbeitermagazin bezeichnet. Das stimmt nicht ganz. Es richtet sich neben den Mitarbeiteiterinnen und Mitarbeitern auch an die Mitglieder der SRG. Die Auflage beträgt gut 16000 Exemplare.

schweizer journalist ganz klein

15 Jahre gibt es ihn schon. Stationen eines Abgangs.

Es war eigentlich ein ganz normaler Dienstag, sogar die Sonne schien. Der Gang zum Briefkasten änderte das. Der «schweizer journalist» versucht, die 15 Jahre seiner Existenz zu feiern.

Da ist Trauerarbeit angesagt. Auf dem Cover, welche Überraschung, Nathalie Wappler als «Mutige Strategin» und «Medienmanagerin des Jahres». Im Editorial eine Lobeshymne auf den Inhalt des aktuellen Blatts. Wobei aktuell: das Online-Voting für die diversen Kategorien des «Journalist des Jahres» laufe noch bis zum 10. November. War also bei Erhalt des Hefts seit mehr als zwei Wochen vorbei.

Schweizer Bezüge im «Schweizer Journalist»?

Welche Eigenleistungen darf man für immerhin 15 Franken erwarten? Natürlich, ein Interview mit Nathalie Wappler. Ein Interview mit Karl Lüönd. Ein Ausflug mit Peter Rothenbühler in die Romandie und die Expansionspläne von «watson» und «blick.ch». Eine Seite Nutzwert, wie man aus Pro Litteris am meisten Geld rausholen kann.

Dann kommt – coronabedingt – die lange Strecke, die nun nichts mit Schweizer Journalismus zu tun hat. Aktivismus und Journalismus; was meint man dazu in Deutschland, was meint der «stern»? Wir blättern und blättern.

Ah, endlich, der Chefredaktor meldet sich wieder zu Wort und lobt die Frauenförderung bei Ringier. Kann man machen, muss man nicht machen.

Ein Highlight der Transparenz im Branchenblatt

Dann ein weiteres Highlight: Was geschieht mit den Archiven von Online-Medien, wenn die den Stecker rausziehen? Eine durchaus interessante Frage. Wenn der Autor Stefan Boss nicht zunächst die verblichene «TagesWoche» über den grünen Klee loben würde. «Innovativ, international beachtet», ein Wunderwerk, eine Bastion gegen die «Basler Zeitung», die «unter den Einfluss des SVP-Politikers Christoph Blocher gelangt war».

Davon habe ich als langjähriger Autor der BaZ zwar nie etwas gemerkt. Vielleicht hätte dem Artikel des «freischaffenden Journalisten und Textarbeiters» Stefan Boss hier etwas Transparenz wohlgetan. Denn Boss kündigte 2012 bei der BaZ und veröffentlichte immerhin 29 Artikel in der «TagesWoche». Bis das «zur Verfügung gestellte Geld aufgebraucht war».

Kein Wort darüber, dass es zu den Innovationen der «TagesWoche» gehörte, bei der Auflagenhöhe der gedruckten Ausgabe über jedes Mass hinaus zu bescheissen. Dass die ständigen Querelen und das Mobbing innerhalb der Redaktion, mitsamt häufigem Führungswechsel, eine bedeutende Rolle beim Untergang spielten. Sich über einen nicht vorhandenen Einfluss Blochers beschweren, aber seine eigenen Verbindungen nicht offenlegen: so lobt man sich den Journalismus.

Nun aber der Ausflug über Deutschland und Österreich hinaus

Dann kommt endlich auch der Duft der grossen weiten Welt ins Blatt. In Form eines «nordenglischen Lokalblatts». Das ist auch der richtige Ort, dass die «Tiroler Tageszeitung» per Inserat verkündet, dass sie «die absolute Nummer 1 in Tirol» sei. Aber von den österreichischen Bergen geht’s dann schnurstracks nach Kalifornien und dort zur frisch gestarteten «lokalen News-App «Lookout»». In einem Interview wird die Frage beantwortet: «Was will Gründer Ken Doctor damit erreichen?» Das mag vielleicht kalifornische Surfer oder auf der Promenade von Venice Beach interessieren. Aber in der Schweiz?

Doch Abhilfe naht, ab Seite 68 sagt Karl Lüönd, was er gerne immer wieder zum Zustand der Schweizer Medienlandschaft sagt. Und auf Seite 72 zeigt der erste Chefredaktor des «Schweizer Journalist», wie man elegant eine Seite füllt. Und Mitherausgeberin Margrit Sprecher beklagt den Niedergang und lobt «Republik», «watson» und «heidi.news».

Allerdings lässt sie doch erkennen, dass sie nicht gerade eine Digital Native ist. Sie behauptet nämlich: «Eine selbstbewusste Truppe schafft das Doppelte in besserer Qualität in der Hälfte der Zeit.» Da wagen wir von ZACKBUM.ch doch einzuwenden: Wir Drei schaffen den gleichen Output wie die «Republik» mit 50 Nasen. Also schaffen wir dann 17 mal das Doppelte, Wahnsinn.

Was ist nicht drin, was fehlt?

Das ist drin, was fehlt? Nun, wenn man schon den nicht gerade handelsüblichen 15. Geburtstag zum Anlass zur Selbstfeier nimmt: Es gab ja einen ersten Chefredaktor, dann einen zweiten und dann kam David Sieber. Aber sein Vorgänger, wer war das schon wieder, der ist ihm keine Zeile wert.

Ach, und die einzige Neugründung in Sachen Medienkritik auch nicht. Empfindlich, der Herr. Kritik an dem nicht nur von ihm verschuldeten Niedergang verträgt er überhaupt nicht. Auch ein Indiz dafür, dass es immerhin richtig ist, 15 Jahre zu feiern. Einen runden Geburtstag wird es wohl nicht mehr geben.

 

Packungsbeilage: Ich habe vor der Ära Sieber im «Schweizer Journalist» regelmässig publiziert. Seither weder Artikel angeboten, noch angefragt worden.

Die Morgengeschichte und das Testbild

SRF baut ausgerechnet bei regional gefärbten Gefässen ab. Dafür will es künftig Radiosendungen abfilmen.

Tröpfchenweise dringen die Sparmassnahmen von SRF an die Öffentlichkeit. Dabei ist erstaunlich, wie resolut Chefin Nathalie Wappler an der Sendesubstanz schrauben will. Von Sparmassnahmen bei der Verwaltung oder bei gemieteten Bauten, etwa im teuren Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel für die Kulturabteilung, ist nichts bekannt. Der Medienkritiker Kurt W. Zimmermann bringt das Thema Personal treffend auf den Punkt: «Jeder Journalist wird von genau 1,97 Mitarbeitern aus dem Backoffice betreut. Bei der SRG arbeiten, auf Vollstellen umgerechnet, 1850 Journalisten. In der Bürokratie und in der Technik hingegen arbeiten 3650 Köpfe.» Für Zimmermann ist in seinem Weltwoche-Artikel klar: «Das ist Bürokratie aus dem Bilderbuch.»

Fokussierung auf Hauptsendezeiten

Nathalie Wappler, seit März 2019 SRF-Direktorin und seit diesem Jahr auch noch stellvertretende Generaldirektorin SRG, will erstens die Fokussierung auf die Primetime, also die Sendezeit mit den meisten Zuschauern. Denn diese ist bezüglich Werbeerträge am attraktivsten. Und zweitens das Zusammenstreichen der Angebote bei Nischenthemen wie Religion, Literatur oder Philosophie. Diese seien zwar häufig ein Alleinstellungsmerkmal von SRF, erreichten aber nicht unbedingt ein breites Publikum.

Nicht nur Nischenprodukte fallen weg

Bei Thema Literatur trifft es nicht nur Nischensendungen wie «52 beste Bücher», sondern auch die «Morgengeschichte» beim Radio-Flaggschiff SRF 1. Die tägliche Kurzgeschichte von wenigen Minuten Dauer ist oft lustig, manchmal regt sie zum Nachdenken an, teilweise ist sie so schräg, dass man mit einem Lächeln im Gesicht in den Tag startet. Als Autoren, die die eigenen Geschichten auch vorlesen, treten Leute auf wie Linard Bardill, Guy Krneta, Julia Weber, Ferrucio Cainero oder Hugo Rendler. Charakteristisch sind die verschiedenen Dialekte, die einen in den Schwarzwald, ins Tessin oder nach Graubünden versetzen. Schade, wird dieses verbindende Sendegefäss mit jeweils bis zu 500’000 Hörerinnen und Hörern abgeschafft.

Die Schlappe an der Urne von 2015

Die frühere nationale «idée suisse» von SRG scheint vergessen. Auch das 2015 historisch knapp erzielte Ja zum Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) scheint weit weg. Das Stimmvolk hatte das neue Gebührensystem mit lediglich 50,08 Prozent Ja-Stimmen-Anteil angenommen. «Die Forderung ist ja, dass wir das tun, was Private nicht tun können», gab sich der damalige SRG-Direktor Ruedi Matter einsichtig. Fünf Jahre später gilt das offensichtlich nicht mehr.

Regionaljournale mit weniger Präsenz

Interessanterweise zieht sich SRF auch aus der digitalen regionalen Berichterstattung zurück. Bisher konnten die einzelnen Regionaljournale ihre Meldungen, oft bemerkenswerte Recherchierprimeure, in schriftlicher Version im Netz verbreiten. Dies ist nun mehrheitlich vorbei. «Mit dem neuen Konzept verändern wir den Fokus von regionalen Geschichten im Web», lässt sich Stefan Eiholzer in einer Mitteilung zitieren Der Leiter der SRF-Regionalredaktionen: «Wir konzentrieren uns auf weniger, dafür exemplarische Themen.» Durch diese Reduktion sei es möglich, dass Userinnen und User mehr Analysen, Recherchen und Hintergrundberichte als bisher erhalten. «Damit wollen wir den Stellenwert von regionalen Geschichten erhöhen.»

Das Gegenteil wird der Fall sein. Die Regionaljournale werden geschwächt, was immerhin die Lokalzeitungen freuen wird. Denn für einmal baut SRF im Online-Nachrichtenteil nicht aus, sondern ab.

Radiosendungen abfilmen

Eine spezielle Idee verfolgt SRF laut der NZZ bei kostengünstigen Bespielen des linearen Fernsehprogramms in Randzeiten. Man will vermehrt auf das sogenannte «Visual Radio» setzen. Also Radiosendungen oder Podcasts, die gefilmt werden. Von der Radiosendung «Persönlich», einer seit 44 Jahren andauernden Erfolgsstory auf SRF 1, existiert laut Wappler schon eine entsprechende Pilotausgabe. In Frage kommen dazu zum Beispiel auch der Talk «Focus», jeden Montagabend auf SRF 3, oder «Musik für einen Gast» auf SRF 2. Überlegungen gibt’s laut der «NZZ» auch im Informationsbereich oder bei Quizformaten.

(Foto: blog.nationalmuseum.ch)

Im Fernsehen auf SRF zwei gibt’s die Sendung «3 auf zwei» schon heute – jeweils von Montag bis Freitag von 5.55 bis 8.50 Uhr und neu auch von 12.13 bis 14.59 Uhr. Doch wer nicht gerade ein ausgesprochener Fan von statischen Bildern ist mit einem Moderatoren mittendrin, findet das Format eher überflüssig.

Da sehnt man sich fast das gute alte Testbild zurück.

Dieses sendeten TV-Anstalten zu Zeiten, als das Programm noch ausschliesslich zur Primetime gesendet wurde.

Staatliche Medienförderung

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Wie haben wir gelacht über die sozialistische Presse. «Prawda», «Neues Deutschland», «Granma» und wie sie alle heissen. Wenn das Modewort vom «Branded Content» wo zutrifft, dann bei diesen Blättern.

Immerhin machten sie aus ihrer Parteilichkeit kein Hehl; tapfer identifizierten sie sich als Zentralorgane der jeweils herrschenden kommunistischen Partei. Also sahen sie sich als staatstragend an, solange der Staat noch von der KP beherrscht wurde.

Das bedeutete, dass am weisen Ratschluss und dem Führungsanspruch der fortschrittlichsten Parteien auf diesem Planeten, unter deren Anleitung ihre Völker direkt ins irdische Paradies schlendern, kein Zweifel aufkommen durfte.

Nachrichten aus der heilen Welt

Pläne waren dazu da, übererfüllt zu werden. Invasionen waren dazu da, Völker vom imperialistischen Joch zu befreien. Aufrüstung war dazu da, die Friedensliebhaber gegen Aggressoren zu beschützen. Ach ja, und sozialistische Wahlen legten alle paar Jahre den Beweis ab, dass nur im Sozialismus eine echte Vertretung der Volksinteressen per Wahl möglich ist.

Das alles funktionierte so wunderprächtig, dass eigentlich immer die Wahlergebnisse schon von Vornherein vorhergesagt werden konnten. Zumindest, was die beiden Stellen vor dem Komma betrifft. Das waren immer alle Neune.

Nur Nordkorea blieb es allerdings bislang vorbehalten, auch Resultate vorweisen zu können, die schlichtweg nicht zu überbieten sind: 100 Prozent Zustimmung. Was will man mehr? Okay, das nächste Mal vielleicht 127,5 Prozent, wenn man wünschen darf.

Das vernichtende Urteil über diese Art Medien

Gegängelt, zensuriert, realitätsfern, gefiltert und voller Lügen, Beschönigungen, Auslassungen. So lautete das vernichtende Urteil über diese Staatsmedien. Prostitution, Korruption, Inkompetenz, Kriminalität, Machmissbrauch? Also bitte, solche üblen Vorkommnisse gibt’s doch nur im Spätkapitalismus kurz vor seinem Ende.

Gut, diese Zeiten sind doch eigentlich vorbei; nicht wahr? Ja, in den meisten Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers schon. Aber wie steht es denn in der Schweiz? Was für eine Frage, hier herrscht Meinungsfreiheit, hier erscheint eine freie Presse.

Ach ja? Es ist tatsächlich so, dass die Zeiten der zumindest parteinahen Zeitungen vorbei ist. Mit der typischen Unfähigkeit, die Genossen als Unternehmer auszeichnet, wurde der AZ-Zeitungsverbund gegen die Wand gefahren. Selbst der «Walliser Bote» würde sich nicht unbedingt als CVP-Zentralorgan verstehen, und bei der NZZ könnte man höchstens noch von einer gewissen FDP-Nähe sprechen.

Will man den grossen Elefanten ignorieren?

So weit, so gut. Aber so zu tun, als ob es keine staatsnahen Medien in der Schweiz gäbe, hiesse, den grossen Elefanten mitten im Raum zu ignorieren. Der trägt den Namen SRF. Lassen wir die Debatte, ob das ein mit Zwangsgebühren finanzierter Staatsfunk ist oder ein gebührenfinanzierter Service publique. Grosse Staatsferne kann man SRF auf jeden Fall nicht vorwerfen.

Bislang ist es SRF auch gelungen, heimische Vollprogramm-Privat-TV-Stationen plattzumachen. Ausser CH Media setzt zurzeit niemand auf ernstgemeinte Versuche, mit TV-Programmen und Lokal-Radios gegen SRF in den Kampf zu ziehen.

Das faktische Monopol von SRF wird auch kaum mehr kritisiert, seitdem auch private Verleger ein paar Brosamen aus dem grossen Gebührentopf bekommen. Alles, was noch vor einigen Jahren als multimediale Multichannel-Lösungen hochgejubelt wurde, ist still und leise zu Grabe getragen. Nur Ringier versucht gerade, mit Internet-TV mit Nachrichten unter dem Brand «Blick» ein Scheibchen vom Kanal bewegtes Bild abzuschneiden.

Die privaten Verleger kauen auf den Zückerchen

Ansonsten wurden die Privatverleger mit Zückerchen bei der Frühzustellung bei Laune gehalten, ausserdem waren sie – Stichwort Admeira – auch intensiv mit sich selbst beschäftigt. Aber dann war Pandemie, und das übliche Wehklagen schwoll zum lautstarken Gejammer an. Nun sei staatliche Unterstützung aber dringend geboten.

Rechtzeitig wurden wieder die salbungsvollen Worte von Vierter Gewalt, unabdingbar in einer funktionierenden, direkten Demokratie, Wächteramt, usw. abgestaubt und ins Schaufenster gestellt. Und es sieht ganz danach aus, als ob der Staat ein Einsehen hätte und das Füllhorn milder Gaben umfangreicher über Privat-Medien ausschütten wird.

Wie sich das dann mit kritischer Distanz zur Hand, die die Medien füttert, entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Dass ständig kräftig reingebissen wird, ist eher nicht anzunehmen. Die völlig unkritische Distanz zu den drakonischen COVID-19-Massnahmen der Regierung lässt nichts Gutes ahnen.

Und übersehen dabei, wohin der Elefant sich bewegt

Verblüffend ist aber eine ganz andere Entwicklung. Seit es online gibt, haben alle privaten Medienkonzerne erbittert darum gekämpft, dass SRF mit seinem Internet-Auftritt ja nicht die anderen News-Anbieter konkurrenzieren dürfe. 1000 Zeichen pro Beitrag maximal, ja keine Webauftritt, der gratis anbietet, woran die Verlage verdienen wollen. Das war der Schlachtruf über lange Zeit; jeder zaghafte Versuch von SRF, online zu punkten, wurde mit so lautem Geschrei kritisiert, dass man sogar vibrierende Halszäpfchen sah.

Aber, Wunder über Wunder, gerade hat die neue SRF-Direktorin – neben Einsparungen – angekündigt, dass der neue Schlachtruf «Digital first» heisse. Sieht man irgendwo ein Halszäpfchen? Nein.

Auch SRF müsse sich nach der Decke strecken, meint Nathalie Wappler, die neue eiserne Lady des Schweizer Farbfernsehens. Daher müsse man, geradezu machiavelistisch argumentiert, den Konsumenten dort abholen, wo er sei, um den Auftrag eines Service publique erfüllen zu können.

Und der Konsument ist heutzutage halt online, der Zuschauer mit der Fernbedienung in der Hand und der Zuhörer draussen im Lande vor dem Radioapparat, die Sendungen dann über sich ergehen lassen, wenn sie ausgestrahlt werden, dieses Publikum stirbt langsam aus.

Alles digital, was will man machen

Heute ist eben alles digital. Natürlich nicht nur Ton und Bewegtbild. Gerade im Nachrichtenteil muss der Konsument auch mit Buchstaben auf dem Laufenden gehalten werden. Also genau damit, womit die Medienkonzerne weiterhin verzweifelt Geld zu verdienen versuchen. Deshalb haben sie sicherlich schon die Pferde gesattelt, schwingen Morgensterne und Hellebarden, um gegen diesen neuen Versuch, ihnen das Wasser abzugraben, anzukämpfen.

Nein, verblüffenderweise ist Ruhe. Vielleicht werden alle Kräfte absorbiert, um den eigenen Verlag in eine möglichst günstige Position zu manövrieren, wenn es dann Subentions-Guetzli regnet. Dass so der Staat mit einer Hand gibt, mit der anderen wegnimmt, das zu kapieren übersteigt offenbar das Erkenntnisvermögen der Verlagsmanager.

Statt sich um Strategien in die Zukunft zu kümmern, verkünden sie lieber eine Sparrunde nach der anderen. Um die Forderungen nach Subventionen zu unterfüttern. Und ich dachte immer, führende Banker seien einzigartig in ihrer Unfähigkeit.

SRF: Wirtschaftsrecherche oder einfach Abkupferei?

Wie originell und kompetent ist SRF Wirtschaft?

Die SRG-Generaldirektorin Nathalie Wappler kennt sich aus mit der Thule-Gesellschaft. Der politische Geheimbund, antisemitisch bis ins Mark, hatte Ende des Ersten Weltkriegs seine Blütephase und versank dann schnell wieder in die Anonymität. Wappler hat 1996 an der Uni Konstanz eine Magisterarbeit über den Geheimbund geschrieben. «Frau Wappler möchte die Arbeit nicht weitergeben», beschied mir einmal die SRF-Medienstelle, als ich mich einmal für die Arbeit interessierte.

Geschichte, Kultur, Philosophie – das sind wahrscheinlich die Stärken der Generaldirektorin und ehemaligen Gesprächsleiterin der Sendung «Sternstunde». Wirtschaft wohl kaum. Anders ist ihre «Eco»-Absetzung nicht zu erklären. Die Wirtschaftssendung geniesst einen hohen Zuspruch und schafft es regelmässig, Themen aus der Ökonomie so zu erklären, dass auch Geheimbund-Expertinnen mitkommen.

Überhaupt liegt im Erklären das Plus des Staatsfernsehens. Eigene Recherchen liegen im Milliardenbudget wohl nicht drin. Frage in die Runde: Wann hat das SRF einmal einen Knüller geschossen in Sachen Wirtschaft?

Immerhin drei Eigenleistungen

Ein Blick zurück auf die Kalenderwoche 38. SRF News hat 15 Wirtschaftsnachrichten aufgeschaltet. Bei drei davon handelt es sich um Eigenleistungen. Der Rest stammt von AWP, Keystone-SDA, Medienmitteilungen oder anderen Zeitungen. Ein Artikel hat sogar den peinlich ehrlichen Titel: «Medienberichte: UBS und CS sollen Fusion planen».

Wenn wir von «Eigenleistungen» reden, müssen wir leider auch dieses Prädikat relativieren. Am 19.9. erschien ein Artikel über die Abwanderung von Studenten aus den Randkantonen nach Zürich, Basel, Bern. Interessant, interessant. Am 17.9. überraschte uns eine Analyse von Wirtschafts-Reporter Matthias Pfander, dass Apple bessere und günstigere Smartwatches als die Swatch-Gruppe herstellt. Spannend, spannend. Und am 14.9. erschien ein Text, der schon im Lead die Beine breit machte («Das zeigen exklusive Zahlen»). Es ging um eine Studie, die die Kosten der Landwirtschaft (wieder einmal) durchrechnete. Der Haken: Die Studie wurde bereits am 30. Juli präsentiert. Immerhin, exklusiv im Internet.

Der kleine Bruder von «exklusiv»

Wie heisst eigentlich der kleine Bruder von «exklusiv»? Er heisst Insider. SRF hat via Agenturen und Zeitungsberichten erfahren, dass SIX und die Deutsche Börse nicht die einzigen Bieter für die italienische Börsen sind. SRF hübscht die Pflichtmeldung so auf:

Die beiden Interessenten hatten ebenfalls ihren Hut in den Ring geworfen für die Mailänder Börse, die Insidern zufolge zwischen drei bis vier Milliarden Euro wert ist.

Insidern hatten bereits gesagt, die Regierung in Rom, die ein Mitspracherecht bei der Transaktion hat, favorisiere die Mehrländerbörse.

Die Deutsche Börse und SIX hatten Insidern zufolge deshalb weitreichende Zugeständnisse wie (…)

Diese Insider heissen übrigens FAZ, Bloomberg, Reuters usw. Und wie heisst der hässliche Bruder von Insider? Prahlhans.

Ex-Press III

Geblubber aus der Medienblase.

 

Titel, wechsle dich

Früher hiess es: Haltet die Maschinen an, es muss aktualisiert werden! Dann drückte der Drucker auf den Abschaltknopf, und eine neue Vorlage wurde auf die Walze geschraubt.

Das ist zu Zeiten des Digitalen natürlich viel einfacher. Und hinterlässt kaum Spuren. So mäandert sich der Titel eines Artikels von Pascal Hollenstein durch die Zeiten.

Am 23. August lautet er: «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den «Blick»: «In schwerwiegender Weise in die Intimsphäre eingegriffen».

Am 24. August lautet er: «Jolanda Spiess-Hegglin gewinnt gegen den Blick – Ringier-CEO: «Entschuldigen uns aufrichtig».

Am 25. August mutiert er zu: «Nach Urteil: Ringier-Chef entschuldigt sich bei Spiess-Hegglin».

Wohlgemerkt immer über dem gleichen Text. Der vom Autor um die Entschuldigung des Ringier-CEO ergänzt werden musste. Weil er gegen jeden Anstand und den Journalistenkodex die gerichtliche Sperrfrist durchbrochen hatte, um der Erste zu sein.

 

Sprachbilder sind Glücksache

Durch alle Titelvarianten hindurch blieb ein sprachlicher Fangschuss erhalten: «Mit dem Artikel gab der «Blick» den Startschuss zu einer medialen Lawine, die bis heute nicht ganz verebbt ist.» Auf die Plätze, fertig, los, sagte der schiesswütige «Blick», und die Lawine gehorchte. Auf dem Weg ins Tal verwandelte sie sich aber offensichtlich in Wasser, denn sie verebbt bis heute nicht ganz.

Auch die weiteren Entwicklungen trafen den publizistischen Leiter von CH Media wie ein Schuss in den falschen Fuss, wie er vielleicht formulieren würde. Denn bei ihm durfte Spiess-Hegglin exklusiv bedauern, dass sich «Ringier nicht freiwillig entschuldigen kann».

Was Ringier aber freiwillig nach Ablauf der Sperrfrist tat. Also liess Hollenstein, gesagt ist gesagt, dieses Zitat zunächst einfach stehen, ergänzt um die Meldung, dass sich Ringier entschuldigt habe. In der nächsten Version fehlt dann diese Klage von Spiess-Hegglin.

Und wie soll’s denn weitergehen? «Das Urteil des Zuger Obergerichts ist deutlich», weiss Hollenstein. «Das Urteil zur Persönlichkeitsverletzung könnte nicht deutlicher sein», korrigiert ihn seine Schutzbefohlene. Womit beide um die Tatsache herumrudern, dass der Vorwurf der Persönlichkeitsverletzung im Urteil der zweiten Instanz aufrecht erhalten wurde. Aber die Genugtuungssumme wurde deutlich gekürzt, um die Hälfte. Zudem muss sich Spiess-Hegglin neu an den Prozesskosten beteiligen, und ihre Anwältin erhält für die Tätigkeit in zwei Instanzen weniger als ihr zuvor für eine Instanz zugebilligt wurde.

Es könnte also nicht deutlicher sein, dass die Klägerin von fünf Klagepunkten drei verloren hat. Aber dann wäre es ja nicht mehr so deutlich.

 

Qualitätsmeldung in eigener Sache

Der Chef von TX, was wiederum der Chef von Tamedia ist, liess verlauten, dass 70 Millionen eingespart werden müssen. Flauer Werbemarkt, und dann auch noch Corona, nicht wahr. Da darf der Leser vom «stärksten Redaktionsnetzwerk der Schweiz» sicherlich erwarten, dass die geballte Sachkompetenz der Journalisten sich in einem analytischen und hintergründigen Stück bemerkbar macht.

Das kommt aber nicht, sondern Tamedia referiert lediglich den Inhalt der Medienmitteilung der Teppichetage des Verlags. Schlimmer noch; die Eigenleistung der starken Redaktion beträgt genau null.

Offenbar ist der Sparzwang schon bezüglich journalistischen Aktivitäten voll umgesetzt. Denn am Schluss des Artikels über ureigene Angelegenheiten im Newsnet steht SDA. Das ist normalerweise das Kürzel der letzten überlebenden Nachrichtenagentur der Schweiz. Nun ist es aber kaum vorstellbar, dass die in einer Zentralredaktion vorhandenen Schreibkräfte nicht in der Lage wären, selber über ihre eigenen Angelegenheiten zu referieren.

Deshalb kann es für SDA hier nur eine andere Erklärung geben. Der Autor des Artikels hatte ursprünglich mit Kritik am Big Boss von Tamedia, Pardon, von TX, nicht gespart. Aber nachdem der Text vom Ressortleiter, dann dem Tagesverantwortlichen, schliesslich auch dem Blattmacher und als oberste Instanz vom Oberchefredaktor zensuriert, äh, redigiert worden war, fehlten dann alle bissigen Bemerkungen Richtung Pietro Supino.

Daraufhin zog der Autor grimmig seinen Namen zurück und ersetzte ihn durch SDA. Das sei hier aber nicht das Kürzel für Schweizerische Depeschenagentur, erläutert er seither jedem. Sondern SDA stehe für Supino, du …

 

Wenig Sendungsbewusstsein beim Farbfernsehen

Auch bei SRF wird gespart, dass es kracht. «Eco», «Sportaktuell», «Art on Ice», «Swiss Music Awards», es bleibt kein Programmbaustein auf dem anderen. Wenn man so etwas macht, muss man eine griffige Begründungsformel finden.

Nathalie Wappler hat eine griffige Formel gefunden: «Auf die strukturelle Krise der Medien kann man nur strukturell antworten.» Auch auf die Gefahr hin, etwas unstrukturiert zu erscheinen: Eine absolute Nullnummer von Aussage. Man könnte sie beliebig variieren: Auf die tödliche Krise der Medien kann man nur tödlich antworten. Auf die inhaltliche Krise der Medien kann man nur inhaltlich antworten. Auf die Wappler-Krise kann man nur mit Wappler antworten.

 

Muss eine Schriftstellerin Literatur kennen?

Eher nein, würde die «Schriftstellerin und Journalistin» Simone Meier wohl sagen. Besonders, wer so geschmacklos wie sie ist, den millionenfachen Mord an Juden durch Nazideutschland so zu verniedlichen, dass Hitler die «gecancelt» habe. Ihr Erguss über die sogenannte «Cancel Culture» gestern, vorgestern und heute hat die wenigen Leser, die es bis zum Schluss durchgehalten haben, mit Übelkeit und Schwindel zurückgelassen.

Ganz anders hingegen ist ihre Nacherzählung des Lebens von Thyphoid Mary. Eine irische Köchin steckte im New York der vorletzten Jahrhundertwende ihre Arbeitgeber mit Typhus an. Sie war wohl ein Superspreader, wie man das heute nennt, allerdings selbst immun gegen diese Infektionskrankheit. Ihre Lebensgeschichte erzählt Meier weitgehend geradeaus nach. Nun gut, sie hatte auch Wikipedia als Helfer, da kann eine Schriftstellerin schön Fotos und Inhalt abkupfern.

Aber man macht es der schreibenden Frau ja auch nicht leicht. Unter Literatur ist auf Wikipedia ein Roman von Anthony Bourdain über Mary Mellon aufgeführt. War das nicht dieser irre TV-Koch aus New York, der die schmutzigen Geheimnisse der New Yorker Restaurantküchen ausplauderte und dann in Kaysersberg im Elsass Selbstmord beging? Doch, genau der, also erwähnt ihn Schriftstellerin Meier natürlich in ihrem Erguss über Thyphoid Mary. Blöd nur, wirklich dumm gelaufen, dass in dieser Literaturliste ein Werk nicht verzeichnet ist, dessen Autor und dessen Roman man als Schweizer Schriftstellerin eigentlich kennen sollte.

Jürg Federspiel heisst der wirkliche Schriftsteller, und «Die Ballade von der Thyphoid Mary» heisst sein literarischer Roman voll von schwarzem Humor. Aber wie soll das auch eine «Schriftstellerin» wissen, wenn man es ihr nicht in Wikipedia sagt. Aber Wunder, über Wunder, selbst einige Leser von «watson» wussten das. Was tun? Hier entwickelt Meier zum ersten Mal gewisse schriftstellerische Fähigkeiten. Statt die Leserhinweise einfach zu ignorieren oder eine klaffende Bildungslücke einzuräumen, schreibt sie: «Auf vielfache User-Anregung sei hier noch nachgetragen …» Diese Unverfrorenheit hätte Federspiel sicher gefallen. Aber bevor sich Meier vielleicht fragt, ob sie bei dem Schreibunterricht nehmen könnte: leider nein. Dieser Gefahr hat er sich schon länger durch seinen Tod entzogen.