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Berichten, was relevant ist

Gute Ansage. Gute Idee. Aber wenn ewig der eigene Bauchnabel näher ist als die Welt?

Der Journalist, so steht’s sicher in einem verstaubten Lehrbuch, hat die vornehme Aufgabe, die Welt zu kartographieren. Zu berichten, was sich so alles abspielt, nah und fern. Da das etwas mehr ist, als in eine Zeitung passt, muss er auch noch das Relevante auswählen und gewichten.

So viel zur schönen Theorie. Gehen wir in die hässliche Praxis. «Blut, Busen und Büsis für die Romandie», gleich zwei Werke ist dem «Tages-Anzeiger» das welterschütternde Ereignis wert, dass es neuerdings auch eine Online-Ausgabe des «Blick» auf Französisch gibt. Das mag ja den Westschweizer Leser allenfalls am Rande interessieren.

Aber hier in der Deutschschweiz? Echt jetzt, und auch noch einen Podcast obendrauf? In dieser Ausführlichkeit? Absurd. Gesteigert werden kann das nur noch auf eine Art: Tamedia berichtet über diese Expansion, vermerkt, dass auch «watson» aus dem Hause CH Media schon in die Romandie eingedrungen ist.

Die Westschweiz (rot eingefärbt).

Dass man der Konkurrenz von Herzen alles Schlechte wünscht, ist menschlich verständlich. Das Tamedia mit keinem Wort erwähnt, dass dieser Konzern der Platzhirsch bei den französischsprachigen Medien in der Schweiz ist – das ist wieder mal ein kräftiger Beitrag zur Förderung der Glaubwürdigkeit.

Nur Bäumchen werden ausgerissen

Auch im Lieblingsgeschäft der modernen Journalisten reisst Tamedia nur ganz kleine Bäumchen aus. Wenn man der Welt mangels Ressourcen dafür schon nicht näher kommen kann, dann gibt’s ja immer noch den Kommentar. Den der Tag rückt immer näher, an dem der frisch eingestellte Kindersoldat im Newsroom, nachdem ihm seine Verrichtungsbox auf einem halben Meter Breite und Tiefe zugewiesen wurde, verschreckt fragte: Aber ich dachte, dass sei ein Bürojob. Ich soll jetzt echt rausgehen und reportieren? Aber es regnet doch!

Stattdessen lieber ein Kommentar. Zu aktuellen Ereignissen. Oder zu längst vergangenen, noch besser. Wenn das Ereignis passiert ist und schon etwas abgehangen zu müffeln beginnt, ist der beste, weil sicherste Moment, dran zu schnuppern und die Ergebnisse der Schnüffelei dem Leser zu servieren.

Das tut der unermüdliche Michael Hermann, der sich nicht einkriegen kann, dass der Bundesrat doch tatsächlich eingesehen hat, dass das Rahmenabkommen dermassen aus dem Rahmen gefallen ist, dass man die Leiche endlich ruhen lassen sollte, statt versuchen, sie immer wieder wachzuküssen.

Hermann ist dabei unangenehm aufgefallen, dass die Gegner eines vernünftigen Zusammenwucherns im Hause Europa, wo die Schweiz in der Mitte doch nicht abseits stehen könne, mit dem Argument arbeiten, dass sie an Souveränität verlieren könnte.

Ganz falsch, doziert Hermann. «Die Schweiz agiert ängstlich, wenn es um ihre Selbstbestimmung geht», behauptet der Wissenschaftler eingangs. Das ist natürlich bedauerlich, liebe Schweiz. Man stelle sich vor: Helvetia kauert ängstlich in einem noch nicht zur Touristenattraktion umgewidmeten Gotthard-Reduit in der Ecke und bibbert. Wie man kann das arme Wesen wieder ans Tageslicht der europäischen Sonne führen?

Souveränes Denken mit Hermann

Da hat Hermann eine merkwürdige Idee. Dieses Mäandern muss man in voller verwickelter Länge geniessen:

«Die Covid-19-Situation ist nicht zuletzt ein Stresstest für die Handlungsfähigkeit von Staaten und damit im Kern auch für das Ausmass ihrer Souveränität. Mit ihren eigenständigen Strategien haben Dänemark und Schweden in besonderem Mass ihr Vermögen unter Beweis gestellt, selbstbestimmt zu handeln. Und hier kommen wir bereits zum eigentlichen Clou: Beide Staaten sind hochgradig souverän, obwohl beide EU-Vollmitglieder sind.»

Wer ZACKBUM erklären kann, was Hermann uns damit sagen will, bekommt die Medien-Verdienstmedaille am Band mit Brillanten (falsch, aber glitzern) verliehen. Auch der Nachsatz zum Clou macht’s nicht wirklich verständlicher: «Was wir in der Schweiz dabei gerne vergessen: Souveränität misst sich nicht am Ausmass des Abseitsstehens.»

Aha, wer’s immer noch nicht verstanden hat (wir zum Beispiel), dem greift Hermann noch paartherapeutisch unter die Arme, sich dabei auf «unsere zwischenmenschliche Erfahrung» stützend:

«Es gibt Personen, die sind stark eingebunden und leben dennoch selbstbestimmt, und andere, die halten sich aus allem raus und schaffen es doch nicht, ihr Leben selber zu bestimmen.»

Wir befürchten nun, dass Hermann als Paartherapeut ungeeignet wäre. Allerdings ist er es auf seinem Gebiet auch. Zudem ist er beratungsresistent. Denn zur Abrundung singt er noch Lobeslieder auf ausgewählte EU-Staaten, die trotz Mitgliedschaft ganz furchtbar souverän seien und vor allem die Schweiz auf diversen Gebieten längst hinter sich gelassen haben. Der Letzte, der diese Nummer probierte, war der unermüdliche WeWo-Kolumnist und ehemalige SP-Chef Peter Bodenmann. Der sang über Jahre hinweg das Lied, wie toll es doch Österreich ginge, wie die uns Schweizer so was von abhängen würden, eigentlich auf allen Gebieten besser und besser werdend, möglicherweise mit Ausnahme des Käsefondues.

Bei denen geht’s ab, in der Schweiz herrscht Stillstand, Rückschritt, Gejammer, bald werden wir wieder auf den Alpen Kühe hüten und zur Selbstversorgung zurückkehren. Weil wir Deppen nicht in der EU sind. Aber seit geraumer Zeit, hat Bodenmann diesen Wortsalat auf den Schindanger geworfen und möchte nicht mehr daran erinnert werden. Er wird aber auf den Stockzähnen grinsen, dass Hermann nun diesen toten Gaul nochmal reiten will.

 

Die Meinung ist frei

Und sie darf auch frei geäussert werden. Eine Zensur findet nicht statt, heisst es markig in der Bundesverfassung. Über Bezahlung steht da nichts.

Nehmen wir einen heutzutage völlig normalen Vorgang. Ein gewisser Michael Hermann führt eine Kolumne im «Tages-Anzeiger», somit im ganzen Tamedia-Kopfblattimperium. Damit kann er ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungsleser beschallen.

Seine Meinung ist frei und klar: «Die Kritik an der Impfstoffstrategie von Bundesrat und BAG ist billig». In seiner Kolumne kritisiert Hermann alle, die es im Nachhinein besser wissen wollen, die mit dem Vorteil der Perspektive von heute ungerecht damalige Entscheidungen kritisieren: «Ohne Fehlertoleranz jedoch werden wir an Krisen wie diesen nicht wachsen.»

Unbezahlte Meinung hinter Bezahlschranke.

Das ist sicher ein wahrer Satz. Vielleicht hätte es dem unschuldigen Leser des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia geholfen, wenn auch bei Kommentatoren gewisse Interessensbindungen offengelegt würden. Das schränkt ja die Meinungsfreiheit keinesfalls ein, hilft aber dem Empfänger bei der Einordnung der Meinung.

Michael Hermann, der Nachfolger des Mannes mit der Fliege, ist nämlich in erster Linie Geschäftsführer der «Forschungsstelle Sotomo». Die widmet sich den Themen «Meinungsforschung, Politikstudien und -evaluation» und anderen Untersuchungen.

Ohne billige Kritik geht’s wieder bergauf.

Auch das ist nichts Ehrenrühriges, denn auch Hermann muss ja schauen, dass der Schornstein raucht. Mit seinen politischen Spinnenprofilen und politischen Landkarten gehört der Politikwissenschaftler zum festen Personal der «Fachleute», die in Funk, Fernsehen und auch im Print gerne herbeigezogen werden.

Vor allem von privaten Medienhäusern, bei denen die «Expertenmeinung» häufig den Höhepunkt der Recherche darstellt, die sonst per copy/paste, skype und Google durchgeführt wird.

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall

Stellen wir eine hypothetische Frage. Was würde Tamedia wohl dazu sagen, wenn in der «Weltwoche» eine Verteidigungsschrift zum Risk Management der CS erschiene? Und sich herausstellen würde, dass der Autor zu den Lieferanten oder Mandatsträgern der CS gehörte? Ohne dass das dem Leser offengelegt würde? Genau, ein Riesengebrüll würde Tamedia erheben, vom Ende der journalistischen Sitten, gekauften Meinungen, von Leserbeschiss wäre die Rede.

Von Doppelspiel, Unredlichkeit und was einem sonst noch so an Beleidigungen einfällt. Womit Tamedia allerdings völlig recht hätte. Es ist im Fall Hermann allerdings so, dass auch die Credit Suisse zu seinen Auftraggebern gehört. Macht ja nix, darüber schreibt er nicht.

Zu seinen regelmässigen Auftraggebern gehören auch Ämter, die SRG, die Bundesverwaltung und – das BAG. Hermann nimmt hier also eine Behörde in Schutz, auf deren Honorarliste er oder seine Firma steht. Hermann äussert sich hier also positiv zu den Leistungen von Behörden und des Bundesrats, wobei staatliche oder halbstaatliche Institutionen den Grossteil seiner ausgewiesenen Brötchengeber ausmachen.

Immerhin zeigt er auf seiner Webseite Transparenz und führt stolz eine ganze Liste von aktuellen und vergangenen Projekten auf; jeweils mit Thema und Auftraggeber. Das diese Dienstleistungen, inklusive Meinungsumfragen, weder gratis erbracht werden, noch sehr billig sind, versteht sich von selbst.

Auszug aus der Kundenliste.

Wir wollen Hermann auch keinesfalls unterstellen, dass er eine Mietmeinung sei, so wie der Bankenprofessor Peter V. Kunz, bei dem man ein «Gutachten» bestellen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Wir wollen aber diese mangelnde Transparenz im Hause Tamedia mit angeblich eisernen Regeln und Transparenz, der Basis für das Vertrauen, das der Leser seinen Produkten entgegenbringen soll, scharf kritisieren.

Hermann nimmt Stellung, Tamedia nicht

Hermann nimmt die Möglichkeit wahr, Stellung zu beziehen: «Ich finde Ihre Fragen bezüglich meiner Aufträge durchaus legitim.» Psychologisch geschickter Einstieg;

«wenn der Massstab wäre, alle Akteure in meiner Kolumne zu deklarieren, bei denen ich  schon Aufträge hatte, müsste ich dies bei praktisch jeder tun».

Hier lässt er etwas nach, denn: warum nicht? Aber schon kommt er wieder hinten hoch: «Gerade die Tatsache, dass wir ein so breites Kundenfeld haben, führt zugleich dazu, dass wir gegenüber keinem Kunden in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.»

Zudem sei das Hauptgeschäft Meinungsumfragen, keine strategische Beratung, zu der er sich in seiner Kolumne äussere. Immerhin, netter Versuch.

Tamedia hingegen ignorierte eine gleichlautende Anfrage; Arthur Rutishauser beauftragte nicht einmal die Medienstelle, per copy/paste zu schreiben: Diese Vorwürfe sind falsch.

Wieso überrascht das nicht?

 

 

 

 

https://sotomo.ch/site/projekte/