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«Medienwoche»: Vom Delirium ins Koma

«Edito», «Schweizer Journalist», persoenlich.com, «Medienwoche». Das Elend der Medienbranche spiegelt sich im Elend der Medienkritik.

Die «Medienwoche», vom strammen Medienkenner Nick Lüthi (ehemals «Klartext», das waren noch Zeiten) gemacht, wurde bislang dadurch verhaltensauffällig, dass sie aus Spargründen Tieffliegern mit wenig Kompetenz, aber viel Gesinnung Platz zum Austoben bot.

Das vorletzte Beispiel des Niedergangs war ein «wir sind alle so betroffen und haben uns furchtbar lieb»-Gespräch mit unter anderen der Mitverfasserin des Tagi-Protestschreibens Aleksandra Hiltmann. Nur wer Streicheleinheiten, unterbrochen vom Klagechor über die garstige Welt, für erquicklich hält, konnte sich das antun.

Lüthi selbst versuchte wenigstens, noch einigermassen an das Niveau von früher zu erinnern. Das hat er nun aber auch aufgegeben. In der Sammelsurium-Rubrik «The Good, the Bad & the Ugly» zieht er als der Gute über die Bösen und Hässlichen bei nau.ch her.

In einer Art, bei der man sich fragt, ob es Böswilligkeit oder schlicht Unfähigkeit ist. «Bei nau.ch ist das Mass voll», nimmt er schon im Titel den Mund ziemlich voll. Bei der «Medienwoche» ist hingegen «Flasche leer».

So sieht Delirium im Bild aus; gleich folgt’s als Text.

Denn ein solches Stück perfider Realitätsumordnung verdient es, vollständig serviert zu werden:

«Eine so prominente Plattform kriegt man nur selten gratis und franko, erst recht nicht als junges und politisch randständiges Grüppchen. Doch «Mass-voll», ein Verein radikaler rechts-libertärer Corona-Massnahmengegner, konnte dieser Tage auf die publizistische Unbedarftheit von «Nau.ch» zählen.

Innerhalb von drei Wochen erhielten gleich zwei Exponentinnen von «Mass-voll» eine Carte blanche auf der Nachrichtenplattform. Ungefiltert und reichhaltig illustriert mit Propagandabildern durften sie ihren Verein vorstellen. Sie dankten es mit fleissiger Verlinkung auf Social Media. Eine kritische, journalistische Einordnung durch die Redaktion fand nicht statt. Es war an einem Gastautor, das nachzuholen.

Kolumnist Reda El Arbi knöpfte sich «Mass-voll» vor und wies unter anderem auf die Affinität einzelner Mitglieder zu Verschwörungstheorien hin. Inzwischen hat «Nau.ch» El Arbis Kolumne gelöscht. Aus juristischen Gründen, wie eine Sprecherin mitteilt. Weiterhin online steht dagegen ein Artikel, in dem ein «Mass-voll»-Vertreter ohne Belege behaupten darf, Juso-Mitglieder hätten bei Kundgebungen von Massnahmengegnerinnen «vermummt ältere Menschen hinterrücks angegriffen».

Im Umgang mit «Mass-voll» hat «Nau.ch» kläglich versagt.

Wie die MEDIENWOCHE vernommen hat, ist sich die Chefetage dessen durchaus bewusst. Man stehe an einem Wendepunkt und werde die Vorgänge der letzten Wochen vertieft analysieren müssen, heisst es. Es kann nur besser werden.»

Diese Hoffnung muss man aber bei der «Medienwoche» fallen lassen. Obwohl die Kniffe von Lüthi durchaus in jedes Demagogie-Lehrbuch gehörten. Sie sind allerdings nur für Uninformierte nicht durchschaubar.

Demagogie-Lehrbuch für Anfänger

Der erste Kniff ist so banal wie blöd. Eine Umkehrung der Reihenfolge. Lüthi tut so, als ob ein unbedarftes nau.ch der Gruppe jugendlicher Gegner der Corona-Politik aus reiner Blödheit «carte blanche» gegeben habe, wo die dann ohne Einordnung ihre völlig verquere Weltsicht ausbreiten konnten. Daraufhin habe dann immerhin «Kolumnist Reda el Arbi sich «Mass-voll» vorgeknöpft» und auch «auf die Affinität einzelner Mitglieder zu Verschwörungstheorien hingewiesen».

Immerhin, will Lüthi damit sagen, einer hat’s gemerkt. Aber das soll nur auf die Zielgerade führen, denn: «Inzwischen hat nau.ch El Arbis Kolumne gelöscht.» Haha, unter welchem Vorwand? «Juristische Gründe.» Ihr Pfeifen, ruft Lüthi der nau-Redaktion zu, «kläglich versagt».

Nein, lieber Nick, das musst Du Dir schon selbst auf die Brust kleben. Mit diesem Schmierenstück, in dem du die Realität passend machen willst. Denn in Wirklichkeit war es so: El Arbi hatte eine Zeitlang bei nau.ch eine «carte blanche» als einziger Kolumnist. Wie schon bei anderen Organen tobte er sich so hysterisch aus, dass er diese Vereinigung als «eine antidemokratische, in Verschwörungstheorien verfangene Rattenfängerbande» beschimpfte.

So sieht eine durchschnittliche El-Arbi-Kolumne aus.

Die einzige Unbedarftheit von nau.ch bestand darin, ihm diese Verleumdung durchgehen zu lassen. Nach ähnlichen Vorfällen und diesem völligen Ausraster zog man El Arbi tatsächlich den Stecker, löschte die Kolumne und liess ihn sogar noch eine säuselnde Abschiedskolumne schreiben.

Wie es sich gehört, durfte nach dieser Schlammdusche «mass-voll» Gegenrecht halten und sich selbst vorstellen. Da dabei nicht der Bereich der Strafbarkeit betreten wurde, kamen die Texte genauso unzensiert wie die von El Arbi zuvor. Aber ein solches normales und anständiges Vorgehen ist für Lüthi völlig unverständlich.

Dabei hätte er die wahre Story auch auf ZACKBUM nachlesen können. Aber weil er ähnlich gestrickt ist wie El Arbi, will er sich doch nicht von der Realität eine saftige Polemik kaputtmachen lassen.

Dass er so nicht nur durch die Beschäftigung von journalistischen Bruchpiloten, sondern nun auch durch eigenes Versagen seinen und den Ruf der «Medienwoche» verspielt, ist bedauerlich.

 

Strukturelle Subtilität oder Debilität

Dem Protest der Tagi-Frauen fehlt eine Kleinigkeit bis heute: ein einziges, konkretes Beispiel. Kann die «Medienwoche» helfen? Oder kennt sie einen guten Spruch von Fidel?

Das hier ist Trauerarbeit. Die Medienkritik ist in der Schweiz dermassen im Füdli, dass wir für jeden Mitstreiter dankbar wären. Aber schon länger in den Seilen hängend, verabschiedet sich nun auch die «Medienwoche» von ernstzunehmender Professionalität.

Dazu gehört, ein heftig debattiertes Thema konträr abzuhandeln. Vor allem, wenn mehr als ein Teilnehmer sich äussert. Gehört zur Primarschullektion des Journalismus. Kann man auch lateinern: audiatur et altera pars. Wussten schon die alten Römer.

Ist aber mit der zunehmenden Kuschel-Bubble-Echokammer-Wohlfühl-Idiotie immer mehr abhanden gekommen. Obwohl nur so, in der Debatte, Erkenntnis und Fortschritt möglich wäre.

Ein Gespräch aus dem Streichelzoo mit Mundmaske

Aber Widerspruch verletzt, verunsichert, könnte einen aus seiner Meinungsblase holen, wo man unter Luftabschluss verfault. Also lieber nicht. Deshalb geht die «Medienwoche» das Thema «Sexismus in der Medienbranche» wie im Streichelzoo an.

Marko Kovic und Christian Caspar (wer ist das?) geben Aleksandra Hiltmann (Mitinitiatorin des Tagi-Protests, Redaktorin), Nicole Döbeli («Landbote» und Mitunterzeichnerin) und Nadine Brügger (CvD Nachrichten der NZZ) Gelegenheit, ungehemmt, unbelästigt von kritischen Fragen Seifenblasen zu blasen.

Harte Antworten auf harte Fragen.

Die Oberflächlichkeit fängt schon bei der Vorstellung an. Nicole Döbeli wird als Mitunterzeichnerin des Schreibens identifiziert und als «Co-Präsidentin des Vereins Medienfrauen Schweiz». Mit dieser Nummer kam sie auch schon ins Schweizer Farbfernsehen; dabei ist dieser gut betitelte Verein nichts mehr als ein Jobsuche-Portal für rund 60 Medienschaffende.

Immerhin werden die drei Frauen mit einem Artikel des NZZ-Redaktors Lucien Scherrer konfrontiert, der das Problem mehr als Generationenkonflikt sieht. Eine dünne These, der man leicht widersprechen kann.

Strukturell und subtil: zwei Wortblasen ohne Inhalt

Widerspruch ist aber nicht so die Sache der Frauen und der «Medienwoche». Wie wenn drei Veganer über die Zubereitung eines Steaks diskutieren würden, herrscht unhinterfragtes Einverständnis, dass das Steak, Pardon, der «strukturelle Sexismus» in den Medien existiere, fatalerweise sogar «subtil».

Die beiden Begriffe «strukturell» und «subtil» sind fast immer Platzhalter für: konkret geht nicht. Da sich drei Veganer genauso wenig über ein Steak streiten wie drei Feministinnen über die Existenz von Sexismus in jeder Form, wäre vielleicht die Aufgabe der «Medienwoche» gewesen, wenigstens weitere kritische Stimmen hereinzunehmen.

Zum Beispiel einen anderen offenen Brief, der hier auf ZACKBUM erschienen ist und einige journalistisch-höflich formulierte Fragen an alle Unterzeichner des Protestbriefs gerichtet enthielt. Also auch an Hiltmann und Döbeli. Und an alle Nicht-Unterzeichner.

Aber von den über 100 persönlich angeschriebenen Frauen gab es nur Abwesenheitsmeldungen und zwei höfliche Antworten, dass frau nicht antworten wolle. Sonst herrschte eisernes Schweigen. Von inzwischen mehr als 100 Mitarbeiterinnen von Tamedia, die auf ihren Brief ultimativ Antworten einfordern.

Allerdings haben diese Fragen einen kleinen Nachteil: sie sind weder liebedienerisch, noch unkritisch. Es bräuchte vielleicht etwas Hirnschmalz, Fähigkeit zur Selbstreflexion und weitgehende Abwesenheit von Selbstgerechtigkeit und Opferrolle, um sich darauf einzulassen.

Lieber Kuscheln in der geschützten Werkstatt

Aus diesen Gründen ist die Nichtbeantwortung dieses offenen Briefs (was auch schon seinem nicht veröffentlichten Vorgänger passierte) aufschlussreicher und aussagekräftiger als das Gebabbel und Gebubbel in der geschützten Werkstatt «Medienwoche». Die sogar die naheliegenden, banalsten Frage den Teilnehmerinnen erspart: wenn es diesen zwar subtilen, aber strukturellen Sexismus in den Medien gibt, wieso ist es dann nicht möglich, ein einziges, nur ein Beispiel dafür konkret zu benennen? Und ist tatsächlich nur Tamedia ein Sündenpfuhl männlicher Neandertaler? Ringier, CH Media, NZZ und all die anderen nicht?

Und wieso benimmt sich die Führung von Tahamedia so bescheuert? Nachdem die Mitunterzeichnerin Claudia Blumer zunächst als Untersuchungsbeauftragte vorgestellt wurde, ist sie nun zur «Ansprechperson» degradiert worden; die Untersuchung übernehme eine externe Firma, deren Namen aber leider noch nicht feststehe.  Auf Deutsch: ist uns erst gerade eingefallen. Und: Liebe Dadamedia-Mitarbeiter, wer noch schnell etwas für seine Arbeitsplatzsicherung tun will, melde sich schleunigst bei Blumer.

Mehr Trauerarbeit wollen und können wir zurzeit nicht leisten. Wie sagte Fidel Castro immer so richtig: lieber allein als in schlechter Gesellschaft.

Nachfragen hilft immer

Wenn die «Medienwoche» lausig recherchiert.

Zumindest innerhalb der Branche erregte ein Tritt der «Medienwoche» in den Unterleib des Herausgebers des «Schweizer Journalist» Aufsehen:

«Bereit für den nächsten Karriereschritt?» fragte der «Schweizer Journalist» in einem Newsletter – und wohin der Schritt führt, machte bereits der Betreff klar: «Zeit für was Neus? Was mit PR?» Spätestens als die Vokabel «Züricher» auftauchte, war klar, dass Chefredaktor David Sieber nicht alles sieht, was im Namen des «Schweizer Journalist» verschickt wird.

Oberauer, dessen Verlag auch den «PR Report» herausgibt und als Geschäftsstelle der Deutschen Public Relations Gesellschaft e.V. fungiert, entnimmt der Anfrage der MEDIENWOCHE einen Unterton, der Journalisten als gut und PR-Leute als schlecht einordnet. Das entspreche nicht der Wahrheit und sei überheblich.

In diesen Zusammenhang hat das Angebot Oberauer aber selbst gesetzt: Die Abonnent*innen des «Schweizer Journalist» konnten es bloss als Aufforderung zum Seitenwechsel lesen. Womöglich ist einfach bei Oberauer «Zeit für was Neus»:

Unlängst hat er der MEDIENWOCHE eine Kooperation mit dem «Schweizer Journalist» angeboten, die de facto einer Fusion gleichkäme. Die MEDIENWOCHE hat dankend abgelehnt.»

Den Tritt verpasst hat Benjamin von Wyl, der erst vor Kurzem als hoffnungsfroher Journalist «unter 30» das Cover des «Schweizer Journalist» zierte und sich dort auch austoben durfte. Aber irgendwas muss der «Biofrontsau» (Twitter-Name) über die Leber gekrochen sein, also beisst er nun in die Hand, die ihn zuvor promotet hat.

Dafür nimmt er die kühne Kurve, dass Oberauer offenbar nicht wirklich zwischen PR und Journalismus unterscheide. Zudem habe Oberauer der «Medienwoche» «de facto» eine Fusion vorgeschlagen. Dazu habe man tapfer «nein, danke» gesagt, weiss von Wyl. Interessant, was da ein freier Mitarbeiter mit Einverständnis von Nick Lüthi aus der Schule plaudern darf. Nur: Stimmt das auch?

Holen wir doch das nach, was von Wyl unterliess; wir fragen Johann Oberauer: «Eine Fusion im Verständnis eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Richtig ist, dass ich mit der Medienwoche über eine redaktionelle Kooperation gesprochen habe.»

Und über eine mögliche spätere Übernahme im Rahmen einer Nachfolgeregelung. Was Oberauer davon hält, dass diese im Übrigen ohne Ergebnis beendeten Gespräche von der «Medienwoche» an die Öffentlichkeit gezerrt werden, das will der Verleger lieber nicht veröffentlicht sehen.

Verständlich. Vertraulichkeit ist das eine, Vertrauensbruch das andere. Und wenn man schon veröffentlicht, dann sollte es wenigstens stimmen. Aber für solche Feinheiten des Journalismus ist von Wyl vielleicht noch zu jung; er fällt ja auch sonst mit eher grob Geschnitztem auf. Wieso aber die «Medienwoche» das zulässt, denn Lüthi hat diesen Untergriff sicher nicht überlesen, man weiss es nicht. Verzweiflung?

Unter diesem Geschmiere steht das Eigeninserat der «Medienwoche», dass man als «Gönner zu 100 Prozent in unabhängigen, hintergründigen Journalismus» investiere. Ist wohl doch ein eher hohles Werbegeklapper. Denn wer will schon für solch oberflächlichen, von persönlichen Motiven gesteuerten Journalismus Geld verbraten.

Ex-Press XI

Blasen aus dem Mediensumpf

Persoenlich.com, die Plattform für Medienmitteilungen und Belangloses, hat einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Am 16. November überrascht sie ihre Leser mit der traurigen Nachricht, dass Charlotte Peter gestorben sei.

In einem eher lieblosen Kurztext werden die Stationen dieser bedeutenden Schweizer Journalistin runtergeraspelt. Eine Idee schneller war die NZZaS. Sie brachte am 8. November einen Nachruf. Ach, und am gleichen Tag erschien auch eine Würdigung von Mensch und Werk auf ZACKBUM.ch.

Also kann man getrost sagen: persoenlich.com, die Plattform, die Nachrichten von vorgestern schon morgen bringt.

 

Die «Medienwoche» röchelt auch nur noch vor sich hin

Zunächst die Packungsbeilage: Nein, das ist nicht, genauso wenig wie beim «Schweizer Journalist», Neid, Ranküne, haltloses Geschimpfe über Konkurrenten. Im Gegenteil. Es ist Ausdruck von Bedauern. Von Beunruhigung. Medienkritik war noch nie so nötig wie heute. Tamedia hat die Medienseite schon vor Jahren abgeschafft. CH Media berichtet höchstens von Fall zu Fall. Die NZZ hat die Medienseite samt dem langjährigen Redaktor gespült.

«Edito» kann man ja nicht mehr ernst nehmen. Der «Schweizer Journalist» ist so runtergespart, dass er zu grossen Teilen Artikel aus und über Deutschland oder Österreich übernimmt. Und die Medienwoche röchelt seit ihrer Sommerpause schmalbrüstig mit Beiträgen vor sich hin, in denen viel Gesinnung, aber wenig Gehalt oder Handwerk stecken.

Als einzigen Einfall pflegt das Online-Magazin ein neues Gefäss mit dem Namen «The Good, The Bad and The Ugly» Das war und ist ein grossartiger Western, über den man stundenlang schwärmen könnte. Über die Umsetzung in der «Medienwoche» allerdings nicht. Wie man sich trauen kann, mit solchen Geschreibsel um Gönnerbeiträge zu betteln, traurig.

 

Oben ohne beim «Blick»

Das Seite-3-Girl ist zwar schon längst dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Aber vielleicht war es eine versteckte Reverenz an diese Tradition:

Oder vielleicht dachte sich der zuständige Produzent, bzw. der überarbeitete Online-Redaktor: Was Besseres fällt mir da auch nicht ein.

 

Corona muss sein

Es kratzt schon im Hals, hängt zum Hals raus, aber was wollen die Medien machen, als weiter am Virus lutschen. Wir brauchen mehr Sidelines, fordern die noch existierenden Chefredaktoren, nicht immer Fallzahlen, nicht immer Impfung, nicht immer «Trump hat versagt».

Und die letzten real existierenden Redaktoren liefern. «Corona-Konkurse in Zürich: Er muss jeden Tag eine Firma bestatten» (hinter Bezahlschranke). Eine geradezu ideale Personalisierung eines abstrakten Themas, lobt da sicher der Chefredaktor. Weihnachtlich gestimmt schweift hingegen der «Blick» in die Ferne: «Das Wunder von Madrid».

Muss jemand selig oder gar heilig gesprochen werden? Nicht direkt: «Nirgends sinken die Corona-Zahlen schneller – trotz voller Parks und Restaurants». Aber von der Ferne vermeldet der «Blick» schlechte Nachrichten: «Nachbarn schauen besorgt in die Schweiz». Und was entdecken sie da in der Schweiz? Viele Tunnel.

Wir schwingen uns in die Höhe, wo die NZZ den Blick für das Wesentliche behält: «Corona-Lockdown: Economiesuisse stellt sich gegen die Wissenschafts-Task-Force und fordert mehr Verhältnismässigkeit». Denn: Hörte der Bundesrat auf diese Wissenschaftler, dann «sollte er noch diese Woche dem liberalen Weg der Schweiz ein Ende bereiten». Und wo ein liberaler Weg zu Ende ist, da steht die NZZ und fordert weiterschreiten.

Über diesen Aufmacher online stellt die NZZ ein Symbolbild, das den konservativen Kräften in der Redaktion Auftrieb geben sollte. Sie fanden es schon von Anfang an falsch, auf der Frontseite so etwas Neumodisches wie Fotos zu bringen.

Und von oben noch nach unten, zu «watson» Was bietet das Millionengrab? Richtig geraten, Listicals, was denn sonst. «Sieben Tipps, damit du beim Jassen endlich besser wirst». Und damit «du» das dann auch mal ohne Gesichtsmaske und mit mehr als einer anderen Familie spielen kannst: «Diese vier Impfstoff-Kandidaten könnten das Coronavirus am schnellsten besiegen». Tun sie das nicht: wir haben «könnten» geschrieben, he, he.

Aber es gibt auch dann noch Auswege. Passgenau neben dieser grandiosen Eigenleistung steht eine Werbung von Swisscom: «Jasse jetzt mit deinen Freunden und Familie – über Video». Nicht nur mit dem kumpelhaften du hat sich der Staatsbetrieb dem Niveau von «watson» angeschlossen. Auch mit der Grammatik hat er’s nicht so.

 

Die ganze Welt

Die Schweiz ist zwar der Nabel der Welt, Jassen ist ein unverzichtbarer Volkssport, aber war denn sonst noch was los? Auch hier von unten nach oben.

«11 Dinge, die du bisher nicht über «Kevin – Allein zu Haus» wusstest.» Aber vielleicht, trotz «watson», auch gar nicht wissen willst.

Was hält denn CH Media für berichtenswert? Ein literarisches Jahrhundertereignis: «Barack Obama hat sein lang erwartetes Buch endlich geschrieben.» Nun hat der arme Redaktor natürlich noch keine Zeit gefunden, den «768-Seiten-Wälzer» zu lesen. Aber News ist News, also kann er es ja nicht bei dieser Ankündigung  belassen. Sondern füllt die Spalten mit Geraune, was Obama noch alles werden könnte, wollte, sollte. Und was nicht, zum Beispiel Vizepräsident. Aber Minister schon. Oder Richter. Oder was auch immer, und puh, ich habe fertig.

Ganz andere Prioritäten setzt natürlich die NZZ. «Der Brexit weckt in Belfast die Geister der Vergangenheit». Wir erinnern uns schemenhaft, da war doch mal was. Völlig auf dem Laufenden ist das Blatt auch in Lateinamerika: «Peru hat einen neuen Übergangspräsidenten». Das ist gar nicht so einfach, denn im Gegensatz zu den USA wechseln hier die Präsidenten eigentlich fast täglich. Zuerst wird der gewählte Präsident per Misstrauensantrag aus dem Amt gejagt.

Dann wird sein Nachfolger durch Druck von der Strasse abserviert. Und jetzt probiert es Peru mit dem dritten. Daran könnten sich doch die USA ein Beispiel nehmen, aber das schreibt die NZZ natürlich nicht.

Medien ohne Kritik

Es gäbe schon einige Gründe, die Medien kritisch zu begleiten. Nur: Wo denn?

Der Konzentration aufs Wesentliche ist bei der NZZ die Medienseite zum Opfer gefallen. Was nach dem nicht ganz friedfertigen Abgang des langjährigen Medienredaktors Rainer Stadler nicht wirklich überraschen konnte.

Dass nicht sattelfeste NZZ-Journalisten dann auch noch eine die alte Tante immer furchtbar schmerzende Entschuldigung verursachten, indem sie wider besseres Wissen behaupteten, bei «20 Minuten» denke man ernsthaft über die Einstellung der Print-Ausgabe nach, beschleunigte das Ende zusätzlich.

Aber immerhin, bis letztes Wochenende gab es eine Medienseite in der NZZ. Denn man ist ja bescheiden geworden. Tamedia und CH Media haben sich schon lange von dieser Form der Selbstkritik oder der kritischen Begleitung des Medienalltags verabschiedet.

Einer dreht noch seine Runden

In der «Weltwoche» dreht Kurt W. Zimmermann seit Jahren zuverlässig seine Runden und sorgt mit seinem Erfahrungsschatz, seiner Vernetzung und seinem ungebrochenen Mut zu Prognosen für eine nicht umfassende, aber immerhin wöchentliche Mediensicht.

Aber sonst? Persoenlich.com tritt man sicher nicht zu nahe, wenn man konstatiert, dass sich dessen kritische Medienbetrachtung auf der Ebene Globuli abspielt. Soll angeblich was drin sein, aber ist so verdünnt, dass man nichts merkt. Dann gibt es noch 18 Seiten «Edito», dem man den grössten Gefallen tut, wenn man mildtätig den Mantel des Schweigens drüberbreitet.

Schliesslich gibt es die «Medienwoche», auch stark gerupft durch Corona. Ausser Nick Lüthi, immerhin ein alter Hase, schreiben hier nurmehr Leicht- und Fliegengewichte realitätsferne Ergüsse. Und den «Schweizer Journalist», der vor 15 Jahren antrat, mit seinem munteren Chefredaktor Markus Wiegand schnell zur Pflichtlektüre wurde, von Zimmermann mit Lust an der Provokation weitergeführt und schliesslich von David Sieber zu Grabe getragen wird.

Sinnvolle Sparmassnahme

Natürlich ist es nicht nur dessen Schuld, aber wer sich nicht dringend über die nordfriesische Medienszene, Betrachtungen aus Deutschland und Österreich interessiert, während die Eigenrecherche auf null krankgeschrumpft wurde und eine Kür von irgendwer «des Jahres» mit ganzen 150 Abstimmenden durchgeführt wird, kann sich die happigen 15 Franken problemlos sparen.

War’s das? Das war’s. Natürlich, glücklicherweise gibt es ZACKBUM.ch, hätten wir glatt vergessen zu erwähnen. Aber auch hier gibt es ein Problem. Stadler hat gerade die Fortsetzung seiner Tätigkeit auf «Infosperber» angekündigt. In einem 40-Prozent-Pensum will er auf dieser Randgruppen-Plattform weiterschreiben. Wo sich Pensionäre und Autoren mit Schreibstau ein Stelldichein geben.

Das Problem ist aber, dass es kaum Journalisten gibt, die sich zu Medienfragen äussern wollen, erst recht nicht kritisch. Bei den wenigen Arbeitgebern, die es in der Schweiz im Journalismus noch gibt, will man es sich nur ungern mit einem Verlag oder dem SRF verscherzen. Denn wer weiss, ob man die nächste Sparrunde im eigenen Haus nicht überlebt und dann dringend Ersatz bräuchte.

Ja keine Kritik äussern

Kritik an der Einheitssauce der Zentralredaktionen, an den beiden Überchefredaktoren, am Versagen der Verlagsmanager, an journalistischen Fehlverhalten, am Qualitätsverlust, an der absurden Idee, für weniger Leistung mehr Geld zu verlangen: lieber nicht, das könnte ja jemand in den falschen Hals kriegen.

Menschlich verständlich; wer heute 50 aufwärts ist und in (noch) ungekündigter Stelle bei einem Medienhaus arbeitet, weiss, dass es bis zur Frühpensionierung noch zu lange hin ist; sollte der Blitz demnächst einschlagen, bleibt nur der Gang aufs RAV und das Schreckgespenst der Sozialhilfe.

Keine guten Voraussetzungen für eine mutige und kritische Debatte. Auch den Interessensvertretungen der Medienschaffenden fallen zwar jede Menge Forderungen und Kritikpunkte ein, konstruktive Vorschläge haben sie nicht zu bieten.

Kritikfähigkeit wäre ein Lernfach für Journalisten

Es ist ein alter Hut, dass es kaum empfindsamere Wesen als Journalisten gibt, wenn es um Kritikfähigkeit geht. Austeilen immer gerne, einstecken immer sehr ungern. Mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der journalistischen Zunft und den zunehmenden Existenzängsten nimmt die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, auch nicht zu.

Die Lage ist allerdings so kritisch, dass es mit sanftem Gesäusel nicht mehr getan ist. Sondern es braucht schon zack und bum. Denn wo, wenn nicht hier? Und wer, wenn nicht wir?

Wem’s nicht passt: her mit der Kritik. Wir sind so was von fähig, Kritik zu ertragen und zu publizieren, nach der Devise: wer austeilt, muss auch einstecken können. Aber trauen muss man sich halt.

 

Packungsbeilage: Der Autor hat in eigentlich allen erwähnten Organen schon publiziert; ausser im «Edito».