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Ex-Press XXIV

Blasen aus dem Mediensumpf.

Heute wollen wir uns den menschlichen Abgründen und Schreckensmeldungen widmen.

Zerrspiegel

Nachdem dem deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» sein Lieblings-Toyboy abhanden gekommen ist, das absurde Impeachment-Verfahren auch nur noch letzte Zuckungen hergibt, hat die Redaktion kurz, aber heftig nach einem neuen Feindbild gesucht. Und eines gefunden, bei dem der Nachschub kein Problem ist:

«Die düstere Welt enthemmter Männer. Feindbild Frau.»

Endlich mal wieder eine Titelstory, die einen echten Skandal aufdeckt: «Erst Hass, dann Mord: Der Onlinehetze gegen Frauen folgt tausendfach Gewalt im echten Leben. Behörden ignorieren das Problem, dabei sprechen Experten schon von Terror.»

Also nach der RAF, nach rechtem Terror, islamischem Terror der Männerterror. Muss ich als Mann nun damit rechnen, auf der Strasse putativ erschossen zu werden, obwohl ich gar keinen Sprengstoffgürtel trage? Meines Wissens auch selten bis nie enthemmt bin?

Nichts Gutes hat der «Spiegel» auch vom immer enthemmteren Virus zu vermelden: «Das Virus wird immer tödlicher», so das Titelzitat über einem Bericht aus Tschechien.

 

Damit erschreckt «Blick» die Leser

Das hier muss wohl ein Beitrag für die düstere Welt enthemmter Männer sein:

Gibt dem Wort Witwenschüttler eine neue Bedeutung: Schlittler und Beller.

Aber auch für enthemmte Skifahrer hat der Boulevard eine eiskalte Schreckensmeldung:

Wärme nur auf dem Klo. Aber wenn auch da was einfriert?

Kann man das noch toppen? Nichts ist unmöglich, sagt sich Flavia Schlittler:

 

Shiva als Untoter? Wusste er das vorher? Erschreckende Fragen.

 

 

Der verschleierte Tagi und die Grundrechte

Wie es sich für ein Qualitätsmedium gehört, erschreckt Tamedia seine Leser nicht mit schockierenden Nachrichten aus düsteren Welten oder aus dem Jenseits. Sondern der verzwergte Unter-Co-Chefredaktor warnt vor noch Schlimmerem: «Ein Angriff auf unsere Grundrechte», alarmiert er den wehrwilligen Staatsbürger mit einem Leid-, Pardon, Leitartikel.

Himmels willen, woher kommt der Feind, wogegen stellt Mario Stäuble ein mannhaftes «wehret den Anfängen»? Ob der Westentaschen-Kommentator wohl weiss, dass dieses Zitat Ovid als Warnung vor den Folgen des Sich-Verliebens formulierte? Wohl nicht, aber wogegen sollen wir uns nun wehren?

Gegen neue Beschneidungen unserer Freiheitsrechte wegen Corona? Kann nicht sein, das befürwortet Stäuble. Gegen schärfere Lockdowns? Schäuble ist dafür. Gegen drastischere Beschränkungen des öffentlichen Lebens? Stäuble schimpft regelmässig über fahrlässige und zögerliche Regierende. Gegen geöffnete Schulen? Schäuble mahnt und warnt.

Wer wagt den Angriff auf unsere Grundrechte?

Ja wer greift denn nun unsere Grundrechte an? Ach, jeder, der «Ja zum Verhüllungsverbot» sagt, greift diese Rechte an. Wahnsinn. Wird die Initiative angenommen, hat also eine Mehrheit unsere Grundrechte ramponiert. Zerstört. Zumindest erfolgreich angegriffen. Wie denn das?

Nun, Stäuble zeigt in zwei Schritten exemplarisch, dass er weder von Logik noch von Freiheitsrechten die geringste Ahnung hat. Abteilung Logik: «Nikab und Burka sind im Vergleich zum Spannungsfeld, das sich zwischen der Schweiz und ihrer muslimischen Bevölkerung auftut, schlicht kein nennenswertes Problem.» Das sei der erste Grund, diesen Angriff abzuwehren. Das ist noch gar nichts gegen das Spannungsfeld zwischen Stäuble und verständlichem Argumentieren.

Wo es einen ersten Grund gibt, hat’s noch mehr. Salbungsvoll zitiert Stäuble «unsere Verfassung» dieses «Basisdokument unserer Demokratie». Man ist froh, dass Schäuble im Tagi eigentlich nichts zu sagen hat. Das ist das Basisdokument unserer Gesellschaftsordnung, in dem unter anderem festgelegt ist, wie eine Initiative eingereicht werden kann und wann sie angenommen ist. Aber macht nix, es geht noch schlimmer:

«Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist eines dieser Grundrechte, sie ermöglicht es jeder Person, ihre Religiosität frei zu bekennen.»

Nein, Stäuble, nein. Welche geistige Wüste erhebt sich hier bis zum Horizont. Keine Freiheit ist absolut. Niemals. Ausgeschlossen. Absolute Freiheit wäre absolute Willkür, Faustrecht, die Aufgabe der Grundlage der Zivilisation. Freiheiten haben Grenzen. Sie hören zum Beispiel dort auf, wo die Freiheit des nächsten beschnitten würde. Wie und wo diese Grenzen gesetzt werden, bestimmt zum Beispiel in islamischen Staaten die Religion.

Was qualifiziert diesen Mann zum Journalisten?

In zivilisierten Staaten wie der Schweiz bestimmt das der Souverän. Wenn meine freie Religionsausübung von mir verlangen würde, jedem zweiten Passanten eine Kopfnuss zu verpassen, dann müsste man mir das leider verbieten. Wenn eine Religionsausübung verlangt, dass sich alle Frauen mittelalterlich zu verhüllen haben, weil sie sonst der enthemmten und düsteren Welt männlicher Gelüste ausgesetzt wären, Aufforderungen zur Respektierung einheimischer Bräuche und Traditionen nichts fruchten, dann muss das natürlich verboten werden.

 

Das Leben ist voller Risiken

Diesem altbekannten Motto lebt CH Media nach. Hätten Sie’s gewusst? Es gibt auch «Risikoholz», von dem «Forstarbeiter 300 Kubikmeter entfernen» mussten. Warum, weil Schneemassen oder klirrende Kälte die Bäume an ihre Grenzen treiben? Aber nein, wegen «Klimawandel», also der Erderwärmung. Schon eine harmlose Titelsetzung birgt das Risiko, sich mit einem schiefen Sprachbild lächerlich zu machen:

«Der Palmölsturm im Wasserglas».

Überhaupt kein Wasserglas stand bereit, als es in den USA ganz, ganz eng wurde: «So knapp entging Amerika beim Sturm auf das Kapitol einer Katastrophe». Worin hätte die bestanden? Nun, sowohl Vizepräsident Mike Pence wie auch Mitt Romney, gescheiterter Präsidentschaftskandidat und Trump-Kritiker, wären «fast dem Pöbel in die Hand gefallen». Anschliessend wären die USA zusammengebrochen, aber es ging nochmal gut.

Was allerdings die Karibik und Lateinamerika davon halten, dass «Amerika» einer Katastrophe entgangen sei? Sogar auf Kuba gibt es, aus vorrevolutionären Zeiten, eine fast identische Kopie des Kapitols, in diversen anderen amerikanischen Ländern auch. Die haben es gar nicht gerne, wenn Amerika gleichbedeutend mit USA verwendet wird.

 

Nicht die Nachricht ist hier die Katastrophe

Ich weiss, das tut nicht gut, aber wenn von Katastrophen die Rede ist, muss die grösste im Schweizer Journalismus erwähnt werden. Nein, das ist nicht «watson». Zwar auch schlimm, aber solange das die Familie Wanner aus dem eigenen Geldspeicher zahlt … Richtig geraten, dann bleibt ja nur noch ein Organ. Das offeriert an einem frostigen Samstag eiskalt drei Beiträge. Also genau genommen vier, aber einer beschreibt auf 7500 Anschlägen nur die anderen drei. Wie es halt so Brauch ist bei der «Republik».

Einer ist erfreulich kurz; eine Bildbetrachtung. Eine Frau schreibt über Frauenkunst, die unter dem Titel steht: «Is that a Banana in your pocket …» «Das ist keine Banane», überschreibt die «Republik» den Schüleraufsatz. Doppelte Katastrophe. «Is that a gun in your pocket or are you just happy to see me», so lautet das unsterbliche Zitat von Mae West; aus Zeiten, als Anzüglichkeiten noch Spass machten und keinen Ärger.

«Das ist keine Pfeife» lautet hingegen der berühmte Titel eines Abbildes einer Pfeife von Magritte. Was der in diesen Niederungen der Kunst zu suchen hat, bleibt ebenfalls schleierhaft.

Mit immerhin 15’000 Buchstaben erfreut der dritte Teil der «Serie Frauenstimmen» den Leser. Dazu kann ich nichts sagen; als ich sah, dass der Autor ein Mann ist, habe ich aus Solidarität mit Frauenstimmen aufgehört zu lesen.

Ein echter Scherzkeks, dieser Binswanger

Aber eine Katastrophe kommt bei der «Republik» nie allein. Abgehärtete Leser ahnen es schon: Schreiblocke Daniel Binswanger hat einen seiner gefürchteten Kommentare geschrieben. Die einzig gute Nachricht: nach 7712 Anschlägen ist die Qual vorbei. Auch der Feuilletonist bedient sich aus dem Fundus von x-mal durchgenudelten Titeln: «Es geschah am helllichten Tag». Armer Friedrich Dürrenmatt, armer Ladislajo Vajda. Wer die waren? Ach, googeln hilft.

Strichzeichnung: So sieht Binswanger ohne Hauptlocke aus (Screenshot «Republik»).

Aber zurück zur Binswanger-Katastrophe. Er kolumniert also über das zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Trump. Nein, in Wirklichkeit will er den Leser in den Wahnsinn treiben. Als wäre es nicht ein Film von Vajda, sondern vom Surrealisten Buñuel (nur googeln, Binswanger). Es gibt keine Wirklichkeit in dieser Kolumne, nur zersplitternde Widersprüchlichkeiten, Absurditäten und Nonsense. Aber leider auch keine Kunst.

«Selten hatte ich so intensiv das Gefühl, Geschichte zu erleben, während sie geschrieben wird»,

berichtet Binswanger von seiner emotionalen Lage, während er vor der Glotze sass und das «erschütternde Erlebnis» des Impeachments im US-Senat miterlitt. Im Senat wird allerdings wenn schon Geschichte gesprochen, aber sei’s drum.

Binswanger und der historische Moment, richtig betrachtet

Sind wir also bei einem dieser vielen Momente, die die Journaille gerne als «historisch» bezeichnet, «geschichtlich», «vom Mantel der Geschichte umweht» oder was ihr als Flachsinn sonst noch einfällt? Nun ja, Binswanger schwächt gleich ab, dass das «nicht eigentlich» damit zu tun habe, «dass der Prozess eine so grosse Bedeutung hätte». Also doch kein historisch erschütterter Kolumnist? «Dem vermutlich ohnehin scheiternden Impeachment kann man eine epochale Bedeutung im Grunde absprechen.»

Wenn es noch Leser gibt, die nicht verwirrt den Kopf schütteln, kann Binswanger noch einen drauflegen: «Wenn die Anzahl der Opfer ein Massstab für die Relevanz einer historischen Katastrophe sein soll, kann man den Kapitol-Sturm bestimmt nicht zu den grossen Tragödien zählen.»

So gesehen war der Untergang der «Titanic» tatsächlich eine viel historischere Katastrophe. Aber wieso erbebt Binswanger, ohne Rücksicht auf seine Schmachtlocke zu nehmen? Einfach, Du Trottelleser, ein Feuilletonist hat immer einen tieferen Gedanken im Köcher, erspürt «grosse, geschichtliche Bruchstellen», wo wir Durchschnittsblödis nur ein amüsantes Politspektakel sehen:

«Der Lack der Zivilisation ist nicht mehr als eine hauchdünne Glasur.»

Wir klettern erschöpft aus diesem tiefen Krater der Erkenntnis, den Binswanger mit diesen originellen, noch nie formulierten Worten geschaffen hat. Aber wieso ist ein rabaukiger, inzwischen vom Atombombenköfferchen entfernter Ex-Präsident und der Versuch von Abschaum, ins Kapitol einzudringen, dafür ein Beleg?

Wenn der Lack ab ist wie bei Hitler oder Stalin

Kein Problem für Binswanger, der zieht einen kühnen Bogen – Überrraschung – zu Nazismus und Stalinismus. Natürlich sei das mit dem Kapitol dagegen nur eine Fussnote. Aber: Was in Washington geschieht, könne auch in Berlin geschehen. Oder in Bern.

Also, Deutsche und Eidgenossen: aufgepasst! In Berlin schaffte es der Mob immerhin schon, die Treppe des Reichstags zu erklimmen. In Bern besetzte der Mob ungestört bereits den Bundesplatz. Aber ob Binswanger diese Beispiele gemeint hat?

Nach diesen erschütternden Erkenntnissen kündet der Kolumnist an: «Im Wesentlichen sehe ich vorderhand drei Lektionen.» Ich gestehe: hier brach ich die Lektüre ab. Ich bin wirklich hart im Nehmen, aber Lektionen von diesem Flachkopf? Niemals.

«Tagi»: Kann Amstutz Chefredaktorin?

Dass ein «Tagi»-Chefredaktor der Leserschaft ein Betty-Bossi-Rezept mitteilt, hat es leider noch nie gegeben. Erst mit Priska Amstutz sollte sich das ändern. Die Chefredaktorin empfiehlt ihren Leserinnen und Lesern nämlich ein leckeres Rezept von ihrem «Grossmüeti Amstutz». Es handelt sich um «Dattel-Schümli» mit 75 g Bio-Medjoul-Datteln. «Ich habe dunkle Valrhona 68% im Wasserbad verflüssigt und in einen kleinen Spritzsack mit einer Mini-Tülle gefüllt.»

Priska Amstutz leitet seit Juli 2020 gemeinsam mit Mario Stäuble die Chefredaktion. Früher hat sie bei der «Annabelle», «Bolero», «Style» und «elsewhere by Kuoni» geschrieben.

Schümli-Alarm

Ihr bisher bekanntester Text im «Tagi» erschien am 9. November 2020. Die Chefredaktorin schrieb damals über Kamala Harris; die erste Vize-Präsidentin der USA. Für Amstutz ist Harris bereits eine «Ikone». Während des unschönen Wahlkampfs sagte Harris einmal: «I am speaking». Das hat Priska Amstutz anscheinend ziemlich durchgeschüttelt. Sie attestiert dem Satz «globale Strahlkraft». Was geht wohl durch Amstutz, wenn Harris dereinst ihren Amtseid ablegen wird? Ein globaler Schümli-Strahlenalarm?

Im «Doppelpunkt» vom 8. November hatte Oberchefredaktor Arthur Rutishauser die Gründe so erklärt, warum Priska Amstutz in die Chefetage ernannt wurde:

Für eine Zeitung, die auch online gelesen wird, musst du eine weibliche Leserschaft ansprechen. Und das macht sie (Amstutz) mit ihren Themen. Das ist eindeutig so!

Priska Amstutz wurde also für die Frauen eingestellt. Eine härtere Kritik ist schwer vorstellbar. Amstutz teilt diese Ansicht nicht. Auf Anfrage von Zackbum.ch schreibt sie: «Eine weibliche Perspektive einzubringen ist nötig und in meinen Augen eine sehr relevante Aufgabe. Es ist aber auch nur eine von vielen Aufgaben, niemand reduziert mich auf diesen Aspekt.»

 Im gleichen Interview zählt Rutishauser auch auf, was «Tagi»-Leserinnen gerne lesen: «Erziehung, Kultur und Gesellschaft». Dafür reicht eigentlich die «Annabelle». Und das Rezept von «Grossmüeti Amstutz» befindet sich in der «Betty Bossi». Von 1978.

Keiner zu klein, Chefkommentator zu sein

Mario who? Also bitte, Mario Stäuble ist Tagi-Co-Chefredaktor. Aber leider nicht Bundesrat.

Mario who Stäuble darf endlich seine Leidenschaft ausleben. Denn dank seiner neuen Position traut sich keiner, ihn vor sich selbst zu schützen. Also kommentiert er wie wild vor sich hin. Kein Thema zu klein, um nicht seiner Ratschläge, Zurechtweisungen, Kritiken zu bedürfen.

Alleine in den letzten sechs Monaten gehen sie in die vielen Dutzende. Da kennt er kein Pardon: «Eine kapitale Peinlichkeit» sei die Entstehungsgeschichte des Forscher-Campus in Dübendorf. «So geht man nicht mit Genossenschaftern um», rügt er streng die Genossenschaft Sunnige Hof.

Aber sein Lieblingskommentarthema ist natürlich, Überraschung, die Pandemie. Da erweckt er den Eindruck, dass er gar nicht weiss, wo und bei wem er mit seinen Ratschlägen, Anweisungen, Urteilen, Forderungen anfangen soll.

Stäuble kann auch nicht gleichzeitig überall sein

Schon Ende Juni wusste Stäuble: «Die Clubs sollen schliessen und nachbessern.» Bereits eine Woche später war er sicher: «So funktioniert das mit der Quarantäne nicht.» Am 24. September warnte er streng: «Zürich darf nicht nachlassen» bei der Corona-Abwehr. Am 15. Oktober war er bereits leicht verzweifelt: «Zürcher Regierung verschläft die zweite Welle.»

Am 19. Oktober musste dann der Bundesrat gerüffelt werden. Seine Massnahmen seien ungenügend, «um die Corona-Kurve zum Abflachen zu bringen». Lassen wir das mal sprachlich durchgehen, denn wir sind ja nicht Stäuble, der nassforsch fortfährt, dass der Bundesrat dann schnell zugeben müsse: «Der Spagat funktioniert nicht. Wir müssen verschärfen.» Man beachte den Pluralis Majestatis (kann man googeln). Oder aber, Stäuble sieht sich schon insgeheim als achter Bundesrat.

Hinter den Kommentaren versteckt sich ein grosses Leid

Aber das grosse Leid von Stäuble ist, dass einfach keiner auf ihn hören will. Obwohl er doch unablässig mahnt, warnt, mit dem Zeigefinger wackelt. «Zürich macht viel zu wenig, viel zu spät», wechselt er schon am 23. Oktober wieder das Angriffsziel. Dann muss er erschöpft eine Pause eingelegt haben, aber am 4. Dezember ist er wieder voll auf der Höhe der Rechthaberei: «So schwindet das Vertrauen in den Schweizer Weg.»

Aber nicht das Vertrauen Stäubles in seine Fähigkeiten als Weg- und Zurechtweiser. Am 8. Dezember schliesslich übertrifft er sich selbst. Er haut gleich zwei Kommentare raus. Um 17 Uhr eine erste Watsche für die Zürcher Regierung: «Die Standpauke aus Bern war nötig.» Das hat Seltenheitswert; der Co-Chef des Tagi lobt Bern und brät Zürich eine über. Aber er hat nachgeladen; um 21.13 greift er nochmals ins Weltgeschehen ein: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab.»

Was für ein «Gstürm»? Nun, damit meint Stäuble den Föderalismus, den man wohl zusammen mit dem Ständemehr auch gleich abschaffen sollte. Denn endlich soll das «föderalistische Corona-Wirrwarr» mit einem Machtwort aus Bern beendet werden. Allerdings: obwohl der Bund nun die Kontrolle übernehme, sei «der Schaden längst angerichtet».

Ein brutal klingender Schritt vorwärts

Aber jetzt endlich: Sperrstunde für Läden und Gastro ab 19 Uhr, Kulturleben noch mehr lahmlegen. Restaurants ganz schliessen, wenn die Fallzahlen nicht sinken. Da kann Stäuble keine Rücksichten nehmen: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. Für den brutal wäre, wenn er keine Geschäftsspesen mehr machen dürfte. «Jetzt müssen landesweite Entscheide her», weiss er.

Die Welt, zumindest die Schweiz, wäre eine viel bessere. Wenn sie nur endlich ein Einsehen hätte und auf Stäuble hören würde. Statt sich bei dieser Kommentarflut zu fragen, was ein Tagi-Co-Chefredaktor eigentlich sonst zu tun hat.

Eine neue Kassandra ist unter uns

Man muss sich dieses tragische Schicksal vor Augen führen: eine moderne und männliche Kassandra, sieht das Unheil voraus, warnt, zeigt sogar Lösungen auf, weiss immer, wer was falsch macht – und wie man’s besser machen könnte.

Aber wie Kassandra, der Gott Apollon die Gabe der Weissagung gab, dann aber auf sie sauer wurde, als sie sich nicht verführen liess, und sie damit bestrafte, dass niemand ihren richtigen Vorhersagen glauben werde, ist auch Stäuble mit diesem Schicksal geschlagen. Er weiss es, er weiss es besser, er sieht’s kommen – aber nichts, keine Reaktion, kein Innehalten, keine Umkehr der Regierenden auf ihren Irrwegen.

Wir wissen Trost

Das schlaucht ganz schön. Aber voller Mitgefühl können wir Trost spenden: Weil keiner auf ihn hört, kann er völlig haftungs- und verantwortungsfrei seine Weisheiten verkünden, seine Forderungen raustrompeten. Er wird nie in der peinlichen Situation sein, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man auf sein Gequatsche gehört hätte. So gesehen sind doch alle besser dran.

Expertokratie in den Medien

Experten warnen, drängeln und fordern. Journalisten ebenso.

Die Medien transportieren zu ihrem Lieblingsthema aktuell eine ganze Ladung von professoralem Geschimpfe.

«Sinnloses Zuwarten», sagt Christian Althaus zum Entscheid des Bundesrats, mit drakonischen Massnahmen noch bis nächsten Mittwoch zuzuwarten. Althaus ist Mitglied der Scientific Covid-19 Taskforce, direkt dem Bundesrat unterstellt.

Was Althaus nicht sagt: Er prognostizierte am Anfang der Epidemie bis zu 100’000 Tote in der Schweiz.«Could this situation have been prevented», twittert ein ehemaliges Taskforce-Mitglied in der Schweizer Umgangssprache Englisch. Matthias Egger verweist dabei im Gestus der beleidigten Leberwurst auf frühere «recommendations». Nach der Devise: nicht auf uns gehört, selber schuld.

Der Berner Epidemiologe ist «frustiert», weil man auf ihn nicht gehört habe. Dass er erschöpft nach wenigen Monaten das Handtuch als Chef dieser Taskforce warf, das sagt er nicht.

Fachidioten finden ungefiltert Eingang in die Qualitätsmedien

Althaus, der es wohl immer noch nicht verwunden hat, den Zweikampf um den am häufigsten auftretenden Wissenschaftler gegen Marcel Salathé verloren zu haben, legt noch einen drauf. Da will doch tatsächlich Bundesrätin Keller-Sutter wissen, welche Kosten die einzelnen Lockdown-Varianten verursachen würden. «Ähm, hätte der Bundesrat nicht sechs Monate Zeit, um diese Rechnungen anzustellen», fragt Althaus spitz.

All dieses Gewäffel findet ungefiltert Eingang in die heiligen Hallen der Qualitätsmedien, also von Tamedia und CH Media. Fachidioten ohne die geringste Ahnung von Ökonomie haben den Nerv, weiter strenge Massnahmen gegen Wirtschaft und Gesellschaft zu fordern. Was sie stattdessen in den vergangenen sechs Monaten alles hätten tun sollen, aber nicht wollten oder konnten, geht dabei auf keine Kuhhaut. Geht da noch einer? Aber immer.

Wenn ein Chefredaktor die Regierung in den Senkel stellt

Schliesslich möchte der neue Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeiger» mittels eines Kommentars (hinter Bezahlschranke) der Zürcher Regierung mal so richtig den Marsch blasen, diesen Pfeifen.

Mario Stäuble tritt fulminant den Beweis dafür an, dass ein bösartiger Spruch über Journalisten weiterhin gültig ist: zu allem eine Meinung, von nichts eine Ahnung. «Zürich macht viel zu wenig, viel zu spät», poltert er schon im Titel. «Fatales Signal», die Zürcher Regierung nehme «ihre Führungsrolle nicht wahr», «nicht im Stande», «andere Kantone machen vor, was zu tun wäre».

Am Schluss steigert er sich zum Crescendo und entlarvt noch den wahren Grund für die Lahmarschigkeit der Kantonsregierung: «Sollte die Zürcher Regierung aus Rücksicht auf die Wirtschaft darauf verzichten, das zu tun, was für die Spitäler, die besonders gefährdeten Menschen und für uns alle nötig ist, dann irrt er.»

Geballte Fachkompetenz, getragen von Verantwortungsethik

Wer sich fragt, wen er mit dem «er» meint: Habt Nachsicht, seit es faktisch kein Korrektorat mehr gibt … Stäuble meint damit leider nicht sich selbst, sondern die Regierung. Denn es sei doch völlig klar, «dass die ökonomischen Schäden dann am geringsten sind, wenn die Politik früh, entschieden, klar und für alle nachvollziehbar die Corona-Bremse zieht».

Wir sind beeindruckt von so viel geballter Fachkompetenz. Hier spricht ein Epidemiologe, ein Ökonom und auch ein Ethiker. Allerdings kein Verantwortungsethiker, denn für sein dummes Gequatsche und seine untauglichen Forderungen muss Stäuble im Gegensatz zur Kantonsregierung keinerlei Verantwortung übernehmen.

Aber nachdem er sie nach Strich und Faden niedergemacht hat, was soll denn nun mit dieser Ansammlung von verantwortungslosen Zauderern geschehen? Kollektiver Rücktritt? Öffentliche Entschuldigung an Stäuble? Wird er da Gnade vor Recht ergehen lassen, bekommen sie vielleicht wenigstens eine zweite Chance?

Zürcher «Tages-Anzeiger» fordert: Bern muss übernehmen

Nein, da ist der ehemalige Jus-Student gnadenlos: «Die Kantonsregierung ist nicht fähig, in Eigenregie den Anstieg der Infektionen zu brechen. Bern muss übernehmen.» Hier betritt der Naseweiss mutig absolutes Neuland. Es dürfte das erste Mal sein, dass eine Führungskraft des «Tages-Anzeiger» fordert, dass die Bundesregierung zu Bern gefälligst die Vormundschaft über den Kanton Zürich übernehmen soll.

Ob mit oder ohne Waffengewalt, dass lässt Stäuble offen. Um mit seinen Massstäben zu messen: Wie lange sich Stäuble so noch zuoberst bei der Schrumpf-Redaktion des Tagi halten kann, ist die naheliegende Frage. Die Prognose sei gewagt: weniger lang als die Zürcher Kantonsregierung föderalistisch so weiterregiert, wie sie es für richtig hält.

Die grosse Chance für Stäuble könnte allerdings darin bestehen, dass man ihn weder als Chefredaktor noch als Kommentator wirklich ernst nimmt, und daher seine Einsparung nicht als dringlich auf die Agenda gesetzt wird. Denn wen kümmert’s schon, was er kommentiert, kritisiert oder fordert. Da zuckt sogar das Virus gleichgültig mit den Schultern.