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Frauenprotest: der Rest ist Schweigen

Anonyme Anklagen: grosses Kino. Antworten auf Fragen: Mäusekino.

Das Protestschreiben der 78 Tamedia-Frauen ist an die «lieben Mitglieder» der Geschäftsleitung und der Chefredaktion gerichtet. Es ist voller anonymer Anschuldigungen und Pauschalierungen.

Es kommt auch nicht als Medienmitteilung daher, zum Beispiel fehlt eine Kontaktperson für Anfragen. Leider mochte keine einzige der um Stellungnahme gebetenen 78 Unterzeichner die Frage beantworten, ob die Publikation dieses Briefs mit ihrem Einverständnis erfolgte.

Frühes Beispiel eines Mäusekinos.

Diese Arbeit übernahm Jolanda Spiess-Hegglin; bekannt in eigener Sache aus Funk und Fernsehen und Begründerin von «netzcourage». Denn den Tamedia-Mitarbeiterinnen war klar, dass eine Veröffentlichung direkt von ihnen sich endgültig in die Todeszone einer fristlosen Entlassung bewegen würde.

Im ersten Anlauf klappte es nicht wirklich:

Schämt sich nicht: Jolanda Spiess-Hegglin.

 

Im zweiten Anlauf gab es dann ein kitzliges Problem:

Nachteile ohne Rücksprache? Macht nix, nur melden.

Leider wollte sich die sonst alles vertwitternde Spiess-Hegglin nicht zur Anfrage äussern, mit wem sie denn nun «Rücksprache» genommen habe – und von wem sie kontaktiert wurde.

Gehen alle Tamedia-Frauen täglich durch die Hölle?

Die 78 Frauen erwecken den Eindruck, dass sie mit ihrer Beschreibung von den Zuständen bei Tamedia das Erleben von allen Frauen schildern würden, und die «von Männern geprägte Betriebskultur» müsste für Frauen die Hölle sein:

«Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert. Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt.»

Als «Belege» dafür werden 61 anonymisierte und daher nicht verifizierbare «Beispiele» angeführt, wie vielfältig Frauen bei Tamedia zu leiden hätten. Zumindest in einem Fall ist das aber möglich. Denn leider wollte auch niemand Auskunft geben, wie viele Beispiele jeweils von den unterzeichnenden Frauen beigesteuert wurden.

«Jüngstes Beispiel: Die Berichterstattung über das 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts wurde wiederholt als «zu viel», «uninteressant» oder «no news» abgetan. Ein Beitrag wurde als «so anspruchslos wie ein Telefonbuch» herabgewürdigt.»

Wurde er das? Nein, das wurde er nicht. Der Vergleich mit einem Telefonbuch wurde von einem Kolporteur aus dem Abfall von Entwürfen ausgegraben und eilfertig weitergereicht. Leider war auch dieser Herr nicht bereit, auf eine entsprechende Anfrage zu antworten.

Schweigen oder Zustimmung?

Also gibt es, neben all den Journalistinnen, die nicht unterzeichnet haben, keine Gegenstimmen? Grosse Themensetterinnen wie beispielsweise Bettina Weber haben zwar nicht unterschrieben, wollen das aber auch nicht begründen. Nur und einzig Michèle Binswanger wagt sich aus der Deckung.

Sonst niemand? Doch, zum Beispiel Marina Bräm:

Klare Distanzierung: Marina Bräm.

Bräm, als ehem. Head of Infographics schöpft aus ihrer jahrelangen Tätigkeit bei Tamedia und antwortet auch auf eine Anfrage, wo sie präzisiert: «Meine Kritik aus weiblicher Perspektive habe ich auf allen Ebenen offen an den Mann gebracht – egal welche Etage und ohne negative Konsequenzen – im Gegenteil. Wir haben uns nach Diskussionen immer auf einer kollegialen, freundschaftlichen und wertschätzenden Basis gefunden und dann im fairen Austausch neue Massstäbe gesetzt.»

Und was hält sie davon, dass der Brief via Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gelangte?

«Dazu haben die Unterzeichneten nicht alle eingewilligt und das dargestellte Bild widerspiegelt nicht die gesamte Erfahrungs- und Empfindungswelt der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiterinnen, die indirekt mit erwähnt werden.

Dieses Manöver» – via Drittperson an die Öffentlichkeit gelangen – «erachte ich aus mehreren Gründen als nicht ganz unproblematisch».

Aus dem letzten Satz kann man erahnen, wie sehr der Shitstorm gedampft hat, der sich über Bräm ergoss.

Wer hat das Protestschreiben verfasst?

Auch die sich auf diverse Indizien und diverse Bestätigungen – aber leider anonym – abstützende Vermutung, dass Gendersternchen Salome Müller sich neben Aleksandra Hiltmann als Autorin des Schreibens hervorgetan hat, liess sich leider nicht erhärten. Die beiden Damen haben sich zuoberst auf die sonst wild durcheinandergewürfelte Liste der Unterzeichneten gesetzt, und das Lieblingsthema von Müller kommt gleich zweimal bei den Beispielen vor.

Schliesslich haben diese beiden sich bei «10 vor 10» als Vertreterinnen aller Frauen aufgespielt. Bevor Müller dann in die Ferien abschwirrte und man aus der automatischen Antwort entnehmen kann, dass sie bis zur Rückkehr am 22. März Mails nicht beantwortet.

Es bleibt vorläufig das Erstaunen, dass bis hinauf zu VR-Präsident Pietro Supino mit «Betroffenheit» auf dieses Schreiben reagiert wird. Es wirft ein Schlaglicht auf die journalistische Kultur bei Tamedia, dass von allen ungeprüft vorausgesetzt wird, dass zumindest ein Teil der anonyme, unbewiesenen Beispiele und die Beschreibung des Betriebsklimas der Wahrheit entspräche.

Noch verwunderlicher ist, dass eine Mitunterzeichnerin – Claudia Blumer – offiziell damit beauftragt wird, den Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen zu überprüfen. Das ist hanebüchen, absurd. Das ist so hirnrissig, wie wenn der Demonstrant damit beauftragt würde, den ordentlichen Ablauf der Demonstration zu untersuchen und herauszufinden, ob es nun stimme oder nicht, dass schon wieder Schaufensterscheiben eingeworfen und Wände beschmiert wurden.

Ein Beifang für alle 78 Unterzeichner ist hingegen fast genial zu nennen: sie sind nun eine ganze Zeitlang unkündbar …

Im Austeilen sind diese Kritikerinnen gross und mutig. Im Beantworten von Fragen sind sie klein und feige.